Sie sind hier: IF-HOME > Anwendungen > Wirtschaft  > Eine neue Ökonomie
DeutschEnglishFrancais
23.3.2017 : 9:09 : +0100

Eine neue Ökonomie

Michael Habecker

 

Männer und Frauen werden durch höhere Werte motiviert sein, was ihre wirtschaftlichen Bedürfnisse und die Wirtschaftstheorie drastisch verändern wird.
Ken Wilber, Halbzeit der Evolution

 

Vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Krisen und Verhältnisse insgesamt, in Europa und der ganzen Welt, gibt es viele Überlegungen für eine neue Ökonomie, als eine andere und bessere Art des miteinander Wirtschaftens.

Als zwei stellvertretende Beispiele werden hier die Gemeinwohlökonomie Christian Felbers und die Postwachstumsökonomie von Niko Paech kurz vorgestellt. (Eine ausführliche Diskussion beider findet sich in den Ausgaben 42 und 44 des Online Journals). Die integrale Landkarte dient uns dabei einmal mehr als eine allgemeine Orientierung.

Die Gemeinwohl-Ökonomie nimmt ihren Bezugspunkt bei den modernen und postmodernen gesellschaftlichen Werten (dem unteren linken Quadranten), wie sie in demokratischen Verfassungen niedergelegt sind. Diese kollektiven Werte sind, so Felber, im Wirtschaftsgeschehen jedoch bisher nicht umgesetzt:

„In unseren Freundschafts- und Alltagsbeziehungen geht es uns gut, wenn wir menschliche Werte leben: Vertrauensbildung, Ehrlichkeit, Wertschätzung, Respekt, Zuhören, Empathie, Kooperation, gegenseitige Hilfe und Teilen (21) … Die Mehrheit der Menschen wünscht sich Regeln, die auf konsensfähigen Grundwerten beruhen: Solidarität, Gerechtigkeit, Demokratie, Freiheit (für alle) … (177) Der wissenschaftlich nicht fundierte Sozialdarwinismus ist die heimliche Wirtschaftsreligion!“ (176)1

Demgegenüber nimmt die Postwachstumsökonomie ihren Ausgangspunkt in den gesellschaftlich-ökonomisch-ökologischen Systemen, von denen wir alle abhängen (der untere rechte Quadrant), und deren Überforderung durch unseren Lebensstil. Paech macht dabei, gestützt auf Zahlen, deutlich, dass unsere westliche Lebensart sowohl auf Kosten gegenwärtiger Generationen in den ärmeren Teilen der Welt geht, als auch auf Kosten zukünftiger Generationen gelebt wird. Gleichzeitig rechnet Paech überzeugend vor, dass durch technischen Fortschritt und „grünes Wachstum“ alleine die Situation nicht gelöst werden kann, sondern dass ein „Rückbau“ des wirtschaftlichen Geschehens unvermeidbar ist. Paech widerspricht damit dem „Fortschrittsmythos“ als einem in der politischen Praxis weitgehend unhinterfragten Glaubenssatz – praktisch alle etablierten Parteien setzen sich für ein Wirtschaftswachstum ein.

Christian Felber wie auch Niko Paech kommen dabei, bei unterschiedlichen Ausganspositionen, zu ganz ähnlichen Schlussfolgerungen: Unser derzeitiges (wirtschaftliches) Verhalten ist ruinös und rücksichtslos, sowohl in ethischer Hinsicht wie auch aus systemischer Sichtweise. Dabei legen sie eine Ethik zugrunde die als weltzentrisch betrachtet werden kann, weil sie die Interessen und Bedürfnisse aller Menschen und Wesen im Blick hat und nicht nur die Einzelinteressen einiger weniger oder einer bestimmten Gruppe. Diese weltzentrische Perspektive, das wird in beiden Ansätzen nicht explizit erwähnt, ist jedoch das Ergebnis eines langen (ethischen) Entwicklungsweges und stellt eine erst relativ junge menschliche Errungenschaft dar, die noch keineswegs selbstverständlich auf diesem Planeten ist. Zur Unterstützung dieser Argumentation wäre daher eine explizite Entwicklungsperspektive hilfreich.

Durch die Orientierung aus den unteren (kollektiven) Quadranten heraus, und einem impliziten Menschenbild als einem sozialen Wesen, wird die individuell-freiheitlich liberale Orientierung des Menschen (die oberen Quadranten) fast ausschließlich nur von ihren Schattenseiten her gesehen, als Rücksichtslosigkeit und Egoismus. Doch individuelle Freiheit ist ein hoher Wert, und auch Kollektivismen haben ihre Schattenseiten, weswegen eine integrale politische Orientierung sowohl individuelle Freiheit wie auch soziale Gerechtigkeit wie auch systemische Nachhaltigkeit betont. Natürlich liegt es Felber und Paech fern einen neuen Kollektivismus zu etablieren, und sie weisen auch auf die Bedeutung von Individualität hin. Dennoch denke ich, wäre es für die Akzeptanz beider Ansätze wichtig zu betonen, dass die als notwendig erachteten Einschränkungen individueller Freiheiten lediglich die Inanspruchnahme von Freiheiten auf Kosten anderer betreffen, und nicht gegen die Würde von Individualität und Freiheit generell gerichtet sind.

Sowohl die Gemeinwohl-Ökonomie sowie auch die Postwachstumsökonomie treffen auf ein zunehmendes öffentliches Interesse, was sehr erfreulich ist. Durch ganz praktische Instrumente wie die Gemeinwohlbilanz der Gemeinwohlökonomie werden endlich nicht nur Qualitäten in die betriebswirtschaftlichen Betrachtungen miteinbezogen, sondern auch Werte, als ein ganzheitlich-integrale Betrachtungsweise von wirtschaftlichem Geschehens.

(aus: integrale perspektiven Nr. 27)

 

1 Dabei beziehe ich mich auf das Buch Gemeinwohl-Ökonomie von Christian Felber, aktualisierte und erweiterte Neuausgabe 2012.