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25.3.2017 : 16:25 : +0100

Wirtschaft und Geld

Ein integraler Blick auf Wirtschaft & Finanzen – und acht Thesen zum Geld

Der Wilber-Kenner, Übersetzer von einigen seiner Bücher und Chefredakteur der Zeitschrift »Integrale Perspektiven« betrachtet hier unsere heutige Geldwirtschaft und ihre aktuellen Krisen aus seiner Sicht von Ken Wilbers »Theorie von allem«. Und präsentiert dann in der Form von acht Thesen einige Themen, die seiner Meinung nach in der aktuellen Diskussion über unser Geldsystem zu wenig Beachtung finden

 

von Michael Habecker

 

Das Unendliche manifestiert und verliert sich im Endliche n und erkennt und erfährt in einem fortwährenden Prozess der Bewusstwerdung sich selbst . Dies ist eine der Beschreibungsmöglichkeiten des Mysteriums der Schöpfung. Doch was bedeutet dieses Aufeinandertreffen von Ewigkeit und Endlichkeit, und welche Rolle spielt unser Wirtschaften dabei?

Die Manifestation können wir unterscheiden in eine

  • Physiosphäre (für d en grobstofflich-materiellen Bereich) als die Außenseite, und eine
  • Noosphäre (in Anlehnung an Pierre Teilhard de Chardin) für den geistig-ideellen Bereich, als die Innenseite von Manifestation. Beides entspringt der Kausalen (als der für alle Manifestation ursächlichen) »Sphäre«, dem Seinsgrund der kontemplativen Traditionen.

Alle drei Bereiche stehen allen Menschen zur Verfügung, als ein Geburtsrecht, wenn man so will, und das Erfahren, Beleben, Gestalten und Sich-darin-Entwickeln ist offenbar ein ganz wesentlicher Lebensinhalt. Diese Bereiche stehen nicht nebeneinander, sondern durchdringen einander, und wir als Menschen sind in ihnen allen beheimatet, mehr oder weniger bewusst und entwickelt.

Drei interagierende Sphären

Diese gegenseitig wechselseitige Beeinflussung der Sphären – der Ideensphäre und der materiellen Sphäre – wird besonders deutlich, wenn wir die Wirtschafts- und Finanzsphäre betrachten als einen Zwischenbereich und ein Bindeglied zwischen beiden. (siehe Abb.)

Die Noosphäre als ein praktisch unbegrenzter Raum an Ideen, Möglichkeiten, Visionen und Träumen ist eine geistige Spielwiese, wo wir uns alles vorstellen können. Die Physiosphäre bringt uns mit ihren materiellen Begrenzungen buchstäblich auf die Erde. Die Wirtschafts- und Finanzsphäre verbindet beide miteinander und sorgt dafür, dass »Träume Wirklichkeit werden« und sich manifestieren können (wobei noch nichts über die Qualität der Träume ausgesagt ist, auch Horrorvisionen wie tausendjährige Reiche können manifestiert werden, und das Thema Werte tritt in den Vordergrund – welche Visionen wollen wir Wirklichkeit werden lassen, und welche nicht?).

Die kausale »Sphäre« (als Seinsgrund) bleibt von all dem »auf ewig« unberührt.

Die Physiosphäre setzt Grenzen und Begrenzungen, z.B. durch die Endlichkeit von Stoffen wie den Rohstoffen. Sie kann jedoch durch Recyclingkreisläufe erweitert werden. Begrenzungen können sich auch aus einer nachhaltigen Wirtschaftsweise ergeben, wenn man etwa nicht mehr Holz in einem Wald ernten will, als nachwächst.

Die Noosphäre, als der Innenraum oder Geistesraum der Manifestation, ist von materiellen Begrenzungen befreit. Es ist erstaunlich, was ein paar Dutzend Kilo Lebendgewicht in Form eines Menschen alles geistig produzieren können – die Gedanken sind frei. Und diese Gedanken und Ideen drängen in die Manifestation. Die Sphäre und der Vermittler, in der dies geschieht, ist der Bereich von Wirtschaft und Finanzen.

Die Wirtschafts- und Finanzsphäre

Die Wirtschafts- und Finanzsphäre veranschaulicht auf besondere Weise die Wechselwirkung von Idee und Manifestation, und umgekehrt. Am Geld wird dies besonders deutlich. Es hat sowohl materielle als auch ideelle Aspekte. Zum einen ist es »nur ein Stück Papier«, doch der ideelle Glaube daran macht es zu einem universellen Tausch- und Machtmittel. Wird dieses Vertrauen erschüttert, z.B. bei einer Hyperinflation, ist Geld tatsächlich wieder nur ein Stück Papier. Geld bewertet (über den Preis) die Dinge der Physiosphäre (und auch der Noosphäre, wie bei Dienstleistungen oder sonstigen immateriellen Waren und Leistungen) und macht sie damit handelbar und wertvoll oder wertlos.

Geld kann sogar selbst zur Ware werden und einen Preis bekommen, wie den Zins als den Preis für die Überlassung von Geld. Geld kann sowohl materiell (Gelddrucken) wie auch ideell (Geldschöpfung) vermehrt werden und bekommt damit auch ein Stück mehr Grenzenlosigkeit, als wenn es materiell gebunden wäre (wie die Währungen vor der Freigabe der Bindung an eine bestimmte Menge Gold). Die Aufhebung der Goldpreisbindung war in dieser Hinsicht eine Befreiung des Geldes von den Beschränkungen der Physiosphäre (Goldvorräte) in die Noosphäre.

Es ist erstaunlich, was ein paar Dutzend Kilo Lebendgewicht in Form eines Menschen so alles geistig produzieren können – die Gedanken sind frei

 

Damit gehen jedoch auch Risiken einher. Ein derart befreites Geld kann sich sehr schnell und (von der Physiosphäre) ungebremst vermehren und sich damit auch immer mehr von der Physiosphäre abkoppeln. Das Ergebnis ist eine Krise der einen oder anderen Form (Inflation, Entwertung, Spekulationsblase). Statt mit den sehr viel konkreteren und überschaubaren Dingen wie Waren und Produkten wird dabei immer mehr mit Erwartungen gehandelt. Da die Physiosphäre in Geld bewertet wird, welches für die Austauschbeziehungen der Menschen untereinander eine große Rolle spielt, leidet diese mit darunter. Auch der Wirtschaftsbereich lebt in hohem Maß vom Ideellen. Haben materielle Güter über Jahrtausende das Wirtschaften der Menschen bestimmt, sind in den letzten Jahrzehnten gewaltige Märkte für nicht-materielle Güter und Leistungen entstanden, wie die Finanzmärkte, die Dienstleistungsmärkte und die Informationsmärkte, wo nicht mehr der physische Warenaustausch im Vordergrund steht, sondern Immaterielles. Für diese Märkte gibt es von den Möglichkeiten her erst einmal keine materiellen Begrenzungen. (Den Möglichkeiten an Dienstleitungen sind gedanklich keine Grenzen gesetzt, auch wenn die Durchführung einer Dienstleistung wie z.B. einer Beratung wiederum auf materielle Ressourcen – und damit Grenzen – stößt.)

Erwartungen

Besonders eindringlich und manchmal auch dramatisch zeigt sich der Zusammenhang zwischen Geist und Materie beim Thema Erwartungen. Wenn genügend Menschen steigende Immobilienpreise erwarten – ein Ereignis der Noosphäre –, dann kaufen sie Häuser, auch auf Kredit, weil die Häuser ja (so die Erwartungen) im Wert steigen und man sie notfalls auch wieder (mit Gewinn) verkaufen kann. Das funktioniert so lange, wie diese Erwartungen von genügend Menschen im kollektiven und individuellen Bewusstsein gehalten werden. Fallen die Erwartungen weg, und damit auch die Nachfrage nach Häusern, sinken die Preise, und es folgen meist hektische und angstgesteuerte Verkäufe, welche die Preise noch mehr fallen lassen. Wer dann auf Kredit finanziert hat, ist pleite, kann seine eigenen Erwartungen und die der Gläubiger nicht erfüllen, und steht zudem noch ohne Haus da. Die Immobilienblase ist geplatzt, mit materiellen und existentiellen Folgen für viele Menschen. Ähnliches gilt für alle handelbaren Waren dieser Erde. Besonders problematisch ist ein derart spekulatives Wirtschaften bei Lebens mitteln und anderen Grund- und Allgemeingütern.

Das Kreditgeschäft

Das Kreditgeschäft ist ein weiteres anschauliches Beispiel für das Wechselspiel von Glauben und Vertrauen (= Kredit, von lateinisch credere), von Können und Verwirklichen (Ersteres mehr ideell, Letzteres mehr materiell). Wenn ich kein Geld habe, mir aber etwas kaufen möchte, dann muss ich, wenn mir niemand das Geld schenkt, versuchen, einen Kredit zu bekommen. Wenn der Kreditgeber mir glaubt, dass er seinen Kredit plus Zinsen zurückgezahlt bekommt, dann wird er mir das Geld gegen Entgelt »leihen «. Soweit die ideelle Seite. Ob die Rechnung aufgeht, zeigt sich in der Manifestation. Ich muss jetzt Geld erwirtschaften, um Kredit und Zinsen zurückzuzahlen. Geht das nicht, dann platzt der Kredit. Ein Stückchen Geldmenge, das eben noch in Form einer Kreditforderung da war, ist verschwunden und mit ihm wahrscheinlich auch ein Stückchen Vertrauen meines Kreditgebers mir gegenüber.

Besonders eindringlich und manchmal auch dramatisch zeigt sich der Zusammenhang zwischen Geist und Materie beim Thema Erwartungen

 

Die aktuelle Schuldenkrise ist daher auch eine Krise übersteigerter Erwartungen (in die Leistungsfähigkeit der Schuldner) – sowohl von den Schuldnern als auch von den Gläubigern. Das eigene Leistungsvermögen wird überschätzt. Galten (im individuellen und kollektiven Bewusstsein) demokratische Staaten über Jahrzehnte als besonders kreditwürdig, wegen ihrer Möglichkeiten der volkswirtschaftlichen Leistungserbringung (Wirtschaftswachstum), ist dieses Vertrauen nun schwer erschüttert. Es ist zu bezweifeln, ob die von vielen Staaten in den zurückliegenden Jahrzehnten angehäuften öffentlichen Schulden je in vollem Umfang zurückgezahlt (»geleistet«) werden können. Die Gläubiger werden durch Forderungsverzicht ihren Beitrag zur Lösung der Schuldenkrise beitragen müssen. (In früheren traditionellen Gesellschaften wurden alle »Jubeljahre« die Schulden erlassen, und das Gläubiger- Schuldnerspiel konnte von Neuem beginnen.)

Vertrauen

Diese Zweiseitigkeit von ideellem Vertrauen, Erwartungen und materiellem (Leistungs- )vermögen gilt im Prinzip für alle Geldgeschäfte und das Wirtschaftsgeschehen insgesamt. Beim Kauf von Gemüse vertraue ich darauf, dass mir der Händler für das überreichte Geld seine Ware aushändigt, ebenso wie der Händler darauf vertraut, dass ich ihm echtes Geld gebe. Da beide Transaktionen praktisch zeitgleich geschehen, macht man sich den Vertrauens- und Erwartungsaspekt dabei nur selten bewusst. Anders ist die Situation bei Termingeschäften jeder Art, wo Geschäftsabschluss und Leistungserbringung zeitlich auseinanderfallen – was ein zeitliches und damit spekulatives Element mit größeren Chancen und Risiken mit sich bringt. Mit einem Bausparvertrag vertraue ich beispielsweise darauf, dass, wenn ich selber anspruchsberechtigt bin, es genügend andere gibt, die dann (in der Zukunft) einzahlen, damit ich günstigere Zinsen bekomme. Damit ist ein Zeitfaktor im Spiel, und Faktoren wie die demografische Entwicklung spielen eine Rolle. Bei der gesetzlichen Altersrente nach den Umlageverfahren (Generationenvertrag) wird dies besonders deutlich. Die klassische Alterspyramide der Bevölkerung hat sich heute in einen Pilz verwandelt, wo in den kommenden Jahren ein schmaler »Stamm« von Leistungserbringern einen großen »Hut« von Leistungsempfängern versorgen muss.

Visionen und Verheißungen

Visionen und Verheißungen sind etwas Großartiges. Wir finden sie in allen Kulturen, sie gehen der Menschheit leuchtend voran: Friede auf Erden, und den Menschen ein Wohlgefallen.

Moderne Formulierungen solcher Verheißung sind:

  • Alles ist möglich (und machbar)
  • Yes we can
  • Wohlstand für alle
  • Existenzsicherung für alle
  • Freiheit und Demokratie für alle
  • Regenerative Versorgung für alle
  • Frieden und Gerechtigkeit für alle
  • Gleichberechtigung für alle.

Doch wie können wir das realisieren und nachhaltig »auf die Erde bringen«?

In allen Sphären zu Hause sein

Der Kosmos oder die Schöpfung hält das Geschenk unterschiedlicher Daseinsbereiche für uns Menschen bereit, mit der Herausforderung und Lernaufgabe, damit umzugehen. Die kausale »Sphäre« ist unsere Heimat im Ungeborenen und in der Absolutheit. Der Kontakt dazu verbindet uns in jedem Lebensaugenblick mit dem »Jetzt« (so ein Buchtitel von Eckhart Tolle) als der großen Befreiung von der Bedingtheit aller Formen.

Die Physiosphäre, als ein Gegenpol, konfrontiert uns mit Vergänglichkeit, Begrenzung, Tod und Materie. Hier lernen wir mit der (im doppelten Wortsinn) allergröbsten Seite der Schöpfung umzugehen, ihren »Härten «, aber auch ihren materiell-sinnlichen Freuden und Möglichkeiten. Der Geist (im Sinne von Spirit) kommt hier buchstäblich auf den Boden; Himmel und Erde berühren sich. Mithilfe der Praxis von Nachhaltigkeit und Recycling können wir auf noch unabsehbare Zeit diesen unseren Planeten erhalten.

Visionen und Verheißungen gehen der Menschheit leuchtend voran:
Friede auf Erden, und den Menschen ein Wohlgefallen!

 

Die Noosphäre als der Raum der Vorstellungen im weitesten Sinn ist unsere geistige Heimat. Hier eröffnen sich ungeahnte Freiheiten, mit ebenso ungeahnten Konsequenzen. Wie wollen wir leben auf dieser Welt? Miteinander oder gegeneinander, mit der Physiosphäre oder gegen sie? Ein Wettstreit der Ideen, Vorstellungen, Erwartungen und Enttäuschungen prägt von Anbeginn an diesen Bereich. Im Laufe einer langen und leidvollen Menschheitsentwicklung können wir heute auf die Vorstellungen von allgemeinen Menschenrechten aufbauen, die, wenn auch noch längst nicht verwirklicht, sich doch mittlerweile in der Noosphäre etablieren konnten. Wie können wir diese in die (auch materielle) Welt bringen, zum Wohl aller Menschen und Wesen? Die integrale Landkarte gibt uns dafür wertvolle Orientierungshilfen. Dabei spielt die Wirtschaftsund Finanzsphäre eine wichtige Rolle. Sie ist ein Mittler und Instrument zu Regelung der Austauschbeziehungen der Menschen untereinander und für eine gerechte Verteilung der Güter dieser Erde.

Acht Thesen zum Geld

Die andauernde Schuldenkrise regt viele Menschen an, über Ursachen und Alternativen nachzudenken. Was die Ursachen angeht, sind auf der systemisch-funktionalen Seite (bei Wilber der untere rechte Quadrant) die Schuldigen schnell ausgemacht: das (Geld- und Finanz-)System, der Zins oder das Geld schlechthin. Revolutionäre Vorstellungen wollen das Geld oder das bestehende System sogar komplett abschaffen.

Auf der Bewusstseinsseite (den linksseitigen Quadranten) sind die Hauptverdächtigen für die Krise unsere Gier und unser Egoismus, und die Lösung besteht in einem menschlicheren, liebevollen und besseren miteinander Umgehen, einem neuen Paradigma des Mitgefühls, der Fürsorge und des Teilens.

Alle diese Überlegungen und Bemühungen sind wichtig und wertvoll. Doch keine Ursachenforschung und Darstellung von Alternativen, über die ich bisher gelesen habe, bietet ein zumindest in Grundrissen umfassendes (integrales) Bild der Situation. Deshalb trägt auch, bei allen guten Absichten, kaum eine von ihnen zu einer Lösung bei. Was mir fehlt, ist

  • eine differenzierte Entwicklungsperspektive, vor allem was die individuelle und kollektive menschliche Bewusstseinsentwicklung angeht, mit der Berücksichtigung aller Entwicklungsstufen und ihren Auswirkungen auf das Wirtschafts- und Finanzwesen;
  • ein Umriss menschlicher Psychodynamik, die uns auch in Zukunft begleiten wird, vor allem mit ihren Schattenseiten, und
  • eine integrierte Betrachtung innerer und äußerer, sowie individueller und kollektiver Faktoren (den Quadranten in Wilbers Modell).

Im Folgenden möchte ich, als eine Anregung und als ein Anfang für eine umfassendere Betrachtung zum Thema Geld, acht Thesen präsentieren, die in der öffentlichen Diskussion meines Erachtens zu wenig Beachtung finden, obwohl sie eine entscheidende Rolle sowohl bei der Ursachenforschung wie auch bei der Lösungssuche spielen.

These 1

Solange es Menschen gibt, gibt es (Austausch-)Beziehungen zwischen Menschen. Diese Beziehungen haben unterschiedliche Formen wie:

a) Schenken

b) Leihen (unentgeltlich)

c) Tausch

d) Kauf

e) Mieten oder Pachten (gegen Entgelt, den »Zins«)

a, b und c finden ohne Geld statt, d.h. es existieren bereits immer schon Wirtschaftsformen ohne Geld, und diese stellen den Löwenanteil der Austauschbeziehungen menschlichen Miteinanders dar.

Für d) und e) braucht es ein Zahlungsmittel und/oder eine Recheneinheit. Deshalb wird es immer so etwas wie Geld geben, unter welcher Bezeichnung auch immer, so dass Menschen diese Formen ihrer Austauschbeziehungen leben können. Forderungen nach einer Abschaffung von Geld sind »nicht von dieser Welt«.

Wie jedoch Menschen diese Formen von Austauschbeziehungen miteinander leben, hängt entscheidend von ihrer jeweiligen Entwicklungsstufe und Psychodynamik ab: egozentrisch-traditionell-modern-postmodernintegral. Daher ist keine dieser Austauschbeziehungen für sich gut oder schlecht, sondern es kommt darauf an, wie sie Menschen miteinander leben und gestalten. Auf den unteren Ebenen spielen Macht, Manipulation, Ausbeutung und Betrug eine Rolle, auf den oberen Ebenen geht es um Gerechtigkeit, Fairness, Solidarität und die Schaffung von win-win Situationen. Die Form der Austauschbeziehung ist also weder gut noch schlecht an sich. Auch eine Schenkung kann manipulativ eingesetzt werden, um bei einem anderen Menschen ein Schuld- und Abhängigkeitsgefühl zu erzeugen, oder es kann ein Zinsgeschäft zu beiderseitigem Vorteil sein, ohne dass andere dabei Schaden nehmen.

These 2

Miete und Pacht sind Formen von Austauschbeziehungen, bei denen ein Partner etwas überlässt (z.B. Wohnung, Grundstück, Geld) und der andere Partner dafür einen Zins bezahlt (Mietzins, Pachtzins, Geldzins). Ist das »Miet«objekt Geld, spricht man von einem Kreditgeschäft, bei dem ein Kreditzins gezahlt wird. Auch diese Form der Austauschbeziehung wird nicht verschwinden, solange Menschen sich dafür entscheiden, und daher ist auch die Abschaffung von Zinsen nicht von dieser Welt. Vielmehr geht es (wie auch bei These 1) darum, diese Art von Austauschbeziehung immer bewusster, fairer und gerechter miteinander zu gestalten. Die einem Zins innewohnende Wachstumsdynamik muss sich dabei an den Gegebenheiten vor allem der Physiosphäre orientieren, und die Finanzmärkte brauchen, wie von der Gemeinwohlökonomie von Christian Felber vorgeschlagen, klare Grenzen und Regeln, die sich am Wohl aller Menschen orientieren.

These 3

Geld kommt zu Geld (und Eigentum zu Eigentum und Besitz zu Besitz). Es ergibt sich aus dem menschlichen Miteinander, dass jemand, der schon etwas hat, dies »zu Geld« machen kann (vermieten, verpachten), ohne dafür arbeiten zu müssen, während jemand, der nichts hat, nur seine Arbeitskraft einsetzen kann. Diese Grunddynamik lässt sich m.E. nur durch eine Kombination aus Freiwilligkeit und Pflicht erreichen, d.h. a) durch den freiwilligen Einsatz der bereits bestehenden Möglichkeiten von Schenkung und unentgeltlicher Leihe, und b) durch staatlich verordnete Abgaben und Steuern auf Eigentum und Transaktionen (»Umverteilung «). Bei beidem spielt wiederum die (ethische) Entwicklung eines Menschen oder einer Gemeinschaft (»staatliche Politik«) eine wesentliche Rolle. Je höher diese ist, desto bereitwilliger werden Menschen, die etwas haben, dies mit anderen Menschen teilen, die etwas brauchen. Es geht darum, eine Dynamik zu verhindern, bei der die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden. Hier setzt die Gemeinwohlökonomie Christian Felbers an. Er schlägt Obergrenzen für Vermögen, Einkommen und Erbschaften vor. Was unterhalb dieser Grenzen ist, ist privat, was oberhalb ist, gehört allen und wird weggesteuert und verteilt.

These 4

Es ist nicht so, dass ein grundsätzlich egoistisches Ich durch ein grundsätzlich besseres Wir kontrolliert und zu einem sozialen Verhalten (durch Enteignung, Sozialisierung und hohe Abgaben) gezwungen werden muss. Und es ist auch nicht so, dass ein grundsätzlich gutes Ich von einem ständig übergriffigen (und schlechteren) Wir geschützt werden muss, z.B. durch eine Verabsolutierung des Privateigentums (die radikalliberale Unterstellung). Die integrale Theorie und Praxis gibt weder dem Ich noch dem Wir das Primat, sondern betrachtet beide, das Individuelle und das Kollektive, das Liberale wie das Soziale, als zwei sich miteinander entwickelnde Dimensionen der Schöpfung und fördert daher die Entwicklung und das Miteinander von beidem. Dabei hat sowohl das Individuum Rechte und Pflichten gegenüber der Gemeinschaft, wie auch die Gemeinschaft Rechte und Pflichten gegenüber dem Individuum. Beides miteinander in Balance zu bringen, ist eine zentrale Aufgabe einer integralen Politik.

These 5

Geldschöpfung und Geldvernichtung ist an sich nichts Schlechtes, sondern es sind notwendige und auch systemische Regulative, damit eine Geldmenge in etwa der Menge der Waren und Dienstleistungen entspricht, die Menschen in ihren Austauschbeziehungen miteinander handeln, um ein stabiles Preisniveau zu erhalten. Diese These besagt, dass am bestehenden Geldsystem nichts Grundsätzliches geändert werden muss. Damit Geldmenge einerseits und Waren- und Dienstleistungsmenge andererseits in einem realistischen Verhältnis miteinander stehen, muss die Geldmenge sich verändern können, und tut dies auch durch die Aktivitäten aller Beteiligten, durch Staat, Banken und Geldnutzer. Gleichzeitig ist der Umfang aller angebotenen und nachgefragten Waren und Leistungen in einem ständigen Wandel. So hat die Erfindung des Internet zum Beispiel zu völlig neuen Möglichkeiten von Austauschbeziehungen geführt und neue Märkte geschaffen. Die Erhöhung der Geldmenge geschieht durch Gelddrucken und Geldschöpfung, und die Verringerung (als Wertverlust) durch Inflation und Forderungsausfälle. Damit wird die eigentliche Gestaltungsaufgabe der Politik im Rahmen einer nachhaltigen Finanzwirtschaft deutlich:

  • Die Wahrung des Geldes und seines Wertes als ein universelles Tauschmittel
  • Die Steuerung der Geldmenge im Verhältnis zum Waren- und Dienstleistungsangebot, so dass Inflation (zu große Geldmenge) und Deflation (zu geringe Geldmenge) verhindert werden
  • Eine nachhaltige Fiskalpolitik, die weitgehend ohne Schulden auskommt (und Forderungsausfälle und Staatsbankrotte vermeidet). Dazu müsste der Anteil der Ausgaben, die ein öffentlicher Haushalt für den Schuldendienst ausgeben darf, nach oben begrenzt werden, z.B. auf 10% des Gesamthaushaltes (mit Ausnahmen nur bei nationalen Notstandssituationen)
  • Eine gerechte, d.h. sowohl liberale Freiheiten wie auch soziale Verantwortung berücksichtigende Besteuerung, bei der sich sowohl »Leistung lohnt« (liberale Freiheit) als auch »Solidarität gelebt« wird (siehe auch die nächste These).

Die Annahme, dass alle Menschen vernünftig, einsichtig oder sozial und ökologisch denken und handeln, ist leider nicht realistisch

These 6

Die Balance von liberaler Freiheit, sozialer Verantwortung und ökologisch-systemischer Notwendigkeit ist eine wesentliche politische Gestaltungsaufgabe. Politische Systeme mit einer einseitigen Betonung von Liberalität führen zu rücksichtslosen Egoismen, die enormes Leid verursachen und enormen Schaden anrichten. Der »freie Markt« führt nicht zu einem Wohlstand für alle, sondern dazu, dass die Reichen immer reicher werden (s.o.). Politische Systeme mit einer einseitigen Betonung des Sozialen führen zu Sozialismen, die im Extremfall dazu führen können, dass das Land eine Mauer um sich herum bauen muss, damit die Bürger nicht davonlaufen. Auch diese Systeme verursachen enormes Leid und richten enormen Schaden an. Es braucht für eine gesunde gesellschaftliche Entwicklung sowohl liberale Freiheiten als auch soziale Verantwortung, und auch die Einsicht in ökologisch-systemische Notwendigkeiten und die Erhaltung der natürlichen und kulturellen Lebensgrundlagen (wozu auch nachhaltige und allen Menschen dienende Wirtschafts- und Finanzsysteme gehören).

These 7

Es gibt unterschiedliche Ebenen von Bewusstheit und Horizonte der Verantwortung, aus denen heraus Menschen (wirtschaftlich) handeln. Diesen muss die Politik Rechnung tragen. Entgegen der landläufigen Meinung vieler betriebswirtschaftlicher Standardwerke ist der Mensch keineswegs nur ein »homo oeconomicus«, der vernünftig und rational handelt, sondern das intentionale Spektrum menschlichen Bewusstseins und Handels reicht von extrem egoistisch bis zu extrem altruistisch, wobei ein erheblicher Teil der Menschen sich wohl in der unteren, mehr durch den Eigennutz geprägten Hälfte des Entwicklungsspektrums befindet.

These 8

Demokratie ist anfällig für eine Gefälligkeitspolitik (anstatt einer Notwendigkeitspolitik). Da Politiker in demokratischen Staaten auf Wählerstimmen angewiesen sind, und da Geld Ausgeben angenehmer und »gefälliger« ist als Geld einzufordern, neigt Politik dazu, das Gemeinwesen zu ruinieren. Daher braucht es verfassungsmäßige Begrenzungen, wie z.B. eine unter These 5 angeführte verfassungsgarantierte Begrenzung der öffentlichen Ausgaben für den Schuldendienst, um den Bestand eines Gemeinwesens zu sichern.


Quelle: www.connection.de · September-Oktober 9-10/2013