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12.12.2017 : 15:00 : +0100

Zur Liebe Darwins: Über das egoistische Gen hinaus

David Loye und Ken Wilber

Quelle: https://www.integrallife.com/ken-wilber-dialogues/love-darwin

zusammengefasst von Michael Habecker


Ein Hinweis zur Übertragung:

Ein Schlüsselbegriff bei der öffentlichen Diskussion von Darwin spielt der Ausdruck „Survival of the fittest“ (auch wenn dieser Ausdruck, wie aus dem Dialog hervorgeht, für Darwin nicht annähernd die Bedeutung hat wie allgemein angenommen wird). Dafür existieren unterschiedliche Übersetzungen, und zwar

- Überleben des Tüchtigsten,

- Überleben des Stärksten,

- Überleben des Passendsten

Im nachfolgenden Text wurde der Ausdruck gewählt, der im Rahmen des Kontextes am besten erschien. In der Übersetzung des Buches Die Abstammung des Menschen wurde „Überleben des Passendsten“ verwendet.


Einführung von Integrallife

David Loye, der Autor des Buches Darwin in Love: The Rest of the Story spricht mit Ken Wilber über das Leben und das oft entstellte Erbe von Charles Darwin, sowie auch über Darwins Vorstellung von LIEBE als einen entscheidenden Antrieb für die Evolution der Arten. Das „Überleben des Passendsten“ wird von vielen als Summe von Darwins Evolutionsverständnis betrachtet, als eine Vorstellung von einem einzigen Antrieb zur Durchsetzung der eigenen Gene um jeden Preis, was zu weiteren Vorstellungen führt, wie zu Interpretationen des Lebens, der Evolution und der Gesellschaft durch ein „egoistisches Gen“. Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass in dem Buch Die Abstammung des Menschen der Begriff „Überleben des Passendsten“ zweimal vorkommt, und in einem der beiden Fälle sagt er, dass diese Formulierung überhaupt nicht verwendet werden sollte. Demgegenüber verwendet er das Wort „Liebe“ 95 mal und erwähnt, dass „moralisches Empfinden“ einen wichtigen Antrieb der Evolution darstellt. Daraus wird deutlich, dass etwas ganz Entscheidendes fehlt bei unserer gegenwärtigen Diskussion über Darwin und den evolutionären Prozess.


Der Dialog

Ken Wilber: Worum es in deinem Buch geht ist, dass Darwin heutzutage vor allem als der Vertreter eines „Überleben des Passendsten“ gesehen wird, mit einem „egoistischen Gen“ ausgestattet, und dass die Welt ein Dschungel ist und böse sei, das Leben brutal und kurz ist, und so die Natur und auch der Mensch wären. Und dies wurde als eine Rechtfertigung verwendet für die gemeinsten und verdrehtesten Arten menschlichen Verhaltens. Doch wenn wir genauer hinschauen auf das, was Darwin geschrieben hat, dann tritt etwas ganz anderes hervor.

So schreibst du zum Beispiel, dass im Buch Die Abstammung des Menschen, in dem sich Darwin auf die Evolution der menschlichen Spezies konzentriert, Darwin 95 mal über „Liebe“ geschrieben hat aber lediglich 2 mal über das „Überleben des Passendsten“. Er schrieb weiterhin lediglich 12 mal über Selbstbezogenheit, was er als das „Grundprinzip“ verstand, das „hinter der niedrigen Moral der Wilden steht“. Doch er schrieb 92 mal über „moralisches Empfinden“, und das zusätzlich zu den 95 mal über Liebe. Dieses moralische Empfinden bezeichnete er als die Kraft, welche die menschliche Evolution voranbringt.

David Loye: Damit hast du eine gute Zusammenfassung der fünf Bücher formuliert, die ich bisher geschrieben habe!

Das Buch Darwin in Love ist gewissermaßen meine strategische Antwort auf die vorherrschende “egoistische Gen/Überleben des Passendsten“-Geistesverfassung. Wenn ich mich auf das konzentriere, was Darwin über die Kraft der Liebe schreibt, hoffe ich, dies ist unschuldig genug, um an den Wächtern des vorherrschenden Denkens vorbeizukommen. Auf anderen Wegen gibt es massive Widerstände. Ich hoffe, dass dies hilft, und wer könnte dem widerstehen? Hier kommt nun Darwins Liebesgeschichte mit unglaublichen Beschreibungen, die er über die Sexualität und die Liebe vieler Tiere zusammengetragen hat. Und dann habe ich noch ein Kapitel mit der Überschrift „Der Aufwärtsdrang von Sexualität, Liebe und Evolution“.

KW: Wie hat sich dieser Widerstand konkret für dich gezeigt?

DL: Am dramatischsten hat sich das für mich bei der Suche nach einem Verleger gezeigt. Bei meiner ersten Arbeit beschäftigte ich bis zu fünf Literaturagenten damit, einen Verleger zu finden. Wir waren bei Random House, Harmony, Harper, MIT Press, the Tarcher book series. In jedem Fall das gleiche Bild. Wir fanden immer einen Menschen innerhalb des Herausgeberkommitees, der das Potenzial des Buches erkannte und es veröffentlichen wollte, unterstützt auch durch den Vertriebsmanager, doch das Herausgeberkomitee insgesamt stimmte dagegen. Das hat mich wütend gemacht, ich hatte ja bereits eine Reihe von Büchern bei führenden Herausgebern publiziert, und ich war drauf und dran meinen eigenen Verlag zu gründen.

KW: Du beginnst mit Darwins Herkunft. Du erwähnst beispielsweise, dass Sir James

Macintosh im Leben des jungen wie auch des alten Darwin eine wichtige Rolle spielte. Er war zur damaligen Zeit einer der führenden Theoretiker über das Wesen von Moral, und inspirierte Darwin hinsichtlich seiner lange ignorierten Theorie von Liebe als einem Primärantrieb der Evolution.

Dies war vergleichbar mit dem Aufstieg einer Rakete in den dunklen Himmel der Geschichte. Dadurch nahm auch Liebe und moralisches Empfinden einen zentralen Platz in Darwins Gesamttheorie ein. Wie du schon sagtest, in Die Abstammung des Menschen erwähnt Darwin „Liebe“ 95 mal, doch in den zurückliegenden einhundert Jahren, das hast du recherchiert, wurde in den Standardversionen dieses Buches im Index das Wort „Liebe“ nur einmal referenziert, das ist ungeheuerlich.

DL: Und das ist immer noch so. Und diese eine Ausgabe, welche „Liebe“ erwähnt, tut dies im Zusammenhang damit, wie die Heuschrecke an ihren Flügeln reibt, um einen Klang zu erzeugen, der mit Liebe zu tun hat. [Lachen]

KW: Darwin ist auch überzeugt, wie wir noch sehen werden, dass dabei auch Schönheit eine wichtige Rolle spielt, und dass das Weibchen Schönheit wahrnimmt, als ein Teil ihrer Wahlentscheidung.

DL: Einer der Gründe für den Widerstand liegt, denke ich, im Macho-Mindset. Nach der Macho-Version vergewaltigt das erobernde Männchen das Weibchen, und so werden die Gene in die Zukunft getragen. Doch Darwin weist – neben der Brutalität, die es auch gibt – auf die Schönheit im Auswahlprozess hin.

KW: Der männliche Wettbewerb danach, begehrt zu sein und die weibliche Wahl treiben die Evolution voran. Es ist erstaunlich, wie Darwin so verzerrt dargestellt werden konnte. Das Index-Beispiel ist nur ein kleiner Teil davon. Von Anfang an gab es Entstellungen durch die vorherrschenden Weltsichten.

DL: Ja, das System klammerte sich an das „Überleben des Passendsten“ und daraus wurde dann der Sozialdarwinismus gemacht. Doch Darwin hat immer wieder in den Vorworten zu Neuauflagen seines Buches darauf hingewiesen, dass die „natürliche Auslese“ nur ein Teil, aber nicht die ganze Geschichte darstellt. Er hat auch versucht, sich gegen Falschauslegungen zu wehren.

Das ist das, was für mich dahintersteht: Ich habe einen christlichen Hintergrund und bin auch fasziniert vom Buddhismus, dem Hinduismus, dem Baha’i und der Sufitradition des Islam. Und dann haben wir Darwin, und was er versucht ist, dies wissenschaftlich zu erkennen. Sein großer Beitrag besteht darin, das was für Jesus und Buddha und andere große Avatare bereits offensichtlich war, wissenschaftlich zu erkennen. Doch seine Ideen von Liebe und moralischer Empfindsamkeit wurden ignoriert, auch weil sie nicht gut fürs Geschäft waren.

KW: Darwin scheint auch stolz darauf gewesen zu sein, das, was er herausgefunden hat, mit der goldenen moralischen Regel zu verbinden. [„Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst.“ bzw. „Was du nicht willst das man dir tu', das füg‘ auch keinem andern zu.“]

DL: Stellen wir uns vor, ein achtundzwanzigjähriger junger Mann, fünf Jahre lang unterwegs, weit weg von Frauen. Es ist nicht verheiratet und steht in vollem Saft, auf der Suche nach sexuellem Selbstausdruck. In seinen Notizbüchern aus dieser Zeit, die erst einhundert Jahre nach seinem Tod veröffentlicht wurden, finden wir eine Skizze, wo er sagt, dass alles mit Sexualität beginnt, was er als sexuelle Evolution bezeichnet. Dies führt zu einem sexuellen Instinkt, wie er es nennt, und dann weiter über Millionen von Jahren zu etwas, was er elterlichen Instinkt nennt. Daran schließen sich wieder Millionen von Jahren von Evolution an, und wir gelangen, mit den Säugetieren, zu einem sozialen Instinkt. Doch die Entwicklung geht weiter, Emotionen entwickeln sich weiter und mit unserer Spezies entsteht das, was wir Vernunft nennen. Und das Faszinierende: Darwin sagt, es beginnt mit Sexualität und führt in einer Aufwärtsspirale zu etwas, was wir als die goldene Regel im Umgang mit anderen bezeichnen, als einem moralischen Antrieb, der uns vorantreibt.

KW: Und an diesem Punkt spielt natürliche biologische Auslese nur noch eine geringe Rolle, wohingegen Liebe eine entscheidende Rolle einnimmt, und das entspricht auch genau dem Verhältnis der Erwähnung beider Wörter in Die Abstammung des Menschen, auf die du hingewiesen hast: 2 zu 95.

DL: Darwin erwähnte oft die „natürliche Auslese“. Ich habe die Wortwahl in den Texten sorgfältig hermeneutisch analysiert. Was Darwin dabei zum Ausdruck bringt, ist etwas, was als natürliche Selektion und das Entstehen von Variationen dasjenige ist, welches das Ganze am Laufen hält. Doch geht man immer weiter mit der Evolution und gelangt zu unserer Spezies, dann tritt dies immer mehr in den Hintergrund. Das finden wir auch bei einem der großen Gründer einer Neo-Darwinistischen Synthese, bei Theodosius Dobzhansky. Er sagt es so: “Betrachten wir das Hervortreten der menschlichen Spezies, dann hört die biologische Evolution auf. Was wir jetzt sehen ist kulturelle Evolution.“

KW: Ein Begriff wie „natürliche Selektion“ sagt aus sich heraus erst einmal sehr wenig, weil sich die Frage stellt, was dabei wofür selektiert wird. Wird der physisch Aggressivste selektiert? Ist es eine Selektion danach, wer die höchste Moral vertritt? Ist es die Selektion des Besseren, des Gerechteren, des Höheren, des Wahrhaftigeren? Oder ist es die Selektion des Brutalsten und Hässlichsten? Das muss spezifiziert werden. Für Darwin ist es klar, dass im Verlauf der Evolution der Auswahlprozess eines Überlebens des Passendsten immer noch vorhanden ist, doch dass er eine immer geringe Rolle spielt, und nun Aspekte moralischen Empfindens und die goldene Regel eine Rolle spielen. Und wenn jetzt etwas selektiert wird, dann spielt dies dabei eine Rolle.

Viele Biologen sprechen von der Paarungszeit. Darwin hingegen sprach von der „Jahreszeit der Liebe“. Und das war für ihn durchaus wissenschaftlich gemeint – Liebe ist der Begriff für die Vitalkraft der Evolution der Spezies. Er zog diesen Begriff einem technischen Begriff vor.

Hier ein Zitat von Darwin aus dem Buch:

„In vielen Arten ähneln die jungen Männchen den Weibchen in der Farbgestaltung, doch als Erwachsenen werden bei ihnen die Farben leuchtender und diese Farbe bleibt das ganze Leben. In anderen Spezies bekommen die Männchen nur während der Jahreszeit der Liebe ein strahlenderes und fein verziertes Farbenkleid. Das Männchen umwirbt emsig das Weibchen und zeigt sich in seiner Schönheit. Können wir uns vorstellen, dass dies im Rahmen einer Werbung keinen Zweck erfüllt? Ist es nicht eher so, dass die Weibchen eine Art von Wahl treffen und dasjenige Männchen auswählen, das ihnen am besten gefällt? Wenn das so ist, dann ergeben die genannten Fakten zu den Verzierungen sofort Sinn beim Verständnis sexueller Auswahl.“

DL: Ja, man beginnt sich mit Darwin zu beschäftigen und ist erstaunt, dass er sich mit moralischem Empfinden beschäftigt. Dann stößt man auf die Liebe bei ihm, und dann auch noch seine Faszination für Schönheit. Und plötzlich wird klar, welche bedeutende Rolle Schönheit für den Verlauf der Evolution spielt.

Wilber: Ja, es gibt so etwas wie Samenkörner im Kosmos, wenn man so will, und es finden auch Arten von Auswahlprozessen statt. Doch in vielen Fällen dienen diese dem Wahren, dem Guten und dem Schönen. Eine Beschreibung wie „Überleben des Passendsten“ ergibt solange keinen Sinn bis man sagt „Was ist konkret damit gemeint, wer oder was genau überlebt?“ Zum Beispiel: „Okay, das bedeutet das Überleben des Passendsten im Sinne von sich an seinen Hintergrund anzupassen.

In der Wissenschaft wäre dies beispielsweise eine Theorie, die am meisten Wahrheit beinhaltet und am besten zu den Fakten und zu der Art und Weise passt, wie wir die Welt (er)kennen. Betrachtet man demgegenüber Kunst und ästhetische Versuche allgemein, dann überlebt das Ästhetische gegenüber dem Nicht-Ästhetischen. Das am besten Angepasste ist in diesem Fall das Schönste. Was bedeutet dies im Fall moralischer Impulse? Es ist das Moralischste. Konzentriert man sich also nur auch natürliche Selektion oder das Überleben des Angepassteren ohne einen näheren Kontext, was damit gemeint ist, verliert man das Eigentliche dabei aus den Augen. Wenn wir diesen Kontext jedoch herstellen, wie Darwin das getan hat, kommen das Wahre, Schöne und Gute und auch die goldene Regel ins Spiel. Dafür wird ausgewählt, sie sind ein Teil des evolutionären Strebens. Damit sind sie auch ein wesenseigener Teil und ein Merkmal des Kosmos.

DL: Das stellt auch eine Beziehung zu deinem Werk her, und auch zu Kants drei Kritiken. Es passt alles – integral - zusammen, und wir finden das bereits bei Darwin als Schriftsteller. Unglücklicherweise ist jemand wie Richard Dawkins ein sehr guter Schriftsteller, seine Werke erscheinen bei den großen Herausgebern, das ist das, was sich verkauft, doch er sieht diese Zusammenhänge nicht.

KW: Ja, das ist erstaunlich. Und wir finden es bei Darwin, „Schaut euch diese männlichen Vögel an, sie tun viele Stunden lang alles Mögliche, um die Weibchen zu beeindrucken.“ Schönheit ist hier ganz klar ein Auswahlkriterium. Nicht der Stärkere im Sinne eines Eroberers.

DL: Die Schönheit ist auch dasjenige, was ich bei Musik so sehr liebe, speziell Schubert und Mozart. Oder das zweite Klavierkonzert von Brahms. Dafür braucht es keine Konzepte, Vorstellungen oder Worte. Musik umarmt dies alles, sie führt uns in den Himmel. Es gibt Dinge bei Mozart und Schubert, bei denen ich denke: „Sie sind im Himmel.“ Und wieder sind wir bei der Ästhetik, der Schönheit, der Kritik der Urteilskraft.

KW: Schopenhauer hat dazu geschrieben, dass einer der Gründe, warum Kunst, Ästhetik und Schönheit eine derartige Anziehungskraft auf uns haben, darin besteht, dass wenn wir Schönheit erfahren – und er erwähnt ausdrücklich Musik –, dass dabei die Unterscheidung Subjekt/Objekt überwunden wird. Wir treten in etwas ein, was wir heute den Flowzustand nennen, doch in den meisten der nicht-dualen Traditionen ist dies die eigentliche Natur der Wirklichkeit; vor allen dualistischen Fragmentierungen. Und daher ist diese Einheitserfahrung oft von Schönheit begleitet. Auch bei der Betrachtung eines atemberaubenden Bildes von Van Gogh beispielsweise kann dies geschehen. Es nimmt dir den Atem, es trägt dich an einen anderen Ort, und plötzlich ist da diese überwältigende Schönheit, in und außerhalb von dir, und du bist offen für diese letztendlichen, vereinigenden Dimensionen. Und ich denke, das ist der Grund, warum Kant immer wieder versucht hat, die Ästhetik zu einer vereinigenden Kraft seiner beiden anderen Kritiken zu machen [Kritik der reinen Vernunft und Kritik der praktischen Vernunft].

Die meisten Menschen wissen, wie sich diese Erfahrung anfühlt. Als Wissenschaftler fühlt man sich als ob eine Grenze überschritten wurde, bei der jegliche Objektivität verloren ging. Und das stimmt, und gleichzeitig ging auch jegliche Subjektivität verloren. Man ist aus diesem dualistisch-dissoziierten Geisteszustand befreit. Doch das bedeutet nicht, dass man dies vergessen sollte!

DL: Du sprichst etwas an, was mich zutiefst beschäftigt. Ja, es gibt all diese Möglichkeiten Nicht-dualität zu erfahren. Diese können jedoch auch dazu verwendet werden, Fragestellungen zu vermeiden, die sich aus der Dualität ergeben. In meiner früheren Forschung habe ich mich viel mit politischen Fragen beschäftigt und eine große Sympathie entwickelt für die dialektische Methode gegenüber der Dualität. Als ein Sozialaktivist geht es für mich auch um politisches und wirtschaftliches Handeln. Mich hat immer beeindruckt, wie sehr manche Mystiker und Mystikerinnen ganz konkret aktiv wurden. Für mich geht es vor allem darum, diese Welt zu einem besseren Ort zu machen.

KW: Das stimmt, und es ist die richtige Interpretation von Nichtdualität. Die technische Beschreibung der Herzsutra dafür lautet: Die Einheit von Leere und Form. Das was Form ist, ist nichts anderes als Leere, und das was Leere ist, ist nichts anderes als Form. Nirvana und Samsara sind nicht-zwei, beide sind gegenwärtig. Die Lehre der „Zwei Wahrheiten“ sagt, dass es so etwas wie eine letztendliche Wahrheit gibt, die reine Leerheit. Diese entwickelt sich nicht und verändert sich auch nicht. Sie ist ohne Zeit und Raum oder sonstige Eigenschaften. Doch dann gibt es auch manifeste bzw. konventionelle Wahrheit, und diese hat mit dem gesamten manifesten Universum zu tun. Dies ist ein unmittelbarer Ausdruck des GEISTES und des EINEN. Es ist nichts anderes. Verbindet man nun beides und sucht nicht nur nach der Leerheit sondern auch nach der Form, dann gehören dazu auch alle Modelle über die Form und moralisches Handeln, und die besten Praktiken, die man in der Welt der Form anwenden kann.

Doch kommen wir zurück zu deinem Buch, und wie Darwin immer wieder davon spricht, was Männchen alles tun, um Weibchen zu gefallen, als Hinweise auf die Bedeutung der Auswahl der Weibchen für die Evolution. Immer wieder geht es um Liebe und die Auswahl nach Schönheit.

DL: Lass mich das durch zwei Darwin-Zitate unterstützen:

“So wichtig wie der Kampf ums Überleben war und immer noch ist, was den höheren Teil unseres Wesens betrifft, gibt es Instanzen die wichtiger sind. Unsere moralischen Eigenschaften haben sich, direkt oder indirekt, sehr viel mehr durch unsere Gewohnheiten, Vernunft, Regeln und unsere Religion usw. fortentwickelt“

Viele Menschen kennen diese spirituelle Seite von Darwin nicht. Und hier noch ein weiteres Zitat:

“Die Geburt sowohl der Spezies als auch des Individuums sind gleichermaßen Teil einer großen Entwicklungsfolge, bei der sich unser Geist weigert zu glauben, dass wir es hier mit blindem Zufall zu tun haben. Bei solch einer Schlussfolgerung empört sich unser Verstand.“

In Über die Entstehung der Arten schreibt Darwin:

„Der wichtigste Grund organischer Veränderung ist einer, welcher praktisch unabhängig ist von veränderten, auch plötzlich veränderten physischen Bedingungen – es ist die gegenseitige Beziehung von Organismus zu Organismus, die Vervollkommnung eines Organismus bei gleichzeitiger Vervollkommnung eines anderes Organismus oder mit der Auslöschung des anderen.“

In Über die Entstehung der Arten ringt Darwin damit, etwas Zusätzliches einzubringen zu der Auslöschung, und meistens wird das als das Überleben des Passendsten gesehen. Doch in Die Abstammung des Menschen formuliert er die Vervollkommnung des Menschen als etwas, was auch die Vervollkommnung anderer anregt.

KW: Ja, es ist wichtig, dass du die Notizbücher dazu heranziehst und auch das Buch Die Abstammung des Menschen. Es wird dann deutlich, wie sehr eine Einzelaussage aus Über die Entstehung der Arten alles andere in den Hintergrund gedrängt hat. Selbst Darwin konnte dann gegen die vorherrschende Geistesverfassung seiner Zeit nichts mehr ausrichten. Diese Geistesverfassung war egozentrisch und selbstbezogen, es gab und gibt sie schon sehr lange, und so etwas zu ändern ist sehr schwierig. Eine Änderung geschieht durch eine Entwicklung zu den höheren Stufen, und davon hat Darwin auch gesprochen. Von der Fürsorge der Eltern zu einer sozialen Fürsorge hin zu Emotionen und Vernunft und weiter zu moralischen Motivationen und kultureller Evolution. Dafür braucht es jemanden, der oder die sich selbst zu diesen Stufen entwickelt hat. Sonst kann man dieser Argumentation nicht folgen.

DL: Die Quadrantenbetrachtung finde ich beim Thema kulturelle Evolution sehr hilfreich, die Unterscheidung zwischen innerlich und äußerlich. Auch Darwin war dem schon auf der Spur. Er war immer daran interessiert, von der rechten Seite, der äußeren Seite, auf der die meisten wissenschaftlichen Informationen vorliegen, auf die linke Seite zu schauen, die innere Dimension. Doch er tut dies lediglich, um seine Einschätzungen und Einsichten zu Gefühlen hinsichtlich der rechtsseitigen Dimension zu untermauern. Was auch auffällt, wenn wir die Wilber-Combs Matrix betrachten, wo es um die Zustandsentwicklung vom Grobstofflichen zum Subtilen zum Kausalen geht – ist, Darwin arbeitet mit dem Grobstofflichen, der Natur. Doch er versucht immer wieder, diese im Kausalen zu gründen. Er arbeitet auch mit dem Subtilen, den Gottheiten, doch er war überwiegend am Kausalen interessiert. Durch meine Beschäftigung mit der Chaostheorie und der Vorstellung von Attraktoren und dem Konzept von Selbstorganisation wurde mir klar, dass Darwin hier auch schon ein Visionär war. Er bewegt sich damit auch in Richtung des Kausalen.

KW: Es ist ziemlich eindeutig, dass Darwin auf das Innere ausgerichtet war. Es ist eine der Ironien, oder soll man sagen Katastrophen des Neo-Darwinismus, dass man sich auf die großen Fortschritte der rechtsseitigen Wissenschaften konzentrierte. Die Gene wurden entdeckt, die DNA mit der Möglichkeit genetischer Mutationen – auch wenn die allergrößte Anzahl von Mutationen tödlich verläuft – doch dies wurde der Eckstein der Neo-Darwin‘schen Synthese, die Entdeckungen im molekularen und biologischen Bereich. Doch das war nicht dasjenige, was Darwin am meisten interessierte. Es interessierte ihn sicherlich und er hätte dazu auch sicherlich einiges zu sagen, doch ich denke nicht, dass er sich diesem reduktionistischen Standpunkt angeschlossen hätte, wo alles lediglich durch zufällige Mutationen und natürliche Selektion erklärt wird. Er hat ja gesagt, dass er eine alleinige Rolle der natürlichen Selektion bei der Evolution verneint.

DL: Darwin schreibt:

“Der Mensch möge entschuldigt sein dafür, dass er etwas Stolz dabei fühlt, auf einem Gipfel organischer Evolution zu stehen, wenn auch nicht durch eigene Anstrengung. Und die Tatsache dieses Aufstiegs und Weges mag ihm Hoffnung geben für eine noch höhere Bestimmung in der Zukunft.“

KW: Ja, er sieht ganz klar einen Vorgang einer fortlaufenden Entwicklung, von Moral, Schönheit, Liebesfähigkeit und so weiter. Das hat er beobachtet zu seiner Zeit, und er projiziert dies in die Zukunft.

Schaut man sich an, wie Darwin aus Tausenden von spezifischen Details Muster erkennt, dann ist klar, dass seine kognitive Entwicklung mindestens integral war, eine Schau- oder Netzwerklogik. Das ist die Perspektive, die ihn antreibt. Daher ist er auch nicht anfällig für Reduktionismen und Versuche, höhere Dimension auf das Niedere zu reduzieren. Er versucht all dies auf etwas zu gründen und in seiner Entwicklung zu verstehen. Das ist das, was die Theorie des egoistischen Gens macht, die sagt, dass hinter Altruismus und dem „für andere etwas Gutes tun“ nichts anderes als Ichbezogenheit oder Egoismus steht. Doch Darwin tat das nicht. Er ging von unterschiedlichen Motivationen aus, von Selbstliebe und Liebe zu anderen und einem moralischen Empfinden. Dieses egoistische Gen ist daher eine verzerrte Darstellung von Darwin, die sich nicht auf ihn berufen kann und sollte.

DL: Darwin stellt sich ganz klar gegen die Tendenz zu sagen, „alles was vor uns kam war rohe Natur, blutig und hart …“. Und dann plötzlich erscheint diese wundervolle Spezies, mit der alles in Erscheinung tritt. Darwin sagt, dass Intelligenz in allen Lebensformen in früher Form existiert, und dass es in unserer Verantwortung liegt, dieses Geschenk das wir erhalten haben weise und gut zu nutzen. Diesen ganzen Neodarwinismus, das waren vielleicht sechs oder acht Leute, die das starteten, und zwei der Schlüsselfiguren waren Theodosius Dobzhansky und Julian Huxley. Diese beiden waren die faszinierendsten. Sie waren auch fasziniert von Pierre Teilhard de Chardin, der sich mit der spirituellen Dimension beschäftigte. Doch Chardin konnte zu Lebzeiten nicht alles publizieren, das wurde von der katholischen Kirche nicht zugelassen. Sie erweiterten den Begriff der natürlichen Selektion auf die psychologische Dimension und sprachen von psychologischer Selektion und auch von kultureller Evolution. Doch das mochten die Biologen nicht, und sie wurden als Abtrünnige betrachtet. Huxley wurde Generalsekretär der UNESCO. Er war ein Aktivist, und wollte, dass sich die Erde in eine gute Richtung entwickelt. Doch sie alle waren sich nicht des anderen Darwins bewusst, sie waren so gefangen in dem früheren Verständnisrahmen und haben das, was Darwin noch geschrieben hat, nicht gelesen oder nicht verstanden. Ich habe mich durch Hunderte von Büchern hindurchgearbeitet und bin auf lediglich vier Menschen gestoßen, die bemerkten, worum es Darwin sonst noch ging. Der früheste darunter war Peter Kropotkin1, der Darwins Aussage von „gegenseitiger Unterstützung“ aufgriff. Sein posthum veröffentlichtes Buch beschäftigt sich mit Ethik, er war eine der Hauptfiguren moralischer Theorie.

KW: … und politischer Theorie.

DL: Der einzig offizielle Darwin-Gelehrte unserer Zeit ist Robert J. Richards von der Universität Chicago, der das Buch Darwin and the Evolutionary Theories of Mind and Behavior geschrieben hat. Er war der einzige, der das alles erfasst hat. Lediglich vier Menschen in einem Jahrhundert. Dies ist für mich ein niederschmetternder Beweis der Macht von Paradigmen.

KW: Das verstehe ich gut. Manchmal ist „Paradigma“ die genau richtige Bezeichnung. Worauf es Kuhn dabei ankam war, dass die Theorien, die wir entwickeln, sich auf konkrete Praktiken gründen. Und dafür gab er Hunderte von Beispielen. Doch oft wird unter einem Paradigma lediglich eine Super-Theorie verstanden, die über allem liegt. Das meinte Kuhn jedoch gerade nicht. Er wies auf die sozialen Praktiken hin, welche die Basis der Hervorbringung wissenschaftlicher Fakten und Interpretationen bilden. Und das sehen wir auch bei unserem Thema. Es gibt einschränkende Paradigmen, die aus einschränkenden Interpretationen von Darwin kommen, und das verändert die Praktiken, die innerhalb einer Wissenschaft möglich und erlaubt sind, das was man studieren und betrachten darf und an Daten hervorbringen kann. Daraus ergeben sich dann Bereiche, die man nicht betreten darf. Dies sind hier die Bereiche von Liebe, Ästhetik, Schönheit, moralischem Empfinden und so weiter. Diese Bereiche sind ausgeschlossen, wenn um die Suche nach Gründen für einen Selektionsprozess in der Evolution geht. Und hier geht es darum, die soziale Praxis zu ändern, und das ist so machtvoll, weil die Art, wie man sich verhält der Art entspricht, wie man denkt. Ist das Verhalten auf bestimmte Weisen eingeschränkt, dann ist es schwierig, in dieser Weise zu denken, etwas tritt dann nicht ins Bewusstsein. Das war eines der Argumente von Kuhn. Die Lesart von Darwin wurde so zu einem sehr begrenzten Paradigma. Darauf weist du in deinen Büchern hin. Der schädliche Einfluss davon erstreckt sich auf die zukünftige menschliche Evolution. So hat das Darwin nicht gemeint und das ist nicht in seinem Sinn. Und doch behaupten das die Superneodarwinisten in ihrer Interpretation vom Überleben des Passendsten. Doch damit können sie sich nicht auf Darwin berufen!

Zu diesen Super-Neos, als denjenigen die vom Überleben des Passendsten, von Soziobiologie und von evolutionärer Psychologie auf extrem reduktionistischen Weisen sprechen, hier eine Passage aus deinem Buch:

„Während der Ära der Gier wurden diese Ideen, mit Stichworten wie dem ‚Überleben des Tüchtigsten“ und dem ‚egoistischen Gen‘, die im späten 20sten Jahrhundert die Märkte überfluteten, für wirtschaftliches und politisches Handeln herangezogen. Für alles das, was Menschen tun wurden die Wurzeln dafür ganz unten auf der evolutionären Leiter gesucht. Das Problem mit diesen Super-Neos ist, dass sie behaupten Darwinisten zu sein. Buch für Buch wurde die Behauptung wiederholt, dass wir aufgrund unseres tierischen biologischen Erbes dazu bestimmt sind, egoistisch zu handeln – das egoistische Gen. Doch wie wir gesehen haben, sprechen die Beobachtungen, die Darwin von Tieren machte, eine ganz andere Sprache und widersprechen diesem fürchterlichen wissenschaftlichen Irrtum. Wir sind auch auf Weisen motiviert, die nicht ichbezogen sind.“

„Für Darwin war Ichbezogenheit, als unsere primitivste Motivation ein ‚Grundprinzip‘ und der Grund für ‚wenig Moralität unter Wilden‘. Doch die höheren Ebenen von Motivationen, durch Liebe, gegenseitige Unterstützung und Fürsorge gekennzeichnet, waren nicht nur ‚nobel‘, sondern ein Hauptantriebselement der Evolution sowohl auf der vormenschlichen als auch auf der menschlichen Ebene“

„ … Darwin wurde durch eine blinde Wissenschaft dieser Zeit in ein Dogma hineingepresst, was zu der Anschauung führt, dass ein Halsabschneider-Business eine ‚natürliche‘ Praxis darstellt, dass Gutmenschen lächerlich sind und dass jeder Andere ein potentieller Feind ist.“

DL: Zu diesen Ergebnissen bin ich durch meine Studien gelangt, aber auch im Laufe meines Berufslebens in unterschiedlichen Berufen. Ich war unter anderem auch Filmproduzent und was mir dabei immer wieder aufgefallen ist, ist dass in Fernsehprogrammen über eine lange Zeit, bis heute, alles was von Tieren in der freien ‚Natur‘ gezeigt wurde mit dem Überleben des Stärksten zu tun hatte. Wer frisst wen? Wer gewinnt und wer verliert? Naturfilmer warten dann Stunden auf solche Szenen. Kropotkin hat das nicht getan, er schrieb über das Gegenseitige unter Tieren, über leben und leben lassen.

KW: Hier noch weitere Aussagen von Darwin dazu:

“Es ist sicher, dass miteinander verbundene Tiere Liebe füreinander empfinden. Viele Tiere fühlen mit, wenn andere Not und Gefahr erleben. Das zeigt sich sogar bei Vögeln. Captain Stansbury fand in einem Salzsee in Utah einen alten, vollständig erblindeten Pelikan, der gut genährt war, und daher von seinen Gefährten über lange Zeit gefüttert worden war. “

Er wurde nicht ausgestoßen, wie es eine herzlose Theorie vorschreiben würde.

“Captain Stansbury berichtet auch über die Art und Weise, wie ein sehr junger Pelikan, der vom Strom weggetragen zu werden drohte, in seinem Bemühen das Ufer zu erreichen von einem halben Duzend älterer Vögel unterstützt wurde. Mr. Blyth hat mich darüber informiert, wie Krähen ihre blinden Gefährten fütterten. Und ich habe von einem ähnlichen Fall bei Hühnern gehört. Wir können all diese Handlungen als instinktiv bezeichnen, doch diese Fälle sind zu selten, um daraus die Entwicklung eines bestimmten Instinkts zu erklären.“

Mit diesen Beobachtungen widerspricht Darwin all jenen, die später etwas anderes aus ihm gemacht haben.

„Wie Mr. Bain feststellt, ‘entspringt Hilfe gegen Leid aus Mitgefühl’.

„Ich habe einen Hund gesehen, der niemals an einer kranken Katze in ihrem Körbchen vorbeigegangen ist, ohne sie mit seiner Zunge zu lecken als das sicherste Zeichen von Gefühlen in einem Hund.“

„Hunde sind schon lange für ihre Treue und ihren Gehorsam bekannt. Doch ein Elefant ist ähnlich vertrauensvoll gegenüber seinem Halter oder Führer, und betrachtet ihn wahrscheinlich als den Herdenführer. Dr. Hooker hat mir von einem Elefanten berichtet, den er in Indien ritt, der in einem Sumpf einen Tag lang feststeckte, bis er von Männern mit Seilen herausgezogen wurde. Unter solchen Umständen packen Elefanten mit ihrem Rüssel jedes nur erdenkliche Objekt, tot oder lebendig, um es unter sich zu platzieren um ein tieferes Einsinken zu verhindern. Der Elefantenführer hatte große Angst, dass dies mit Dr. Hooker geschehen würde. Doch er selbst hatte für sich keine derartigen Befürchtungen. Diese Duldsamkeit in einer derartig lebensbedrohlichen Notfallsituation für dieses kräftige Tier ist ein wunderbarer Beweis nobler Treue.“

Der Elefant, sagt Darwin, wäre eher gestorben als seinen Führer zu seiner Rettung umzubringen. Das klingt nicht nach einem egoistischen Gen.

DL: Wie wahr. Die Ironie dabei ist, dass Menschen wie Trivers, als einer der Super-Neos, daraus etwas wie eine Ichbezogenheit auf Gegenseitigkeit machen. Wir tun Anderen Gutes, weil wir uns ausrechnen dass sie uns dann Gutes tun. Und Hamilton gründet das auf Verwandtschaft, wir tun anderen Gutes, weil wir mit ihnen durch uralte Verwandschaftslinien verbunden sind. Auf diese Weise vereinen wir unsere Gene mit einem größeren Genpool als eine ichbezogene Motivation. Und dann gibt es E. O. Wilson, ein eindrucksvoller Mensch. Er hat ein beeindruckendes Buch geschrieben, Sociobiology. Darin hat er in einem Kapitel die Entwicklung moralischer Theorie zusammengefasst. Doch am Ende, wieder einmal, wird alles auf Ichbezogenheit zurückgeführt. Darwin erwähnt sowohl einen selbstbezogenen Altruismus auf Gegenseitigkeit wie auch die Bedeutung der Blutsverwandtschaft. Doch Darwin geht auch darüber hinaus, über das moralische Empfinden bis hin zur goldenen Regel als letztendlichem Antrieb.

KW: Und das bringt das Gute mit ein, zusätzlich zum Wahren und dem Schönen. Dies ist eine Vorstellung, die ich auch in den Quadranten wiedergefunden habe, sie entwickeln sich miteinander, vom Beginn der Evolution an. Sie alle tragen dazu bei.

DL: Einer der Super-Neos, über den ich mich am liebsten ärgere, ist Daniel Dennett. Er ist als Philosoph bekannt, aber sein Hintergrund ist der von künstlicher Intelligenz, zu dem Thema hast du auch viel Klärendes beigetragen. Und Dennett sagt in etwa, „Natürliche Selektion, zufällige Variationen – das ist alles was es gibt.“ Und dann wendet er sich dem Thema Moral zu und beruft sich dabei als Beispiele für große Philosophen der Moral auf Friederich Nietzsche und Thomas Hobbes! [Lachen] Er nimmt diese zwei als Begründer der Soziobiologie. Es ist zum …

KW: Und er schrieb das Buch Consciousness Explained [Bewusstsein erklärt], von dem eine Reihe von Lesern sagen, dass der bessere Titel Consciousness Explained Away [Bewusstsein wegerklärt] wäre. Unser Freund Allan Combs hat ein Buch mit dem Titel Consciousness Explained Better [Bewusstsein besser erklärt] geschrieben, unter Verwendung eines integralen Rahmens.

Du schreibst: „In dem Aufstieg der Zivilisation, ganz im Gegensatz zu der ihm lange zugeschrieben "hau-dich-ohne-Rücksicht-bis-nach-oben-durch Sichtweise", sah Darwin die Möglichkeit, dass Männer einfühlsamer würden und Frauen besser behandelt würden. Und die Zunahme an moralischer Sensitivität sah er insbesondere in den Frauen, aber auch zentral für die Evolution der Spezies als Ganzes.“

Dies gab Darwin „Hoffnung für eine noch höhere Bestimmung in der Zukunft“. Mich hat dieser Abschnitt bei Darwin dazu inspiriert, eines meiner frühen Bücher Up from Eden [Halbzeit der Evolution] zu nennen.

Für Interessierte hier noch deine Internetadresse:
www.DavidLoye.com
.

 

Anhang 1:

Aus dem Prolog des Buches Darwin's Lost Theory: Bridge to a Better World von David Loye Die Wahrheit über Darwin – und uns


Nach 100.00 Jahren unseres Entwicklungsweges auf diesem Planeten stellt das 21. Jahrhundert drei sehr große Fragen an unsere Spezies.

Bewegt sich die menschliche Evolution zurück?

In welchem Ausmaß hat die falsche Art von Wissenschaft und die falsche Art von Religion dabei eine Rolle gespielt?

Was würde Darwin sagen wenn er heute wieder lebendig wäre?

Was würde er dazu sagen, dass der Brasilianische Regenwald, den er so wunderbar in der Reise der Beagle beschrieben hatte, mit seiner zentralen Funktion als den „Lungen des Planeten“ niedergewalzt wird für Viehweiden zur Hamburgerproduktion? Was würde er dazu sagen, dass er als der Held einer so genannten Darwin’schen Wissenschaft vom Überleben des Stärksten oder am besten Angepassten gesehen wird, und als jemand, der ein „egoistischen Gen“ propagiert?

Begegnen wir mit einem offenen Geist dem Buch, in dem Darwin sich speziell mit der menschlichen Evolution beschäftigt, The Descent of Man, dann finden wir folgendes: Auf den 828 Seiten dieses Buches, mit jeweils durchschnittlich 980 Worten pro Seite, verwendet Darwin lediglich zweimal den Ausdruck “survival of the fittest,” aber 95 mal das Wort „Liebe“. Wir finden außerdem, dass er lediglich 12 mal von Ichbezogenheit schreibt, als einem „Grundprinzip“ im Hinblick auf die „niedrige Moral der Wilden“. Demgegenüber erwähnt er moralisches Empfinden 92 mal. Wenn man in den zurückliegenden 100 Jahren Menschen dazu befragte was sie von Evolution halten oder denken, dann erhält man Antworten wie „Überleben des Stärksten“ oder „egoistisches Gen“. Dies wurde durch eine Umfrage von CBS und der New York Times 2004 bestätigt. 55% der befragten Amerikaner waren der Meinung, dass „Gott uns so geschaffen hat wie wir heute sind.“ Daran haben auch Milliardenausgaben für Wissenschaft, Bildung und Erziehung in einem der reichsten Länder der Welt nichts geändert.

Warum ist das so? Betrachten wir, was dem vorherrschenden Denken zugrunde liegt, dann wird klar, dass sich die Medien der zurückliegenden 100 Jahre beim Thema Evolution vor allem auf eines konzentrierten, die Auseinandersetzung zwischen Kreationisten und Evolutionisten, als dem so genannten „Darwin-Krieg“. Gehen wir noch tiefer, entdecken wir hinter diesem unterhaltsamen Ablenkungsmanöver eines „lassen wir sie gegeneinander kämpfen“ Varietees ein Thema, dessen Entwirrung und Verständnis für Wissenschaftler, Lehrer, Studenten, Theologen, Philosophen, Autoren und Leser ganz entscheidend ist. Dieses Buch enthält die Informationsbasis für eine beispiellose Erweiterung der Geschichte der Theorie der menschlichen Evolution. Erstmals wird hier ausführlich dokumentiert, was der „verlorene“ Darwin tatsächlich dachte und auszudrücken versuchte, worüber er seitenlang geschrieben hat und was über 100 Jahre praktisch komplett ignoriert wurde.

Lange bevor ich Psychologe und evolutionärer Systemwissenschaftler wurde, war ich investigativer Journalist und Reporter. Ich war einer der sehr frühen Fernsehreporter, der sich nach dem zweiten Weltkrieg auf den Weg machte, die „Geschichte hinter der Geschichte“ zu entdecken, ganz in der Tradition von Edward R. Murrow während der McCarthy Jahre. Eines der ersten Dinge, die ein guter Journalist früh lernt, ist die Infragestellung der Aussagen von Autoritäten. Egal wer etwas sagt, überprüfe es gründlich. Schaue dich hinter den Kulissen um. Bringe dann alles zusammen und mache eine Story daraus die aufzeigt, was sich hinter dem offiziellen Bild der Macht, einer behaupteten ganzen Wahrheit befindet.

Dieses Buch handelt von dem, was ich hinter den offiziellen Verlautbarungen zu Darwin herausgefunden habe, und das, was darin fehlt und den Gang der Untersuchungen von Evolution auf eine schiefe Bahn gebracht hat. Es geht um den Rest der „ganz menschlichen“ Theorie der Evolution die Darwin begonnen hat, und der für ein Jahrhundert verloren wurde. Es geht um die Konsequenzen dieses Verlustes, darum, wie und warum eine große Zahl von uns glauben konnte, dass der Hauptantrieb der Evolution der Ethos des Überlebens des Stärksten oder Angepasstesten oder Egoistischsten wäre, und, daraus abgeleitet, warum es Krieg, Umweltkatastrophen, Elend und Hunger auf der Welt gibt. Es geht darum wie wir, wenn wir die Wahrheit über Darwin erfahren, und damit auch über uns selbst, eine zweite Chance für eine bessere Welt erhalten, die er schon für uns vorausgesehen hat.

Es geht um eine zweite Darwin’sche Revolution, die aus seinen lange unveröffentlicht geblieben Notizbüchern zu uns spricht, der ignorierten Kernbotschaft von The Descent of Man, und der modernen Wissenschaft dazu, sowie den früheren Aussagen von Philosophie und Spiritualität, welche den lange beerdigten Darwin bestätigen und auf den neuesten Stand bringen. Es ist meine Hoffnung, dass neue Generationen von Wissenschaftlern, Lehrern, Studenten, Ministern, Philosophen, Autoren, Bibliothekaren und Leserinnen und Leser diese neue, verlorene Welt mit neuen Augen sehen und somit auch neue Wege darin finden. Es geht um diese neue Gelegenheit der kühnen Unternehmung einer fortschreitenden Wissenschaft, die nur allzu wenige heute zur Kenntnis nehmen und verstehen.


Die Beerdigung des anderen Darwin

Wie ein Sherlock Holmes und Nero Wolfe ermittelnd oder auch Woodward und Bernstein, welche die Watergate Affäre ins Rollen brachten, führte mich eine offensichtliche Diskrepanz zum anderen Darwin. Warum gab es einen derartigen Gegensatz zwischen dem Menschen Darwin und der für mich zunehmend hoffnungslosen und sozial verheerenden Theorie, die ihm zugeschrieben wurde? Von dem Wenigen, was ich zu Beginn über ihn wusste, passte es für mich einfach nicht zusammen, dass dieser freundliche Mensch und vornehme wissenschaftliche Visionär – ein liebender Vater, und, in einem größeren Maß als ich annahm, ein fortschrittlicher Politiker, wirklich der Urheber von etwas war, das in den Händen seiner Nachfolger zu einem erzkonservativen und regressiven Katastrophenwerkzeug wurde.

Als ein Veteran des zweiten Weltkriegs, als ein Journalist und dann als Wissenschaftler während des kalten Kriegs wusste ich um die Konsequenzen, die sich aus einem quasi-wissenschaftlich fundiert „Überleben des Stärkeren“ ergeben, und was uns weiter blühen würde aus einem Darwin zugeschriebenen „egoistische Gen“. Woran glaubte Darwin wirklich? Was hat er wirklich gesagt und geschrieben?

Was ich herausfand erstaunt mich immer noch. Neben der faszinierenden Auszählung von Begriffen, die Darwin im Descent verwendete, steht die rätselhafte Wirklichkeit von „zwei Darwins“, welche die Darwinisten in drei miteinander unvereinbare Lager teilen. Da gibt es auf der einen Seiten den „harten“ Darwin, belegt mit rassistischen, sexistischen und imperialistischen Zitaten. Dieses Lager steht für das hässliche Bild eines Menschen, der die Ichbezogenheit feiert und das „Überleben des Stärksten“ oder des Angepassteren propagiert. Dies ist auch der Darwin, welcher den Kreationisten den Grund dafür gegeben hat, dass Bewusstsein allgemein über ein Jahrhundert lang in einer abgrundtiefen Ignoranz gehalten wurde.

Auf der anderen Seite, und standhaft bekämpft vom fest etablierten und offiziellen Lager, ist das mystifizierte Bild eines wirklich netten Menschen, der auf irgendeine Weise zum blutigen Schutzheiligen der offiziellen „harten“ Darwinistischen Theorie wurde. Und weiterhin entstand etwas, was man jedoch nicht als ein Lager bezeichnen kann, als eine wachsende Anzahl von irritierten Menschen, die über das hinausgingen, was sie über Darwin hörten und lasen. Sie studierten Darwin im Original, und das erschien erst einmal unfassbar. Was ich dabei herausgefunden habe ist, dass ein großer Beitrag Darwins darin besteht, die wissenschaftliche Grundlage für das Jesus Ethos „Liebe Deinen Nächsten“zu liefern. Dies bedeutet einen großen Fortschritt sowohl für die Philosophie als auch für die Religion.

Im „verlorenen“ Darwin finden wir, mit anderen Worten, eine verlorene Theorie von ihm, als einem vernunftgestützten, empirisch wissenschaftlichen Ausdruck einer Vorrangstellung der Liebe und eines moralischen Empfindens, als etwas was wir heute als fortschrittliche Religion kennen. Lesen Sie selbst, wie dieser Mensch, verschmäht als ein Religionsfeind, von einem „adelnden Glauben an Gott“ schrieb.

Weiterhin lässt sich daraus auch schon die Vision einer progressiven Wissenschaft, progressiven Religion, progressiven Philosophie, progressiven Politik und Ökonomie erkennen, welcher der derzeit vorherrschende Regression, die unsere Spezies und unseren Planeten bedroht, entgegensteht. Wie kann eine derart entmutigende Situation gelöst werden? Alles was es dazu benötigt, sei es zu Hause, in Klassenzimmern, Laboren, Bücherklubs oder auch im Urlaub am Strand ist ein Sprung in die Detektivarbeit, die das Geheimnis aufdeckt.


Darwin’s größtes Abenteuer

Ich könnte noch viel mehr davon berichten, wie sehr das, was gesagt wird und das, was die Wirklichkeit ist, voneinander abweichen, doch ich lasse es bei diesen Hinweisen auf den Schlamassel, der aus Darwins Vision gemacht wurde. Gehen wir zurück in Darwins Zeit, das 19. Jahrhundert, als das Leben noch frisch war, die Bücher, die wir lasen noch voller Begeisterung waren und unseren Geist öffneten, und die ganze Welt vor Darwin vor uns allen lag. Gehen wir zurück an den Beginn des großen Abenteuers, welches – ganz unvorhersehbar – zu zwei Revolutionen führte, und seinen Ausgang in dem kleinen Dorf Downe nahe London nahm.

Teil 1: Die kühne Vision eines jungen Mannes, den wir als Darwin kennenlernen, in den entscheidenden Monaten seiner Entwicklung von etwas, was wir heute als Theorie der Evolution bezeichnen und ihn berühmt machte. Doch noch überzeugender, und verbunden mit einem „höheren Strom“ einer früheren, parallel verlaufenden und verlorenen Philosophie, sind die anscheinend gegensätzlichen Einsichten, die er in seinen privaten Notizbüchern niederschreibt. Sie sind die später ignorierte Vervollständigung seiner Theorie. Wir machen die Bekanntschaft einer ersten Arbeit moderner Wissenschaft, die Darwin vorausahnte. Im Verlauf eines Jahrhunderts und in der Ausgestaltung von Darwins ursprünglichen Arbeiten (wozu auch die Chaos- und die Komplexitätstheorien gehören), gelangen wir zu einer vollständigen Theorie und Geschichte menschlicher Evolution, die uns eine bessere Zukunft und eine bessere Welt anbietet.

Teil 2: Wir befinden uns dreißig Jahre später. Darwin ist weltberühmt, ein glücklicher, aber auch kränkelnder Familienmensch. Sein Heim in Downe ist nun gleichzeitig ein Forschungs- wie auch ein Veröffentlichungshaus, das Zentrum eines weltweiten Netzwerkes miteinander korrespondierender Naturwissenschaftler. Mit seinen sieben Kindern, die ihm wie eine Gruppe von Elfen bei der Forschungs- und Veröffentlichungsarbeit assistieren, werden wir Zeuge, wie er seine Arbeit weiter vorantreibt.

Wir folgen ihm dabei, wie er von etwas schreibt, was in alle Hauptsprachen der Welt übersetzt wird, um dann im Sumpfloch eines pseudodarwinistischen Geistes zu verschwinden, so als wäre es in unsichtbarer Tinte aufgeschrieben worden.

Verlassen wir nun diese Geisteshaltungen, in denen wir ein Jahrhundert lang gefangen waren und zoomen wir uns, wie von einem Hubschrauber aus, herunter in die Gegend südlich von London, in das Dorf Downe. Und dann vertiefen wir uns in Darwins Studien, in denen er darüber schreibt, wer wir wirklich sind.

Wir sind grundlegend gut und werden öfter als uns das bewusst ist, von einem moralischen Empfinden gesteuert, anders als es uns die Gehirnwäsche der Jahrhunderte vermittelt. Wenngleich auch selbstbezogen, sind wir ebenso angetrieben von Liebe, welche unsere Selbstbezogenheit transzendiert. Auch wenn wir erbittert um unser Überleben kämpfen, sind wir auch angetrieben vom dem transzendenten Bedürfnis, die Bedürfnisse anderer zu respektieren und für sie Sorge zu tragen.

Wir beobachten, wie Darwin davon schreibt, dass wir, auch wenn wir teilweise oder auch einen Großteil unseres Lebens Gefangene, Opfer und sogar Sklaven von Kräften sind, die sehr viel größer als wir selbst sind, doch insgesamt von einem Gehirn und Geist angetrieben werden, mit einem Hunger danach, unserer Schicksal zu wählen in einer Welt, in der dies möglich ist.

Wir sehen, wie Darwin darüber schreibt, wo unser Weg hingeht. Nicht darüber, dass wir blinde und geistlos Getriebene sind, in einem Leben ohne Vorhersehbarkeiten – was viele von uns davon überzeugt hat, dass wir Schafe sind, die eines Wolfes als Führers bedürfen. Stattdessen sehen wir Darwin darüber schreiben, dass wir mit einem Gehirn ausgestattet sind, welches uns ein Leben von Bedeutung und Wert ermöglicht, mit der Aussicht auf eine bessere Zukunft.

Wir sehen, wie er klar und eindeutig für alle offenen Geistes schreibt:

„So wichtig wie der Lebenskampf war und immer noch ist, so sind doch, was den höchsten Teil unseres Wesens betrifft, andere Instanzen noch wichtiger. Moralische Eigenschaften werden direkt oder indirekt sehr viel mehr durch Gewohnheit, Vernunft, Vorschriften, Religion usw. vorangebracht als durch natürliche Auswahl.“

Er schreibt weiter.

“Doch die bedeutenderen Elemente für uns sind Liebe und die ausgeprägte Emotion der Sympathie.“

„ Die Geburt sowohl der Spezies als auch des Individuums sind beide gleichermaßen Teil dieser großen Ereignisabfolge, welche unser Geist sich weigert, als das Ergebnis blinder Zufälligkeit anzunehmen. Das Verstehen empört sich gegen eine derartige Schlussfolgerung.“


Anhang 2:

Darwin in seinen eigenen Worten

(einzelne Textpassagen aus Die Abstammung des Menschen von 1871)

Der Mensch ist ein sociales Thier. Die meisten Leute geben zu, daß der Mensch ein sociales Wesen ist. Wir sehen dies in seiner Abneigung gegen Einsamkeit und in seinem Wunsch nach Gesellschaft noch über die seiner eigenen Familie hinaus. Einzelnhaft ist eine der schärfsten Strafarten, welche über Jemand verhängt werden kann. Einige Schriftsteller vermuthen, daß der Mensch im Urzustände in einzelnen Familien lebte; wenn aber auch heutigen Tages einzelne Familien oder nur zwei oder drei die einsamen Gefilde irgend eines Wilden Landes durchziehen, so stehen sie doch immer, soweit ich es nur ermitteln konnte, mit anderen, denselben Bezirk bewohnenden Familien in freundschaftlichem Verkehr. Derartige Familien treffen sich gelegentlich zu Beratschlagungen zusammen und vereinigen sich zur gemeinsamen Verteidigung. Darin daß die benachbarten Bezirke bewohnenden Stämme fast immer mit einander im Kriege sind, liegt kein Grund dagegen, daß der Mensch ein sociales Thier ist ... Obschon der Mensch, wie er jetzt existiert, wenig specielle Instinckte hat und wohl alle, welche seinen frühen Urzeuger besessen haben mögen, verloren hat, so ist dies doch kein Grund, warum er nicht von einer äußerst entfernten Zeit her einen gewissen Grad instinctiver Liebe und Sympathie für seine Genossen behalten haben sollte. Wir sind uns in der That alle bewußt, daß wir derartige sympathische Gefühle besitzen.

Der veredelnde Glaube an Gott ist den Menschen nicht allgemein eigen und der Glaube an thätige spirituelle Kräfte folgt naturgemäß aus seinen anderen geistigen Kräften. Das moralische Gefühl bietet vielleicht die beste und höchste Unterscheidung zwischen dem Menschen und den niederen Thieren: doch brauche ich kaum hierüber etwas zu sagen, da ich erst vor Kurzem zu zeigen versucht habe, daß die socialen Instincte – die wichtigste Grundlage der moralischen Constitution des Menschen - mit der Unterstützung der sich äußernden intellectuellen Kräfte und der Wirkungen der Gewohnheit naturgemäß zu der goldenen Regel führen: „was ihr wollt, daß man Euch thue, das Thut auch Andern“ und dies ist der Grundstein der Moralität.

Die meisten der complicierteren Gemüthsbewegungen sind den höheren Thieren und uns gemeinsam. Jedermann hat gesehen, wie eifersüchtig ein Hund auf die Liebe seines Herrn ist, wenn diese noch irgend einem anderen Wesen erwiesen wird, und ich habe dieselbe Thatsache bei Affen beobachtet. Dies zeigt, daß die Thiere nicht bloß Liebe fühlen, sondern auch die Sehnsucht haben, geliebt zu werden. Die Thiere haben offenbar Ehrgeiz; sie lieben Anerkennung und Lob, und ein Hund, welcher seinem Herrn einen Korb trägt, zeigt Selbstgefälligkeit und Stolz in hohem Grade. Ich glaube, es kann kein Zweifel sein, daß ein Hund Schamgefühl, und zwar verschieden von Furcht, besitzt, ebenso etwas der Bescheidenheit sehr Ähnliches, wenn er zu oft um Nahrung bettelt. Ein großer Hund verachtet das Knurren eines kleinen Hundes, und dies könnte man Großmuth nennen.

Gutes zu thun in Erwiederung des Bösen, den Feind zu lieben, ist eine höhere Moralität, von der wohl bezweifelt werden dürfte, ob die socialen Instincte für sich selbst uns dahin gebracht haben würden. Nothwendigerweise mußten diese Instincte, in Verbindung mit Symphatie, hoch cultiviert und mit Hülfe des Verstandes, des Unterrichts, der Liebe oder Furcht Gottes erweitert werden, ehe eine solche goldene Regel je hätte erdacht und befolgt werden können.

Nichtsdestoweniger finden sich Gefühle des Wohlwollens, besonders während Krankheiten, zwischen den Gliedern eines und desselben Stammes gewöhnlich und erstrecken sich zuweilen auch über die Grenzen des Stammes hinaus.

Die Musik erweckt verschiedene Gemüthserregungen in uns, regt aber nicht die schrecklicheren Gemüthsstimmungen des Entsetzens, der Furcht, Wuth u.s.w. an. Sie erweckt die sanfteren Gefühle der Zärtlichkeit und Liebe, welche leicht in Ergebung übergehen. In den chinesischen Annalen wird gesagt: „Musik hat die Kraft, den Himmel auf die Erde herabsteigen zu machen.“ Sie regt gleichfalls in uns das Gefühl des Triumphes und das ruhmvolle Erglühen für den Krieg an. Diese kraftvollen und gemischten Gefühle können wohl dem Gefühle der Erhabenheit Entstehung geben. Wir können, wie Dr. Seemann bemerkt, eine größere Intensität des Gefühls in einem einzigen musikalischen Tone concentrieren als in seitenlangen Schriften. Nahezu dieselben Erregungen, aber viel schwächer und weniger compliciert, werden wahrscheinlich von Vögeln empfunden, wenn das Männchen seinen vollen Stimmumfang in Rivalität mit anderen Männchen zum Zwecke des Bezauberns des Weibchens ausströmen läßt. Die Liebe ist noch immer das häufigste Thema unserer Gesänge.

Die Entwicklung der moralischen Eigenschaften ist ein noch interessanteres Problem. Ihre Grundlage findet sie in den socialen Instincten, wobei wir unter diesem Ausdrucke die Familienanhänglichkeit mit einschließen. Diese Instincte sind von einer äußerst complicierten Natur und bei den niederen Thieren veranlassen sie besondere Neigungen zu gewissen, bestimmten Handlungen; für uns sind aber die bedeutungsvolleren Elemente der Liebe und die davon verschiedene Erregung der Sympathie. Mit socialen Instincten begabte Thiere empfinden Vergnügen an der Gesellschaft Anderer, warnen einander vor Gefahr und vertheidigen und helfen einander in vielen Weisen. Diese Instincte werden nicht auf alle Individuen der Species ausgedehnt, sondern nur auf die derselben Gemeinschaft. Da sie in hohem Grade für die Species wohlthätig sind, so sind sie aller Wahrscheinlichkeit nach durch natürliche Zuchtwahl erlangt worden. Ein moralisches Wesen ist ein solches, welches im Stande ist, über seine früheren Handlungen und deren Motive nachzudenken, - einige von ihnen zu billigen und andere zu mißbilligen; und die Thatsache, daß der Mensch das einzige Wesen ist, welches man mit Sicherheit so bezeichnen kann, bildet den größten von allen Unterschieden zwischen ihm und den niederen Thieren. Ich habe aber im vierten Kapitel zu zeigen versucht, daß das moralische Gefühl erstens eine Folge der ausdauernden Natur und beständigen Gegenwart der socialen Instincte ist; zweitens daß es eine Folge der Würdigung, der Billigung und Mißbilligung seitens seiner Genossen ist, und drittens, daß es eine Folge des Umstandes ist, daß seine geistigen Fähigkeiten in hohem Grade thätig und seine Eindrücke von vergangenen Ereignissen äußerst lebhaft sind, in welchen Beziehungen er von den niederen Thieren abweicht. In Folge dieses geistigen Zustandes kann es der Mensch nicht vermeiden, rückwärts und vorwärts zu schauen und die neuen Eindrücke mit vergangenen zu vergleichen. Nachdem daher irgendeine temporäre Begierde oder Leidenschaft seine socialen Instincte bemeistert hat, wird er darüber reflectieren und den jetzt abgeschwächten Eindruck solcher vergangenen Antriebe mit dem beständig gegenwärtigen socialen Instinct vergleichen; und dann wird er jenes Gefühl von Nichtbefriedigung empfinden, welches alle nicht befriedigten Instincte zurücklassen. In Folge dessen entschließt er sich, für die Zukunft verschieden zu handeln; - und dies ist Gewissen.

 

(aus: Online Journal Nr. 53)

1 A. d. Ü.: Fürst Pjotr Alexejewitsch Kropotkin 1842 - 1921 war ein russischer Anarchist, Geograph und Schriftsteller. Er hinterließ viele Schriften, darunter die revolutionäre Schrift Die Eroberung des Brotes und sein wissenschaftliches Werk Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt. Kropotkin kämpfte für eine gewalt- und herrschaftsfreie Gesellschaft und gilt als einer der einflussreichsten Theoretiker des kommunistischen Anarchismus. (Aus: Wikipedia).