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20.11.2017 : 8:57 : +0100

Geld als zivilisatorische Chance und Initiative neue Geldordnung

Raimund Dietz
Impulsreferat am SERI – Projekt N21 5.10.201

 

Die Bürgergesellschaft muss endlich Kompetenz über eines ihrer zentralen Medien erlangen.

Geld wird schon seit Jahrtausenden mit dem Bösen assoziiert. Genauso wie das Mittelalter dem Menschen durch Geißelungen die Sexualität auszutreiben versuchte, so versucht die Philosophie seit Aristoteles Geld verächtlich zu machen. Besondere Geldfeinde waren Plato – von der Philosophie wurde gesagt, sie sei nur eine Fußnote zu Plato –, und natürlich Marx, der Geldfeind per se, der sich allerdings, als einer der wenigen Ökonomen, sehr mit dem Thema Geld auseinandersetzte. Das Beispiel von Marx zeigt im Übrigen: Wissen schützt vor Irrtum nicht.

Diese Austreibungstechniken funktionieren gar nicht. Im Mittelalter definierten sich Heilige durch sexuelle Enthaltsamkeit und durch Armut. Die Vorbildfigur war der Mönch. Die revolutionäre Bürgerschaft hoffte auf Erlösung vom Kapitalismus durch die Herrschaft des Proletariats – und die Eliminierung aller Formen, die die Bürgergesellschaft ausmachen: Tausch, Geld und Privateigentum. Dieser Ideologie wurden im 20. Jahrhundert, in welchem sich die Geldwirtschaft weltweit durchsetzte, mehr als 100 Millionen Menschen geopfert.

Der Mainstream ist zwar nicht gerade geldfeindlich eingestellt, aber er ist „geldvergessen“. Er baut Modelle ohne Geld, erklärt es für neutral, und hat keine Ahnung von seiner Wirkungsmächtigkeit.

Wie werden wir „heil“? Indem wir abwehren, was wir sind? Nein, indem wir akzeptieren, was wir sind!

Wir sind freie, verantwortliche, schöpferische, sinnliche und für Sinn begabte Wesen! Und unsere Freiheit, negativ und positiv, Freiheiten von … und Freiheiten für etwas haben wir nur, weil es Geld gibt. Das auszusprechen stellt bis heute einen Tabubruch dar.

Der Umgang mit Geld ist sehr einfach. Aber gerade weil es die täglichen Operationen des Lebens in so unglaublicher Weise vereinfacht, ist es eine so große Verführung.

Am Nachdenken über Geld sind schon viele verrückt geworden. Nur wenige haben bisher gefragt, warum das Nachdenken über Geld so schwierig ist. Aber vielleicht sollten wir lieber fragen: Was ist an unserem Denken falsch, dass wir es so schwierig mit Geld haben?

Beginnen wir mit einem Vergleich von Butter und Geld. Butter hat einen wunderbaren Geschmack, Geld hat gar keinen. Dafür aber ist es reines Potential. Beiden, Butter und Geld ist gemeinsam, dass sie Dinge sind – sind sie verbraucht, die Butter gegessen, das Geld ausgegeben, besitzen wir sie nicht mehr. Aber Geld ist mehr als nur ein Ding. Es ist auch Medium.

Menschen lieben es nicht nur, wenn sie gerade genießen, sondern bewahren und bauen auch gerne Potentiale auf. Wir leben nicht nur jetzt, sondern leben in der Zeit und (ent)werfen uns in die Zukunft.

Potentiale sind: Vorräte jeder Art, die Sprachfähigkeit, die Denkfähigkeit, die Bildung, Organisationen wie Polizei und Feuerwehr und Versicherungen, die in Notfällen einspringen können. Geld ist das abstrakteste aller Potentiale. Es macht möglich, was noch nicht ist. Wer Geld hat, muss nichts mehr anderes haben. Denn er kann jederzeit alles erhalten. Das ist die eigentliche, nicht-dingliche Leistung des Geldes.

Geld ermöglicht Verbindungen und damit Zugriffe, die ohne Geld kaum denkbar sind. Es macht die Welt „liquide“ und öffnet hierdurch Räume. Lokales wird auch Globales. Durch Geld wächst die Welt zusammen. „Alles“ (freilich nur Erwerbbares) wird durch Geld (fast) gleichzeitig möglich – für uns ist dies heute in einem Maß zur Selbstverständlichkeit geworden, dass wir uns schon fast mehr damit beschäftigen, was wir nicht brauchen (sollen).

Wir sichern unsere Zukunft, indem wir Geld sammeln, aufbewahren, es für einen Zweck einsetzen, dessen Realisierung oft weit in der Zukunft liegt. Wir können Geld aus allen Erdteilen und Ecken zusammentragen und für einen einzigen Zweck einsetzen. Crowdfunding, z.B. ist eine Möglichkeit, Unwahrscheinliches und Großes zu realisieren. Wir können gleichzeitig viele Ziele verfolgen, und gehen jeweils nur ein minimales Risiko ein.

Wir können auch Geld schöpfen – aus dem Nichts. Früher mussten die Menschen Geld zuerst produzieren, Gold und Silber aus der Erde mühsam graben (dabei die Umwelt schwer belasten). Heute wird Geld frei geschöpft – durch einen (immateriellen) Rechtsakt.

Die natürlichen Geldschöpfer wären die Zentralbanken, die sich im staatlichen Eigentum befinden (sollten). Wer aber schöpft Geld tatsächlich? 85% der sich im Umlauf befindlichen Geldmenge (Banken-Giralgeld) wird heute durch Geschäftsbanken geschöpft.

Das widerspricht der Bürgerordnung: Bürger müssen anderen dienen, um zu verdienen, sie dürfen nicht Geld „drucken“. Banken haben sich dieses Privileg der Schöpfung von Kaufkraft zugeschanzt.

Geldreformbewegungen kämpfen gegen dieses ungerechtfertigte und krisenerzeugende Privileg an und treten für das Vollgeldsystem ein – und auch für weitere, begleitende Maßnahmen, wie z.B. das Trennbankensystem.

Weil Geld ein so großartiges Mittel ist, wird es für viele zum Zweck und eigentlichen Ziel des Lebens. Ein Sprichwort sagt: „Geld ist ein guter Knecht, aber ein schlechter Herr.“ Wie lässt sich Geld auf seine Mittelfunktion begrenzen, auf dass es eben nur als „Knecht agiert? Ist dies überhaupt möglich? – Nicht wirklich! Denn der Mensch ist ein Kulturwesen. Er schafft diese Kultur nicht nur, er ist Teil der Kultur. Nur weil er „überpersönliche Gebilde der Kultur“ (Georg Simmel) hervorbrachte, ist er Mensch. Er erzeugt Artefakte und macht sich von diesen abhängig: vom Faustkeil, von Sprache, von Institutionen, von Staatsgebilden, von Geld, usw. Diese Artefakte dringen tief in unsere Lebenswirklichkeiten ein. Ohne Sprache können wir nicht denken, ohne Staat würden wir im Chaos versinken, ohne Geld würden wir in Clans als Selbstversorger leben und weiterhin durch Kämpfe Reviere sichern. Ohne jene Artefakte kann der Mensch gar nicht sein – er ist aufgrund dieser Artefakte Mensch – und sollte keine Gedanken an ein Zurück verlieren. Aber er muss achtsam sein: Die Artefakte kolonialisieren ihn (Habermas) und machen ihn oft auch von sich in übermäßiger Weise abhängig. Sigmund Freud spricht vom Unbehagen an der Kultur, Georg Simmel vom Überhandnehmen der objektiven über die subjektive Kultur.

Wir verdanken Geld den Aufstieg. Es geht ohne Geld nicht. Es geht nur mit Geld! Die Schlussfolgerung kann also nur heißen: Wir müssen lernen, mit Geld zu leben.

Geld sollten wir nicht als notwendiges Übel begreifen, sondern als große Chance. Aber es verlangt viel von uns ab. Wer aufsteigt, muss sich für die Höhe rüsten. Weil Geld das perfekteste Mittel und absolut sinnentleert ist, stellt sich dringend die Frage nach dem Sinn unseres Tuns und unseres Seins. Wenn ich alles leicht haben kann, also von der Mühsal des Alltags befreit bin, muss ich erst recht die Frage stellen: Wozu bin ich da? Wie kann ich dienen? Wir könnten auch sagen: Der Geld-Gott zwingt uns zu unserer inneren Göttlichkeit. Sonst erwischt uns der Teufel. Nur so können wir uns aus der Tretmühle befreien, in welche wir uns durch die verlogene Verdrängung von und gleichzeitige Hingabe ans Geld begeben haben.

 

Raimund Dietz baut mit Gleichgesinnten
eine Geldreformbewegung auf.

www.raimunddietz.com

 

Initiative Neue Geldordnung

(Quelle: Raimund Dietz)

Basisaussagen und Forderungen

A. Basisaussagen

Die Menschheit hat mit Geld ein Werkzeug erhalten, welches ihr ermöglicht, Großgesellschaften zu bilden, in relativem Frieden zu leben, gesellschaftlichen Wohlstand zu bilden, der noch vor wenigen Jahrhunderten undenkbar erschien. Außerdem eröffnet es den Einzelnen große Spielräume bei der Entfaltung ihrer Lebenspläne. Der durch Geld ermöglichte und durch Geld getriebene Prozess ist aber nicht nur mit großen Chancen, sondern auch mit großen Risiken verbunden. Beispiele sind die Umweltzerstörung, verursacht vom permanenten im Geldsystem angelegten Wachstumsdruck, und die Finanzkrise, ausgelöst durch unsinnige aufgeblähte Vermögenswerte, denen entsprechend große Schuldenbelastungen gegenüberstehen. Der nötige Solidarzusammenhang wird auch durch die permanente Umverteilung zugunsten der bereits übermäßig Wohlhabenden zerstört.

Der Volksmund sagt: „Geld regiert die Welt“. Aber dem Geld darf die „Regierung“ nicht überlassen werden, da es aus sich heraus zur Verselbständigung neigt und aus sich heraus weder Rücksicht auf Natur noch auf Verteilungsgerechtigkeit nimmt.

Auch wenn Geld das Gesicht der Welt radikal ändert, ist die Menschheit der Herausforderung, die Geld praktisch und geistig darstellt, bisher nicht gerecht geworden. Mit wenigen, aber bisher verkannten Ausnahmen reagierte die Menschheit mit Ignoranz und Ablehnung auf Geld. Im letzten Jahrhundert, als sich Geld als Medium der Gesellschaftsbildung endgültig gegen feudale Verhältnisse durchgesetzt hatte, gab es mit dem Kommunismus und Faschismus zwei mächtige Gegenbewegungen. Der erste behauptete, eine bessere Gesellschaft ohne Geld schaffen zu können – das Opfer dieser Idee etwa 100 Millionen Tote. Letzterer versuchte „die Juden“, denen die Gesellschaft die Erledigung „schmutziger“ Geldfunktionen übertragen hatte, auszurotten.

Die Geldignoranz bzw. Geldhass sind Ausdruck des Widerstands der Bürgergesellschaft gegen sich selbst. D.h., die Bürgergesellschaft hat noch keine Identität mit sich gefunden.

In Anlehnung an das Weltbild der klassischen Naturwissenschaften tut die Wirtschaftstheorie so, als ob die Wirtschaft ein geschlossenes mechanisches System wäre. Dem aber ist nicht so. Wirtschaft ist zwar ein spontanes Gebilde, aber wir haben durchaus Gestaltungsräume, ja, um das System – die Bürgergesellschaft, das Beste, was die Menschheit bisher entwickelte – zu erhalten und weiterzuentwickeln, müssen wir gestalten. Dazu muss man aber wissen, wie das Wirtschaftssystem als Geldsystem funktioniert. An diesem Wissen aber hapert es. Jeder will zwar mehr Geld verdienen, aber kaum jemand interessiert sich dafür, wie das Geldsystem funktioniert und wie die Wirtschaft als Geldwirtschaft funktioniert. Die Wirtschaftswissenschaften modellieren Wirtschaft im Allgemeinen so, als ob Geld keine Rolle spielen würde.

Die Geldvergessenheit der Theorie paart sich mit der Geldversessenheit der Individuen. Trotz der Wirkungsmächtigkeit des Geldes ist Geld eines der großen Tabus. Je mehr wir es verdrängen, desto mehr aber beherrscht es uns.

Die Bürgergesellschaft – wir alle sind Bürger (!) – muss (endlich) Kompetenz über eines ihrer zentralen Medien erlangen. Zur Erhaltung, Humanisierung und einem ökologisch verantwortlichem Umgang mit unseren Lebenswelten darf man an Geld nicht vorbeigehen. Geldreform ist daher Teil der Gesellschaftsreform. Die Bürgergesellschaft braucht ein funktionierendes, d.h. nicht hypertrophes Geldwesen. Geldreform ist für die Bürgergesellschaft eine permanente Aufgabe.

Dazu haben wir die Initiative „Neue Geldordnung“ gegründet. Wir konzentrieren uns auf die Geldfrage, denn

  • Geld spielt eine zentrale Rolle in der modernen Gesellschaft.
  • Die Sozialwissenschaften weichen dem Thema Geld beharrlich aus.

Wir sind eine Plattform, die Ansätze zu sinnvollen Geld- und damit zusammenhängenden Gesellschaftsreformen formuliert, bündelt und zur Kräftigung der Bürgergesellschaft beitragen möchte. Wir lassen nicht locker, die Reform des Geldwesens als zentrale Aufgabe der Ordnungs- und Gesellschaftspolitik einzufordern. In diesem Prozess sind wir selbst Lernende.

Wir befassen uns mit

  • den Chancen und Gefahren (Eigenschaften) des heutigen Geldsystems
  • seinen Funktionsprinzipien und
  • notwendigen Veränderungen im Geld- und Finanzwesen

Wir verstehen uns in erster Linie als Initiative, die eine Veränderung des europäischen Geld- und Finanzsystems im Rahmen einer internationalen Finanzarchitektur anstrebt.

Wir suchen mit anderen Initiativen (auch aus anderen Ländern) Schnittstellen und Schnittmengen und bemühen uns um einen breiten Konsens quer durch die Parteien- und andere politische Landschaften. Wir treten für eine freiheitliche, bürgerliche und demokratische Ordnung ein, und möchten durch eine Reform des Geldsystems die volle Entfaltung einer solchen Ordnung befördern.

B. Ziele

1. Generelle Orientierung

  • Wege aus der Krise aufzeigen.
  • Erarbeitung von Vorschlägen für eine der Bürgergesellschaft angemessene Geld- und Finanzordnung samt den damit dazugehörigen Aufsichts- und Regelungssystemen. Einbringen dieser Vorschläge in den öffentlichen Diskurs.
  • Oder negativ formuliert
  • die (im System angelegte) Neigung zur Hypertrophie durch geeignete Regelungen zu unterbinden
  • das hypertrophe Finanzsystem auf seine angemessene Funktion zu begrenzen/das Finanzsystem in seine Schranken zu weisen.

 

2. Allgemeine Forderungen

Der öffentliche Diskurs hat eine Reihe von Möglichkeiten aufgezeigt, der Hypertrophie des Finanzsystems zu begegnen bzw. diese abzubauen und damit eine besser funktionierende Bürgerwirtschaft zu etablieren. Es gilt diese Möglichkeiten systematisch zu erforschen und auf ihre Praktikabilität hin zu prüfen. Dazu fordern wir und streben an: Die Errichtung einer wissenschaftlichen Akademie zur Erforschung einer funktionierenden Geldordnung

(als Teil moderner Gesellschaftspolitik)

Die Akademie hat die Aufgabe, eine generelle Orientierung zu geben. Die derzeitige Zersplitterung des Wissens (wie es sich auch in verschiedensten wissenschaftlichen Ansätzen und der Geldreformbewegung selbst zeigt) ist eines der größten Hindernisse für eine verantwortliche Gestaltung.

Die Forschung über Geld, Geldsystem insbesondere und Wirtschaft im Allgemeinen leidet derzeit unter einem wissenschaftlichen Paradigma, welches der Tendenz nach die Wirkung des Geldes auf die Gesellschaft bestreitet. Dieses Paradigma ist zu überwinden. Ein neues Paradigma sollte die evidente Einsicht zu vermitteln in der Lage sein, dass eine Geldwirtschaft (oder Geldgesellschaft) andere Qualitäten aufweist als das Modell der „reinen“ Wirtschaft („pure economics“), etwa, dass die Bürgergesellschaft nur auf der Basis einer gewissen Gegenseitigkeit funktioniert: Man kann nur verdienen, wenn man (a) dient und wenn man (b) ordentlich zahlt. „Ausbeutung“ (die es im reinen Modell nicht gibt) untergräbt das System. Diese Grundtatsache sollten Vermögensbesitzer zur Kenntnis nehmen und die Leistenden selbstbewusster machen.

Die wichtigste Aufgabe der Akademie könnte darin bestehen, systematisch zu erkunden, wo im bestehenden System Freiheitsgrade und Gestaltungsräume vorhanden und wie sie sinnvollerweise zu nutzen und weitere Gestaltungsräume zu gewinnen sind. Dazu ist ein integraler, die Einzeldisziplinen (Ökonomik, Soziologie, Kulturtheorie) übergreifender Ansatz notwendig.

3. Konkrete Forderungen

Gegenstand des öffentlichen Diskurses über Ordnungspolitik ist eine Reihe von Maßnahmen, darunter: das Vollgeldsystem, Beschränkung der Größe der Banken (too big to fail, oder auch too big to function), Trennbankensystem, Auflösung von Schattenbanken, Unterbindung des Hochgeschwindigkeitshandels, ein TÜV für Finanzprodukte, Einrichtung sog. Sicherheitskonten außerhalb der Geschäftsbankenbilanzen, Komplementär- und Sektoral-„Währungen“; in weiterer Folge und Ferne: eine neue internationale Finanzordnung mit einer nicht mehr nur von den USA emittierten und von ihr manipulierbaren Währung, die Anbindung einer solchen Währungsemission an CO²-Certifikate, und dergleichen.

 

Als dringlichste und zentrale Maßnahme erscheint uns derzeit die Einführung eines Vollgeldsystems

Begründung: Mit der Entmaterialisierung (Befreiung) des Geldes von der Gold- bzw. Silbersubstanz – der letzte Schritt erfolgte 1971 durch Nixon – kann Geld beinahe kostenlos und in beliebiger Menge erzeugt werden. Wirtschaften funktionieren aber nur, wenn die Geldmenge hinreichend knapp gehalten wird. Wem kann die Knapphaltung von Geld anvertraut werden, wenn nicht dem staatlichen Souverän in der Gestalt unabhängiger Zentralbanken? Tatsächlich aber erzeugen profitorientierte Geschäftsbanken 80-90% der Geldmenge (Bargeld + Giralgeld = M1). Das Geschäftsbanken-Giralgeld ist zum hauptsächlichen Zahlungsmittel geworden.

Eine Geldverfassung, bei der Zahlungsmittel sowohl durch die Zentralbank als auch durch Geschäftsbanken hergestellt werden, nennt man fraktionale Geldverfassung. Diese hat nicht nur wirtschaftspolitisch erhebliche Nachteile, sondern verletzt auch den Gleichheitsgrundsatz. Der Grundsatz lautet: Private Subjekte müssen Geld durch verkäufliche Leistungen an andere verdienen. Nur der demokratisch legitimierte Souverän darf Geld produzieren. Derzeit aber produzieren die Banken die Hauptmasse an Zahlungsmitteln. Dadurch üben sie eine Macht aus, die ihnen nicht zusteht und die die Bürgergesellschaft bis in ihre Grundlagen gefährdet.

Es ist widersinnig, Staaten zu verpflichten, sich über das Bankensystem zu finanzieren. Der Gedanke dahinter ist, dass die Finanzmärkte den Staat disziplinieren sollen. Tatsächlich aber führt(e) die systemisch inhärente fehlende Disziplin des Banken- und Finanzsystems zur Finanzkrise. Die Bankenbilanzen sind in wenigen Jahren auf ein Vielfaches des Sozialproduktes angewachsen. Die Folge war die Finanzkrise. Da das Bankensystem systemnotwendig ist, führen Rettungsversuche zum Ruin der Staatsfinanzen (Staat in Geiselhaft). Das fraktionale Geldsystem bedroht die Stabilität beider: des Staats und der in großem Konkurrenzdruck untereinander stehenden Banken.

 

Deshalb fordern wir:

  • Die Geldschöpfung muss in die öffentliche Hand. Die alleinige geldschöpfende Instanz muss die Zentralbank sein. Sie ist eine öffentliche, dem Gesamtwohl verpflichtete Einrichtung. Da die Stabilität des Geldwertes von einer funktionierenden Realwirtschaft abhängt, darf die Geldwertstabilität nicht das einzige Ziel sein.
  • Um die absolute Unabhängigkeit (bei gleichzeitiger Gemeinwohlorientierung) der Zentralbank zu gewährleisten, erhält die Zentralbank den Rang einer verfassungsmäßigen Stellung im Sinne der Gewaltenteilung. Neben der Legislative, Jurisprudenz, Exekutive steht eine „Monetative“.
  • Die Monetative soll berechtigt sein, den Staat direkt im Rahmen der Geldschöpfungserfordernisse zu finanzieren. Hierdurch wird ein Teil des umlaufenden Geldes schuldenfrei emittiert.
  • Von verschiedenen Seiten wird vorgeschlagen, Bargeld abzuschaffen. Wir sind strikt dagegen: aus zwei Gründen:
  • Bargeld ist Privatgeld. Die Abschaffung von Bargeld würde den Bürger völlig gläsern machen.
  • Die Abschaffung von Bargeld würde den Geschäftsbanken die alleinige Hoheit über die Produktion von Geld verschaffen. Versuche der Abschaffung des Bargelds machen die Vollgeldreform umso dringlicher.
  • Geld ist ein öffentliches Medium. Der Vertreter der Öffentlichkeit ist nicht Google etc., sondern unser Staat. Der Bürger muss den Staat gegen die Aushöhlung durch (international operierende) Privatorganisationen schützen.
  • Das Bankgeschäft kann nie ganz sicher sein. Der Geldverkehr muss aber sicher sein. Daher müssen eigene Sicherheitskonten geführt werden, auf denen das Giralgeld außerhalb der Bankbilanzen verbucht wird. Sparkonten sind immer Risikogeld.
  • Nachdem die gemeinsame Währung eingeführt wurde, müssten die EURO-Staaten ihre Wirtschaftspolitik viel besser aufeinander abstimmen, als sie es tun, um ein Divergieren der nationalen Lohnstückkosten und damit ausufernde Zahlungsbilanzdefizite (und folgende Finanzkrisen) zu verhindern (Produktivitätsregel). Nur so können die Kosten der Rettung des EURO in Grenzen gehalten werden.

 

Begleitende oder andere, zusätzliche Maßnahmen sind oder könnten bzw. sollten sein:

  • Förderung des traditionellen (regionalen und sektoralen) Bankengeschäfts
  • Die konsequente Durchsetzung des Trennbankensystems
  • Die Begrenzung der Größe der Banken (nach Bilanzsumme)
  • Die Einführung von Transaktionssteuern
  • Eine hinreichende Haltedauer bei den Wertpapieren (kein Hochfrequenzhandel!)
  • Ein TÜV für Finanzprodukte (Unterbindung hybrider Konstruktionen, Verbot von Leerverkäufen, etc). Die Beweispflicht, dass das Produkt nicht schädlich ist, obliegt dem Entwickler.
  • Faire Zins und Renditebesteuerung. Eine Ökosteuerreform.
  • Die Gründung und das Betreiben eigener, unabhängiger europäischer Ratingagenturen. Die Vereinfachung des Finanzsystems soll die illegitime Stellung der Ratingagenturen abbauen helfen. (Heute existiert man nicht, wenn man nicht geratet wird.)
  • Eine Vereinfachung des Regulierungssystems. Die jetzigen Regeln sind so kompliziert, dass sie das normale Bankengeschäft behindern und die Wirtschaft abwürgen.

 

In weiterer Perspektive:

Da Geldschöpfungsmacht reale Macht ist, und das internationale Zahlungsmittel zu etwa 70% der US-Dollar, verschaffen sich die USA als Nationalstaat ungerechtfertigte Vorteile, die sie durch unziemliche Maßnahmen (Interventionen) sicherstellen. Dieses ungerechtfertigte Privileg sollte beseitigt und an Stelle der jetzigen Unordnung ein neues und gerechteres System der Geldschöpfung gesetzt werden. Das Geldschöpfungsverfahren (ein Freiheitsgrad im System) könnte dazu eingesetzt werden, ökologische und soziale Anliegen zu berücksichtigen.

Literaturhinweise

1. Zur Rolle des Geldes in Wirtschaft und Gesellschaft

Binswanger, Hans C. Die Wachstumsspirale – Geld, Energie und Imagination in der Dynamik des Marktprozesses. Marburg: Metropolis, 2006.

Dietz, Raimund. Geld und Schuld - eine ökonomische Theorie der Gesellschaft, 4. Auflage. Marburg: Metropolis-Verlag, 2015.

2. Wie die Banken derzeit Geld schöpfen und wie es sein sollte

Huber, Joseph. Monetäre Modernisierung. Marburg: Metropolis, 2013.

Seiffert, Horst. Geldschöpfung - Die verborgene Macht der Banken. Nauen: Horst Seiffert, 2014.

3. Zur Finanzkrise und Bankenkrise

Peukert, Helge. Die große Finanzmarkt- und Staatsschuldenkrise. Marburg: Metropolis, 2015, 5.te Auflage.

4. Zu Zivilisation, Umwelt und Bewusstsein

Rifkin, Jeremy. Die empathische Zivilisation – Wege zu einem globalen Bewusstsein. Frankfurt a.M: Campus, 2010.