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27.6.2017 : 12:33 : +0200

5 Gründe, warum wir nicht erleuchtet sind

Ken Wilber, the loft series

 

Dies ist ein interessantes Thema. Die esoterischen Traditionen sagen übereinstimmend, dass buchstäblich nichts anderes als GEIST existiert. Und sie alle müssen daher eine Theorie oder eine Doktrin über Maya und Illusion haben – um zu erklären, dass wenn es nichts außer GEIST gibt, warum das niemand weiß oder erkennt. Was steckt dahinter, worin besteht das illusionäre Unterfangen, das es möglich macht diese absolute und radikale Tatsache zu verpassen? Es gibt Duzende von Erklärungen, und ich beschäftige mich hier mit fünf einflussreichen Hauptbegründen, die dafür gegeben werden.

Die erste ist die des Madhyamaka von Nagarjuna. Es ist die erste der nichtdualen Traditionen, und es ist die erste, die diese Frage stellt. Das religiöse Engagement bis zu dieser Zeit, der Achsenzeit, basierte auf der Vorstellung von Leid, Entfremdung, Sünde und Trennung. Jegliche Manifestation als die Welt der Formen war dabei die Ursache des Leidens. Samsara war gekennzeichnet durch Dukkha, also Leiden. Man wird in Sünde und Leid geboren, und um aus dem Leid herauszukommen und zur Befreiung zu gelangen, musste man die manifeste Welt hinter sich lassen und zum Unmanifesten gelangen. Man musste dauerhaft zum nirvikalpa samhadi gelangen, einem Zustand von nirodha, als die absolute, reine und unmanifeste Verlöschung [absorption]. Dies bedeutet etwa, sein Leben in einem Zustand tiefen traumlosen Schlafes zu verbringen, alles andere half nicht. Und natürlich gibt es im tiefen traumlosen Schlaf keinen Schmerz, kein Verlangen, kein Ego, kein Leid – da ist nichts. Dies war, auf die eine oder andere Weise, das Ziel der großen Religionen der Achsenzeit, es war das Ziel von Patanjalis Yogasutra, wo Leid als Geistesbewegungen definiert wurde, und wo es darum geht in eine absolute Unbewegtheit des Geistes zu gelangen, eine formlose Verlöschung. Dies ist eine merkwürdige Situation, die es überall auf der ganzen Welt gab. In diesem Zustand unmanifester Verlöschung fand man den reinen unbegrenzten GEIST. Doch dieser GEIST war ohne jegliche Eigenschaften, ohne jegliche Form, ohne jegliche Charakteristik, eine radikal nicht-beschreibbare unermessliche Leerheit.

Nagarjuna war einer der ersten, der darauf hinwies, dass es sich dabei um einen dualistischen Zustand handelt, weil das Unendliche vom Endlichen getrennt wird, nirvana von samsara, Formlosigkeit von Form, und dass dieser Zustand daher nicht letztendlich sein konnte. Was wir dabei sehen, ist der Durchbruch von turiya, der reinen formlosen Leerheit, zu turiyatita, dem Nichtdualen, wo Leerheit nichts anderes ist als Form, und Form nichts anderes ist als Leerheit. Die Aktivität, die uns davon abhält dies zu erkennen nannte er drsti, und dies meint im Wesentlichen Konzepte, aber auch Fühlen, es bedeutet alles, was einen Gegensatz enthält. Alle Konzepte ergeben lediglich nur in Bezug zu ihrem Gegenteil einen Sinn. Vergnügen-Schmerz, hoch-runter, rein-raus, endlich-unendlich, nirvana-samsara. Es gibt eine Tendenz zur Erschaffung dieser Gegensätze, welche die Welt der Dualitäten erschafft. Das (Er)kennen der Welt durch Gegensätze wurde mit vijnana bezeichnet. Doch es gibt noch eine andere Weise des (Er)kennens der Welt, und das ist prajna.  Dies ist eine nicht-duale, nicht-konzeptionelle, nicht-gefühlte Weise des Wissens. Eine der Übungen, die ich verwende um jemanden auf den Zustand reiner Bewusstheit ohne jegliche Konzeptualisierung hinzuweisen ist zu fragen: Was fühlst du gerade körperlich? Man bemerkt die eigene Körperlichkeit und wie sie sich anfühlt, und dann die Frage: Wie fühlst du dich emotional, welche Gefühle hast du gerade? Wie fühlst du dich moralisch und wie mental? Wie fühlt es sich aus all diesen Blickrichtungen an? Sobald man diese Frage hört, gibt es eine Stille im Geist [mind], man sucht nach einer Antwort und es ist eine Stille da, es taucht nicht sofort eine Antwort auf, und das liegt daran, dass wir alle eine Bewusstheit haben, die nicht konzeptualisiert und auch nicht fühlt. Dies ist das reine und nicht-qualifizierbare Gewahrsein, ein Beispiel für prajna, als ein Beispiel für das Sein im reinen Gewahrsein ohne Konzepte, Gedanken, Ideen, Bilder, Gefühle usw. In diesem Zustand zu bleiben ermöglicht es einem früher oder später die letztendliche Wirklichkeit zu erkennen, wo Leerheit und Form nicht-zwei sind, und wo samsara und nirvana nicht-zwei sind. Dieses Gewahrsein teilt Wirklichkeit nicht in Gegensätze. Diese Art von Gewahrsein ist die grundlegende Praxis des madhyamaka und oft auch der mahayana Schulen des Buddhismus. Sie ist frei von Paaren, frei von Gegensätzen. Die Upanischaden definieren Erleuchtung als das Frei-Sein von Paaren als ein Denken in Polaritäten und einer Annäherung an die Welt durch Gegensätze.

Dies ist eine so tief verwurzelte Gewohnheit, eine innewohnende Form des Denkens, dass es derartige Übungen braucht um aus dem Denken in Paaren herauszukommen. Brahman ist definiert als Eines ohne ein Zweites, also Eines ohne einen Gegensatz. Es gibt keinen Gegensatz zu Brahman. In der Lage zu sein in diesen Gewahrseinszustand zu gelangen, frei von Paaren, Dualität und Polaritäten, ist prajna. Dies ist der grundlegende Ansatz der madhyamaka Schule. Es geht darum in diesem Gewahrsein zu ruhen, im Fühlen von allen Perspektiven, und in der Stille ist das Gewahrsein, welches frei von Paaren ist. Dieses Gewahrsein ist die Tür zur Freiheit. Für madhyamaka besteht das Problem also in dualistischen Konzepten, Konzepten, die alle Gegensätze haben und erst Bedeutung durch diese Gegensätze bekommen, und darin stecken wir ständig fest. Alle unsere Gedanken basieren auf Gegensätzen. Dies ist gut – dies ist schlecht, ich möchte dieses tun – jenes tun, als ein komplettes Netzwerk von Gegensätzen, in dem wir gefangen sind und das uns buchstäblich in Ketten hält. Es verdammt zu Teilhaftigkeit, Fragmentierung und nicht-holistischen Arten von Bewusstheit. Dies war einer der ersten Lehren, die darauf gestoßen sind, madhyamaka war einer der ersten Religionsschulen, die bis zu turiyatita gelangt sind, in den nichtdualen Zustand, wo Leerheit nichts anderes ist als Form, und Form nichts anderes als Leerheit, und wo nirvana und samsara nicht-zwei sind. Der einzige Weg in diesen Zustand zu gelangen ist in ein nicht-polares Gewahrsein zu kommen, als ein Gewahrsein ohne Gegensätze, als ein Gewahrsein, das nicht in Begriffen von drinnen-draußen, hoch-tief, gut-schlecht, wahr-falsch usw. denkt. Die Vorstellung, dass es eine Wirklichkeit gibt, die nicht auf diesen Gegensätzen basiert, ist für die meisten Menschen eine Überraschung. Sie können sich keine Wirklichkeit vorstellen, die nicht auf diesem Denken in Gegensätzen basiert. Eine Praxis des nicht-konzeptuellen, nicht-polaren, nicht-gegensätzlichen Denkens ist prajna, und es ist prajna, das die Tür zur nicht-dualen Wirklichkeit öffnet. Dies ist nach wie vor eine grundlegende Praxis, und eine Basis praktisch aller nachfolgenden Schulen des Buddhismus, mahayana Buddhismus, vajrajana Buddhismus usw. Dies ist eine wirklich grundlegende Praxis.

Eine Tradition, die sich daran anschloss, war Yogacara, als die „dritte Drehung“ des Rades des Buddhismus. Für den Theravada Buddhismus, wie für so viele der Religionen der Achsenzeit, war der letztendliche Zustand ein Zustand ohne jegliche Phänomene, als ein Zustand reiner formloser Verlöschung. Ein Zustand ohne Erscheinungen – keine Objekte, keine Phänomene, keine Dinge, keine Formen, kein Verlangen, nichts – reine formlose unbegrenzte unmanifeste Verlöschung. Für Yogachara, in der Folge von Nagarjuna, bestand das Problem nicht in der Existenz von Phänomenen, sondern in deren Objektivierung, d. h. in dem Vorgang, dass wir Objekte draußen getrennt sehen von dem Subjekt innen. Das Problem ist die Subjekt-Objekt Dualität. Wenn wir unser Einssein mit den Phänomenen, die erschei­nen, erkennen, dann ist jedes Phänomen in Ordnung. Phänomene sind daher nicht das Problem, sondern Objekte sind das Problem. Den Tisch hier als ein Phänomen zu sehen ist nicht das Problem. Den Tisch hier  als ein Objekt „dort draußen“ zu sehen, als etwas Getrenntes, getrennt von mir, dualistisch, das ist das Problem. Das Beispiel, das ich dafür geben möchte, ist, dass die meisten hier [in diesem Raum] fühlen, dass sie in diesem Raum sind. Doch man kann diese Wahrnehmung umkehren und erkennen, dass dieser Raum in einem existiert, innerhalb der eigenen Bewusstheit. Wenn man dort hineinfühlt, kann man fühlen, dass dieser Raum innerhalb der eigenen Bewusstheit erscheint, und dass man selbst den Raum umgibt und der Raum in einem erscheint. Der Raum ist daher kein Objekt da draußen, er ist ein Phänomen, welches innerhalb der eigenen Bewusstheit erscheint. 

Man ist eins mit dem Raum, der sich innerhalb der eigenen Wahrnehmung befindet. Der Raum erscheint und existiert innerhalb des eigenen Bewusstseins. Wolken ziehen vorüber im eigenen Bewusstsein, die Berge da draußen erscheinen im eigenen Bewusstsein. Dies ist eine grundlegende Bewegung und Veränderung hin zu einer Art Big Mind Bewusstsein, wo alles, was erscheint, innerhalb des eigenen Bewusstseins erscheint und nicht außerhalb. Es erscheint innerhalb, und solange es innerhalb erscheint, stellt es kein Problem dar. Es gibt dann keine Trennung und Objektifizierung. Es gibt keine Spaltung der Welt zwischen einem Subjekt und Objekten als Gegenüber. Es gibt lediglich Erscheinungen, und diese erscheinen innerhalb des eigenen Big Mind. Es gibt dann – so gesehen – nichts außerhalb des eigenen Gewahrseins. Es gibt nichts, was man grundlegend verlangen oder begehren könnte oder woran man sich klammern könnte – weil all das in einem erscheint, jetzt und hier, all diese Erscheinungen erscheinen innerhalb des eigenen Gewahrseins. Daher gibt es nichts außerhalb des eigenen Gewahrseins, das einen verletzen kann. Daher gibt es auch keine Angst oder Bedrohungen. Es gibt keine angstauslösenden Objekte, die einen verletzen können. Das ist die Yogachara Sichtweise – wenn man erkennt, dass Phänomene nicht das Problem sind, sondern deren Objektivierung, wenn man sie getrennt von einem sieht, außerhalb, das erschafft eine Trennung, einen Bruch innerhalb der Wirklichkeit, und man befindet sich auf der einen Seite dieses Bruchs, und die Welt ist auf der anderen Seite, und man erlebt sich in einer gebrochenen, fragmentierten und schmerzvollen Welt. Doch wenn man, durch die Wendung in der Wahrnehmung und Bewusstheit erkennt, dass Objekte innerhalb des eigenen Gewahrseins erscheinen – wo sollten sie auch sonst erscheinen? – dann gibt es ein ganz grundlegendes Erleben von Einssein mit allem, was erscheint. Man ist davon nicht getrennt und schiebt nichts davon nach draußen. Man sieht sie nicht außerhalb von dem, wer oder was man selbst ist. Dies ist eine weitere Möglichkeit über Big Mind zu sprechen, wo alles, was erscheint, innerhalb des eigenen Big Mind erscheint. Man muss dazu nicht in den Zustand der unmanifesten Verlöschung gelangen. Alles kann auftauchen und erscheinen, solange es im eigenen Gewahrsein, dem eigenen Big Mind, erscheint.

So ist man grundlegend eins mit allem, was erscheint, und ebenso grundlegend in Frieden mit allem, was erscheint. Es gibt nichts außerhalb von Big Mind, und daher nichts, was einen bedrohen oder verletzen kann, nichts, was einem Schaden zufügen kann. Dies ist die grundlegende letztendliche Wirklichkeit, die Struktur von Wirklichkeit im Universum.

Es existiert nur BEWUSSTSEIN, als ein – wie Schrödinger [der Quantenphysiker] es ausdrückte – Singular, von dem kein Plural existiert. Es gibt nur einen Big Mind, nur ein Selbst, nur ein wahres Bewusstsein, und alles existiert innerhalb. Wenn man im Big Mind ruht, der nicht-qualifizierbaren Bewusstheit als solcher, in der alles erscheint, dann gibt es darin keinen Raum für Teilhaftigkeit, Fragmentierung, Spaltungen, Brüche – es ist radikal Eines. Es gibt ein radikales Gefühl des Einsseins mit allem, das erscheint. Das ist die Sichtweise des Yogachara, begründet von den Brüdern Vasubandhu und Asanga, und das wurde zur Grundlage z. B. des Tantra. Da alles so erscheinen kann, wie es ist, und heilig ist in seinem Erscheinen, gibt es keine Unreinheiten, und nichts, was man nicht in tantrischen Ritualen verwenden kann, also auch Sex, Alkohol, Fleisch usw., als eine Möglichkeit das Einssein mit allem, was erscheint, zu überprüfen. Dazu gehören auch Dinge, die von anderen Schulen als Sünde und Tabu betrachtet werden – alles, was erscheint, ist erlaubt zu erscheinen, solange es nicht zu einem Objekt gemacht und aus dem Gewahrsein herausgestoßen wird.

Dies ist eine Schule eines Nur-Bewusstseins, die – noch einmal – sagt, dass Bewusstsein ein Singular ohne ein Plural ist. Bewusstsein selbst ist radikal leer, und daher gehen die Schulen der Leerheit und die des Bewusstseins oft gemeinsame Wege. Bewusstsein dabei ist die unermessliche offene Leerheit, in der alles von Augenblick zu Augenblick erscheint. Auf diese Weise treffen sich Leerheit und Bewusstsein in derselben Vorstellung. Und dies ist nach wie vor die Grundlage des Tantra. Die tantrische Praxis nimmt Dinge wie diesen Raum und arbeitet damit in der Form, dass das Erleben in diesem Raum zu sein wechselt zu einem Erleben, dass dieser Raum in einem selbst erscheint. Der Raum erscheint im eigenen    Bewusstsein, und man umarmt diesen Raum und er erscheint von Augenblick zu Augenblick innerhalb des eigenen grundlegenden Gewahrseins, wo dieser Raum auch grundlegend existiert. Die Arbeit mit Beispielen wie diesen, und der Beginn zu fühlen wie alles, was erscheint, im eigenen Bewusstsein erscheint, verwandelt Objekte in Phänomene, die von Augenblick zu Augenblick im eigenen Big Mind erscheinen, dem eigenen grundlegenden Gewahrsein. Big Mind ist die letztendliche Wirklichkeit, in welcher alle Dinge leben, existieren und ihr Dasein haben. Der Eindruck, dass diese Dinge außerhalb von einem erscheinen, schafft den Subjekt-Objekt Dualismus, und, mit den Worten von Krishnamurti, in der Trennung von Subjekt und Objekt liegt das Elend der Menschheit. Es geht darum, durch diese Dualität hindurchzugelangen um zum Einssein zu gelangen, einer Erfahrung von Einssein mit Allem. Das ist Yogachara, die dritte Drehung des Rades.

Dzogchen war eine weitere große Antwort auf die Frage, wenn alles GEIST ist, warum erkenne ich das nicht? Für Dzogchen existiert alles genau so, wie es ist, in der vollkommenen zeitlosen Gegenwart, dem Jetzt. Für Dzogchen gibt es nur das Jetzt. Das Suchen ist eine Aktivität, die uns vom Jetzt wegführt, uns zur Zukunft hin ausrichtet und die Wirklichkeit des gegenwärtigen Augenblicks verneint.

Für Dzogchen geht es nicht darum mit dem Jetzt in Kontakt zu kommen, man muss nicht seine Aufmerksamkeit darauf richten und sich darauf konzentrieren – für alle diese Schulen ist das Jetzt immer schon gegenwärtig. Es gibt nichts, dessen man sich gewahr ist, außer dem Jetzt. Wenn man an etwas Vergangenes denkt, dann existiert dieser Gedanke jetzt. Das, was sich in der Vergangenheit ereignet hat, ereignet sich jetzt. Wenn man an etwas Zukünftiges denkt, dann erscheint der Gedanke daran jetzt. Wenn sich die Zukunft dann ereignet, ereignet sie sich jetzt. Es gibt daher nur dieses Jetzt ohne Ende. Ein Teil unseres Leidens besteht darin, dass wir uns permanent in der Zeit befinden, dieses wollen, jenem hinterherlaufen, etwas suchen, und wir sind daher niemals auf diejenige Wirklichkeit gerichtet, die als einzige existiert, die reine zeitlose Gegenwärtigkeit, das reine Jetzt. Das einfache Erkennen des Jetzt und das Ruhen darin ist ein Weg zur Verwirklichung der eigentlichen Struktur und des Wesens [texture] von Wirklichkeit. Natürlich kann man dabei an die Vergangenheit oder die Zukunft denken, doch es geht darum zu erkennen, dass diese Gedanken im Jetzt erscheinen, und dass es keine andere Zeit als dieses Jetzt gibt. Dies ist nicht etwas, was schwierig zu erreichen ist, es ist etwas, was man unmöglich vermeiden kann. Man ist sich niemals niemals etwas anderem bewusst als dem Jetzt. In diesem Jetzt ist man befreit von den Ketten der Zeit, man ist befreit von der temporären Wirklichkeit und gelangt in die zeitlose Ewigkeit.

Wittgenstein sagte, dass wenn Ewigkeit nicht als eine immerfortwährende Zeit, sondern ein Augenblick von Zeitlosigkeit betrachtet wird, dann gehört die Ewigkeit denen, die in der Gegenwart leben. Das einfache Ruhen in dem zeitlosen Jetzt, befreit von den Ketten der Zeit, befreit einen von der Sklaverei eines fortwährenden fragmentierten und linearen Zeitstroms. Es gibt nur das Jetzt, die zeitlose Gegenwart, also ruht im zeitlosen Jetzt und erlaubt allen Dingen so zu erscheinen, wie sie sind. Hat man negative und unangenehme Gedanken oder Gefühle, dann kann man die Technik verwenden, die ich schon erwähnt habe, zeichne sie einfach innerlich auf [videotaping]. Es geht um das Ruhen im Jetzt ohne Verdammung, Verurteilung, Identifizierung.

Das kann manchmal sehr schwierig sein, und eine Hilfe dabei kann sein, dass man sich vorstellt, dass man all dies fotografiert oder wie auf ein Videoband aufnimmt. Dabei verändert man nichts, man macht lediglich eine Fotografie davon, genau so, wie es ist. Man kann sich vorstellen, dass man seine inneren Zustände aufnimmt – seien sie auch unangenehm, ungemütlich, negativ – und sich dem Aufnehmen dabei widmet, um eine genaues Bild davon zu bekommen, so wie es sich zeigt, ohne etwas dabei verändern zu wollen. Man möchte lediglich dabei so gegenwärtig wie möglich sein. Wenn dieser Muskel der Gegenwärtigkeit im Jetzt trainiert wird und stärker wird, dann wird es immer leichter im zeitlosen Jetzt zu sein und sich nicht im Zeitstrom zu verlieren. Das Aufnehmen oder Registrieren ist eine Vorstellung dabei, wie man das machen kann, und die Vorstellung dabei ist die, dass die Dinge real sind, so wie sie sind, und man ruht im Sosein der Dinge von Augenblick zu Augenblick – ohne zu versuchen etwas zu verändern, besser zu machen, schlimmer zu machen, oder was auch immer. So wie die Dinge erscheinen sind sie vollkommene Ornamente des GEISTES. Warum ist das so? Weil alles GEIST ist. Und alles, was sich manifestiert, sind lediglich Ornamente des GEISTES.

Aus diesem Grund gibt es nichts daran zu verändern. So wie es ist, ist es vollkommen, und daher kommt der Begriff von der Großen Vollkommenheit. Der Grund, warum Menschen leiden, ist, dass sie immer versuchen irgendwo anders hinzugelangen. Sie sind immer auf der Suche und wollen einen anderen Zustand herstellen als den Zustand des Jetzt. Doch wenn sie einfach im Kontakt wären mit dem Augenblick, so wie er ist, würden sie eine enorme Freiheit und Befreiung erfahren, und befreit sein von bindenden, zusammengezogenen, suchenden, abhängigen, ergreifenden Bewegungen, die so viel Schmerz und Leid verursachen.

Das „so wie es ist“ ist eine Zusammenfassung der Sichtweise des Dzogchen hinsichtlich von GEIST. Alles, was sich manifestiert, ist ein Ornament des GEISTES. Das Ruhen im Jetzt, und alles dabei registrieren, falls dies eine Hilfe ist, erlaubt einem sich mit dieser letztendlichen Wirklichkeit zu verbinden, als der einzigen Wirklichkeit, die existiert, und zwar GEIST in seiner reinen Manifestation. Das beendet auch das Suchen. Das Suchen nach Erleuchtung oder das Suchen nach dem In-Kontakt-Kommen mit dem Jetzt führt einen weg davon. Das Suchen des GEISTES geht davon aus, dass GEIST nicht gegenwärtig ist. Die Suche verstärkt daher die Illusion, dass es sich dabei um etwas handelt, das nicht bereits schon gegenwärtig ist. Darin besteht die knifflige [tricky] Aufgabe, in der Erkennung des gegenwärtigen Augenblicks, so wie er ist, ohne den Versuch etwas zu ändern, zu suchen, zu erfassen, oder irgendwo hinzubewegen zu etwas Besserem als das Jetzt. Es sind genau diese Versuche, die einen vom reinen zeitlosen GEIST und seinen ornamenthaften Manifestationen abtrennen. Es geht also um das Erkennen, dass die einzige Zeit, derer man sich gewahr ist, das Jetzt ist, und das Erkennen, dass dies GEIST ist – und das Unterlassen aller Versuche etwas anderes zu erschaffen. 100% des erleuchteten Geistes ist jetzt gegenwärtig, und es geht lediglich darum dies zu erkennen – das reine zeitlose Jetzt als die Manifestation des GEISTES.

Es geht hier also auch um das Erkennen und nicht um das Erschaffen, das Erkennen von etwas, was bereits schon gegeben ist, und nicht etwas, was erst erschaffen werden muss. Das ist der große Unterschied zwischen den nichtdualen Schulen und denjenigen Schulen, die versuchen einen in bestimmte [partial] Zustände zu bringen. Für diejenigen, die yogische und schamanische Praktiken gemacht haben – diese alle sind dazu da um einen von einem zu einem anderen Zustand zu bringen. Die nichtdualen Traditionen  hingegen haben zum Ziel, einfach zu erkennen, was bereits gegenwärtig ist und sich ereignet, zu erkennen, dass es nur das Jetzt gibt, zu erkennen, dass es nur reine nicht-qualifizierbare Bewusstheit gibt, zu erkennen, dass dies bereits geschieht, zu erkennen, dass dies der gegenwärtige Zustand ist und nicht etwas, an dem man arbeiten muss um es in die Existenz zu bringen. Dies ist der Weg des Erkennens und nicht der Weg von Arbeit oder Praxis oder des Hervorbringens. Es ist der Weg des Erkennens, weil – es nur GEIST gibt. Es geht darum Wege zu finden, wie das erkannt werden kann, und nicht Wege, wie man das Hervorbringen kann.

Der vierte und sehr einflussreiche Weg ist Vedanta. Für Vedanta besteht das Problem darin, dass wir die Vielen sehen und nicht das zugrundeliegende Einssein.

Dieses zugrundeliegende Einssein, das es zu erkennen gilt, ist das wahre Selbst oder das reine Ich Bin. Wie die anderen Formen des GEISTES ist auch das Ich Bin etwas, dessen man sich schon jetzt voll bewusst ist. Man ist sich des Ich Bin völlig bewusst, und es ist die einzige immer gegenwärtige und unveränderliche Erfahrung, die man macht. Man kann sich fünf Wochen zurückerinnern und erinnert sich vielleicht nicht mehr genau, was man gemacht hat. Wessen man sich jedoch gewahr ist, ist das Ich Bin. Das Ich Bin war zu dieser Zeit gegenwärtig und man war sich dessen gewahr, es war ein Teil der Erfahrung zu dieser Zeit. Man kann sich fünf Jahre zurückerinnern und erinnert sich wahrscheinlich nicht mehr daran, was man getan hat oder was sich ereignete, doch das Ich Bin war gegenwärtig. Man kann fünfhundert Jahre zurückdenken – Ich Bin war gegenwärtig, weil: Ehe Abraham wurde, bin ich. [A. d. Ü.: Johannes 8, 58]. Ich Bin ist das reine Erleben des Seins, welches nicht in den Strom der Zeit eintritt. Es ist ungeboren und ungestorben. Es ist das Eine in dir, was ewig ist, reiner GEIST. Das ist die Zeitlosigkeit, die nicht in den Strom der Zeit eintritt, ungeboren ist, es ist das ursprüngliche Antlitz, das Antlitz welches man hatte, bevor die eigenen Eltern geboren wurden. Es ist das eine konstante Gefühl, das man auch jetzt hat, und das ist unveränderlich. Dieses Ich Bin ist das wahre Selbst, und die Gesamtsumme aller Ich Bin ist Eins. Jeder hier im Raum hat das gleiche grundlegende Erleben von Ich Bin. Das Ich Bin ist nicht identifiziert mit einer bestimmten Charakteristik oder Eigenschaft oder einem bestimmten Gefühl oder einer bestimmten Identität. Es ist der reine Zeuge, das reine Selbst, und das hat selbst keinerlei Eigenschaften und Charakteristiken. Und genau so fühlt es jede Person hier im Raum. Von diesem Ich Bin gibt es nur eines in der gesamten Welt. Es schaut durch alle Augen, es hört durch alle Ohren, es fühlt durch alle Sinne, und es ist eins mit dem reinen GEIST.

Und weil es ein wahres Selbst ist, ein reines Subjekt, kann es nicht als ein Objekt gesehen werden. Man kann diese allgemeine Entidentifikationsübung machen, die wir schon gemacht haben: Ich habe Wahrnehmungen, aber ich bin nicht meine Wahrnehmungen, ich habe Gefühle, aber ich bin nicht meine Gefühle, ich habe Gedanken, aber ich bin nicht meine Gedanken, ich habe Verlangen, aber ich bin nicht mein Verlangen, ich habe ein eigenständiges Selbst und ich kann darüber nachdenken, doch zusätzlich zu diesem Gedanken gibt es ein Gewahrsein dieses Gedanken. Und was ist dieses unbegrenzte Gewahrsein, wenn nicht das Ich Bin? Das Ich Bin ist das fortwährende Gewahren aller Gedanken, Gefühle und Wahrnehmungen, ohne damit identifiziert zu sein. Es tritt nicht in den Strom der Zeit ein und es verlässt ihn auch nicht. Es ist das reine wahre Selbst. Die Praxis besteht darin, in diesem zeitlosen und formlosen Ich Bin zu ruhen, und der „Rest der Welt“ erscheint und vergeht, und nur das Ich Bin bleibt unverändert bestehen, von Augenblick zu Augenblick. Wir machen auch jetzt die Erfahrung einer Welt, die erscheint, und in drei Wochen wird diese konkrete Erfahrung vergangen sein, und man wird sich wahrscheinlich kaum daran erinnern. Doch was sein wird, ist das Ich Bin. Man ist das reine Selbst, die reine Zeugin, und je mehr man in diesem Zeugen ruht und alle Phänomene und Objekte loslässt, desto mehr ruht man im eigenen wahren Selbst und im Big Mind. Und je mehr man im Big Mind ruht, desto mehr ist man selbst befreit, befreit vom engen, bruchstückhaften, fragmentierten und gebrochenen kleinen Selbst in einer Welt unbeständiger Objekte – die erscheinen, verbleiben, einen eine Zeitlang quälen und dann wieder verschwinden. Dies ist das Wesen von Manifestation.

Vedanta sagt, dass wir leiden, weil wir ein falsches Identitätsverständnis haben. Wir sind identifiziert mit dem kleinen getrennten endlichen Selbst, doch es gibt etwas, das sich des endlichen Selbst bewusst ist, und das ist ein unbegrenztes SELBST, das reine Ich Bin, das Ich-Ich. In dem Maße, wie wir mit dem Ich-Ich identifiziert sind, mit dem Ich Bin, sind wir befreit von der eingekerkerten Existenz einer kleinen bruchstückhaften und abgetrennten Selbstkontraktion. Wir leiden also aufgrund einer falschen Identität. Das ist nicht das, wer und was wir sind. In der Hinwendung zu unserem wahren Selbst finden wir Befreiung oder moksha.

Und dann gibt es im Westen verschiedene Wege, aber auf eine Weise einzigartig ist der christlich-kontemplative Weg. Christus sagte, ich gebe euch ein neues Gebot, und zwar: Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe. [A. d. Ü.: Johannes 15,12]

Nach dem Kurs in Wundern ist das Gegenteil von Liebe nicht Hass, sondern Angst. In den Upanischaden heißt es: Wo ein Anderes ist, da ist Angst. Das kleine Selbst ist getrennt von anderen und die Basis des kleinen Selbst ist daher Angst und Kontraktion. Es basiert nicht auf Liebe. Die Heilung besteht darin das Christusbewusstsein der Einheit zu erlangen. Und dieses Bewusstsein war vor allem eines von unbegrenzter Liebe. Das getrennte Selbst ist geboren in Lieblosigkeit und Sünde, und es geht darum, dass es sich für eine liebende Einheit mit allem öffnet, d. h. es geht darum zu dieser immer gegenwärtigen Liebe zu erwachen. Liebe ist das Erleben von Einheit mit einem anderen. Je mehr sich die Liebe erweitert, desto mehr erlebt man eine Einheit mit allem, was erscheint, bis man schließlich zu allem eine liebende Beziehung hat und sich selbst als eins erlebt mit allem, was erscheint und was sich manifestiert. Alles, was von Augenblick zu Augenblick erscheint, kann ein Anlass für das eigene Lieben sein. Eine andere Weise das auszudrücken ist, dass die Emotion von Big Mind Liebe ist, Liebe, Einheit, Einssein, Berührung, all dies weist im Wesentlichen auf das Gleiche hin. Liebe hat diese warmen Eigenschaften, welche Leerheit und Nichtdualität und vieles andere nicht haben. Und das macht es interessant, es betrifft das Affektiv-Emotionale, das sich bis zur Unendlichkeit erstreckt. Sogar Mitgefühl hat eine kühle Qualität, es hat nicht diese überströmende Wärme, es hat etwas Obligatorisches, wie: Ich kümmere mich um dich.

Eine der Techniken, die man dabei verwenden kann, ist sich jemanden vorzustellen, den man sehr liebt, und man stellt sich diesen Menschen konkret vor und fühlt die Liebe, die man für diesen Menschen empfindet. Und dann trennt man die Liebe von der Person, konzentriert sich dabei auf die Herzregion und fühlt die Liebe, und fühlt dann diese Liebe getrennt von der Person, die man liebt. Man konzentriert sich dabei auf das Gefühl und nicht auf die Person. Dann erweitert man dieses Gefühl auf jeden Menschen in diesem Raum. Das Gefühl strömt aus einem heraus, immer weiter, immer weiter, und umfasst und umhüllt jeden Menschen im Raum. Dies geschieht ohne jede Bewertung, vollkommen akzeptierend, vollkommen liebend. Und dann stellt man sich vor, dass diese Liebe ein helles strahlend weißes Licht oder eine Wolke ist, die sich aus diesem Raum heraus ausdehnt zu allen Menschen in dieser Stadt – und dann zu allen Menschen in diesem Land, und dann weiter zu allen Menschen auf dem Planeten, und dem Planeten als Ganzes. Immer weiter, immer weiter, immer weiter, bis der ganze Kosmos, das gesamte Universum, davon erfasst wird. Dieser Zustand einer immer gegenwärtigen und alles durchdringenden Liebe ist die grundlegende Struktur und das Wesen der Wirklichkeit, die grundlegende Struktur von Big Mind, als dem Bewusstsein als solchem. Es ist die affektiv-emotionale Komponente oder Dimension davon.

Es gibt eine Herzenswärme, die ausströmt und alles umarmt, was sich zeigt. Und natürlich ist man auch eins mit allem, was erscheint, weil zu lieben ja bedeutet eins zu sein mit … Sich selbst zutiefst zu erlauben in diese Liebe und dieses Einssein mit dem gesamten Universum hineinzufühlen ist die immer-gegenwärtige Natur von Wirklichkeit. Das ist die immer-gegenwärtige Natur von dem, was von Augenblick zu Augenblick ist. Wenn man sich schwer tut mit dieser Praxis, dann kann man sie Jesus tun lassen: Gott ist die Liebe, mit der ich lieben kann. Und so kann man Gott in sich willkommen heißen und durch ihn lieben, und zwar alles, was erscheint. Wenn man selbst die Kraft dazu nicht hat, so hat Gott diese Kraft.

Wir sind also nicht erleuchtet, weil wir konzeptualisieren, objektifizieren, in der Zeit gefangen sind und im Suchen, die Einheit des Ich Bin zerteilen und weil wir lieblos sind. Und dies sind alles Aspekte von ein und demselben. Es sind alles unterschiedliche Ausdrucksweisen der gleichen Faktoren der letztendlichen Wirklichkeit. Es ist faszinierend, wie unterschiedliche Traditionen jeweils unterschiedliche Aspekte betonen und diese zu einer Grundlage ihrer Praxis gemacht haben. Wir können einige davon verwenden oder alle, oder auch etwas anderes. Doch dies sind fünf der Hauptströmungen, die historisch gesehen am einflussreichsten waren, und die wirklich bedeutend und sinnvoll sind.

So weit also diese fünf Gründe, warum wir nicht erleuchtet sind. Und natürlich sind dies alles illusionäre Gründe [Lachen], weil natürlich nach wie vor nur GEIST existiert, mit seinen Ornamenten und Manifestationen, einschließlich all dieser Kontraktionen. Auch sie sind nichts anderes als GEIST. Es ist eine radikale Verwirklichung, die zur Selbstbefreiung führt, und das zu erkennen ist der letztendliche Trick des gesamten Spiels.


Quelle: Online Journal Nr. 41