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25.2.2017 : 19:09 : +0100

Die Dialektik von Würde und Katastrophe bei Entwicklung

(aus dem Kurs advanced integral, www.coreintegral.com, zusammengestellt von Michael Habecker)

Soziokulturelle Spannungen

Eine Theorie kultureller Entwicklung muss in der Lage sein, die großen und immer größeren Katastrophen zu erklären, die den Entwicklungsfortschritt der Menschheit begleiten.

Entwicklung schreitet in einem Transzendieren und Bewahren voran, als eine fortwährende Differenzierung und Integration, und dabei kann vieles schief gehen. Jeder Entwicklungsfortschritt löst bestimmte Probleme der vorangegangenen Stufe, fügt jedoch neue eigene und manchmal komplexere Probleme hinzu. Dies ergibt eine Situation von guten und schlechten Neuigkeiten, als einen dialektischen Fortschritt. Je mehr Stufen es gibt, und je größer die Tiefe des Kosmos ist, desto mehr kann falsch laufen.

Wenn die Differenzierung zu weit geht entsteht Dissoziation und Abspaltung. Entwicklungsfortschritt wird oft nicht nur von gesunder Integration von Differenziertem begleitet, sondern auch oft von pathologischer Abspaltung. Aus einem „transzendiere und bewahre“ wird dann ein „transzendiere und unterdrücke, verleugne und spalte ab“. Natürliche Wachstumshierarchien können zu Dominanzhierarchien werden, mit Unterdrückung und Repression. Kommunion wird durch Macht ersetzt, Kommunikation durch Dominanz und ein aufeinander bezogen sein durch Unterdrückung. Jede Geschichtsbetrachtung schaut daher auf beides: gesunde Integration und pathologische Unterdrückung.

Ein Stammesbewusstsein ist relativ gutartig, vor allem weil seine Mittel und Technologien nur wenig Schaden anrichten können. Doch die Verbindung moderner Technologien mit einem Stammesbewusstsein und Ethnozentrik können verheerend sein. Völkermord ist mit Pfeil und Bogen allein nicht möglich, doch sehr wohl mit den Mitteln moderner Technologie. Sind diese Technologien erst einmal in der Welt, können sie auch von den unteren und untersten Bewusstseinsebenen und deren Motiven eingesetzt werden.

Gesellschaften sind eine komplexe Mischung von verschiedenen Produktionsmethoden und Weltsichten und mit Bewusstseinsschwerpunkten und vorherrschenden Weltsichten und Produktionsweisen. Die vorherrschenden „Kulturkriege“ im modernen Westen bestehen nicht nur zwischen traditionellen, modernen und postmodernen Werten, sondern zwischen techno-ökonomischen Produktionsweisen wie Landwirtschaft, Industrie und Informationstechnologie, mit entsprechenden Weltsichten von mythisch, rational und pluralistisch. In der nicht-westlichen Welt bestehen die größten Konflikte zwischen Stammesbewusstsein und mythisch-landwirtschaftlichen Bewusstsein einerseits, die im „Krieg“ stehen mit modern-industriellen und postmodernen-pluralistischen Produktionsweisen. Es existieren eine Vielzahl von Kulturen, Subkulturen und Produktionsweisen, und von daher sind die vielen bestehenden soziokulturellen Spannungen keine Überraschung.

Entwicklungsdynamiken UR und UL


Während durch technische Innovationen – die ihrerseits ein Anzeichen für eine zunehmende kognitive Bewusstheit sind – die techno-ökonomische Basis sich relativ schnell verändern kann, dauert es sehr viel länger, bis sich die kulturellen Bestandteile von Religion, Bedeutung, Glaubensvorstellungen und gemeinschaftlichen Werten ändern. Hier geht es nicht nur – wie beim UR Quadraten – darum ein neues Stück Technik „in die Hand zu nehmen“ (einen Grabstock, einen Pflug, eine Maschine, einen Computer), sondern um eine innerliche subjektive und intersubjektive Transformation im Bewusstsein, die im Allgemeinen wesentlich länger dauert und sehr viel schwieriger ist. Der Überbau von Werten und Überzeugungen hinkt daher meist den techno-ökonomischen Fortschritten und Standards hinterher.

Die technologische Entwicklung zeigt auf besondere Weise die Gerichtetheit von Evolution. Abgesehen von sozialen und kulturellen Zusammenbrüchen hat sich keine Gesellschaft je dafür entschieden zurückzugehen, von der Industrialisierung zurück zur Landwirtschaft, von der Landwirtschaft zurück zum Gartenbau, vom Gartenbau zurück zum Jagen und Sammeln.

Als ein genereller Ablauf beginnt eine technologische Änderung (UR) im Bewusstsein eines kreativen Individuums (OL). Die Dampfmaschine von James Watt entstand in seinem Bewusstsein und wurde dann (OR) von ihm kommuniziert. Eine kleine Gruppe von Menschen nahm diese Idee auf (UL), und wenn die Idee überzeugend genug ist, wird sie in eine konkrete Form gebracht, wie die erste Dampfmaschine, die dann zu einem Teil der sozio-ökonomischen Basis wird (UR). Daraufhin kann, wie im Fall der Dampfmaschine, eine techno-ökonomische Revolution relativ schnell in Gang kommen, durch die technische Reproduktion der Dampfmaschine in der Gesellschaft und auch darüber hinaus. Die alte kulturelle Weltsicht bleibt dabei jedoch erst einmal unverändert und „hinkt“ hinter der technologischen Innovation hinterher.

Entwicklung, Legitimität und Authentizität

Der Begriff „Legitimität“ bezieht sich auf die horizontale Dimension von Gesellschaften. Eine Legitimationskrise entsteht dann, wenn in einer Gesellschaft die Mitglieder in eine Sinn- und Bedeutungskrise geraten. Legitimation ist diesbezüglich eine Adäquatheit in horizontaler Übersetzung [translation]. Legitimation ist eine Maßeinheit dafür, wie gut eine Weltsicht auf ihrer Ebene funktioniert, akzeptiert ist und befolgt wird.

Authentizität demgegenüber bedeutet Adäquatheit in vertikaler Transformation [transformation]. Eine rationale Weltsicht ist authentischer als eine magische Weltsicht, weil sie die Welt angemessener und damit authentischer beschreibt. Weltsichten können sehr legitim, aber wenig authentisch sein (wie z. B. eine funktionierende und akzeptierte magische Weltsicht), und andere können sehr authentisch sein, aber wenig legitimiert (wie z. B. die schaulogische oder integrale Weltsicht, die nur von sehr wenigen akzeptiert wird). Eine technologische Entwicklung führt zu einer Legitimationskrise, weil eine vorherrschende Weltsicht, ausgelöst durch techno-ökonomische Umwälzungen, an ihre Grenzen kommt. Eine Legitimationskrise ist eine Krise gegenüber den Vorstellungen der vorherrschenden Weltsicht und gegenüber der Regierung (oder Herrschaft), welche diese Weltsicht repräsentiert.

Revolutionen und soziale Transformationen

Es war Karl Marx im Kommunistischen Manifest, der den Begriff „Revolution“ erstmals in der Bedeutung einer vertikalen Bewegung verwandte, in dem er Geschichte als eine Abfolge von revolutionären Veränderungen und Klassenkämpfen verstand, verbunden mit einem ökonomischen und auch kulturellen Fortschritt. Dieses Verständnis von Revolution als zunehmender Fortschritt in Entwicklungsstufen, Kognition, Kultur, techno-ökonomischen Kräften und der Produktion wird von der integralen Theorie unterstützt. Spannungen und Turbulenzen im AQAL Raum können nur durch eine vertikale soziale Transformation und kulturelle Revolution gelöst werden. Anders ausgedrückt: Die Lösung einer Legitimitätskrise erfolgt durch eine Zunahme an Authentizität.

Doch die meisten „Revolutionen“ der Menschheitsgeschichte haben nicht zu einer vertikalen Transformation in einem der Quadranten geführt. Sie führten zu keinem wirklichen Fortschritt, sondern blieben meist nur an der Oberfläche oder führten lediglich zu einer horizontalen Verschiebung der bestehenden Machtverhältnisse. Es handelte sich überwiegend um zyklische Ereignisse, welche lediglich die Oberflächenmerkmale im gleichen AQAL Raum veränderten.

Artefakte und Gemeinschaft

Artefakte spielen eine bedeutende Rolle in sozialen Holons. Materielle Systeme von Artefakten machen einen erheblichen Teil der Außenseite sozialer Holons aus, zusammen mit den Austauschbeziehungen der Mitglieder dieses Holons. Dazu gehören zum Beispiel

  • Techno-ökonomische Produktionsweisen (Pfeil und Bogen, Grabstock, Pflug, Dampfmaschine, Computer, Internet)

  • Gebäude (Holz, Stroh, Stein, Beton, Stahl)

  • Transportsysteme (zu Fuß, Pferd, Karre, Auto, Flugzeug, Rakete)

  • Medien und Kommunikationssysteme (Trommeln, Symbole, Alphabet, Buchstabendruck, digitale Kommunikation)

  • Nahrung (Nüsse und Beeren, gejagtes Fleisch, Getreide, verarbeitetes Getreide)

  • Waffen (Speer, Bogen, Armbrust, Schießpulver, Bombe, Flugzeug, Kriegsführung, Wasserstoffbombe, Neutronenbombe)

  • Arten von Geld

  • Geschäftsbeziehungen

  • Medizin


All diese Dinge und Systeme als Artefakte sind leblos, sie haben keine Intentionalität, Innerlichkeit oder Wahrnehmung und entwickeln sich selbst als Artefakte nicht. Das Bewusstseins dass diese Artefakte produziert entwickelt sich jedoch und daher kann man von einer technologischen Entwicklung bei Technologie, Landwirtschaft, Architektur, Medizin, Transport usw. sprechen, basierend auf dem Wachstumsstand der Intentionalität, Kognition oder der Bewusstheit allgemein, welche diese Artefakte herstellt. Es gibt Artefakte individueller Holons und sozialer Holons.

(aus: integrale perspektiven Nr. 27)