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21.9.2018 : 4:06 : +0200

Georg Simmel - eine Entdeckung

Michael Habecker

Kultur ist der Weg von der geschlossenen Einheit durch die entfaltete Vielheit zur entfalteten Einheit.
Georg Simmel

Die Revolution Simmels besteht darin, dass er sich von einem Weltbild verabschiedet, welches Wirtschaft und Gesellschaft als Sachlogik deutet, die sich aus einer angeblichen Natur der Dinge ergibt.    
Raimund Dietz

 


 
Georg Simmel (* 1. März 1858 in Berlin; † 26. September 1918 in Straßburg) war ein deutscher Philosoph und Soziologe. Er leistete wichtige Beiträge zur Kulturphilosophie, war Begründer der „formalen Soziologie“ und der Konfliktsoziologie. Simmel stand in der Tradition der Lebensphilosophie, aber auch der des Neukantianismus.
In einem seiner Hauptwerke, der Philosophie des Geldes, entwickelt Simmel 1900 sehr anschaulich die These, dass das Geld immer mehr Einfluss auf die Gesellschaft, die Politik und das Individuum erhalte. Die Verbreitung der Geldwirtschaft habe den Menschen zahlreiche Vorteile gebracht, wie die Überwindung des Feudalismus und die Entwicklung moderner Demokratien. Allerdings sei in der Moderne das Geld immer mehr zum Selbstzweck geworden. Sogar das Selbstwertgefühl des Menschen und seine Einstellungen zum Leben würden durch Geld bestimmt.
Seine Aussage: Geld wird Gott, indem es als absolutes Mittel zu einem absoluten Zweck werde, veranschaulicht Simmel durch ein prägnantes Beispiel: Die Banken sind inzwischen größer und mächtiger als die Kirchen. Sie sind zum Mittelpunkt der Städte geworden. Alles sinnlich Wahrnehmbare hat mit Geld zu tun. Der Mensch habe jedoch die Freiheit, nach Dimensionen zu streben, die mehr als Geld sind. Dies kann durch die Bildung solidarischer Gemeinschaften, die sich mit dem Geistesleben auseinandersetzen, geschehen. Durch Handeln kann die Macht des Geldes, beispielsweise in der Kultur, eingeschränkt werden. So arbeitet ein Künstler nicht allein des Geldes wegen, sondern um sich in seiner Arbeit geistig selbst zu verwirklichen.
(aus Wikipedia, Zugriff 27.10.2015)

 

Georg Simmel ist für mich eine wirkliche Entdeckung. Er gehört zu den Gründergestalten der Soziologie, als einer Soziologie, die noch Geist und Materie behandelt, und auch das Individuelle und das Kollektive. Gleichzeitig betont Simmel den Entwicklungsaspekt und scheut sich nicht vor philosophischen Aspekten. Damit ist er nicht nur ein Pionier der Soziologie sondern auch des Integralen. Beim Lesen musste ich mich immer wieder anlässlich seiner Aktualität daran erinnern, dass das Buch vor über hundert Jahren geschrieben wurde. Was muss das für eine aufregende Zeit gewesen sein, als die frühen Soziologen das Innere und das Äußere und das Individuelle und das Kollektive zu differenzieren begannen, es aber nach wie vor als zusammengehörig betrachteten?
In seinem 1900 erschienenen Werk Philosophie des Geldes erweist sich Simmel als ein früher Meister eines ganzheitlichen Denkens, bezogen auf das Geld- und Wirtschaftsgeschehen. Im Zentrum von Wirtschaft und Gemeinschaft steht für ihn die Austauschbeziehung zwischen Menschen, und er sieht die Rolle des Geldes darin als eine vermittelnde und ermöglichende Rolle. Auf ca. 450 Seiten erläutert er in Philosophie des Geldes, wie menschliches Bewusstsein, zwischenmenschliche Beziehungen und Geld als Tauschmittel auf vielfältige Weise aufeinander und miteinander wirken, und sich über die Zeit entwickelt haben. Nachfolgend einige ausgewählte Zitate aus diesem einzigartigen Werk:
 
 

Zitate aus:

Georg Simmel, Philosophie des Geldes
(zitiert aus: Georg Simmel, Philosophische Kultur, Zeitausendeins)

 

Zur philosophischen (und psychologischen) Basis


Wenn es eine Philosophie des Geldes geben soll, so kann sie nur diesseits und jenseits der ökonomischen Wissenschaft vom Gelde liegen: sie kann einerseits die Voraussetzungen darstellen, die, in der seelischen Verfassung, in den sozialen Beziehungen, in der logischen Struktur der Wirklichkeiten und der Werte gelegen, dem Geld seinen Sinn und seine praktische Stellung anweisen.
Der Sinn und Zweck des Ganzen ist nur der: von der Oberfläche des wirtschaftlichen Geschehens eine Richtlinie in die letzten Werte und Bedeutsamkeit alles Menschlichen zu ziehen.
Vielleicht gibt es einen Weltgrund, von dem aus gesehen die Fremdheiten und Divergenzen, die wir zwischen der Wirklichkeit und dem Wert empfinden, nicht mehr bestehen, wo beide Reihen sich als eine einzige enthüllen.
Denn wenn der Materialismus erklärt: der Geist ist Materie - so lehrt die Transzendentalphilosophie: auch die Materie ist Geist.
So könnte z. B. der moralphilosophische Egoismus recht haben, dass wir überhaupt nicht anders als im eigenen Interesse und um persönlicher Lust willen handeln können. Dann aber müsste weiterhin zwischen einem Egoismus im engeren und einen im weiteren Sinne unterschieden werden; wer seinen Egoismus an dem Wohlergehen anderer, etwa unter Aufopferung des eignen Lebens, befriedigt, den würden wir zweifellos weiter einen Altruisten nennen und ihn von demjenigen unterscheiden, dessen Handeln nur auf Schädigung und Unterdrückung anderer geht; diesen müssen wir als den Egoisten schlechthin bezeichnen.
Der Mangel an Definitivem im Zentrum der Seele treibt dazu, in immer neuen Anregungen, Sensationen, äußeren Aktivitäten eine momentane Befriedigung zu suchen.
Je mehr das Leben der Gesellschaft ein geldwirtschaftliches wird, desto wirksamer und deutlicher prägt sich in dem bewussten Leben der relativistische Charakter des Seins aus, da das Geld nichts anderes ist, als die in einem Sondergebilde verkörperte Relativität der wirtschaftlichen Gegenstände, die ihren Wert bedeutet.

Zur zentralen Stellung von Austauschbeziehungen (als gelebte Inter-Subjektivität) im Wirtschaftsgeschehen

 


So ist, dass zwei Menschen ihre Produkte gegeneinander vertauschen, keineswegs nur eine nationalökonomische Tatsache; denn eine solche, d.h. eine, deren Inhalt mit ihrem nationalökonomischen Bilde erschöpft wäre, gibt es überhaupt nicht. Jener Tausch vielmehr kann ganz ebenso legitim als eine psychologische, eine sittengeschichtliche, ja als eine ästhetische Tatsache behandelt werden.
Die Tatsache des wirtschaftlichen Tausches also löst die Dinge von dem Eingeschmolzensein in die bloße Subjektivität der Subjekte und lässt sie, indem sie ihre wirtschaftliche Funktion in ihnen selbst investiert, sich gegenseitig bestimmen.
Man muss sich hier klarmachen, dass die Mehrzahl der Beziehungen von Menschen untereinander als Tausch gelten kann; hier ist die zugleich reinste und gesteigertste Wechselwirkung, die ihrerseits das menschliche Leben ausmacht, sobald es einen Stoff und Inhalt gewinnen will… Jede Wechselwirkung ist als ein Tausch zu betrachten: jede Unterhaltung, jede Liebe (auch wo sie mit andersartigen Gefühle erwidert wird), jedes Spiel, jedes Sichanblicken.
Hiermit wird besonders klar, dass der Tausch genauso produktiv und wertbildend ist, wie die eigentlich so genannte Produktion. In beiden Fällen handelt es sich darum, Güter um den Preis anderer, die man hineingibt, zu empfangen, und zwar derart, dass der Endzustand einen Überschuss von Befriedigungsgefühlen gegenüber dem Zustand vor der Aktion ergibt.
Wenn wir die Wirtschaft als einen Spezialfall der allgemeinen Lebensform des Tausches, der Hingabe gegen einen Gewinn ansehen müssen, so werden wir schon von vornherein auch innerhalb ihrer das Vorkommnis vermuten: dass der Wert des Gewinnes nicht sozusagen fertig mitgebracht wird, sondern dem begehrten Objekt teilweise oder sogar ganz erst durch das Maß des dafür erforderlichen Opfers zuwächst.
Der Tausch ist nicht die Addition zweier Prozesse des Gebens und Empfangens, sondern ein neues Drittes, das entsteht, indem jeder von beiden Prozessen in absoluten Zugleich Ursache und Wirkung des anderen ist.
Der Tausch ist ja nichts anderes als der interindividuelle Versuch, die aus der Knappheit der Güter entspringenden Missstände zu verbessern, d.h. das subjektive Entbehrungsquantum durch die Verteilungsart des gegebenen Formates möglichst herabzusetzen.
Daher begünstigt aber auch der Tausch die Friedlichkeit der Beziehungen unter den Menschen, weil sie in ihm eine intersubjektive, ihnen gleichmäßig übergeordnete Sachlichkeit und Normierung anerkennen. Es gibt, wie man von vornherein vermuten muss, eine Reihe vermittelnder Erscheinungen zwischen der reinen Subjektivität des Besitzwechsels, die der Raub und das Geschenk darstellen, zu seiner Objektivität in der Form des Tausches, in dem die Dinge gemäß dem gleichen, in ihnen enthaltenen Wertquantum getauscht werden. Dahin gehört die traditionelle Gegenseitigkeit des Schenkens.

Darin eben bestünde ein Geschäft - so setzte mir ein römischer Antiquitätenhändler auseinander - dass der Kaufmann zu viel forderte und der Käufer zu wenig böte und man sich so allmählich bis zu einem akzeptablen Punkt einander näherte. Hier sieht man also deutlich, wie sich das objektiv Angemessene aus dem Gegeneinander der Subjekte herausstellt - das Ganze ein Hineinragen der vortauschlichen Verhältnisse in eine schon durchgängige, aber noch nicht zu ihrer Konsequenz gelangten Tauschwirtschaft.
Der Tausch ist ein soziologisches Gebilde sui generis, eine originäre Form und Funktion des interindividuellen Lebens, die sich keineswegs aus jener qualitativen und quantitativen Beschaffenheit der Dinge, die man als Brauchbarkeit und Seltenheit bezeichnet, durch logische Konsequenz ergibt.

Als Ausgangspunkt aller sozialen Gestaltungen können wir uns nur die Wechselwirkung von Person zu Person vorstellen. Gleichviel wie die in Dunkel gehüllten historischen Anfänge des gesellschaftlichen Lebens wirklich gestaltet waren - seine genetische und systematische Betrachtung muss diese einfachste und unmittelbarste Beziehung zum Grunde legen, von der wir doch schließlich auch heute noch unzählige gesellschaftliche Neubildungen ausgehen sehen. Die weitere Entwicklung ersetzt nun diese Unmittelbarkeit der wechselwirkenden Kräfte durch die Schaffung höherer überpersönlicher Gebilde, die als gesonderte Träger eben jener Kräfte auftreten und die Beziehungen der Individuen untereinander durch sich hindurchleiten und vermitteln.
Der Tausch, der uns als etwas ganz Selbstverständliches erscheint, ist das erste und in seiner Einfachheit wahrhaft wunderbare Mittel, mit dem Besitzwechsel die Gerechtigkeit zu verbinden; indem der Nehmende zugleich Gebender ist, verschwindet die bloße Einseitigkeit des Vorteils, die den Besitzerwechsel unter der Herrschaft eines rein impulsiven Egoismus oder Altruismus charakterisiert.

Zu Gesellschaft und Wirtschaft


Der Austausch der Arbeitsprodukte oder des sonst aus irgend einer Quelle her Besessenen ist offenbar eine der reinsten und primitivsten Formen menschlicher Vergesellschaftung, und zwar nicht so, dass die „Gesellschaft“ schon perfekt wäre, und dann käme es zu Tauschakten innerhalb ihrer; sondern der Tausch selbst ist eine der Funktionen, die aus dem bloßen Nebeneinander der Individuen ihre innerliche Verknüpfung, die Gesellschaft, zustande bringen. Gesellschaft ist nichts als die Zusammenfassung oder der allgemeinen Name für die Gesamtheit dieser speziellen Wechselbeziehungen.
Indem der Naturaltausch durch den Geldkauf ersetzt wird, tritt zwischen die beiden Parteien eine dritte Instanz: die soziale Gesamtheit, die für das Geld einen entsprechenden Realwert zur Verfügung stellt. Der Drehpunkt der Wechselwirkung jener beiden rückt damit weiter fort, er entfernt sich aus der unmittelbaren Verbindungslinie zwischen ihnen und verlegt sich in das Verhältnis, dass jeder von ihnen als Geldinteressent zu dem Wirtschaftskreise hat, der das Geld akzeptiert und dies durch die Prägung seitens seiner höchsten Vertretung dokumentiert. Hierauf beruht der Kern von Wahrheit in der Theorie, dass alles Geld nur eine Anweisung auf die Gesellschaft ist.
Das Gefühl der persönlichen Sicherheit, das der Geldbesitz gewährt, ist vielleicht die konzentrierteste und zugespitzteste Form und Äußerung des Vertrauens auf die staatlich-gesellschaftliche Organisation und Ordnung.
Wie in vorgeldwirtschaftlichen Zeiten der einzelne unmittelbar auf seine Gruppe angewiesen war und der Austausch der Dienste jeden eng mit der Gesamtheit verband, trägt nun jeder seinen Anspruch auf die Leistungen von anderen in verdichteter, potentieller Form mit sich herum. Er hat die Wahl, wann und wo er ihn geltend machen will, und löst damit die Unmittelbarkeit der Beziehungen, die die frühere Austauschform gestiftet hatte.
Das Geld allein konnte solche Gemeinsamkeiten zustande bringen, die das einzelne Mitglied überhaupt nicht präjudizieren: es hatte den Zweckverband zu seinen reinen Formen entwickelt, jener Organisationsart, die sozusagen das Unpersönliche an den Individuen zu einer Aktion vereinigt und uns die bisher einzige Möglichkeit gelehrt hat, wie sich Personen unter absoluter Reserve alles Persönlichen und Spezifischen vereinigen können... Durch den Charakter des Zweckverbandes aber, den das Einungsleben deshalb mehr und mehr annimmt, wird es mehr und mehr entseelt; die ganze Herzlosigkeit des Geldes spiegelt sich so in der sozialen Kultur, die von ihm bestimmt wird.

Die Bedeutung des Geldes im System der Wertschätzungen ist an der Entwicklung der Geldstrafe messbar… Von ihr aus wird aber nicht nur das Geld zum Maß für den Menschen, sondern auch der Mensch zum Maß für das Geld.
Alle drei: das Recht, die Intellektualität, das Geld, sind durch die Gleichgültigkeit gegen individuelle Eigenheit charakterisiert, alle drei ziehen aus der konkreten Ganzheit der Lebensbewegungen einen abstrakten, allgemeinen Faktor heraus, der sich nach eigenen und selbstständigen Normen entwickelt und von diesen aus in jene Gesamtheit der Interessen des Daseins eingreift und sie nach sich bestimmt.
Die Bestimmung der abstrakten Zeit durch die Uhren wie die des abstrakten Wertes durch das Geld geben ein Schema feinster und sicherster Einteilungen und Messungen, dass, die Inhalte des Lebens in sich aus aufnehmend diesem wenigstens für die praktisch-äußerliche Behandlung eine sonst unerreichbare Durchsichtigkeit und Berechenbarkeit verleiht.

Jene Sittenregel: den Menschen zu tun, wovon man wünscht, dass sie es einem tun - findet das umfassendste Beispiel ihrer formalen Verwirklichung an der Wirtschaft.
Die entweder offenbare oder in tausend Gestalten verkleidete Geldhaftigkeit der Beziehungen schiebt eine unsichtbare, funktionelle Distanz zwischen die Menschen, die ein innerer Schutz und Ausgleichung gegen die allzu gedrängte Nähe und Reibung unseres Kulturlebens ist.
Der förmliche Rausch, in den die Triumphe von Telegrafie und Telefonie die Menschen versetzt haben, lässt sie oft übersehen, dass es doch wohl auf den Wert dessen ankommt, was man mitzuteilen hat.

Zu menschlichen Werten, Sinn und Bedeutung (auch: Innerlichkeit)

Man macht sich selten klar, dass unser ganzes Leben, seiner Bewusstseinsseite nach, in Wertgefühlen und Wertabwägungen verläuft und überhaupt nur dadurch Sinn und Bedeutung bekommt, dass die mechanisch abrollenden Elemente der Wirklichkeit über ihren Sachgehalt hinaus unendlich mannigfaltige Maße und Arten von Wert für uns besitzen. In jedem Augenblick, in dem unsere Seele kein bloßer interesseloser Spiegel der Wirklichkeit ist - was sie vielleicht niemals ist, da selbst das objektive erkennen nur aus einer Wertung seiner hervorgehen kann - lebt sie in der Welt der Werte, die die Inhalte der Wirklichkeit in eine völlig autonome Ordnung fasst.
So bekleiden wir innerhalb der Wirtschaft die Dinge mit einem Wertquantum wie mit einer eigenen Qualität ihrer und überlassen sie dann den Austauschbewegungen, einem durch jene Quanten objektiv bestimmten Mechanismus, eine Gegenseitigkeit unpersönliche Wertwirkungen - aus der sie vermehrt und intensiver genießbar in ihren Endzweck, der ihr Ausgangspunkt war: das Fühlen der Subjekte, zurückkehren. Hiermit ist die Richtung der Wertbildung begründet und begonnen, in der sich die Wirtschaft vollzieht, und deren Konsequenzen den Sinn des Geldes tragen.
So sehr unser Leben durch den Mechanismus und die Sachlichkeit der Dinge bestimmt scheint, so können wir in Wirklichkeit keinen Schritt machen und keinen Gedanken denken, ohne dass unser Fühlen die Dinge mit Werten ausstattete und ihnen gemäß unser Tun dirigiert. Dieses Tun selbst aber vollzieht sich nach dem Schema des Tausches: von der niedrigsten Bedürfnisbefriedigung bis zum Erwerb der höchsten Intellektuellen und religiösen Güter muss immer ein Wert eingesetzt werden, um einen Wert zu gewinnen.
Dass eine Sache rein ökonomisch etwas wert ist, bedeutet, dass sie mir etwas wert ist, d.h. dass ich bereit bin, etwas für sie hinzugeben. Alle seine praktischen Wirksamkeiten kann ein Wert als solcher nur entfalten, indem er anderen äquivalent, d.h. in dem er tauschbar ist. Äquivalenz und Tauschbarkeit sind Wechselbegriffe, beide drücken denselben Sachverhalt in verschiedenen Formen, gleichsam in der Ruhelage und in der Bewegung aus.
Sobald der Buchdruck erfunden ist, wird für das elendste Machwerk derselbe Bogenpreis bezahlt wie für die erhabenste Dichtung, sobald es Fotografien gibt, ist eine solche der Bella di Tiziano nicht teurer als die einer Chansonettensängerin.

Zur Perspektivität (Subjektivität, Du, Objektivität)


Denn das Bewusstsein, ein Subjekt zu sein, ist selbst schon eine Objektivierung. Hier liegt das Urphänomen der Persönlichkeitsform des Geistes; dass wir uns selbst betrachten, kennen, beurteilen können, wie irgendeinen „Gegenstand“, dass wir das als Einheit empfundene Ich dennoch in eine Vorstellung des Ich-Subjekts und ein vorgestelltes Ich-Objekt zerlegen, ohne dass es darum seine Einheit verliert, ja, an diesem inneren Gegenspiel sich seine Einheit eigentlich erst bewusst werdend - das ist die fundamentale Leistung unseres Geistes, die seine gesamte Gestaltung bestimmt.
Ich zeigte vorhin, dass dieser Prozess der Wertbildung sich mit dem Aufwachsen eines Abstandes zwischen dem Genießenden und der Ursache seines Genusses vollzieht. Und indem die Größe dieses Abstandes variiert - gemessen nicht von dem Genuss her, in dem er verschwunden ist, sondern von der Begehrung her, die mit ihm entsteht, und die er zu überwinden sucht - entspringen nun erst jene Unterschiedenheiten der Wertbetonung, die man als subjektive und objektive auseinanderhalten kann.
Das Entscheidende für die Objektivität des wirtschaftlichen Wertes, die das Wirtschaftsgebiet als selbstständiges abgrenzt, ist das prinzipielle Hinausgehen seiner Gültigkeit über das Einzelsubjekt. Dadurch, dass für den Gegenstand ein anderer gegeben werden muss, zeigt sich, dass derselbe nicht nur für mich, sondern auch an sich, d.h. auch für einen anderen etwas wert ist. An der wirtschaftlichen Form der Werte findet die Gleichung: Objektivität = Gültigkeit für Subjekte überhaupt - eine ihrer deutlichsten Rechtfertigung. Durch die Äquivalenz, die überhaupt erst gelegentlich des Tausches ein Bewusstsein und Interesse erwirbt, wächst dem Wert der spezifische Charakterzug der Objektivität zu.
Die erkenntnistheoretische Lehre, dass alles Erkennen ein rein subjektiver, ausschließlich im Ich verlaufender und vom Ich bestimmter Prozess ist, mag ihre Richtigkeit haben; dennoch unterscheiden wir nun solche Vorstellungen, die objektiv wahr sind, von den nur subjektiv, durch Fantasie, Willkür, Sinnestäuschung erzeugten - wenngleich, absolut genommen, auch jene objektiveren Erkenntnisse bloß subjektiver Provenienz sein mögen. Die Entwicklung geht auf immer gründlichere, bewusstere Scheidung zwischen den objektiven und den subjektiven Vorstellungen, die sich ursprünglich in einem unklaren psychologischen Indifferenzzustand bewegten.
Die primitive Not des Lebens hat uns gezwungen, die räumliche Außenwelt zum ersten Objekt unserer Aufmerksamkeit zu machen; für ihre Inhalte und Verhältnisse gelten deshalb zunächst die Begriffe, durch die wir ein beobachtetes Dasein außerhalb des beobachteten Subjektes vorstellen; sie ist der Typus des Objekts überhaupt und ihren Formen muss sich jede Vorstellung fügen, die für uns Objekt werden soll. Diese Forderung ergreift die Seele selbst, die sich zum Gegenstand ihrer eigenen Beobachtung macht. Vorher allerdings scheint sich noch die Beobachtung des Du einzustellen, ersichtlich das dringendste Erfordernis des Gemeinschaftslebens unter der individuellen Selbstbehauptung.
So besteht ein Relativismus, gleichsam ein unendlicher Prozess zwischen dem Inneren und dem Äußeren: eines, als das Symbol des anderen, dieses zur Vorstellbarkeit und Darstellbarkeit bringend, keines das erste, keines das zweite, sondern in ihrem Aufeinander-Angewiesensein die Einheit ihres, d.h. unseres Wesens verwirklichend.

Entwicklung


Solange sich die Persönlichkeit noch ohne Reserve dem momentanen Affekt hingibt, von ihm ganz und gar erfüllt und hingenommen wird, kann sich das Ich noch nicht herausbilden; das Bewusstsein eines Ich vielmehr, dass jenseits seiner einzelnen Erregungen steht, kann sich erst dann als das Beharrende in allem Wechsel dieser letzteren zeigen, wenn nicht jede derselben den ganzen Menschen mitreißt.
Auf welche Weise sich das Geld auch entwickelt habe, am Anfang muss es jedenfalls ein Wert gewesen sein, der unmittelbar als solcher empfunden wurde. Dass man die wertvollsten Dinge gegen einen bedruckten Zettel fortgibt, ist erst bei einer sehr großen Ausdehnung und Zuverlässigkeit der Zweckreihen möglich, die es sicher macht, dass das unmittelbar Wertlose uns weiterhin zu Werten verhilft.
Es zeigt sich deshalb auch hier, dass die Entwicklung vom Substanzgeld zum Kreditgeld weniger radikal ist, als sie scheint, weil das Kreditgeld als Evolution, Verselbstständigung, Herauslösung derjenigen Kreditmomente zu deuten ist, die schon in dem Substanzgeld in entscheidender Weise vorhanden sind.
Man kann die Entwicklung jedes menschlichen Schicksals von dem Gesichtspunkte aus darstellen, das in einer ununterbrochenen Abwechslung von Bindung und Lösung, von Verpflichtung und Freiheit verläuft.
Der Raub, vielleicht das Geschenk erscheint als die primitivste Stufe des Besitzwechsels, auf der also der Vorteil noch ganz auf der einen, die Last ganz auf der anderen Seite ruht. Wenn sich über diese nun die Stufe des Tauschen als Form des Besitzwechsels erhebt, zunächst, wie gesagt, als bloße Folge der gleichen Macht der Parteien, so ist dies einer der ungeheuerlichsten Fortschritte, die die Menschheit überhaupt machen konnte.
Zu den wenigen Regeln nämlich, die man mit annähernder Allgemeinheit für die Form der sozialen Entwicklung aufstellen kann, gehört wohl diese: dass die Erweiterung einer Gruppe Hand in Hand geht mit der Individualisierung und Verselbstständigung ihrer einzelnen Mitglieder. Die Evolution der Gesellschaften pflegt mit einer relativ kleinen Gruppe zu beginnen, welche ihre Elemente in strenger Bindung und Gleichartigkeit hält, und zu einer relativ großen vorzuschreiben, die ihren Elementen Freiheit, Fürsichsein, gegenseitige Differenzierung gewährt.
Es ist die Technik des Handels, die es dem wandernden, die Gruppengrenzen durchbrechenden Kaufmann, dem Pionier der Geldwirtschaft, erleichtert, sich jenen Vergleichmäßigungen und Verschmelzungen der anderen Berufe zu entziehen und sich auf sein individuelles Können und Wagen zu stellen.
So erniedrigend der Kauf der Frau in höheren Verhältnissen erscheint, so erhöhend kann er in niedrigen wirken… Dennoch ist die Organisation der Eheangelegenheiten, wie sie im Frauenkauf vorliegt, ein ungeheurer Fortschritt gegenüber etwa den roheren Zuständen der Raubehe oder den ganz primären Sexualverhältnissen, die zwar wahrscheinlich nicht in völliger Promiskuität, aber ebenso wahrscheinlich auch ohne jenen festen normierenden Halt verliefen, den der sozial geregelte Kauf darbietet. Die Entwicklung der Menschheit gelangt immer wieder zu Stadien, wo die Unterdrückung der Individualität der unausbleibliche Durchgangspunkt für ihre spätere freie Entfaltung, wo die bloße Äußerlichkeit der Lebensbestimmungen die Schule der Innerlichkeit wird, wo die vergewaltigende Formung einer Aufsammlung der Kräfte bewirkt, die später alle persönliche Eigenart tragen. Von dem Ideal der voll entwickelten Individualität aus erscheinen solche Perioden allerdings roh und würdelos, aber sie legen nicht nur die positiven Keime der späteren Höherentwicklung, sondern sie sind auch an und für sich schon Erweisungen des Geistes in seiner organisierenden Herrschaft über den Rohstoff fluktuierender Impulse.
Die Dinge, die unser Leben sachlich erfüllen und umgeben, Geräte, Verkehrsmittel, die Produkte der Wissenschaft, die Technik, der Kunst - sind unsäglich kultiviert; aber die Kultur der Individuen, wenigstens in den höheren Ständen, ist keineswegs in demselben Verhältnis fortgeschritten, ja vielfach sogar zurückgegangen.
Zu einem historischen Verständnis gehört eine Biegsamkeit der Seele, eine Fähigkeit, sich in die von dem eigenen Zustand abweichendsten seelischen Verfassungen hineinzufühlen und sie in sich nachzuformen - denn alle Geschichte, mag sie noch so sehr von Sichtbarkeiten handeln, hat Sinn und Verstandenwerden nur als Geschichte zu Grunde liegender Interessen, Gefühle, Strebungen: selbst der historische Materialismus ist nichts als eine psychologische Hypothese.
Es ist allenthalben das Schema höherer Entwicklungsstufen, dass das ursprüngliche Aneinander und die unmittelbare Einheit der Elemente aufgelöst wird, damit sie, verselbstständigt und voneinander abgerückt, nun in eine neue, geistige, umfassendere Synthese vereinheitlicht werden.

Eigentum


Tausch aber ist, seine Idee nach, erst bei Privateigentum möglich; aller Kollektivbesitz enthält eine Tendenz zur „Toten Hand“, während die spezifischen Wünsche des einzelnen und seine Ergänzungsbedürftigkeit den Tausch nötig machen. Der Besitz muss sich erst auf das Individuum konzentriert haben, um von da aus wieder sich durch den Tausch zu verbreiten. Das Geld, als der absolute Träger und Verkörperung des Tausches, wurde durch diese Vermittlung des Privateigentums, mit seiner Angewiesenheit auf den Austausch, zum Vehikel jener Erweiterung der Wirtschaft, jenes Hineinbeziehens unbegrenzt vieler Kontrahenten durch das Hin und Her des Tausches.
Der vermittelnde Begriff für diese Korrelation zwischen dem Geld einerseits und der Vergrößerung des Kreises wie der Differenzierung der Individuen andererseits ist oft das Privateigentum überhaupt. Der kleine und naturalwirtschaftliche Kreis neigt zu Gemeineigentum.

Systemische Aspekte des Wirtschaftens

Die technische Form für den wirtschaftlichen Verkehr schafft ein Reich von Werten, das mehr oder weniger vollständig von seinem subjektiv-personalen Unterbau gelöst ist.
Die Wirtschaft strebt einer Ausbildungsstufe zu, in der sich die Dinge ihre Wertmaße wie durch einen selbsttätigen Mechanismus gegenseitig bestimmen - unbeschadet der Frage, wie viel subjektives Fühlen dieser Mechanismus als seine Vorbedingung oder als sein Material in sich aufgenommen hat ... die Relativität der Wertbestimmung bedeutet ihre Objektivierung.
Von wie vielen „Lieferanten“ allein ist dagegen der geldwirtschaftliche Mensch abhängig! Aber von dem einzelnen, bestimmten derselben ist er ungleich unabhängiger und wechselt leicht und beliebig oft mit ihm… Dies ist nun die günstigste Lage, um innere Unabhängigkeit, das Gefühl individuellen Fürsichseins, zustande zu bringen.

Zu Geld, Kredit, Zinsen, Vermögen

Geld ist das „Geltende“ schlechthin, und wirtschaftliches Gelten bedeutet etwas gelten, d.h. gegen etwas anderes vertauschbar zu sein. Alle anderen Dinge haben einen bestimmten Inhalt und gelten deshalb; das Geld umgekehrt hat seinen Inhalt davon, dass es gilt, es ist das zur Substanz erstarrte Gelten, dass Gelten der Dinge ohne die Dinge selbst… Auf dieser Grundlage wird verständlich, dass das Geld, als der abstrakte Vermögenswert, nichts anderes ausdrückt, als die Relativität der Dinge, die eben den Wert ausmacht, und doch zugleich als der ruhende Pol den ewigen Bewegungen, Schwankungen, Ausgleichungen derselben gegenübersteht.
Die Verzinsung ist ein Ausdruck dieses Wertes [des Geldes], der ihm als Träger seiner Funktionen zukommt: die Doppelrolle des Geldes ist, dass es einerseits die Werteverhältnisse der austauschenden Waren untereinander misst, andererseits aber selbst in den Austausch mit ihnen eintritt und so selbst eine zu messende Größe darstellt… Denn nicht nur wird das Geld selbst mit Geld bezahlt, was das reine Geldgeschäft und die zinsbare Anleihe ausdrücken, sondern das Geld des einen Landes wird, wie die Valutaverschiebungen zeigen, zum Wertmesser für das Geld des anderen.
Dies ist die philosophische Bedeutung des Geldes: das es innerhalb der praktischen Welt die entschiedenste Sichtbarkeit, die deutlichste Wirklichkeit der Formel des allgemeinen Seins ist, nach der die Dinge ihren Sinn aneinander finden und die Gegenseitigkeit der Verhältnisse, in denen sie schweben, ihr Sein und Sosein ausmacht.
Der steigende Ersatz des baren Metallgeldes durch Papiergeld und die mannigfaltigen Formen des Kredits wirken unvermeidlich auf den Charakter jenes selbst zurück - ungefähr wie im Persönlichen jemand, der sich fortwährend durch andere vertreten lässt, schließlich keine andere Schätzung erfährt, als die seinen Vertretern gebührende.
Ein Maßverhältnis zwischen zwei Größen nicht mehr durch unmittelbares Aneinanderhalten herzustellen, sondern daraufhin, dass jede derselben zu je einer anderen Größe ein Verhältnis hat und diese beiden Verhältnisse einander gleich oder ungleich sind – das ist eine der größten Fortschritte, die die Menschheit gemacht hat, die Entdeckung einer neuen Welt aus dem Material der alten.
Das Geld, ein ausschließlich soziologisches, in Beschränkung auf ein Individuum ganz sinnloses Gebilde, kann irgendeine Veränderung gegen einen gegebenen Status nur als Veränderung der Verhältnisse der Individuen untereinander bewirken.
Die ganzen Bedenken des Mittelalters gegen das Zinsnehmen gehen darauf zurück, dass das Geld viel starrer, substantieller, den Dingen geschlossener gegenüberstehend erschien und war als in der Neuzeit, in der es vielmehr dynamisch, fließend, sich anschmiegsam wirkt und erscheint. Die Adaption der Aristotelischen Lehre: es sei unnatürlich, dass Geld Geld gebäre - all diese Lehren zeigen, wie starr, den Fluktuationen des Lebens unverbunden, wie wenig als Produktivkraft das Geld erschien… Den Gegenpol zu der Anschauungsweise des Mittelalters bildet die Kreditwirtschaft, in der die Anweisung den Gelddienst versieht ... die Kreditwirtschaft endlich tendiert auf Ausscheidung der Substanz, nur deren Wirkung als das übrig lassend, worauf es ankommt.
Die manchmal auftretende Vorstellung, dass die ökonomische Bedeutung des Geldes das Produkt aus seinem Werte und der Häufigkeit seiner Umsetzungen in einer gegebenen Zeit wäre, übersieht die mächtigen Wirkungen, die das Geld durch bloße Hoffnung und Furcht, durch die Begierde und Besorgnis, die sich mit ihm verbinden, übt; es strahlt dies auch ökonomisch zu bedeutsamen Affekte aus, wie Himmel und Hölle sie ausstrahlen: als bloße Idee. Hier ist es wirklich als der „unbewegte Beweger“ zu bezeichnen.
Dass ein so feiner und leicht zerstörbarer Stoff wie Papier zum Träger höchsten Geldwertes wird, ist nur in einem so fest und eng organisierten und gegenseitigen Schutz garantierenden Kulturkreise möglich.
Je größer die Rolle des Geldes als Wertkondensator wird - und das wird sie nicht durch Wertsteigerung seines einzelnen Quantums, sondern durch die Erstreckung dieser seiner Funktion auf immer mehr Objekte, durch die Verdichtung immer verschiedenartigerer Werte in seiner Form - desto weiter wird es von der notwendigen Bindung an eine Substanz fortrücken… Man könnte dies als eine steigende Vergeistigung des Geldes bezeichnen. Denn das Wesen des Geistes ist, der Vielheit die Form der Einheit zu gewähren.
Das Geld hat jene sehr positive Eigenschaft, die man mit dem negativen Begriffe der Charakterlosigkeit bezeichnet.
Die Fernwirkung des Geldes gestattet dem Besitz und den Besitzer so weit auseinanderzutreten, dass jedes seinen eigenen Gesetzen ganz anders folgen kann, als da der Besitz noch in unmittelbarer Wechselwirkung mit der Person stand, und jedes ökonomische Engagement zugleich ein persönliches war.
Indem das Geld gleichsam einen Keil zwischen die Person und die Sache treibt, zerreißt es zunächst wohltätige und stützende Verbindungen, leitet aber doch jene Verselbstständigung beider gegeneinander ein, in der jedes von beiden seine volle, befriedigende, von dem anderen ungestörte Entwicklung finden kann. Wo die Arbeitsverfassung, bzw. das allgemeine soziale Verhältnis aus der personalen in die sachliche Form - und, parallel damit, aus der naturalwirtschaftlichen in die geldwirtschaftliche - übergeht, finden wir zunächst oder partiell eine Verschlechterung in der Stellung des Untergeordneten.
Die Versteckbarkeit des Geldes ist das Symptom oder die extreme Ausgestaltung seiner Beziehung zum Privatbesitz. Dadurch, dass man es von allen Gütern am meisten dem anderen unsichtbar und wie nicht vorhanden machen kann, nähert es sich dem geistigen Besitz; und wie dessen privater Charakter mit dem Schweigen-Können beginnt und zugleich sich vollendet, so findet das Private, Individualistische des Geldwesens seinen vollkommenen Ausdruck an jener Möglichkeit des Verheimlichens.
Diese Beziehung zwischen der Bedeutung des Intellekts und der des Geldes für das Leben lässt die Epochen oder Interessengebiete, wo beides herrscht, zunächst negativ bestimmen: durch eine gewisse Charakterlosigkeit… Der Intellekt, seinem reinen Begriff nach, ist absolut charakterlos, nicht im Sinne des Mangels einer eigentlich erforderlichen Qualität, sondern weil er ganz jenseits der auswählenden Einseitigkeit steht, die den Charakter ausmacht. Eben dies ist ersichtlich auch die Charakterlosigkeit des Geldes… Die Bemerkung auf den Kassenscheinen, dass der Wert derselben dem Einlieferer „ohne Legitimationsprüfung“ ausgezahlt wird, ist bezeichnend für die absolute Objektivität, mit der in Geldsachen verfahren wird.
Das Geld seinerseits, so sehr es die impulsiv-subjektivistischen Verfahrensweisen in überpersönliche und sachlich normierte überführt, ist dennoch die Pflanzstätte des wirtschaftlichen Individualismus und Egoismus… Da es in sich weder Direktiven noch Hemmungen enthält, so folgt es dem je stärksten subjektiven Impuls, - der auf den Gebieten der Geldverwendung überhaupt der egoistische zu sein pflegt.
Das Geld funktioniert einerseits als das Gelenkssystem dieses Organismus [Kultur]; es macht seine Elemente gegeneinander verschiebbar, stellt ein Verhältnis gegenseitiger Abhängigkeit und Fortsetzung aller Impulse zwischen ihnen her. Es ist andrerseits dem Blute zu vergleichen, dessen kontinuierliche Strömung alle Verästelungen der Glieder durchdringt, und, alle gleichmäßig ernährend, die Einheit ihrer Funktionen trägt.
Indem das Geld ebenso Symbol wie Ursache der Vergleichgültigung und Veräußerlichung alles dessen ist, was sich überhaupt vergleichgültigen und veräußerlichen lässt, wird es doch auch zum Torhüter des Innerlichsten, dass sich nun in eigensten Grenzen ausbauen kann. Inwieweit dies nun freilich zu jener Verfeinerung, Besonderheit und Verinnerlichung des Subjektes führt, oder ob es umgekehrt die unterworfenen Objekte gerade durch die Leichtigkeit ihrer Erlangung zu Herrschern über den Menschen werden lässt - das hängt nicht mehr vom Gelde, sondern eben vom Menschen ab.
Seine [des Geldes] Bedeutung für den Stil des Lebens wird dadurch, dass es beiden möglichen Verhältnissen zwischen dem objektiven und dem subjektiven Geist zur Steigerung und Reife hilft, nicht aufgehoben, sondern gesteigert, nicht widerlegt, sondern erwiesen.
Seit der Geldwirtschaft stehen uns die Gegenstände des wirtschaftlichen Verkehrs nicht mehr unmittelbar gegenüber, unser Interesse an ihnen wird erst durch das Medium des Geldes gebrochen.
Im weiteren Maße tritt die Bedeutung des Geldwesens an seiner Steigerung, dem Kredite, hervor. Der Kredit spannt die Vorstellungsreihen noch mehr und mit einem entschiedeneren Bewusstsein ihrer unverkürzlichen Weite aus, als die Zwischeninstanz des baren Geldes es für sich tut. Der Drehpunkt des Verhältnisses zwischen Kreditgeber und Kreditnehmer ist gleichsam aus der gradlinigen Verbindung ihrer hinaus und in einer weiten Distanz von ihnen festgelegt: die Tätigkeit des einzelnen wie der Verkehr bekommt dadurch den Charakter der Langsichtigkeit und den der gesteigerten Symbolik… Im Kreditverkehr wird statt der Unmittelbarkeit der Wertausgleichung eine Distanz gesetzt, deren Pole durch den Glauben zusammengehalten werden.
Andrerseits aber scheint mir die Versuchung zum Leichtsinn [beim Kredit] gerade besonders verführerisch, wenn man das viele wegzugeben Geld nicht vor sich sieht, sondern nur mit einem Federzug darüber verfügt.
Es ist sehr bezeichnend, dass man das kursierende Geld flüssig nennt: wie einer Flüssigkeit fehlen ihm die inneren Grenzen, und nimmt es die äußeren widerstandslos von der festen Fassung an, die sich im jeweilig bietet.
Denn es ist mit Recht bemerkt worden, dass die Vermehrung der Tauschmittel über das Bedürfnis hinaus den Tausch verlangsamt, gerade wie die Vermehrung der Makler zwar bis zu einem gewissen Punkte verkehrserleichternd, über diesen hinaus aber verkehrserschwerend wirke.

Reichtum

Aber gerade zu so perversen Erscheinungen steigert sich mehr als einmal das Superadditum des Reichtums: der praktische Idealismus, etwa äußerlich unbelohnter wissenschaftlicher Arbeit, wird für gewöhnlich an einem reichen Manne mit größerem Respekt betrachtet, als ethisch hervorragender verehrt, als an einem armseligen Schulmeister!
Denn alles dies ist offenbar Ausdruck oder Reflex jeder unbegrenzten Freiheit der Verwendung, die das Geld allen anderen Werten gegenüber auszeichnet. Hierdurch kommt zustande, dass der Reiche nicht nur durch das wirkt, was er tut, sondern auch durch das, was er tun könnte: … darauf weist unzweideutig hin, dass die Sprache erheblichere Geldmittel als „Vermögen“ - das heißt als das Können, das Imstandesein schlechthin - bezeichnet.
Für die Mehrzahl der Menschen schiebt sich zwischen Wunsch und Befriedigung noch die Frage: was kostet es? und bewirkt eine gewisse Materialisierung der Dinge, die für den wirklichen Geldaristokraten ausgeschaltet ist. Wer Geld über ein bestimmtes Maß hinaus besitzt, gewinnt damit noch den zusätzlichen Vorteil, es verachten zu können.
Geld und Religion
Die Feindseligkeit, mit der die religiöse und kirchliche Gesinnung oft dem Geldwesen gegenübersteht, mag auch auf den Instinkt für diese psychologische Formähnlichkeit zwischen der höchsten wirtschaftlichen und der höchsten kosmischen Einheit zurückgehen und auf die erfahrene Gefährlichkeit der Konkurrenz, die gerade das Geldinteresse dem religiösen Interesse bereitet. („Gelt ist auff erden der irdisch got“, Hans Sachs)

Freiheit

Dieses Herausbilden der Persönlichkeit aus dem Indifferenzzustande der Lebensinhalte, der nach der anderen Seite hin die Objektivität der Dinge aus sich hervor treibt, ist nun zugleich der Entstehungsprozess der Freiheit.
Das Geld ermöglicht nicht nur, uns von den Bindungen anderen gegenüber, sondern auch von denen, die aus unserem eigenen Besitz quellen, loszukaufen; es befreit uns, indem wir es geben und in dem wir es nehmen. So gewinnen fortwährende Befreiungsprozesse einen außerordentlich breiten Raum im modernen Leben, auch an diesem Punkte den tieferen Zusammenhang der Geldwirtschaft mit den Tendenzen des Liberalismus enthüllend, freilich auch einen der Gründe aufweisend, weshalb die Freiheit des Liberalismus so manche Haltlosigkeit, Wirrnis und Unbefriedigung erzeugt hat.
Wenn der moderne Mensch frei ist - frei, weil er alles verkaufen, und frei, weil alles kaufen kann – so sucht er nun, oft in problematischen Velleitäten [kraftloses, zögerndes Wollen] an den Objekten selber diejenige Kraft, Festigkeit, seelische Einheit, die er selbst durch das vermöge des Geldes veränderte Verhältnis zu ihnen verloren hat… Dass der Geldwert der Dinge nicht restlos das ersetzt, was wir an ihnen selbst besitzen, dass sie Seiten haben, die nicht in Geld ausdrücken sind - darüber will die Geldwirtschaft mehr und mehr hinwegtäuschen.
Wie Freiheit nichts Negatives ist, sondern die positive Erstreckung des Ich über ihm nachgebende Objekte, so ist umgekehrt Objekt für uns nur dasjenige, woran unsere Freiheit erlahmt, d.h. wozu wir in Beziehung stehen, ohne es doch unserem Ich assimilieren zu können. Das Gefühl, von den Äußerlichkeiten erdrückt zu werden, mit denen das moderne Leben uns umgibt, ist nicht nur die Folge, sondern auch die Ursache davon, dass sie uns als autonome Objekte gegenübertreten.

(aus: Online Journal Nr. 56)