Sie sind hier: IF-HOME > Anwendungen > Wissenschaft > Wissenschaft und Spiritualität
DeutschEnglishFrancais
26.6.2017 : 21:03 : +0200

Wissenschaft und Spiritualität

von Michael Habecker

Um das Verhältnis von Wissenschaft und Spiritualität zu klären, ist es hilfreich, vorab zu eruieren, welche Dimensionen diese beiden großen Erkenntnis- und Erfahrungsbereiche überhaupt umfassen.

Was ist Wissenschaft?

„Wissenschaft ist die Erweiterung des Wissens durch Forschung, dessen Weitergabe durch Lehre, der gesellschaftliche, historische und institutionelle Rahmen, in dem dies organisiert betrieben wird, sowie die Gesamtheit des so erworbenen Wissens.“ (Wikipedia)

Wissenschaft stellt also sowohl die Methode, die Basis und auch den kulturellen und persönlichen Rahmen unseres Wissens dar. Wir wissen etwas, weil wir es gelernt haben, und damit spielt unser biografischer und persönlicher Hintergrund eine Rolle. Gleichzeitig ist mit dem Wissenschaftsbegriff auch der Begriff von Objektivität eng verwandt, der wiederum persönliche und kulturelle Kontexte aufzuheben bemüht ist, in dem Versuch des Findens objektiver, d. h. nicht-persönlicher und nicht-kultureller Gegebenheiten.

Zur Frage „Was ist Wissenschaft?“ hat Ken Wilber unterschiedliche Beiträge geleistet, von denen vier kurz erwähnt werden sollen:

1. Die drei Stränge der Erkenntnis

Diese lauten:

a) Injunktion, Vorschrift: Wenn du dieses wissen willst, musst du jenes tun.

b) Praxis, Durchführung, das Experiment

c) Abgleich, Verifizierung, Falsifizierung, Geltungsbereichbestimmung (der Abgleich der Ergebnisse und Daten im weitesten Sinn mit anderen, die sich einer vergleichbaren Praxis der Erkenntnisgewinnung unterzogen haben)

2. Das integrale AQAL-Modell

Dieses Modell liefert uns einen Orientierungsrahmen dafür, wo wir (mindestens) überall nach Wissen und Erkenntnis suchen sollen/können, und zwar: Quadranten und Perspektiven (als die Dimensionen von innerlich/äußerlich und individuell/kollektiv von Wissen), Entwicklungsebenen und Entwicklungslinien (als Entwicklungshorizonte von Wissen), Typen (als horizontale Breite und Varianz von Wissen) und Zustände (als Daseinsbereiche – grobstofflich, subtil, kausal – und Inhalte von Wissen).

3. Der Integrale Methodologische Pluralismus (IMP)

Der IMP liefert, als eine Erweiterung des Quadrantenmodells, eine theoretische Basis für das Erklären und Verstehen aller Erkenntnismethodiken der Menschheit, mit der Beschreibung

  • ihrer Erkenntnisgröße (was sie beschreiben können)
  • ihrer Erkenntnisgrenzen (was sie nicht beschreiben können)
  • ihres Gesamtzusammenhanges miteinander, als Perspektiven, Herangehensweisen und „Inszenierungen“ von Wirklichkeit.
4. Die Vorstellung einer kosmischen Adresse

Basierend auf dem integralen Modell werden Erkenntnisse entsprechend ihrer Herkunft verortet, was durch die Angabe der „kosmischen Adresse“ des Individuums geschieht, welches eine Aussage über Wirklichkeit macht. Dadurch hängen Erkenntnisse nicht mehr in der Luft oder fallen (dogmatisch) vom Himmel, sondern werden im erkennenden Subjekt (seiner Psychologie, Kulturalität, Physiologie und sozialen Eingebettetheit) verortet.

Was ist Spiritualität?

„Spiritualität (von lat. spiritus ,Geist, Hauch‘ bzw. spiro ,ich atme‘) bedeutet im weitesten Sinne Geistigkeit und kann eine auf Geistiges aller Art oder im engeren Sinn auf Geistliches in spezifisch religiösem Sinn ausgerichtete Haltung meinen. Spiritualität im spezifisch religiösen Sinn steht dann auch immer für die Vorstellung einer geistigen Verbindung zum Transzendenten, dem Jenseits oder der Unendlichkeit.“ (Quelle: Wikipedia)

Ausgehend von dieser Definition beschäftigt sich Spiritualität mit Aspekten des Geistigen oder innerlich erlebbaren, mit „Dingen“ und Phänomenen, die mit Begriffen wie „spirituell“ oder „religiös“ bezeichnet werden.

Wie ist das Verhältnis von Wissenschaft zu Spiritualität (und umgekehrt)?

Spiritualität führt uns zur inneren Dimension von Wirklichkeit und Sein. Sie öffnet uns, von den frühen Vorstellungen eines Jenseits bis hin zu modernen mystischen Erfahrungen, für die Tiefen unseres Bewusstseins. Spiritualität ist somit ein Aufruf an uns alle, diese Dimension unseres In-der-Welt-Seins zu leben und zu verwirklichen. Wissenschaft unterstützt uns dabei, das Phänomen „Spiritualität“ individuell und kulturell zu verstehen und uns dem Inneren (in uns, in anderen, und in der Welt) auf eine wissenschaftliche Weise zu nähern. Wissenschaft schützt vor spirituellem Absolutismus und metaphysischem Idealismus, und sie kann uns vor spirituellem Missbrauch („Wissen ist Macht“) bewahren. Wissenschaft ist eine unerlässliche Hilfe auf unserem spirituellen Erkundungsweg als einem Entwicklungs- und Erwachensweg zu immer mehr (innerlicher und äußerlicher) Freiheit, Fülle, Erfülltheit und Gerechtigkeit. Die Wissenschaft schenkt der Spiritualität einen (sich mit dem Wissensfortschritt entwickelnden) Erkenntnisrahmen und ein Verständnis darüber, was Spiritualität ist. Die Spiritualität ihrerseits schenkt der Wissenschaft ein enormes Erkenntnisgebiet von Innerlichkeit, welches immer wieder zum Staunen, zur Ehrfurcht und zum Feiern einlädt.


Quelle: IP 19 – 07/2011