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25.2.2017 : 19:10 : +0100

Von einer „Entwicklungstheorie“ zu einer dialogischen und dialektischen Epistemologie: eine Einführung von drei Arten eines klientenorientierten strukturierten Dialogs

Otto Laske

In diesem Text konzentriere ich mich auf die zentrale Bedeutung der Fähigkeit ein Interview zu führen, speziell der Fähigkeit eines strukturierten Entwicklungsdialogs im Sinne des (CDF), sowohl was die sozial-emotionale wie auch was die kognitive Entwicklung betrifft. Ich möchte dazu gleich klarstellen, dass die Zertifizierung zu einem am Interdevelopmental Institute (IDM) keine Zertifizierung der Praxis einer „Entwicklungstheorie“ ist, sondern eine eigenständige Disziplin darstellt, und zwar eine . Entwicklungstheorien als solche werden am IDM nur als Grundlage zum Erlernen der CDF Epistemologie gelehrt und sind in diesem Sinn eine Art Vorgeschmack zum Erlernen eines dialogischen, dialektischen und entwicklungsorientierten Denkens und Zuhörens. Was zählt ist nicht die Theorie, sondern deren Anwendung in der Arbeit mit Menschen (als „Humankapital“). Dies stand immer im Mittelpunkt des Lehrens und Lernens am IDM.

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Als ich im Jahr 2005 damit begann, meine zwei Bücher über das in Menschen zu schreiben, war für mich klar, dass der fortschrittlichste Teil der Theorien von Kegan und Basseches in deren empirischer Interviewmethode bestand, auf denen diese Theorien gründeten (doch worüber man seitdem kaum etwas von ihnen gehört hat). Anstatt mich weiter mit den abstrakten Konzepten dieser Theorien zu beschäftigen, interessierte mich in erster Linie, wie man durch einen Hinweise und Beweise erhalten konnte darüber, wie ein Individuum oder eine Gruppe zu einem Zeitpunkt Bedeutung und Sinn herstellt. Das Verständnis eines (im NLP die „Landkarte“) ist etwas ganz Entscheidendes in der Arbeit mit Menschen und deren Potenzialen.

Was ich seinerzeit schon als das „Gold der Entwicklungstheorie“ betrachtete, und zwar das Interviewen und Zuhören als eine Quelle von Informationen und Hinweisen, wurde erst durch das CDF im Jahr 2000 offensichtlich, und dieses Gold liegt für die meisten derjenigen, die mit dem Thema Entwicklung auf die eine oder andere Weise praktizierend umgehen, auch nach 15 Jahren noch weitgehend im Verborgenen. Der Grund dafür ist ein Berg von Theorie und Ideologie, unter dem speziell Kegans konzeptuelle Interpretationen von interviewbasierter Empirie begraben liegen, ohne einen Hinweis auf die empirische Basis dieser Einsichten (selbst in seinem eigenen späteren Werk).

Durch meine früheren Tätigkeiten konnte ich mich der Interviewführung auf besondere Weise zuwenden. Mein Studium beider Theoretiker (die beide meine Lehrer waren) basierte auf unterschiedlichen Grundlagen: meinen Tätigkeiten als Komponist und Musiker, meiner Ausbildung in dialektischer Philosophie in den 1960ern und einer psychologischen Protokollanalyse (H. Simon) in den 1970ern, die organisationsbezogene Interviewführung, welche ich als Mitglied einer großen US Beratungsfirma (ADL) ausübte, sowie auch meine Ausbildung als klinischer Psychologe (Boston Medical Center) in den 1990ern.

Als ein Ergebnis dieser Tätigkeiten in unterschiedlichen Dialogformen mit Klienten und Patienten vollzog ich in meinen Büchern, so würde ich es nennen, den Schritt von der Entwicklungstheorie zu einer neuen Art von Epistemologie (Theorie des Wissens), nämlich einer auf Dialog basierenden Epistemologie, die zu einer umfassenderen sozialen Praxis werden kann. Dieser Ansatz steht im Gegensatz zu auf Argumenten basierenden Epistemologien wie denen von Adorno und Bhaskar, die dem Risiko unterliegen ein elitäres Unterfangen zu bleiben.

In diesem kurzen Papier möchte ich auf einige der außerordentlichen Merkmale dieses Übergangs von einer Entwicklungstheorie zu einer dialogischen Epistemologie, wie der des CDF, hinweisen. Dieser Übergang erlaubte mir schließlich, die wesentlichen Lehren von Kohlberg und der Frankfurter Schule zusammenzubringen, als etwas was bisher noch nicht unternommen wurde.

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Während andere vor allem Kegans, aber auch Basseches Arbeiten lesen, um abstrakte oder anwendungsorientierte Theorien daraus abzuleiten, oder ihre Vorstellungen der „menschlichen Natur“ zu untermauern, war ich überaus beeindruckt von den qualitativen Untersuchungen, die beide unternommen hatten. Sie waren bestrebt zu erklären, wie sich das Erwachsenenbewusstsein über die Lebensspanne hin entwickelt in dem Wissen, dass die Erkenntnis über diese Entwicklung von allergrößter Bedeutung für die Arbeit mit Menschen auf eine praktische und emanzipatorische Weise ist. Im Rahmen ihrer empirischen Arbeit über das, was ich als bzw. Entwicklung bezeichne, hatte sie indirekt wesentliche Einsichten darüber geliefert, warum Erwachsenenentwicklung auch einen großen Einfluss darauf hat wie Menschen - im Sinne von Elliot Jaques - arbeiten. Alle drei Forscher brachten viel Licht und Erkenntnis in das wichtige Thema eines als etwas, was nicht nur bestimmt wie jemand lebt, sondern auch wie jemand arbeitet. Ihre Schlussfolgerungen werden dennoch immer noch nicht in Organisationen verstanden, wo überwiegend über „Kompetenzen“ gesprochen wird, welche jedoch lediglich die Spitze eines Eisberges menschlicher Arbeitsfähigkeit darstellen.

Ich arbeitete, kurz gesagt, an einer neuen die über Marx hinausgeht, welcher nie so etwas wie einen inneren Arbeitsplatz im Sinn hatte, aus dem heraus Menschen arbeiten (Laske, 2009).

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In der Konzentration auf die Interviewführung und Bewertung aufgezeichneter Interviews (was ich immer als untrennbar angesehen habe) nahm ich mir implizit zu Herzen, was mein Lehrer Adorno in nachfolgendem Zitat zum Ausdruck bringt:

Mit diesem Zitat sagt er im Grunde, dass, statt sich von abstrakten Konzepten über Entwicklung leiten zu lassen (wie „Stufen“ und „Phasen“), man tiefere Einsichten durch die Erforschung der Bezugsrahmen von Menschen erhält, wie er es selbst in seinem Buch (1950) getan hat.

Vor dem Hintergrund meines psychologischen Trainings lag für mich der Schwerpunkt bei der Vermittlung der CDF-Interviewführung, als einer dialogischen Methode, in einer klaren Unterscheidung zwischen „wie tue ich etwas“ (als einem psychologischen Thema) und „was sollte ich tun und für wen“ (als einem sozial-emotionalen Thema) und ferner „was kann ich über meine Entscheidungsmöglichkeiten in der Welt wissen?“ (kognitiv).

Diese drei Fragen definieren für mich den geistigen Raum, aus dem heraus Menschen arbeiten und ihr Leben führen, ohne jedoch zu wissen, wie sie diese drei Aspekte im Dienste von höherer Selbsterkenntnis voneinander unterscheiden können.

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Glücklicherweise lernte ich Bhaskars Arbeit zur richtigen Zeit kennen, als ich dabei war den Band 1 von zu schreiben1 und auch schon den 2. Band vorbereitete. Die Lektüre seines Buches (1993) forderte mich dazu heraus, über die DTF Dialektik, die ich lehrte, nachzudenken und ebenso über die Beziehung dieser Arbeit zur Schriften meines Lehrers Adorno. Wenngleich Adorno ein erklärter Gegner von Ontologie war, die er beschuldigte den unterdrückenden der kapitalistischen Gesellschaft weiter zu verfestigen, betrachtete Adorno soziale Wirklichkeit wie auch den menschlichen Geist als ihrem Wesen nach dialektisch. Er demonstrierte dies in seiner Analyse musikalischer Werke wie durch philosophische Textanalysen und entwickelte in beidem eine Meisterschaft.

Mir wurde sofort klar dass Bhaskars MELD, die vier Momente von Dialektik, nicht nur ein Schritt über Hegel und Adorno hinaus waren, sondern dass es auch Entsprechungen gab zu der von Basseches empirisch erhobenen und überprüften vier Klassen von Denkformen. In Bhaskars Ontologie war der entwicklungs-epistemologische Aspekt nur schwach ausgeprägt, vor allem in seiner Theorie über Bereiche der Kognition und Arten von epistemischen Irrtümern. Sein Hauptanliegen bestand in der Überwindung eines nominalistischen Postmodernismus, welcher jegliche Art von ontologischer Realität rundweg leugnet und dies zudem in Verbindung bringt mit menschlicher Freiheit. Doch auf diesem Weg hatte die Epistemologie – wo ja Freiheit erfahren wird – nur sehr geringe Chancen sich selbst zu erneuern.

Ich begann durch Bhaskars Sichtweise zu erkennen, dass das auf CDF gegründete kognitive Interview sich vor allem mit gesellschaftlichen „epistemischen Irrtümern“ und „Kategoriefehlern“ beschäftigte, und dass die zentrale Aufgabe des Interviewers darin bestand diese Fehler durch die Interpretation von Textargumenten als Irrtümer aufzuzeigen. Bhaskar war sich der großen Auswirkungen dieser Fehler auf die Gesellschaft sehr bewusst und betrachtete sie als potenzielle Rechtfertigungen von Unterdrückung. Wie auch ich mittels des CDF, erkannte er als Basis der Kategoriefehler, die in einer Gesellschaft gemacht werden, das streng logische Denken (analytische Vernunft), das die kapitalistische Gesellschaft dominiert. Abstrakte logische Denkweisen führen zu einer groben Verzerrung der Wirklichkeit, mit der Menschen es in ihrer Arbeit und in ihrem Leben zu tun haben.

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In meiner kognitiven Interviewpraxis begegnete mir fortwährend DER epistemische Irrtum schlechthin, wonach die Welt auf das reduziert wird was man von ihr schon weiß („epistemischer Irrtum“), und zwar unter Missachtung der alles durchdringenden Abwesenheiten, Lücken und ideologischen Verzerrungen, die bewusst oder unbewusst aus politischen Gründen zur Stärkung der eigenen Position gefertigt werden. Unter Berücksichtigung von Bhaskars Unterscheidung von [], [] und [] Welten wurde mir klar, dass Menschen, die diesen Irrtum nicht überwinden, steckenbleiben – sie schaffen es nicht, die aktuelle Welt, die ihnen ideologisch präsentiert wird, zu transzendieren. Aus der Sicht von CDF bedeutet dies im Hinblick auf die Arbeitsfähigkeit eines Menschen, dass er bei seiner beruflichen Arbeit weniger leistet als er es könnte, wenn er eine klarere Vorstellung von der realen Welt hätte.

 

 

Abb. 1 Die drei Welten wie sie R. Bhaskars Dialektischer Kritischer Realismus unterscheidet

Abb. 1 zeigt, dass nur durch dialektisches Denken und von der gegebenen Welt ausgehend, wir sowohl die empirische wie auch die gegebene Welt transzendieren können. Ebenso lassen sich Einsichten in die ontologisch reale Welt anders nicht finden. Dies unterstreicht für mich die Bedeutung des Erlernens eines dialektischen „tiefen“ Denkens, heute erschwert durch dessen wissenschaftliche Vernachlässigung sogar in den Entwicklungswissenschaften.

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Bei weiterem Nachdenken über das Verhältnis des CDF zu Bhaskars Arbeit kam ich zu der Schlussfolgerung, dass ich bereits ein Stück der Epistemologie geliefert hätte, welche der DCR erforderte. Bhaskars ontologisches Postulat der vier Momente der Dialektik, betrachtet in Begriffen von Basseches (DSF; 1984), bedeutet, dass ein ausgebildeter CDF Anwender in der Lage ist, mittels empirischer Untersuchung (Interview und Bewertung) Menschen darin zu unterstützen, sich aus der gegebenen Welt – der Welt der unmittelbaren Sinneswahrnehmungen, des Fernsehens und „Downloadings“ – herauszubewegen, hin zu der realen Welt. In dieser realen Welt geht es heute um die Lösung globaler politischer und ökologischer Krisen.

Vor dem Hintergrund, dass Bhaskar keine guten Werkzeuge und Mittel bereitstellt, um mit der von Sprache gesättigten Welt von Organisationen und globalen Krisen konkret und effizient umzugehen, wurde mir mehr und mehr klar, dass CDF nicht nur eine Epistemologie ist, sondern auch pragmatische dialogische Mittel bereitstellt, um Strategien für realweltliche Probleme zu entwickeln. Pädagogisch bestehen diese in Form sozial-emotionalen Stichworten oder dialektischen Gedankenformen, die man in dialektisch geführte Dialoge einbringen kann, sei es zum Zweck der Herbeiführung kultureller Transformation, sei es im Bereich der Psychotherapie und des Coaching. Dies wurde ganz offensichtlich, da die interviewten Teilnehmer an IDM Fallstudien überwiegend Führungskräfte aus Organisationen waren. Durch sie lernten wir die Kategoriefehler und Irrtümer, die sie daran hinderten ihre Arbeit wirklichkeitsnäher zu verrichten.

Aus diesem Grund schlug ich auf einer Konferenzpräsentation in London in diesem Jahr (2014), welche Bhaskars Arbeit gewidmet war, eine Erweiterung seines “dialectical critical realism” (DCR) durch CDF/DTF wie folgt vor:

Abb.: 2 Die Übertragung des dialektischen kritischen Realismus als eine akademische Disziplin in die mit Sprache gesättigte soziale Welt

Wie Abb. 2 zeigt, sehe ich die IDM Studiengruppen (deren Mitglieder mit 3 Fallstudien und zukünftig zusätzlich mit einem Teamprojekt ihren Abschluss machen) als befähigt, mit epistemischen Irrtümern und Katogoriefehlern umzugehen, sowohl bei Führungskräften, als auch im größeren gesellschaftlichen Zusammenhang insgesamt. Durch die erworbenen Interview- und Bewertungsfähigkeiten wissen diese Absolventen (sie „können hören“) was in der von Sprache gesättigten Organisationswelt Transformationen bewirkt und was diese Organisationen zu einem nachhaltigen und verantwortlichen Erfolg führt. Dies ist durch einfaches „Coachen“ nicht zu erreichen. Es geht darum, die Klienten in ihrer augenblicklichen Art, mit der sie ihrer Arbeit und der Welt Sinn verleihen, zu begegnen. Das geht nur durch ein Verständnis von Erwachsenenentwicklung. Aufgrund bestehender Theorien davon, wie Erwachsene denken und ihr Denken lebenslang entwickeln, lässt sich aufzeigen, wo Menschen in ihrem Alltag Kategoriefehler begehen, deren Folgen sich in Kürze in Form von Umwälzungen in ihrem Beruf oder ihrem Leben zeigen werden.

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Wie können IDM Studierende darin unterrichtet werden, als dialektisch denkende Mentoren von Organisationen zu wirken, als kulturelle Transformatoren der Geschäftswelt? Durch das CDF-basierte Soziodrama von Brendan Cartmel inspiriert bezeichne ich CDF Anwender als Entwicklungsgesprächspartner []. Mit dieser ausgefallenen Bezeichnung meine ich, dass diese Menschen sowohl als entwicklungsorientierte wie auch als dialektische Denker ausgebildet wurden und somit in der Lage sind nicht nur zu erkennen wie ihre Klienten gegenwärtig ihre Welt wahrnehmen und darin Sinn und Bedeutung herstellen, sondern sie auch darin unterstützen können, sich von der gegebenen Welt, in welche sie eingebunden sind, auf die reale Welt hin zu bewegen, welche sie nur schemenhaft erkennen, hauptsächlich in Form von – für sie – überwältigenden Veränderungen. In diesem Beratungsprozess entwickeln sich die Absolventen selbst, da Erwachsenenentwicklung wesentlich dialogisch geschieht.

Unten gebe ich eine vollständige Definition dessen, was ich mit „Entwicklungsgesprächspartner“ bezeichne, ob nun Coach, Berater, Lehrer oder was auch immer:

Abb.: 3 Epistemologisches, dialektisches und entwicklungsorientiertes Denken zusammengebracht: Die Verbindung zwischen entwicklungsorientiertem und dialektischem Denken beim Consulting

Wie ich vom späteren Basseches als Theoretiker der Psychotherapie in ihren unterschiedlichen Formen (Basseches und Mascolo, 2009) lernte, begann ich zu verstehen, dass das, was ich meine Studenten lehrte, und meine laufende Verbesserung in meinem Coaching und meiner Arbeit mit Teams, auf drei unterschiedlichen Dialogformen basierte, die nachfolgend aufgeführt sind:

Abb.: 4 Die drei aus dem Interview abgeleiteten DTF Dialogformen

Basseches und sein Co-Autor zeigen in ihrem 2009 erschienenen Buch “Psychotherapy as a Developmental Process”, dass alle Psychotherapien aus einer selektiven Privilegierung und Koordination dreier Dialogformen bestehen und die Psychotherapien sich nur in ihrer unterschiedlichen Betonung der einen oder anderen Form unterscheiden. Meiner Meinung nach weisen die Autoren, zumindest indirekt, damit auch in Richtung Coaching und Consulting, als andere Formen des Dialogs in einer von Sprache gesättigten Welt.

Ich möchte daher die folgenden kurzen Definitionen dieser drei Modi eines CDF basierten Dialogs vorstellen:

  1. Durch eine ist der Gesprächspartner auf ein gegenüber dem Klienten konzentriert, mit einem tiefen Interesse daran, was in seinem/ihren Geist stattfindet, und, falls erforderlich, einer Verstärkung der Gefühle und/oder Gedanken des Klienten. Ein CDF Interview ist ohne diese Haltung ebenso wenig möglich wie ein Feedback oder irgendeine Art von effektiver Beratung. Unterstützung mittels Aufmerksamkeit ist auch die Grundhaltung jedweder Beratung. Natürlich beruht all dies auf Interpretation, auch wenn es dabei nur um Bedeutungsfindung und beim Coaching möglicherweise auch um ein in-die-Tat-Umsetzen [enactment] der Einsicht in eine höhere Stufe der Bedeutungsfindung geht.

  2. ist ein weites Feld, da praktisch jeder Text sowie auch Sprache interpretiert wird, einschließlich Stimmungen, Gefühlen, Gedanken, Bedeutungsrahmen, Ideologien, Kategoriefehler, epistemische Irrtümer. Was also ist gemeint? Sozial-emotionale Interpretation unterscheidet sich deutlich von psychologischer und kognitiver Interpretation, und diese Unterschiede werden am IDM gelehrt und gelernt. Anders als beim sozial-emotionalen Interview geht es beim kognitiven Interview um die Interpretation von Grundkonzepten und nicht um sozial beeinflusste Gefühle. Wir können die Konzepte des Klienten oder deren Fehlen in den Begriffen des DTF interpretieren, verwenden dazu Gedankenformen zum Öffnen und Erweitern des Denkens und wir erweitern damit auch die Interpretationen, deren Klienten fähig sind. Auf diese Weise gelangen wir zu den Kategoriefehlern und epistemischen Irrtümern unserer Kunden. Durch Unterstützung mittels Aufmerksamkeit sowie auch Modellierung neuer Strategien werden die Interpretationen neu ausbalanciert.

  3. besteht darin, dass ein Helfer Kunden zeigt, wie ein Konzept, eine Interpretation, eine höhere sozial-emotionale Stufe oder eine gesündere psychologische Disposition in der Arbeit und/oder im Leben sich gestalten lässt. Natürlich gibt es Unterschiede dabei, wie Hervorbringungen sozial-emotional, psychologisch und kognitiv eingesetzt werden. Durch das Hinweisen des Klienten auf finanzielle oder andere Konsequenzen spezifischer strategischer Alternativen hat beispielsweise Jan de Visch gezeigt, dass die Hervorbringung zum zentralen Modus eines dialektisch orientierten Consulting werden kann, vor allem wenn sie durch die zwei anderen Modi unterstützt wird. (siehe dazu Jan De Vischs Buch auf http://interdevelopmentals.org/publications-Jan_de_Visch.php. )

Es scheint mir im Hinblick auf die Unterscheidung der drei eben ausgeführten Modi, dass das sozial-emotionale und das kognitive Interview – basierend auf CDF – jeweils ihre eigene idiosynkratische Struktur haben. Ein sozial-emotionales Interview konzentriert sich vor allem auf Unterstützung mittels Aufmerksamkeit im Hinblick darauf, wie der oder die Interviewte die ihm oder ihr dargebotenen Stichworte auswählt und interpretiert, während das kognitive Interview, wenn es richtig ausgeführt wird, auf der Hervorbringung von Bhaskars vier Momenten der Dialektik basiert (erweiterbar auf individuelle dialektische Gedankenformen). In beiden Fällen leisten die zwei jeweils anderen Interviewmodi wichtige Unterstützung für den dialogischen Modus, der vom Berater gewählt wurde.

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Wenn wir uns jetzt dem zuwenden, was Dialog für das DTF bedeutet, dann kommen wir zu Folgendem:

Abb.: 5 Die drei DTF Dialogmodi in einer weiteren Erläuterung

(MELD bezieht sich auf die vier Momente der Dialektik bei Bhaskar, welche beim CDF ihre

Entsprechung in den vier Klassen der Gedankenformen CPRT haben).

Jeder CDF Gesprächspartner in der Beratung oder beim Coaching verwendet diese drei Modi jeweils mit unterschiedlichen Gewichtungen zueinander. Einige Interviewer bevorzugen die Unterstützung mittels Aufmerksamkeit als Hauptmodus (z. B. diejenigen, welche sich lediglich auf Kegan beziehen), während andere sich auf Interpretation konzentrieren (indem sie DTF folgen).

Welchen Dialogmodus jemand in seiner oder ihrer Arbeit, sowohl beim Coaching als auch bei der Beratung, bevorzugt, ist sowohl ein psychologisches Thema wie auch ein Thema der Forschungsarbeit zur Erwachsenenentwicklung. Ein nicht voll gereifter Mensch ist nicht in der Lage, andere durch seine oder ihre Aufmerksamkeit zu unterstützen und ist daher auf seine bloße Kompetenz in einem bestimmten Bereich angewiesen. Solch ein Mensch hat lediglich einen begrenzten Vorrat ideologischer Konzepte, oft mit einem religiösen Geschmack, und dem, was dadurch hervorgebracht wird, fehlt eine von Demut getragene Untersuchung und Aufmerksamkeit. Um zu verstehen, wie eine von „Sagen und Tun“ bestimmte Welt, die ein tiefes Fragen nach dem Denken anderer nicht kennt, aussieht, braucht man lediglich den Mitgliedern eines Start-Up Unternehmens zuzuhören.

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Die drei hier ausgeführten Dialogmodi sind gleichzeitig auch Interventionsmodi. Sie tragen zu einer Metatheorie des Coachings bei, unabhängig davon welchen Ansatz der Coach verfolgt. „Coachingschulen“ können durch den vorherrschenden Dialogmodus, den sie lehren, charakterisiert werden (bei NLP ist dies beispielsweise Interpretation). Diese Modi sind auch wesentlich beim , welches besonders effektiv ist, wenn es auf Einsichten in die tiefen sozial-emotionalen Strukturen eines Teams oder einer Gruppe basiert, wie sie durch die Team-Typologie des CDF (http://interdevelopmentals.org/team_maturity.php) beschrieben werden.

Meiner Ansicht nach kann man dem CDF als einer Epistemologie nur gerecht werden, wenn man sich des Dialogmodus bewusst ist, den man gerade verwendet, wenn man weiß, welchen Modus man in welcher Situation anwenden sollte, und auch wann man in einer gegebenen Situation den Modus wechseln sollte. Die Bewusstheit darüber, welchen Modus man wann verwendet, ist die einzige Möglichkeit, um die zwei anderen verbleibenden Modi auf eine sinnvolle Weise unterzuordnen, und dies ist etwas was man im Rahmen einer sozial-emotionalen und kognitiven Interviewführung am besten lernt.

(http://interdevelopmentals.org/certification-module-a.php und http://interdevelopmentals.org/certification-module-b.php). 

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Es besteht natürlich ein Risiko dessen man sich bewusst sein sollte, nämlich das in den Modus des „Sagens und Tuns“ zurückzufallen. Durch diesen Schritt verändert sich des Sprechers Epistemologie. Jetzt sind Sie derjenige, der alles weiß. Doch wie wir auch wissen, lässt sich die Welt durch Argumentation nicht verändern (welche ausschließlich richtig oder falsch sind, Abwesenheiten übersehen und am Gegenwärtigen hängen.) Die drei oben aufgeführten Modi erinnern uns daran wie es anders geht, als drei Säulen eines jeden prozessorientierten Beratungsgespräches, in welcher Disziplin und für welchen Zweck auch immer und gleichgültig, ob akademisch ausgerichtet oder auf Organisationen angewendet.

Man möchte den Klienten dort abholen, wo er oder sie sich befindet, alles andere ist wenig effektiv. Dieses Abholen ist jedoch nur durch die Einnahme einer Entwicklungsperspektive unter Berücksichtigung des Bezugsrahmens und damit auch der Entwicklungsstufe des Klienten möglich. Gleichzeitig möchte ihr Klient auch „verstanden“ werden in einem Dialog mit Ihnen. Um jedoch jemanden „professionell“ verstehen zu können, muss eine dialogische Epistemologie zum Einsatz kommen, welche das Fragen über das Sagen stellt, und wenn diese Epistemologie entwicklungsorientiert und dialektisch sein soll, dann müssen Sie lernen wie sich die Kegan-Stufen und Phasen dialektischen Denkens empirisch „anhören“. Sie müssen diese epistemischen Strukturen in Echtzeit in der Arbeit mit Klienten erfahren haben. Und das lernt man am besten durch das Entwicklungsinterview, das es am IDM gelehrt wird und auf Kegan und Basseches basiert.

Je erwachsener der Klient ist, mit dem Sie es zu tun haben, ob als Individuum oder als Team, desto weniger braucht es die Konzentration auf die Interpretation von Meinungen und Gefühlen und umso mehr kann man sich den Konzepten oder deren Fehlen zuwenden. Dies bedeutet für Sie die Kenntnis und das Verstehen der vier Momente der Dialektik von Bhaskar, welche im Rahmen des CDF in dialektischen Gedankenformen konkretisiert und erweitert wurden.

Nimmt man all dies in sich auf, was im Rahmen einer IDM Fallstudie gelernt wird, wird man zu etwas, was ich einen nenne. Man kann sich als „Berater“ oder „Coach“ oder was auch immer bezeichnen, doch das ist lediglich eine praktische Interpretation dieses Begriffs. Um dorthin zu gelangen, haben jedoch, in den Worten Hesiods, "die Götter vor die Tugend den Schweißgesetzt“.

Also, an die Arbeit.

Ausgewählte Bibliography

Adorno, Th. W. (1974; 1951). Minima Moralia. London: Verso.

Bhaskar, R. (2002). Reflections on MetaReality. London: Routledge.

Bhaskar, R. (1993). Dialectic: The pulse of freedom. London, Verso.

Basseches, M. (1984). Dialectical thinking and adult development.

Basseches & Mascolo (2010). Psychotherapy as a developmental process. London: Taylor &

Francis Group, LLC.

Jaques, E. (1989). Requisite organization. Arlington, VA: Cason Hall & Co.

Laske, O. (2014a). Laske’s Dialectical Thought Form Framework (DTF) as a tool for creating

integral collaborations: Applying Bhaskar’s four moments of dialetic to reshaping cognitive

development as a social practice. Conference paper, IACR, London, July 2014.

Laske, O. (2014b). Teaching dialectical thinking by way of qualitative research on organizational

leadership: An introduction to the Dialectical Thought Form Framework (DTF). Conference

lecture IACR, London, July 2014.

Laske, O. (2009). Measuring Hidden Dimensions: Foundations of requisite organization.

Medford, MA: IDM Press.

Laske, O. (2005). Measuring Hidden Dimensions: The art and science of fully engaging adults.

Medford, MA: IDM Press.

(aus: Online Journal Nr. 49)