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27.3.2017 : 14:39 : +0200

Entwicklung und Vererbung

von Michael Habecker

Wir stehen als endliche Wesen in Traditionen, ob wir diese Traditionen kennen oder nicht, ob wir uns ihrer bewusst sind oder verblendet genug sind zu meinen, wir fingen neu an – das ändert an der Macht der Traditionen über uns gar nichts. Wohl aber ändert es etwas für unsere Einsicht, ob wir den Traditionen, in denen wir stehen, und den Möglichkeiten, die sie uns für die Zukunft gewähren, ins Gesicht sehen oder ob man sich einbildet, man könne sich von der Zukunft, in die wir hineinleben, abwenden und uns neu programmieren und konstruieren.

Hans-Georg Gadamer

 

Bei der Diskussion des Begriffs „Entwicklung“ steht oft die Progression und das (revolutionär und evolutionär) Neue im Vordergrund, oft in Verbindung mit dem Zurücklassen und auch Zurückweisen des (oder sogar alles) Bisherigen. Doch das ist nicht die Art und Weise wie Entwicklung funktioniert. Statt das Gewachsene zu zerstören wird darauf aufgebaut, Stück für Stück und Stufe für Stufe. Dabei wird nicht alles mitgenommen auf dem Weg, aber doch sehr viel mehr als viele (R)evolutionäre meinen. Transzendiere und bewahre bedeutet auch zu bewahren, um ein Fundament zu haben auf dem Neues aufbauen kann, einschließlich notwendiger Reparaturarbeiten all dessen, was auf dem bisherigen Entwicklungsweg schief gelaufen ist. Dies ist das Thema des Exzerpt A, wo Ken Wilber die Dynamik von „kosmischer Vererbung“ als der Weiterreichung „kosmischer Gewohnheiten“ erklärt und beleuchtet.

Die Idee der Vererbung und Weiterreichung ist nicht neu. Das Erben und die Besitzübertragung nach dem Tod eines Menschen gehört zu den frühen Menschheitsrechten. Dabei spielen die „Nachfolgenden“ eines Verstorbenen als Empfänger von Erbschaften eine zentrale Rolle, und auch deshalb werden die „Ahnen“ entsprechend geehrt. Ebenso alt ist das Vererben von Traditionen wie Berufen von den Eltern auf die Kinder eine Form von kultureller Vererbung von Generation zu Generation. Es gilt auch heute noch als etwas Besonderes, wenn ein Beruf als Familientradition „in der x-ten Generation“ ausgeübt wird oder ein Unternehmen entsprechend lange besteht.

Mit der Erfindung der Schrift wurde die bis dahin vorrangige mündliche Übertragung von Wissen und Erfahrung um eine Dimension erweitert, die nicht mehr von der Lebendigkeit desjenigen abhängt der etwas weitergeben möchte. Aufgeschriebenes kann den persönlichen Tod lange überdauern, und steht damit praktisch unbegrenzt allen Nachfolgenden zur Verfügung. Das Internet als ein Aufbewahrungsort für Aufgeschriebenes (oder Gesagtes) mit der Möglichkeit des weltweiten Zugriffs zu jeder Zeit hat die Möglichkeiten kultureller Vererbung noch einmal potenziert.

Mit der Entdeckung der genetischen Vererbung in der Biologie wurde ein neues Kapitel im Verständnis des Phänomens des Bewahrens aber auch der Neuerungen im Zusammenhang mit Entwicklung aufgeschlagen. Über die Gene werden Eigenschaften von der Elterngeneration auf die Nachkommen übertragen. Damit wurde die biologisch-materielle Seite von Vererbung erhellt, mit der damit verbundenen Gefahr einer Verabsolutierung und Reduzierung eines Menschen auf seine Gene (der Mensch ist, was er genetisch vererbt bekommen hat.) 

Seit relativ kurzer Zeit wird sich die Menschheit auch als Ganzes der Bedeutung ihrer Kulturgüter bewusst, und ein Ausdruck davon ist die Einrichtung eines Weltkulturerbes durch die UNESCO. Dieses Erben umfasst dingliche Objekte wie Gebäude, aber auch Archive und immaterielles Kulturerbe.

In einem im November 2012 verbreiteten Petitionsaufruf unter der Überschrift „Zeit für das erste digitale Weltkulturerbe“ möchte der Gründer von Wikipedia, Jimmy Wales, dass Wikipedia den „Status als erstes digitales und weltweites Weltkulturerbe erhält.“ Die Petition im Wortlaut:     

An die UNESCO und die Unterzeichner-Staaten der Welterbekonvention: Ich unterstütze den Vorschlag, WIKIPEDIA als Weltkulturerbe anzuerkennen, denn auch ich bin überzeugt, dass Wikipedia ein Meisterwerk menschlicher Schöpfungskraft und von universellem Wert ist. Bitte setzen Sie sich dafür ein, dass WIKIPEDIA den Status als erstes digitales und weltweites Weltkulturerbe erhält! 

In Wikipedia findet sich (Zugriff 3.11.2012) unter dem Stichwort „Soziokulturelle Evolution“ folgender Eintrag:

Soziokulturelle Evolution ist ein Oberbegriff für Theorien der kulturellen und sozialen Evolution, die beschreiben, wie sich Kulturen und Gesellschaften im Laufe der Menschheitsgeschichte entwickelt haben. Die Theorien bieten zwar Entwicklungsmodelle zum Verständnis der Beziehung zwischen Technologie, sozialer Struktur und den Werten einer Gesellschaft sowie deren Veränderungen im Laufe der Zeit, aber sie unterscheiden sich bei der Beschreibung spezieller Mechanismen der Variation und des sozialen Wandels. Die meisten Ansätze im 19. Jahrhundert und einige im 20. Jahrhundert verfolgten das Ziel, ein Modell für die Evolution der Menschheit als Ganzes zu bieten und argumentierten, dass verschiedene Gesellschaften sich auf unterschiedlichen Stufen der sozialen Entwicklung befinden. Viele jüngere Theorien konzentrieren sich auf die Veränderungen einzelner Gesellschaften und lehnen die Vorstellung einer zielgerichteten Änderung oder eines sozialen Fortschritts ab. Die meisten Archäologen und Ethnologen arbeiten im Rahmen solcher moderner Theorien bzw. disziplinärer Ansätze. Dazu gehören Neoevolutionismus, Soziobiologie, Modernisierungstheorien und Theorien der postindustriellen Gesellschaft.

Weiter führt der Wikipedia-Beitrag aus:

Fast alle Anthropologen und Soziologen gehen davon aus, dass menschliche Wesen natürliche soziale Tendenzen besitzen und dass besonders menschliches soziales Verhalten auch auf nicht-genetische Ursachen zurückzuführen ist; es wird zu großen Anteilen in einer sozialen Umgebung und durch soziale Interaktion gelernt. Gesellschaften existieren in komplexen sozialen (in Interaktion mit anderen Gesellschaften) und biotischen Umgebungen (in Interaktion mit natürlichen Ressourcen und Einschränkungen) und passen sich daran an. Deshalb ist es i.a. erforderlich, dass sich Gesellschaften verändern.

Spezielle Theorien der sozialen oder kulturellen Evolution dienen üblicherweise dazu, Unterschiede zwischen zeitgenössischen Gesellschaften zu erklären, indem sie argumentieren, dass sich verschiedene Gesellschaften auf unterschiedlichen Entwicklungsstufen befinden. Obwohl solche Theorien typischerweise Modelle zum Verständnis der Beziehung zwischen Technologien, der sozialen Struktur oder den Werten einer Gesellschaft bieten, unterscheiden sie sich bezüglich des Ausmaßes der Beschreibung spezifischer Mechanismen der Variation und der Veränderung.

Frühe soziokulturelle Evolutionstheorien wie die von Auguste Comte, Herbert Spender und Lewis Henry Morgan entstanden zeitgleich, aber unabhängig von den Arbeiten Charles Darwin und waren vom späten 19. Jahrhundert bis zum Ende des Ersten Weltkriegs beliebt. Diese Evolutionismus-Theorien besagen, dass die Gesellschaften in einem „primitiven“ Zustand beginnen und mit der Zeit immer „zivilisierter“ werden, und setzten die Kultur und Technologie der westlichen Gesellschaft mit Fortschritt gleich. Einige Formen solcher Theorien haben zu Sozialdarwinismus und „wissenschaftlichem“ Rassismus geführt; damit rechtfertigte man in der Vergangenheit die Politik des Kolonialismus und der Sklaverei sowie in jüngerer Zeit die Eugenik.

Die meisten Ansätze des 19. und einige des 20. Jahrhunderts hatten zum Ziel, Modelle für die Evolution der Menschheit als Ganzes zu liefern. Die meisten Theorien des 20. Jahrhunderts wie die multilineare Evolution fokussieren sich jedoch auf Veränderungen in einzelnen Gesellschaften. Außerdem lehnen sie eine gezielte Veränderung ab (z. B. Orthogenese, Teleologie oder Fortschritt). Die meisten Archäologen arbeiten in diesem Rahmen. Andere moderne Theorien des sozialen Wandels sind der Neoevolutionismus, die Soziobiologie, die Modernisation und die postindustrielle Gesellschaft.

Ken Wilbers postmetaphysischer Ansatz, den er in den Exzerpten skizziert, hat auch, wie die im Beitrag angeführten Ansätze das Ziel, „Modelle für die Evolution der Menschheit als Ganzes“ zu liefern. Durch die einfache und doch so grundlegende Unterscheidung der vier Quadranten in innerlich-äußerlich und individuell-kollektiv werden bereits eine Reihe von Absolutismen wie Biologismus (Evolution ist biologische Evolution und genetische Vererbung), Kulturalismus (Evolution ist Kulturevolution) oder System-ismus (Evolution ist die Evolution von Systemen) vermieden. Gleichzeitig machen die Quadranten auch deutlich, dass individuelle und kulturell-soziale Entwicklung immer miteinander stattfinden, dass sie aber auch unterschiedlich sind, womit problematische Analogien wie beim Sozialdarwinismus vermieden werden. 

Durch die Berücksichtigung von Typologien im AQAL Modell wird daran erinnert, dass es neben vertikalen und entwicklungsbedingten Unterschieden auch horizontale Gleichwertigkeit in der Andersartigkeit und Unterschiedlichkeit gibt. Dadurch werden Rassismen vermieden, die immer dann entstehen, wenn Ausprägungen von Typen (wie Rassen) fälschlicherweise in eine vertikale Ordnung gestellt werden. Innerhalb der Rassen entwickeln sich Menschen, doch zwischen den Rassen allgemein gibt es immer nur ein „anders“, und nie ein „besser“ oder „weiter entwickelt“.

Auch bei der Frage von Vererbung beschreitet Wilber, auf Bekanntem aufbauend, neue Wege. Für ihn gibt es, neben der biologischen Vererbung (Genetik) und der kulturellen Vererbung (Lernen und Wissensweitergabe) auch noch die innerpsychisch-subjektive Vererbung und die systemische Vererbung. In diesen vier Komponenten erkennen wir die vier Quadranten wieder, als vier Perspektiven auf ein Ereignis, und zwar dasjenige der Vererbung  von Augenblick zu Augenblick. Diese Vererbung „kosmischer Gewohnheiten“ ist das „kosmische Karma“, dem jeder Augenblick eine eigene Kreativität zufügt, welche wiederum aus den Perspektiven der vier Quadranten heraus betrachtet werden kann. Diese Kreativität sorgt dafür, dass sich die Dinge nicht endlos wiederholen, als ein sich immer mehr verfestigendes „Karma“, sondern dass, auf Bestehendem aufbauend, immer wieder Neues geschieht, in jedem Augenblick, subjektiv fühlbar, äußerlich messbar, kulturell erlebbar und systemisch sichtbar. 


Quelle: Online Journal Nr. 39, 2013