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27.3.2017 : 14:42 : +0200

Karma, Kreativität und spirituelle Lebendigkeit

 

von Michael Habecker

… aber was Strukturen wirklich auszeichnet, ist ihre Eigenschaft, einem sich entwickelnden Kosmos die notwendige Stabilität zu verschaffen. Sie sind das „Karma“, auf dem alle Kreativität aufbaut. Daher sind Strukturen relativ widerstandsfähig gegen Veränderungen, und manche von ihnen sind seit Millionen oder sogar Milliarden von Jahren stabil.

Ken Wilber, Exzerpt D

 

Wir leben nicht nur in einem sich ständig verän­dernden Univer­sum, sondern wir leben in einem sich entwickelnden Universum. Das ist nur möglich, weil das Universum und damit auch wir selbst nicht nur ständig Neues kreiert und gebiert, sondern weil es auch, von Anbeginn an, Bleibendes und Dauerhaftes schafft, auf dem Neues erst aufbauen kann. Der zweite Band der geplanten Kosmos-Trilogie von Ken Wil­ber, der nur in Auszügen (Exzerpten) vor­liegt, trägt den Arbeitstitel Cosmic Karma and Creativity und betont diese Dynamik von Bleibendem und Veränderung, Be­wahren und Transzendieren, Schicksal und freiem Willen, Vergangenheit und Zukunft (die sich in der Gegenwart be­gegnen), Tradition und Progression oder eben Karma und Kreativität. Wie bei ei­nem Turm aus Bauklötzern kommt in jedem Augenblick beides zusammen, das bisher Geschaffene und Gewachsene und die Möglichkeit eines neuen Bausteins, der aber nicht irgendwo platziert werden kann, sondern, wenn er höher hinaufrei­chen möchte als seine Vorgänger, immer nur auf die bereits gewachsene und be­stehende Basis gestellt werden kann.

Betrachtet man die Außenseite der Schöpfung, ist dies unmittelbar ein­sichtig. Die Atome, aus denen sich alles zusammensetzt, sind immens alt und sehr stabil. Doch auch die Innenseite der Schöpfung, die Bewusstseinseite, bein­haltet „kosmische Gewohnheiten“ oder grooves, wie Wilber sie nennt, die, vor langer Zeit als Neuheiten entstanden, heute zu sehr stabilen Bewusstseinsstu­fen oder Bausteinen geworden sind – wie die individuellen und kulturellen Entwicklungsstufen von archaisch, ma­gisch, mythisch und rational. Jeder sich entwickelnde Mensch geht auf seinem Entwicklungsweg durch diese Stufen hin­durch und betrachtet die Welt aus der je­weils charakteristischen Weltsicht einer Stufe. Am Beispiel der Sprachentwick­lung: Alle Menschen bilden ihre Sprache über die Folge Laute – Silben – Worte – Sätze, überall und in allen Kulturen, und daran wird sich auch nichts ändern. Alle Neuerungen in diesem Bereich bauen da­rauf auf, und keine der Stufen kann dabei übersprungen werden.

Für die Betrachtung des Themas Ent­wicklung bedeutet dies, nicht nur auf das mögliche Neue zu schauen, sondern auch auf das bereits Gewachsene, welches den Rahmen und die Basis für alles Neue bil­det. Ist es gut gewachsen und bildet es eine ausreichend stabile Grundlage? Wo gibt es Fehlentwicklungen, die es zuerst zu beheben gilt, bevor weiter „nach oben“ gebaut werden kann? Welche Vorgaben (welches „Karma“) stecken in diesen Strukturen, und was ist schon älter und sehr stabil, und was ist noch relativ frisch und formbar? Bei jeder Art von Entwick­lungsgestaltung (Bewusstseinsentwick­lung, Gemeinschaftsentwicklung oder Politik und Reform allgemein) zeigen sich zwei Perspektiven, und zwar: Was wollen wir (möchte ich) ändern und was gilt es zu bewahren? Kulturrevolutionen, die nur Veränderung wollten ohne zu bewah­ren, haben in der Vergangenheit ebenso zu Katastrophen geführt wie ein starres Festhalten an allem Bestehenden bei gleichzeitiger Unterdrückung jedweder Kreativität.

Das ist es, woran uns Karma und Kre­ativität erinnern, auch bei den Themen dieses Heftes: in beide Richtungen zu schauen, in Richtung Agape als eine lie­bevolle Hinwendung zu dem bereits Be­stehenden und Gewachsenen wie auch in Richtung Eros als eine ebenso liebevolle Bezugnahme auf das Neue und Höhere. Beides bestimmt unsere Entwicklung und auch das Erleben eines jeden Augen­blicks, in dem sich Vergangenheit und Zukunft begegnen.

Noch einmal Ken Wilber (aus dem Exzerpt A): Es sieht so aus, dass Vergan­genheit-und-Gegenwart eine Vererbung-plus-Neuheit ausmachen. Der gegenwär­tige Augenblick ist, mit anderen Worten, eine geheimnisvolle Mixtur aus Karma und Kreativität. Dieses Karma-und-Krea­tivität scheint die Matrix der Wirklichkeit von-Augenblick-zu-Augenblick zu sein, und unser Verständnis dieser Matrix ist ganz wesentlich für unser Selbstverständnis.

Mit diesem Artikel und weiteren aus der Ausgabe der Integralen Perspektiven Nr. 22 wird ein inhaltlicher Bogen vom Thema „Karma und Kreativi­tät“ gespannt, das im Mittelpunkt der Spirituellen Herbstakademie 2011 stand, und der Herbstakademie 2012, die unter dem Titel „Aufklärung, lebendiges Denken und Spi­ritualität“ stattfand. Auf diesem Online-Portal „Integrales Leben“ finden Sie darüber hinaus eine Zusammenstel­lung von Materialien, die Aspekte des Denkens und Verstehens aus integraler Perspektive vertiefen >>>


Quelle: IP 22, Juli 2012