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20.11.2017 : 8:57 : +0100

Zum Buch Geld und Schuld

Michael Habecker

Ich habe in den 1970er Jahren in Berlin an der Technischen Universität Wirtschaftsingenieurwesen studiert. Ein wesentlicher Teil des Studiums bestand aus den Fächern Betriebswirtschaftslehre (BWL) und Volkswirtschaft (VWL). Diese Zeiten waren politisch unruhige Zeiten, noch sehr stark geprägt von den 68er Bewegungen. Dazu bildeten die beiden Fächer BWL und VWL, und natürlich auch die Ingenieurwissenschaften, einen nüchternen Gegensatz, wie man ihn sich schärfer kaum vorstellen konnte. Es geschah immer wieder, dass in Seminaren und Vorlesungen „linke“ Systemveränderer den Professoren und Dozenten auch die Systemfrage stellten und deren Diskussion wütend einforderten, doch diese antworteten darauf nur kühl, dass derlei Fragenstellung außerhalb ihres Fach- und Erkenntnisbereiches lägen und deshalb hier nichts zu suchen hätten.

Ein nach wie vor gültiges Standardwerk der Betriebswirtschaftslehre, der „Wöhe1“, vermerkt lapidar zu Beginn:

„Das Handeln eines Unternehmers wird ja nicht nur von wirtschaftlichen, sondern auch von ethischen und sozialen Motiven beeinflusst. Die Betriebswirtschaftlehre kann ihm stets nur eine Komponente – die rein wirtschaftliche – als Grundlage seiner Entscheidungen liefern, niemals aber fertige Rezepte für sein Handeln. Diese Entscheidungen trifft der Unternehmer nicht als „reiner Wirtschafter“, als „homo oeconominus“, sondern als Mensch, in dessen Leben es auch andere Bereiche gibt, die in einer Rangordnung der Werte über den wirtschaftlichen stehen sollten.“

Dieses Zitat ist schon alles, was sich in diesem klassischen Lehrwerk mit über 1000 Seiten zur psychologischen und kulturellen Dimension der Betriebswirtschaftslehre findet, und in der klassischen Volkswirtschaftslehre sieht es nicht anders aus2. Mit dem Hintergrund der integralen Theorie wird klar, dass hier ausschließlich aus der Perspektive des unteren rechten Quadranten Wissenschaft betrieben wird, und dabei das gesamte Innerliche, Bewusstsein, Geist, Psychologie, Intentionen, Kultur, kollektive Meinungen usw. komplett ausgeblendet werden.

Etwas Entscheidendes geht verloren, und das dämmerte mir schon während meines Studiums und meinem sich daran anschließenden Berufsleben in der Industrie. Die größten Herausforderungen dabei waren psychologischer und gruppendynamischer Art, doch davon hatte ich in meinem ganzen bisherigen Ausbildungsleben nie etwas gehört. Das Leben selbst wurde hier zum Ausbilder, und mit dem Studium der integralen Theorie wurde dann schlagartig und differenziert klar, was der BWL, VWL und auch den Ingenieurwissenschaften schmerzlich fehlt.

Seitdem bin ich auf der Suche nach expliziten Darstellungen zum Thema, in denen die Grundelemente der integralen Theorie, die Quadranten (als das innerliche und das äußerliche des individuellen und des Kollektiven) und das Thema Entwicklung berücksichtigt und aufgenommen sind und in die Theoriebildung und die daraus abgeleiteten praktischen Implikationen eingehen.

Das Buch Geld und Schuld von Raimund Dietz ist ein Beispiel dafür, ohne dass der Autor sich speziell auf Wilber bezieht, auch wenn er ihn im Buch erwähnt und einer Diskussion und Einbeziehung von Wilbers Modell gegenüber sehr offen ist. Ich habe die Lektüre als erfrischend und bereichernd erlebt, gerade weil die „üblichen“ Veröffentlichungen zum Thema Geld, Wirtschaft und Gesellschaft oft mit Einseitigkeiten („Absolutismen“) und unreflektierten eigenen Projektionen belastet sind. Davon ist das Buch Geld und Schuld - soweit ich das beurteilen kann - weitgehend frei, und daher ist seine Lektüre auch im besten Sinne des Wortes befreiend.

Im Zentrum des wirtschaftlichen und auch gesellschaftlichen Geschehens - und hier schließt Raimund Dietz an Georg Simmel und sein 1900 veröffentlichtes Grundlagenwerk Philosophie des Geldes an - steht die Austauschbeziehung im weitesten Sinn, das Inter-Subjektive, das „Wir“ als eine Ich-Du Begegnung. Und schon dadurch sind, wenn man berücksichtigt, dass Beziehung immer auch - intersubjektiv - Beziehung zwischen Individuen ist, die vier Quadranten voll berücksichtigt. Zwei oder mehr Individuen mit ihren Bewusstseins- und Verhaltensaspekten tauschen sich wechselseitig aus. Ein Aspekt dieses Austausches ist Wirtschaft, und ein ganz wesentlicher „Ermöglicher“ und Unterstützer dieser Austauschbeziehung ist Geld. Das ist, wenn man so will, die Keimzelle von Wirtschaft, aus der sich alles andere heraus entwickelt. Und Wirtschaft wird hier, ganz im Sinne der innerlich/äußerlich Differenzierung, sowohl als ein kulturelles als auch ein systemisches Ereignis erfasst und beschrieben, welches sich in Entwicklung befindet.

 

Zu einzelnen Themen des Buches:

Was ist „System“?

Das (Wirtschafts)system wird hier nicht nur, wie so häufig in der Literatur der BWL und VWL, von außen betrachtet, und nicht nur, wie bei Niklas Luhmann, allein aus Kommunikation erklärt, sondern auch und vor allem als ein Kulturereignis betrachtet, gebildet von mit Bewusstsein ausgestatteten Menschen in ihren Austauschbeziehungen.

Was ist Gesellschaft?

Auch wenn das Buch Kritik an bestehenden Wirtschafts- und Finanzverhältnissen übt, so ist es doch kein „gesellschaftskritisches“ Buch, sondern ein unsere Bürgergesellschaft würdigendes Buch, welches die großartigen Leistungen, die in modernen Gesellschaften vollbracht wurden und werden, herausstellt. „Ich verwende ganz bewusst den Ausdruck zivile Gesellschaft und setze ihn mit bürgerlicher Gesellschaft gleich. Die bürgerliche = zivile Gesellschaft ist ökonomisch eine sich über den Tausch vergesellschaftende Sozietät.“3 Die Eigenschaften einer Bürgergesellschaft stellt der Autor auf Seite 385 zusammen. Der „kommunikativ/soziale Innenraum der Gesellschaft“ wird als eine „Fabrik“ der Werte und Bedeutungen gesehen, „auf die sich die Bürgergenossen in ihren Produktions-, Konsum- und Austauschhandlungen beziehen.“

Wachstum

Aus der „morphologischen Struktur des Geldes“ ergibt sich für Dietz ein „monetärer Wachstumszwang“, den er jedoch nicht als grundsätzlich negativ bewertet, sondern als eine Voraussetzung für reales Wachstum erkennt. „Das macht die menschliche Wirtschaft aus: sich in die Zukunft zu entwerfen; durch Fiktion Realität ermöglichen“. Die Probleme, die damit verbunden sind, spricht er jedoch auch klar an: zum einen das Problem einer Verselbständigung von monetärem Wachstum ohne reales Wachstum und das Problem einer (nicht nur aber auch) wachstumsindizierten Ausbeutung der natürlichen Ressourcen und Lebensgrundlagen.

Wirtschaft

„Geld transformiert traditionelle in moderne Gesellschaften. Es bringt, wie schon Marx sagt, die Verhältnisse zum Tanzen. Die traditionellen Gesellschaften beruhten auf Selbstversorgung, ergänzt durch gelegentlichen Naturaltausch. Manchmal wurden auch schon Münzen verwendet. Die modernen Gesellschaften beruhen darauf, dass Menschen sich fast völlig auf den Austausch einstellen.“ Dieser Prozess ist vom Geld getragen. Das Wirtschaftsgeschehen selbst ist ein lebendes, autopoietisches System. Es geht dabei vor allem um zwischenmenschliche (Austausch-)Beziehungen mit „Geben, Nehmen und Ausgleichen als Grundoperationen.“ Diese haben in unserer heutigen Gesellschaft zu einer hohen gegenseitigen Abhängigkeit bei gleichzeitig einem hohen Grad an individueller Freiheit und Unabhängigkeit geführt. Ein weiterer Verständniszugang zum Wirtschaftsgeschehen ist die „Dialektik der Fluss- und Bestandsgrößen (Flows und Stocks)“.

Gerechtigkeit

„Reiche dürfen in einer Bürgergesellschaft nicht zu reich werden, Arme nicht zu arm, denn im Unterschied zu feudalen Verhältnissen kann der Produzent oder Verkäufer nur reich werden, wenn er den Arbeiter/Angestellten, der als Konsument und Käufer auftritt, ordentlich bezahlt. Seine Ausgaben sind deren Einnahmen, deren Ausgaben sind seine Einnahmen.“ Auch „die Möglichkeiten der Schuldner, ihre Schulden zu begleichen, hängt vom Ausgabeverhalten der Gläubiger ab. Einer Rückführung der Schulden steht die wachsende Diskrepanz von reich und arm entgegen. Nur gleichgewichtiges Wachstum ist nachhaltiges Wachstum.“ „Eigentümern steht im Prinzip der gesamte Ertrag zu. Daher ist das Verteilungsproblem Dauerbrenner jeder Geldwirtschaft.“

Geld

Geld ist ein Artefakt, ein „Joker“, der Wirtschaftsgeschehen antreibt. Es „gründet sich auf Vertrauen, welches es sich in Milliarden von Transaktionen ‚verdient‘“. „Die Geldform ist die eigentliche Realität der Wirtschaft.“ „Geld ist das gesellschaftliche Medium.“ Es ist nicht nur das liquidste Asset4, es macht die Welt in gewissem Sinne liquide, d.h. verfügbar. Geld übt seine Funktion als Zahlungsmittel umso besser aus, je weniger stofflich es ist. Entmaterialisiertes Geld – sogenanntes Fiat-Money kann in beliebiger Menge hergestellt werden. Aber es muss knapp gehalten werden. Dafür müsste eine unabhängige, staatliche Instanz verantwortlich sein. Das hat zur Konsequenz, dass entmaterialisiertes Geld einen starken und verlässlichen Staat „zur Gestaltung der Geldverhältnisse“ braucht. Beim edelmetallgebundenen Geld ist die Knappheit des Geldes durch die Knappheit des Edelmetalls gewährleistet.

 

Hier zeigt sich wiederum die wechselseitige Bedingtheit von Individualität und (auf Gemeinnutz hin orientierter) Staatlichkeit oder Kollektivität.

Geld ist ein „Mittel zum Ausgleich“. Wenn nicht gezahlt wird, entsteht eine Schuld. So ist Geld im Prinzip ein „Mittel zur Schuldvermeidung“. Durch das Geld wird, anders als in Natur- und Selbstversorgergesellschaften, Schuld eindeutig und quantifizierbar. Dies fördert die Kooperation und zwischenmenschlichen Austausch („Uneindeutigkeit der Schuld behindert Kooperation“).

 

„Aber die Eindeutigkeit und damit Berechenbarkeit der Schuld, und noch mehr, die Handelbarkeit von Schuldtiteln verführt zu unsinniger Schuldenmacherei.

Heute stecken wir bis zum Hals in Schulden. Das ist die Folge der Illusion, reicher und immer reicher zu werden, indem wir Forderungen gegen andere erwerben. Aber Forderungen sind nur werthaltig, wenn sie auch bedient werden können. Das ist nur zunächst zwar möglich, wenn sich Schuldner weiter verschulden. Um aber Schulden bedienen und letztlich zurückzahlen zu können, müssen Gläubiger ihre Forderungen zumindest teilweise liquidieren. Ganz so wie der Verkäufer (Unternehmer) nur verkaufen kann, wenn der Käufer (Angestellter, Arbeiter) Geld hat, so kann auch der Gläubiger seine Ansprüche dem Schuldner gegenüber nur durchsetzen, wenn er seine Forderungen wenigstens teilweise liquidiert und mit den freigesetzten liquiden Mitteln Leistungen der Schuldner nachfragt. An diesen Beispielen erhellt sich der Charakter der Bürgergesellschaft als großer wechselseitiger Zusammenhang, der unter vormodernen Verhältnisse so nicht existierte und erst mit der Geldwirtschaft begründet wurde.“

Geldschöpfung/Schulden

„Geld ist also Tauschmedium. Aber als solches muss es in einer bestimmten Menge zur Verfügung gestellt werden, um als Transaktionskasse, Wertaufbewahrungsmittel usw. zu dienen.“ Mögliche Formen des „unter die Leute Bringens“ und Vermehrens von Geld sind: Verschenken bzw. Verstreuen von Geld, Kauf von Waren und Kredit. Eine Wirtschaft braucht „ständig frisches Geld (ohne diesen „Vorgriff“ kann eine arbeitsteilige Wirtschaft nicht existieren).“

Die mit dem Wachstum verbundene Geldschöpfung und das damit im Zusammenhang stehende Sich-Verschulden ist für Dietz nicht grundsätzlich negativ, auch wenn damit negative Begleiterscheinungen verbunden sein können. „Es ist zwar richtig, dass Geldschöpfung, je nach Auslastung der Wirtschaft, einen inflationären Effekt hat. Aber dieser Effekt wird bei einer maßvollen Geldschöpfung durch die nachfolgende Kapazitätsausweitung ‚geheilt‘.“ Die „Funktion von Schulden in der Wirtschaft“ werden ausführlich auf den Seiten 175ff und 389ff erläutert.

Kapital

Kapital definiert der Autor als Rückbezüglichkeit des Geldes auf sich selbst: Man setzt Geld ein, um auf Umwegen mehr Geld zu erwerben. „Der Unternehmer muss diesen Umweg gehen. Denn es ist nun mal so, dass Produktion Zeit kostet. Der Unternehmer muss heute Geld auftreiben, um morgen produzieren und übermorgen verkaufen zu können. Warenproduktion erfolgt mit Hilfe von Waren. Der Geldeinsatz steht am Beginn jeder unternehmerischen Tätigkeit. (Vorher muss der Unternehmer natürlich wissen, was er tun will, und abschätzen, ob sich sein Projekt rechnet. Der Geist geht also dem Gelde voraus.) Unternehmen haben also einen Finanzierungsaufwand. Dieser Vorschuss ist ihr Geldkapital, das nötig ist, um Wirtschaftswerte zu erzeugen. Ist Geld einmal investiert, ist es in der Produktion gebunden. Man befreit es aber wieder, indem man die Geldvorschüsse handelbar macht, z.B. in Form von Aktien. Der Wert der Aktien hängt daher davon ab, dass an weitere Steigerungen der Aktien geglaubt wird.“

„Kapital ist eine soziale und gleichzeitig gegenständliche, d. h. in einem Gegenstand (Forderungstitel: Unternehmensanteil, Aktie, Staatsschuldverschreibung, Obligation, Derivat) verkörperte Form. Es stellt einen Geldwert dar und beruht auf einem Forderungs- bzw. Schuldverhältnis.“

Aber „Kapital“ ist nicht nur der Geldvorschuss für produktive Tätigkeiten, sondern jeglicher Geldvorschuss zum späteren Erwerb von Geld und mehr Geld. Man nimmt einen Kredit auf und erwirbt eine neue zins- oder renditetragende Forderung. Damit wird mit einer Unterschrift das vorhandene Kapital erhöht. Der Betriebswirt spricht von Bilanzverlängerungen. „Während die Produktion von Gütern physischen Begrenzungen unterliegt, können Assets als Schuldkontrakte frei erschaffen werden. Es braucht nur die Zustimmung der Beteiligten. Kein Wunder, dass die Kapitalwelt rascher als die Güterwelt zunehmen kann.“ Die „Selbstbezüglichkeit“ des Geldes lässt die Kapitalmärkte, wenn sie sich selbst überlassen bleiben, schneller wachsen als die Gütermärkte. „Kapital“ ist und bleibt aber letztlich immer ein Anspruch auf Güter. „Die Krisenneigung baut sich auf, wenn die Ansprüche ins Beliebige ausgedehnt werden.“

Schuldenwirtschaft

„Keine Gesellschaft kann schuldenfrei wirtschaften, denn nicht immer ist ein unmittelbarer Ausgleich durch Bezahlung möglich oder sinnvoll.“ „Das Wachsen [des Geldvermögens] erfolgt durch Geldschöpfung, Verschuldung innerhalb des Publikums, Aufwertungen und durch Sachakkumulationen. Das Schrumpfen erfolgt durch Preisrückgänge, Schuldnerdefault, Inflation und Verschleiß bei Sachgütern.“ Ist ein Ausgleich von Schulden nicht mehr möglich, dann unterscheidet der Autor unterschiedliche „Strategien der Vermögensvernichtung“, und zwar a) Schuldenerlass bzw. Konkurs, b) Künstliches Wachstum durch Inflation und c) Vermögenskonfiszierung (Steuern und Abgaben) mit jeweils ganz unterschiedlichen sozialen Auswirkungen. „Nur wenn dem Geld Grenzen gesetzt werden, kann eine Geldwirtschaft funktionieren.“

Eine Differenzierung der Märkte entsprechend ihrem Niveau an Rückbezüglichkeit nimmt der Autor wie folgt vor:

Basis: Gütermärkte Stufe 0

Geld Stufe 1 (für alle Tauschebenen)

Aktien, Hypotheken, Staatsanleihen Stufe 2

Derivate Stufe 3

Derivate von Derivaten Stufe 4

Dabei nimmt die Stabilität von Stufe zu Stufe ab. Jeder höhere Markt „transzendiert“ in gewisser Weise seine Vorgänger, aber er baut auch auf ihnen auf und benötigt ihre Existenz zu seiner Existenz. Daher ist es eine politische Aufgabe, das „Abheben“ und sich Verselbstständigen von Märkten ohne Rückbindung zur Basis zu verhindern.

Die Austauschbeziehung (Der Tausch)

„Indem wir den Tausch, d. h. das Geben, Nehmen und Ausgleichen zum basalen Element der Theorie machen, finden wir einen Weg zu einer integrativen Humanwissenschaft, denn der Tausch ist der ‚Ort‘, an dem ökonomische, gesellschaftliche und psychische Wirklichkeiten erzeugt werden.“ Der Tausch ist die Weiterentwicklung seiner primitiven Vorläufer von Raub und Diebstahl innerhalb einer Gewalthierarchie, weil er mittels Geben und Nehmen einen Ausgleich auf der Basis eines wechselseitigen Einverständnisses schafft. Damit rücken zwischenmenschliche Eigenschaften wie Vertrauen und Dankbarkeit in den Vordergrund. „Aus dem Tausch entsteht das Gebäude objektiver Formen wirtschaftlicher Kultur.“ Jedoch ist „Natur […] kein (Tausch)Partner“, und daher ist es eine politische Aufgabe, die „Naturnutzung kostenpflichtig [zu] machen.“ Die „Arbeitsteilung verwandelt den Hang zum Ausgleich in systemischen Zwang.“ Dies verstärkt gleichzeitig die individuelle „Freiheit und die Zugehörigkeit durch Ausgleich“. Der „Tausch ist ein Kontakt zwischen ökonomischen Subjekten“, und die „Zahlen, die im Tausch entstehen, nennt man Preise.“ „Der Wert der einen Ware wird durch die Mengen der anderen ausgedrückt und damit objektiviert (Tauschwirtschaft). Im Tausch entfalten sich die Wertformen, wobei im Tausch eine Objektivierung der zunächst nur subjektiv empfundenen Werte stattfindet und im Geld gipfelt.“ Kurz: die „Keimform“ der Wirtschaft ist der Tausch und ihr „Treibsatz das Geld“.

Wertformen

Als Wertform bezeichnet Karl Marx in seinem Werk "Das Kapital" den Ausdruck der Werte von Waren im Kapitalismus. „Werte erhalten ihren Ausdruck in der Menge einer anderen Ware.“ Damit sind „Wertformen (emergente) Vergegenständlichungen sozialer Beziehungen.“

Doch es gibt, und hier setzt die Kritik von Dietz an Marx an, keine absolut/objektiven Werte, wie Marx sie im Anschluss an die Klassiker im Arbeitswert annimmt. Vielmehr entstehen die Werte inter-subjektiv, d.h. innerhalb der Austauschbeziehungen, natürlich auch unter Berücksichtigung objektiver Gegebenheiten. „Das, was Marx für Substanz hält – den Arbeitswert – ist reine Fiktion. Umgekehrt sind Wertformen nicht, wie Marx meint, bloße Erscheinungsformen des Wertes, sondern gesellschaftliche Tatbestände und das, was Wirtschaft konstituiert.“ Wertformen sind Symbole, an der sich die Wirtschaft entwickelt und ausdifferenziert. Allerdings müssen diese die Symbole noch auf einen Realzusammenhang verweisen. „Die Funktionsfähigkeit der Wirtschaft hängt von einem angemessenen, ‚gesunden Reifegrad der Wertform‘“ ab.

„Die Wertform ist unverzichtbar, aber sie muss angemessen und sie muss uns auf einen Sinn hin orientieren.“

Die Unterdrückung von Märkten und damit auch von Austauschbeziehungen, wie sie der Sozialismus anstrebt, zerstört das Wirtschaftsgeschehen: „wo kein Geld, da keine Musik“. Auf der anderen Seite kann eine mangelnde Regulierung zu einer „Hypertrophie“ von Märkten führen, mit zu vielen überflüssigen und schädlichen Finanzprodukten (was heute als Neo-Liberalismus zu Recht kritisiert wird). „Das moderne Finanzsystem ist hypertroph.“ (Dies erläuterte Autor ausführlich ab Seite 212). Der dabei entstehende Schaden ist nicht nur systemischer, sondern auch kultureller Art. „Die Hypertrophie ruiniert die Tugenden bürgerlicher Kultur (Leistung, Ertrag, Verantwortung, Fairness, etc.).“ Es ist daher die Aufgabe einer “Ordnungspolitik für einen angemessenen Reifegrad der Wertform [zu] sorgen.“ (Vorschläge dazu macht der Autor ab Seite 218).

Zur Finanzkrise

„Finanzkrisen sind Überschuldungs- und Überforderungskrisen (Forderungen/Schuldtitel wachsen seit Jahrzehnten rascher als der Wert der Gegenstände – Wertschöpfung -, auf die sie sich beziehen.)“ (Die Gründe und Mechanismen werden ab Seite S. 224 erläutert). Dabei stützt sich Dietz auf das Studium von Finanzstatistiken insbesondere der USA und z.B. auf die Buchveröffentlichung Dieses Mal ist alles anders, in der die Systemzusammenbrüche der letzten 800 Jahre analysiert werden. „Lösung: die (relative) Schuldenbelastung muss deutlich unter die Toleranzgrenze gedrückt werden. (In der Vergangenheit wurde dies durch „Bankencrashs, Staatsbankrotte, Währungsschnitte oder galoppierende Inflation“ herbeigeführt. Als die wahrscheinlichste „Lösung“ der derzeitigen Finanzkrise hält der Autor die „Inflationsvariante“ (S. 242):

„Die Inflationsvariante halte ich derzeit für die wahrscheinlichste. Denn die Krise geht von den USA als Produzent der Weltwährung aus. Sie haben sich gegenüber der Welt in US-Dollar praktisch bis zur Zahlungsunfähigkeit verschuldet. Dass die USA ihre Zahlungsunfähigkeit offiziell erklären würden, das darf man wohl ausschließen. Gleichfalls, dass der US-Dollar als Binnenwährung durch andere Währungen verdrängt werden könnte. Dabei haben die USA eine gute Chance auf eine kontrollierte Inflation. Inflationen bis etwa 20 % sind unangenehm, aber systemkompatibel. Andere Länder und Regionen (EURO-Raum, Japan) werden nachfolgen und ihren Widerstand gegen ein mäßiges Inflationieren auch in ihrem eigenen Interesse bald aufgeben müssen. Eine durchschnittliche Inflation von 10 % in der Eurozone hätte übrigens den Vorteil, dass Länder, die ihre heimische Inflationsrate bei 5% halten, ihre Wettbewerbsfähigkeit leichter verbessern können als wenn die durchschnittliche Inflationsrate im Euro Raum nahe bei null liegt. Um wirksam zu sein, muss die Politik der Inflationierung einige Jahre durchgehalten werden. Dieser Vorschlag mag den stabilitätsverwöhnten Bürger empören. Aber ein weiter Blick in die Vergangenheit von Finanz-, Währungs- und Bankenkrisen, den uns Reinhart/Rogoff gewähren [im Buch: Dieses Mal ist alles anders], relativiert monetären Starrsinn.“

Die Monetative als vierte Staatsgewalt

Wegen der großen Bedeutung des Geldes für die Wirtschaft und die Kultur als Ganzes fordert Dietz eine Monetative als „vierte Staatsgewalt“, neben der Legislative, der Exekutive und der Judikative. Damit verbunden ist die Forderung, die Geldschöpfung ganz in staatliche Hände zu legen. „Die Produktion eines Gutes, das nichts kostet, aber aus systemischen Gründen knapp zu halten ist, darf nicht in private Hände gelangen.“ Die Rolle der Banken sieht Dietz in einer „finanzwirtschaftlichen Funktion als Intermediäre zwischen Geldanbietern und Geldnachfragern“, sie sollten jedoch nicht mehr „selbst maßgeblich die Geldmenge bestimmen, auf deren Basis sie tätig sind“. „Die Geldmenge, die jährlich neu geschaffen werden muss, um den steigenden Geldbedarf der Bürgergesellschaft abzudecken, könnte dem Bürgerstaat kostenlos, d. h. ohne Zinsbelastung zur Verfügung gestellt werden. Das Wegfallen der Zinslast für die auf diese Weise in Umlauf gelangte Geldmenge würde nicht nur den Staatshaushalt entlasten sondern nachfolgende Kredite reduzieren, die notwendig sind, um die Geldmenge aufrecht zu erhalten.“ Die Staatsverschuldung wird kritisch gesehen: „Es macht ökonomisch keinen Sinn, wenn sich Staaten, die ihrem Wesen nach Konsumenten sind, massiv, auf Dauer und in steigendem Ausmaß bei ihren Bürgern verschulden.“ Zur Besteuerung von Geldbesitz schreibt Dietz: „Wenn man schon Geldbesitz besteuern möchte, könnte man dies vielleicht mit der Begründung tun, dass Geld eine sehr nützliche, gesellschaftliche Einrichtung sei, deren Pflege auch erhebliche Kosten verursache. Durch eine Steuer auf Geldhaltung und Geldtransaktionen würde dem Bürger vor Augen gehalten werden, dass Geld nicht nur ein privates Gut ist.“ Und schließlich: „Spekulateure auf dem Vermögensmarkt müssen von der Geldproduktion abgeschnitten werden.“

Ausgewählte Zitate aus Geld und Schuld

5

Wir befinden uns in einer schweren Geld- und Finanzkrise, in die die Bürgergesellschaft intellektuell unvorbereitet hineinschlitterte und aus der sie nur herausfinden wird, wenn sie weiß, was Geld ist, wie Schulden entstehen und vernichtet werden, und welche Ordnungsprinzipien in einer Bürgerwirtschaft zur Geltung zu bringen sind. Solange das nicht erkannt ist, werden wir die Probleme nur immer vor uns her schieben und immer wieder in schwere Krisen tappen, die die Ordnung der Bürgergesellschaft aushebeln können.

Die Verdrängung von Geld hat sowohl religiöse als auch methodologische Gründe. Sie wurzelt in Vollkommenheitsvorstellungen. Was die Religion betrifft liegt dies auf der Hand. Gott ist allmächtig und alleiniger Schöpfer der Welt. ER hat die Welt vollkommen erschaffen. Geld wird als Konkurrenz wahrgenommen. In der Tat: Vieles, was früher auf Gott übertragen wurde, erledigt heute Geld im Handumdrehen. Wäre es aber nicht hilfreicher, es als Hilfsmittel zu interpretieren, ohne dass die Menschen SEINEN Willen gar nicht vollziehen könnten?

Utopisten sind ungeduldig. Kaum war der Kapitalismus in Erscheinung getreten, erwarteten sie dessen Untergang. So kam voreilig die Rede vom Spätkapitalismus auf. Bis heute leben noch viele in der Hoffnung auf eine ganz andere Gesellschaft. Mit der Wirklichkeit dieser Gesellschaft gehen sie entsprechend verächtlich um. Die Entdeckung, dass es doch vielleicht keine andere Gesellschaft gibt, lässt sie dann zu Zynikern werden und an der Wirklichkeit verzweifeln. „Marktwirtschaftler“ versuchen, der Utopie einer anderen Welt die Idee entgegenzusetzen, dass wir ja schon in der allerbesten Welt lebten, wenn wir nur den Märkten alles überließen. Ihre zentrale Denkfigur ist das Gleichgewicht als allgemeines, gleichzeitiges, großes Passen, bei dem sich keiner verbessern kann, ohne dass ein anderer schlechter gestellt würde. Man versicherte einander, dass die unsichtbare Hand der Märkte das ganz unauffällig und, von vorübergehenden Ausnahmen abgesehen, perfekt erledigen würde... So sehr sich die Wirtschaftstheorie heute als Theorie der Marktwirtschaft präsentiert, sitzt auch sie der „kommunistischen Fiktion“ auf… Wer von der Vorstellung einer perfekten Welt ausgeht, ist nicht in der Lage den (dialogischen) Prozess wahrzunehmen, der die Herstellung einer Welt des Komforts tatsächlich trägt oder tragen könnte. So macht die Theorie gelegentlich sogar den Träger dieses Prozesses – Geld – für Störungen verantwortlich, die als solche nur aus der Perspektive eines schon als perfekt gedachten Zustandes wahrgenommen werden. So gerät die Theorie in die gleiche Falle wie der Sozialismus… Der Sozialismus hat die Erfahrung schon hinter sich. Die Ökonomen noch vor sich.

Geld ist der konzentrierte Ausdruck der Wechselbeziehungen der Menschen - in Simmels Worten: die Verkörperung der Tauschrelation. Damit haben wir eine Triade vor uns. Fände Tauschkommunikation nicht statt, würde die Gesellschaft sofort aufhören zu existieren.

Geld transformiert die Objekte in Werte und die Menschen in Bürger.

Die Wirtschaft kommt über Geld und die mit Geld assoziierten Wertformen in die Wirklichkeit. Unter „Wertform“ sind die „überpersönlichen Gebilde“ der Wirtschaft wie Geld, Preise, Finanzprodukte, Bilanzen usw. gemeint.

Die Entwicklung der Geldwirtschaft geht konsequenterweise vom Substanzgeld zum entsubstanzialisierten, besser: entmaterialisiert Geld – zu „Fiat-Money“. Die Entmaterialisierung des Geldes birgt allerdings die Gefahr seines Missbrauchs. Denn Geld, dessen Herstellung nichts kostet, kann in beliebigem Umfang produziert werden. Entmaterialisiertes Geld braucht daher ein Gemeinwesen, das in der Lage ist, die Knappheit des Fiat-Money zu garantieren. Die derzeit weltweit institutionalisierten Geldverfassungen sind hierzu nicht geeignet. Die Geldverfassungen sind entsprechend zu modernisieren.

An die Tatsache des Wirtschaftswachstums hat sich die Welt gewöhnt. Gewöhnungsbedürftig ist aber vielleicht die Behauptung, Wachstum resultiere aus dem Austauschprozess. Daraus folgt, dass Wirtschaft nicht nur wächst, weil das irgendjemand so will (subjektiv) oder mehr Inputs und Technik hineingesteckt werden (objektiv), sondern weil Tausch und Geld einen systemischen Zwang ausüben und aus diesem Grunde der Geld- und Warenkreislauf selbst bei Ausbleiben jener Faktoren nicht so ohne Weiteres auf einem gleich bleibenden Niveau gehalten werden kann. Austausch verlangt also Wachstum – zumindest monetäre Expansion. Monetäre Expansion zieht eventuell reales Wachstum nach sich. Und dieses ist, wenn nicht gegengesteuert wird, von der Steigerung des stofflichen Durchsatzes begleitet. Mit dieser Behauptung möchte ich weder einem politisch motivierten Wachstumsfetischismus das Wort reden, und schon gar nicht einen „ökologisch motivierten Stalinismus“ unterstützen, der am liebsten die Marktwirtschaft der Natur opfern würde. Wir müssen uns allerdings mit der Überlegung konfrontieren, dass die „zivile (tauschende) Gesellschaft“ mit der „Natur“ in Konflikt steht und daher eines radikalen Umbaus bedarf. Nachdem der kollektive ökologische Fußabdruck die Größe des Planeten bereits deutlich übersteigt, darf Wachstum welcher Art auch immer niemals mit erhöhtem stofflichen Durchsatz verbunden sein. Wirtschaftliche Wertschöpfung ist auch mit weniger Naturalverbrauch möglich.

Die Natur ist kein Verhandlungspartner. Preise bilden sich im Austauschgeschehen der Menschen untereinander, nicht im Stoffwechsel des Menschen mit der Natur. Die Natur fordert für ihre Gaben keinen Geldpreis. Aus dem kostenlosen Bezug dieser „Gaben“ folgte rücksichtsloser Raubbau. Die Gesellschaft muss diesem Marktversagen durch eine Besteuerung der Naturressourcen entgegentreten.

Wir müssen dafür sorgen, dass die Geld- oder Wertform [„Geldmenge“] dem Körper der Wirtschaft angemessen ist. Sowohl Unter- als auch Überentwicklung der „Wertform“ haben verheerende Folgen.

Obwohl Geld das Medium zum Ausgleichen ist und tausende Male Schuld vermeiden kann, hat die Bürgergesellschaft es zuwege gebracht, ihre internen Kanäle durch überbordende Ansprüche = Verpflichtungen zu verschütten. Die Krise der „Schuldner“ ist immer auch eine Krise der „Gläubiger“.

Ohne Schulden gibt es weder eine Wirtschaft und schon gar kein Wachstum. Neuschulden, die dazu beigetragen, die Leistungsfähigkeit einer Wirtschaft in etwa im gleichen Tempo zu erhöhen, sind akzeptabel. Das Wirtschaftskarussell dreht sich rund und „gesund“, solange die Schulden auf Dauer nicht rascher wachsen als das Sozialprodukt.

Die „natürlichen“ Kreditnehmer sind Unternehmen. Sie müssen ihre Produktion vorfinanzieren. Der inflationäre Effekt der Vorfinanzierung wird durch das nachwachsende Mehrprodukt „geheilt“… Makroökonomischen Kredite an Konsumenten (Staat und Haushalte) sind bedenklich, da sie nicht zu einer temporären Erhöhung der Produktion beitragen, sondern weitere Kredite nach sich ziehen… Kredite zum Zwecke des Spekulierens mit bestehenden Vermögenswerten sind schädlich, an Spekulanten sollten Kredite verweigert werden.

Es gibt gesunde und ungesunde Finanzierungsstrukturen. Eine gesunde Struktur ist durch relativ hohe Forderungen der Haushalte an Unternehmen, bzw. relativ hohe Schulden der Unternehmen an diese bzw. den Bankensektor gekennzeichnet, der sein Geld wiederum von Haushalten abgezogen hat. Die Staatshaushalte sind einigermaßen ausgeglichen, die Staatsschulden niedrig. Weltweit befinden sich die Leistungsbilanzen (Exporte und Importe von Gütern und Dienstleistungen) ebenfalls mehr oder minder im Gleichgewicht oder haben unbedenkliche Größenordnungen.

Eine kranke Struktur ist durch hohe Leistungsbilanzungleichgewichte gekennzeichnet, die durch entsprechend hohe Kapitalbewegungen, in der Regel: Zuwächse von Forderungen = Schulden ausgeglichen werden müssen. Oft ist auch der Sektor der privaten Haushalte verschuldet, während Unternehmen im Geld schwimmen. Das kann natürlich nicht lange gut gehen.

Schulden bzw. Forderungen funktionieren wie eine Almende. Forderungen sind nur dann werthaltig, wenn es den Schuldnern wirtschaftlich gut geht. Aber es muss nicht nur den Schuldnern, an die sich die Forderungen adressieren, gut gehen, das Schuldenniveau darf insgesamt die Schuldenbelastungsschwelle nicht überschreiten. Überbeanspruchungen führen zu Finanzkrisen; Finanzkrisen stets zu schweren Wirtschaftskrisen.

Die heutige Geldverfassung sieht auch vor, dass neben den Zentralbanken auch Geschäftsbanken Geld schöpfen. Etwa 90 % der Zahlungsmittel sind heute Giralgeld. Nicht die Zentralbanken, sondern die Geschäftsbanken, die ihre Geschäftsfelder in einer unverantwortlichen Weise ausdehnten, bestimmen heute die Expansion der Geld- und Kreditmenge und das Wachstum der Vermögenswerte. Die heutige Geldverfassung macht die Wirtschaft zu einem Selbstbedienungsladen für Banken.

Die probaten Maßnahmen für einen Schuldenabbau sind Konkurs (Bankrott, bei Staaten auch Währungsreform), Inflation oder Konfiskation.

- Konkurs empfiehlt sich nur in überschaubaren Fällen. Die ganz Großen (USA, Europäische Währungsunion, England, Japan, …) werden keinen Konkurs anmelden und ihre Großinstitute vor solchem durch großzügig aufgespannte Schutzschirme zu schützen wissen, was sich letztlich in Inflation niederschlagen dürfte.

- Inflation - wahrscheinlich läuft die Krise darauf hinaus - trifft die unteren Schichten. Sie wird, wenn sie kommt, unvorbereitet kommen.

Vermögenssteuern, d.h. praktisch: Konfiskation ist das einzige empfehlenswerte Instrument zur strategischen Korrektur der Wirkungen des unseligen Vermögensspiels, das Reiche reicher und Arme ärmer machte, den Mittelstand aushöhlt und den Staat zwingt, nicht nur die Krise mit finanziellen Spritzen hintanzustellen, sondern ständig in die Nachfragelücke zu springen, die die Reichen erzeugen, weil sie nur einen Teil ihrer Einkommen konsumieren.

Mein Ansatz wird viele verstören, sie aber zugleich versöhnen.

Sauer wird zum Beispiel den Marxisten aufstoßen, dass ich den arbeitswerttheoretischen Fundamentalismus zurückweise und damit der sozialistisch kommunistischen Utopie, die damit implizit verbunden ist, den Rücken kehre. Marxisten werden aber vielleicht honorieren, dass ich Marxens Wertformanalyse aufgreife und insofern dessen methodologischen Ansatz konstruktiv fortsetze.

Marktfundamentalisten wird gefallen, dass ich den Markt für eine unverzichtbare Errungenschaft der menschlichen Gesellschaft halte. Weniger aber wird ihnen schmecken, dass ich die Neoklassik, auf die sie sich gerne berufen, für eine Entscheidungslehre halte, die besser für eine Planwirtschaft taugen würde.

Sozialdemokraten und Gewerkschaftern, die sich bei Betriebsstörungen gerne an den Staat wenden, wird irritieren, dass ich im „bürgerlichen“ Tausch das basale Element der modernen Gesellschaft sehe. Aber sie werden immerhin positiv vermerken, dass meine Arbeit einen hinreichend starken Staat und einer Gemeinwohlorientierung das Wort redet.

Der Moralist urteilt mit Strenge über die Wirtschaft. Er will ihr Morales lehren. Wenn er aus diesem Text erfährt, dass die Wirtschaft ihrerseits ethische Grundsätze erzeugt und einübt und selbst ein Teil des Humanum ist, kann er sich vielleicht etwas entspannen und mit der Wirtschaft anstatt immer nur gegen sie gehen.

Die Grünen sind von Natur her Geld- und Kapitalismus-skeptisch eingestellt. Unsympathisch wird ihnen das Ergebnis in den Ohren klingen, dass Tauschkommunikation Wachstum „erzwingt“. Wie nett wäre doch die Idylle eines gemütlichen und ewigen Kreislaufs. Aber der Mensch gibt keine Ruhe, und Geld lässt ihn schon gar nicht zur Ruhe kommen. Meine Aussage macht das Vorhaben grüner Reformen aber nur umso dringlicher.

Die Gegenstrategie gegen Verachtung und Verleugnung kann nur in einer großen Aussöhnung mit Geld bestehen. Aussöhnen heißt: Annehmen und aus dem Annehmen verändern. Nur so kann man in den Fluss des Lebens gehen, zu dem noch Geld gehört. Viele träumen von einem anderen System. Ich plädiere für einen anderen Umgang mit dem, was wir haben.

 

(aus: Online Journal Nr. 56)


1 Einführung in die allgemeine Betriebswirtschaftslehre, 18te Auflage S. 33.

2 Hierzu noch ein aktueller Wikipedia-Eintrag: „Die Wirtschaftswissenschaft (auch Ökonomik) ist die Wissenschaft von der Wirtschaft (Ökonomie). Die Wirtschaftswissenschaft untersucht den rationalen Umgang mit Gütern, die nur beschränkt verfügbar sind. Im deutschen Sprachraum wird die Wirtschaftswissenschaft üblicherweise in die Bereiche Betriebswirtschaftslehre (BWL) und Volkswirtschaftslehre (VWL, Nationalökonomie) unterteilt.“

3 Alle hier verwendeten Zitate stammen aus: Dietz, R. (2015). Geld und Schuld. Eine ökonomische Theorie der Gesellschaft. 4., überarbeitete Auflage.

4 Vermögen.

5 Aus Kapitel 6, Zusammenfassung.