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24.8.2017 : 6:47 : +0200

Wie integrieren Berufstätige buddhistische Praxis in den Arbeitsalltag?

Eine explorative Interviewstudie mit Personen in Führungsverantwortung und ohne Führungsverantwortung.

Diplomarbeit von Joachim Wetzky & Danica Wetzky, Freie Universität Berlin

Problemdarstellung und Untersuchungsziele

Der Wandel der sich momentan in der Arbeitswelt vollzieht ist gewaltig und vielschichtig. Schlagwörter wie Massenarbeitslosigkeit, demographischer Wandel, Mini-Jobs, Manager-Boni und Hartz IV verdeutlichen die Brisanz des Themas. Immer mehr Menschen fällt es zunehmend schwerer, in dieser veränderten Arbeitswelt zurechtzukommen. Und auch viele Führungskräfte, die vermehrt nur noch in Zusammenhang mit Personalabbau und Restrukturierungsmaßnahmen erwähnt werden, erleben eine neue Unsicherheit.

Das Potsdamer Manifest, eine von Hans-Peter Dürr, J. Daniel Dahm und Rudolf zur Lippe verfassten Denkschrift, die ein neues Denken fordert, um mit den Krisen der heutigen Zeit fertig zu werden, beschreibt unserer Auffassung nach sehr gelungen, an welchem Punkt wir als Gesellschaft gerade stehen:

„Diese vielfältigen Krisen, mit denen wir heute konfrontiert sind und die uns zu überfordern drohen, sind Ausdruck einer geistigen Krise im Verhältnis von uns Menschen zu unserer lebendigen Welt. Sie sind Symptome tiefer liegenden Ursachen, die wir bisher versäumten zu hinterfragen und aufzudecken. Sie hängen eng mit unserem weltweit favorisierten materialistisch-mechanistischen Weltbild und seiner Vorgeschichte zusammen.“

Mit dieser Diplomarbeit wollen wir dazu beitragen herauszufinden, welche Möglichkeiten bestehen, diese vielfältigen Krisen, mit denen wir tagtäglich konfrontiert werden, zu überwinden. Aus diesem Grund widmen wir uns in dieser Diplomarbeit der Fragestellung wie Berufstätige mit und ohne Führungsverantwortung buddhistische Praxis in den Arbeitsalltag integrieren. Als Basis dient uns dabei der integrale Bezugsrahmen, der uns dabei helfen soll, buddhistische Inhalte in unsere Gesellschaft zu integriere

Untersuchungsfortgang

Neben einer theoretischen Beleuchtung der Thematik, in der grundlegenden Konstrukte des Buddhismus, der Integralen Theorie und der modernen Arbeits- und Führungsbedingungen vorgestellt werden, untersuchen wir mit Hilfe eines explorativen Forschungsstils, wie sich die Integration buddhistischer Praxis in den Berufsalltag auswirkt.

Dazu führten wir sechs Interviews mit buddhistisch Praktizierenden ohne Führungsverantwortung und sechs Interviews mit buddhistisch Praktizierenden mit Führungsverantwortung. Anschließend wurden die Interviews mit Hilfe der Grounded Theory ausgewertet und in einem Kategorienschema systematisiert dargestellt. Abschließend wurden die Ergebnisse der Untersuchung diskutiert und zusammengefasst.

Ergebnisse

Integration buddhistischer Praxis in den Berufsalltag (bei Berufstätigen ohne Führungsverantwortung)

Zusammenfassend werden hier die wichtigsten Momente der Untersuchung wiedergegeben.

  • Bei den Befragten entstand durch Krisen oder der Suche nach einem tieferen Sinn in ihrem Leben eine Bereitschaft, etwas in ihrem Leben verändern zu wollen.
  • Durch das individuelle Erleben der positiven Auswirkungen der buddhistischen Praxis, entwickelten die Interviewten ein großes Vertrauen in den Buddhismus.
  • Darauf aufbauend nahmen alle Befragten Zuflucht zum Buddhismus, das heißt, sie begannen ernsthaft sich mit der buddhistischen Philosophie und Psychologie auseinanderzusetzen, sowie täglich zu praktizieren.
  • Als zentrales Phänomen stellte sich heraus, dass alle Interviewten dem „in Verbindung gehen“ einen zentralen Stellenwert beimaßen. Dies bedeutet, dass die Befragten sich mehr und mehr von einer materiellen und konsumorientierten Weltsicht abwandten und das Prinzip der gegenseitigen Abhängigkeit in ihr Leben integrierten. „In Verbindung“ sein bedeutet in diesem Kontext auch, dass die Befragten versuchten, in jeder Situation ihres Lebens achtsam zu sein und „aus dem Herzen heraus“ zu handeln.
  • Die aus den Interviewpassagen gewonnenen Ergebnisse zeigten zudem, dass die Befragten viele Elemente ihrer buddhistischen Praxis in den Berufsalltag integrieren. So zeigt sich, dass die Interviewten eine ständige Bereitschaft zeigen, ihre Handlungen zu hinterfragen. Besonders wenn Emotionen wie Wut oder Angst auftauchen, zeigen die Teilnehmer eine große Einsicht in das Entstehen dieser Emotionen, sowie der Handhabe derselben. Auch betten sich die Interviewten in einen ethischen Kontext ein, das heißt, dass das ethische Handeln einen ganz zentralen Stellenwert in ihrem Denken und Handeln einnimmt. Zudem werden bei ganz konkreten Situationen innerhalb des Berufsalltages, buddhistische Techniken eingesetzt, die dazu führen, dass eine Verbesserung der individuellen wie auch kollektiven Situation eintritt.
  • Die Teilnehmer erleben diese Integration buddhistischer Praxis in den Berufsalltag als eine Quelle der inneren Stärke, aus der sie schöpfen können. Sie sind auch vermehrt in der Lage, ein mitfühlendes Verhalten sich selbst und anderen gegenüber zu zeigen. Vermehrt zeigt sich, dass ein größerer Sinn für das Leben gefunden wird, der einher geht, mit einer konstanten Selbstreflexion.

 

Integration buddhistischer Praxis in den Berufsalltag (bei Berufstätigen mit Führungsverantwortung)

Die Auswertung der Daten ergab, dass sich die Interviewten durch die buddhistische Praxis in der Lage sahen eine ganzheitlichere Perspektive einzunehmen, das heißt, sie definierten ihre Führungsverantwortung und Kompetenz über den üblichen Rahmen der Profitmaximierung hinaus.

An dieser Stelle möchten wir die prägnantesten Ergebnisse der Untersuchung aufzeigen:

  • Durchgehend alle Interviewten befanden es für wichtig, ihre eigenen Werte zu entwickeln und diese in ihren Führungsstil zu integrieren. Im Rahmen dieser Werteintegration kamen die Befragten nicht umhin, auch eine persönliche Analyse des eigenen Verhaltens und Weltanschauung zu machen, die nicht immer leicht für die Interviewten war.
  • Die Integration eigener Werte, die durch die buddhistische Praxis angeregt wurde, führte in allen Fällen zu einer überpersönlichen Sicht, das heißt, die Teilnehmer definierten sich und ihren Führungsanspruch über eine weltzentrischen Perspektive, die über die einseitigen persönlichen Belange hinausging.
  • Eine große Motivation ziehen die Interviewten aus der schlichten Tatsache, dass ein globales Umdenken stattfinden muss. Ihrer Meinung nach ist ein Punkt erreicht, an dem klar ist, dass es zu einer kulturellen und gesellschaftlichen Katastrophe kommen wird, wenn nicht ein tiefgreifender Wandel stattfindet.
  • Durch die buddhistische Praxis sehen sich die Befragten dazu in der Lage eine empathische Haltung gegenüber ihren Mitarbeitern und auch sich selbst einzunehmen. Sie pflegen dabei einen Führungsstil, der von einer Gemeinschaftsorientierung geprägt ist und auch die Folgen ihrer Entscheidungen tiefergehend überdenkt.
  • Zusammenfassend treffen diese Eigenschaften in der zentralen Kategorie zusammen, der „ganzheitlichen Perspektive“. Dies bedeutet, dass die Befragten durchweg in der Lage sind, eine Perspektive einzunehmen, die sich an nachhaltigen und ökonomischen Werten orientiert.
  • Die Teilnehmer sind damit in der Lage, volle Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen, da sie auf kluge und mitfühlende Weise handeln und nicht einzig nach den Prämissen der Profitoptimierung.
  • Die Befragten sehen es auch Teil ihres Führungsauftrages an, eine Richtung vorzugeben zu geben und Markierungen zu setzen, an denen sich nachfolgende Menschen orientieren können.

Allgemeine Schlussfolgerungen

Eine wichtige Entdeckung war für uns die Erkenntnis, dass Führungskräfte mit buddhistischem Hintergrund eine viel umfassendere Sicht auf die Komplexität der systemischen Welt einnahmen, als Berufstätige ohne Führungsverantwortung.

Auf der anderen Seite konnten wir jedoch feststellen, dass Berufstätige ohne Führungsverantwortung eine deutlich differenzierte Haltung zu ihren inneren Vorgängen einnehmen konnten, als die Gruppe der Führungspersonen.

Beide Gruppen jedoch legten einen sehr großen Wert auf ein ethisches Leben und maßen diesem den selben Wert bei, wie die Ausübung einer meditativen Praxis. Unserer Ansicht nach zeigt sich hier, dass der Buddhismus einen ganzheitlichen Ansatz vertritt und das kollektive Wohl mindestens gleichberechtigt neben das individuelle Wohlergehen zu stellen versucht.

 

Download der Diplomarbeit als PDF

Über die Autoren

Danica Wetzky, Integraler Coach & Qi-Gong-Trainerin.

Als Team- und Life-Coach integriert sie neben psychologischen und buddhistischen Elementen auch die integrale Theorie aktiv in ihr Handeln mit ein.

Joachim Wetzky, Integraler Coach.

Als buddhistischer und evolutionärer Autor ist es ihm ein Anliegen zu untersuchen, wie der Buddhismus zeitgemäß in unsere Gesellschaft integriert werden kann.

Seinen Blog findest du unter: www.iBuddhismus.blogspot.com oder auf Facebook: www.facebook.com/iBuddhismus