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12.12.2017 : 15:01 : +0100

Ken Wilber’s Exzerpt A

Inhalt

 

Michael Habecker

Zu den Exzerpten des geplanten Band 2 der Kosmos-Trilogie

Von Wilber I zu Wilber V

Die Exzerpt-Veröffentlichungen im Überblick

 

Ken Wilber

Einführung zu den Exzerpten vom Band 2 der Kosmos-Trilogie

Ken Wilber

Exzerpt A: Ein integrales Zeitalter als Avantgard

 

Einführung

Teil I: Kosmisches Karma: Warum ist die Gegenwart ein klein wenig so wie die Vergangenheit?

Übersicht

Kosmisches Karma in vier Dimensionen

Zusammenfassung Teil I

Teil II: Kosmische Gewohnheiten als Wahrscheinlichkeitswellen

Prolog

Wahrscheinlichkeitsraum in der AQAL-Matrix

Selektionsdruck im AQAL-Raum: Gültigkeitsansprüche im Tetra-Zusammenhang

Teil III: Das Wesen revolutionärer sozialer Transformationen

Basis und Überbau müssen tetra-übereinstimmen

Paradigmen

Legitimationskrise

Gesellschaftliche Revolutionen

Der fünfte Faktor

Eros und Authentizität

Zusammenfassung: Eros und Revolution

Die Idee des Fortschritts

Zusammenfassung

Teil IV: Fakten und Interpretationen

Überblick: Ein revolutionärer integraler Pluralismus

Eine Dimension des Tetra-Seins hervorbringen

Rekonstruktive Untersuchung

Fakten-und-Interpretationen sind dem Kosmos intrinsisch

Interpretation auf zweierlei Weise

Eine einfache Analogie: Der Grand Canyon

Von einer partiellen zu einer vollständig dialogischen Vererbung

Zusammenfassung

Teil V: Integraler methodologischer Pluralismus

Einführung

Oben-Rechts Untersuchungen

Oben-Links Untersuchungen

Unten-Rechts Untersuchung

Unten-Links Untersuchung

Integrales Betriebssystem (IBS)


Zu den Exzerpten des geplanten Band 2 der Kosmos-Trilogie

Michael Habecker

Mit seinem 1995 erschienenen Buch Eros Kosmos Logos (EKL) hat Ken Wilber eine „Kosmos-Trilogie“ angekündigt, von der EKL der erste Band ist. Beginnend im Jahr 2003 hat Ken Wilber dann in einer Reihe von „Exzerpten“ Material veröffentlicht, aus dem er später einen der zwei noch ausstehenden Bände der Kosmos-Trilogie schreiben wollte. Zur Zeit (Sommer 2016) gibt es noch keinen konkreten Veröffentlichungstermin für den nächsten Band, auch wenn davon die Rede ist, dass dieser „auf dem Weg“ ist. Somit sind die Exzerpte (oder Auszüge) immer noch das Aktuellste, was Ken Wilber zur Weiterführung der integralen Theorie (und, sich daran anschließend, der integralen Praxis) veröffentlicht hat.1 Sie versprechen nicht mehr und nicht weniger als eine neue Phase in Wilbers Werk einzuläuten.


Von Wilber I zu Wilber V

Als Ken Wilber 1997 – in Das Wahre, Schöne, Gute – sein eigenes bisheriges Werk in vier Phasen einteilte, die er meist mit römischen Ziffern versieht – Wilber I, II, III, IV –, verblüffte er einmal mehr seine LeserInnen. Er wurde dadurch – öffentlich – zu seinem eigenen Kritiker, wandte den Entwicklungsgedanken, der sich wie ein roter Faden durch sein Werk zieht, nun auf dieses Werk selbst konkret an und öffnete einen Raum für Überlegungen und spekulative Diskussionen der Art: „Wie geht es weiter?“ und „Wird es eine Phase Wilber V geben, und wenn ja, was wird sie beinhalten?“.

In einem Interview mit dem Shambhala Verlag2 im Jahr 2002 kündigte Wilber die Fertigstellung des Band 3 der Kosmos-Trilogie an (Band 1 ist Eros, Kosmos, Logos), verband jedoch mit dieser Ankündigung keinen Hinweis auf eine neue Phase. Als er dann damit begann, dieses neue Buch (welches als Band 2 der Kosmos-Trilogie bei Shambhala erscheinen soll) in Auszügen („excerpts“) über das Internet bei Shambhala zu veröffentlichen – unter dem vorläufigen Titel „Kosmic Karma and Creativity“ und durchnummeriert von A bis G – tauchte der Hinweis auf eine neue Phase V erstmals im Exzerpt A auf. Wilber bezog sich auf Menschen, denen er das Material der Exzerpte vorab zum Lesen gegeben hatte und die zu der Überzeugung gelangt waren, dass der Inhalt eine neue Phase in seinem Werk einleiten würde. Wilber selbst jedoch hält sich damit in der Einleitung zu den Exzerpten noch zurück:

„ …einige Rezensenten, welche das meiste des im Entwurf vorliegenden Materials gelesen haben, bezeichnen dies mit Wilber V. Ich selbst tue das nicht, jedenfalls nicht zu diesem Zeitpunkt...“

Doch mit dem Erscheinen des Exzerpts C ändert Wilber seine Meinung:

„So ziemlich alle bezeichnet KKC [Kosmic Karma and Creativity] als ‚Wilber V’; nach einigen Überlegungen stimme ich dem nun zu, sofern man mich fragt. Alles Vorangegangene wird in diesem neuen Ansatz natürlich transzendiert und aufgenommen; es erfolgt jedoch eine radikale Re-Konzeptualisierung auf eine Art und Weise, welche keinen historischen Vorläufer hat. Stimmt das? Finden sie’s heraus...“


Die Exzerpt-Veröffentlichungen im Überblick

Angekündigt wurden:

Exzerpt A: Ein integrales Zeitalter als Avantgarde

Exzerpt B: Die vielfache Art, wie wir einander berühren

Exzerpt C: Die Art und Weise, wie wir hier zusammen sind

Exzerpt D: Wie ein Gefühl aussieht

Exzerpt E: Eine Zusammenfassung der Zonen

Exzerpt F: Integrale Post-Metaphysik

Exzerpt G: Auf dem Weg zu einer umfassenden Theorie der subtilen Energien

In den Jahren 2003 und 2004 und bis heute (Sommer 2016) wurden die Exzerpte A, B, C, D und G veröffentlicht, mit einem Umfang von jeweils zwischen 50 und 200 Seiten.

(Achtung: In dem nachfolgenden Exzerpt A bezieht sich Wilber auf zukünftige Exzerptveröffentlichungen. Diese hat er jedoch anders bezeichnet als oben angegeben. D. h. er hat die Bezeichnung/Benennung nach der Veröffentlichung des Exzerpt A noch geändert.)

Die Exzerpte haben seit ihrem Erscheinen zu einer Intensivierung der Diskussion der integralen Theorie und Praxis geführt, die bis heute anhält. Ken Wilber entwickelt dabei in der Tat neue Ideen und Vorstellungen, die alles Bisherige transzendieren, aber auch mit aufnehmen.

In deutscher Sprache liegt bisher nur der Exzerpt G (Exzerpt G) vor, zugänglich über die Webseite des Integralen Forums:

http://integralesleben.org/if-home/il-integrales-leben/aufbauwissen/exzerpte-kosmic-karma-and-creativity/auszug-g-subtile-energien/

Dort entwickelt Ken Wilber eine Theorie zu der sehr kontroversen Frage der subtilen Energien und formuliert daraus abgeleitet Theorien zum Thema Reinkarnation und den Chakren. Gleichzeitig revolutioniert (und korrigiert) er die seit Jahrhunderten bestehenden Vorstellung von einer „Großen Kette des Seins“, unter Rückgriff auf die integrale Theorie (AQAL) .

Doch was steht in den anderen Exzerpten? Beginnend mit dem Exzerpt A veröffentlichen wir nachfolgend eine Übersetzung dieser Materialien von Ken Wilber, um auch die deutschsprachige Diskussion darüber anzuregen.



Einführung zu den Exzerpten vom Band 2 der Kosmos-Trilogie

Ken Wilber

Im letzten Shambala-Interview, das auf dieser [www.shambhala.com] Internet-Seite erschien („Zur Herausgabe von Boomeritis und der Fertigstellung von Band 3 der Kosmos-Trilogie“), sprach ich über die Tatsache, dass ich während der Abfassung von zusätzlichem Material für [das Buch] Boomeritis unbeabsichtigt einen Großteil von Band 3 der Kosmos-Trilogie niederschrieb.

Band 1 der Trilogie ist [das Buch] Sex, Ecology, Spirituality [Titel der deutschen Ausgabe: Eros, Kosmos, Logos]. Ich hatte etwa 1200 Seiten von Band 2 geschrieben (vorläufiger Titel: Gott, Sex und Gender), doch ich überarbeitete ständig das Material und hatte nicht die Absicht, den Band in den nächsten Jahren herauszubringen. Aber jetzt, wo Band 3 im Wesentlichen geschrieben ist, sieht es so aus, dass wir ihn Band 2 nennen werden, und der ursprüngliche Band 2 wird überarbeitet zu Band 3. Oh je.

Was nun folgt, sind Auszüge aus dem neuen Band 2 (es wird vier Auszüge geben – A, B, C und D -, die im Laufe der kommenden Monate zur Verfügung gestellt werden). Der Arbeitstitel von Band 2 ist Kosmic Karma and Creativity [Kosmisches Karma und Kreativität], aber ich bezweifle, dass es bei diesem Titel bleiben wird. Wie auch immer, diese Auszüge sind aus dem ersten noch rohen Entwurf und lediglich oberflächlich redigiert. Als solche werden sie modifiziert und in einigen Fällen beträchtlich verändert werden – insbesondere bei Details wie der Terminologie, der Reihenfolge der Darstellung, den Klassifikationsschemata usw. Es kann wegen anderer Arbeiten, mit denen ich am Integralen Institut (siehe: www.integralinstitute.org) und www.EcolSP.com3 befasst bin, noch Jahre dauern, bevor dieser Band erscheint und ich wollte einige seiner allgemeinen Grundzüge zu diesem Zeitpunkt mitteilen.

Einige Kritiker, die das meiste des Originalmaterials des Entwurfs gelesen haben, bezeichnen diese Texte als „Wilber V“. Ich selbst sehe dies nicht so, jedenfalls derzeit noch nicht, doch es ist ein Zeichen einer bestimmten Einschätzung. Die Kritiker scheinen darin übereinzustimmen, dass es sich dabei um einen größeren Fortschritt in der Theorie nach [dem Buch] SES (dt. EKL) handelt. Ich bin gegenüber derartigen Kommentaren zurückhaltend, weil sie implizieren, dass all die anderen nach EKL geschriebenen Bücher nichts wirklich Neues enthalten, während doch alle wichtigsten Konzepte für die Anwendung dieses Werks (wie „Ebenen und Linien,“ „Zustände und Stufen“, „Das 1-2-3 der Bewusstseins-Studien“, „Das Wilber-Combs-Raster“ usw.) in diesen Büchern nach EKL vorgestellt wurden (z.B. Ganzheitlich Handeln; Das Wahre, Schöne, Gute; Integrale Psychologie).

Ich muss jedoch gestehen, dass ich verstehe, was sie damit meinen, wenn sie sagen, dass diese Bücher "nichts Neues" enthalten – sie alle passen sich noch in den AQAL-Rahmen ein ("alle Quadranten, alle Ebenen, alle Linien, alle Zustände, alle Typen" – oder kurz AQAL, „Ah qual“ ausgesprochen ), der erstmals in EKL eingeführt wurde. Etwa die Hälfte von Kosmic Karma and Creativity fügt sich ebenfalls in dieses Schema ein (vieles von dieser Hälfte wurde schon in [den Anhängen zu] Boomeritis beschrieben).

Die andere Hälfte jedoch, die Hälfte, die explizit "Integrale Post-Metaphysik" genannt wird (welches das sogenannte Wilber V-Material ist), kann, obwohl sie sich ebenfalls perfekt in die AQAL-Matrix einfügt, durch keines der gegenwärtig allgemein benutzten Konzepte erklärt werden. Es ist eine der Merkwürdigkeiten des Schreibens, dass ich zwar über ein Jahrzehnt oder zwei (wie verschiedene Anmerkungen unten zeigen werden) auf eine post-metaphysische Weise („Wilber V“) gedacht habe, diese Gedanken aber in die Terminologie der Arbeiten übersetzt habe, die bereits gedruckt waren – das Schreiben hat sein Eigenleben.

Jedenfalls passen sich all jene Aspekte der folgenden Darstellung, die unter die Rubrik "Integrale Post-Metaphysik" fallen, in die AQAL-Matrix ein, aber sie interpretieren diese Matrix auf eine tiefgreifende Weise neu. Mehr noch, während Aspekte meiner früheren Arbeiten zumindest einige historische Vorgänger hatten, hat vieles der Integralen Post-Metaphysik keinerlei Vorläufer. Ob sie irgendeinen Wert hat oder nicht, bleibt abzuwarten, doch sie ist völlig neuartig.

Die integrale Post-Metaphysik und in ihrer Folge der integrale methodologische Pluralismus, sind meiner Überzeugung nach aus vielen Gründen von Bedeutung. Zuallererst kann kein System (spirituell oder anderweitig), das nicht auf das Kantsche und postmoderne Heideggersche Denken Bezug nimmt, darauf hoffen, sich auch nur ein wenig intellektuellen Respekt zu verschaffen und damit zu überleben (man mag mit ihnen übereinstimmen oder auch nicht, aber sie müssen angesprochen werden). Das bedeutet, dass jede Spiritualität in gewissem Sinne post-metaphysisch sein muss. Zweitens kann eine integrale Post-Metaphysik auf die gleiche Art wie sich die Einsteinsche Physik für Objekte, die sich langsamer als mit Lichtgeschwindigkeit bewegen, auf die Newtonsche Physik reduziert, alles Wesentliche der prämodernen spirituellen und metaphysischen Systeme hervorbringen, aber ohne deren gegenwärtig diskreditiertes ontologisches Gepäck. Dies ist meiner Meinung nach der zentrale Beitrag einer integralen Post-Metaphysik – sie enthält die Metaphysik selbst nicht, kann sie aber als eine mögliche AQAL-Matrixkonfiguration unter den Randbedingungen prämoderner Kulturen hervorbringen. Das heißt, dass die AQAL-Matrix, unter Verwendung prämoderner Parameter, in die alte Metaphysik kollabiert (so wie die Einsteinsche Physik in die Newtonsche Physik kollabiert, obwohl sie als solche nicht Newtonsch ist). Variiert man andererseits die holonischen Bedingungen der Matrix durch Anpassen an die Parameter der postmodernen Welt, dann verschwindet die Metaphysik völlig, obwohl noch ein vollständiges Spektrum des Bewusstseins übrigbleibt, Entwicklungswellen, Evolution und Involution und ein Spektrum des Bewusstseins, welches ununterbrochen vom Staub zur Gottheit verläuft – aber ohne auf irgendwelche vorgegebenen archetypischen oder unabhängig existierenden ontologischen Strukturen, Stufen, Ebenen usw. zurückzugreifen. Die ganze "Große Kette des Seins" verschwindet vollständig aus der Wirklichkeit, aber ihre wesentlichen Eigenschaften können durch die Matrix generiert werden, wenn bestimmte Annahmen des mythischen Zeitalters als Parameter eingeführt werden.

Natürlich ist seit grauer Vorzeit eine Art "Große Kette des Seins" zentral für die spirituellen Traditionen, ob nun allgemein als schamanische Form in der Existenz höherer und niederer Welten, oder als Neoplatonische Version der Ebenen der Wirklichkeit (am Beispiel des erstaunlichen Plotins), oder als taoistische Version von Seinsbereichen (z.B. Lieh Tzu), oder als buddhistische Version eines Bewusstseinsspektrums (z.B. die 8 Vijnanas), oder als Kabbalah Sefirot – und weiter bis zu den neueren Weisheitstraditionen der Gegenwart, von Aurobindo über Adi Da bis Hameed Almaas. Sie alle, ohne Ausnahme, postulieren die Existenz von Ebenen oder Dimensionen der Wirklichkeit oder des Bewusstseins, einschließlich höherer oder ausgedehnterer oder tieferer Dimensionen des Seins und Wissens – als eine Art Regenbogen der Existenz, dessen Wellen, Ebenen oder Bänder über eine unabhängige Realität verfügen, die von hinreichend entfalteten und entwickelten Seelen erreicht werden kann. Sie alle postulieren – mit anderen Worten – die Existenz metaphysischer Wirklichkeiten – also genau dasjenige, was von den modernen und postmodernen Strömungen bestritten (und vollständig zurückgewiesen) wird.

Es ist daher notwendig, einen Weg zu finden, diesen wichtigen Regenbogen der Existenz ohne irgendwelche metaphysischen oder ontologischen Vorgaben darzustellen. WENN wir – mit anderen Worten – die Grundzüge einer spirituellen Weltsicht ohne eine metaphysische Überfrachtung aufzeigen können, dann können wir auch eine spirituelle Weltsicht darlegen, die in der modernen und postmodernen Welt überleben kann. Dies jedenfalls ist eines der zentralen Ziele der integralen Post-Metaphysik (und ihrer praktischen Anwendung, dem "integralen methodologischen Pluralismus"), die beide in diesen Auszügen skizziert werden sollen. Wenn wir mit diesem Bestreben Erfolg haben, dann können all jene spirituellen Weltsichten (vom Schamanismus über Plotin und Padmasambhava zu Aurobindo) in einer umfassenderen, nicht-metaphysischen AQAL-Matrix neu belebt und nutzbar gemacht werden, die denselben Regenbogen der Existenz hervorbringen kann, aber ohne das diskreditierte metaphysische Erscheinungsbild. Auf diese Weise kann man weiterhin deren tiefgründige Weisheit nutzen, ohne den vernichtenden Attacken der modernen und postmodernen Strömungen zu unterliegen.

Ich möchte noch hinzufügen, dass ich von nun an – wie die nachfolgenden Auszüge zeigen werden – nur noch für Kenner meines Werks schreibe. Jedes bislang geschriebene Buch ging von der Annahme aus, dass der Leser über keinerlei Vorkenntnisse zu irgendwelchen meiner Arbeiten verfügt. Folglich mussten die meisten meiner Bücher, insbesondere EKL, mit einer langen Zusammenfassung des AQAL-Konzepts beginnen. Im ersten Drittel eines jeden Buches wurde daher derselbe allgemeine Überblick wiederholt (was zu der Kritik geführt hat, dass ich mich wiederhole, was auch zutrifft).

Das wird nun nicht mehr der Fall sein, ausgenommen in gelegentlich fortgesetzten Versuchen populärer Zusammenfassungen und Übersichtsarbeiten, so wie TOE [dt. Ganzheitlich handeln]. Künftig wird mein Schreiben (einschließlich dessen, was nun folgt) größtenteils nicht nur eine flüchtige Vertrautheit, sondern eine aktiv angewandte Kenntnis der Grundzüge der AQAL-Matrix voraussetzen. Leser, die darüber nicht verfügen, mögen zuerst A Brief History of Everything (deutsche Übersetzung: Eine kurze Geschichte des Kosmos) lesen und dann A Theory of Everything (deutsche Übersetzung: Ganzheitlich handeln) und Boomeritis zum Spaß, obwohl es keineswegs erforderlich ist. Aus demselben Grunde habe ich aufgehört, Kritikern zu antworten und widme mich nun ausschließlich der Arbeit mit Personen, die den integralen Ansatz verstehen (und deren Kritik aus der Kenntnis heraus viel genauer und überzeugender ist).

Ich hoffe, Sie haben Freude an den folgenden Auszügen. Wenn Sie sich an dem Dialog zu diesem Material beteiligen wollen, können Sie dies auf www.integralinstitute.org4 tun.

Mit meinen besten Wünschen, Ken



Exzerpt A: Ein integrales Zeitalter als Avantgarde

Ken Wilber

Einführung

Beginnen wir diesen Überblick mit einem Hinweis auf eine eher bedrückende Tatsache: Wir hören heute viel über kulturell Kreative und ein neues und aufregendes Erscheinen einer Integralen Kultur – einer holistischen, ausgewogenen, umfassenden und fürsorgenden Kultur, die uns über das Traditionelle und Moderne hinaus in eine postmoderne Transformation führt. Doch in Wirklichkeit weisen uns die psychologischen Daten darauf hin, dass sich in der heutigen Welt weniger als 2% der Bevölkerung auf etwas befinden, was man als eine „integrale“ Bewusstseinswelle bezeichnen könnte. (Mit „integral“ meine ich etwas wie Gebser’s integral-aperspektivisch, Loevinger’s autonome und integrierte Stufe, Spiral Dynamics gelbe und türkise Meme, Wade’s authentische Stufe, Arlin’s postformale Stufe, das zentaurische Selbst, eine reife Schaulogik, usw.).

Die gleiche Evidenz legt nahe, dass sich ein sehr hoher Prozentsatz der Bevölkerung, – annähernd 25% – auf der Entwicklungsstufe befindet, die der integralen Stufe vorangeht (das ist Loevinger’s individualistische Stufe, Spiral Dynamics grünes Mem, Paul Ray’s kulturell Kreative, Wade’s Verbund, Sinnott’s relativistische Stufe, usw.) Darüber hinaus scheint es so, dass, weil sich ein erheblicher Teil dieser Population – vielleicht ein Drittel – seit Jahrzehnten auf der grünen Bewusstseinsstufe befindet, dieser Teil bereit ist, sich weiter zu entwickeln zur nächsten Stufe eines sich erweiternden Bewusstseins – zu einer wirklich integralen Bewusstseinswelle.

Dies bedeutet mit anderen Worten, dass sich die bescheidenen 2% der Population, die jetzt schon integral ist, bald auf 5% oder 10% steigern könnte.

Ich denke, dass wir, wie bei jeder evolutionären Entwicklung, bald immer mehr von diesem zunehmend integralen Bewusstsein sehen werden, an der Spitze der Entwicklung, der Avantgarde (unter welchem Namen auch immer) – in der akademischen Welt, den Künsten, sozialen Bewegungen, Spiritualität und führenden Denkern. „Integrale Theorien“ – oder Versuche in dieser Richtung – entstehen bereits in der akademischen Welt, speziell dort, wo sich führende Theoretiker von postmodernen Extremen (und dem grünen Mem) abwenden, und nicht mehr nur auf die Unvereinbarkeiten schauen, sondern auch auf die integralen Gemeinsamkeiten der Kulturen. Es gibt kaum noch Zweifel, dass auf vielfältige Weise die Spitze der Entwicklung einem integralen Licht zustrebt ...

Wir sind wohl auf dem Weg zu einem integralen Zeitalter als Avantgarde (dem dann ein bedeutender Teil der Kultur folgen wird).

Genau aus diesem Grund, glaube ich, hat Jeffrey Alexander, Amerika’s begabtester und einflussreichster Sozialtheoretiker (er ist, wie ich hinzufügen möchte, der Bruder von Skip Alexander, einen der besten Bewusstseinstheoretiker, den dieses Land je hervorgebracht hat), drei große Bewegungen der modernen sozialen Theorie benannt: Funktionalismus, Mikrosoziologie und Synthese.

1. Die erste Bewegung, verbreitet nach dem zweiten Weltkrieg, war der klassische Struktur-Funktionalismus, oder einfach nur Funktionalismus, mit Berührungspunkten zu praktisch allen Bereichen der Psychologie und Soziologie, mit Talcott Parsons als dem herausragendsten Vertreter. Dies war ein bemerkenswerter Versuch, eine systemtheoretische Perspektive in die Geisteswissenschaften einzubringen, wenn auch eingeschränkt durch die begrenzten Möglichkeiten der theoretischen Physik und der Biologie zu dieser Zeit. Wenn man Parallelen zu ziehen beginnt zwischen natürlichen und sozialen Systemen und davon ausgeht, dass natürliche Systeme durch Konzepte wie Gleichgewicht und Homöostase reguliert werden – und dabei nicht erkennt, dass sie darüber hinaus auch die Fähigkeit zur Selbstorganisation haben, mit einem intrinsischen Streben nach höheren Ordnungen aus dem Chaos, dann gelangt man zu einer sehr statischen Theorie sozialer Systeme, aufgeladen mit einer kaum versteckten Form eines politisch-republikanischen Konservatismus.

Auf viele Weisen war der klassische Funktionalismus das Ergebnis einer Konzeptualisierung, deren Bewusstseinsschwerpunkt noch formal-operational war (das orange Mem), mit der Tendenz, universelle Systeme aufzustellen, doch lediglich als statisch und unveränderlich und nicht in ihren dialektischen, chaotischen und transformatorischen Eigenschaften (die am besten durch eine post-formale Kognition erfasst werden). Dennoch waren die Einsichten und Beiträge von Parsons so tiefgreifend und weitreichend, dass alle heutigen Theorien, wenn sie adäquat sein wollen, Parsons zu „transzendieren und bewahren“ versuchen (wie Habermas, Luhmann, Alexander, Bailey usw. das getan haben). Parsons beispielsweise hatte eine untrügliche Intuition für die Notwendigkeit der Berücksichtigung aller vier Quadranten in einer jeden sozialen Theorie, was er als „vier allgemeine Arten von Subsystemen“ bezeichnete: der Organismus (OR), das soziale System (UR), das kulturelle System (UL) und die Persönlichkeit (OL). Und doch war der klassische Funktionalismus in seiner ursprünglichen Form zum Scheitern verurteilt und begann, insbesondere in den späten Sechzigern und den frühen Siebzigern, von der nächsten Welle sozialer Theorien überlagert zu werden, und zwar der Mikrosoziologie.

2. Als sich das grüne Mem auf einer breiteren Basis zu entwickeln begann, fing es auch an, das orange Mem in seiner Führungsrolle in der akademischen Elite zu ersetzen und so machte der Modernismus des orangen Universalismus dem Postmodernismus des grünen Pluralismus Platz. Wo ersterer durch die Herrschaft statischer Universalsysteme über alle Kulturen gekennzeichnet war, zeichnet sich letzterer durch Relativismus, Multikulturalismus, Diversitätsstudien und alle erdenklichen Unvergleichbarkeiten aus. Das war in vielerlei Hinsicht der erste Schritt vom Formalismus zum Postformalismus. Das Ergebnis war eine dringend notwendige Abkehr von den großen abstrakten Theorien, den großen Überblicken, Meta-Erzählungen und universellen Formalismen, hin zu einer sorgfältigen Aufmerksamkeit gegenüber den Einzelheiten und dem Speziellen, den kulturellen Feinheiten und wichtigen Unterschieden, mit einer besonderen Beachtung vernachlässigter Randbereiche und der Heterogenität. Die Soziologie des orangen Mems machte der Soziologie des grünen Mems Platz und die Ära der Mikrosoziologie begann.

Drei Dekaden Mikrosoziologie haben uns ihre beiden Seiten gezeigt – ihre Stärken und ihre Schwächen. Um die Mitte der 1990er Jahre wurden die Schwächen zunehmend offenbar und unüberwindlich, und die Mikrosoziologie wurde in ihrer Vorreiterrolle ersetzt durch verstärkte Versuche einer integralen Interpretation, welche die wichtigen Beiträge aller vorangegangenen Ansätze beinhaltet, einschließlich des Funktionalismus und der Mikrosoziologie. Damit trat die Sozialtheorie, mit den Worten von Alexander, in eine dritte Phase ein, so dass “…es daher nicht überraschend ist, dass zeitgenössische Theoretiker zum Projekt der Synthese zurückgekehrt sind.”.i (1)

3. Damit erreichen wir die Gegenwart: Ein Projekt der Synthese, ein integrales Zeitalter als Avantgarde, welches gerade einmal ein paar Jahre alt ist. Wie eine größere Bewegung (die sich während der letzten paar Dekaden über eine handvoll Pioniere hinaus nach außen verbreitet), steht diese Bewegung am Anbeginn des neuen Jahrtausends noch ganz am Anfang. Was diese größere Bewegung sehr wahrscheinlich darstellt, ist die Transformation von Grün zu Gelb, von intrakulturell zu transkulturell, von ethnozentrischem Pluralismus zu globalem Integralismus, von relativistisch zu holistisch. Wo die “großen Perspektiven” der “Universalsysteme” von Orange eine angemessene Empfänglichkeit für kulturelle Vielfalt, welterzeugende Intersubjektivität, ausführende (nicht bloß repräsentative) Aktivität der Erkenntnis und nicht reduzierbaren Heterogenität vieler Systeme vermissen ließen, und dies sogar grob ausschlossen, bauen die post-grünen großen Perspektiven, die sich zum Anbeginn der Ära der Synthese zu entwickeln beginnen, auf den Beiträgen des grünen Mems zur Mikrosoziologie auf. Doch sie taten dies mit einer so starken Konzentration auf Bäume, dass sie dabei den Wald nicht mehr sahen.

Ein integrales Zeitalter als Avantgarde, eine große Perspektive vieler Wälder, ein Zeitalter der Synthese, das sich aus den Ruinen des ans Ufer gespülten Pluralismus erhebt. Dieses integrale Zeitalter als Avantgarde ist eines der wesentlichen Themen der folgenden Präsentation.

Teil I: Kosmisches Karma: Warum ist die Gegenwart ein klein wenig so wie die Vergangenheit?

Übersicht

Von Augenblick zu Augenblick ist das Universum ein Ganzes. Irgendwie sind das Universum dieses und das des vorangegangenen Augenblicks sich zugleich sehr ähnlich und auch unterschiedlich: Ähnlich darin, dass der gegenwärtige Augenblick den vorangegangenen auf bedeutende Weise fortschreibt; und unterschiedlich, weil es auch erkennbar neu ist. Je mehr wir darüber nachdenken, umso mysteriöser wird die ganze Geschichte ...

Das Erbe der Vergangenheit ist eines der zentralen Themen unserer Betrachtung, denn es erweist sich als ein Schlüssel zu praktisch jedem Bereich menschlicher Betrachtungen. Doch es berührt ebenso die vielleicht wichtigste Frage im gesamten Bereich der Spiritualität.

Alle alten spirituellen Traditionen – vom Schamanismus zum Neoplatonismus zum christlichen Mystizismus zum Buddhismus – sagen, dass es – in Ergänzung zum physisch/physikalischen Bereich – höhere Reiche oder höhere Ebenen der Wirklichkeit gibt, und dass diese höheren Ebenen in gewisser Weise bereits existieren (z. B. als Platonsche Formen, Hegelsche Ideen, Aurobindos involutionär Angelegtes, Archetypen aller Arten oder als schamanische höhere und tiefere Welten). Für Aurobindo, um ein Beispiel zu geben, sind diese höheren Ebenen der Wirklichkeit durch die Involution angelegt und deshalb prä-existent in einem realen Sinn. Deshalb entfalten sich diese höheren Ebenen oder werden im Verlauf der Evolution manifest (so dass Evolution einfach das entfaltet, was die Involution eingefaltet oder hinterlegt hat). Doch alle modernen und postmodernen Strömungen leugnen das Vorhandensein höherer Bereiche – oder, mehr allgemein gesprochen, leugnen die Existenz jeglicher Art von prä-existierenden Gegebenheiten überhaupt (einschließlich aller Arten vorgegebener ontologischer Strukturen: Die Moderne leugnet höhere Strukturen, die Postmoderne bestreitet Strukturen insgesamt – egal wie, die Spiritualität ist aus dem Rennen). Spirituelle Traditionen bestehen hingegen darauf, dass Erlösung gewissermaßen eine Wiederentdeckung einer schon bestehenden Wirklichkeit ist. Die Postmoderne besteht darauf, dass nichts entdeckt, sondern alles konstruiert ist. Der ganze “Kampf” zwischen dem Alten und Modernen dreht sich um diese zentrale Thema: Gibt es ontologisch prä-existierende Ebenen oder Dimensionen der Wirklichkeit?

Wenn es je eine Spiritualität geben soll, die von der modernen und postmodernen Welt respektiert werden kann, dann muss sie einen Weg aufzeigen, wie diese beiden gegensätzlichen Ansprüche zu vereinen sind. Was wir brauchen, um es ganz direkt zu sagen, ist ein Weg, alle Grundlagen einer spirituellen Weltsicht abzuleiten – von Satori oder Erlösung als ein “Heimkommen” bis zur Existenz von Ebenen oder Wellen des Bewußtseins – doch ohne dabei prä-existierende Wirklichkeiten ontologisch zu fordern. Wenn wir das nicht schaffen, dann ist die Spiritualität für die moderne und postmoderne Welt intellektueller Seriosität gestorben.

Wir starten diesen Versuch zu einer post-metaphysischen Rekonstruktion spiritueller Traditionen mit dem prosaischen Punkt des Erbes der Vergangenheit ...

Kosmisches Karma in vier Dimensionen

Das Erbe der Vergangenheit: Es scheint, dass alle Holons, zu einem gewissen Grad, durch die vorangegangenen Holons beeinflußt werden (Ein Holon ist ein “Ganzes/Teil”, oder ein Ganzes, das wiederum Teil von anderen Ganzen ist: Ein ganzes Atom ist Teil eines ganzen Moleküls, das ein Teil einer ganzen Zelle ist, die wiederum Teil eines ganzen Organismus ist, usw. Der Kosmos ist grundsätzlich aus Holons zusammengesetzt, von ganz unten bis ganz oben. Und diese Holons scheinen alle eine Art Vergangenheit zu haben …). Das Universum dieses Augenblicks ist irgendwie anders als das Universum des vorhergehenden Augenblicks, doch beide haben einige Gemeinsamkeiten, nicht wahr?

Mit anderen Worten, dieser gegenwärtige Augenblick ist beides – ähnlich zum vorhergehenden Augenblick und doch irgendwie anders. Dieses Thema – die Verwandtschaft der Gegenwart mit der Vergangenheit – erweist sich als entscheidend wichtig, denn sie berührt jeden Aspekt unseres Lebens (psychologisch wie soziologisch wie spirituell). Es scheint, dass Vergangenheit-und-Gegenwart eine Art Erbschaft-mit-Neuerungen erschaffen, mit anderen Worten, der gegenwärtige Augenblick ist eine mysteriöse Mischung aus Karma und Kreativität. Dieses Karma-und-Kreativität scheint die tatsächliche Matrix unserer Wirklichkeit-von-Augenblick-zu-Augenblick zu sein, und unser Verständnis dieser Matrix wird ein entscheidender Beitrag zu unserem eigenen Selbstverständnis sein.

Wir beginnen mit dem besonderen Begriff des Karma oder dem Erbe der Vergangenheit. Nehmen wir dazu einfach an, dass der gegenwärtige Augenblick etwas von der Vergangenheit erbt und versuchen einige der Eigenschaften dieses Erbes herauszuheben, um zu zeigen, worum es dabei geht.

Dieses Erbe ist ganz sicher eine Vier-Quadranten-Angelegenheit – das heißt, alle vier Dimensionen von Holons übergeben ihre Gegenwart als Vergangenheit an die Zukunft. Die vier Quadranten sind vier der grundlegenden Arten, wie wir ein jedes Ereignis betrachten können: von innen oder von außen, in der Einzahl oder der Mehrzahl. Das zeigt uns das Innere und das Äußere des Individuellen und des Kollektiven. Diese vier Perspektiven sind keine willkürlichen Festlegungen. Sie sind ganz grundlegende Dimensionen, die im natürlichen Verlauf der Entwicklung als Pronomen Eingang in die Sprache gefunden haben. Diese eingebetteten Perspektiven zeigen sich als Pronomen der ersten, zweiten und dritten Person. So zeigt sich das Innere des Individuums als “Ich”, das Innere des Kollektiven als “Du/Wir”, das Äußere des Individuums als “Er/Sie/Es” und das Äußere des Kollektiven als “Sie”. Kurz: Ich, Wir, Es und Sie [als ein Es-im-Plural].

     

(Technisch ist das “Du” die zweite Person und “Wir” die erste Person Plural, doch ich schließe oft das “Wir” als Teil der “Du”-Dimension ein, denn, um dich als ein “Du” und nicht als ein “Es” zu behandeln, braucht es einen überlappenden Horizont gegenseitigen Verstehens oder ein ”Wir”. So benutze ich häufig “Du/Wir” als die allgemeine Perspektive der zweiten Person, deshalb sind die vier Grunddimensionen “Ich”, “Wir”, “Es” und „Sie“ oder das Innere und das Äußere des Individuellen und der Gemeinschaft).

 

Diese vier Perspektiven, eingebettet in praktisch alle Sprachen, scheinen vier Hauptdimensionen des In-der-Welt-seins zu repräsentieren. Es mag weitere geben, doch diese vier sind besonders grundlegend. (Zu einer ausführlichen Betrachtung der vier Quadranten siehe Eine kurze Geschichte des Kosmos.)

Die Idee also ist, dass das Erbe der Vergangenheit von allen vier Perspektiven her betrachtet werden kann – oder in allen vier Dimensionen des In-der-Welt-seins – wobei uns jede einen wichtigen Aspekt der Gesamtgleichung zeigt. Verschiedene Theoretiker haben überzeugende Erklärungen für einige dieser Dimensionen gegeben und deren Typen von karmischer Vererbung, doch wir wollen sie alle in einer integraleren Erklärung zusammenfassen. Einige dieser Typen von Erbschaft sind in Bild 1. “Das Erbe der Vergangenheit in allen vier Quadranten” gezeigt.

Whitehead zum Beispiel gab die klassische Erklärung dazu, wie das Innere individueller Holons als künftiges Erbe weitergereicht wird, nämlich durch Wahrnehmung (oder wahrnehmende Vereinigung). Jedes aktuelle Ereignis – oder jeder gegenwärtige Augenblick – um den es geht, tut zwei Dinge zugleich: Er nimmt (oder erfährt fühlend) seinen unmittelbaren Vorgänger wahr (d.h. der vorangegangene Augenblick berührt, nimmt wahr oder fühlt den unmittelbar vorangehenden Moment), so dass das Subjekt dieses Augenblicks das Objekt des Subjekts des nächsten Augenblicks wird. Das bedeutet, dass der gegenwärtige Moment zu Teilen durch die Natur seiner Vorgänger bestimmt ist: Er erhält eine vererbte Vergangenheit als einen Teil seines Fühlens in diesem Moment, ein Fühlen, das damit eine wahrnehmende Vereinigung allen Fühlens seiner Vorfahren ist, und dieses Erbe ist die Grundlage einer Art Kausalität, die von der Vergangenheit in die Gegenwart wirkt (d.h. ein kausales Erbe vergangener Objekte, die einst gegenwärtige Subjekte waren, oder ein Fühlen von Gefühltem). Doch zweitens fügt, nach Whitehead, der gegenwärtige Augenblick sein eigenes Moment kreativer Neuheit oder Entstehung hinzu – es fühlt sich nach etwas völlig Neuem an – und so transzendiert er auch die Vergangenheit in einem gewissen Maß. Auf diese Weise transzendiert und umschließt jeder Augenblick seine Vorgänger, eine Geschichte von Gefühlen (oder Objekten, die einst Subjekte waren) vererbend, doch ebenso eine nirgendwo in der Vergangenheit erkennbare kreative Neuerung hinzufügend, als eine schöpferische Neuerung, die dann selbst Teil eines geerbten Gefühls wird, das an die Zukunft weitergereicht wird, welche nun ebenso jenes Erbe transzendiert und umschließt.

Mit wenigen Einschränkungen stimme ich mit der generellen Whiteheadschen Sicht der Natur der Existenz von Augenblick zu Augenblick überein. Whitehead entdeckte den unausweichlichen Grund, warum der Kosmos seiner eigensten Natur nach holarchisch ist: Jeder Augenblick transzendiert und umschließt seine Vorgänger, die wahre Definition von Holarchie.

Doch wir fügen ein wichtiges Detail hinzu: Es ist eine Vier-Quadranten-Angelegenheit, den ganzen Weg hinab – eine Sicht, die wir auch quadra(n)tisch nennen. Das bedeutet, jedes Holon oder wirkliches Ereignis weist subjektive (Ich), intersubjektive (Wir), objektive (Es) und interobjektive Dimensionen (Sie oder Es-Plural) auf – die vier Quadranten. Whitehead beschreibt brillant die Von-Augenblick-zu-Augenblick-Manifestationen in den subjektiven und (bis zu einem gewissen Grad) intersubjektiven Dimensionen. Doch wir fügen sowohl ein nicht-wahrnehmendes Erbe in den objektiven und interobjektiven Dimensionen hinzu, als auch eine Erweiterung auf die intersubjektiven Bereiche, die bei Whitehead so nicht zu finden sind. David Ray Griffin, Whitehead's fähigster Interpret, schlug vor, Whitehead's Ansatz partiell dialogisch und den quadra(n)tischen Ansatz komplett dialogisch zu nennen, was sinnvoll ist. (siehe auch Do Critics Misrepresent My Position? Anhang A – My Critisism of Whitehead as True but Partial: The Move from Incomplete Dialogical View to an Integral/Quadratic Formulation auf der wilber.shambhala.com.)

Dennoch ist der entscheidende Punkt, dass Whitehead der Erste war, der die allgemeinen Eigenschaften der mikrogenetisch holarchischen Natur einer Von-Augenblick-zu-Augenblick-Existenz bemerkte, und daher sind wir mehr als froh, in dieser allgemeinen Hinsicht Whiteheadianer zu sein.

Bei den objektiven und interobjektiven Dimensionen eines kosmischen Erbes sollten wir uns jedoch bei Rupert Sheldrakes Ideen der morphischen Resonanz und der formgebenden Verursachung umschauen. Sheldrakes Arbeit ist, wie wir sehen werden, lediglich eine von vielen Arten erklärender Theorien der rechtsseitigen Quadranten, doch sie hat viel kritisches Lob bekommen und weist elegant auf einige der wichtigen Fragen hinsichtlich der Vererbung objektiver und interobjektiver Formen hin. Es ist wichtig zu erkennen, dass die Punkte, die wir in Bezug auf die Vererbung in den rechten Quadranten machen, auch ohne Bezug zu Sheldrake möglich sind. Die meisten Arten der Vererbung in den rechten Quadranten sind sehr einfache und nüchterne Angelegenheiten, zum Beispiel biologische und soziale Autopoiese, DNA-Replikation, Systemwartung, chaotische und seltsame Attraktoren, institutionalisierte Formen und Arten der Produktion und so weiter – gar nicht so weit hergeholtes Zeugs, wenigstens im Vergleich mit einigen von Sheldrakes Ideen. Doch Sheldrake hat einige der mehr esoterischen Aspekte der formgebenden Verursachung hervorgehoben, was die entscheidenden Punkte absolut offensichtlich macht, deshalb werden wir seine Beispiele als einige der zahllosen Beispiele für eine Vererbung in den rechtsseitigen Quadranten verwenden.

Was wir tun werden, ist eine Untersuchung der verschiedenen Theorien der Vererbung – also Theorien darüber, wie die Vergangenheit die Gegenwart beeinflusst (siehe Bild 1). Und weil wir im Zeitalter der Synthese keine gültige Perspektive oder Dimension unserer integralen Darstellung ausschließen wollen, werden wir versuchen, einen Überblick zu erstellen, der alle einschließt. Das führt uns zu der Zusammenfassung des Erbes der Vergangenheit in allen vier Quadranten oder einer quadra(n)tischen Darstellung kosmischen Karmas.

     

Eine kurze Zusammenfassung dessen, was wir finden werden, ist, dass jedes Holon mit seinem/seinen Vorgänger(n) wie folgt verwandt zu sein scheint:

1. Im oberen linken Quadranten ist jedes Holon eine wahrnehmende Vereinigung all seiner Vorgänger – ein Subjekt der Erfahrung, welches, im Ereignisablauf, das vorige Subjekt als Objekt des neuen Subjekts wahrnehmend umfasst. Das bedeutet, es fühlt das Innere seines Vorgängers: Es ist das Gefühl eines Gefühls, und so erbt es das gefühlte Gewahrsein des unmittelbar vorangegangenen Augenblicks eines gefühlten Gewahrseins – und wird zu einem gewissen Grad davon bestimmt – (als etwas, was sein Vorgänger fühlte, usw.). Das wird etwas trocken als “wahrnehmende Vereinigung“ beschrieben, doch was damit wirklich gemeint ist, ist, dass ich die Gefühle des vorherigen Augenblicks spüre, der wiederum die Gefühle des Augenblicks davor gefühlt hatte, so dass mein Erfahrung jetzt eine Kondensation des Fühlens der gesamten Geschichte des Kosmos in seiner subjektiven Dimensionalität ist (als eine Mikrogenese, welche die Kosmogenese rekapituliert).

Diese gegenwärtige Wahrnehmung vergangener Wahrnehmungen bildet eine unentrinnbare Kausalität, die von der Vergangenheit auf die Gegenwart ausgeübt wird (das war natürlich die Antwort Whiteheads auf Hume). Wenn Sie (oder irgendein Holon) diesen Moment fühlen können und dann wieder diesen (nächsten) Moment fühlen, dann ist da ein Grad an Kontinuität (und damit ein Grad an Kausalität) des vorangegangenen Augenblicks zu diesem Augenblick. Der vorhergehende Augenblick ist nun ein Teil der Gesamtheit dieses Augenblicks (z. B. wird die Gesamtheit eines Augenblicks ein Teil der Gesamtheit des nächsten, weshalb die Existenz von Augenblick zu Augenblick eine Holarchie von Holons ist – und das ist wahrnehmende Vereinigung: Jeder Augenblick ist ein Holon, das seine Vorgänger transzendiert und einschließt). Der „einschließende“ Aspekt erzeugt im gegenwärtigen Augenblick unentrinnbar einen gefühlten kausalen Einfluss aus der Vergangenheit. Um es kurz zu sagen, die Tatsache, dass ich den vorangegangen Moment fühlen kann, bedeutet, dass ich zu einem gewissen Grad durch diesen vorhergehenden Augenblick beeinflusst bin – die Gegenwart wird durch die Vergangenheit beeinflusst, weil ich es spüren kann.

Das ist also Karma, nicht wahr? Oder sicherlich ein Teil davon, in diesem Fall der Einfluss der gestrigen Gefühle auf die von heute. Dieses Erbe lässt sich wohl nicht schlüssig abstreiten. (Hume dachte, er hätte jede der logischen Abfolgen zerstört, doch alles, was er zerstörte, war der Versuch zu beweisen, dass die Muster von morgen dieselben wie die von heute sind; er hat nicht widerlegt, dass die Muster von heute denen von gestern ähneln. Tatsächlich flirtet Hume mit der Vorstellung, dass Kausalität wirklich etwas wie Gewohnheit sei, doch es war letztlich Charles Peirce, der als Erster klar herausgestellt hat, dass das, was wir Naturgesetze nennen, tatsächlich Gewohnheiten der Natur sind, ein Punkt, auf den wir in Kürze zurückkommen werden.)

Doch ich bin nicht bloß durch mein gefühltes Karma bestimmt; ich kann auch, zu einem gewissen Grad, die Vergangenheit durch meine eigene Kreativität transzendieren: Nur auf diesem Weg ist Freiheit zu einem gewissen Grad möglich. Es gibt nicht nur das Erbe der Vergangenheit, es gibt – in jedem Augenblick – auch einen Funken des Neuen, von etwas nie Dagewesenem. “Der kreative Fortschritt zum Neuen” hat Whitehead das genannt – und er hielt das für eine unvermeidliche Eigenschaft des Kosmos auf allen Stufen. (Für Whitehead ist Kreativität natürlich einfach ein in allem gegenwärtiger Funke von GEIST.) So erben wir also die Vergangenheit – oder schließen sie ein und umarmen sie mit unseren Gefühlen (und sind deshalb zu einem gewissen Grad von der Vergangenheit beeinflusst und geformt) – und gehen auch über die Vergangenheit hinaus mit dieser uns innewohnenden Fähigkeit jeden Augenblicks zum Neuen, zur Neuheit, zur Transzendenz, zu ein klein wenig Freiheit.

Diese subjektive oder wahrnehmende transzendierende Vererbung war eine von Whiteheads großen Entdeckungen.

Übrigens erklärt Whiteheads Analyse der Mikrostruktur aller subjektiven Ereignisse (z. B. wird das Subjekt eines Augenblicks das Objekt des Subjekts des nächsten Augenblicks oder ein Gefühl des Fühlens), warum wir dasselbe allgemeine Muster auch auf einer Makro-Skala erkennen, was bedeutet, dass psychologische Entwicklung durch ein Hauptmuster bestimmt wird: Das Subjekt einer Entwicklungsstufe wird ein Objekt des Subjekts auf der nächsten Stufe der Entwicklung. Whitehead bot, wie gesagt, einfach die infrastrukturelle Analyse, warum diese holarchische Entfaltung universell ist und dem Kosmos innewohnt.

2. Unten links: Gehen wir ein wenig über Whitehead hinaus und erkennen, dass jede Subjektivität in einem Meer von Intersubjektivität existiert, und dieses Meer hat ebenfalls karmischen Einfluss. Individuelle und gemeinschaftliche Holons nehmen ihre Vergangenheit wahr. Beide sind durch die Vergangenheit beeinflusst und gehen dann bis zu einem gewissen Grad darüber hinaus. Sie transzendieren und umschließen ihr vergangenes Spüren und die geteilten Werte mit Momenten kreativer Emergenz. Kurz gesagt: Kulturen haben ein Gedächtnis. ii (2)

Dieser kulturelle Hintergrund – der untere linke Quadrant – wird von Augenblick zu Augenblick von den Subjekten innerhalb des Horizontes der Gemeinschaft geerbt, nicht als separate Entität, sondern als eine Form oder ein Muster ihres gemeinschaftlichen Entstehens. Das meinen wir, wenn wir sagen, dass gemeinschaftliche Holons ihre Vergangenheit wahrnehmen können – oder vereinfacht von kulturellen und sozialen Erinnerungen sprechen: Es gibt Muster in Kultur und Gesellschaft, die sich in gewisser Weise wiederholen, der dauernde Einfluss der Vergangenheit, die einst gegenwärtig war, auf die Gegenwart, als ein Weiterreichen kosmischer Gewohnheit. iii (3) Im unteren linken Quadranten beziehen wir uns auf kulturelle Erinnerungen, als reflexive und prä-reflexive Bedeutungshintergründe, gemeinschaftliche Gefühle und wechselseitige Wahrnehmungen (oder intersubjektives Erbe), und im unteren rechten Quadranten beziehen wir uns auf soziale oder Systemerinnerungen, welche interobjektive Muster der Aufrechterhaltung von Systemen und ökologischer Reproduktion sind. Die Erklärung, wie solche sozio-kulturellen Muster sich selbst reproduzieren, ist die primäre Aufgabe aller Sozialtheorien, von sozialer Autopoiese bis hin zur ökologischen Nachhaltigkeit.

Doch lassen Sie uns nicht die Tatsache übersehen, dass jedes Holon transzendiert und umschließt: Jedes Holon in einer bestimmten Kultur kann, bis zu einem gewissen Grad, diese Kultur transzendieren. Mit Bezug zum kulturellen Hintergrund können die kumulierten Momente kreativer Neuheit in der Subjektivität möglicherweise die Form der Intersubjektivität selbst verändern (wir sagen, dass die Quadranten zusammen erscheinen und tetra-evolvieren, oder dass sie „tetra-interagieren“). Doch generell ist hierbei zu sagen, dass kulturelle Holons eine Vergangenheit haben, eine karmische Erbschaft und dass dieses Erbe der Intersubjektivität (oder das Erbe der wechselseitigen Wahrnehmung durch die Mitglieder der Kultur) ein wichtiger Teil des kosmischen Karmas ist.

Wenn Bourdieu über den Habitus einer Kultur schreibt, wenn Heidegger die kulturelle Interpretation des Seins, eingebettet in die Geschichtlichkeit, beschreibt, wenn Gebser die wesentlichen Rahmen von Interpretation (magisch, mythisch, mental, integral) heraushebt, die verschiedene Kulturen im Laufe der Zeit ererbt haben, wenn Gadamer auf die unverzichtbare Bedeutung von Solidarität im Entstehen wechselseitigen Verstehens eingeht – in all diesen Fällen wird ein kulturelles Vererben beschrieben – das kollektive Fühlen (oder die wechselseitigen Wahrnehmung) des unteren linken Quadranten, wie es sich als eine kosmische Gewohnheit fortträgt, die alle Individuen beeinflusst, die zu diesen Kulturen gehören. Wir werden auf diese entscheidende Idee eines kulturellen Hintergrundes – und auf sein Vererben (und Transzendenz) – im Laufe dieser Darstellung noch zurückkommen. Sie ist so wichtig, besonders für die Einbindung des postmodernen Moments in unserer integralen Darstellung, dass wir ihr einen ganzen Abschnitt widmen werden: Exzerpt B. Doch lassen Sie uns zunächst unsere schnelle Untersuchung mit einen Blick auf die Vererbung in den verbleibenden Quadranten beenden:

3. und 4. – Vererbung oben rechts und unten rechts

Dies ist ein kurzer Abriss des subjektiven und intersubjektiven Erbes, der Mittel, mit denen die gefühlten Dimensionen des Kosmos sich selbst von Augenblick zu Augenblick reproduzieren, sich dabei stets kreative Entwicklung erlaubend (die dann selbst ein Teil des Erbes wird, das künftige Holons transzendieren und umschließen).

Jedes Holon hat jedoch auch objektive und interobjektive Dimensionen. Das heißt, es gibt objektive Entsprechungen individueller und kultureller Wahrnehmungen. Eine Version dieses Erbes externer Realitäten wird uns von Rupert Sheldrake angeboten. Wir fassen Sheldrakes allgemeine Theorien wie folgt kurz zusammen:

Jedes Holon – betrachtet aus einer externen Perspektive einer dritten Person (und nicht der Wahrnehmung einer ersten Person (OL) oder der gegenseitigen Wahrnehmung einer zweiten Person (UL) – erscheint als eine morphische Einheit mit einem morphischen Feld. Die morphische Einheit bedeutet ein stabiles Muster, eine Struktur oder Form des Holons, und das morphische Feld bezieht sich auf die verschiedenen Felder, die diese Einheit umgeben (was im Folgenden erklärt wird). Ich stimme Sheldrake in dieser grundsätzlichen Frage zu, solange wir uns daran erinnern, dass sich diese Bezeichnungen auf ein Holon bezieht, das in der dritten Person Singular betrachtet wird, d.h. ausschließlich im oberen rechten Quadranten. In dieser Dimension ist es wahr, dass – wie Sheldrake es formuliert – “morphische Felder mit Holons auf allen Ebenen der Komplexität verbunden sind”. Und Holons, so stellt Sheldrake richtig fest, “sind in geschachtelten Hierarchien oder Holarchien angeordnet.” iv (4)

Sheldrake verwendet oft die Analogie zu einer schwingenden Saite: Wenn man zwei Klaviere aneinander stellt und die Note C auf einem anschlägt, beginnt die entsprechende Saite auf dem zweiten Klavier mit zu schwingen. Dieses Mitschwingen wird als morphische Resonanz bezeichnet, und dass die eine Saite die andere zum Mitschwingen anregt, ist eine Analogie zur formgebenden Verursachung (weil die Form oder das Muster der einen Saite dieselbe Form oder dasselbe Muster der anderen Saite hervorruft).

Eine morphische Einheit oder ein morphisches Feld ist demnach ein Aspekt (oder eine Art der Betrachtung) der Oben-Rechts-Dimension eine Holons. Jedes Holon nimmt subjektiv sein vorheriges Fühlen (OL) wahr – und wird so durch einen Teil seines vergangenen Fühlens bestimmt – und entsprechend ist die äußere Form des Holons (OR) in Resonanz mit seiner vorherigen Form. Deshalb ist die gegenwärtige Form zu einem gewissen Grad durch die vorherige Form seiner eigenen Manifestation bestimmt: Das ist morphische Resonanz und formgebende Verursachung bei einem Individuum.

Neben anderen Dingen ist also das, was im oberen linken Quadranten als wahrnehmende Vereinigung erscheint, im oberen rechten als individuelle formgebende Verursachung von Augenblick-zu-Augenblick erkennbar. Und so wie die subjektive Wahrnehmung (OL) mit Feldern einer gefühlten Intersubjektivität (UL) verbunden ist, so sind die individuellen objektiven Formen (OR) verbunden mit den Feldern der Interobjektivität (UR) – d.h. beide, individuelle und soziale Holons, haben morphische Felder (und alle tetra-erscheinen und tetra-evolvieren im AQAL-Raum). v (5) Wir werden auf die kollektiven Formen gleich zurückkommen.

Ein morphisches Feld wird manchmal auch als morphogenetisches Feld bezeichnet. “Morphogenetisch” bedeutet ein “entwicklungsmäßiger Groove” – und das bedeutet wiederum eine “strukturelle oder formale” (morphische) “Erschaffung oder Entwicklung” (genetisch). “Morphogenetisches Feld” ist ein Begriff, der häufig in der Biologie (z.B. bei Waddington) verwendet wird, zur Beschreibung der Muster, welche die Entwicklung biologischer Formen und Strukturen steuern, doch Sheldrakes Aussage ist (und da stimme ich zu), dass alle Holons (oder morphische Einheiten) morphogenetische Felder haben, weshalb er die Begriffe “morphogenetische Felder” und “morphische Felder” austauschbar verwendet.

Was meint also Sheldrake mit den morphischen Feldern (und der dazugehörigen Vorstellung einer strukturellen oder formgebenden Verursachung)? Hier ist ein typisches Beispiel: Wie Sheldrake zeigt, hätten sich komplexe Proteinmoleküle bei ihrem ersten Auftauchen in einer ganzen Reihe äquivalenter Formen oder struktureller Muster zusammensetzen können. Es gibt keine bekannten physikalischen Gesetze, die erzwingen, dass nur einige wenige der möglichen Formen entstehen dürfen. Doch als sich eine ausreichende Anzahl von Molekülen in einer bestimmten Form gebildet hatten, bildeten sich auch alle folgenden Moleküle, sogar zu anderer Zeit und an anderem Ort, in derselben Form. Sheldrake führte die strukturelle oder formgebende Verursachung ein, um dieses empirische Faktum zu beschreiben, das sonst durch kein bekanntes physikalisches Gesetz zu begründen war. Sobald sich ein Molekül (oder irgendein Holon) in ein Muster oder eine Form gestaltet, scheint diese Form eine Art von Einfluss auf alle vergleichbaren Formen auszuüben – dies ist formgebende Verursachung, als der Einfluss eines morphischen Feldes auf ähnliche morphische Felder (“morphische Resonanz”).

Sheldrake führt viele Beispiele zu morphogenetischen Feldern auf, welche die nachfolgende Entwicklung individueller morphischer Formen leiten. Sobald irgendwo in der Welt eine komplizierte Aufgabe erledigt wurde – von der Kristallisation komplexer Moleküle über Ratten, die sich in einem Labyrinth zurechtfinden bis hin zur Erzeugung linguistischer Wörter – kann dieselbe Aufgabe überall in der Welt einfacher wiederholt werden (wie schon durch eine Vielzahl empirischer Studien gezeigt wurde). Das stimmt mit dem überein, was wir beim Auftreten psychologischer Formen sehen können: Sobald sich z.B. im Verlauf der Geschichte das rote Mem irgendwo in der Welt entwickelt hatte, konnte es leichter überall sonst auf der Welt auftauchen. Eine schwierige, neue, kreative Entwicklung hat sich in eine kosmische Gewohnheit verwandelt, die nun nachfolgenden Holons zur Verfügung steht.

An der Vererbung von Formen wurde schon ausführlich gearbeitet. Brian Goodwin zum Beispiel zeigt in so wichtigen Büchern, wie Wie der Leopard zu seinen Punkten kam und Zeichen des Lebens, dass viele Prozesse in der Natur durch komplexe Dynamiken in eine sehr spezifische Form gebracht werden. Bei über 250.000 Spezies höherer Pflanzen finden sich nur drei grundlegende Verteilungen von Blättern um die Stängel. Die Knochenstruktur von Tatzen, Händen und Flossen hat ähnliche Formen bei allen Wirbeltieren. Mit anderen Worten: Es sind nur bestimmte Formen für Holons einer gegebenen Klasse verfügbar und diese tief eingeprägten Formen sind ein Produkt früherer Erbschaften, die – als kosmische Gewohnheiten – sich wie dynamische Attraktoren (seltsam, chaotisch, usw.) verhalten und die Typen von Formen, die im interobjektiven Raum auftreten können, streng begrenzen, obwohl nichts in diesen Formen selbst diese Grenzen notwendig macht.

Sheldrake behauptet lediglich, dass diese Muster oder Tiefenstrukturen ererbt sind. Er sagt, dass die generelle Struktur oder Form eines Moleküls kollektiv ererbt ist. Er sagt nicht, dass das Verhalten eines Moleküls kollektiv ererbt sei. Das heißt, die generelle Form eines Holons ist kollektives Erbe, doch kein Verhalten oder ein Inhalt dieser Form. Das ist ein Beispiel für ein sehr verbreitetes Musters, dem wir oft begegnen: Verschiedenen Tiefenmerkmale (in allen vier Quadranten) sind ein kollektives Erbe, jedoch nicht ihre Oberflächenmerkmale. vi (6) Wie wir sehen werden, bedeutet das, dass die Tiefenmerkmale oder kosmischen Gewohnheiten des Universums lediglich Wahrscheinlichkeitswellen dafür sind, einen besonderen Erscheinungstyp in einer besonderen Raumzeit-Region vorzufinden. Wir werden auf dieses wichtige Thema nochmals im Teil II (s.u.) zurückkommen.

Auch wenn wir gelegentlich mit “morphogenetischen Feldern” ein Tiefenmerkmal in den Wellen in einem beliebigen Quadranten bezeichnen (innen oder außen), muss wiederholt werden, dass – technisch ausgedrückt – ein morphogenetisches Feld (oder morphisches Feld) eine äußerliche Beschreibung von Holons ist, keine innerliche. Wenn Sie subjektive oder intersubjektive Realitäten erfahren, dann sagen Sie niemals “Ich spüre ein hübsches morphogenetisches Feld.” Die eigentlichen Realitäten der linksseitigen Quadranten sind unmittelbare Gefühle, Sehnsüchte, Impulse, Bilder, Wahrnehmungen, Werte und gegenseitiges Verstehen, ausgedrückt in Perspektiven einer ersten Person (“Ich”) und einer zweiten Person (“Du/Wir”). Schauen wir von außen auf diese Phänomene, in der Perspektive einer dritten Person (Es/Sie”), dann sehen wir externe Formen, morphische Einheiten, morphogenetische Felder, Tiefenstrukturen, soziale Systeme, das ökologische Netz des Lebens und so weiter. Es ist äußerst wichtig, äußerliche Beschreibungen (z. B. morphische Felder) nicht mit konkreten innerlichen Wirklichkeiten (Gefühle, Wahrnehmungen, usw.) zu verwechseln. Diese haben alle ihren Platz in der AQAL-Matrix, doch keine von ihnen kann reduziert werden auf die anderen, oder vollständig beschrieben werden durch sie.

Im unteren rechten Quadranten gibt es zahllose kollektive Felder und Systeme von morphischen Einheiten. Diese interobjektiven Felder sind die Entsprechungen von intersubjektiven Gefühlen und Werten. Das heißt, wenn Sie sich die gemeinschaftliche Existenz beliebiger Holons von außen ansehen, in einer Perspektive einer der dritten Person, dann können Sie verschiedenste Formen, Strukturen, Systeme, Interaktionsmuster und kollektive morphogenetische Felder unterscheiden, doch schauen Sie sich diese äußerlichen kollektiven Formen von innen her an, in einer gemeinschaftlich untersuchenden und teilhabenden Perspektive einer zweiten Person, dann werden Sie keine Strukturen oder Felder oder Systeme finden, sondern gegenseitige Gefühle, gemeinsame Werte, lebendige Erfahrungen und so weiter – die alle nur adäquat beschrieben werden können durch eine Perspektive einer ersten und zweiten Person. (siehe dazu auch weiter unten zu den Begriffen quadra(n)tischer Methodologie oder integraler methodologischer Pluralismus).

Doch bleiben wir bei den objektiven und interobjektiven Dimensionen (die als einzige adäquat von Sheldrakes Theorien angesprochen werden). Wie alle anderen Entwicklungs-Grooves in allen Quadranten entwickelten sich diese interobjektiven Felder zuerst bis zu einem gewissen Grad als kreative Neuheit, sind aber nun ererbte Formen, die einzuschließen sind (selbst als transzendierte Formen). Diese Formen, steuern die Arten von Äußerem, die sich unter ihrem Einfluss entwickeln können (ebenso wie der intersubjektive Kontext die Arten von Subjektivität formt, zur Herstellung eines Tetra-Zusammenhangs).

Das also haben wir: Im oberen rechten Quadranten gibt es verschiedenste morphische Einheiten (mit ihren zugehörigen morphischen Feldern) – wie Quarks, Atome, Moleküle, Zellen, Organismen und so weiter). Diese werden erkennbar beim Blick auf ein individuelles Holon von außen in der Perspektive einer dritten Person. Mit anderen Worten: Diese morphischen Einheiten sind die objektiven Strukturen oder äußerlichen Formen der subjektiven Gefühle oder Wahrnehmungen der Holons, die ihrerseits nur von innen her gesehen oder gespürt werden können (was oben links entspricht). So ist die äußerliche Form ein Atom, das Innerliche ist Wahrnehmung; die äußerliche Form ist Zelle, das Innerliche ist Reizbarkeit; die äußerliche Form ist Pflanze, das Innerliche ist sensorisch; die äußerliche Form ist ein Tier mit einem neuralem Netz, das Innerliche ist Empfindung; die äußerliche Form ist ein Tier mit Stammhirn, das Innerliche ist Impuls; die äußerliche Form ist ein Tier mit limbischem System, das Innerliche ist Gefühl und so weiter. Innere Gefühle sind durch wahrnehmende Vereinigung ererbt, äußere Formen durch morphische Resonanz und formgebende Verursachung (unter anderem).

Zudem existiert beides, das Innerliche und das Äußerliche, in individuellen und kollektiven Varianten. Kurz, es gibt individuelle Wahrnehmung (OL) und kollektive Wahrnehmung (UL), ebenso wie individuelle morphogenetische Felder (OR) und kollektive morphogenetische Felder (UR).

Was Sheldrake uns anbietet, ist eine wundervolle Beschreibung der Vererbung von Strukturen oder Formen in den rechten Quadranten. Das bedeutet, Sheldrakes formgebende Verursachung bezieht sich auf das Erbe verschiedenster Strukturen oder Formen, die sich zuerst teilweise als kreative Neuheit entwickelten, nun aber zu kosmischen Gewohnheiten geworden sind, die durch nachfolgende Formen vererbt wurden – und diese sind genau die objektiven Entsprechungen von Whiteheads subjektiven Vererbungen von Wahrnehmungen. Mit anderen Worten, alle vier Quadranten erben ihre Vergangenheit und fügen dann ein Moment der Kreativität hinzu, das die Vergangenheit zu einem gewissen Grad transzendiert.

Also scheint es so, dass alle Holons ein vierdimensionales Erbe oder ein karmisches Überbleibsel haben, das die unvermeidbare Grundlage bildet, von der aus jeder gegenwärtige Augenblick ausgehen muss. Die vorangehende AQAL-Matrix kann zu einem gewissen Grad transzendiert werden, doch sie muss ebenso auch einbezogen werden, oder die Gegenwart erleidet eine Trennung und Unterdrückung ihres eigenen Gestern. Die typische postmoderne Sicht, dass Geschichte lediglich eine Reihe kompletter Brüche ohne Kontinuität sei, könnte tatsächlich die Beschreibung der eigenen dissoziativen Pathologie des Postmodernismus sein, aufgeplustert zu ontologischen Gegebenheiten. Jedenfalls übersieht die Mehrheit des Postmodernismus die brillanten Einsichten von Whitehead dazu, was in einem Augenblick geschehen muss, damit er in den nächsten übergehen kann. Es gibt nicht einfach nur Brüche, sondern Einbeziehung-mit-einigen-Brüchen, und der Einbeziehungsteil baut eine Holarchie in diesen und jeden weiteren Augenblick. Sheldrake ignoriert jedenfalls nicht diese wichtige Einbeziehung oder das Erbe der Vergangenheit, und er versucht die Existenz einiger der objektiven Formen und Tiefenstrukturen zu erklären.

Zusammenfassung Teil I

Bisher haben wir eine kurze Einführung in vier der grundlegenden Dimensionen des In-der-Welt-seins gegeben – den oberen linken Quadranten: subjektiv (Intentionalität; erste Person Singular), den oberen rechten Quadranten: objektiv (Verhalten; dritte Person Singular), den linken unteren Quadranten: intersubjektiv (Kultur; zweite Person und erste Person Plural) und den unteren rechten Quadranten: interobjektiv (Sozialsystem; dritte Person Plural).

Wir haben angemerkt, dass alle diese Dimensionen des In-der-Welt-seins Aspekte haben, die dauerhaft zu sein scheinen und andere Aspekte, die neu erscheinen – was wir als Karma und Kreativität bezeichnet haben. Die dauerhaften Aspekte kosmischen Erbes bezeichneten wir auch als kosmische Gewohnheiten, welche keine vorgegebenen Wirklichkeiten sind (archetypisch, platonisch, hegelianisch oder aurobindianisch), sondern vielmehr kosmische Muster und Routinen, die durch hinreichend viele Holons wiederholt wurden, so dass sie in den Kosmos eingebettet sind und von nun an weitergetragen werden, entweder als dauerhafte physikalische Muster oder selbstorganisierende autopoietische Einheiten der einen oder anderen Weise. Wir haben mehrere Beispiele karmischen Erbes aus allen vier Quadranten gegeben, wie subjektive Wahrnehmung (OL), intersubjektive Erbschaft und kulturelle Erinnerung (UL), organismische Autopoiesis und individuelle morphische Resonanz (OR), System-Erinnerung und interobjektive formgebende Verursachung (UR). Dies sind nur einige der verfügbaren Typen karmischen Erbes, doch sie reichen aus, um einige der wichtigen Faktoren kosmischer Gewohnheiten zu zeigen und die entscheidenden Dimensionen aller Holons, die erhalten und weitergetragen werden (selbst, wenn die kreativen Aspekte des Kosmos fortwährend Neuheit und Transzendenz hinzufügen). Unnötig zu erwähnen, dass jede wahrhaft integrale Beschreibung des Kosmos mit all diesen lebendigen Wirklichkeiten in Kontakt sein muss.

Dies ist besonders wichtig, weil jede dieser vier Dimensionen unterschiedliche Methodologien von Entdeckung und Hervorbringung hat. Wie wir noch sehen werden: Empirismus und Behaviourismus haben primär mit dem oberen rechten Quadranten zu tun, Introspektion und Phänomenologie haben einen Schwerpunkt im oberen linken Quadranten, Hermeneutik und gemeinschaftliche Untersuchung beziehen sich auf den unteren linken Quadranten und die ökologischen Wissenschaften, Struktur-Funktionalismus und Systemtheorie haben primär mit dem unteren rechten Quadranten zu tun. Natürlich sind viel mehr Arten von Untersuchungen verfügbar, doch die genannten heben einige der historisch Wichtigeren hervor.

All diese unterschiedlichen Methodologien sind nicht bloß als historische Spuren wichtig; sie sind alle entscheidende Bestandteile dessen, was als Integrales Betriebssystem (IBS, eng. IOS = Integral Operating System) bezeichnet wird – ein integraler methodologischer Pluralismus, der mit allem in Kontakt ist, in dem Versuch sich selbst endlos dem kreativen selbst-enthüllenden und selbst-hervorbringendem Kosmos zu öffnen: Alle Gefühle zu fühlen, alle Wahrnehmungen wahrzunehmen, wenn das Selbst bis zur Unendlichkeit fühlt und wieder zurück, niemals festgelegt, sondern sich in jedem Augenblick unablässig verändernd, eine offene Freiheit, sich durch die AQAL-Matrix hindurchbewegend und bis zur Unendlichkeit darüber hinausreichend. Sobald ein Mensch das Integrale Betriebssystem herunterlädt und als seine eigene Weltsicht installiert, beginnt er viel bewusster zu versuchen, alle Sichten, alle Ansätze, alle Potentiale in einem Schwung des Kosmos aufzunehmen. Das Integrale Betriebssystem stellt eine selbst-korrigierende und selbst-organisierende Verbindung zu allen Aspekten des Universums her, die zuvor von zu engen, zu seichten und zu selbstbezogenen Weltsichten an den Rand gedrängt wurden, um sie zu transparenteren Mitteln eines kosmischen Bewusstseins zu machen.

In dieser Zeit, wo der Schwerpunkt der kulturellen Elite vom grünen Pluralismus zum gelben Integralismus umzuschwenken beginnt, sucht die akademische Avantgarde verstärkt und aktiv verschiedene Arten von integralen Betriebssystemen; integrale Theorien und Praktiken aller Arten treten vorsichtig hervor. In der Tat treten wir in ein integrales Zeitalter als Avantgarde ein. Was das genau bedeutet, wird sich zeigen, denn das integrale Zeitalter beginnt erst vage am kulturellen Horizont zu dämmern, genau dort draußen in dem sich langsam auflösenden Nebel des dunstigen Morgen ...

Um jegliche Art integralen Verständnisses zu unterstützen, das in der Lage ist, sich autopoietisch zu reproduzieren und deshalb weitergetragen wird als dauerhafte Einsicht des Kosmos in sich selbst, scheint es so, dass wir – neben vielen anderen Dingen – zwischenzeitlich einen Weg zur Interpretation der kosmischen Gewohnheiten brauchen, der sich nicht auf aus der Mode gekommene und diskreditierte metaphysische Postulate stützt (wie prä-existenten ontologischen Ebenen oder Strukturen der Wirklichkeit, Archetypen als festgefügte und vorgegebene Formen, Involution als vorgezeichneten Pfad, Phänomene als unabhängig von den sie wahrnehmenden Subjekten existierend, usw.). Gelingt uns das nicht, wird jedes Integrale Betriebssystem mit aus der Mode gekommenen kosmischen Gewohnheiten belastet sein, die nun die Neu-Entwicklung von integraleren Möglichkeiten in einer kreativ sich entfaltenden AQAL-Matrix verhindern. Kurz gesagt wird der nächste Schritt in eine integrale Post-Metaphysik die prä-existierenden ontologischen Strukturen ersetzen durch … ja, wodurch eigentlich?

Teil II: Kosmische Gewohnheiten als Wahrscheinlichkeitswellen

Prolog

Lassen Sie uns mit einigen Beispielen kosmischen Erbes beginnen, so wie es sich in menschlichen Holons darstellt. Die allgemeine These dabei ist natürlich die, dass bestimmte individuelle und kollektive Wahrnehmungen und Formen (in allen Quadranten) zu einem gewissen Grad vererbt worden sind. Das bedeutet, dass beispielsweise alle Wellen bis hin zur aktuellen Spitze der Entwicklung (was für Menschen grob bis etwa zur grünen Welle bedeutet), als morphogenetische Grooves und kontextuelle Felder ererbt worden sind. Sie traten ursprünglich zum Teil als kreative Neuerungen an der Spitze der Entwicklung hervor, verfestigten sich dann aber zu kosmischen Gewohnheiten und bilden so einen Teil der Bausteine zukünftiger Ereignisse.

Je älter ein Mem ist, desto gefestigter ist natürlich auch die kosmische Gewohnheit, zu der es geworden ist. So ist das grundlegende Kennzeichen von Beige, der sensomotorschen Welle, auf der ganzen Welt gleich. Alle Menschen brauchen – ohne Ausnahme – Nahrung, Wasser, Wärme und ein Dach über dem Kopf. Purpur gibt es seit mindestens 30.000 Jahren; Rot seit mindestens 10.000 Jahren; Blau seit etwa 3.000 Jahren. Somit gibt es – relativ gesehen – sehr wenig Spielraum in ihren Tiefenmerkmalen: Sie sind zu morphogenetischen Grooves starker, habitueller Verhaltensmustern geworden, die fast nicht mehr verändert werden können (obwohl sie ursprünglich zum Teil als kreative Freiräume auftraten). Orange ist zwar erst 300 Jahre alt, aber die meisten seiner Formen scheinen sich bereits verfestigt zu haben. Grün jedoch ist erst ungefähr 30 Jahre alt (auf jeder erdenklichen kollektiven Skala), so dass Grün in seinen Strukturen noch über einigen Spielraum verfügt. Es ist noch keine völlig gefestigte Gewohnheit geworden. Die aktuelle Spitze der Entwicklung bewegt sich im gelben Bereich, was bedeutet, dass ein jeder von Ihnen, der integrale Ideen und Praktiken als Pionier lebt, somit die kosmischen Gewohnheiten schafft, die zukünftige Generationen ererben werden, auch wenn sich künftige Generationen über Gelb hinaus entwickeln werden.

(Eine Anmerkung zum Gebrauch von Spiral Dynamics: Wie viele von Ihnen wissen, ist Spiral Dynamics ein spezielles Modell psychologischer Entwicklung, das auf der Arbeit des bahnbrechenden Entwicklungsforscher Clare Graves beruht. Graves Modell basiert auf der Entwicklungslinie der Werte, weshalb sich Spiral Dynamics auf wMeme, als Kurzform für „Werte-Meme“, bezieht. Für die integrale Psychologie ist die Wertelinie eine von etwa zwei Dutzend gleichermaßen bedeutenden Entwicklungslinien oder Strömen der Bewusstseinsevolution. Was wir dabei natürlich vermeiden wollen, ist jegliche Art von „Linienabsolutismus“, ebenso wie wir Quadranten-Absolutismus, Zustands-Absolutismus oder Typen-Absolutismen vermeiden wollen [siehe dazu auch Exzerpt C]. Dennoch liegt der große Vorteil der Graves’schen Wertelinie darin, dass sie leicht zu verstehen ist, über eine beachtliche Menge empirischer Belege verfügt und sich mit einem der wichtigsten menschlichen Motivationsfaktoren beschäftigt. Sie stellt einen sehr einfachen Überblick und ein Beispiel der menschlichen Entwicklung dar. Aber natürlich können meine Hauptpunkte anhand jeder gültigen Entwicklungslinie aufgezeigt werden (siehe auch Integrale Psychologie zur ausführlichen Besprechung des Themas; siehe auch Ganzheitlich Handeln für eine kurze Einführung zu Spiral Dynamics [und die Einführung zum Band 7 der Collected Works]. Zu Don Becks wichtigen Erweiterungen der Spiral Dynamics zu Spiral Dynamics Integral siehe auch www.spiraldynamics.net.)

Wie bereits gesagt, bewegt sich die aktuelle Spitze der Entwicklung in Gelb – als die schäumende, chaotische und unbändig kreative Spitze der Entwicklung des sich entfaltenden Bewusstseins und der Evolution, noch etwas roh und provisorisch in ihren sich erst seit Kurzem abzeichnenden Konturen, die noch weit entfernt sind von gefestigten Gewohnheiten. Deshalb wollen wir heute, jetzt in diesem Augenblick, versuchen, einen so gesunden gelben Groove wie nur irgend möglich anzulegen, weil wir damit morphische Felder in allen nachfolgenden kosmischen Erinnerungen schaffen. Wenn eine bestimmte Welle aufgrund unterschiedlicher Arten von Störungen im AQAL-Raum deformiert, verzerrt, fragmentiert oder pathologisch verändert auftaucht, dann wird diese ungesunde Form in die Zukunft vererbt werden, und das mit schlimmen Folgen.

Natürlich gilt für alle nachfolgenden Wellen ein "Transzendieren und Bewahren" Daher können nachfolgende Wellen zu einem gewissen Grad die früheren Pathologien transzendieren und korrigieren – aber um welchen Preis! Das ist auf eine Weise mit Orange geschehen: Das großartige Auftauchen der orangen Welle im Zeitalter der Aufklärung wurde schnell zur einer Flachland-Version verzerrt, und somit haben wir, die heute Lebendenden, diese verzerrte kosmischen Gewohnheit unweigerlich geerbt – als eine Dissoziation der Werte-Sphären anstelle ihrer Unterscheidung – eine pathologische kosmische Gewohnheit, eine Entzauberung der Welt, die zu heilen der Postmodernismus angetreten ist, leider mit gemischtem Erfolg. Das große Potential des grünen Mem, das den Postmodernismus als Vehikel wählte, scheint bereits zu einem gewissen Grad bei seinem Auftreten von der modernen Flachland-Pathologie korrumpiert worden zu sein: als eine tief verwurzelte Flachland-Gewohnheit, der Grün nicht nur erlag, sondern sie sogar verherrlichte und vergrößerte, den Schierling trank und ihn guten Wein nannte. Das grüne Mem trat, praktisch von Beginn an, als eine pathologische oder missgebildete Version auf (gefangen in den morphogenetischen Störungen, die von der orangen Flachland-Verzerrung in der AQAL-Matrix verursacht wurden). Diese pathologische Flachland-Version von Grün nennen wir, wegen ihrer Nähe zu Trends wie einer politischen Korrektheit das “Gemeine Grüne Mem". Dieses GGM hat sich in den letzten drei Jahrzehnten als ein starrer und unnachgiebiger morphogenetischer Groove festgesetzt, und alle diejenigen, die versuchten, sich über Orange hinaus zu entwickeln, wurden in das Gefängnis eines Flachland-Pluralismus geworfen.

Nichtsdestotrotz, obwohl das grüne Mem, GGM und Boomeritis erst 30 Jahre alt sind, haben sich ihre morphogenetischen Furchen bisher erst leicht in die kosmische Erinnerung gegraben, und deshalb könnten gemeinsame Anstrengungen von gesundem Grün und gesundem Gelb das Blatt noch wenden und der Zukunft das große Potential der gesunden grünen Welle hinterlassen, als eine kosmische Gewohnheit, auf die sich alle zukünftigen Generationen als Fundament einer liebevolleren, einfühlsameren und wirklich mitfühlenden Welt stützen könnten, statt einer Welt, die von der Gedankenpolizei, grünen Inquisitoren und der einen oder anderen, als Pluralismus getarnten Brutalität dominiert wird: Barbarentum mit einem Smiley-Gesicht.

(Natürlich werden in fünfzigtausend Jahren Grün und Gelb fast genauso festgelegt sein, wie es Rot oder Blau heute sind. Dann werden Teenager sich möglicherweise mit Türkis auseinandersetzen und nicht wie heute mit Orange; Orange werden sie dann bereits im Alter von 8 oder 9 Jahren mit einem müden Gähnen überwunden haben. Und die Spitze der Entwicklung wird dann möglicherweise im Bereich von Koralle/des Übersinnlichen liegen, dessen unermessliche, ungeformten Potentiale sich herauskristallisieren und ihre, vom AQAL-Raum durch zukünftige und noch nicht festgelegte Parameter geprägte Form annehmen werden, um dann zum Teil als kreative Neuerung aufzutauchen, bevor sie zu vorgegebenen Regeln werden. Gerade deshalb lohnt es sich heute, sich auf die zwei Wellen zu konzentrieren, die den Scheitelpunkt des momentanen kosmischen Geschehens darstellen – Grün und Gelb – und zu versuchen, so gut wir es nur können, unseren Beitrag zu ihren gesunden Versionen beizusteuern, als ein Geschenk an die Zukunft....)

Kurz gesagt liegt die kreative Neuerung an der Spitze der Entwicklung in der heutigen Welt etwa bei Gelb, was bedeutet, dass die Tiefenmerkmale der Meme von Beige bis zum beginnenden Grün bereits als kosmische Regeln festgelegt worden sind, und je früher das Mem aufgetaucht ist, desto gefestigter und festgelegter ist es. vii (7) Somit sind heutzutage die Tiefenmerkmale der Meme bis hin zu Grün relativ gefestigt und “vorgegeben”, aber nicht etwa durch zeitlose Archetypen, sondern durch wahrnehmende Vereinigungen und morphische Resonanzen vergangener, kreativer Neuerungen, die mittlerweile zu gefestigten Regeln und Gewohnheiten geworden sind.

Wahrscheinlichkeitsraum in der AQAL-Matrix

Da "Postmodernismus" oft "Post-Strukturalismus" bedeutete, verstehen Laien häufig nicht, was eine "Struktur" nun genau ist (bzw. nicht ist). Unter Experten herrscht ein weitgehendes großes Einvernehmen, was den Begriff "Struktur" betrifft, der im Allgemeinen – von Sheldrake, Piaget, Habermas, Francisco Varela, Carol Gilligan, Jane Loevinger usw. – als ein „dynamisches System selbstorganisierender Prozesse“ definiert wird, die sich als Muster durch ihre dynamische Reproduktion hindurch erhalten." viii (8) Als dynamische selbsterhaltende Muster sind Strukturen nicht festgelegt und unveränderlich, sie sind vielmehr "instabil stabil" (oder eine Mischung aus "Zirkularität und Offenheit" – d. h. alt und neu, Karma und Kreativität, Bewahren und Transzendieren) und daher fähig, sich Fluktuationen flexibel anzupassen: sie evolvieren durch “strukturelle Koppelung“ an Umwelten, die sie mit hervorbringen (wir nennen das "tetra-evolvieren"). Eine Struktur verändert sich materiell von Moment zu Moment, ihr Muster bzw. ihre Form ist jedoch instabil stabil und überdauert als kosmische Gewohnheit, solange diese Klasse von Holons in der Raum-Zeit existiert (oder solange sie den Selektionsdruck in der AQAL-Matrix bewältigt).

Bei postmodernen Formen “neuer Paradigmen” sagt man allgemein, dass “Struktur” durch “Prozess” ersetzt wurde. Tatsächlich ist Struktur jedoch immer als ein dynamischer Prozess, der sich selbst reproduziert, definiert worden. Doch gibt es hier zwei Aspekte, die Forscher immer wieder hervorheben: die Fähigkeit zur fließenden Veränderung (bzw. Anpassung und Adaptation – oder Anpassung an ihre Beziehungen [communions]), und ihre Fähigkeit bei günstigen Rahmenbedingungen über lange Zeiträume unglaublich stabil zu bleiben (z. B. Autopoiese und Assimilation – oder stabile Agenz).

Vergessen wir nicht, dass es auf der Erde lebende Bakterien gibt, die sich seit mehr als einer Milliarde Jahren nicht verändert haben. Es gibt Gattungen von Insekten, die seit mehr als 10 Millionen Jahren unverändert sind; es gibt Reptilienarten, die fünf Millionen Jahre lang gleich geblieben sind – ganz zu schweigen von den Formen vieler Atome und Moleküle, die nahezu 15 Milliarden Jahre alt sind – all das sind Beispiele für die ganz erstaunliche Stabilität von Agenz! In der Menschheitsgeschichte hat das beige Mem im wesentlichen 500.000 Jahre unverändert überdauert, das purpurne Mem 30.000 Jahre, Rot 10.000 Jahre, Blau 3.000, Orange 300 und Grün 30 (und wir befinden uns jetzt an der überschäumenden, kreativen Spitze der menschlichen Evolution, wo neue und höhere Potentiale, die zwar bereits untersucht, mit-erschaffen und auf sehr individuelle Weisen von seltenen Pionieren verkörpert wurden, sich erst jetzt wirklich zeigen und auf breiter und kultureller Basis auskristallisieren – dazu später noch mehr).

Was also benötigt wird, ist eine Möglichkeit auf “Struktur” zu verweisen ohne in einen Strukturalismus zu verfallen, der Strukturen als eine Verdinglichung von ontologisch existierenden Formen betrachtet (übrigens genau das, was die Philosophen einer ewigen Philosophie und die Strukturalisten auf ihre ganz eigene Weise taten, und was wir nun hinter uns lassen müssen).

Wir haben gesehen, dass Tiefenmerkmale vererbt werden, Oberflächenmerkmale jedoch nicht. Das heißt, dass, obwohl die allgemeinen Verhaltensmuster (oder morphogenetischen Grooves) dieser Holons uns vom kosmischen Karma vorgegeben sind, all ihre konkreten Inhalte, Oberflächenmerkmale und die Äußerungen dieser Verhaltensmuster jedoch durch relative, kulturell und persönlich bedingte Faktoren aller 4 Quadranten bestimmt werden.

Das ist der Punkt, wo wir uns jenseits aller typischen Definitionen von “Tiefenstrukturen“, “Tiefenmerkmalen“ oder “Tiefenmustern“ bewegen: In der integralen Postmetaphysik ist ein “Tiefenmuster“ keine tatsächlich existierende Form oder Struktur, sondern lediglich eine Bezeichnung für die Wahrscheinlichkeit, einen spezifischen Holontyp in einer spezifischen Raum-Zeit vorzufinden.

Wenn wir also sagen, eine Person ist “in der roten Welle” und die allgemeinen Merkmale der roten Welle sind u.a. Egozentrismus, eine präkonventionelle Moral und ausgeprägter Machtantrieb, dann heißt das nicht, dass es eine wirklich existierende Struktur oder Muster oder anwendbare Intelligenz gibt, die den Namen "die rote Struktur" (oder das rote Mem oder das rote Modul, usw.) trägt, so dass diese Person irgendwie innerhalb dieser Struktur operiert oder an sie gebunden ist (oder dass diese irgendwie "in" der Person ist). Es heißt lediglich, dass die Person, die wir als in oder aus Rot heraus operierend identifizieren, sich in einem Bereich bewegt, in dem die Wahrscheinlichkeit, diese Art von Reaktionen zu finden, sehr hoch ist (d.h. egozentrische, präkonventionelle, machtgeladene Verhaltensweisen usw.). Je weniger derartige Reaktionen man findet, desto weniger ist diese Person in “Rot” – und desto weniger operiert sie aus dem Wahrscheinlichkeitsbereich dieser spezifischen kosmischen Gewohnheit heraus.

Ein Tiefenmuster ist also einfach eine Wahrscheinlichkeitswelle. Die für diese Wahrscheinlichkeitswelle charakteristischen Tiefenmerkmale werden nach der Feststellung ihrer Existenz durch eine rekonstruierende Untersuchung im Nachhinein entdeckt, man kann nicht nach Art von Plato, Hegel oder Aurobindo im Vorfeld auf sie schließen, bevor sie in Erscheinung getreten sind. Wenn man also sagt, dass das Bewusstsein im roten Wellenbereich ist, so bedeutet das lediglich, dass es auf der Frequenz einer bestimmten Wahrscheinlichkeitswelle in Resonanz ist. Von außen betrachtet sagen wir, dass sie in einem speziellen morphogenetischen Feld fließt, das für die Wahrscheinlichkeit steht, an diesem Punkt der Raumzeit bestimmte Verhaltensweisen zu finden; aus der inneren Perspektive heraus sagen wir, dass das gefühlte Erleben desjenigen Holon innerhalb eines Horizonts individueller und kollektiver Wahrnehmung auftauchen, so dass die Wahrscheinlichkeit, eine bestimmte Art von Gefühl zu erleben hinsichtlich dieser Welle sehr hoch ist.

Manche Wahrscheinlichkeitswellen sind derart festgelegt als kosmische Regeln, dass die Wahrscheinlichkeit, einen spezifischen Holontyp in diesem Bereich zu finden, im Bereich von 100% liegt. Das passiert oft in physikalischen Systemen (wo es, wie Whitehead aufzeigte, fälschlich als reiner Determinismus gedeutet wurde); aber es geschieht sogar in den höheren Wellen häufig genug. Die Wahrscheinlichkeit, z.B. bestimmte Arten von Holons in der roten Wahrscheinlichkeitswelle zu finden, ist tatsächlich sehr hoch. Doch sollte das nicht die Tatsache verschleiern, dass die jeweiligen Entwicklungsstufen in allen Quadranten bis zum heutigen Tage ursprünglich zum Teil als kreative Neuerung auftauchten und sich dann zu Gewohnheiten festigten, die ihrerseits nicht etwa starre Raster eines Determinismus darstellen, sondern organische Gewohnheiten sind, welche die Wahrscheinlichkeit anzeigen, ein bestimmtes Ereignis in einer bestimmten Raumzeit vorzufinden.

(In der Quantenmechanik ist selbst ein Elektron kein vor-existierendes Ding, sondern eine “Tendenz zu existieren”, dessen Wahrscheinlichkeit, in einer spezifischen Raumzeit gefunden zu werden, durch die Quadrierung von Schrödingers Wellenfunktion belegt wird.)

Um es noch einmal zusammenzufassen: Die Tiefenmerkmale aller Holons (Quarks, Atome, Moleküle, Meme, usw.) sind einfach die Typen von Ereignissen, deren Auftreten innerhalb bereits festgelegter kosmischer Gewohnheiten wahrscheinlich ist, Gewohnheiten, die durch ihr kreatives vergangenes Erscheinen bereits etabliert sind. Diese Wahrscheinlichkeitswellen sind keine klobigen, irgendwo dort draußen herumliegenden greifbaren Strukturen, sondern es sind allgemeine morphogenetischen Grooves, welche die Wahrscheinlichkeit repräsentieren, ein bestimmtes Ereignis an einem spezifischen Punkt der Raum-Zeit der sich kreativ entfaltenden AQAL-Matrix zu finden.

Aber zurück zu den tatsächlichen Merkmalen oder den konkreten Strukturen dieser Ereignisse. Diese sind nicht allein durch vergangene kosmische Gewohnheiten, sondern durch konkret in allen vier Quadranten existierende Faktoren (erfahrene Wahrnehmungen, Verhaltensmuster, soziale Systeme und kulturelle Kontexte) kodeterminiert ix (9). Und darum können wir sagen, dass, obwohl einige Wahrscheinlichkeitswellen (morphogenetische Grooves oder Tiefenmuster) von der Vergangenheit auf kollektive Art geerbt wurden – dies für die meisten der Oberflächenmerkmale nicht gilt. x (10)

Bitte beachten Sie, nicht einmal die Tiefenmuster der höheren Wellen des Bewusstseins – d. h. höher als Grün – die eben jetzt geformt werden, sind a priori und von vornherein vorherbestimmt. Natürlich sind bereits vorausgehende Schamanen, Heilige und Weise in diese Bereiche vorgestoßen und haben Spuren ihrer morphischen Fußabdrücke hinterlassen, aber das sind bis jetzt noch sehr wenige und sie erscheinen wie Spinnwebfäden im spirituellen Wind. Höhere Bewusstseinszustände, höhere Bewusstseinswellen, höhere menschliche Möglichkeiten – es gibt tatsächlich nahezu unbegrenzte höhere Potentiale, doch sind sie genau dies: ungeformte Potentiale, Potentiale, die noch nicht ausgeformt sind und sich noch nicht zu allgemein verfügbaren kosmischen Gewohnheiten verfestigt haben....

Wie wir gesehen haben, liegt die Spitze des kreativen Neuen in der heutigen Welt irgendwo im Bereich von Gelb, was bedeutet, dass die Tiefenmerkmale der Meme von Beige bis Grün bereits als kosmische Gewohnheiten festgelegt sind – und je älter das Mem, desto gefestigter und bestimmender sind die Gewohnheiten. Daher sind in der heutigen Welt die Tiefenmerkmale der Meme bis hin zu Grün relativ gefestigt und "vorherbestimmt", jedoch nicht durch zeitlose Archetypen, sondern durch wahrnehmbare Vereinigungen und morphischen Resonanzen vergangener kreativer Neuerungen, die sich bereits zu Gewohnheiten verfestigt haben. Anders gesagt, die gestrigen a posteriori sind zu heutigen a prioris geworden. Nachträglich können wir ihr Auftauchen mit rekonstruierenden Untersuchungen nachvollziehen, wo wir erkennen, wie diese Muster entstanden sind; im Voraus jedoch ist es unmöglich, diese Muster einigermaßen detailliert vorherzusagen.

Obwohl also bestimmte vergangene Formen als Gewohnheiten relativ festgelegt sind, gilt dies nicht für die Spitze der Entwicklung. So wird sich z.B. das, was wir jetzt das "obere Ende des Subtilen" bezeichnen – das höchste Potential des subtilen Bereichs – in einigen tausend Jahren wahrscheinlich in ein Dutzend oder mehr verwirklichte Ebenen ausdifferenziert haben, ohne dass eine Grenze oder ein Ende in Sichtweite wäre: Die Spitze des sich entfaltenden kreativen Geists ist überschäumend, ungeformt, chaotisch, kreativ, ein wilder Sport und ein Spiel, das ständig kreative Neuerungen hervorbringt, als Neuerungen, die schließlich als kosmische Gewohnheiten festgelegt werden und die allen nachfolgenden Entwicklungen als eine a priori Gegebenheit erscheinen, auch wenn sie ursprünglich als ein a posteriori festgelegt wurden, im Verlauf des mysteriösen und kreativen Spiels des GEISTES.

Dementsprechend sind auch die Tiefenmerkmale der höheren Potentiale als Grün nicht vorgegebene, bereits ausgeformte Ebenen, sondern morphogenetische Potentiale, die, wenn sie sich zu kristallisieren beginnen, von Faktoren in allen vier Quadranten geformt werden. WENN diese Tiefenmuster sich in immer mehr Holons weltweit zeigen, dann werden sie sich schließlich zu Gewohnheitsmustern verfestigen, die von nachfolgenden Entwicklungen ererbt werden. Diese höheren Stufen (höher als Grün) stecken, als Stufen, noch in ihren Kinderschuhen, in idiosynkratischer Form nur hochentwickelten Individuen verfügbar, doch sie erwarten ihr verstärktes Hervortreten auf breiter Basis, um sich dann zu kosmischen Gewohnheiten zu verfestigen, die allgemein der Zukunft vermacht werden.

(Wie können wir von höheren Ebenen sprechen, die auf eigene Weise für höher entwickelte Individuen greifbar sind, obwohl sie noch keine gefestigte Form haben? Lesen Sie dazu meinen Beitrag „On the Nature of a Post-Metaphysical Spirituality: Response to Habermas and Weis“, sowie eine wichtige Schlussbemerkung. xi (11) Wir werden in dieser Präsentation immer wieder auf dieses außerordentlich wichtige Thema stoßen.)

Sobald diese kosmischen Gewohnheiten an irgendeinem Punkt der evolutionären Entfaltung geprägt sind, sind sie tatsächlich stabile Muster, die dann zu den Unterkomponenten aller neuen und kreativen Erscheinungen werden. Ein Beispiel: Atome, die ursprünglich teilweise als kreative Neuerung auftauchten und sich zu gewohnheitsmäßigen Mustern verfestigen, wurden dann zu Bestandteilen bzw. Unterkomponenten von Molekülen. Die Formen dieser Moleküle, die ihrerseits zunächst als kreative Neuerung auftraten, sich aber dann zu Mustern festigten, wurden dann zu Bestandteilen oder Unterkomponenten von Zellen, usw.. Ist Rot erst einmal aufgetaucht, wird es zu einer Unterkomponente von Blau, das dann zu einer Unterkomponente von Orange wird und so weiter, in der Entfaltung einer Whiteheadianischen Moment-zu-Moment Holarchie. Diese "Transzendieren-und-Bewahren"-Beziehung, die in der Whiteheadianischen Wahrnehmung gründet, ist die gefühlte Grundlage der sanften Neigung des Kosmos zu immer stärkerer Komplexität und Tiefe, eine Neigung, deren andere Bezeichnung Eros ist.

Selektionsdruck im AQAL-Raum: Gültigkeitsansprüche im Tetra-Zusammenhang

Mit dem Auftauchen eines neuen Holon tritt dieses Holon in einen bereits existierenden Welt-Raum ein – das heißt, es taucht in einem AQAL-Raum auf, der bereits unterschiedliche Arten von Wellen, Strömen, Zuständen, Systemen und so weiter hat, jedes von ihnen mit einer eigenen Entwicklungsgeschichte. (Noch einmal, die a posterioris von gestern sind zu den a prioris von heute geworden.) Jedes neu auftretende Holon muss daher, wenn es überleben will, unter den Bedingungen des bereits existierenden Welt-Raums überleben – es muss zu der bereits existieren AQAL-Matrix passen. Daher ist es unterschiedlichen Arten von Selektionsdruck (oder unterschiedlichen Gültigkeitsansprüchen) ausgesetzt, welche die Art von Passen repräsentieren, an die es sich anpassen muss, wenn es überleben will. Natürlich will es sich dabei nicht nur an- und einpassen, es möchte auch seine eigene kreative Neuerung einbringen, die über alles bisherige Passen hinausgeht; doch wenn es nicht auch bis zu einem gewissen Grad zu dem bereits Existierenden passt, wird es durch den Selektionsprozess aussortiert und erhält so keine Chance, sich selbst zum Ausdruck zu bringen und seine eigene Kreativität weiter zu reichen.

Weil jedes Holon mindestens vier Quadranten oder vier Dimensionen des In-der-Welt-seins hat, und jede dieser Dimensionen zu dem bereits existierenden Welt-Raum passen muss, gibt es mindestens vier Arten von Selektionsdruck: Jedes Holon muss sich zu einem bestimmten Grad zu seinem eigenen Ich, Wir, Es und Sie passen. Jedes Holon muss in der Lage sein, die externe Es-Welt genau genug zu erkennen (Wahrheit); jedes Holon muss in der Lage sein, seine innerliche Ich-Welt genau genug wahrzunehmen (Wahrhaftigkeit), es muss in der Lage sein, sich in seine sozialen Systeme einzupassen (funktionales Passen), und es muss in der Lage sein, sich in seinen gemeinschaftlichen Wir-Umgebungen zurecht zu finden (Bedeutung).

Diese Gültigkeitsansprüche des Tetra-Zusammenhangs (Es-Wahrheit, Ich-Wahrhaftigkeit, Sie-funktionales Passen und Wir-Bedeutung) sind keine klobigen repräsentierenden Bilder, sondern gegenseitig hervorgebrachte und sich wechselseitig beeinflussende Bindungen. Dieser Tetra-Selektionsdruck gilt für alle Holons, von Atomen zu Zellen zu Bäumen zu Würmern zu Wölfen zu Affen. Jedes Holon, dass darin versagt, all diesem Selektionsdruck standzuhalten, hört schlicht auf zu existieren.

Diese quadrantische Formulierung gibt uns einen Eindruck von der Natur der Beziehungen zwischen den subjektiven, objektiven, intersubjektiven und interobjektiven Dimensionen der Existenz. Auch wenn wir je nach Situation vielleicht die Bedeutung einer dieser Dimensionen betonen, besonders die intersubjektive (speziell, wenn diese von den meisten Theoretikern ignoriert wird), ist die technisch richtige Sichtweise die, dass alle vier Dimensionen gleichzeitig erscheinen und sich tetra-entwickeln. Kein Quadrant ist ontologisch ursprünglicher oder grundlegender. Ebenso ist kein Quadrant “in“ einem anderen. Individuelle Holons sind nicht „in“ sozialen Holons, so wie Subholons in zusammengesetzten Individuen sind (siehe dazu mein Beitrag „On Critics, Integral Institue, My Recent Writing, and Other Matters of Little Consequence“.)

Wir sagen oft, dass “Intersubjektivität die Grundlage ist, aus der sowohl Subjekt als auch Objekt erscheinen” – und das spricht einen wichtigen Punkt an, und doch ist es nur ein Teil des Integralen (ein Teil, den wir betonen, weil er so oft ignoriert wird). Tatsächlich ist die wirkliche Grundlage, aus der Dinge erscheinen nicht Intersubjektivität, sondern die gesamte AQAL-Matrix. Das bedeutet, dass die AQAL-Matrix des vorangegangenen Augenblicks der a priori Boden ist, aus dem der gegenwärtige Augenblick entsteigt (ein Boden, den der gegenwärtige Augenblick, wenn alles gut geht, annehmen und schließlich in den nächsten AQAL-Augenblick transzendieren wird). Jeder Quadrant reicht daher an die Zukunft einen Vererbungsboden weiter, (d. h. es gibt ein kosmisches Karma von-Quadrant-zu-Quadrant), und jedes Holon muss mit allen vier Formen des Selektionsdrucks zurechtkommen, um weiter existieren zu können. Es ist nicht so, dass das intersubjektive Feld zuerst da ist und dann daraus Subjekt und Objekt hervortreten, sondern jedes Holon hat vier Dimensionen, die zugleich hervortreten und zu denen das Holon zu einem erheblichen Grad passen muss, um in dem bereits existierenden Welt-Raum überhaupt existieren zu können.

Dies bedeutet, dass das intersubjektive Feld natürlich die Wahrscheinlichkeitswellen beeinflusst, die das Auftreten des Holons formen, doch das tun ebenso die interobjektiven Felder, die vorangegangene subjektive Wahrnehmung, und auch die vorangegangene objektive morphische Resonanz. Diese Beeinflussung geschieht jedoch nicht nacheinander, sondern gleichzeitig und zusammen. Wenn das Holon grundsätzliche nicht zu seinem intersubjektiven Hintergrund bereits entstandener gegenseitiger Wahrnehmung passt, dann wird es nicht erscheinen können; aber es wird auch nicht erscheinen können, wenn es nicht zu den ererbten Gegebenheiten der übrigen drei Quadranten passt. Nichts davon allein ist ontologisch oder chronologisch vor dem anderen: Was vorausgeht, ist die AQAL-Matrix in ihrer Gänze. Der vorangegangene AQAL-Augenblick wird dem gegenwärtigen AQAL-Augenblick vererbt.

Die postmodernen Pluralisten erkannten richtigerweise, dass die intersubjektiven Hintergründe in der Erkenntnislehre der Aufklärung ausgelassen worden waren, die Aufklärung privilegierte ontologisch den oberen rechten Quadranten. Doch dann wendete sich die Postmoderne in die entgegengesetzte Richtung und privilegierte ontologisch den unteren linken Quadranten der Beziehungen, des partizipatorischen Pluralismus und der Intersubjektivität (was oft zu einer Grammatologie des unteren rechten Quadranten degenerierte). Der allgemeine Schlachtruf lautete dabei: „Beziehungen gehen den Dingen voran, die sie in Beziehung setzen.“

Doch Beziehungen ohne etwas, das in Beziehung gesetzt wird, sind nichts weiter als trockene Abstraktionen (was dann insgeheim die grünen Wertestrukturen zu etwas ontologisch Absolutem erhebt). Diese postmoderne Vorstellung reflektiert eine prä-integrale und prä-quadrantische Ansicht des Kosmos, wo Ereignisse als Gelegenheiten betrachtet werden, die durch unterschiedliche Arten von Hintergrund/ Figur oder Kontext/Inhalt Schemata in Beziehung zu setzen sind, anstatt zu erkennen, dass dies alles gleichzeitig im AQAL-Raum erscheint und in gegenseitiger Verbindung tetra-evolviert. Weder Dinge noch Beziehungen tauchen zuerst auf, sondern beides sind lediglich unterschiedliche Perspektiven oder Dimensionen der AQAL-Matrix. Wie wir noch sehen werden, hat sich der postmoderne Pluralismus in einer besonders starken Form von Quadrantenabsolutismus verfangen, die wichtige, aber partielle Einsichten zu einer Quadrantenhegemonie erhob, die andere, gleichermaßen wichtige Stimmen vernachlässigte. Diesem Thema werden wir uns in Kürze zuwenden.

Teil III: Das Wesen revolutionärer sozialer Transformationen

Halten wir an dieser Stelle kurz inne und führen einige konkrete historische Beispiele des Auftauchens neuer Wahrscheinlichkeitswellen auf. Als einen Ausgangspunkt nehmen wir dabei die bleibenden Einsichten von Karl Marx hinsichtlich soziokultureller Transformation.

Wir hören heute viel über die Notwendigkeit zur Transformation, über neue Paradigmen und sogar auch, dass es eine gesellschaftliche „Revolution“ bräuchte, vor allem was Führung und ein neues Denken anbelangt. Worüber wir jedoch kaum etwas hören, sind tiefere Analysen dazu, was eine soziale Transformation, echte neue Paradigmen und Revolutionen ausmacht. Schauen wir einmal, ob eine AQAL-Analyse auf Schlüsselbegriffe wie Transformation, Paradigma und Revolution zu neuen Einsichten führt.

Basis und Überbau müssen tetra-übereinstimmen

Beginnen wir mit dem, was einige der wesentlichen sozialen Transformationen der Geschichte charakterisierte – Transformationen, wie die von Jagen und Sammeln zum Ackerbau oder von magisch zu mythisch oder von feudal zu industriell. Was treibt diese großen transformatorischen Bewegungen von einer Stufe zur nächsten? Eine der wesentlichen Aussagen von Marx, die immer noch stimmt, ist die, dass um eine bestimmte „Basis“ oder techno-ökonomische Produktionsweise herum (z. B. Jagen und Sammeln) eine bestimmte Weltsicht bzw. ein „Überbau“ entsteht. Für Marx war es natürlich so, dass die Basis (unten rechts Quadrant, UR) den Überbau bestimmt (unten links Quadrant, UL), wohingegen beide für uns tetra-evolvieren (als ein Spiel eines vierteiligen Selektionsdrucks). Es ist nicht so, dass die Basis realer oder grundlegender wäre und der Überbau danach käme, auf der Basis ruhend und von ihr bestimmt. Beide erscheinen zusammen in gegenseitiger Wechselwirkung als Teil der AQAL-Matrix. (Dennoch beziehe ich mich weiterhin auf „Basis“ und „Überbau“ und meine damit die AQAL-Version, wenn nicht anders angegeben.)

Einer der einfachsten Wege, um ein Gefühl für die Bedeutung der Einsichten von Marx zu erhalten, ist ein Blick auf jüngere Forschung (wie die von Lenski) zum Thema der Beziehung von techno-ökonomischen Produktionsbedingungen (Jagen und Sammeln, Gartenbau, Viehwirtschaft in Herden, maritim, Ackerbau, industriell, informationell) zu kulturellen Praktiken wie Sklaverei, Brautpreis, Kriegsführung, Patriarchat, Matriarchat, Geschlecht der vorherrschenden Götter und so weiter. Mit einer erschreckenden Übereinstimmung haben ähnliche techno-ökonomische Produktionsbedingungen eine hohe Wahrscheinlichkeit ähnlicher kultureller Praktiken (als ein Hinweis darauf, wie sehr diese Wahrscheinlichkeitswellen zusammenpassen).

So sind beispielsweise über 90% der Gesellschaften mit weiblichen Gottheiten Gartenbaugesellschaften. 97% der Herdengesellschaften sind demgegenüber stark patriarchal. 37% der Jäger und Sammler haben einen Brautpreis, im Vergleich zu 86% der fortgeschrittenen Gartenbaugesellschaften. 58% der bekannten Stämme der Jäger und Sammler waren in häufige kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt, von den einfachen Gartenbaugesellschaften waren dies 100%.

Am aussagefähigsten ist vielleicht die Existenz von Sklaverei. Etwa 10% der Jäger und Sammler kennen Sklaverei, bei den fortgeschrittenen Gartenbaugesellschaften sind es 83%. Der einzige Gesellschaftstyp, welcher Sklaverei gesetzlich untersagte, waren die patriarchalen Industriegesellschaften, der Anteil dort beträgt 0%.

Kurz gesagt schränkt die Art der techno-ökonomischen Basis die unterschiedlichen Wahrscheinlichkeitswellen sehr stark ein. Daher liegt eine tiefe (wenn auch nur teilhafte) Wahrheit in Marx berühmtester Aussage darüber: „Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.“. Das heißt, der untere rechte Quadrant (der die techno-ökonomische Basis beinhaltet) hat eindeutig einen enormen Einfluss auf Glaubensvorstellungen, Gefühle, Ideen und Weltsichten von Männern und Frauen. Für uns ist dies in jeder Hinsicht eine AQAL-Angelegenheit – und wir müssen Marx Tendenz der Verabsolutierung des unteren rechten Quadranten nicht übernehmen. Gleichzeitig ist der Einfluss des unteren rechten Quadranten auf das Bewusstsein und die Kultur kaum zu überschätzen.

Man kann diesen wichtigen Punkt auch noch anderes formulieren, und zwar: Materielle Gegebenheiten der dritten Person haben einen tiefgreifenden Einfluss auf Wirklichkeiten einer ersten und zweiten Person. Darin bestand Marx wesentliche und andauernde Einsicht, die bis auf den heutigen Tag richtig ist, weil sie einen bedeutenden Aspekt der AQAL-Matrix hervorhebt.

Um Marx historischen Überblick weiterzuführen: Um eine bestimmte techno-ökonomische Basis herum entsteht ein bestimmter Überbau kultureller Vorstellungen und Weltsichten. Doch früher oder später finden technologische Innovationen statt (was beispielsweise heißt, dass zu einem Zeitpunkt der Geschichte einige Jäger und Sammler herausfanden, wie man sät und erntet und so den Schritt von einer Basis des Jagens und Sammeln hin zum Gartenbau machten.) Weil der Anbau von Pflanzen offensichtliche Überlebensvorteile bietet, Vorteile, die so offensichtlich sind, dass praktisch alle Jäger und Sammler sie wo notwendig übernahmen, wandelte sich die techno-ökonomische Basis relativ schnell hin zum Gartenbau. Nachdem dies immer mehr Stämme (als Holons) übernahmen, wurde daraus eine kosmische Gewohnheit im UR-Quadranten, die nun nachfolgenden Holons zur Verfügung stand.

Doch das Faszinierende, worauf Marx gestoßen war, ist folgendes: Technologische Innovationen geschehen sehr schnell (im UR-Quadranten), aus dem einfachen Grund, weil die Materialien von Produktion sich relativ schnell verändern lassen: Lege Pfeil und Bogen nieder, nimm eine Hacke, mache damit ein Loch, tue eine Bohne hinein und warte, was geschieht. Doch der Überbau, die Weltsicht, die kulturellen Mittel der Religionen, Bedeutungen, Glaubensvorstellungen, gemeinsamen Werten usw. (unterer linker Quadrant) bewegen sich nur sehr viel langsamer, weil es hier darum geht, nicht nur ein neues Stück Materie in die Hand zu nehmen (der rechtsseitigen Welt), sondern um eine innerliche subjektive und gemeinschaftliche Bewusstseinstransformation (linksseitig) – ein notwendigerweise langsamer und schwieriger Vorgang. Daher hinkt der Überbau von Werten und Vorstellungen hinter den Transformationen und Innovationen der techno-ökonomischen Basis meist hinterher. Es gibt, kurz gesagt, einen Bruch zwischen UL und UR (zwischen dem alten Überbau und der neuen Basis, zwischen dem alten Paradigma und den neuen Realitäten, zwischen der alten Kultur und dem neuen sozialen System, zwischen den alten Bedeutungen und den neuen Funktionalitäten, zwischen der alten Semantik und der neuen Syntax. Und das ist eine Katastrophe.

Mit unseren Worten: Technologische Innovationen lösen ihre Vorgänger ab, weil sie weiter entwickelt sind und mehr Tiefe beinhalten (in diesem Fall ist das Pflanzen an den saisonalen Zyklus der Natur gebunden und erfordert mehr Voraussicht und zeitliche Planung als etwas, was eine konkret-operationale Kognition benötigt, wohingegen das Jagen und Sammeln mit einer prä-operationalen Kognition auskommt). Diese erweiterte technologische Tiefe (als Ergebnis einer erweiterten kognitiven Tiefe) wird durch die Tatsache begründet, dass technologische Innovationen in einer irreversiblen evolutionären Abfolge erscheinen. Betrachten wir die technologische Evolution vom Jagen und Sammeln zum Gartenbau zum Ackerbau zur Industrialisierung bis zur Informationstechnologie, dann ereignet sich diese Reihenfolge niemals in umgekehrter Reihenfolge. Abgesehen von einem sozialen Zusammenbruch hat sich keine Industriegesellschaft jemals dafür entschieden, zum alleinigen Ackerbau zurückzukehren und dann weiter zum Gartenbau und weiter zurück zum ausschließlichem Jagen und Sammeln. Es gibt einen Eros in dieser Sequenz: Der Zeitpfeil ist, mit den Worten von Prigogine, asymmetrisch evolutionär.

Diese zunehmende technologische Tiefe (im UR) vom Jagen und Sammeln zum Gartenbau kann nun eine zunehmende Tiefe der Weltsichten (UL) unterstützen, und zwar die Bewegung vom Magischen zum Mythischen. Doch die jagenden und sammelnden Stämme, die mit dem Gartenbau begannen, hatten zuerst weiterhin eine magische Weltsicht, angepasst (als tetra-Übereinstimmung) an den alten Modus des Jagen und Sammelns. So entstand ein Bruch und eine Spannung zwischen der Basis und dem Überbau (für uns zwischen UR und UL). Sie hatten nun eine Basis, welche eine neue und fortgeschrittene mythische Weltsicht unterstützte, doch sie „steckten“ noch in ihrem alten Paradigma, als einer alten magischen Weltsicht, angepasst an die Basis von Jagen und Sammeln, welche als ein vorherrschender Produktionsmodus nicht länger existierte. (In der Ausdrucksweise von Marx passten die Beziehungen der Produktion nicht mehr zu den Produktionskräften).

Weil UL und UR nicht mehr zueinander passen, muss etwas nachgeben. Einer der Quadranten wird eine schmerzvolle Dekonstruktion erfahren. Es wird zu einer tiefgreifenden kulturellen Revolution kommen, um zu der technologisch-sozialen Revolution, welche sich ereignet hat, aufzuschließen.

Es war Marx Genius, welcher diese inneren Spannungen zwischen Basis und Überbau (UR und UL) mit dem Erscheinen einer neuen techno-ökonomischen Basis entdeckte. Ihm war intuitiv klar, dass, wenn es zu keiner Tetra-Übereinstimmung käme, die Hölle los wäre, weil eine neu auftauchende Kultur (welche zu der neuen Basis passt) von der alten Kultur (passend zur alten Basis) attackiert werden würde. Dies wird üblicherweise als die Vorstellung interpretiert, dass der Fortgang der Geschichte durch Klassenkämpfe angetrieben wird, doch der entscheidende Punkt für Marx war der, dass die Klassen selbst definiert sind in Beziehung zu einem bestimmten Produktionsmodus und dass der Krieg zwischen unterschiedlichen techno-ökonomischen Modi stattfindet und den Weltsichten, welche diese unterstützen. Mit dem Auftauchen neuer technologischer Modi werden auch fortschrittlichere und weitere Weltsichten möglich, doch gesellschaftliche Revolutionen stehen oft vor der Aufgabe, die Quadranten wieder in Übereinstimmung miteinander zu bringen (dazu gleich mehr). Zeit, Geschichte, Tiefe und Eros sind auf der Seite der neu auftauchenden Kultur, doch der Übergang von einem alten Paradigma zu einem neuen Paradigma ist meist sehr unangenehm.

Ganz auf den Punkt gebracht kann man sagen, dass einer der Hauptgründe für Kulturkriege ein Bruch in der AQAL-Matrix ist, ein Riss zwischen UL und UR, der die Gemeinschaft oft gewaltsam auseinander reißt. Dies geschieht, weil die Transformationen im UR bzw. der sozio-ökonomischen Basis (bei der es lediglich um die Veränderung von Materie geht) sehr viel schneller realisiert werden können als Veränderungen im UL, dem Überbau, der Kultur, der vorherrschenden Weltsicht (wo es nicht nur um materielle Veränderungen geht, sondern um Bewusstseinsveränderungen). Daher wird oft gesagt, dass technologische Entwicklungen oft unserer Weisheit ihrer Verwendung vorauslaufen (neben anderen Dingen).

Dies ist natürlich keine einmalige Angelegenheit. Was Marx dabei übersehen hat, ist etwas, was so gut wie alle anderen auch übersehen haben: Es ist nicht so, dass jede Gesellschaft einen einzigen monolithischen technologischen Modus hat und eine einzige monolithische Weltsicht und dass die beiden irgendwie zusammenpassen müssen. Jede Gesellschaft ist ein Spektrum von AQAL-Aktualitäten. Es gibt Menschen auf jeder Ebene des Bewusstseinsspektrums, zumindest bis zur durchschnittlichen Ebene dieser Kultur (mit einigen wenigen darüber hinaus). Und es gibt Nischen aller Modi techno-ökonomischer Produktion bis zur Entwicklungsspitze. Auch in Industriegesellschaften gibt es rote Straßengangs, die für ihre Existenz auf die Jagd gehen und die Farmer in Kansas bestellen nach wie vor ihre Felder. Es gibt daher keine alleinige Basis und keinen alleinigen Überbau, deren interner Widerspruch die Haupttransformationen der Geschichte antreibt. Marx generelle Vorstellung, dass die Diskrepanz zwischen UL und UR gesellschaftliche Widersprüche und Spannungen verursacht, ist nach wie vor richtig. Doch diese Widersprüche erstrecken sich über das gesamte Spektrum des Bewusstseins, bis hin zur höchsten durchschnittlichen Welle in dieser Gesellschaft und in alle vier Quadranten mit ihren vielen Wellen und Strömen (die alle in einer Tetra-Übereinstimmung der AQAL-Konfiguration zueinander passen müssen).

Im modernen Westen geht es bei den Hauptkulturkriegen nicht nur um traditionelle gegen moderne gegen postmoderne Werte, sondern auch um techno-ökonomische Produktionsbedingungen von Landwirtschaft, Industrie und Informationstechnologie, mit Weltsichten von mythisch, rational und pluralistisch (entsprechend und zueinander gehörend). In der nicht-westlichen Welt bestehen die Hauptkonflikte zwischen Stämmen des Jagens und Sammelns und mythischem Ackerbau, die im Krieg sind mit modern-industriellen und postmodern-pluralistischen Modi. Die soziokulturellen Spannungen (und Legitimationskrisen) erstrecken sich über das gesamte Spektrum mit unterschiedlichen Kulturen und Subkulturen in verschiedenen Kombinationen von Stabilität und Instabilität. Bezogen auf das soziale System (UR) und seine techno-ökonomische Basis ist es so, dass technologische Innovationen meist im Geist eines kreativen Individuums beginnen (OL) – wie beispielsweise bei James Watt und der Dampfmaschine. Diese neue Idee wird anderen mittels verbal-kognitivem Verhalten mitgeteilt (OR), bis schließlich eine kleine Gruppe von Menschen die Idee verstanden hat (UL). Wenn die Idee genug Überzeugungskraft hat, wird sie in konkreter Form realisiert (im Beispiel durch den Bau der Dampfmaschine), die so zu einem Teil der sozio-ökonomischen Basis wird (UR). Genau weil die Aufnahme in die Basis lediglich eine materielle Veränderung erfordert und keine Veränderung im Bewusstsein, kann sich die technologische Revolution im sozialen System extrem schnell verbreiten – und sich von der alten kulturellen Weltsicht abkoppeln.

Eine Veränderung der kulturellen Weltsicht hingegen erfordert eine schwierige subjektive Bewusstseinstransformation für eine Tetra-Übereinstimmung mit den neuen und komplexeren sozialen Gegebenheiten. Das passiert üblicherweise so: Eine Gruppe von Menschen, die sich schon zu einer höheren Bewusstseinswelle weiter entwickelt hat, ergreift – auf friedliche oder weniger friedliche Weise – das Steuer einer neuen Regierung, welche eine neue Wahrscheinlichkeitswelle einer neuen Stufe repräsentiert (in Bewusstsein, Kultur und Technik) – die gleiche Welle, welche die neue Technik hervorgebracht hat.

Konkret operationale Kognition beispielsweise, welche die Gartenbautechnologie hervorbrachte, kann die Bewegung von einer präkonventionellen Stammesregierung zu soziozentrischen, konventionellen und über den Stamm hinausgehende Formen von Regierung unterstützen, welche die unterschiedlichen Stämme zu größeren Einheiten, die nicht mehr auf Verwandtschaft beruhen, zusammenführen, als eine Bewegung von der magischen zur mythischen Weltsicht. Die neue Gartenbautechnik, die durch eine tiefere Kognition geschaffen wurde und diese verkörpert, unterstützt und fördert eine mythische Weltsicht – daher also Tetra-Evolution. (Marx hatte recht darin, dass für die meisten Menschen die techno-ökonomische Basis ein Hauptbestimmungsfaktor ihres Bewusstseins ist. Doch er übersah, wo diese Basis ursprünglich herkam: aus dem Bewusstsein des Erfinders, welches seinerseits die Basis bestimmt. Marx übersah, mit anderen Worten, die AQAL-Matrix und tendierte dazu, den unteren rechten Quadranten zu verabsolutieren, ein Absolutismus, den wir nicht teilen müssen, um seine wichtigen, wenn auch partiellen Wahrheiten zu würdigen).

Ähnlich ist eine formal operationale Kognition, die in der Lage ist, eine Dampfmaschine hervorzubringen, auch in der Lage, die Bewegung von konventionellen zu postkonventionellen Regierungsformen zu unterstützen (z. B. von der Aristokratie zur repräsentativen Demokratie), so wie auch die Bewegung von einer mythischen zu einer rationalen Weltsicht. Einmal mehr sehen wir, dass alle Quadranten, auf der gleichen Tiefenebene, sich gegenseitig in einer Tetra-Evolution hervorbringen.

Bleiben wir bei dem Beispiel der Bewegung vom stammes-magischen Jagen und Sammeln zum dörflich-mythischen Gartenbau, dann ist es so, dass, auch wenn die neue mythische Kultur von der Spitze der Evolution regiert wird, nach wie vor Nischen und Subkulturen archaischer und magischer Werte existieren, und ihre Existenz führt zu bedeutenden inneren Kulturkriegen. (Die historischen Schlachten zwischen magisch und mythisch sind legendär, siehe dazu Halbzeit der Evolution). Es ist also nicht so, dass es lediglich die Kulturkriege zwischen unterschiedlichen Epochen gibt, sondern innerhalb jeder Epoche gibt es innere Kulturkriege wegen der Nischen kosmischer Gewohnheiten, die nach wie vor ein Eigenleben führen.

Paradigmen

Übrigens ist diese Betrachtung historischer Veränderungen aufgrund eines AQAL-Selektionsdrucks in Übereinstimmung mit Kuhn’s Beobachtungen zu wissenschaftlichen Revolutionen, welche lediglich eine Teilmenge der transformatorischen AQAL-Matrix, die wir aufzeigen, darstellt. Kurz gesagt bedeutet dies: Bestimmte faktische Entdeckungen in der rechtsseitigen Welt können durch keine der wissenschaftlichen Weltsichten der linksseitigen Welt erklärt werden, und daher gibt es einen gravierenden Bruch zwischen der Basis und dem Überbau, der zu einer oft schmerzlichen Revolution in den Glaubenssystemen und Weltsichten führt, um mit den faktischen Gegebenheiten mitzuhalten. Thomas Kuhn führt in Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen hunderte solcher Paradigmenwechsel oder Revolutionen in der wissenschaftlichen Praxis auf. Die Weise jedoch, in der Kuhn das Wort „Paradigma“ verwendete, wurde von der Öffentlichkeit, Kritikern und Verwendern dieses Begriffs völlig missverstanden, welche darunter fälschlicher Weise irgendeine Theorie oder Über-Theorie verstehen. Fritjof Capra, Stan Grof, Duane Elgin, Richard Tarnas, Charlene Spretnak – die Liste ist praktisch endlos – würden sagen, dass eine neue holistische oder ökologische Theorie die alte atomistische, Newton-Descart’sche Weltsicht ersetzen würde und das wäre dann ein neues Paradigma. Doch Kuhn meint genau das Gegenteil davon. „Paradigma“ bezeichnet für Kuhn nicht die Theorie oder den Überbau, sondern die Basis als eine soziale Praxis. Paradigma ist somit ein ziemlich genaues Äquivalent einer techno-ökonomischen Basis, einer sozialen Praxis, eines Verhaltens oder Beispiels.

Das bedeutet, ein Paradigma steht für eine Reihe von sozialen Praktiken und Verhaltensbeispielen – für spezifische Experimente zum Beispiel, welche bestimmte Daten und Fakten hervorbringen. Ein Paradigma, ein Beispiel oder eine Injunktion bringt bestimmte Phänomene, Daten, Erfahrungen oder Erkenntnisse hervor und beleuchtet diese. (Aus diesem Grund hat eine gute allgemeine Theorie guter Wissenschaft drei Hauptstränge: Injunktion oder Paradigma, hervorgebrachte Daten und Erkenntnisse, und Bestätigung/Zurückweisung. Der erste Strang berücksichtigt Kuhn’s bedeutende Arbeit und setzt diese in einen größeren Kontext von Phänomenologie, Falsifizierbarkeit und anderen gleichermaßen wichtigen Teilaspekten.) Ein Paradigma, so wie Kuhn diesen Begriff verwendete, kann aus einer Reihe von Experimenten bestehen, die zur Erzeugung von Röntgenstrahlen führen. Diese Experimente, Injunktionen oder sozialen Praktiken (unterer rechter Quadrant) werden zu Modellen oder Beispielen von guter Wissenschaft in diesem Bereich. Andere Wissenschaftler verwenden und verändern diese exemplarischen Praktiken und bringen damit mehr Daten, Phänomene oder faktische Ereignisse hervor. Und – ziemlich genau so wie bei Marx (weil sich beide mit der AQAL-Natur der Dinge beschäftigen) – entstehen um diese Basis oder das Paradigma herum (UR) verschiedenen Überbauten, Theorien oder Weltsichten (UL) die von der Basis geformt und bestimmt sind.

Als ein Beispiel: Um die Gesamtheit physikalischer Experimente und Paradigmen herum entstand das gesamte Gebäude der Newton’schen physikalischen Theorie. Das heißt, um die UR-Basis technologischer Produktion entstanden UL-Theorien und -Weltsichten. Oder, um die UR-Basis von Datenproduktion und injunktiven Paradigmen herum (mit ihrer Hervorbringung unterschiedlicher Daten, Erfahrungen und Phänomenen) entstanden verschiedene UL-Theorien, -Überbauten und -Weltsichten, die versuchten, die Gegebenheiten der hervorgebrachten Daten zu erklären. Die Basis oder das Paradigma unterstützt dabei die Feststellung des Bewusstseins des Wissenschaftlers diesbezüglich (so wie die techno-ökonomische Basis ein starker Hinweis auf das Bewusstsein der Menschen in einer Gesellschaft ist – auch wenn, noch einmal, es sich für uns dabei um eine AQAL-Angelegenheit handelt, die weder einen Quadranten, noch Ebenen, Linien oder Zustände dabei privilegiert). Wie wir mit Marx gesehen haben, ist der wesentliche Punkt dabei der, dass materielle Gegebenheiten einer dritten Person [wie Es-Systeme] einen tiefgreifenden Einfluss haben auf Wirklichkeiten einer ersten und zweiten Person.

Dieses Arrangement – die „normale Wissenschaft“ Kuhn’s – funktioniert gut, solange die Daten, hervorgebracht durch die Paradigmen, zur vorherrschenden Weltsicht passen. Die Newton’sche Theorie beispielsweise funktionierte für lange Zeit gut für alle hervorgebrachten Daten. Mit ein paar wenigen Ausnahmen, wie der Strahlung schwarzer Körper. Je anspruchsvollere Experimente entwickelt wurden, desto mehr Daten traten hervor, welche durch die alten Theorien nicht mehr erklärt werden konnten. Die Basis der technologischen Produktion – das neue Paradigma – brachte Erfahrungen hervor, welche die alten Theorien nicht erklären konnten. Die neue Basis brauchte eine neue Weltsicht und die Wissenschaft stand vor einer weiteren „Revolution“ als einer dramatischen Veränderung der Weltsicht, zur Erklärung des Fortschritts in der Tiefe des neuen Paradigmas, welche eine neue Tiefe in der Theoriebildung erforderte.

Ja, dies war wissenschaftlicher Fortschritt, was Kuhn sehr deutlich machte („Ich glaube stark an den wissenschaftlichen Fortschritt.“), und was erneut (richtigerweise, wie ich denke), seine Übereinstimmung mit Marx in diesem wichtigen Punkt betont. (Es gibt einen progressiven Eros in der Abfolge, sonst würden „Revolutionen“ keine Revolutionen sein, sondern lediglich alte Zyklen wiederholen, die nirgendwohin führen).

Natürlich behaupten die heutigen Theoretiker eines „neuen Paradigmas“ – einschließlich der Autoren, die ich erwähnt habe und buchstäblich Hunderte weitere – dass sie ein neues Paradigma haben, doch das ist nicht der Fall. Alles was sie haben ist eine neue Theorie, aber keine neue Basis, keinen neuen Injunktionen, um neue Daten hervorzubringen und keine neuen exemplarischen Beispiele. Diese sehr populäre Version von „Paradigma“ war der Wagen, der das Pferd zieht und präsentierte lediglich eine neue Theorie ohne irgendein neues Paradigma – das heißt, die „neuen Paradigmen“ waren eine Boomeritis-Version von Kuhn’s wichtiger Forschung (siehe dazu Boomeritis Kapitel 8).

Wann immer ein neues (und echtes) Paradigma neue Daten hervorbringt, führt das zu einer Krise alter Weltsichten und Theorien, die nur gelöst werden kann durch eine Zunahme an Tiefe, um mit der erweiterten Tiefe des neuen Paradigmas bzw. der techno-produktiven Basis schrittzuhalten. Ob diese Krise (ein Pradigmen-clash, als ein Aufeinanderprallen unterschiedlicher technologischer Kräfte der Datenproduktion oder ein Aufeinanderprallen von Experimenten und Beispielen welche die bedeutendsten Daten hervorbringen)ob diese Krise nun durch eine offene Revolution oder stillere Reformen (siehe unten) gelöst wird, das Ergebnis ist das gleiche: eine Zunahme an Tiefe sowohl UR als auch UL (und auch OR und OL für alle Betroffenen). Der vierfache Selektionsdruck im AQAL-Raum kommt ins Spiel und bewirkt, dass Eros einen weiteren Schritt macht im kosmischen Spiel. (Dies bedeutet nicht, dass jeglicher Fortschritt schön und einfach ist. Wie wir noch sehen werden, gehen Fortschritt und neue Pathologien oft Hand in Hand, doch diese Tatsache darf kein Grund sein, diejenigen Aspekte von Entwicklung zu leugnen, welche eine echte Zunahme an Tiefe repräsentieren.) Doch halten wir dabei fest, dass ein Aufeinandertreffen von Paradigmen lediglich eine Untergruppe darstellt von einem viel größeren und bedeutenderen Phänomen und dieser Diskussion wenden wir uns jetzt zu.

Legitimationskrise

Ein Aufeinanderprallen von Paradigmen ist ein gutes Beispiel für das, was generell als eine Legitimationskrise bekannt ist.

Zuerst ein paar technische Begriffe. In meiner Arbeit bezieht sich Legitimation auf Adäquatheit horizontaler Übersetzung [translation] und Authentizität bezieht sich auf die Adäquatheit vertikaler Transformation (siehe dazu Der glaubende Mensch, Collected Works 4). Daher ist Authentizität ein Maß für die Tiefe oder Höhe eines Glaubenssystems (in dem Sinn, dass eine türkise Weltsicht authentischer ist als eine blaue Weltsicht) und Legitimität ist ein Maß dafür, wie gut diese Weltsicht auf ihrer eigenen Ebene funktioniert. Eine bestimmte Weltsicht kann sehr legitim sein (in dem sie von den meisten Mitgliedern einer Kultur akzeptiert und unterstützt wird) und wenig authentisch (beispielsweise eine purpurne oder rote Glaubensstruktur). Andererseits können Weltsichten sehr authentisch sein (in dem sie beispielsweise türkise oder schaulogische Kognition repräsentieren) ohne eine große Legitimation (sie werden von der herrschenden Klasse nicht akzeptiert).

Eine Legitimationskrise im weitesten Sinn ist ein Zusammenbruch der Adäquatheit einer bestimmten Weise von Übersetzung und Welterklärung – als ein Zusammenbruch der Adäquatheit einer bestimmten Weltsicht und ihrer Fähigkeit, einen Zusammenhalt zu schaffen. Dies kann sich in jeder Kultur oder Subkultur ereignen (einschließlich der wissenschaftlichen, wie wir gerade gesehen haben), doch es ist im politischen Bereich von besonderer Bedeutung. Eine regierende Institution (Häuptling, Herrscher, Monarch, Plutokratie, Aristokratie, Demokratie usw.) ist dann legitim, wenn sie weitgehend von den Regierten akzeptiert ist (oder wenn es alternativ gute rechtlich/moralische Gründe für ihre Unterstützung gibt). Legitimation ist der Prozess, durch den die Mitglieder einer Gesellschaft denen, die sie regieren, glauben (und ihnen folgen). Theorien von Legitimität versuchen zu erklären (und/oder zu rechtfertigen), warum ein bestimmtes Regierungssystem die Akzeptanz und Gefolgschaft ihrer Mitglieder hat (die Gründe für diese Akzeptanz reichen über ein Spektrum von reiner Funktionalität bis zu substanzielleren Begründungen).

Eine politische Legitimationskrise ist daher eine soziokulturelle Krise der vorherrschenden Arten von Übersetzung und Erklärung (auf welcher Stufe auch immer) hinsichtlich des Regierungssystems dieser Kultur (dabei kann es sich um eine politische, wissenschaftliche, medizinische, pädagogische usw. Kultur handeln). Eine Legitimationskrise ist im weitesten Sinn eine Vertrauenskrise in die vorherrschende Weltsicht und die Regierenden, welche diese Weltsicht repräsentieren xii (12).

Zur Jahrhundertwende [1900] schrieb Max Weber ein extrem einflussreiches Werk (Wirtschaft und Gesellschaft), in dem er drei Hauptquellen politischer Legitimität identifizierte (als Gründe warum Menschen einem bestimmten Regierungssystem folgen): Gewohnheiten oder Traditionen, rechtlich-rationale Verfahren (wie z. B. Wahlen) und individuelles Charisma. Auch wenn diese drei Quellen politischer Legitimität tatsächlich existieren, war Weber’s Analyse dieser Quellen von Legitimität weitgehend funktional – das heißt, diese Quellen wurden nicht als gut oder richtig angesehen, sondern lediglich als welche, die funktionierten. Diese im Wesentlichen funktionale Sichtweise von Legitimität (implizit oder explizit) wird weiterhin von den meisten Systemtheoretikern fortgesetzt, einschließlich einem so berühmten wie Niklas Luhmann.

Andere Theoretiker waren irritiert durch die reine Funktionalität von Webers Analyse, ohne moralische oder normative Aussagen (welche dazu führt, dass den Nazis Legitimität bestätigt werden kann, so lange das System funktioniert – d. h. beim Funktionalismus ist die Legitimität reduziert auf die Fähigkeit des Staates, einen Glauben an seine Legitimität zu erzeugen. Dies ist die übliche systemtheoretische Reduktion aller linksseitigen Werte auf UR funktionales Passen). Es wurden daher andere Sichtweisen auf Legitimität und ihre Rechtfertigung hinzugefügt, speziell solche, die auf Rechten basieren (von Hobbes zu Locke zu Kant zu Rawls zu Habermas). Bei dieser Sichtweise ist ein Regierungssystem legitim (und verdient die Gefolgschaft seiner Mitglieder), wenn es bestimmte Menschenrechte garantiert, die üblicherweise durch eine Art von Sozialvertrag zwischen Regierenden und Regierten festgelegt sind. Auf diesen wichtigen Punkt werden wir gleich zurückkommen.

Ein fünfter Grund für Legitimität kann noch hinzugefügt werden, als ein postmoderner Grund. Dieser verwirft jegliche universellen Rechtfertigungsgründe und kehrt unter dem Banner von Pluralität und Vielfalt zu lokalen Traditionen zurück (und an dieser Stelle unterscheidet er sich nicht mehr von der ersten Form von Legitimität, als der von Gewohnheiten und Traditionen, was zu einer Rechtfertigung jeglicher Form lokaler Barbarei führt: Hier endet der Postmodernismus in einer regressiven Degeneration).

Alle diese Quellen und Sichtweisen von Legitimität (zu Recht oder Unrecht) sind in der heutigen Welt gegenwärtig, einschließlich traditioneller Gewohnheiten, charismatischer Führung und impliziten oder expliziten Sozialverträgen. Eine Legitimationskrise tritt auf, wenn der Glaube in die regierende Weltsicht und ihre Repräsentanten zusammenzubrechen beginnt. Dieser Zusammenbruch ist in jeder Hinsicht eine AQAL-Angelegenheit – Faktoren aus allen Quadranten, Ebenen, Linien, Zuständen und Typen kommen dabei ins Spiel, zusammengefasst als ein „Selektionsdruck in allen vier Quadranten“. Und wenn die Turbulenzen groß genug sind, dann werden oft „gesellschaftliche Revolutionen“ in Bewegung gesetzt.

Gesellschaftliche Revolutionen

Im Laufe einer verbreiteten politischen Legitimationskrise (wie auch bei tiefgreifenden Wissenschaftskrisen), wenn die Turbulenzen in der AQAL-Matrix eine kritischen Punkt erreichen, brechen die Übersetzungen [translation] zusammen, und es folgt eine Transformation – horizontale Erklärungen und Begründungen funktionieren nicht mehr und eine vertikale Transformation zu neuen Modi ist notwendig, um dem neuen Selektionsdruck zu begegnen.

Doch „gesellschaftliche Transformation“ kann sowohl progressiv als auch regressiv sein. Das heißt, die vertikalen Ebenenbewegungen können zu einem Durchbruch, aber auch zu einem Zusammenbruch führen, als ein Sprung zu höheren Ebenen organisatorischer Komplexität oder zu niedrigeren, weniger komplexen und primitiveren Ebenen. Es gibt Beispiele für beides.

Gleichzeitig sind viele „gesellschaftliche Revolutionen“ weder höher noch niedriger; sie stellen lediglich eine neue Weise von Übersetzung auf der gleichen Ebene von Kultur, Bewusstsein und Komplexität dar. Die ursprüngliche Bedeutung von „Revolution“ war nicht progressiv oder transformatorisch, sondern lediglich zirkulär. Das bedeutet, dass für praktisch alle politischen Theoretiker der Geschichte eine gesellschaftliche oder politische „Revolution“ nicht in einem großen Durchbruch zu einer höheren oder tieferen Ebene bestand, sondern lediglich eine zyklisch, zirkuläre und sich drehende [revolving] Angelegenheit war. Das Wort „Revolution“ kommt von „revolving“ und bedeutet genau dies: „Ein immer wieder Gleiches“ wiederholt sich, ohne irgendwo hinzugelangen. Plato und Aristoteles analysierten die zyklischen Veränderungen in Regierungen von Aristokratien zu Tyranneien zu Demokratien und zurück. Gelehrte der Renaissance in Italien führten den Begriff revoluziones ein, um alternierende Muster von bürgerlichen und aristokratischen Fraktionen zu beschreiben. Thomas Hobbes verwandte das englische Wort revolution, um einen zirkulären Machttransfer vom König zum Parlament und zurück zu beschreiben. Keiner dieser Veränderungen wurde als progressiv, andauernd oder transformatorisch angesehen.

Und dann wurde, erstmals in der Geschichte, das Wort „Revolution“ von einem politischen Theoretiker zur Beschreibung einer vertikalen Bewegung zu höheren Ebenen von Sein und Regierung benutzt. Wer war dieser Theoretiker? Es waren – und das ist keine Überraschung – Karl Marx (und Friederich Engels), im Kommunistischen Manifest (1848), als einem Versuch zu demonstrieren, dass die gesamte Geschichte eine Abfolge von Revolutionen ist (oder höherer Transformationen), gebunden an den ökonomischen Fortschritt. Diejenigen, die an Transformation und neue Paradigmen glauben, sprechen seitdem über das „revolutionäre“ ihrer neuen Ideen.

Marx war einer Reihe von bleibenden Einsichten auf der Spur. Zu allererst schrieb er im Erwachen der historischen Erkenntnis, dass Geschichte eine Bedeutung hat: Das ist die Erkenntnis, dass die Evolution alle Bereiche der manifesten Welt berührt. Diese entscheidende Einsicht, hervorgebracht zuerst durch die orange Wahrscheinlichkeitswelle – und verstärkt durch Gelb – brachte die tiefgreifenden Veränderung im Verstehen der Menschheit ihrer selbst voran, welche sich im Auftauchen evolutionärer Interpretationen des Kosmos zeigten, von der Biologie (Darwin) zur Soziologie (Spencer, Comte) zur Psychologie (Baldwin) zur Philosophie (Schelling, Hegel): Nicht nur Spezies, sondern auch Ideen entwickeln sich und haben eine Geschichte.

Es war Marx spezieller Genius, diese evolutionären historischen Entwicklungen mit den techno-ökonomischen Strukturen in Verbindung zu setzen (auch wenn er dabei ein wenig zu weit gegangen ist). Daher ist es immer eine gute Idee, sich mit Marx zu beschäftigen, wenn wir über soziale „Transformationen“ und „Revolutionen“ sprechen, weil sich die Diskussion anderenfalls lediglich um andere Ideen, ein anderes Bewusstsein oder Kulturen dreht, ohne ein Verständnis der absoluten Notwendigkeit auch realer Veränderungen der sozial-materiellen Verhältnisse im unteren rechten Quadranten. (Wie wir gesehen haben, ist eine wirkliches Paradigma eine UR-soziale Praxis und nicht eine UL-Weltsicht – und wie bereits gesagt, haben materielle Verhältnisse einen tiefgreifenden Einfluss auf Wirklichkeiten der ersten und zweiten Person – und es war Marx der zuerst diesen ganz entscheidenden Punkt entdeckte).

Für Marx war Geschichte daher (zumindest teilweise) gekennzeichnet durch eine Reihe von Revolutionen, verbunden mit progressiven (oder vertikal transformativen) Veränderungen der techno-ökonomischen Fähigkeiten. Bei jedem Schritt wurde eine frühere, primitivere und oft unterdrückende ökonomische Klasse (mit überholten Weltsichten, Philosophien und Glaubenssystemen), die von der alten techno-ökonomischen Basis profitierte, abgelöst durch eine neu emporstrebende Klasse, die ihre Macht von weiter entwickelten Kräften techno-ökonomischer Produktion bezog. Der wichtige Wahrheitsaspekt darin ist, dass es in der Tat einen langsamen und übergreifenden Eros in dieser Entwicklungssequenz gibt – es gibt eine allmähliche Zunahme von Entwicklungstiefe in der Kognition, der Kultur und den techno-ökonomischen Kräften der Produktion (vom Faustkeil zum Speer zum Pflug zur Dampfmaschine zum Computer). Und wenn eine spezielle gesellschaftliche Krise sich an der Schwelle zu einer dieser Übergänge zu mehr Entwicklungstiefe ereignet, dann ist das Einzige, was die Spannungen und Turbulenzen im AQAL-Raum zu lösen imstande ist, eine vertikale Transformation und kulturelle Revolution (oder zumindest eine tiefgreifende kulturelle Reform). Die einzig wirkliche Kur für eine Legitimationskrise ist eine Zunahme an Authentizität.

Marx ursprüngliche Einsicht in diesen Vorgang stimmt und bleibt bestehen. Doch auch wenn Marx allgemeine Ideen, wie auch bei Freud, sehr solide waren, irrte er sich doch in fast jedem Detail. Sein notorischer Reduktionismus, wie auch der von Freud, ist etwas, das wir mit Freude hinter uns lassen können. Marx Aussage von vorhin: „Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt“ – ist besonders interessant, wenn die Bedeutung des Wortes „bestimmt“ in Richtung „verursacht“ geht, was jedoch niemals der Fall ist. Was geschieht, ist, dass die sozio-ökonomischen Wirklichkeiten UR ein Teil der wesentlichen Elemente sind, die ein jedes Ereignis tetra-bestimmen. Genau aus diesem (eingeschränkten) Grund sind Marx Einsichten ein wichtiger Teil jeder AQAL-Analyse sozialer Transformation und kultureller Revolution. Jede bleibende Revolution, jede Transformation, jede Kultur- und Bewusstseinsbewegung hat notwendigerweise eine UR-Komponente, und wenn diese Komponente nicht erkannt wird, dann läuft jeder Anspruch eines neuen Paradigmas, einer großen Transformation oder irgendetwas Neuem oder revolutionären ins Leere.

Die meisten politischen „Revolutionen“ ereigneten sich jedoch nicht an der Schwelle einer wirklichen vertikalen Bewegung in einem der Quadranten. Wie die Mutationen der Natur sind politische Revolutionen meist nicht überlebensfähig, nicht nützlich, oder sie sind das, was ihr Name ursprünglich bedeutet, lediglich eine zirkuläre oder oberflächliche Veränderung im Rahmen einer bestehenden Ordnung (d. h. es sind Oberflächenstrukturen, die sich in den gleichen Tiefenstrukturen des AQAL-Raumes bewegen). Nur sehr wenige wirkliche Revolutionen finden an der Spitze der Evolution statt. Die amerikanische Revolution erwischte die beginnende neue Welle von blau-traditionell zu orange-modern und repräsentierte daher eine tiefgreifenden vertikale Transformation. Doch im zwanzigsten Jahrhundert gab es über Einhundert „Revolutionen“ – und bei den meisten davon wurden die Karten auf eine barbarische Weise neu gemischt.

Mit den Worten eines Historikers, „Das vielleicht Auffälligste an Revolutionen in diesem Jahrhundert ist ihre Anzahl und Vielfalt. Von Anfang bis Ende haben in jeder Ecke der Welt Revolutionen das politische Leben geformt.“ Mexiko, Saudi Arabien, China, Türkei, Iran, Russland, Deutschland, Polen, Ungarn, Tschechoslowakei, Vietnam, Algerien, Nicaragua, Argentinien, der Kongo, Zimbabwe, Kuba, Kolumbien, Portugal, die Philippinen, Kambodscha – die Liste ist praktisch endlos. Doch nur wenige dieser Revolutionen standen in Verbindung mit einer vertikalen Aufwärtsbewegung in einem der Quadranten, sie waren „zyklisch“ oder Veränderungen in der Oberflächenstruktur im gleichen AQAL-Raum. Man kann sie, wenn man so will, als „horizontale Revolutionen“ bezeichnen.

Historiker wie Jack Goldstone haben vier Hauptfaktoren für die meisten dieser horizontalen Revolutionen identifiziert, und je mehr von diesen Faktoren man in der AQAL-Konfiguration einer Kultur findet, desto wahrscheinlicher gibt es eine (horizontale) politische Revolution:

  1. Eine geschwächte Regierung, meist aus ökonomischen Gründen. Diese Schwäche eröffnet revolutionäre Möglichkeiten.

  2. Eine Veränderung im Machtverhältnis der Haupteliten in dieser Kultur untereinander. Zu den typischen Eliten gehören Armeeoffiziere, politische Führer, hochrangige Bürokraten, kulturelle und religiöse Führer, Industrie- und Arbeiterführer und Intellektuelle. Diese Eliten stehen miteinander im Wettbewerb um die Macht, nach den bestehenden impliziten „Spielregeln“ dieser Kultur. Manchmal gibt es Veränderungen, bei der eine Elite die Kontrolle übernimmt oder eine neue Elite auftaucht – „so dass Führung eine Voraussetzung für Revolutionen darstellt“ (Goldstone, Revolution and Rebellion in the Early Modern World). Zu diesen Umwälzungen der AQAL-Matrix innerhalb der Eliten trägt der internationale Austausch von Waren, Ideen, Investitionen, Entwicklungshilfe, militärischer Unterstützung und neuer ökonomischer Möglichkeiten bei.

  3. Ein hohes Bevölkerungswachstum mit der Tendenz, Armut zu erhöhen und Ressourcen zu erschöpfen, trifft Arbeiter und Bauern und bringt die Regierung unter Druck.

  4. Unberechenbare internationale Interventionen. Internationaler Konsens kann Revolutionen stoppen, und das Fehlen dieses Konsenses kann sie fördern.

Empirisch war es so: Je mehr dieser Faktoren in einer Gesellschaft auftraten, desto wahrscheinlicher waren Revolutionen. Wir würden sagen, je mehr dieser Faktoren in einer AQAL-Konstellation einer Gesellschaft auftreten, desto wahrscheinlicher ist es, dass in dieser AQAL-Konstellation, als einem konkreten Ereignis, eine Legitimationskrise zum Ausbruch kommt, die dann zu einer (horizontalen) politisch-sozialen Revolution wird.

Die Gelehrten stimmen darin überein, dass derartige Revolutionen Nationalismus, Massenmobilisierungen und die Staatsmacht insgesamt fördern, was oft zu Krieg führt, als einem häufigen Nebenprodukt von Revolution.

Die einzigen Orte in der heutigen Welt, die von diesen vier Faktoren nicht betroffen sind, sind Europa und Nordamerika, was bedeutet, dass der Rest der Welt darunter weiter leidet, mit weiterhin gewaltsamen revolutionären Veränderungen.

Abgesehen von den Weltkriegen entstand das meiste menschliche Leid im zwanzigsten Jahrhundert durch Revolutionen und deren Versuchen, revolutionäre Institutionen zu errichten: in der Sowjetunion, in Ost- und Zentraleuropa, in China, Afrika, Asien und Kambodscha. Viele Millionen Menschen wurden exekutiert, verhungerten, wurden eingesperrt und gefoltert bei der Errichtung revolutionärer Staaten, die Menschen Souveränität versprachen in Situationen, wo Menschen nicht einmal in der Lage waren, den Wunsch danach haben zu können.

Die Schwierigkeit für „Revolutionäre“ aller Couleur – politisch zu akademisch zu kulturell – ist, zu erkennen, dass eine authentische Revolution in jeder Hinsicht eine AQAL-Angelegenheit ist. Sie erfordert nicht nur ein „neues Paradigma“, nicht nur eine neue Weltsicht, nicht nur eine neue techno-ökonomische Basis, nicht nur ein neues soziales System, und nicht nur eine Reihe neuer Ideen – sondern all dies zusammen. Geschieht das nicht, enden soziale Revolutionen oft in einem Gemetzel der einen oder anderen Art.

Der fünfte Faktor

Was oft auch im Hinblick auf das Verständnis sozialer Transformation fehlt, ist der Alle-Ebenen-Aspekt der AQAL-Parameter. Eine Zunahme von äußerer oder sozialer Entwicklung kann nur aufrechterhalten werden bei einer entsprechenden Zunahme innerer Entwicklung von Bewusstheit und Kultur. Etabliert man lediglich eine neue Regierungsform, ein neues politisches System oder eine neues System der Umverteilung, ohne eine entsprechende Entwicklung in den Ebenen der innerer Dimensionen des Bewusstseins, dann wird dies, so zeigt die Historie, zu einem Fehlschlag.

Die Vorstellung von einem Sozialvertrag (als die Basis der meisten entwickelten Demokratien, einschließlich der heutigen repräsentativen Demokratien) ist ein Ergebnis einer Stufe 5 moralischer Entwicklung (Orange oder höher). Doch die orange Wahrscheinlichkeitswelle ist auf breiterer Basis erst vor drei Jahrhunderten erschienen. Daher ist es kein Zufall, dass demokratische Regierungssysteme (mit einem Sozialvertrag) relativ neue Entwicklungen der menschlichen Evolution sind, die erst nach der westlichen Aufklärung in größerem Umfang in Erscheinung getreten sind. Dies war eine historische Emergenz der orangen Wahrscheinlichkeitswelle der linksseitigen Quadranten (bei Gebser die Bewegung vom Mythischen zum Mentalen), verbunden mit tiefgreifenden Fortschritten technologisch-kognitiver Fähigkeiten, wie beispielsweise der Dampfmaschine oder der Windmühle (in den rechtsseitigen Quadranten), als einem Einwirken des Eros in die Abfolge historischer Entwicklungsentfaltung. Dadurch erhöhte sich die Wahrscheinlichkeit deutlich, dass zumindest einige der Revolutionen, die zu dieser Zeit stattfanden, bedeutende vertikale und transformative Entwicklungen beinhalten würden.

Das heißt, der fünfte Faktor als die bedeutende Zunahme an Tiefe in jedem der Quadranten in einer gegebenen AQAL-Situation einer Gesellschaft – zusätzlich zu den anderen vier Faktoren (wie oben beschrieben) – erhöhte substanziell die Wahrscheinlichkeit, dass eine lediglich horizontale Revolution auch die Möglichkeiten für eine vertikale Revolution eröffnete.

Wenn die AQAL-Konfiguration einer Gesellschaft, mit anderen Worten, die Standardrisikofaktoren einer horizontalen Revolution aufweist, plus dem fünften Faktor (als einer Zunahme an Tiefe in einem der Quadranten), dann enthält der AQAL-Selektionsdruck ein Element von Eros (als einem morphogenetischen Zug zu mehr Tiefe, Komplexität, Bewusstheit und Fürsorge). Auf diese Weise wird der AQAL-Selektionsdruck eine Zunahme an Authentizität in allen Quadranten bewirken, als eine Zunahme in der Entwicklung der Bewusstseinsebenen von Kultur und Komplexität, weil nur durch eine Zunahme an Tiefe (als einer Zunahme an Authentizität) in allen Quadranten die Spannungen und Turbulenzen durch den Zusammenbruch der Übersetzungsprozesse als Zeichen einer Legitimationskrise gelöst werden können. Die effektive Zunahme an Tiefe in jedem der Quadranten erzeugt eine Spannung, die nur gelöst werden kann durch eine entsprechende Zunahme an Tiefe in den anderen Quadranten.

Wie genau diese Lösung aussieht und welche neuen Konfigurationen sich dabei bilden werden zur Überwindung des Selektionsdrucks im AQAL-Raum, kann nicht im Vorhinein vorausgesagt werden (aufgrund der Natur der kreativen Neuheit aller vertikalen Transformation und authentischen Emergenz. Wenn wir es vorhersagen könnten, wäre es keine Emergenz). Doch wie bei jeder komplexen vertikalen Transformation kann der Weg, den diese genommen hat, hinterher durch entsprechende Untersuchungen rekonstruiert werden, so dass wir verstehen, was sich ereignet hat, mit einer AQAL-Interpretation, die uns dabei hilft zu verstehen, warum und wie es sich ereignet hat.

Große vertikale Transformationen sind relativ selten, vor allem wenn sie sich weit verbreiten. Historiker, die sich der Vertikalität bewusst sind (im Bewusstsein, der Kultur und Komplexität – das heißt in jedem der Quadranten) haben etwa ein halbes Dutzend wirklich tiefgreifender Transformationen beschrieben (z. B. Jagen und Sammeln-magisch, Gartenbau-mythisch-früh, Ackerbau-mythisch-spät, industriell-rational, informationell-pluralistisch) (13xiii). Marx konzentrierte sich auf die vertikalen Bewegungen der techno-ökonomischen Modi (dem unteren rechten Quadranten), als einer entscheidend wichtigen Dimension gesellschaftlicher Veränderungen, weil die Mitglieder einer Gesellschaft ständig von techno-ökonomischen materiellen Gegebenheiten umgeben sind (sie sind, wie in der Endnote erwähnt, wahrscheinlich der stärkste einzelne Bestimmungsfaktor des durchschnittlichen Bewusstseins in einer Kultur) xiv (14). Gerhard Lenski’s Arbeit zu den Stufen techno-ökonomischer Entwicklung ist die wahrscheinlich gründlichste in dieser Entwicklungslinie, und diese techno-ökonomischen Stufen sind mittlerweile weitgehend unstrittig unter Gelehrten: Jagen und Sammeln, Gartenbau, Ackerbau, industriell und informationell (mit Seitenlinien zu maritim und Herdenhaltung, beide etwa auf einer Ebene von Gartenbau bis Ackerbau). Diese Stufen sind auch der Standard meiner eigenen Version des unteren rechten Quadranten in der AQAL-Matrix.

Es war Jean Gebser, der die erste überzeugende Darstellung der entsprechenden kulturellen Transformationen im unteren linken Quadranten gab (Durchbrüche zu dieser Einsicht wurden vorher von Theoretikern von Schelling zu Hegel zu James Mark Baldwin gemacht wurden). Auch wenn Gebser keine klare Vorstellung von den Bezügen zu den Produktionsmodi hatte (d. h. der Ansatz von Gebser war prä-quadrantisch), sind seine Stufen kultureller Transformation einschließlich der Transformation der Weltsichten unbestritten unter den entsprechenden Gelehrten. (Wenngleich es hinsichtlich der Interpretation ihrer Bedeutung Unterschiede gibt): archaisch (Beige), magisch (Purpur), frühes mythisch (Rot), spätes mythisch (Blau), mental-rational (Orange), integral-aperspektivisch (Grün und höher, vor allem Gelb). Diese allgemeinen Stufen (verstanden als Wahrscheinlichkeitswellen) sind eine einflussreiche Möglichkeit der Interpretation des unteren linken Quadranten in der AQAL-Matrix.

Mit dem erstmaligen Auftreten dieser kulturellen Weltsichten konnte die Ebene kognitiver Komplexität, die darin steckt, in ihrer Ausrichtung auf die äußere Welt entsprechende Modi techno-ökonomischer Produktion hervorbringen (was wiederum diese Tiefenebene den Anwendern dieser Modi einimpfte). Wenn die interobjektive Dimension eines konkreten Ereignisses als Jagen und Sammeln auftritt, dann erscheint die intersubjektive Dimension als eine archaisch-magische Weltsicht. Tritt die interobjektive Dimension als Gartenbau in Erscheinung, dann tendiert die intersubjektive Dimension zum frühen Mythischen, und entsprechend Landwirtschaft – spätes Mythisch, industriell – mental-rational, informationell – integral-aperspektivisch.

Ich habe in Bezug auf diese Entsprechungen von ihrem „erstmaligen Auftreten“ gesprochen. Worum es bei diesen techno-ökonomischen Modi vor allem geht ist, dass wenn sie einmal von einer bestimmten Bewusstseinsebene hergestellt wurden, sie dann von praktisch jeder der Bewusstseinsebenen verwendet werden können (unabhängig davon, ob diese Ebenen diese Modi auch selbst erzeugen können). Einer der Schrecken der modernen Welt ist daher, dass ethnozentrische Stämme, die selbst nur Pfeil und Bogen herstellen können, nun in den Besitz von oranger Technologie gelangen, einschließlich Nuklearwaffen, und dass so eine Verbindung entsteht zwischen einer sehr niedrigen moralischen Entwicklung mit einer sehr hohen techno-kognitiven Entwicklung. Die meisten Alpträume des zwanzigsten Jahrhunderts – von Auschwitz bis zum Gulag –, die oft der Moderne zugeschrieben wurden, sind das Ergebnis eines vormodernen Bewusstseins, welches in den Besitz moderner Waffen gelangte. Es ist diese Möglichkeit einer klaffenden Lücke zwischen UL und UR, die Marx zu einigen seiner echten Einsichten brachte (d. h. ein neues und weiter entwickeltes techno-ökonomisches Paradigmas bringt das alte Paradigma und die von ihm unterstützten Weltsichten in eine Legitimationskrise, die nur durch eine entsprechende vertikale Transformation der kulturellen Weltsichten, die dem neuen Paradigma entsprechen, gelöst werden kann).

Worauf es mir im Augenblick ankommt ist, dass wenn einmal ein materielles Artefakt (einschließlich eines Produktionsmodus) durch eine entsprechende Ebene des Bewusstseins und der Kognition hergestellt wird, dass dieses Artefakt dann ein Eigenleben annehmen kann. Auch wenn das Artefakt (und der Produktionsmodus), weil es eine bestimmte Ebene von Kognition verkörpert, immer die Tendenz haben wird, die entsprechende Bewusstseinsebene im Anwender des Artefakts hervorzurufen, ist dies doch in keiner Weise eine kausal-deterministische Angelegenheit (jedenfalls nicht nach dem Auftreten des Artefaktes). Ethnozentrische Stämme können Gaskammern einsetzen, auch wenn sie nicht die kognitive Fähigkeit haben, diese herzustellen. Dies ist das Grauen einer auseinandergelaufenen Entwicklung, die genau deshalb möglich ist, weil materielle Artefakte und das Bewusstsein, welches diese produzierte, ein Eigenleben annehmen können. „Ebenen und Linien“ werden in der heutigen Welt so zu einem Alptraum globalen Ausmaßes: Eine hohe technologische Entwicklung und eine geringe moralische Entwicklung in Kombination führen direkt zu Wounded Knee, Dachau, Treblinka, Sobibor und zum 11. September.

Eros und Authentizität

Wir haben gesehen, dass, wenn einer der vier wichtigsten soziokulturellen Faktoren auftritt, die Wahrscheinlichkeit sozialer Revolutionen steigt. Wir haben dann noch gesehen, dass, wenn man einen fünften Faktor hinzugefügt (und zwar eine vertikale Zunahme an Tiefe in einem der Quadranten der AQAL-Konfiguration einer bestimmten Gesellschaft), durch diesen zusätzlichen Selektionsdruck nicht nur eine zirkuläre („revolving“) und translationale Veränderung in den Oberflächenstrukturen geschieht, sondern sich eine vertikale oder authentisch revolutionäre transformatorische Veränderung in den Tiefenstrukturen ereignet (entsprechend dem morphogenetischen Gradienten zunehmender Komplexität und Bewusstheit, auch Eros genannt).

Wie sich herausstellt, sind diese (sehr seltenen) vertikalen sozialen Transformationen (es hat bisher lediglich etwa ein halbes Dutzend davon gegeben) nicht notwendigerweise von dramatisch revolutionärer Art, sondern eher leisere Reformen. Beides ereignet sich und hat sich auch historisch ereignet. Die vertikale Bewegung von Blau (später mythischer Ackerbau) zu Orange (industriell-rational) beispielsweise, und ihre entsprechende Bewegung von einer feudal-aristokratischen Monarchie zu einem impliziten Sozialvertrag, wurde von Revolutionen begleitet wie der Amerikanischen Revolution (die relativ erfolgreich war, aufgrund starker Faktoren in allen vier Quadranten), der Französischen Revolution (die auf schlimme Weise scheiterte und zurückfiel in ein napoleonisches Blau), die Russische Revolution (die aufgrund einer vor-industriellen AQAL-Konfiguration keine Chance hatte), und die Chinesische Revolution (die schließlich das konfuzianische Blau durch ein marxistisches Blau ersetzte und es industrialisierte). Während Revolutionen diesbezüglich wenig Gutes aufzuweisen haben, waren Reformbewegung, welche die gleiche vertikale Bewegung vollzogen, schon erfolgreicher. Preußen (von 1806 – 1812) und England (von 1828 – 1832) verwirklichten durch relativ stille Reformen anstatt offener Revolten viele der quadrantischen Potenziale der orangen Wahrscheinlichkeitswelle, einschließlich einer Verringerung der Privilegien der Aristokratie, einem erweiterten Bürgertum und einem fortschrittlichen politischen und ökonomischen Umbau. Diese Reformen waren „revolutionär“ im Sinne einer tiefgreifenden, vertikalen Transformation, doch sie waren nicht „revolutionär“ im offenen revolutionären Sinn eines politischen Umsturzes, Krieges oder physischer Auseinandersetzungen.

Doch ob die vertikale Transformation nun durch Revolution oder Reform stattfindet, der wesentliche Punkt bei beidem war, dass eine Mehrheit der führenden Elite sich bereits auf der orangen Wahrscheinlichkeitswelle befindet. Jede tiefgreifende soziale Transformation wird von einer Elite initiiert und geleitet, und diese Elite, im Fall einer echten vertikalen Transformation, muss ihrerseits schon auf dieser neuen und auftauchenden Bewusstseinswelle schwimmen (in diesem Fall orange). Wenn dies nicht der Fall ist, dann ist die Revolution/Reform lediglich eine alte zirkuläre oder zyklische Bewegung, als eine Veränderung in den Oberflächenstrukturen der AQAL-Konfiguration dieser Gesellschaft. Repräsentiert jedoch eine Mehrheit der Elite die neu auftauchende Wahrscheinlichkeitswelle, dann wird der fünfte Faktor in die zunehmend chaotische Translation der AQAL-Landschaft eingeführt und der Selektionsdruck arbeitet in Richtung einer vertikalen Transformation zu einer neueren und höheren Raum-Zeit-Nische, als einer neueren und höheren Wahrscheinlichkeitswelle der Kaskaden des AQAL-Ozeans. Die Legitimationskrise ist schließlich gelöst durch eine Zunahme an Authentizität.

Darüber hinaus befand sich im Fall der erfolgreichen modernen Revolution/Reform auch schon ein beachtlicher Anteil der Bevölkerung auf der orangen Wahrscheinlichkeitswelle (zumindest auf der kognitiven Linie). Wie die Geschichte immer wieder demonstriert hat, führt die Einrichtung einer neuen Regierungsform (z.B. einer Regierungsform von der orangen Wahrscheinlichkeitswelle) nicht zum Guten, wenn das Bewusstsein der Bevölkerung sich noch weit weg von dieser Welle befindet. Repräsentative Demokratie ist ein Regierungssystem, dessen Souveränität auf den Holons der orangen Wahrscheinlichkeitswelle begründet ist. Eine solche Demokratie hat es bei Blau, Rot oder Purpur nie gegeben. Repräsentative Demokratien und ihre Reformen gibt es etwa erst seit 300 Jahren in einer andauernden Weise. Sie datieren mit der westlichen Aufklärung und dem Auftauchen der orangen Wahrscheinlichkeitswelle in größerem Umfang.

Daher war es im zwanzigsten Jahrhundert so, dass, wo immer westliche industrielle Demokratien versucht haben auf orangen Sozialverträgen basierende Demokratien in rote Gesellschaften einzuführen, das Ergebnis immer die „Wahl“ roter Militärregime war. Kommunistische Aufstände versuchten ihrerseits den Sozialismus in rote Gesellschaften einzuführen und das Ergebnis waren erneut rote Militärdiktaturen. Äußere Entwicklungen (in sozialen Strukturen und Institutionen) erfordern eine entsprechende innere Entwicklung (in Bewusstsein und Kultur), um nachhaltig sein zu können. Das Erzwingen „demokratischen“ Verhaltens von einer Bevölkerung ohne ein entsprechendes inneres Wachstum ist nutzlos (was man nur durch die Verwendung von einer AQAL-Analyse oder etwas Ähnlichem erkennen kann).

Zusammenfassung: Eros und Revolution

Dies ist lediglich eine andere Weise, auf die Tatsache hinzuweisen, dass die meistern „Revolutionen“, „Transformationen“ oder „neue Paradigmen“ ähnlich wie Mutationen üblicherweise nicht überlebensfähig sind (oder bestenfalls ohne Konsequenzen bleiben). Sie tragen zu nichts bei, was der Grund dafür ist, dass die ursprüngliche Bedeutung von „Revolution“ ein „zirkuläres oder zyklisches Nirgendwohin“ bedeutete. Doch ein Teil der Brillanz von Marx (und den Idealisten) bestand darin zu erkennen, dass hier, langfristig betrachtet, ein Eros in einer evolutionären Abfolge wirkt. Eine langsame und unregelmäßige, jedoch unmissverständliche Zunahme an Entwicklungstiefe und evolutionärer Entfaltung, mit Möglichkeiten neuer und authentischerer Seinsweisen, Bewusstheit, Kultur und Politik, allmählich hervortretend aus einer chaotischen, schäumenden und führenden Wahrscheinlichkeitskonfiguration der AQAL-Matrix in jeder Gesellschaft. Diese neue Emergenz (in jedem der Quadranten) wirft die alten Formen des Seins in eine destabilisierende Legitimitätskrise, welche, wenn sie tiefgreifend genug ist, nur durch eine Zunahme an Authentizität gelöst werden kann. Wir haben gesehen, dass sich in der ursprünglichen marxistischen Version eine Legitimationskrise dann ereignet, wenn der Überbau (die Produktionsverhältnisse) nicht mehr zu den Fortschritten der Basis passen (den Produktivkräften) und daher die Sinn- und Bedeutungsstruktur dieser Kultur nicht mehr glaubwürdig unterstützt wird. Die vorherrschende Weltsicht – und die Herrschaftsstrukturen – erleiden einen Verlust an Legitimität und Glaubwürdigkeit. Die intersubjektive Bedeutung (UL) passt nicht mehr zu den interobjektiven sozialen Realitäten (UR), und daher wird die gesamte Kultur von einer tiefgreifenden Legitimitätskrise erschüttert xv (15). Sinn und Bedeutung passen nicht mehr zu den Fakten, Wahrheit passt nicht mehr zu Wahrhaftigkeit, Semantik und Syntax sind aus dem Gleichgewicht geraten, Basis und Überbau unterstützen sich nicht mehr. Etwas muss geschehen, wenn der vierfache Selektionsdruck auf die wilden Turbulenzen der gestörten AQAL-Matrix trifft.

Wir haben auch gesehen, dass in der wissenschaftlichen Welt die alten Theorien (der alte Überbau), entstanden aus den alten sozialen Praktiken und Paradigmen (der alten Basis), nicht mehr zu den neueren und ungewöhnlichen Fakten passen. Ein neues Paradigma (d. h. eine Reihe neuer wissenschaftlicher Experimente und verhaltensorientierter Injunktionen) haben neue Daten, Evidenz und Erfahrungen hervorgebracht, die nicht mehr durch die alten Theorien erklärt werden können. Die alten Theorien stecken daher in einer Legitimationskrise. Ihre Bedeutungsstruktur (UL) passt nicht mehr funktional zu der neuen materiellen Evidenz (UR). Alte Semantik und neue Syntax prallen aufeinander und nur eine Reihe neuer Theorien und bedeutungsgebenden Strukturen kann Antworten hervorbringen auf die Fakten, welche durch neue wissenschaftliche Produktionsweisen entstanden sind (d.h. die neuen Paradigmen, welche neue Arten von Daten oder Evidenz schaffen und hervorbringen). So entsteht eine wissenschaftliche Revolution (oder zumindest eine tiefgreifende Reformation) mit einer neuen Reihe von Theorien und Bedeutungsstrukturen (UL), die zu den neuen Arten wissenschaftlicher Datenproduktion (UR) passen, so dass die neue wissenschaftliche Kultur (UL) nun zum neuen sozialen System passt (UR).

Eine entsprechende Legitimationskrise taucht auch in der geisteswissenschaftlichen Welt auf und nicht nur in den Naturwissenschaften. Um nur ein Beispiel zu geben: Während der zurückliegenden dreißig Jahre gab es eine sehr einflussreiche Art der Datengewinnung (bzw. techno-ökonomischer Injunktion), die jedoch mit einem Mangel behaftet war. Es handelt sich um eine Reihe von sozialen Regeln zur Dekonstruktion eines Textes (der Dekonstruktion von Systemen von Signifikanten ohne eine entsprechende Methode, das Dekonstruierte durch etwas Positives zu ersetzen; eine Dekonstruktion ohne eine Rekonstruktion). Diese mangelhafte Art einer Verhaltensvorschrift zur Datenproduktion (als ein Paradigma) unterstützte eine Weltsicht eines fehlerhaften egalitären Postmodernismus (als eine mangelhafte Form der grünen Welle, auch bekannt als „das gemeine grüne Mem“). Diese Produktionsweise als eine soziale Verhaltenspraxis wurde verwendet, um das Bewusstsein des geisteswissenschaftlichen Professors und seiner arglosen Studenten festzustellen. Als jedoch neue Formen sozialer Praxis und neue Theorien umfassendere und authentischere Formen des Bewusstseins und der Kultur hervorbrachten, kam die Weltsicht des extremen Postmodernismus in eine tiefgreifende Legitimationskrise, die nur überwunden werden kann durch eine Revolution oder Reform hin zu authentischeren und integrierteren Bewusstseins- und Kulturformen und mehr Komplexität in der akademischen Landschaft. Diese spezielle Revolution – als ein integrales Zeitalter an der Spitze der Entwicklung – ist natürlich erst im Entstehen (und ist eines der Hauptthemen dieses Aufsatzes).

In der Politik insgesamt bedeutet eine Legitimationskrise, dass eine neue aufstrebende Kultur entsteht, die den alten Regierungs- und Herrschaftsinstitutionen nicht mehr glaubt. Diese neue Kultur besitzt eine Tiefe und Komplexität, die über die der bestehenden Regierungsinstitutionen hinausreicht. Daher erleidet die gesamte Regierungsstruktur eine Legitimationskrise im Hinblick auf die neue Kultur (in der Hand von Eros). Eine politische Revolution – vielleicht gewalttätig (Revolution), vielleicht auch nicht (Reform) – muss daher in Erscheinung treten, damit eine neue Regierungsform die Zunahme von Tiefe bei der Kognition und Technologie berücksichtigt. (Wie wir schon sagten, besteht die einzige Kur für eine tiefe Legitimationskrise – in jedem Bereich, von Wissenschaft zu Lehre zu Politik – in einer Zunahme von Authentizität). Wenn diese Revolutionen/Reformen erfolgreich sind, dann wird das neue (und authentischere) Regierungssystem eine stabile Legitimation für eine neue (und authentischere) Kultur besitzen. Gelingt dies nicht, dann ereignen sich Kulturkriege zwischen den verschiedenen Kulturen und Subkulturen zur Erringung einer herrschenden Legitimität.

Historisch gesehen wurden alle Arten von angenehmen und unangenehmen Lösungen gegenüber internen Kulturkriegen durchgeführt. Eine davon war der Massenmord von mythisch Gläubigen an magischen Hexen (Hunderttausende in Europa). Doch viele Lösungen waren sehr positiv: Die Verfassung der Vereinigten Staaten beispielsweise, überwiegend basierend auf der rationalen Wahrscheinlichkeitswelle (Orange), verlangte, dass, wenngleich jeder frei war in seinen privaten Überzeugungen – primitiv archaisch, egozentrisch magisch oder ethnozentrisch mythisch – sich jeder dennoch im öffentlichen Raum entsprechend den rationalen weltzentrischen Gesetzen verhalten muss. Die demokratische Verfassung war authentischer als die vorhergehende Aristokratie und hatte den Fluss der Zeit auf ihrer Seite. Natürlich musste sich, wie schon gesagt, um dies ausreichend zu unterstützen, ein bedeutender Teil der Bevölkerung (und nicht nur die revolutionäre Elite) entsprechend weit entwickelt haben (in diesem Fall zu Orange oder höher). Anderenfalls würde dieser Gesellschaftsvertrag degeneriert werden zu einem roten Regime oder einer blauen Diktatur der einen oder anderen Art.

Die Vorteile, welche eine bessere Technologie und eine tiefere Kognition über ihre Vorgänger haben, sind zahlreich (zusätzlich zu den neuen Formen von Pathologie, die dabei auch auftreten: die Dialektik des Fortschritts). Wir haben uns positive Formen im Vergleich einer mythischen Gartenbaugesellschaft gegenüber einer des Jagens und Sammelns angeschaut. Einer der großen Vorteile bestand in der relativ größeren Tiefe der mythischen Weltsicht (welche eine größere Anzahl von Individuen umfassen konnte und daher in der Lage war, viele Stämme in einer Gemeinschaft zu vereinigen, in einer Vereinigung, welche über die Blutsbande der Gemeinschaft von Jägern und Sammlern hinausreicht). Diese relative Zunahme an kognitiver Tiefe ging einher mit einer Zunahme an technologischer Tiefe des Gartenbaus gegenüber dem Jagen und Sammeln (was sich in einer höheren Komplexität und Integration als soziales System zeigt) – was der Grund dafür ist, warum der Gartenbau von den Gemeinschaften der Jäger und Sammler mehr und mehr übernommen wurde xvi (16). Mit dem Entstehen der neuen Weltsicht, als Reaktion auf die neue Basis (mythisch ersetzte magisch) passten die höhere mythische Weltsicht und der tiefere (komplexere) Gartenbaumodus zusammen. Sie waren ein Ausdruck unterschiedlicher Dimensionen der gleichen Wahrscheinlichkeitswelle und konnten so auf eine harmonischere Weise tetra-evolvieren ... (bis ein industrieller Modus auftauchte und Garten- und Ackerbau ersetzte, wodurch die alte Weltsicht einer mythischen Gruppenzugehörigkeit herausgefordert wurde durch eine neu entstehende rational-egoische Weltsicht. Und wieder ging es in eine neue Runde welterschütternder kultureller und sozialer Kriege der Transformation, durch offene Revolutionen oder stillere Reformen …)

Der Vorteil jeder höheren Weltsicht besteht nicht im „bewahrenden“ sondern im „transzendierenden“ Teil der Gleichung. Hier wirkt ein Eros, wodurch der transzendierende Wert der neuen und höheren Weltsicht sich in einen neuen Wahrscheinlichkeitsraum bewegt (eine neue Nische), wo er sich außerhalb der alten kosmischen Gewohnheiten entfalten kann (und gleichzeitig in dieser neuen Nische seine eigenen Formen neuer kosmischen Gewohnheiten schafft). Die Säugetiere fanden, als ein Beispiel, einen neuen Raum außerhalb der Wahrscheinlichkeitswelle der Reptilien (auch wenn das Säugetiergehirn natürlich das Reptiliengehirn transzendiert und bewahrt, welches seinerseits die vegetativen Lebensfunktionen transzendiert und bewahrt, welche wiederum die anorganischen Moleküle transzendiert und bewahrt, welche Atome transzendieren und bewahren , welche …). Diese neue und tiefere/höhere Weltsicht wird ausgewählt und in einem neuen Wahrscheinlichkeitsraum fortgeführt, auch wenn es dort weniger Holons gibt als in den vorangehenden Räumen (wo kosmische Gewohnheiten nun zu Subkomponenten der neuen Holons wurden).

Und so machten magische Gesellschaftsformen der Jäger und Sammler Platz für ackerbaulich-mythische Gesellschaftsformen, welche wiederum abgelöst wurden durch rational-industrielle, die jetzt durch pluralistisch-informationelle abgelöst werden. Doch auch wenn sich an der Spitze die jeweils aktuellste Regierungsform ausbildet, bleiben alle vorangegangenen Wellen als Subkulturen in der Kultur erhalten, auch wenn diese Kultur selbst als Ganzes eine neue Regierungsform annimmt. Individuen und Subkulturen befinden sich im gesamten Spektrum der unterschiedlichen Bewusstseinswellen (bis zur durchschnittlichen Ebene, und einige wenige darüber hinaus). Dies ist die Hauptursache interner Kulturkriege.

In dieser Zusammenfassung ist es daher wichtig zu wiederholen: Was Marx nicht gesehen hat ist etwas, was praktisch jeder übersehen hat. Es ist nicht so, dass jede Gesellschaft einen einzigen monolithischen technologischen Modus und eine einzige monolithische Weltsicht hat und dass diese zwei irgendwie zusammenpassen müssen. Jede Gesellschaft ist ein Spektrum von AQAL-Gegebenheiten: Es gibt Individuen auf jeder Ebene des Bewusstseinsspektrums, zumindest bis zur durchschnittlichen Bewusstseinsebene (mit wenigen, die darüber hinausgehen). Und es gibt Nischen jeder der techno-ökonomischen Produktionsweisen bis zur aktuellen Entwicklung. Auch in Industriegesellschaften gibt es rote Straßengangs, auf der Jagd, um zu überleben, und die Farmer in Kansas säen und ernten nach wie vor. Es gibt daher keine einzelne Basis und keinen einzelnen Überbau, so dass ein innerer Widerspruch zwischen beiden die historischen Haupttransformationen in Gang setzt. Marx allgemeine Idee – die Idee des Bruchs zwischen UL und UR mit inneren gesellschaftlichen Widersprüchen und Spannungen – ist immer noch richtig, doch dieses Nicht-Zusammenpassen erstreckt sich über das gesamte Bewusstseinsspektrum bis zur höchsten durchschnittlichen Welle in einer Gesellschaft und in allen vier Quadranten mit ihren zahlreichen Wellen und Strömen (von denen alle in einer AQAL-Konfiguration tetra-übereinstimmen müssen).

Die Idee des Fortschritts

Erst eine AQAL-Interpretation erlaubt uns die Vorstellung von Fortschritt auf eine Weise zu behandeln, die den konkreten historischen Wirklichkeiten Rechnung trägt. Das Problem mit praktisch allen Vorstellungen von Fortschritt – von der Aufklärung über Marx bis zu den heutigen demokratischen Versionen ist, dass sie von der ungerechtfertigten Annahme ausgehen, dass Gesellschaften lediglich eine einzige grundlegende Weltsicht und eine einzige techno-ökonomische Basis haben und dass daher Geschichte in einer fortschreitenden stufenweisen Zunahme freiheitlicher Werte besteht, auf einer Leiter linearen Fortschritts. Wenn die Aufklärung für die Ablösung feudal-mythologischer Formen durch eine industrielle Rationalität steht, dann muss die Moderne für den Fortschritt stehen, klar und einfach.

Doch natürlich haben Gesellschaften mit einer industriell-rational orientierten Regierung (Orange) nach wie vor Teile von archaischen, magischen und mythischen Subkulturen, (Purpur, Rot und Blau). Darüber hinaus können die Produkte der orangen Welle auch von den ihr vorangegangenen Wellen genutzt werden. Ein oranges moralisches Bewusstsein beispielsweise fordert, dass alle Menschen als gleichwertig betrachtet und behandelt werden, unabhängig von Rasse, Hautfarbe, Geschlecht oder Herkunft. Eine orange Kognition ist weit genug entwickelt, um Gaskammern herzustellen, doch ein oranges moralisches Bewusstsein würde diese niemals verwenden. Eine rote Moral eines Stammesbewusstseins jedoch kann sich ohne weiteres orange Produkte zu Nutze machen, und tut dies auch, siehe Auschwitz.

„Ebenen und Linien“ wird so zu einem wichtigen Teil einer AQAL-Analyse von Fortschrittsvorstellungen, denn je höher die Entwicklungsebene in irgendeiner gesellschaftlichen Linie ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese höheren Produkte von unteren Entwicklungsebenen in anderen Linien übernommen werden. Je größer die echte Tiefe einer Gesellschaft ist – d. h. je mehr es dort authentischen Fortschritt gibt, desto mehr Pathologien können dabei auftreten, wegen der Unterschiedlichkeit von Ebenen und Linien. Dies ermöglicht uns das Wesen von „gute Nachrichten, schlechte Nachrichten“ in der Folge sozialer Transformationen zu verstehen und nicht nur einem von beiden unter Ausschluss des anderen zu folgen, wo es entweder nur Fortschritt gibt oder wo Fortschritt insgesamt geleugnet wird.

Egal wie „hoch“ eine Gesellschaft im Hinblick auf gesellschaftliche Tiefe sich entwickelt hat, jeder Mensch beginnt seine Entwicklung ganz von vorne und dies bedeutet: Je größer die Tiefe ist, desto mehr Probleme können auftreten. Auch in einer Gesellschaft mit einem Regierungssystem auf der türkisen Stufe würden Individuen ihre Entwicklung bei Beige beginnen, dann Purpur, Rot, Blau, Orange, Grün, Gelb, und Türkis – falls sie sich so weit entwickeln. Doch viele Menschen verbleiben auf den unteren Entwicklungsstufen und das ist auch ihr gutes Recht in allen post-orangen Gesellschaften. Doch genau dies führt zu den spezifischen Spannungen fortgeschrittener Kulturen: Je höher die Kultur, desto mehr Entwicklungsstufen sind involviert, und weil jede Entwicklungsstufe ihre eigenen Pathologien hat, entstehen umso mehr Möglichkeiten krank zu werden, je weiter sich die Kultur entwickelt. Daher gibt es gute und schlechte Nachrichten.

Wir können also von Fortschritt in jeder Entwicklungslinie sprechen und gleichzeitig sehen, dass authentischer Fortschritt in höheren Kulturen zu Barbareien führen kann, die sich ursprüngliche Kulturen nicht vorstellen konnten.

Daraus ergibt sich weiterhin, dass alle Gesellschaften offen für interne Kulturkriege sind, bei denen Subkulturen auf unterschiedlichen Entwicklungsebenen um Legitimation ringen. Wie wir gesehen haben, sind im heutigen industrialisierten Westen drei wesentliche Subkulturen im Krieg miteinander: die traditionalistische blaue Welle (angepasst an den ackerbaulich-feudalen Modus), die moderne orange Welle (angepasst an die industrielle Massenproduktion) und die postmoderne grüne Welle (angepasst an den pluralistisch informationellen Modus). Das Regierungssystem westlicher Gesellschaften befindet sich in einem langsamen und schmerzvollen Übergang vom industriellen Orange zum informationellen Grün. Und die größte Gefahr in der heutigen Welt besteht darin, dass die grüner Welle zu oft fehlgebildet in Erscheinung tritt, mit einer durch einen Flachland-Pluralismus gebrochenen AQAL-Matrix, wo Tiefe aus dem Kosmos entfernt wird, wo immer sie gefunden wird. Doch das ist eine andere Geschichte, es ist die Geschichte von Boomeritis. xvii (17)

Zusammenfassung

Wir haben in den ersten drei Teilen dieses Essays eine Menge Themen angesprochen. Hier nun eine kurze Zusammenfassung der zentralen Punkte bisher:

  • Jedes Holon hat mindestens vier Hauptdimensionen eines In-der-Welt-seins: subjektiv, objektiv, intersubjektiv und interobjektiv.


  • In der subjektiven Dimension (OL) geschieht durch Wahrnehmung die Existenz von-Augenblick-zu-Augenblick – das Fühlen des vorangegangenen Augenblicks in diesem Augenblick. Dies ist ein Beispiel der Tatsache, dass jede Dimension des In-der-Welt-seins von seinem Vorgänger eine Art von Einfluss (oder kosmisches Karma) vererbt bekommt.


  • In der objektiven Dimension (OR) hat die fließende Existenz von-Augenblick-zu-Augenblick zu tun unter anderem mit morphischer Resonanz und formgebender Verursachung, bei der objektive Formen eines Holons über die Raum-Zeit hinweg in Resonanz sind mit ähnlichen Formen und dabei ein Einfluss entsteht (so wie schwingende Saiten andere Saiten gleicher Frequenz zum Schwingen bringen). Das Schwingen zweier Saiten miteinander ist morphische Resonanz, die Verursachung des Schwingens einer Saite durch eine andere schwingende Saite ist formgebende Verursachung). In der OR-Dimension geschieht diese Vererbung im Wesentlichen dadurch, dass frühere Formen eines individuellen Holons seine gegenwärtigen Formen beeinflussen. Dieser OR-Einfluss ereignet sich auch, wie wir noch sehen werden, im Zusammenhang mit verschiedenen Arten subtiler Energien. Eine andere, gleichermaßen wichtige Form einer OR-Vererbung ist Autopoiesis, bei der sich lebendige Holons selbst organisieren und reproduzieren. (Dies werden wir im Exzerpt B ausführlich besprechen).


  • In der intersubjektiven Dimension (UL) geht es bei der fließenden Existenz von-Augenblick-zu-Augenblick um die Vererbung kultureller Hintergründe, gemeinschaftlicher Bedeutungen und gegenseitiger Wahrnehmungen. Dies ist im Wesentlichen die Basis von kultureller Erinnerung.


  • In der interobjektiven Dimension (UR) geht es bei der fließenden Existenz von-Augenblick-zu-Augenblick um kollektive morphische Resonanz und kollektive formgebende Verursachung. Daraus entstehen verschiedene morphogenetische Grooves, die einen starken Einfluss nehmen auf die Entwicklung individueller Holons, die in Resonanz mit diese Grooves erscheinen. Dies ist eine Untergruppe der allgemeinen Phänomene von Systemerinnerung.


  • So sind alle vier Dimensionen des In-der-Welt-seins zu einem bestimmten Grad von ihren Vorgängern beeinflusst.


  • Anders ausgedrückt erbt jedes Holon als etwas Gegebenes oder eine a priori Grundlage die AQAL-Matrix des vorangegangenen Augenblicks.


  • Dieses Vererben geschieht durch Tiefenstrukturen des In-der-Welt-seins, die keine archetypischen Gegebenheiten darstellen, sondern kosmische Gewohnheiten sind.


  • Kosmische Gewohnheiten sind keine starren betonierten Strukturen, sondern Wahrscheinlichkeitswellen zum Auffinden eines spezifischen Holons in einer spezifischen Raum-Zeit in der sich kreativ entfaltenden AQAL-Matrix.


  • Um zu überleben, muss jedes Holon eine Tetra-Übereinstimmung erreichen mit seiner AQAL-Herkunft, andernfalls wird es nicht überleben. Diese Tetra-Evolution erzeugt einen Selektionsdruck in allen vier Dimensionen ihres In-der-Welt-seins (Wahrheit, Wahrhaftigkeit, Bedeutung, funktionales Passen).


  • Wenn die AQAL-Matrix dieses Augenblicks die AQAL-Matrix des vorangegangenen Augenblicks erbt, fügt sie ebenso ihren eigenen Funken von kreativer Neuheit und Transzendenz hinzu. Jedes Ereignis ist ein „Transzendieren und Bewahren“ und lässt so die Whitehead’sche holarchische Natur jedes Augenblicks hervortreten.


  • Daher ist Evolution gekennzeichnet nicht nur durch die Vererbung vergangener Formen in einer Tetra-Übereinstimmung, sondern auch durch die Emergenz neuer Formen in einem transzendenten Schritt von Kreativität. Mit den Worten von Jantsch ist Evolution „Selbstorganisation durch Selbsttranszendenz“.


  • Diese emergenten Sprünge schaffen neue Nischen in der AQAL-Matrix durch Wahrscheinlichkeitswellen größerer Tiefe, Bewusstheit und umfassender Fähigkeiten.


  • Diese Nischen nehmen als kosmische Gewohnheiten spezifische Formen an, wenn dieser Raum quadrantisch hervorgebracht wird durch eine ausreichende Anzahl von Holons (welche dieses Erbe dann an nachfolgende Holons weiterreichen, die es transzendieren und bewahren).


  • Höhere Potenziale werden zu konkreten Gegebenheiten – und höhere Zustände werden zu konkreten Stufen – durch den Prozess einer kreativen Hervorbringung in Tetra-Übereinstimmung. Dafür sind keine vorgegebenen Ebenen, Strukturen oder Stufen erforderlich.


  • Wo immer eine neue Nische im Prozess der Tetra-Emergenz erscheint, gerät die alte Nische in eine Legitimationskrise, die nur durch eine Zunahme an Authentizität gelöst werden kann – als eine Transformation zu der neuen Nische größerer Tiefe, Bewusstheit, Kultur und Komplexität.


  • Authentisch vertikale Transformationen zu Ebenen größerer Tiefe bedeuten nicht automatisch Fortschritt, weil eine höhere Entwicklung in einigen Linien begleitet sein kann von niedrigerer Entwicklung in anderen Linien (ein Phänomen, das in Individuen und Gemeinschaften mit Ebenen und Linien bezeichnet wird).


  • Aus diesem Grund ist historische Entwicklung immer eine schmerzhafte Mischung aus „guten Nachrichten, schlechten Nachrichten“, weil sich Individuen und Subkulturen in einer Gesellschaft über alle verfügbaren Wellen des Bewusstseinsspektrums verteilen, sowohl in gesunden wie ungesunden Ausprägungen.


  • Daher bedeutet eine größere Tiefe bei einem Individuum oder einer Kultur das Vorhandensein von mehr Potenzialen und Pathologien.


  • Eine integrale oder AQAL-Analyse all dieser Faktoren stellt die wahrscheinlich beste Art in jeder AQAL-Konfiguration dar, die guten Nachrichten zu verstärken und die schlechten Nachrichten zu verringern (in Individuen, Familien, Gesellschaften, einer Spezies, Planeten oder dem Kosmos). Nur eine integrale Analyse berücksichtigt die größte Vielzahl von Evidenz aus der größtmöglichen Anzahl von Quellen und schließt somit am wenigsten aus und übt am wenigsten Gewalt aus gegenüber einem Verständnis von Selbst-und-Anderem.

Teil IV: Fakten und Interpretationen

Postmoderne Epistemologien (von Nietzsche zu Heidegger zu Gadamer zu Foucault zu Derrida zu Lyotard) haben zwei tiefgreifende Dinge getan: Sie haben unglaublich wichtige Wahrheiten in das Spiel menschlicher Epistemologie eingeführt und gleichzeitig dieses Forschungsfeld ziemlich verwirrt. Was wir daher brauchen – auf irgendeine integral methodologisch pluralistische Weise, ist ein Weg, wie wir die bleibenden Einsichten des Postmodernismus würdigen können, ohne deren eingrenzende Verwirrungen zu übernehmen.

Das Hauptargument zwischen postmodernen und modernen/vormodernen Epistemologien betrifft die Betonung von Relativität oder Universalität – oder, was auf das Gleiche hinausläuft, die Frage, ob Interpretationen oder Fakten das Grundlegendste sind. Die Art der Argumentation jedoch zeigt, dass diese praktisch vollständig innerhalb eines Paradigmas des ersten Ranges stattfindet (d. h. einer Datenerzeugungsmaschine eines ersten Ranges) – die Diskussion findet statt zwischen einem blau-fundamentalen, orange-universalen und einem grün-pluralistischen Argumentieren, wo jeweils eines als das Richtige und die beiden anderen als falsch angesehen wurden. Ein Paradigma des ersten Ranges jedoch zeigt, dass es sehr viel erfolgversprechender ist, die jeweiligen Teilwahrheiten aller dieser Aussagen hervorzuheben und sie in einen umfassenderen Rahmen zu verorten, als ein Ausdruck eines selbstreflexiven türkisen Selbstverständnisses der AQAL-Matrix. Wenn wir das tun, erkennen wir, dass es bei der Diskussion nicht um Fakten oder Interpretationen geht, sondern um ein Verständnis dessen, wie sowohl Fakten als auch Interpretationen eine integrale Dimension dieses und jedes Augenblicks darstellen.

Ich persönlich kenne bisher keinen anderen Ansatz, der in der Lage wäre, die Wahrheiten der vormodernen, modernen und postmodernen Ansätze zu integrieren. Die heutigen existierenden Ansätze scheinen jeweils nur einen auszuwählen (vormodern oder modern oder postmodern) und die jeweils anderen zu verdammen – als ein lebendiges Beispiel für eine Mentalität des ersten Ranges, die sich mit ihren Nachbarn im Kriegszustand befindet. Wir wollen sehen, ob es gelingt, ein integrales Moment des zweiten Ranges einzuführen, welches sie alle innerhalb eines größeren Rahmens würdigt – als ein Rahmen, welcher ihre Wahrheiten rettet und dabei gleichzeitig deren Grenzen aufzeigt. Indem die darin jeweils enthaltenen Absolutismen aufgezeigt werden, können die darin enthaltenen bleibenden Wahrheiten wahrgenommen, aufgenommen und angenommen werden, in der fortwährenden Entfaltung dieses sich verwirklichenden Augenblicks.

Überblick: Ein revolutionärer integraler Pluralismus

Beginnen wir damit, dass wir uns nach der Betrachtung der Natur des kosmischen Karmas in allen vier Quadranten jetzt etwas genauer die Methodologien anschauen, die am geeignetsten erscheinen, um die Quadranten aufzudecken/hervorzubringen. Erinnern wir uns: Die Quadranten sind lediglich Versionen der Perspektiven, die in allen Hauptsprachen eingebettet sind – und zwar erste Person (Singular: Ich; Plural: Wir); zweite Person (Singular: Du; Plural: Ihr/Wir); und dritte Person (Singular: Er, Sie, Es; Plural: Es). Wir fassen dies oft zusammen mit Ich, Wir, Es und Es [plural, its] (oder einfach nur Ich, Wir und Es).

Der Punkt dabei ist, dass diese Perspektiven eine spezifische Dimension des In-der-Welt-seins verkörpern. Darüber hinaus scheint es so, dass jede dieser Dimensionen des In-der-Welt-seins (bzw. jeder der Quadranten) durch eine andere Untersuchungsmethode untersucht werden kann. Diese unterschiedlichen Untersuchungen – von Phänomenologie zu Hermeneutik zu gemeinschaftlicher Untersuchung zu Systemtheorie – sie alle enthüllen unterschiedliche Aspekte des Kosmos, doch jede von ihnen tendiert dazu, eine Ecke des Kosmos zum Ganzen zu erklären und ignoriert oder verleugnet so die wichtigen Wirklichkeiten in den anderen Quadranten (ganz abgesehen davon, dass die Vorstellung von der Existenz anderer Quadranten dabei oft auf eine fürchterlich Pathologie bei dem, der sie hat, zurückgeführt wird).

So wichtig alle diese Methodologien auch sind, jede von ihnen tendiert dazu, blind zu sein gegenüber den Wirklichkeiten anderer Quadranten. Es ist diese historische Blindheit, die als eine kosmische Gewohnheit immer noch weiterwirkt, die wir speziell ansprechen werden. Um sie und die darin enthaltenen Vorurteile zu überwinden, braucht es eine solide kreative Neuerung. Die Vorurteile bezeichnen wir mit Quadrantenabsolutismus, unabhängig davon, ob dieser sich im Positivismus, in der Phänomenologie oder im Postmodernismus zeigt.

Wenn wir wirklich in ein integrales Zeitalter an der Spitze der Entwicklung eintreten wollen, dann würde eine Benennung und Überwindung dieser weit verbreiteten Absolutismen dabei enorm helfen. Ein einfacher Schritt in diese Richtung besteht darin, die wichtigen Wahrheiten, die jede der Hauptuntersuchungsformen zu bieten haben, anzuerkennen (anstatt sie alle – außer der eigenen – zu verdammen).

Folgendes schlagen wie vor: Empirizismus und Behaviorismus beschäftigen sich vorwiegend mit dem Modus einer dritten Person Singular des In-der-Welt-seins (OR); Introspektion und Phänomenologie beschäftigen sich vorwiegend mit dem Modus einer ersten Person Singular des In-der-Welt-seins (OL); Hermeneutik und gemeinschaftliche Untersuchungen beschäftigen sich vorwiegend mit dem Modus einer zweiten Person und ersten Person Plural des In-der-Welt-seins (UL); und die ökologischen Wissenschaften, struktureller Funktionalismus und Systemtheorie beschäftigen sich vorwiegend mit dem Modus einer dritten Person Plural des In-der-Welt-seins (UR). Natürlich gibt es noch viel mehr Arten von Untersuchungen, doch die genannten weisen auf einige der historisch bedeutenderen, die wir kurz besprechen wollen.

Nimmt man all diese Untersuchungsmethoden zusammen, als eine Hervorbringung und Entdeckung türkiser Kognition, dann ist das Ergebnis ein integraler methodologischer Pluralismus, welcher die mehr praktische Seite einer integralen Postmetaphysik verkörpert.

Wenn wir je in ein integrales Zeitalter an der Entwicklungsspitze eintreten, dann wird dies wahrscheinlich unter der Überschrift eines integralen methodologischen Pluralismus stehen. Clare Graves bezeichnete die Transformation vom ersten zum zweiten Rang als einen „gewaltigen Bedeutungssprung “. Während alle Meme des ersten Ranges davon überzeugt sind, dass ihre spezielle Weltsicht die einzig gültige Weltsicht ist, erkennt und würdigt das Bewusstsein des zweiten Ranges vollständig die Teilwahrheiten in ihnen allen. Der Sprung vom ersten zum zweiten Rang ist, mit anderen Worten, ein Sprung von der Zersplitterung und Pluralität zu einer Integriertheit und Ganzheit.

Pragmatisch bedeutet das, dass alle speziellen Modi menschlicher Untersuchungen plötzlich eine neue und tiefgreifende Bedeutung erhalten, als ein wichtiges Teilstück in einem größeren kosmischen Puzzle, und jedes von ihnen hat uns etwas unglaublich Wichtiges zu sagen. Ein integraler methodologischer Pluralismus wird so zu einer Überschrift dieses gewaltigen Bedeutungssprungs.

Natürlich gibt es viele andere Wege, auf denen das Bewusstsein des zweiten Ranges eine größere Anzahl von Menschen in einer Gesellschaft erreicht, doch hier beschäftigen wir uns mit der Entwicklungsspitze eines integralen Zeitalters. Goldstone hat darauf hingewiesen, dass eine Führungselite als eine Voraussetzung für Revolutionen empirisch festgestellt wurde. Wenn diese Revolutionen (oder auch Reformen) authentisch, vertikal und transformativ sein sollen, dann ist ein fünfter Faktor notwendig – und zwar eine Zunahme an Eros oder Tiefe in jedem der Quadranten. Und weil die führende Elite heute Grün ist (und das schon seit zwanzig Jahren), bedeutet das, dass der fünfte Faktor in diesem Fall ein gelbes Paradigma ist, eine integrale Injunktion und soziale Praxis, und die konkrete Praxis eines integralen methodologischen Pluralismus passt genau dazu.

Je mehr Menschen sich mit einem integralen methodologischen Pluralismus beschäftigen, der dadurch gekennzeichnet ist, dass er alle authentischen Vorgehensweisen menschlicher Untersuchungen würdigt, anerkennt und mit aufnimmt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Entwicklungsspitze der AQAL-Konfiguration dieser Kultur eine Legitimationskrise durchlaufen wird. Diese wird gefolgt sein von einem „gewaltigen Bedeutungssprung“ vom Bewusstsein des ersten Ranges zum Bewusstsein des zweiten Ranges, mit der Möglichkeit, dass das Bewusstsein und die Kultur dieser wachsenden Spitze sich mehr und mehr auf größere Bereiche der Gesellschaft insgesamt erstreckt.

Eine Dimension des In-der-Welt-seins hervorbringen

Jede der bedeutenden Methodologien (vom Empirismus zu gemeinschaftlichen Untersuchungen zu Systemtheorie) sind auch Arten von Praktiken und Injunktionen – sie sind nicht nur das, was Menschen denken, sondern auch das, was Menschen tun – und diese Praktiken lassen eine spezielle Dimension des eigenen Seins erscheinen und bringen diese hervor – verhaltensmäßig, intentional, kulturell oder sozial. Bei der Praxis gemeinschaftlicher Untersuchungen beispielsweise, wo zwei oder mehr Subjekte in einen Kreis gemeinschaftlicher Horizonte eintreten und einen Welt-Raum sich überlappender Intentionalitäten, Bedeutung und gegenseitigem Verständnis hervorbringen, ist in dieser Praxis bereits die Hervorbringung der intersubjektiven Dimension der Individuen selbst angelegt. (Dies ist der Grund, warum unterschiedliche Formen von Praxis zu unterschiedlichen Theorien führen). Unter dem Einfluss des hervorbringenden Potenzials der verschiedenen Formen von Praxis – von Phänomenologie zu Empirismus zu Hermeneutik zu ökologischen und kontemplativen Untersuchungen – werden unterschiedliche Dimensionen eines Holons angeregt. Sie „leuchten auf“ in einer vibrierenden Resonanz und bringen zusammen mit dem untersuchenden Subjekt gemeinsam einen Welt-Raum hervor (der jedoch nicht nur vom Subjekt hervorgebracht wurde), erscheinend in der Lichtung, welche auch durch die Form der Untersuchung geschaffen wurde.

Nehme ich also einen Standpunkt einer ersten Person gegenüber diesem Augenblick ein, dann leuchtet die subjektive Dimension des In-der-Welt-seins auf, von der viele Aspekte durch eine introspektive Phänomenologie erkannt werden können. Nehme ich einen Standpunkt einer zweiten Person gegenüber diesem Augenblick ein, dann leuchtet die intersubjektive Dimension des In-der-Welt-seins auf, von der viele Aspekte durch Hermeneutik und gemeinschaftliche Untersuchungen erkannt werden können. Nehme ich einen Standpunkt einer dritten Person gegenüber diesem Augenblick ein, dann leuchtet die objektive (und interobjektive) Dimension des In-der-Welt-seins auf. (Wir werden Beispiele davon gleich diskutieren).

Das ist der Grund, warum keine dieser Bereiche (und kein Ereignis in irgendeinem Quadranten) einfach nur gegeben oder vorbestimmt sind, frei herumliegend und darauf wartend von allen gesehen zu werden. Es ist auch nicht so, dass alle diese Bereiche vollständig von dem untersuchenden Subjekt oder einer Gemeinschaft erschaffen werden (diese Vorstellung ist eine postmoderne Pathologie). Wie wir gesehen haben, sind einige Merkmale dieser Bereiche (oder Wirklichkeit allgemein) gegeben – das heißt, sie sind vor-existierend im Bewusstsein des untersuchenden Subjektes. Diese Gegebenheiten oder kosmischen a priori umfassen auch die verschiedenen kosmischen Gewohnheiten und quadrantischen Vererbungen, über die wir gesprochen haben. Dabei wurde gesagt, dass die a priori oder Gegebenheiten dieses Augenblicks in der AQAL-Matrix des vorangegangenen Augenblicks bestehen, welche als Gegebenheiten erscheinen (als eine Vererbung des vorangegangenen Augenblicks). Doch sie existieren niemals nur als bloße Gegebenheiten, weil sie bereits aufgenommen, transzendiert und bewahrt wurden durch die AQAL-Matrix dieses Augenblicks, in Form einer Selbstorganisation durch Selbsttranszendenz, die sich kreativ von Augenblick zu Augenblick entfaltet.

Rekonstruktive Untersuchung

Dies ist wesentlich ein Whitehead’scher Standpunkt (doch nur in der Erweiterung von einer unvollständigen zu einer vollständigen bzw. quadrantischen Formulierung, siehe unten). Das bedeutet, dass der gesamte vorangegangene Augenblick eines AQAL-Raumes an den AQAL-Raum dieses Augenblicks als ein a priori weitergereicht wird, auch wenn der Raum selbst, als er erstmals während des vorangegangenen Augenblicks erschien, zum Teil als kreative Freiheit auftrat (nicht determiniert, nicht vorgegeben). Doch diese Freiheit wird, mit ihrer Weiterreichung an den nachfolgenden Augenblick, zu einem Determinismus (den der nachfolgenden Augenblick aufnehmen muss, auch zum Preis einer Pathologie, um dann darüber hinauszugehen, durch die Hinzufügung seiner eigenen kreativen Freiheit, welche nicht durch den vorangegangenen Augenblick bestimmt ist). Diese kosmischen Gegebenheiten beinhalten (neben anderen Dingen, die wir diskutieren werden) die gesamte Welt vergangener Gegebenheiten – das heißt alles, was an Gegebenheiten bereits in Erscheinung getreten ist (ein In-Erscheinung-treten, welches geformt wurde durch den gesamten AQAL-Raum des In-Erscheinung-tretens). Diese kreative Emergenz wird dann weitergereicht an den nachfolgenden Augenblick als kausaler Einfluss, morphische Resonanz, formgebende Verursachung, wahrnehmende Vereinigung, kultureller Kontext, soziales Gedächtnis, morphogenetische Grooves, Tiefenmuster und Entwicklungswellen und so weiter. Diese Arten von Vererbung sind gegeben. Sie werden von der Vergangenheit an die Gegenwart weitergereicht, und sie vor-existieren im Bewusstsein eines jeden Individuums (wenngleich sie bei ihrem ersten Auftreten selbst mit-erschaffen wurden durch Subjektivität als einem Teil der AQAL-Matrix eines jeden Augenblicks. Das bedeutet, dass diese Gegebenheiten nicht vor der einer Subjektivität und ihren Interpretationen existiert, da Subjektivität eine der vier Dimensionen eines jeden Ereignisses ist. Es bedeutet, dass diese Gegebenheiten vor der Subjektivität dieses Augenblicks existieren, jedoch nicht der Subjektivität des vorangegangenen Augenblicks, welche zu ihrer Mit-Erschaffung beigetragen hat. Worauf es dabei ankommt ist, dass, wenn etwas in Erscheinung getreten ist, dann der gesamte AQAL-Raum des vorangegangenen Augenblicks an den AQAL-Raum dieses Augenblicks als etwas Gegebenes weitergereicht wird, als etwas Vor-existierendes zu den Wahrnehmungen dieses Augenblicks. Es existiert vor der Subjektivität und der Objektivität und der Intersubjektivität und der Interobjektivität dieses Augenblicks – doch nicht des vorangegangenen Augenblicks, wenngleich der vorangegangene Augenblick seine eigenen a priori als Gegebenheiten von seinem Vorgänger erhielt.

Daraus folgt, dass der einzige Weg, wie die Subjekte dieses Augenblicks ihre Geschichte vergangener Ereignisse reflektierend erfassen können, in einer rekonstruierenden Untersuchung besteht (in jedem der Quadranten). Eine rekonstruierende Untersuchung bedeutet, dass ein oder mehrere Subjekte die Gegebenheiten ihrer eigenen Existenz durch eine Untersuchung dieser Gegebenheiten untersuchen, nachdem diese in Erscheinung getreten sind. Eine rekonstruierende Untersuchung (in jedem der Quadranten) ist daher notwendigerweise eine a posteriori Untersuchung in früher bereits in Erscheinung getretene Realitäten. Es ist somit keine a priori Untersuchung von vorgegebenen Strukturen (an dieser Stelle beschreiten wir einen anderen Weg als Plato, Hegel, Plotin, Husserl und Aurobindo – als eine Bewegung hin zu einem postmetaphysischen Standpunkt). Die vergangenen Ereignisse, die wir jetzt untersuchen, erscheinen als a prioris, weil sie jetzt in der Tat zu vorgegebenen kosmischen Gewohnheiten geworden sind. (Das ist der Grund dafür, warum die Metaphysik sie als ontologisch vor-existierende Strukturen missverstand, anstatt als organische kosmische Gewohnheiten zu erkennen, welche nicht von der Zeitlosigkeit herrühren, wie die Metaphysiker dachten, sondern von der zeitlichen Vergangenheit zur zeitlichen Gegenwart reichen).

Rekonstruktive Untersuchungen sind natürlich nicht die einzige Art von Untersuchungen. Es handelt sich dabei lediglich um eine Form von Untersuchung des Einflusses dessen, was war auf das, was ist. Damit werden nicht Untersuchungen abgedeckt, die das was sein sollte zum Gegenstand haben (Moral, Ethik, normative Untersuchungen), oder ästhetische Untersuchungen (Kunst, künstlerischer Ausdruck, Selbstausdruck) oder mehr interpretative Unternehmungen (Literatur, Ausdruck) oder sogar aufdeckende Untersuchungen in Wirklichkeiten, die noch kaum in Erscheinung getreten sind, sondern sich gerade an der schäumenden kreativen Entwicklungsspitze zu formen beginnen, neben vielen anderen. Wenn wir die Bedeutung rekonstruktiver Untersuchungen betonen, dann geschieht das mit dem Wissen, dass dies nicht der einzige Ansatz gegenüber Wirklichkeit ist. Es ist lediglich eines von vielen Werkzeugen eines integralen methodologischen Pluralismus. Dennoch ist diese Untersuchung wichtig, weil sie uns dabei helfen kann festzustellen, welche Welle von Bewusstsein (z. B. Rot, Blau, Orange) sich als kosmische Gewohnheit bereits gebildet hat und welche noch dabei ist, sich zu formen. Dies gibt uns die Möglichkeit, einen post-metaphysischen Standpunkt gegenüber den Bewusstseinsebenen einzunehmen, der auf die Existenz dieser Bewusstseinswellen verweisen kann, unter Hinweis auf morphogenetische Muster und evolutionäre Gewohnheiten, unter Verzicht auf metaphysische oder ontologische Postulate. (Und ohne dabei die Existenz höherer Potenziale zu leugnen, als zukünftige Ergebnisse von Transzendenz, auch wenn sich diese höheren Potenziale noch nicht in größerem Umfang gebildet haben und ihre Untersuchung daher idiosynkratrisch bleibt und dennoch sehr real ist).

Kurz gesagt ist eine rekonstruktive Untersuchung eine Art von Untersuchung, welche die Natur des gegenwärtigen Augenblicks betrachtet, indem sie die vergangenen Augenblicke anschaut, die zu Form und Inhalt des gegenwärtigen Augenblicks geführt haben. Typen dieser rekonstruktiven Untersuchungen sind zum Beispiel: rekonstruktive Wissenschaft bzw. evolutionäre Wissenschaft (UR), Anthropologie (UR), genealogische Hermeneutik (UL), Entwicklungsstrukturalismus (UR), psychoanalytische Untersuchungen (UL), Foucault’sche Archäologie (UR) und Genealogie (UL/UR), interpretierende kulturelle Historie (UL), die Evolution ökologischer Systeme (UR), stellare Evolution (UR), biologische Artenbildung (UR), evolutionäre Psychologie (OR), Bifurkationspunkte in komplexen und chaotischen dynamischen Systemen (UR) und so weiter. Diese rekonstruktiven Untersuchungen sind „aufdeckend“ und „entdeckend“ gegenüber verschiedenen Aspekten der vergangenen Gegebenheiten der Holons, die untersucht werden, und das ist möglich, weil das Vergangene zu einer Gegebenheit und etwas vor-existierenden dieses Augenblicks geworden ist. Es handelt sich dabei jedoch um keine Platon’schen Gegebenheiten, sondern um kosmische Gewohnheiten. Dennoch gehen sie diesem Augenblick in ihrer Existenz voraus. Es sind Whitehead’sche Gegebenheiten – fossile konkrete Ereignisse, die jetzt von ihren Nachfolgern wahrgenommen werden. Für diese Nachfolger sind sie internal als wahrnehmende Vereinigung und external als interpretierende Reflexion wahrnehmbar (was der Grund dafür ist, warum sie die Kant’sche Teilung des Dinges-an-sich überspringen und kein grundlegendes epistemologisches Dilemma darstellen, siehe unten) xviii (18).

Der zentrale Punkt dabei ist, dass, auch wenn diese vergangenen Aktualitäten Gegebenheiten sind, die diesem Augenblick vorangehen, so waren sie zum Zeitpunkt ihres Hervortretens keine Gegebenheiten, sondern brachten etwas Neues mit. So wie bei jedem Augenblick einer Raum-Zeit (vergangen, gegenwärtig, zukünftig) ist das In-die Existenz-treten dieses Augenblicks eine AQAL-Angelegenheit: Diese ist geformt durch Faktoren in allen vier Quadranten (und ihren bereits existierenden Wellen, Strömen und Zuständen). Dies bedeutet, dass das Hervorbringen der vergangenen Aktualitäten, als gegebene Fossilien, sich unvermeidlich zusammen mit der kreativen Freiheit und Interpretation dieses Augenblicks ereignet. Es gibt daher keine andere Reflexionsmöglichkeit über die vergangenen Aktualitäten außer über Untersuchungen, die auch Interpretationen dieser vergangenen Aktualitäten beinhalten. Diese vergangenen Aktualitäten als Gegebenheiten sind nahtlos in die vor-reflektierende rekonstruierende Untersuchung dieses Augenblicks eingebunden. Sie können jedoch nur hervorgeholt werden durch eine reflektierende rekonstruktive Untersuchung, welche unvermeidlich ihre eigenen interpretierenden (subjektiven und intersubjektiven) Dimensionen hinzufügt. Vergangene Aktualitäten werden als Gegebenheiten daher nie in ihrer reinen Form entdeckt. Es handelt sich bei ihnen um frühere AQAL-Räume, und deren Entdeckung durch eine reflektierende “Ausgrabung“ kann nur durch den und in dem gegenwärtigen AQAL-Raum stattfinden, als eine Ausgrabung, die den früheren Raum mit den gegenwärtigen Hinzufügungen und Interpretationen färbt (und genau das hat auch der frühere AQAL-Raum getan, bevor er als Gegebenheit an den gegenwärtigen Augenblick weitergereicht wurde). Auch wenn der gesamte Kosmos des vorangegangenen Augenblicks als Gegebenheit an uns weitergereicht wird und von innen her in seiner Gesamtheit in meiner gegenwärtigen Wahrnehmung gefühlt werden kann (d. h. in meiner gegenwärtigen, vor-reflektierenden, wahrnehmenden Vereinigung), so entdecken wir dabei doch zu keinem Zeitpunkt eine lediglich vorgegebene Welt.

Bedeutet dies, dass wir niemals mit dem Ding-an-sich in Berührung kommen können? Dass wir niemals in Kontakt kommen können mit jeglichen vor-existierenden Gegebenheiten? Nein, im Gegenteil. Das vergangene a priori ist jetzt internalisiert im gegenwärtigen Augenblick als ein konkreter Bestandteil des Fühlens dieses Augenblicks, und daher ist das, was Sie in diesem Augenblick fühlen zu einem Teil das Ding-an-sich des vorangegangenen Augenblicks, jetzt vollständig verbunden mit Ihren Sein. Zu sagen, dass wir niemals vollständig vergangene Gegebenheiten von gegenwärtigen Untersuchungen trennen können bedeutet nicht, dass das Ding-an-sich epistemologisch und ontologisch getrennt und für immer unerreichbar ist (dieser Schritt Whitehead`s führt aus dem Kant’schen Alptraum heraus).

Wenngleich wir daher in einem tiefen Sinn das Ding-an-sich fühlen können, können wir es doch nicht reflektierend erkennen; wir können es fühlen, aber nicht denken. Auch wenn das Ding-an-sich des vergangenen Augenblicks vollständig in die wahrnehmende Vereinigung oder gefühlte Bedeutung des gegenwärtigem Augenblicks eingebunden ist – wenn wir versuchen, nachdem sich etwas ereignet hat, darüber zu reflektieren und dieses als vergangene Gegebenheit zu rekonstruieren, fügen wir unvermeidlich die Interpretation dieses Augenblicks zu den Gegebenheiten dieses Augenblicks hinzu. Reflektivität ent-qualifiziert sich immer vom Ding-an-sich. Als ein Ding-an-sich kreativ hervortrat, war es noch nichts Gegebenes. Wenn etwas hervortritt, ist es nicht gegeben. Noch einmal – nirgendwo finden wir jemals eine lediglich gegebene Welt.

Dies bedeutet nicht, dass unsere rekonstruierende Hermeneutik, rekonstruierende Phänomenologie und rekonstruierende Wissenschaft keinen Nutzen haben – sie sind außerordentlich wichtig als ein Aspekt eines transparenteren Selbstverständnisses. Man muss jedoch festhalten, dass an keinem Punkt der rekonstruierenden Untersuchungen das Ding-an-sich zum Vorschein gebracht wird (wenngleich, wenn die Untersuchung richtig ausgeführt wird, sie vom Ding-an-sich geleitet sind. Sie sind geleitet durch die Gegebenheiten bzw. faktischen Vererbungen oder kosmischen Gewohnheiten der Vergangenheit, indem sie über morphische Resonanz, formgebende Verursachung, vereinigen Wahrnehmung, kulturelle Erinnerung usw. sich der Gegenwart kausal einprägen). Wenn wir eine Welt hervorbringen, sind wir eingebunden in ein Netzwerk von vor-existierenden Gegebenheiten mit gegenwärtigen Interpretationen.

Fakten-und-Interpretationen sind dem Kosmos intrinsisch

Zu sagen, dass der gegenwärtige Augenblick eine nahtlose Mischung aus vergangenen Gegebenheiten und gegenwärtigen Interpretationen ist, leugnet weder die Existenz des einen noch des anderen. Whitehead’s großer Genius war zu erkennen, dass „Fakten-und-Interpretationen“ ein und dasselbe sind wie „Bewahren und Transzendieren.“ Der vorangegangene Augenblick wird als ein Fakt, eine Gegebenheit und als a priori an den gegenwärtigen Augenblick übergeben, welcher seine eigene Kreativität, Interpretationen und Transzendenz hinzufügt – eine AQAL-Matrix, welche dann als ein Fakt an die Matrix des nächsten Augenblicks weitergegeben wird. Die Interpretationen von heute werden zu den Fakten von morgen als kosmische Vererbung xix (19).

Dies gilt von ganz nach unten bis ganz nach oben. Wie ich schon oft gesagt habe, müssen sogar Elektronen ihre Umgebung interpretieren und sogar Quarks haben Intersubjektivität. Es ist nicht nur so, dass Atome ihre Vorgänger wahrnehmen (a la Whitehead), es ist so, dass ein AQAL-Augenblick seinen Vorgänger wahrnimmt. Die vier Quadranten gehen bis ganz nach unten (wir werden auf diesen wichtigen Punkt gleich zurückkommen und die Art und Weise diskutieren, wie Letzteres über Ersteres hinausgeht, die Vorstellung von Whitehead’s Wahrnehmung jedoch mit aufnimmt). Was den Menschen betrifft, gibt es auch a priori Gegebenheiten und unsere gegenwärtigen Interpretationen dieser Gegebenheiten. Die große (und auf eine Weise einzige) Diskussion zwischen der Moderne und der Postmoderne drehte sich immer um die Frage: Wieviel Bedeutung geben wir jedem dieser Augenblicke? Die Moderne (und Aufklärung) argumentierte entschieden dafür, dass es lediglich eine gegebene Welt von Fakten gibt. Die Basis des Aufklärungsparadigmas war das Reflexionsparadigma (der „Spiegel der Natur“) – was bedeutet, dass Wirklichkeit in allen wesentlichen Aspekten objektiv gegeben ist. (D. h. die Welt der Natur, die wir dort draußen sehen, ist eine vorgegebene Wirklichkeit, die sich in den universellen Naturgesetzen reflektiert und diese darstellt.) Daher besteht eine richtige Epistemologie darin, eine genaue Landkarte oder Repräsentation dieses Territoriums zu zeichnen. Die Gegebenheiten, und nur sie, sind real, alles was existiert sind Fakten.

Die Postmoderne, in einer Gegenreaktion auf diese Dummheit, ging in das andere: keine Fakten, nur Interpretationen. Die Postmoderne sagte nicht nur: „Es gibt Gegebenheiten, doch unsere Entdeckung davon ist auf vielerlei Weise interpretativ.“ Sie sagte: „Es gibt nirgendwo Gegebenheiten, alles was es gibt sind Interpretationen und soziale Konstruktionen.“ Mit anderen Worten setzte die Postmoderne an die Stelle von Whitehead’s Brüche-in-Kontinuität eine nichts-als-Brüche-Sichtweise: nur Brüche, unzusammenhängende Bruchstellen, Fragmente, Scherben, in einem sich von Augenblick zu Augenblick bewegenden, gebrochenen Kosmos, der bei jedem Schritt seine Vergangenheit verleugnete und sich ihrer entfremdet.

Die Moderne behauptete: “Es gibt nur Interpretationen und keine Fakten“. Und die Postmoderne behauptete, dass „keine Fakten sondern lediglich Interpretationen“ existieren. Ich muss hier nicht betonen, dass meiner Meinung nach beide ein wichtiges Teil eines Puzzles in den Händen halten. Was wir natürlich brauchen ist ein integral-aperspektivischer Standpunkt, der die wichtigen Aspekte beider Sichtweisen gegenüber vergangenen Ereignissen würdigt und mit aufnimmt – ohne dabei ihre Quadrantenabsolutismen zu übernehmen. (Der Modernismus der Aufklärung privilegiert den OR-Quadranten, der Postmodernismus privilegiert den UL-Quadranten). xx (20) Beide betrachteten ihren Modus des In-der-Welt-seins als den einzig gültigen Modus eines In-der-Welt-seins.

Interpretation auf zweierlei Weise

Bis hierher haben wir uns auf die Untersuchung vergangener Ereignisse konzentriert (als etwas von dem man annehmen kann, dass es bereits in den vier Quadranten existiert). Wir haben noch nicht über die Untersuchung zukünftiger Potenziale gesprochen, einschließlich Untersuchungen der schäumenden Spitze der heutigen evolutionären Entfaltung, Untersuchungen von Ereignissen, die gerade im Entstehen begriffen sind, Untersuchungen der praktisch unbegrenzten Anzahl unterschiedlicher Formen von Übersetzungen [translations], die von Augenblick zu Augenblick erscheinen, Untersuchungen der transzendenten Komponente jeglicher Wahrnehmung, Untersuchungen der Wirklichkeiten, welche durch die Art der Untersuchung miterschaffen werden, Untersuchungen der höheren Zustände, die als allgemeine Bereiche schon gegenwärtig sind – wie Wachen, Träumen, traumloser Tiefschlaf – welche jedoch in größerem Umfang noch nicht hervorgetreten sind und bestimmte Formen als kosmische Gewohnheiten und spezifische Stufen angenommen haben und Untersuchungen von etwas, das sein könnte und was wir mit dem Begriff involutionäre Gegebenheiten bezeichnet haben, als Wirklichkeiten, die schon zu Beginn der Evolution dagewesen zu sein scheinen (wie Mathematik, bestimmte physikalische Gesetze, echte archetypische Formen, der morphogenetische Gradient eines Eros und so weiter. Ob so etwas existiert oder nicht, wird später diskutiert).

 

Wir sprechen jetzt über die Untersuchung von Ereignissen, die auf eine Weise unseren Untersuchungen gegenwärtiger Ereignisse vorangehen: dem AQAL-Universum des vorangegangenen Augenblicks mit seinen bleibenden kosmischen Gewohnheiten, welche sich in diesem Augenblick wiederholen. Daher sprechen wir bei diesen Untersuchungen von rekonstruierenden Untersuchungen, wie rekonstruierender Naturwissenschaft (z. B. Physik, evolutionäre Biologie), rekonstruierender Phänomenologie und Introspektion (z. B. tiefenspsychologische Untersuchungen früherer unterdrückter Gefühle), rekonstruierender Hermeneutik (als eine Untersuchung der Geschichte von Sinn und Bedeutung in einer Kultur), rekonstruierender Anthropologie (als eine Untersuchung historischen und vorhistorischen Materials als Spuren menschlichen Werdens) und so weiter.

Die Frage, die sich dabei stellt ist, welcher Teil unseres Wissens basiert auf diesen vor-existierenden Fakten oder Gegebenheiten (die an diesen Augenblick als kosmisches Erbe weitergereicht werden), und welcher Teil basiert auf gegenwärtigen Interpretationen dieser Fakten (welche alle Gegebenheiten der Vergangenheit transzendieren und in der Welt der Fakten nicht gefunden werden)?

 

Die Schwierigkeit besteht, mit anderen Worten, darin festzustellen, welcher Teil unserer rekonstruierenden Untersuchungen näher an den Fakten ist, soweit wir das rekonstruieren können, und welchen Teil unsere Interpretationen und Fehlinterpretationen ausmachen, die wir den Tatsachen hinzufügen. Dies ist ein schwieriges Thema und eines, welchem man sich meiner Meinung nach am besten durch einen AQAL-Ansatz nähert. (Siehe dazu Anhang A zu Boomeritis: Wer aß Kapitan Cook? Integrale Historiografie in einem postmodernen Zeitalter).  

Hier noch einige Beobachtungen zu diesem schwierigen Thema, basierend auf unserer Diskussion über ein kosmisches Karma. Die grundlegende Idee dabei ist einfach, zumindest in der Theorie: Je öfter vergangene Ereignisse wiederholt werden, desto stabiler werden sie zu kosmischen Gewohnheiten – und umso mehr existieren die vergangenen Ereignisse als Gegebenheiten, als Fakten, die an die Zukunft weitergereicht werden; und je länger sie existieren, desto beständiger werden sie, auch in ihrem Widerstand gegenüber schlechten Interpretationen.

 

Als beispielsweise Atome erstmals in Erscheinung traten, war ihr In-Erscheinung-treten zu einem Teil bestimmt von ihrer eigenen gegebenen Vergangenheit (von bereits existierenden Quarks, Elektronen, Protonen, usw. – also der bereits zu dieser Zeit existierenden AQAL-Matrix). Doch ihre Emergenz war zum Teil auch ein atemberaubender Schritt einer kreativen Neuerung (d. h. diese kreative Emergenz war ein neuer interpretierender Augenblick, welcher nicht reduziert werden kann auf eine der vor-existierenden Gegebenheiten). Unterstützt durch diesen morphogenetischen „groove“ bildeten immer mehr Elektronen, Protonen und Neutronen zusammen Atome, und so wurde die Form eines Atoms selbst zu einer kosmischen Gewohnheit. Irgendwann trat der kreativ-interpretierende Aspekt bei der Atombildung in den Hintergrund und die formalen Dimensionen eines Atoms wurden zu Gewohnheiten, welche an alle nachfolgenden Augenblicke weitergereicht wurden.

 

Heute existieren über 100 atomare Elemente als stabile Subkomponenten aller darauf aufbauenden Holons des grobstofflichen Bereiches. In der heutigen Welt sind Atome zu einer derart stabilen kosmischen Gewohnheit geworden, dass keine kreative Emergenz im heutigen manifesten Bereich an ihnen vorbeikommt. Dies bedeutet, dass Atome zu Tiefenmerkmalen des Kosmos geworden sind, welche an alle zukünftigen Ereignisse weitergereicht werden, die dann ihre Form transzendieren-und-bewahren müssen (anderenfalls hören sie auf zu existieren). Daher widersetzen sich die tiefen oder formalen atomischen Merkmale einer Re-interpretation durch den heutigen AQAL-Raum (auf zweierlei Weise: die Atome selbst fügen ihrer grundlegenden Form keine neuen interpretativen Emergenzen hinzu – ihre kreative Neuheit geht, mit den Worten Whitehead’s, gegen Null und wir Menschen selbst haben daher auch nur begrenzte Interpretationsmöglichkeiten hinsichtlich der formalen Aspekte dieser Atome).


Auf zweierlei Weise ist das ein wichtiger Punkt, weil dadurch auf zwei grundlegende Arten von Interpretation hingewiesen wird, die es im Kosmos gibt. Die erste und grundlegendste ist die, dass Interpretation ein intrinsischer Teil der linksseitigen Quadranten aller Holons ist, von oben bis unten. Das heißt, jede Wahrnehmung eines jeden Augenblicks enthält ein Moment kreativer Neuheit und interpretierender Freiheit, welche nicht reduziert oder erklärt werden kann durch die a priori Gegebenheiten und Fakten des vorangegangenen Augenblicks („interpretierende Freiheit“ bedeutet dabei, dass, wie ein Holon seine Vergangenheit fühlt, nicht völlig in dieser Vergangenheit enthalten ist). Wie schon gesagt müssen sogar Elektronen ihre Umgebung interpretieren – ganz abgesehen von Bakterien, Würmern und Wölfen.

 

Interpretation ist daher inhärent in den subjektiven und intersubjektiven Dimensionen des In-der-Welt-seins (bis ganz nach oben und ganz nach unten). Wir betonen oft die Bedeutung von Intersubjektivität bei der Interpretation (und daher identifizieren wir oft Interpretation seinem Wesen nach als ein UL-Ereignis und werden dies auch weiterhin tun), doch alle inneren Dimensionen haben ein interpretative Freiheit (auch wenn diese niemals von den anderen Quadranten getrennt ist).

 

Die quadrantische Wahrnehmung dieses Augenblicks ist daher ein Amalgam, eine untrennbare Mischung von intrinsischen Fakten und intrinsischen Interpretationen. Das heißt, die quadrantische Wahrnehmung dieses Augenblicks beinhaltet die faktischen Gegebenheiten dieses Augenblicks plus der Interpretation dieser Gegebenheiten in diesem Augenblick. Und die Gesamtsumme bzw. das Amalgam dieser Fakten-und-Interpretationen (d. h. die AQAL-Matrix dieses Augenblicks) wird dann als ein gegebenes FAKTUM an die quadrantische Wahrnehmung des nächsten Augenblicks weitergereicht, welcher seine eigenen Fakten und Interpretationen hinzufügt, welche wiederum, als ein Amalgam und FAKTUM, an den nächsten Augenblick weitergegeben werden, welcher dann diese FAKTEN auf eine Weise INTERPRETIERT, die nicht in diesen FAKTEN enthalten ist (was der Grund dafür ist, warum dieser Moment seine Vorgänger transzendiert und bewahrt).

Kurz gesagt, die FAKTEN des vorangegangenen Augenblicks plus die Fakten-und-Interpretationen dieses Augenblicks werden, als ein Wahrnehmungsamalgam, weitergegeben an den nächsten Augenblick als neue FAKTEN (d. h. als die neue Gesamtsumme der vergangenen Ereignisse als Gegebenheiten), die nun offen sind für neue Interpretationen, die dann zu neuen Fakten werden … Wie schon gesagt, die heutigen Interpretationen werden als eine kosmische Vererbung zu einem Teil der Fakten von morgen.

 

Die zweite Art einer dem Kosmos innewohnende Interpretation folgt aus der ersten, und zwar nehmen Holons einander gegenseitig wahr und müssen daher ihre Interpretationen gegenseitig interpretieren. Die erste Art von Interpretation ist ein Teil der kreativen Freiheit, die jedem Holon zu eigen ist (d. h. jedes Holon muss den gegenwärtigen Augenblick in einem gewissen Maß interpretieren); die zweite Art ist das was geschieht, wenn ein Holon konkret versucht, ein anderes Holon zu interpretieren. An dieser Stelle wird das interpretative Spiel knifflig.

Dies ist ein sehr umfangreiches Thema. Ich möchte hier einfach sagen, dass, genau weil die erste Art von Interpretation dem Kosmos innewohnt, dies auch für die zweite Art der Interpretation gilt. Jedesmal wenn ein Holon einem anderen begegnet, handelt es sich dabei um eine Vier-Quadranten-zu-vier-Quadranten-Angelegenheit. Jedes Holon begegnet dem anderen nicht nur als eine gegebene Tatsache bzw. als ein Objekt einer dritten Person, sondern als eine zu interpretierende erste und zweite Person. Der Hirsch, der einen Jäger sieht, muss dessen Handlungen interpretieren und reagiert darauf nicht einfach wie etwa ein fallender Stein. Weil alle Holons (von ganz oben bis ganz unten) einen Bewusstseinsanteil haben, müssen sie ihre Umgebung interpretieren, das heißt, sie interpretieren ihre Interpretationen.

Es erübrigt sich zu sagen, dass eine angemessene Interpretation eine auf der gleichen Tiefe stattfindende Übersetzung erfordert. Versucht ein Holon, ein anderes Holon mit einer größeren Tiefe zu interpretieren, wird definitiv etwas bei dieser Übersetzung verlorengehen. Auch dies ist ein umfangreiches Thema, welches wir für den Augenblick einfach festhalten wollen.

 

Bei menschlichen Holons wird durch deren linguistische Fähigkeiten Kommunikation (auf beide Weisen) enorm erweitert und damit auch komplizierter. Die Postmoderne wurde verständlicherweise besessen von dem außerordentlichen Mysterium der Interpretation eines Anderen: Wie um aller Welt kann so etwas geschehen? Die generelle Antwort der Postmoderne darauf ist: „Wir können das nicht, es ist grundsätzlich unmöglich, ein kulturelles Anderes angemessen zu interpretieren, und daher bleiben Kulturen einander unvergleichbar, mit nicht-vergleichbaren linguistischen Praktiken, nicht-kommunizierbaren Lebenswelten und pluralistischen Scherben in allen Richtungen“. Doch wie sich herausstellte, hat die Postmoderne übertrieben und zu der Zeit als Derrida (in seinem Buch Positions) zugab, dass „der transzendente Signifikant existiert“, war der extreme Postmodernismus längst überholt und ließ die akademische Welt in einer kolossalen Legitimationskrise zurück, die diese noch nicht überwunden hat.

Wir müssen dem Postmodernismus nicht bis ins Extrem folgen, um seinen unglaublich wichtigen, wenn auch nur sehr teilhaften Wahrheiten zuzustimmen, von denen die allererste ist: Interpretation ist dem Kosmos wesenseigen (was die eigentliche Bedeutung von „es gibt nichts außerhalb des Textes“ ist). Der Postmodernismus bezog sich jedoch auf den zweiten Typ von Interpretation, von dem wir gesprochen haben, speziell in seiner menschlichen Form – das heißt alle Menschen sind linguistische Schöpfungen und müssen daher alles was in ihre Welt eintritt interpretieren, da „die Grenzen meiner Sprache die Grenzen meiner Welt sind“. Diese Aussage hat jedoch, ganz für sich genommen, letztendlich keine Bedeutung (und ist in sich widersprüchlich), es sei denn, sie wird mit dem ersten Typ von Interpretation in Verbindung gesetzt und zwar dass alle Holons, von oben nach unten, eine interpretierende Komponente als einen Teil ihres Wesens besitzen. Wenn wir der Interpretation den ihr zukommenden Platz in der AQAL-Konfiguration geben, bekommen auch die teilhaften Wahrheiten der Postmoderne ihren angemessenen Platz innerhalb einer integralen Orientierung.

Wir haben also zwei Arten von Interpretationen, die dem Kosmos wesenseigen sind und die wir mit primärer Interpretation (den linksseitigen Quadranten aller Holons wesenseigen) und Überkreuz-Interpretation (wo alle Holons bemüht sind sich gegenseitig zu interpretieren) bezeichnen können.

Kommen wir jetzt zu dem erwähnten Punkt zurück, dass, je länger ein interpretierender Augenblick zurückliegt, es desto weniger Spielraum gibt bei seiner Gestaltung. Wenn Menschen heute, wie beschrieben, beispielsweise Atome untersuchen, bringen sie dabei unsere eigenen Interpretationen mit ein. Doch unsere Interpretationen haben wenig Einfluss auf diese tief eingravierten kosmischen Gewohnheiten, wo schlechte Überkreuz-Interpretationen durch das Verhalten der Atome selbst widerlegt werden (was der Grund ist, warum Falsifikation oft – aber nicht immer – einer der vielen Maßstäbe der rekonstruierenden Wissenschaften ist: Falsifikation ist die Zurückweisung einer schlechten Überkreuz-Interpretation durch einen anderen Interpretierenden).

Ein Teil dessen, was unsere rekonstruierenden Untersuchungen hervorbringen oder sichtbar machen, sind einige der Tiefenmuster, Tiefenmerkmale oder eingravierte kosmische Gewohnheiten (wie sie in jedem der Quadranten auftauchen). Diese Tiefenmuster sind diejenigen vergangenen Ereignisse, die so oft wiederholt wurden, dass ihre Wahrscheinlichkeitswelle sehr begrenzt lokalisiert ist, so dass unsere rekonstruierenden Untersuchungen nur wenig Interpretierendes zu diesen mittlerweile etablierten Fakten hinzufügen (und je älter die Gewohnheit, desto weniger Spielraum ist in der Wahrscheinlichkeitswelle enthalten und desto „sturer“ werden diese Fakten – und immer weniger offen für Interpretationen – auch wenn deren ursprüngliche Formung intrinsische Momente von Subjektivität und Intersubjektivität enthielt. Fakten sind nie lediglich Fakten). Doch je mehr ein Holon gesetzt ist, desto weniger Spielraum existiert in seinen wesentlichen Eigenschaften.

Dies ist der Grund, warum wir sagen, dass nur Tiefenmuster oder Merkmale kollektiv vererbt werden: Sie sind das, was alle Holons dieser Klasse bei ihrem ersten Auftreten gemeinsam haben, und daher bilden diese Muster ein starken kollektives morphisches Feld, wohingegen alle Oberflächenmerkmale – als dasjenige, was nur wenige Holons an Eigenschaften haben – nicht stark genug sind, um kollektiv weitergegeben zu werden (auch wenn sie durch die Individuen in deren eigener Wahrnehmung und individuellem morphischen Feld weitergegeben werden).

Natürlich existiert eine Art Spektrum oder eine Holarchie des Kollektiven – Individuen, Familien, Gruppen, Kulturen, Nationen, planetarisch, usw. xxi (21) Es gibt daher individuelles Karma, Familienkarma, kulturelles Karma, nationales Karma usw. Die meisten dieser kollektiv vererbten Muster sind nicht universell, sondern auf kleinere Gruppen, Subkulturen oder Kulturen begrenzt. Nur wenige Tiefenmerkmale sind universell oder planetarisch und die Entdeckung dieser universellen Muster kann nur erfolgen durch eine rekonstruierende Untersuchung von einer gelben oder höheren Entwicklungsstufe, da es sich hierbei um universelle Muster handelt, die von den Memen des ersten Ranges nicht erkannt werden können. Wir werden gleich auf diese wichtigen Punkte zurückkommen.

Eine einfache Analogie: Der Grand Canyon

Wie gesagt, je älter die vergangenen Gegebenheiten, desto weniger Möglichkeiten existieren für heutige Interpretationen in beide Richtungen (die der Holons und unsere) – das heißt, desto geringer sind die interpretierenden Momente, welche das Holon selbst innerlich hinzufügt und desto weniger Spielraum existiert für unsere Interpretationen ihrer Merkmale). Umgekehrt ist es so, dass je jünger die vergangenen Gegebenheiten sind, es desto mehr Interpretationsmöglichkeiten gibt (in beide Richtungen).

 

Für die psychologische Entwicklung bedeutet dies beispielsweise, dass die früheren Entwicklungswellen, speziell Beige, Purpur, Rot, Blau und in gewissem Ausmaß auch Orange, jetzt als tiefe Gegebenheiten und interpretierende Gewohnheiten weitgehend festgelegt sind, wohingegen die jüngeren Wellen sich immer noch bilden.

 

Dazu möchte ich eine einfache Analogie verwenden. Eine sehr alte, zutiefst eingegrabene kosmische Gewohnheit – wie die, sagen wir, beige Struktur bzw. das beige Mem – ist wie der Grand Canyon. Es ist ein morphogenetischer Groove, der sich so tief in den Kosmos eingegraben hat, dass man ihm praktisch nicht entrinnen kann. Möchte man entlang des Grand Canyon reisen, kann man sich entweder mit dem Colorado-Fluss hinunter treiben lassen, am Grund des Canyons, eine Reise von wenigen Stunden, oder man geht auf und ab, vom Grund des Canyons nach oben und wieder nach unten und wieder nach oben und so weiter viele Meilen, eine gewaltige Anstrengung, die für die gleiche Strecke Monate in Anspruch nehmen würde. Möchte also ein menschliches Holon auf die effektivste Weise flussabwärts gelangen, dann ist die Wahrscheinlichkeit nahe 100%, dass es dabei dem Flusslauf am Grund des Canyons folgt und nicht die Wände auf und ab läuft. Zu sagen, dass ein menschliches Holon dem Fluss des Colorado auf eine entwicklungseffiziente Weise folgt, ist das Gleiche wie zu sagen, dass es eine Wahrscheinlichkeit nahe 100% gibt, dass dieses Holon jederzeit den Weg des Colorado River am Grund des Canyons nimmt.

 

Mit dem beigen Mem verhält es sich genau so: Es gibt praktisch eine 100%ige Sicherheit, dass menschliche Holons bei ihrer Durchquerung ihrer Raumzeit-Weges diesen Grooves folgen und dabei Eigenschaften zeigen, die in Zusammenhang gebracht werden mit der beigen Welle der AQAL-Matrix (was der Grund dafür ist, warum alle Menschen ein Bedürfnis nach Nahrung, Schutz und Wasser haben – das beige Mem). Darüber hinaus können diese beigen Charakteristiken nur durch eine rekonstruierende Betrachtung festgestellt werden (oder reflektiv entdeckt und aufgezeigt werden), welche den Grand Canyon nach seinem Auftreten und dem sich Zeigen seiner Merkmale untersucht – d. h. als ein a priori eines früheren Erbes und nicht als eine vorbestimmte archetypische Struktur.

Je älter das Holon, desto mehr ähnelt es einem Grand Canyon. Am tiefsten Punkt ist der Canyon fast eine Meile tief (etwa 5000 Fuß) – das entspricht bei menschlichen Holons Beige. xxii (22) Purpur ist nicht so tief eingegraben, (vielleicht 4000 Fuß), Rot wieder weniger tief (vielleicht 2000 Fuß) und Blau noch weniger tief (1000 Fuß). Orange ist erst 300 Jahre alt – dem entspricht eine Tiefe von nur 300 Fuß, eingegraben in den Kosmos. Und Grün, welches in verbreiteterer Form erst vor drei Jahrzehnten in Erscheinung getreten ist, ist ein morphogenetischer Groove, der sich erst leicht 30 Fuß tief in die Oberfläche des Kosmos eingeritzt hat. Und der arme zweite Rang entspricht dem Ziehen eines Stockes einiger Leute über den Boden: eine erste Rille für einen integralen Groove in der kosmischen Landschaft.

Daher, wie gesagt, sind die Tiefenmerkmale, die in jedem der Quadranten als kosmische Gewohnheiten vererbt werden, lediglich Wahrscheinlichkeitswellen dafür, eine bestimmte Art von Ereignis in einer bestimmten Raumzeit zu finden. Je älter das geerbte Merkmal ist, desto festgelegter ist die Wahrscheinlichkeit (so dass die sehr alten morphischen Formen weitgehend determiniert erscheinen, auch wenn sie ursprünglich als ein Ergebnis kreativer Freiheit in Erscheinung getreten sind). All die anderen Merkmale von Holons – ihre Permutationen, Kombinationen, Oberflächenmerkmale und Aktionen – treten auf als ein neues Spiel im AQAL-Raum dieses Augenblicks, die Vergangenheit mit kreativem Eifer transzendierend und bewahrend und mit wechselseitigen Interpretationen und Fakten in einem Aufruhr von Unbestimmtheit. Doch die allgemeinen Merkmale selbst werden allmählich zu kosmischen Gewohnheiten und wie immer: je älter die Gewohnheit, desto schwieriger ist es, sie zu brechen.

 

Von einer partiellen zu einer vollständig dialogischen Vererbung

Wir werden viele dieser entscheidenden Themen – so wie die Beziehung zwischen Fakten und Interpretationen – in späteren Abschnitten verfolgen, wo wir spezifische Beispiele dafür geben, was jeweils gemeint ist. Der Punkt, den wir an dieser Stelle machen, ist, dass jedes konkrete Ereignis – jedes existierende Holon – mindestens vier Dimensionen des In-der-Welt-seins hat, so dass jeder Augenblick als eine AQAL-Erscheinung mit einer vierdimensionalen Vererbung existiert. xxiii (23)

 

Jeder vierdimensionale Augenblick hat daher intrinsisch objektiv/faktische Aspekte oder Dimensionen (OR und UR) und interpretierende/Bewusstseins- Aspekte oder Dimensionen (OL und UL). Wir sprechen jetzt nicht darüber, wie Menschen andere Holons interpretieren (als Überkreuz-Interpretation); wir sprechen über Holons selbst, von ganz oben bis ganz unten (primäre Interpretation). Wenn ein Augenblick ins Sein tritt (auf jeder Ebene), dann besitzt er einen Funken kreativer Transzendenz, interpretierender Freiheit und nicht-determinierter Spielräume. Geht dieser Augenblick dann in den nächsten Augenblick über und ist „vergangen“, wird er zur Vergangenheit, die sich nicht mehr ändert. Er hört auf, sich zu interpretieren und wird zum fossilen Speicher der a prioris hinzugefügt. Die Gesamtheit der Fakten-und-Interpretationen dieses Augenblicks wird an den nächsten Augenblick als eine a priori gegebene Dimension weitergereicht, welche dann diesen Gegebenheiten mit ihren eigenen Fakten-und-Interpretationen begegnet.

Um dies noch genauer auszuführen, durch eine Bewegung von Whitehead’s teilweise dialogischer zu einer quadrantischen Formulierung: Die AQAL-Matrix dieses Augenblicks wird aufgenommen in die AQAL-Matrix des nächsten Augenblicks. Dies ist nicht nur eine Angelegenheit von Wahrnehmung und wahrnehmender Vereinigung, wie Whitehead glaubte. Whitehead gab uns eine Analyse des oberen linken Quadranten eines Existierens von-Augenblick-zu-Augenblick und vernachlässigte dabei weitgehend die vererbenden Beiträge der anderen Quadranten. Während die subjektive Dimension dieses Augenblicks beispielsweise die subjektive Dimension des vorhergehenden Augenblicks wahrnimmt (und daher zu einem gewissen Grad geformt wird durch die wahrgenommene Kausalität vergangener Gefühle), übt die objektive Dimension dieses Augenblicks eine formgebende Verursachung auf die objektive Dimension des nächsten Augenblicks aus, und daher wird nicht nur eine gefühlte Kausalität sondern eine morphische Kausalität ausgeübt. Diese Art von objektiver oder äußerer Vererbung wird vom Holon nicht unmittelbar wahrgenommen, es sei denn es nimmt einen Standpunkt einer dritten Person gegenüber seiner eigenen Existenz ein. Hierfür kann uns die Whitehead’sche Wahrnehmung oder Konkretisierung keine Erklärung liefern (doch die morphischen Felder Sheldrakes oder andere OR- oder UR-Vererbungen können dies, einschließlich der Resonanzphänomene subtiler Energien [siehe dazu Exzerpt G].

Daher ist jeder Augenblick nicht nur ein Subjekt, das zum Objekt des nächsten Subjektes wird, sondern die objektiven Formen eines jeden Augenblicks üben einen kausalen Einfluss auf nachfolgende objektive Formen aus, auf eine Weise, die nicht durch das Holon wahrgenommen oder unmittelbar gefühlt werden kann. Objektive Dimensionen üben ihren Einfluss auf nachfolgende objektive Dimensionen aus und subjektive Dimensionen beeinflussen nachfolgende subjektive Dimensionen – und Entsprechendes gilt auch für die intersubjektiven und interobjektiven Dimensionen. Sie alle wirken gemeinsam mit bei der Gestaltung des gegenwärtigen Augenblicks (und nur einige treten in die gefühlte Wahrnehmung des Holon ein).

Ähnlich wie der Austausch mit David Ray Griffin gezeigt hat, beeinflussen verschiedene intersubjektive Felder die Form des Subjektes auf Weisen, die niemals als ein Objekt vom Subjekt wahrgenommen werden können (d. h. sie wirken bei der Gestaltung des Subjektes unmittelbar bei seinem Auftreten mit und nicht als durch das Subjekt wahrgenommene Objekte). xxiv (24)

Kurz gesagt, verschiedene Aspekte aller Quadranten sind vererbt, aber nicht nur in Form einer wahrnehmenden Vereinigung (a la Whitehead) und nicht nur als formgebende Verursachung (a la Sheldrake) und nicht nur als kulturelle Erinnerung (a la von Bertalanffy), sondern durch eine totale AQAL-Vererbung einschließlich der vier Quadranten bis ganz nach unten (in einer vollständigen und nicht nur in einer teilweisen dialogischen Weise). xxv (25)

Was wir brauchen ist ein Begriff, der diese “Vier-Quadranten-Wahrnehmung” bezeichnet. Ich nenne dies manchmal „quandrantische Wahrnehmung“, doch das überdehnt die Whitehead’sche Bedeutung bis zur Unkenntlichkeit. Die quadrantische Formulierung weist die Angemessenheit der Whitehead’schen Version in diesem Punkt kategorisch zurück. Daher werde ich diese „quadrantische Wahrnehmung“ mit Begriffen wie Tetra-Wahrnehmung oder Komprehension bezeichnen, mit einem klaren Verständnis darüber, dass dies über eine lediglich gefühlte Wahrnehmung, eine formale Kausalität, eine intersubjektive Kontextualität und eine interobjektive Systemvererbung hinausgeht – um eine Vier-Quadranten-Vererbung aufzuzeigen, bis ganz nach oben und nach unten. (Und mit „Vier-Quadranten-Vererbung“ oder „Tetra-Wahrnehmung“ bezeichnen wir alles, was in jedem der Quadranten vor sich geht, einschließlich ihrer Wellen, Ströme, Zustände und Typen – was lediglich Worte sind, welche auf stattfindende Gegebenheiten hinweisen, die in der sich kreativ entfaltenden AQAL-Matrix von einem Augenblick an den nächsten Augenblick weitergegeben werden).

Alle existierenden Theorien von Vererbung – von Wahrnehmung zu Kausalität zu Autopoiese zu Systemerinnerung – erwähnen eine oder zwei dieser Dimensionen des In-der-Welt-seins, doch keine von ihnen scheint sie alle abzudecken. Daher beziehen wir uns ab jetzt, wenn wir über kosmisches Karma sprechen, auf eine AQAL-Situation einer Tetra-Wahrnehmung, bis ganz nach oben und ganz nach unten.

Die Vererbung von-Augenblick-zu-Augenblick ist eine AQAL-Angelegenheit: Subjektive Dimensionen sind in Resonanz und beeinflussen subjektive Dimensionen über Wahrnehmung, objektive (d. h. äußere) Dimensionen sind in Resonanz und beeinflussen objektive Dimensionen über formgebende Verursachung und Entsprechendes gilt für intersubjektive und interobjektive Gewohnheiten. Eine Quadrant-zu-gleichem-Quadrant-Resonanz ist die Form kosmischer Erinnerung. Und viele der rechtsseitigen Formen von Vererbung treten niemals in die unmittelbare Wahrnehmung des Holon ein und auch nicht die meisten der Tiefenmuster der linksseitigen Quadranten. Sie alle, wie wir noch sehen werden, werden durch Untersuchung einer zweiten und dritten Person entdeckt (und nicht durch Wahrnehmung einer ersten Person). Entsprechend gibt es zusätzlich zu morphischen Feldern rechtsseitige subtile Energiefelder (siehe unten), welche sich generell der Wahrnehmung entziehen.

Der wesentliche Punkt für diese Diskussion ist, dass die AQAL-Matrix eines Augenblicks als etwas Gegebenes, als ein a priori, an die AQAL-Matrix des nächsten Augenblicks weitergereicht wird. Diese Gegebenheiten sind Fakten, jedoch nicht in dem Sinn, dass sie alle Wahrnehmungsobjekte des neuen Subjektes sind (weil einige Aspekte der kosmischen Vererbung nicht unmittelbar von einem Holon gefühlt werden). Sondern die AQAL-Matrix des vorangegangenen Augenblicks ist jetzt eine faktische Gegebenheit bzw. ein a priori in dem Sinn, dass ihre eigene kreative Neuheit beendet ist und sie zu einer unveränderbaren Vergangenheit geworden ist, als einem Teil der fossilen Geschichte kosmischer Evolution. Ihre kreative Freiheit hat aufgehört, als die transzendente Kreativität vom nachfolgenden Augenblick übernommen wurde, diesen Augenblick als „tot“ erklärte, wenn man so will, als etwas, was in die kosmische Erinnerung hinübergeht. Es ist nun eine vergangene Gegebenheit daraus geworden, welche fest oder gegeben in dem Sinn ist, dass sie sich nicht mehr selbst interpretieren und die Form ihrer eigenen Existenz ändern kann, wie geschehen im Augenblick ihrer kreativen Gegenwärtigkeit – doch sie kann jetzt von ihren Nachfolgern interpretiert werden. Als eine vergangene Gegebenheit ist die gesamte Wahrscheinlichkeitswelle dieser AQAL-Matrix zusammengefallen in eine spezifische und unveränderbare Form, als eine kreative Wirklichkeit, die nun zu einem nicht-lebendigen, unveränderlichem Fossil geworden ist, als eine vergangene Gegebenheit, die lediglich durch reflektierendes Wissen gegenwärtiger Interpretationen gekannt werden kann.

 

In Kurzform: Die Form kosmischer Erinnerung ist die AQAL-Matrix, tetra-vererbt von-Augenblick-zu-Augenblick und nicht nur Wahrnehmung, nicht nur geist-lose formgebende Verursachung, nicht nur Systemerinnerung, nicht nur kulturelle Gewohnheiten, usw. Kosmische Vererbung ist Tetra-Wahrnehmung von-Augenblick-zu-Augenblick, von ganz nach oben bis ganz nach unten.

 

Zusammenfassung

 

Der vorangegangene Abschnitt schlägt einen theoretischen Rahmen vor – eine AQAL-Matrix bzw. ein integrales Betriebssystem (IBS) – welches uns die Möglichkeit gibt, Verschiedenes gleichzeitig zu tun.

Erstens können wir damit die existierenden stabilen Strukturen erklären (von Bakterien zu Ökosystemen zu Bewusstseinsebenen) ohne Rückgriff auf vorgegebene Archetypen, Strukturen oder unabhängig existierende ontologische Ebenen – das heißt, wir können damit beginnen, metaphysische Spekulationen durch rekonstruierende Untersuchungen zu ersetzen.

Zweitens werden sogar existierende Strukturen nicht als unabhängig existierende konkrete Einheiten betrachtet, sondern als Wahrscheinlichkeitswellen für das Auffinden eines bestimmten Ereignisses an einem bestimmten Ort in der AQAL-Matrix zu irgendeinem gegebenen Zeitpunkt.

Drittens liegt es in der Natur eines jeden konkreten Ereignisses, dass es intrinsisch mindestens drei oder vier Hauptdimensionen enthält (die vier Quadranten), von denen jeder einen intrinsischen Modus eines In-der-Welt-seins verkörpert (Modi einer ersten, zweiten und dritten Person).

 

Viertens ist ein integrales Betriebssystem (oder ein theoretischer Rahmen, welcher explizit alle Quadranten, alle Ebenen, alle Linien, alle Zustände, alle Typen aufnimmt und würdigt) sehr wahrscheinlich der einzige Rahmen, der dabei helfen kann, ein integrales Zeitalter an der Spitze der Entwicklung einzuführen. Auch wenn jedes IBS lediglich eine Darstellung einer dritten Person ist, eine abstrakte, theoretische Konstruktion in Es-Sprache, wird jedes authentische IBS dennoch das Augenmerk nicht nur auf Es-heiten einer dritten Person legen, sondern auch auf andere bedeutende Wirklichkeiten der Modi einer ersten und zweiten Person, einschließlich persönlicher Gefühle, Erfahrungen, Phänomenologie, Hermeneutik und gemeinschaftlichen Untersuchungen. Daher unterstützt jedes echte IBS immer wieder die Erinnerung daran, dass es darum geht, mit all diesen Aspekten von Wirklichkeit in Berührung zu sein – mit allen Quadranten, allen Ebenen, allen Linien, allen Zuständen und allen Typen – auch wenn die einfach IBS-Landkarte niemals das konkrete Territorium jedes dieser Aspekte ersetzen kann (und dafür auch gar nicht gemacht ist). Darüber hinaus, und anders als die meisten anderen Landkarten (vom Netz des Lebens bis zu den postmodernen Paradigmen), die der Meinung sind, dass sie das konkrete Territorium und der einzig richtige Weg es zu sehen sind, ist ein IBS äußert bewusst, dass es lediglich eine Landkarte darstellt und so auf höhere Territorien und Wirklichkeiten hinweisen kann, die selbst nicht direkt in der Landkarte enthalten sind. Schließlich ist ein hilfreicher Aspekt eines jeden authentischen IBS der, dass explizit auf die vielen Methodologien hingewiesen wird, die ihrerseits unmittelbar die unterschiedlichen Realitäten und Potenziale des sich kreativ entfaltenden Kosmos hervorbringen können. Einer zusammenfassenden Darstellung eines derartigen integralen methodologischen Pluralismus – als Vorbote eines integralen Zeitalters an der Spitze der Entwicklung – können wir uns jetzt zuwenden.

 

 

Teil V: Integraler methodologischer Pluralismus

Einführung

Wir haben jetzt genug Hintergrundinformationen für eine kleine Rundreise zu einigen der allgemein verwendeten Methodologien, welche die unterschiedlichen Dimensionen eines Holons aufzeigen und hervorbringen. In jedem dieser Fälle – vom Empirizismus zur Phänomenologie zur Hermeneutik zur Systemtheorie – können wir fragen, was wird jeweils durch die Injunktionen einer speziellen Untersuchung hervorgebracht? Wenn wir diese spezielle Untersuchung durchführen, was finden wir dann? Was zeigt uns diese Untersuchung, und warum ist das von Bedeutung?

In der Öffnung, die durch eine bestimmte Untersuchung entsteht, kommen unterschiedliche Dinge zum Vorschein, einschließlich vergangener Gegebenheiten, gegenwärtiger Ereignisse und zukünftiger Potenziale:

(1) Wir haben gerade über eines der wichtigsten Dinge gesprochen und zwar, dass einige dieser Wissenschaften (wie Physik, Biologe, Entwicklungspsychologie, Systemtheorie, Ökologe) in ihren Untersuchungen viele der bleibenden Merkmale vergangener Gegebenheiten, welche in der Gegenwart als Gegebenheiten nach wie vor aktiv sind, aufzeigen können – und zwar als Fakten, welche bereits vor ihrer Interpretation durch diesen Augenblick existierten (auch wenn sie unvermeidbar durch die Interpretation dieses Augenblicks gefärbt sind, und obgleich sie, als sie erstmals als Fakten festgelegt wurden, selbst ein intrinsisches Momentum interpretierender Freiheit hatten).

(2) Einige dieser Untersuchungen (bezüglich Hermeneutik, gemeinschaftlicher Untersuchungen, Meditation, künstlerischer Kreativität) können auch aktuelle Ereignisse (oder Fakten-und-Interpretationen) aufzeigen, welche in diesem Augenblick hervortreten.

(3) Und – ebenso wichtig – einige von ihnen können verschiedene zukünftige Potenziale aufzeigen, die gerade mit ihrem eigenen, wilden und kreativen Ruck hervortreten. Diese Neuschöpfungen sind nicht gegeben – jedenfalls noch nicht, sie treten gerade erst in die unbestimmte Verspieltheit dieses Augenblicks ein. Wenn irgendeines dieser kreativen Neuschöpfungen den Selektionsdruck in allen vier Quadranten überlebt und in der Folge von mehr und mehr Holons dieser Klasse wiederholt wird, dann wird daraus schließlich als eine eingekerbte kosmische Gewohnheit ein Tiefenmuster, welches an alle Mitglieder dieser Klasse in der Zukunft vererbt wird.

Dies sind einige der Ereignisse, die für unsere gegenwärtigen Untersuchungsformen offen sind. In einer wichtigen Endnote werden wir einige der anderen Dinge diskutieren, welche durch menschliche Untersuchungen entdeckt werden können (Dinge wie involutionäre Gegebenheiten oder wirklich archetypische Muster, von denen vernünftigerweise angenommen werden kann, dass sie bereits vor dem Beginn der Evolution existierten). xxvi (26) Und erinnern wir uns daran, dass das, was wir jetzt untersuchen, verschiedene Untersuchungsformen oder Möglichkeiten sind, wie wir nach Wahrheit oder Bedeutung oder Information oder Gefühlen oder Einsichten oder Gemeinschaftlichem usw. Ausschau halten. In allen Untersuchungsformen und in jedem Quadranten suchen wir nach etwas. Und so stellt sich die Frage: Welche Formen von Suchen oder Untersuchung gibt es dort und was bringen sie hervor? Es erübrigt sich zu sagen, dass Untersuchungen nicht die einzige Form menschlichen Fühlens, Wissens, Seins oder Verlangens ist – sondern lediglich die Form, die eine der reproduzierbarsten Methodologien darstellt.

Betrachten wir nun die Konturen einiger dieser Methodologien mit ein paar kurzen, allgemeinen und vereinfachten Beispielen einiger der verbreiteten Untersuchungen, einschließlich kurzer Betrachtungen ihrer jüngeren Geschichte.

Oben-Rechts-Untersuchungen

Die vielleicht einfachste Untersuchungsart ist die eines sensorischen Empirizismus (die, bei einer entsprechenden theoretischen Aufblähung als Behaviorismus in Erscheinung tritt, und bei noch mehr Aufblähung als Positivismus – ich werde sie zusammenfassend behandeln). Sensorischer Empirizismus ist, basierend auf einer Reihe von einfachen Annahmen, auf eine naive Weise ansprechend: Ich sehe sensomotorische Objekte dort draußen. Diese Objekte (und wahrscheinlich nur diese Objekte) sind real. Daher besteht wahres Wissen darin, das Verhalten dieser Objekte so sorgfältig wie möglich zu verfolgen. Das heißt, wahres Wissen besteht aus einer möglichst genauen Landkarte eines vorgegebenen objektiven Geländes.

Es ist nicht so, dass diese Annahmen komplett falsch sind. Es ist jedoch so, dass, auch wenn wir ihren Wahrheitsaspekten zustimmen, diese lediglich ein kleines Stück vom kosmischen Kuchen darstellen. Bei den wahren Aspekten dieses Ansatzes geht es um Folgendes:

Nimmt man den Standpunkt einer unparteiischen und naturwissenschaftlichen Betrachtung von Objekten ein, dann tritt die 3te-Person-Dimension des In-der-Welt-seins hervor. Diese 3te-Person-Dimensionen sind vorhanden, sie sind real, sie sind relativ objektiv (d. h. viele Aspekte gegenwärtiger Ereignisse wurden an die Gegenwart als Whitehead’sche vergangene Gegebenheiten, die faktisch von diesem Augenblick geerbt und wahrgenommen wurden, übergeben. Dies ist der Grund, warum ein Diamant Glas schneidet und zwar in einer vormodernen, in einer modernen und in einer postmodernen Kultur – so viel zum Thema kultureller Relativität). Diese Fakten stehen, doch sie stehen nicht alleine für sich und sie bilden auch keine Wirklichkeit getrennt oder unberührt von den anderen Quadranten und Dimensionen des In-der-Welt-seins. Die Katastrophe tritt ein, wenn die Untersuchungen in diesem Quadranten (OR) – also die Untersuchung des objektiven Verhaltens sensorimotorischer Ereignisse – als die einzigen Untersuchungen angesehen werden, welche Wahrheiten hervorbringen. (Diese unreife Annahme wird nur dann gemacht, wenn entgegen aller verfügbaren Evidenz angenommen wird, dass die einzig realen Ereignisse sensorimotorische Ereignisse sind – was zu der Verabsolutierung eines naiven Standpunktes unreflektierten Bewusstseins führt. “Die Verleugnung von Reflektion ist Positivismus” – Jürgen Habermas). Diese Blindheit ist ein weiterer Fall eines Quadrantenabsolutismus.

Dennoch ist die Untersuchung unter Einnahme der Perspektive einer dritten Person des Verhaltens der sensomotorischen Dimension von Holons ein wichtiges Werkzeug des integralen Instrumentariums. Der empirische Modus einer Untersuchung erhellt die 3te-Person-Dimension des In-der-Welt-seins. Er ist daher ein wichtiges Mittel bei der Aufdeckung einiger der faktischen Aspekte dieses Augenblicks (als die vererbten Formen der quadrantischen Vergangenheit, welche in diesem Augenblick immer noch wirksam sind und der objektiven rechtsseitigen Korrelate der linksseitigen Bewusstheit und Interpretationen, welche in diesem Augenblick hervortreten). Die Existenz dieses wichtigen Quadranten wird jedoch von den Postmodernisten geleugnet, und zwar deshalb, weil sie selbst, wie wir sehen werden, in einem eigenen Quadrantenabsolutismus gefangen sind.

Wichtige Untersuchungsformen hier sind die meisten der Naturwissenschaften, welche sich auf individuelles Verhalten konzentrieren, wie Physik, Chemie, Molekularbiologie, Biochemie, evolutionäre Verhaltensforschung/Psychologie, Neurophysiologie, Neurowissenschaften und kognitive Wissenschaften. xxvii (27) Mit all ihren Begrenzungen bei der Erkenntnis des Kosmos sind sie doch ein bedeutender Eckstein eines jeden wahrhaft integralen methodologischen Pluralismus.

Oben-Links-Untersuchungen

Oben-Links-Untersuchungen, als Untersuchungen der Modi einer ersten Person des In-der-Welt-seins, sind die unmittelbarsten Untersuchungen die Menschen zur Verfügung stehen: Man schaut einfach nach innen, in das eigene Bewusstsein hinein. Natürlich werden die Dinge dann schnell kompliziert, – das, was wir als “unser eigenes Bewusstsein” bezeichnen, ist teilweise ein Produkt unserer Kultur, sozialer Systeme, einem Stück unverdauter Nahrung, und vieles anderem (was uns einmal mehr zeigt, dass kein Quadrant getrennt von den anderen existiert). Dennoch ist “Introspektion” in ihren zahlreichen Formen nicht lediglich ein illusorisches Spiel, so wie auch der Empirizismus und die Untersuchungen der anderen Quadranten. Introspektion kann viel Wesentliches hervorbringen – vergangene Gegebenheiten, gegenwärtige Ereignisse und zukünftige Potenziale –, die von keinem anderen Untersuchungsmodus hervorgebracht werden können.

Die einfache Tatsache ist, dass, wenn ich den Standpunkt des In-mich-Hineinfühlens einnehme, ich die 1te-Person-Dimension des In-der-Welt-seins zum Vorschein bringe. Natürlich hängt das, was ich dabei finde, von einer Menge von Variablen ab, einschließlich, und sehr wichtig, sowohl den Wellen als auch den Strömen des Bewusstseins, in die ich hineinfühle. Doch eine allgemeine 1te-Person-Untersuchung steht hinter einer Vielzahl wichtiger Methodologien, die sich über das ganze Bewusstseinsspektrum erstrecken – einschließlich unterschiedlicher Meditations- und Kontemplationsformen, introspektiver Psychologie, psychoanalytischer Methoden, schamanischer Reisen, Bewusstseinsphänomenologie, Traumanalysen und Körperarbeit.

Die meisten der Konflikte zwischen Ansätzen dieses Quadranten drehen sich darum, welche der vielen Bewusstseinsebenen die einzig wahre Ebene ist – als ein Fall, wie wir noch sehen werden, nicht von Quadranten- sondern von Wellenabsolutismus. Und wir werden auch auf eine hitzige Debatte unter Theoretikern stoßen, welcher Strom in diesem Quadranten einzig real existiert. So halten einige den kognitiven Strom von Piaget dafür, anderen den Wertestrom von Graves, wieder andere den Vipassana-Meditationstrom – als einzig existierenden Tiefenstrom, gegenüber dem alle anderen lediglich Oberflächenströmungen darstellen – als ein Beispiel für Stromabsolutismus. xxviii (28)

Dessen ungeachtet ist eine 1te-Person-Phänomenologie in ihren vielen Formen – spirituell, mental, körperlich –, die frei ist von jeglichem Wellen-, Strom-, Zustands- oder Typabsolutismus, eine wichtige Ressource in jedem integralen methodologischen Pluralismus. Wir werden noch in einem nachfolgenden Exzerpt auf diese wesentlichen Beiträge eingehen.

Unten-Rechts-Untersuchung

Natürlich sind sowohl die Untersuchungen oben-links wie auch oben-rechts auf eine Weise naiv. Beide gehen davon aus, dass Individuen für sich stehen. Ich schaue nach innen (oberer linker Quadrant), und nichts, was ich dort sehe, sagt mir, dass diese Inhalte von meiner Kultur zutiefst geformt und manchmal sogar geschaffen wurden. Ich schaue mir Dinge im Außen an (oberer rechter Quadrant), und was ich dort sehe sind reale Objekte, die für sich selbst zu existieren scheinen – nichts in meiner Wahrnehmung sagt mir, dass sie ein intrinsischer Teil von größeren Ganzheiten sind.

Der erste Schritt über den Standpunkt eines naiven Individualismus hinaus geschieht (und ist auch historisch so geschehen) durch ein Verständnis darüber, dass sichtbare Organismen (oberer rechter Quadrant) in Systemen gegenseitiger Interaktion intrinsisch verbunden sind mit ihrer sichtbaren Umgebung (unterer rechter Quadrant). Ein sorgfältiges Verfolgen des sensomotorischen Verhaltens einzelner Objekt zeigt (einer Kognition des zweiten Ranges), mit anderen Worten, dass individuelle Objekte systemischen Verhaltensmustern folgen, die sich nicht allein aus dem individuellen Objekt ableiten lassen. Individuelle Objekte scheinen zu größeren Systemen zu gehören, die zu einem Teil das Verhalten dieser Objekte als Teile dieser Systeme steuern. Die Evolution eines individuellen Organismus beispielsweise kann nicht getrennt von dem ökologischen System verstanden werden, in dem dieser Organismus eingebettet ist. Auf eine Weise existieren individuelle Organismen nicht für sich; was tatsächlich existiert ist ein Organismus-Umwelt-System als ein ökologisches Netz – wiederum eingebettet in größere Netze – und das Verständnis dieser Systeme und Netze führt zu wesentlichen Erkenntnissen. Es ist daher nicht das Verhalten von Objekten, sondern das Verhalten von Systemen, das im Mittelpunkt dieses Untersuchungsmodus steht.

Historisch führte diese Perspektive zu so unterschiedlichen Ansätzen wie dem Entwicklungsstrukturalismus, der genealogischen Anthropologie zur Theorie evolutionärer Systeme und zu Theorien vom Netz des Lebens (von Kybernetik zur allgemeinen Systemtheorie zum Funktionalismus und zu Chaos- und Komplexitätstheorien). Alle diese Methoden sind wesentliche Untersuchungen einer 3ten-Person-Perspektive, jetzt mit einem Schwerpunkt auf dem Plural und dem Kollektiven, und nicht mehr dem Singular und Atomistischen. In der Systemtheorie finden sich keine Erzählungen einer ersten Person über Verlangen, Gefühle, Impulse, Visionen, Poesie, Träume, Satori und so weiter (jedenfalls nicht in eigenen, nicht-reduzierten Begrifflichkeiten). Wir finden ebenso wenig authentische (bzw. nicht-reduktionistische) 2te-Person-Berichte von gegenseitigem Verstehen, Hermeneutik, gemeinschaftlich geteilten Horizonten und auch keine Berichte über die inneren Zustände des Bewusstseins, Stufen des Bewusstseins, Ströme des Bewusstseins, und so weiter. Diese Dinge werden manchmal schon anerkannt, doch dann reduziert auf ihre äußeren

Erscheinungsformen in einem dynamischen System von miteinander verbundenen Es-heiten. xxix (29) Trotz Versuchen der Einführung einer “soften” Systemtheorie besteht die große Mehrzahl der einflussreichen Systemansätze – beginnen mit Bertalanffy und weiter zu Parsons und Merton, zu Maturana, Varela, Luhmann, Prigogine, Goertzel, Warfield, Laszlo, Wolfram – hauptsächlich aus Formen von Untersuchungen der dritten Person Plural, welche, wenn man sie von einem Quadrantenabsolutismus befreit, wesentliche Ressourcen eines integralen methodologischen Pluralismus darstellen.

Nehme ich, mit anderen Worten, eine systemtheoretische Untersuchung vor, dann erhelle ich die 3te-Person-Plural-Dimension des In-der-Welt-seins. Diese Dimensionen sind real, es gibt sie, und sie zeigen – genau wie es die Systemtheorie behauptet – relativ objektive Fakten über die Systeme der Welt. Sie enthüllen den unteren rechten Quadranten, als die objektive Dimension gemeinschaftlicher Holons.

Die fortschrittlichsten Schulen der dynamischen Systemtheorie erkennen an, dass Oben-rechts-Organismen nicht nur eine vorgegebene Unten-rechts-Umgebung reflektieren, sondern sie mit hervorbringen und miterschaffen (das enaktive Paradigma). Dies ist sicher wahr, doch es bleibt ein Bericht einer 3ten-Person-Perspektive dieser Wirklichkeiten, wie wir noch ausführlicher im Exzerpt B sehen werden. Dies macht autopoietische Theorien nicht wertlos, sondern gibt ihnen einen Platz in einem umfassenderen, integralen methodologischen Pluralismus.

All diese interobjektiven Ansätze – es gibt Duzende weitere – beschäftigen sich mit der Tatsache, dass alle Holons einen unteren rechten Quadranten haben, ein holistisches Netz sich gegenseitig durchdringender Muster durch Raum und Zeit. Dieses kann in der Perspektive einer dritten Person Plural beschrieben werden und ist weit davon entfernt, die ganze Geschichte zu erzählen. Dennoch stellt es einen ganz wichtigen Aspekt einer mehr integralen Sichtweise dar.

Unten-Links-Untersuchung

Historisch gesehen und gleich nach der Entdeckung, dass individuelle Organismen nur als untrennbare Aspekte eines Netzes ökologischer Interaktionen existieren können, stand die Entdeckung, dass diese interobjektiven Netze Innerlichkeit haben, welche weder auf diese Netze reduziert noch von diesen erklärt werden können. Das heißt, soziale Systeme (3te-Person-Es-heiten) verfügen über Innerlichkeit von 1te-Person- und 2te-Person-Wirklichkeiten, die jedoch von den Systemwissenschaften nicht erkannt werden können. Und, noch schlimmer, die objektiven und interobjektiven Wissenschaften selbst erscheinen immer als untrennbare Aspekte riesiger Felder kultureller Interpretationen: Die Intersubjektivität berührt alle anderen Unternehmungen. Und so macht die moderne Systemtheorie Platz für den postmodernen Kontextualismus – und beide werden transzendiert und bewahrt im Rahmen einer integralen Theorie an der Spitze der Entwicklung. Doch bleiben wir bei der großen postmodernen Entdeckung: Jedes Holon hat eine intersubjektive Dimension, jedes Holon hat einen unteren linken Quadranten. Darüber hinaus ist dieses intersubjektive Feld nicht reduzierbar. Es ist nicht irgendeine Art von Ergebnis der Interaktion zuvor getrennter subjektiver Einheiten, die auf irgendeine Weise zusammengekommen sind, interagieren und so einen intersubjektiven Horizont bilden. Intersubjektivität ist von Beginn an bereits vorhanden, als ein intrinsischer Aspekt des Tetra-Hervortretens dieses und jeden Augenblicks.

Sogar die evolutionären Wissenschaften unterstützen diese Schlussfolgerung. Sie stimmen darin überein (auch wenn sie dies nicht erklären können), dass es keine ersten Exemplare in der Evolution gibt. Mit dem Auftreten einer neuen Spezies – sagen wir, dem ersten Säugetier –, gab es nicht ein erstes Exemplar. Was sich zuerst zeigte, war eine gesamte Population von Säugetieren. Das macht Sinn, wenn man darüber nachdenkt. Damit eine neue Spezies in Erscheinung treten kann, müssen Duzende großer weiterführender Mutationen auftreten. Die Wahrscheinlichkeiten, dass so etwas passiert sind astronomisch klein. Außerdem muss die gleiche Anzahl dieser Mutationen in einem anderen Tier des anderen Geschlechts auftreten. Beide müssen dann auf dem großen Planeten zueinander finden, sich paaren, und dann müssten deren Nachkommen überleben, sich wieder paaren – die Wahrscheinlichkeit dafür ist so klein, dass sie jegliches Vorstellungsvermögen übersteigt. Nein, auf eine geheimnisvolle Weise treten vollständige Populationen in Erscheinung – und das bedeutet, dass das Innere und das Äußere des Singularen und Pluralen gleichzeitig in Erscheinung treten. Die vier Quadranten treten gleichzeitig in Erscheinung und tetra-evolvieren miteinander, wie wir bereits feststellten.

(Auf welche Weise treten Populationen in Erscheinung? Welcher “Mechanismus” kann so etwas leisten? Die kurze Antwort darauf ist: Eros. Siehe dazu auch die Endnote xxx (30) zum Thema involutionäre Gegebenheiten. Doch wie auch immer wir die Frage des “wie” beantworten, es ändert nichts daran, dass faktisch das Innere und das Äußere des Singular und Plural gleichzeitig miteinander in Erscheinung treten: Die Quadranten tetra-evolvieren.)

Als die intersubjektive Dimension des unteren linken Quadranten in sich selbst reflektierenden, menschlichen Wesen zum Ausdruck kam, entstanden gleichzeitig entsprechende Untersuchungsmodi, welche diese intrinsische Dimension des In-der-Welt-seins hervorbrachten und erhellten.

Zuallererst ist bei diesen intersubjektiven Untersuchungen die Hermeneutik zu nennen – als die Kunst und Wissenschaft der Interpretation in ihren zahlreichen Formen. Natürlich existiert sie in ihren vor-reflexiven Modi “bis ganz nach unten” – sogar Holons auf der subatomaren Ebene interpretieren ihre Umgebung. Signalsysteme und ein Austausch von Partikeln/Energien/Kräften existieren selbst auf den grundlegendsten Ebenen der Existenz. Weil die kreative Neuheit dieser ganz grundlegenden Holons gegen Null geht (ohne jedoch jemals Null zu sein), wird unglücklicherweise angenommen, dass hier keinerlei interpretierende Freiheit auftritt. Dies ist jedoch nicht so, was schon Whitehead wusste. Die interpretierende Freiheit ist lediglich an ihrem tiefsten Punkt. Die intersubjektive Dimension der Evolution kann von ihren bescheidensten Anfängen bei den grundlegendsten Holons (als Systeme von Proto-Wahrnehmung) zu ihren anspruchsvolleren Formen in Pflanzen und Tieren (als chemische, biologische und hormonelle Signalsysteme) verfolgt werden. Bei allen geht es nicht nur um einen Austausch von Signifikanten innerhalb einer Syntax, sondern ebenso um das Hervorbringen und Evozieren einer gemeinschaftlich geteilten Semantik: Die vier Quadranten erscheinen gleichzeitig miteinander und tetra-evolvieren.

Beim Menschen erscheint diese Semantik als ausgedehnte Netzwerke kultureller Hintergründe, vorreflexiv geteilter Wahrnehmung, gegenseitigem Verstehen und sich überlappender Horizonte von Intersubjektivität. Diese geteilten interpretierenden Augenblicke sind ein wesentlicher Bestandteil nicht nur des gegenseitigen Verstehens zwischen Subjekten, sondern des Hervortretens von Intersubjektivität selbst. Das ist die Essenz dieser großen postmodernen Entdeckung. Agenz ist immer Agenz-in-Kommunion, sowohl in äußerer systemisch-ökologischer Form als auch innerer kultureller Form.

Die explizite Untersuchung der vielen Nuancen kultureller Intersubjektivität ist das Wesensmerkmal der Methodologien des unteren linken Quadranten. Hermeneutik, gemeinschaftliche Untersuchung, partizipatorischer Pluralismus und Aktionsuntersuchung bezeichnen einige der vielen Modi dieser Hervorbringung. Der wichtige Punkt dabei ist, dass, wenn ich mich in einer hermeneutischen und gemeinschaftlichen Untersuchung engagiere, ich dann die Modi einer zweiten Person (und erste Person Plural) des In-der-Welt-seins hervorbringe. Diese Modi sind real, es gibt sie, und sie sind ein wesentlicher Bestandteil eines jeden integralen methodologischen Pluralismus.

All diese intersubjektiven Ansätze – es gibt Duzende weitere – stoßen auf die Tatsache, dass alle Holons einen unteren linken Quadranten haben, als ein holistisches Netz sich gegenseitig durchdringender Wahrnehmungen über Zeit und Raum. Diese Wahrnehmung kann in der Perspektive einer zweiten Person (erste Person Plural) gefühlt und beschrieben werden. Sie ist weit davon entfernt, die ganze Geschichte zu sein, stellt aber dennoch einen ganz entscheidenden Beitrag für eine integralere Sichtweise dar.

Integrales Betriebssystem (IBS)

Dies sind Beispiele einiger der wichtigsten, über die Zeit erprobten und allgemein akzeptierten Quadrantenuntersuchungen. In einem späteren Exzerpt werden wir uns auf Untersuchungen von Wellen, Strömen, Zuständen und Typen konzentrieren (auch davon gibt es sehr viele Beispiele).

Doch in jeder dieser Erörterungen einiger der wichtigsten menschlichen Untersuchungsmethoden führen wir diese Diskussion nicht nur aus einem akademischen oder historischen Interesse. Worum es dabei geht, ist ein praktisch handhabbarer integral-methodologischer Pluralismus, oder, wie wir es auch nennen ein Integrales Betriebssystem (IBS). Dieses IBS verbindet das Beste der über die Zeit bewährten Untersuchungsmethoden (vom Empirizismus zur Phänomenologie zur Hermeneutik zur Systemtheorie) mit dem Ziel eines ausgewogeneren und umfassenderen Ansatzes gegenüber dem Kosmos.

Ein IBS dieser Art verbindet die Stärken aller menschlichen Hauptuntersuchungsmethoden für einen Ansatz, welcher “überall andockt”, der keine Dimension außer Acht lässt und der alle wesentlichen Aspekte von Holons in all ihrer Reichhaltigkeit und Fülle würdigt. Ein IBS ist, wie wir sagten, lediglich ein Beschreibungssystem von Signifikaten einer 3ten-Person-Perspektive (d. h. es ist lediglich ein System abstrakter Ideen, Symbole und Konzepte, welche wiederum lediglich 3te-Person-Symbole darstellen und nicht Wirklichkeiten einer ersten oder zweiten Person).

Um die Computeranalogie noch etwas fortzusetzen, wenn ein IBS richtig heruntergeladen und installiert wird, dann aktiviert es die Dimensionen einer ersten, zweiten und dritten Person, weil sich dort die aktiven Signifikate der IBS-Signifikanten befinden. Das Ergebnis davon ist, dass jede Gehirn-Hardware, die mit dem IBS läuft, automatisch alle Phänomene scannt – innere wie äußere, für jeden Quadranten, jede Welle, jeden Strom oder Zustand außerhalb des Gewahrseins. Ein IBS spricht diese Unausgewogenheit an und führt das System zu einem integraleren und umfassenderen Standpunkt. Ein IBS wirkt, wenn man so will, als ein autopoietischer Holismus.

Um es noch einmal zu betonen: Ein integrales Betriebssystem (IBS) selbst liefert keine Wirklichkeiten einer ersten oder zweiten Person, und ist dafür auch gar nicht gedacht. Es weist jedoch darauf hin, dass diese Wirklichkeiten existieren und drängt darauf, sie mit zu berücksichtigen. Dies bedeutet jedoch, dass die betreffende Person konkret diese anderen Untersuchungsmethoden durchzuführen hat, seien dies kontemplative Phänomenologie, Körperarbeit, intersubjektive Gruppenprozesse, interobjektives institutionelles Organisieren, Meditation, gemeinschaftliche Untersuchungen und so weiter.

Lassen wir uns von den 3te-Person-Signifikanten eines IBS nicht täuschen: Worüber wir sprechen sind die Inhalte eines gelebten, gefühlten, durchatmeten Gewahrseins. Wir sprechen darüber, welche Aspekte des Kosmos wir uns zu fühlen erlauben. Erlauben wir uns zutiefst, in alle Dimensionen eines sich selbst offenbarenden Kosmos hinein zu fühlen? Oder wenden wir uns ab, ziehen uns in uns zusammen, weg von uns selbst und flüchten uns von einer Teilhaftigkeit in eine andere, von einem Absolutismus zu einem anderen Absolutismus, von einer gebrochen Fragmentiertheit in die nächste? Ein IBS, auch wenn es nur ein Betriebssystem aus der Perspektive einer dritten Person darstellt, erinnert uns als ein im Hintergrund laufendes Alarmsystem ständig daran, dass es mehr zu fühlen gibt als wir bereit sind zu fühlen, und weist uns in eine Richtung einer integraleren Umarmung.

Endnoten

1 A. d. Ü.: An dieser Stelle sollten die Kurse Essential Integral und Advanced Integral von coreintegral.com erwähnt werden, die ebenfalls einen ausführlichen wie auch aktuellen Überblick über die Arbeit Ken Wilbers geben.

2 On the Release of Boomeritis, and the Completion of Volume 3 of the Kosmos Trilogy, veröffentlicht auf www.shambhala.com (27.3.02)

3 A. d. Ü.: beide Links sind nicht mehr aktiv.

4 A. d. Ü.: dieser Link ist nicht mehr aktiv.

i(1) Alexander and Colomy, Neostructuralism today, in  G. Ritzer (ed.), Frontiers of Social Theory.

ii(2) Genau genommen hat ein kollektives oder gemeinschaftliches Holon (kulturell oder sozial) keine singuläre Agenz, Willen oder Bewusstsein, und daher nehmen die gemeinschaftlichen Holons ihre Vorgänger nicht unmittelbar auf die gleiche Weise wahr, wie das individuelle Holons tun. Es ist die Subjektivität, welche die vorangegangene Subjektivität wahrnimmt, doch alle Subjekte erscheinen in einem Kontext oder Hintergrund von Intersubjektivität – und Interobjektivität – welche zu einem Teil das Wesen der Subjektivität beeinflussen und formen. Genauer ausgedrückt, hat jedes Holon eine subjektive Dimension, welche unmittelbar ihre Vergangenheit wahrnimmt, doch es hat auch eine intersubjektive Dimension, mit der Subjektivität immer in einem Tetra-Zusammenhang steht und die daher einen Rahmen bildet für die Art des Fühlens, welche die Subjektivität in einem Geschehen erlebt. Diese gewohnheitsmäßige Beschränkung ist die Form kultureller Erinnerung. Analog steht die objektive Dimension jedes Holon in einem Tetra-Zusammenhang mit interobjektiven Wirklichkeiten, welche die Formen objektiven Verhaltens eingrenzen, eine Beschränkung, die als soziale Systemerinnerung erscheint.

Philosophen argumentieren seit Jahrhunderten über die Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen dem Individuellen und dem Sozialen. Manche verneinen jeglichen Unterschied, andere verneinen jegliche Gemeinsamkeiten. Beide haben recht: Es gibt bedeutende Gleichheiten wie auch entscheidende Unterschiede zwischen individuellen und sozialen Holons, siehe dazu “On Critics, Integral Institute, My Recent Writing, and Other Matters of Little Consequence” [veröffentlicht auf der www.shambhala.com].

(Wie kann man am einfachsten den Unterschied zwischen einem individuellen und einem sozialen Holon beschreiben? Ersteres hat eine sichtbare physische Grenze. Eine Ameise ist ein individuelles Holon, eine Ameisenkolonie ist ein soziales Holon; ein menschlicher Organismus ist ein individuelles Holon, während eine Familie, ein Klub und eine Nation soziale Holons sind. Beides miteinander zu verwechseln ist ein katastrophaler Fehler, der, neben anderen Dingen, eine Definition von Faschismus ist, sei es nun politischer Faschismus oder Ökofaschismus oder Wertefaschismus, weil das Kollektive behandelt wird wie ein Individuum, mit einem einzelnen Willen, Werten und Intentionalität, was alle wirklichen Individuen versklavt gegenüber diesem System und seiner dominanten Monade. Das finden wir in Theorien wie in Maturanas und Varelas Autopoiesis, so wie auch in konkreter Politik, wie bei Louis XIV’s berühmter Aussage L’etat c’est moi, „Der Staat bin ich“, und daher müssen alle Menschen im Staat das tun, was ich, als dessen dominante Monade, befehle. Herbert Spencer war einer der ersten, der auf diesen Unterschied hinwies und auf Unterschiede beim Individuellen und Kollektiven hinsichtlich asymmetrisch vs. symmetrisch, diskret vs. konkret, und sensitiv in all seinen Einheiten vs. einem einzigen sensitiven Zentrum. Whitehead stimmte dem zu und bezeichnete dieses sensitive Zentrum – eines Individuums, und nicht eines sozialen Holons – den “herrschenden Nexus” oder die “dominante Monade,” und es ist dieses Zentrum von Subjektivität, das wahrnimmt, was der Grund dafür ist, dass soziale Holons ihre Vergangenheit nicht auf die gleiche Weise wahrnehmen, wie das individuelle Holons tun. Mit diesen Themen werden wir uns ausführlich im Exzerpt B beschäftigen. Maturana und Varelas Vermischung des Sozialen und Individuellen, die von Niklas Luhmanns einflussreicher Neuformulierung der Theorie der sozialen Autopoiesis korrigiert wurde, wird auch im Exzerpt B besprochen werden. Siehe dazu auch die nachfolgende Endnote 3.)

Was die kollektive oder gemeinschaftliche Erinnerung betrifft (und speziell die kulturelle Erinnerung in diesem Fall): Die Tatsache, dass intersubjektive Hintergründe die Subjektivität formen, bedeutet nicht, dass intersubjektive kulturelle Muster die Tiefenstrukturen sind, innerhalb deren die subjektiven Muster erscheinen – wenngleich wir das sprachlich manchmal so ausdrücken – sondern es bedeutet, dass jedes Holon zu den bereits existierenden Ereignissen in allen vier Quadranten passen muss, um überleben zu können: wir nennen das „Tetra-Zusammenhang“. Daher können sich subjektive Holons, die nicht mit den intersubjektiven Dimensionen tetra-zusammenpassen, nicht manifestieren.   

Noch genauer ausgedrückt: Die allgemeinen Wellen, Ströme, Typen (usw.) in allen Quadranten repräsentieren die kosmischen Gewohnheiten, die sich in diesen Quadranten bereits entfaltet haben bis zum heutigen Punkt der evolutionären Entwicklung. Die Tiefenstrukturen dieser bereits entstandenen Holons in jedem Quadranten helfen dabei, die Oberflächenmerkmale für jedes Holon in jedem Quadranten zu bestimmen. Die Beziehung „Tiefe zu Oberfläche“ steht daher für die Beziehung der Tiefenmerkmale jedes Holons in jedem Quadranten zum Inhalt oder zu den Aktionen dieses Holons. Sie stehen nicht für die Beziehung eines Quadranten zu einem anderen Quadranten. Wenn wir also sagen „Subjekt und Objekt erscheinen innerhalb eines intersubjektiven Raums“, dann ist das lediglich eine Kurzfassung der Aussage für die Tatsache, dass alle vier Quadranten zusammen erscheinen und zusammenpassen müssen, um sich manifestieren zu können. Manchmal geben wir den intersubjektiven und interobjektiven Dimensionen eine Art von ontologischer Priorität, weil das kollektive Gewicht dieser Strukturen enorm ist; dennoch erscheinen die Tiefenmerkmale der vererbten Wellen in den subjektiven und den objektiven Quadranten immer und ausschließlich in Interaktion mit anderen Subjekten und Objekten – das heißt, sie erscheinen immer in einem intersubjektiven und interobjektiven Tetra-Zusammenhang – Agenz ist immer Agenz-in-Kommunion – und es ist nicht so, dass einer dieser Quadranten vor den anderen existierte (so dass einer „in“ einem anderen auftauchen würde), sondern sie alle erscheinen simultan und tetra-evolvieren in einem gegenseitigen Zusammenhang. Die Beziehung „vorher zu jetzt“ bezieht sich daher nicht auf die Beziehung zwischen kollektiven und individuellen Quadranten, sondern zwischen Tiefen- und den Oberflächenmerkmalen in allen Quadranten. Wie Sheldrake sagen wir, dass die Tiefenmerkmale der bereits existierenden Holons (einschließlich der Wellen, Ströme und Typen der Holons) in den unterschiedlichen Quadranten „ontologisch vor“ den Oberflächenmerkmalen dieser Holons sind, was bedeutet, dass diese Tiefenmerkmale die kosmischen Gewohnheiten sind, die von der Vergangenheit geerbt wurden und jetzt als Wahrscheinlichkeitswellen für konkrete Ereignisse in diesen Räumen wirken. (Das Wesen dieser Vererbung wird im Haupttext noch verdeutlicht.)

Unterschiedliche intersubjektive oder kulturelle Muster, vererbt vom vorherigen Augenblick, gehen in der Tat ontologisch dem Subjekt dieses Augenblicks voraus und beschränken daher spürbar die Form des Subjektes dieses Augenblicks. Doch das Subjekt dieses Augenblicks vererbt auch seine eigene individuelle Vergangenheit als Wahrnehmung, und somit finden SOWOHL die vorhergehenden subjektiven und auch die intersubjektiven Muster ontologisch vor dem Subjekt des gegenwärtigen Augenblicks statt. Alle vier Quadranten übergeben eine vererbte AQAL-Matrix an die Gegenwart, die ontologisch dem Erscheinen des gegenwärtigen Augenblicks vorangeht (als eine vorhergehende oder ererbte Vergangenheit), eine Vergangenheit, die umfasst werden muss (in einer tetra-wahrnehmenden Vereinigung) wenn der gegenwärtige Augenblick harmonisch existieren soll, und nicht pathologisch, oder gar ausgelöscht werden soll. (Und natürlich hat jeder Augenblick in allen vier Quadranten eine Kreativität, die ontologisch alles Gegebene der Vergangenheit transzendiert. Auf diese Weise übertrumpft das „Bedeutende“ das „Grundlegende“ in dem “Transzendieren und Bewahren“ des gegenwärtigen Augenblicks. Daher ist z.B. jede Subjektivität zu einem gewissen Grad in der Lage, über seine eigene Vergangenheit und Kultur hinauszugehen, was ein weiterer Grund dafür ist, warum sich Subjektivität nicht „in“ einem intersubjektiven Feld befindet).

Wenn wir sagen, dass „das intersubjektive Feld den Subjekt und Objekt vorangeht“, dann ist das lediglich eine Vereinfachung, um auf die Bedeutung aller vier Quadranten hinzuweisen. Der untere linke Quadrant wird dabei fast immer ignoriert, missverstanden oder verzerrt, und daher betonen wir oft die Tatsache, dass Subjekt und Objekt immer in Verbindung in einem intersubjektiven Zusammenhang erscheinen. Doch noch einmal, der Hinweis auf die Bedeutung des unteren linken Quadranten bedeutet nicht, dass die gleiche Bedeutung der anderen Quadranten dabei geleugnet wird. Wie wir noch sehen werden, ist die extreme Privilegierung des unteren linken Quadranten eine der Hauptpathologien des Postmodernismus (ein partizipatorischer Pluralismus, der geringschätzig auf die Wirklichkeiten in den anderen Quadranten schaut). Gleichzeitig erklärt das simultane Tetra-Erscheinen und die Tetra-Kausalität aller vier Quadranten und ihre einander bedingende Evolution den Einfluss vergangener intersubjektiver Dimensionen auf die Subjektivität der Gegenwart und sie erklärt ebenso den Einfluss vergangener subjektiver, objektiver und interobjektiver Dimensionen auf die gegenwärtige Subjektivität. Keine dieser Dimensionen sollte weder verabsolutiert noch ignoriert werden. (Alle diese Punkte werden im Haupttext ausgeführt; siehe auch die Endnote 3.)

iii(3) Zu sozialer und kultureller Wahrnehmung und Erinnerung: Wie in Endnote 2 ausgeführt, ist es nicht so, dass ein kollektives Holon eine individuelle Agenz hat, welche unmittelbar die Gefühle seiner Vergangenheit wahrnehmen kann (kollektive Holons haben keine einzelne Agenz). Ein individuelles Holon wird ein Mitglied eines kollektiven Holons, wenn sein individuelles Verhalten den organisatorischen Regeln des Kollektiven folgt und wenn sein individuelles Fühlen zum gegenseitigen Verständnis passt.

Dies bedeutet, technisch ausgedrückt, dass ein individuelles Holon zu einem Mitglied eines sozialen oder gemeinschaftlichen Holons wird, wenn (1.) sein organismisches Verhalten (OR) zu den Regeln des interobjektiven sozialen Systems passt (UR) und (2.) seine individuellen Gefühle und Wahrnehmungen (OL) zum intersubjektiven Hintergrund (UL) passen. (Im Exzerpt B werden wir sehen, dass kulturelle Bedeutung (UL) mit Semantik im weitesten Sinn zu tun hat, und soziale Regeln ((UR) mit Syntax im weitesten Sinn, so dass ein individuelles Holon zu einem Mitglied eines gemeinschaftlichen Holons wird, wenn es zur kollektiven Semantik und Syntax passt, d. h. zu den kulturellen und sozialen Mustern.)

Das kollektive oder gemeinschaftliche Holon ist nicht etwas, das als ein Superorganismus über und jenseits des individuellen Organismus existiert, sondern es existiert vielmehr als die Muster, denen die individuellen Mitglieder in ihrer Mitgliedschaft folgen (die Muster der Agenz-in-Kommunion). Gemeinschaftliche Verhaltensmuster (und ihre Artefakte) sind der „Stoff“ eines sozialen Gedächtnisses (diese Verhaltensmuster können latent oder manifest sein); geteilte Werte, geteilte Verständnishorizonte und gegenseitige Wahrnehmung sind der Stoff eines kulturellen Gedächtnisses (diese gegenseitigen Wahrnehmungen können bewusst, unbewusst oder vorbewusst sein).

Wenn also ein individuelles Holon die Syntax (UR) und die Semantik (UL) einer Gruppe teilt, ist es ein Mitglied dieser Gruppe. Diese Mitgliedschaft besteht in den miteinander geteilten Mustern und Gefühlen und nicht in einem Überorganismus mit einer eigenen Agenz über das Individuum hinaus. (Zum Thema Syntax und Semantik siehe Exzerpt B.)

Dies ist eine andere Möglichkeit zu sagen, dass alle vier Quadranten gemeinsam in Tetra-Evolution erscheinen. Die Behandlung eines sozialen Holons als einen individuellen Organismus – d. h. als einen Überorganismus mit einer einzelnen Agenz oder einem herrschenden Nexus – ist, wie schon in Endnote 2 erwähnt, die zentrale Philosophie des Faschismus, ob als Marxismus, Ökotheorien, Gaia-Paradigmen, Gottheiten-Mythologien oder Systemtheorien. Die Vermischung von individuellen und sozialen Holons findet sich bei Theoretikern von Francisco Varela bis David Bohm, doch sie wurde eindeutig korrigiert von so wichtigen Theoretikern wie Niklas Luhmann, Jürgen Habermas und Erich Jantsch. Wir werden auf dieses wichtige Thema im Exzerpt B zurückkommen.

iv(4) Sheldrake, The Presence of the Past.

v(5) Das heißt, sowohl das OR als auch das UR haben morphische Formen und Felder. Das OL (subjektive Gefühle) und das UL (gegenseitige Wahrnehmungen) haben selbst keine morphischen Felder, weil „morphisches Feld“ eine Beschreibung einer dritten Person verschiedener Wirklichkeiten ist, OL und UL jedoch sind Wirklichkeiten einer ersten und zweiten Person, die nur in einer Ich- oder Du/Wir-Sprache und durch unmittelbare Erfahrung gekannt werden können. Werden jedoch OL- und UL-Wirklichkeiten objektiv betrachtet, in Begriffen einer dritten Person, dann gelangt man zu OR und UR, die sich zeigen als unterschiedliche äußerliche Formen (individuelle Formen oder morphische Einheiten [OR] und kollektive Formen oder soziale Systeme [UR]), mit den dazugehörigen Feldern dieser individuellen und kollektiven Formen (einschließlich individueller [OR] und kollektiver [UR] morphogenetischer Felder). Meiner Meinung nach enthalten diese verschiedenen Felder nicht nur morphische oder morphogenetische Felder, wie von Sheldrake beschrieben, sondern auch verschiedene Energiefelder (grobstoffliche Energie, subtile Energie und kausale Energie), wie wir im Exzerpt D „Subtile Energie“ noch sehen werden. In diesem Exzerpt werde ich vorschlagen, dass die verschiedenen morphischen Felder Felder subtiler Energie sind, doch wie auch immer wir uns bei diesem Thema entscheiden, worum es geht ist, dass sowohl morphische Felder als auch Energiefelder Phänomene der rechtsseitigen Quadranten sind, die sowohl OR als auch UR auftreten, als den äußeren Formen und Feldern sowohl individueller als auch sozialer Holons).

Im Hinblick auf Sheldrake ist es so, dass sowohl individuelle wie soziale Holons (OR und UR) morphische (oder morphogenetische) Felder haben. Jede morphische Einheit hat individuelle morphogenetische Felder, die eine Verbindung herstellen von seinen gegenwärtigen individuellen Zustand zu seinen vorangegangenen individuellen Zuständen. Die kollektive Dimension dieser formgebenden Verursachung oder strukturellen Vererbung sind die morphogenetischen Felder und Systeme im unteren rechten Quadranten, doch sowohl individuelle wie auch kollektive morphische Felder beeinflussen die gegenwärtige Entfaltung morphischer Einheiten.

Noch einmal: Es ist nicht einfach so, dass kollektive Felder das Individuum formen, sondern dass die vergangenen Felder des Individuums dieses auch formen (welches wiederum das Kollektive formen kann), und das bedeutet – wie immer – dass die Quadranten tetra-evolvieren.

Wir privilegieren daher nicht die interobjektiven morphogenetischen Felder als ontologisch den gegenwärtigen Objekten vorangehend, weil es ebenso individuelle objektive morphogenetische Felder gibt, die gleichermaßen vor den gegenwärtigen Objekten existieren: Die objektive Dimension eines jeden Holons muss sowohl zu seinem objektiven wie interobjektiven Erbe passen – als ein AQAL-Erbe. Doch gerade weil diese interobjektive Dimension des Erbes so oft übersehen wird, – von der objektiven Wissenschaft, vom intersubjektiven Postmodernismus, vom UL-Pluralismus und von der OL-Phänomenologie – betonen wir hier besonders diesen unglaublich machtvollen Einfluss interobjektiver Felder, Strukturen und Systeme auf die Formen individueller Entwicklung. Wie wir noch im Haupttext sehen werden, liegen die große Bedeutung und die Beiträge von Untersuchungsmethoden wie dem Entwicklungsstrukturalismus, den ökologischen Wissenschaften, der Chaos- und Komplexitätstheorie darin, dass sie den Fokus auf diese unglaublich wichtige interobjektive Dimension lenken.

Schließlich ist, wie schon erwähnt, der obere rechte Quadrant nicht nur die Heimat grobstofflicher Formen und Energie, sondern auch subtiler und kausaler Formen und Energien. Siehe Exzerpt D: „Subtile Energie.“

vi(6) Die Tatsache, dass viele der Tiefenmerkmale in allen vier Quadranten kollektiv vererbt wurden, verwirrt manche, weil von den oberen Quadranten angenommen wird, dass sie lediglich individuell und nicht kollektiv sind. Wie können dann die oberen Quadranten kollektive Formen haben? Anders gefragt, jedes mal, wenn wir eine kollektiv vererbte Form finden, gehört diese dann nicht zu den unteren Quadranten?

Nein, überhaupt nicht. Die oberen Quadranten repräsentieren lediglich dasjenige, was in jedem individuellen Holon existiert (z. B. wahrnehmende Gefühle im OL und morphische Formen, Masse und Energie im OR), doch das spricht nicht gegen die Tatsache, dass die Tiefenmerkmale dieser individuellen Ereignisse oft kollektiv vererbt wurden.

Nehmen wir als ein Beispiel Stan Grof’s perinatale Grundmatritzen. Nach Grof durchlaufen alle Menschen überall auf der Welt vier Stufen des Geburtsvorganges (mit deren Details wir uns hier nicht befassen müssen). Bedeutet das, dass die vier PGMs zu den unteren oder kollektiven Quadraten gehören, da sie jeder von uns hat? Nein. Wenn ein Mensch den Geburtsprozess durchläuft, dann hat vieles, was sich dabei ereignet, nur mit einem spezifischen Individuum zu tun – das Neugeborene hat verschiedene Empfindungen, Wahrnehmungen, Gefühle und Impulse bei seinem Durchgang durch die organischen Stufen des Geburtsvorgangs. Diese Vorgänge haben in erster Linie nichts mit gegenseitigem Verstehen, gemeinschaftlichen Werten, 2te-Person-Perspektiven und so weiter zu tun. Die vier PGMs sind äußerliche (oder 3te-Person-) Beschreibungen dessen, was verhaltensbezogen einem Neugeborenen geschieht (im OR) und seiner subjektiven Gefühle, Empfindungen, Wahrnehmungen und so weiter (im OL). Die Tatsache, dass die Tiefenmerkmale oder Stufen dieser Prozesse kollektiv vererbt sind, bedeutet nicht, dass sich deshalb auch eine kollektive Erfahrung ereignet (auch wenn das manchmal geschieht, was dann die anderen Quadranten betrifft: Die Mutter und das Neugeborene tauschen intime Gefühle aus, als ein Beispiel für ein UL-Phänomen). Wir alle haben zehn Zehen kollektiv vererbt bekommen, doch wenn ich meine Zehen fühle, dann habe ich nicht notwendigerweise eine kollektive oder gemeinschaftliche Erfahrung mit jemandem (es sei denn jemand fühlt auch seine Zehen und aus irgendeinem bizarren Grund tauschen wir uns darüber aus, wie es ist, seine Zehen zu fühlen.)

In Kurzform: Viele der Tiefenmerkmale in allen vier Quadranten sind kollektiv vererbt; wenn diese Formen individuell erfahren werden, haben wir die oberen Quadranten; wenn sie gemeinschaftlich erfahren werden, die unteren Quadranten. (Für eine weitere Diskussion dieses Themas siehe auch die Endnoten 9 und 10.)

vii(7) Beim Menschen bezeichnen wir die Gesamtsumme dieser Gewohnheiten, die als Potenziale geerbt wurden und darauf warten, aktualisiert zu werden, als das Grund-Unbewusste (siehe die Bücher Atman Project [Deutsch: Das Atman Projekt], Collected Works 2, und Transformations of Consciousness [Deutsch: Psychologie der Befreiung], CW4). Das Grund-Unbewusste enthält auch alle involutionären Gegebenheiten (siehe Endnote 26). Auf diese Weise kann man das Grund-Unbewußte erklären und beschreiben, ohne auf Platon’sche vorgegebene Formen oder gegebene Archetypen zurückgreifen zu müssen. Siehe dazu speziell die Fußnoten in Integrale Psychologie, die sich mit einer post-metaphysischen Herangehensweise zu diesen Thema beschäftigen und auch meinem Beitrag "On the Nature of a Post-Metaphysical Spirituality". Übrigens wurde eine dieser Fußnoten aufgrund kontextueller Notwendigkeiten geändert. Ein Kritiker hat sich darüber furchtbar aufgeregt und behauptet, ich würde die ursprüngliche Bedeutung dabei verändern, was im Hinblick auf den ursprünglichen Kontext eine groteske Behauptung ist.

Der gleiche Kritiker unterstellt mir, dass ich die Vorstellung einer universellen und ewigen Philosophie unterstütze, weil der Scott-Warren-et-al.-Aufsatz unter der Rubrik "Wilber Watch" erscheint [A. d. Ü.: eine Rubrik einer früheren Page], und weil der Aufsatz explizit die Vorstellung der ewigen Philosophie von Ebenen des Bewusstseins hervorhebt. Daraus wird mir unterstellt, ich unterstütze die ewige Philosophie. Doch der Warren-Aufsatz beschreibt lediglich grobstoffliche, subtile, kausale und nichtduale „Ebenen“, welche wiederum für die vier großen Zustände/Bereiche stehen, und ich habe immer gesagt, dass das Einzige, was ich im Hinblick auf eine „ewige Philosophie“ unterstütze, die Existenz von 3 oder 4 Hauptzuständen des Bewusstseins ist (und zwar grobstofflich, subtil, kausal und nichtdual, die identifiziert werden mit dem Wachen, Träumen, Schlafen und dem immer-gegenwärtigen Nichtdualen. In der Tat besitzen alle Menschen überall auf der Welt Zugang zu diesen vier Hauptzuständen und darum ist dieser Teil einer „ewigen Philosophie“ tatsächlich ewig oder universell für alle Menschen) – siehe dazu auch die Fußnote 16 in Ganzheitlich Handeln, wo ich darüber schreibe. Die Herausgeber des „Wilber Watch“ nahmen den Warren-Artikel als eine sehr allgemeine Zusammenfassung des Bewusstseinsspektrums mit auf, ohne jedoch damit irgendeine spezielle Version einer großen Kette des Seins mit vorgegebenen Ebenen oder Strukturen unterstützen zu wollen, etwas, was ich auch kategorisch ablehne und dies seit über zwanzig Jahren, und aus diesem Grund lehne ich auch die ewige Philosophie seit über zwanzig Jahren ab.

Ich habe es seit langem aufgegeben, darauf zu hoffen, dass Kritiker meine Position richtig wiedergeben, bevor sie diese kritisieren. Darum geht es der Kritik einer postmodernen Universität gar nicht, sondern es geht darum, das zum Ausdruck zu bringen, was für den Kritiker wahr ist (und nicht wahr in Bezug auf eine kritisierte Position). Bei Kritik in der heutigen Zeit verwendet der Kritiker ein bestimmtes Buch oder einen Aufsatz, um zum Ausdruck zu bringen, was dieses Buch bei ihm, dem Kritiker, hervorruft. Die Antwort des Kritikers ist primär eine Aufzählung seiner egoischen Gefühle, Stimmungen und Gedanken beim Lesen – und das hat kaum etwas zu tun mit dem Text selbst und seinem Inhalt, der weitgehend irrelevant ist für die Antwort des Kritikers. Ich habe fast ein Jahrzehnt gebraucht, dies zu erkennen, und damit aufzuhören, in eine auf Fakten und Evidenz basierende Diskussion mit dem Kritiker einzusteigen und stattdessen auf seine Gefühle einzugehen, wo die einzig akzeptable Antwort darin besteht, ihm oder ihr für das Mitteilen dieser Gefühle zu danken (:-). Versucht man demgegenüber die Missinterpretationen zu korrigieren, wird das so ausgelegt, dass man die Gefühle der anderen verdammt, und so wird man zu einem fürchterlich unsensiblen Menschen, entsprechend einer „Großen Kette von Gemeinheiten“, als der einzigen Sünde, die vom grünen Mem anerkannt wird. Entsprechend gibt es ein interpretatives Spiel der Anerkennung und Würdigung der egoischen Gefühle und Wünsche des Kritikers, und das ist der Hauptbereich in dem sich die Kritik heute abspielt und daran muss man sich, sagen wir es mal so, erst gewöhnen ...

viii(8) Siehe zum Beispiel Bausch, The Emerging Consensus in Social Systems Theory, die Einführung zu den Collected Works Band 3. Es gibt in diesem Zusammenhang eine semantische Konfusion, die es anzusprechen gilt. Manchmal wird unterschieden zwischen „Organisation“ und „Struktur“, und mit „Organisation“ ist „Muster“ gemeint, und unter „Struktur“ werden in einem engeren Sinne die materiellen Komponenten der organisierten Muster verstanden. Maturana und Varela sprechen beispielsweise davon, dass eine Zelle „eine geschlossene Organisation und eine offenen Struktur“ hat. Die Organisation oder das dynamische Muster der Zelle ist geschlossen, weil sie autopoietisch aufrechterhalten wird und sich Veränderungen widersetzt. Doch die Struktur ist offen, weil sich die konkreten, materiellen Bestandteile der Zelle beständig ändern. Das ist auch richtig, doch viele Theoretiker (und praktisch alle Strukturalisten) sagen „Struktur“ und meinen „Organisation“ bzw. das Muster und nicht die materiellen Komponenten. Ich folge damit der allgemeinen Sprachweise. „Struktur“ bedeutet dabei, das organisierende dynamische Muster, das autopoietisch aufrechterhalten wird und sich Veränderungen widersetzt und mit „Komponenten“ sind die materiellen Komponenten gemeint.

ix(9) Wie wir in Endnote 6 gesehen haben, werden viele der Wahrscheinlichkeitswellen kollektiv ver- und geerbt, doch ob sie sich auf die oberen oder die unteren Quadranten beziehen, hängt von den spezifischen Charakteristiken ab. „Das rote Mem“ beispielsweise bezieht sich auf eine Reihe von Werten, die einem Individuum innerhalb eines Wahrscheinlichkeitsraumes einer speziellen Bewusstseinswelle zur Verfügung stehen (eine Welle, die wir in diesem Fall mit „rot“ oder „egozentrisch“ bezeichnen. Erfährt ein Mensch einen subjektiven Wert, der in diesen Wahrscheinlichkeitsraum fällt, dann ist das ein „Oben-Links-Ereignis” (OL), (d. h. das rote Mem bezieht sich dann auf einen Aspekt der subjektiven Wertedimension, die in einem individuelle menschlichen Holon in einer speziellen AQAL-Matrix erscheint). Die überwiegenden Beweise, die wir durch eine rekonstruierende Untersuchungen haben, legen nahe, dass die allgemeinen Merkmale dieser Wahrscheinlichkeitswelle von Menschen geerbt werden, die sich über Purpur hinaus entwickeln, was wir als einen Hinweis dafür ansehen, dass diese Welle zu einer ziemlich festen kosmischen Gewohnheit geworden ist, die von so gut wie allen Holons wahrgenommen wird, die sich durch diesen nun festliegenden Raum bewegen.

Werden diese roten Wahrnehmungen mit anderen Holons auf der roten Stufe geteilt, in einer intimen, unmittelbaren Resonanz von roten Gefühlen mit roten Gefühlen zwischen zwei oder mehr Holons, dann bilden rote Werte (d. h. Werte, deren Merkmale mit hoher Wahrscheinlichkeit in den Wahrscheinlichkeitsraum von Rot fallen) den Hintergrund gegenseitigen Verstehens. Sie sind ein Teil des Gewebes vor-reflexiver Gefühle der Mitglieder eines jeden kollektiven Holons. Dort findet eine Resonanz der Horizonte individueller Holons statt, die zu einer gegenseitigen Wahrnehmungsverschmelzung führt. In all diese Fällen sprechen wir allgemein von einer „roten Weltsicht“, und dabei bezieht sich rot offensichtlich auf die untere linke Dimension: nicht individuell, sondern gemeinschaftlich.

Wenn ein roter Wert auftaucht und auf Resonanz stößt, im UL- und UR-Quadranten, gibt es (notwendigerweise) entsprechende Resonanzen UR und UL. Ein subjektiv gefühlter roter Wert in einem Menschen (OL) geht Hand in Hand mit einer zunehmenden Aktivität im limbischen System (OR). Und wenn Holons, die mit Rot in Resonanz sind, zusammenkommen und so handeln, als wenn sich der Bewusstseinsschwerpunkt der Gruppe bei Rot befindet (d. h. die allgemeinen Merkmale der Verhaltens der Gruppe entsprechen denen, die charakteristisch sind für die rote Wahrscheinlichkeitswelle), dann hat diese Gruppe einen Syntax oder ein soziales System mit einer kollektiven äußeren Dimension (UR) der roten Wahrscheinlichkeitswelle, mit gegenseitigen Wahrnehmungen, einer Semantik und prä-reflexiven Hintergründen (UL), die ihre intersubjektive Dimensionen repräsentieren.

Es ist also nicht so, dass es etwas gibt, was man als einen individuellen roten Wert bezeichnen könnte und dass mehrere Holons dann zusammenkommen und dieses Ding namens roten Wert miteinander austauschen (auch wenn das geschehen kann), sondern es ist ganz grundlegend so, dass es eine allgemeine Wahrscheinlichkeitswelle bzw. eine kosmische Gewohnheit gibt (die für eine sich wiederholende oder karmische Wahrscheinlichkeit steht, bestimmte Arten von Ereignissen in einer bestimmten Raum-Zeit-Lokalisierung zu finden) – eine Wahrscheinlichkeitswelle, die wir in diesem Fall mit „rot“ bezeichnen, und die Wahrscheinlichkeitswelle kann betrachtet (und erfahren) werden aus mindestens vier wichtigen Perspektiven: subjektiv, objektiv, intersubjektiv und interobjektiv. Diese Dimensionen sind nicht vier unterschiedliche Dinge, sondern vier unterschiedliche Dimensionen eines jeden Ereignisses (von ganz unten bis ganz oben auf der Entwicklungsskala).

Generell wird der Begriff „Rot“ nur für die subjektiven und intersubjektiven Dimensionen dieses Wahrscheinlichkeitsraumes verwendet, und das ist in Ordnung. Doch worum es sich dabei wirklich handelt, ist ein allgemeiner Wahrscheinlichkeitsraum mit mindestens vier Dimensionen, und wir können die Begriffe jeder der vier Dimensionen verwenden, um uns auf die anderen zu beziehen – dies ist lediglich eine Frage der Semantik. Wir können den Begriff „limbisch“ verwenden, um uns auf die Entsprechungen in allen vier Quadranten zu beziehen oder auch „tribal“ und so weiter. Doch generell werden viele Begriffe speziell nur in Verbindung mit einem Quadranten verwendet – Begriffe wie Wahrnehmung, Werte, Moleküle, Ökosystem – diese Begriffe reflektieren vor allem die Wirklichkeiten jeweils eines Quadranten oder einer Dimension und wir werden dies hier auch so halten. Was jedoch bei all dem nicht vergessen werden sollte, ist, dass wir es immer mit vier Dimensionen eines einzigen Ereignisses zu tun haben.

Der rote intersubjektive Hintergrund tritt nicht durch einen individuellen Austausch roter Werte in Erscheinung und das Subjekt erscheint auch nicht in einem intersubjektiven Raum. Sie alle treten gleichzeitig auf und entwickeln sich miteinander in einer Tetra-Evolution. Jedes Subjekt, das sich nicht mit den a prioris eines bereits existierenden AQAL-Raumes verbinden kann, kann auch nicht existieren (eine Tatsache, die bei einer prä-quadrantischen Vorstellung zu der Anschauung führt, dass Beziehungen oder der intersubjektive Hintergrund ontologisch der Subjektivität vorangehen. Dieses fragmentierte Verständnis wird durch das Verständnis der Gleichzeitigkeit einer Terta-Evolution ersetzt). Jeder Quadrant muss zu jedem anderen Quadranten passen oder er hört auf zu existieren.

Die Tatsache, dass die kollektiven Dimensionen oft mehr Gewicht haben (Kraft ihrer größeren Anzahl), darf nicht dahingehend missinterpretiert werden, dass die kollektiven Dimensionen ontologisch den anderen vorangehen. Kein Quadrant ist vor einem anderen Quadranten. Was dem AQAL-Raum dieses Augenblicks vorangeht, ist einfach nur der AQAL-Raum des vorhergehenden Augenblicks. Es muss daher eine ursprüngliche Tetra-Passung der AQAL-Matrix dieses Augenblicks mit ihren Vorgängern geben. Wenn die vereinende Wahrnehmung oder die formgebende Verursachung versagen, dann gibt es einen Augenblick der Kontinuität zwischen dem Jetzt und dem Dann und das neu emergierende Holon hört mit seinem Erscheinen auf zu existieren. (Wenn wir sagen, dass es eine ursprüngliche Tetra-Passung geben muss, dann heißt das auch, dass dabei eine kreative Neuheit in allen vier Dimensionen auftritt und dass die AQAL-Matrix dieses Augenblicks zu einem bestimmten Grad die Matrix des vorhergehenden Augenblicks transzendiert: Der Kosmos wächst.)

Wenn Intersubjektivität (UL) ontologisch vor Subjektivität wäre (UR), dann könnten kulturelle Hintergründe niemals grundlegend durch individuelle Subjekte verändert werden (d. h. Subjekte, die erst nach einem ihnen vorangehenden ontologischen Grund auftauchen, könnten diesen Grund niemals erreichen, um ihn zu verändern), doch Individuen haben immer einen Einfluss und manchmal einen sehr tiefgreifenden Einfluss, auf den kulturellen Hintergrund. Gleichermaßen muss der kulturelle Hintergrund zu den anderen Dimensionen passen. Passt beispielsweise der intersubjektive Hintergrund (UL) nicht zu der techno-ökonomischen Basis (UR), dann gibt es einen tiefgreifenden inneren Konflikt und eine Dissonanz zwischen dem kulturellen und dem sozialen In-der-Welt-sein eines Holons (als einen Konflikt zwischen seiner Semantik und seiner Syntax.) (Im Haupttext wird dieses Thema unter der Überschrift „Das Wesen revolutionärer sozialer Transformationen“ ausführlicher behandelt.) Worum es dabei einmal mehr geht, ist, dass die Quadranten gleichzeitig erscheinen und sich in einem gegenseitigen zueinander Passen tetra-entwickeln.

x(10) „Tief“ und „Oberfläche“ sind gleitende Begriffe, weshalb man für die jeweilige Bedeutung den Kontext heranziehen muss. Die Tiefenmerkmale eines Holon beispielsweise sind definiert durch das, was dieser Klasse von Holons gemeinsam ist und „Oberfläche“ bezieht sich lediglich auf individuelle Mitglieder dieser Klasse. Doch „Tiefe“ und „Oberfläche“ sind relativ, weil sich ihre Bedeutung verschiebt, entsprechend der Ebene der Klasse selbst. Es gibt Tiefenmerkmale von Mitgliedern einer bestimmten Familie, einer bestimmten Subkultur, einer bestimmten Kultur, einem bestimmten Kulturkreis, aller Menschen, aller empfindenden Wesen und so weiter. In diesem Fall ist das, was „tief“ in einer Klasse bedeutet eine „Oberfläche“ für die nächsthöhere Klasse. Die Tiefenmerkmale einer bestimmten Familie beispielsweise (d. h. Merkmale, die alle Familienmitglieder miteinander teilen) sind, bezogen auf eine bestimmte Kultur, Oberflächenmerkmale, d. h. sie werden nicht von allen Mitgliedern der Kultur geteilt). Entsprechend sind die Tiefenmerkmale einer Kultur lediglich Oberflächenmerkmale für einen ganzen Kulturkreis und was für diesen Kulturkreis „tief“ ist, ist lediglich Oberfläche für alle Menschen, usw. Alle dieser Definitionen sind akzeptabel, so lange sie sich auf eine solide Evidenz stützen, die gewonnen wurde durch rekonstruierende Untersuchungen.

Weiterhin scheint es so zu sein, dass alle diese Kollektive (wie auch Individuen) morphische Felder erzeugen – und das ist das, worauf Sheldrake hinweist. Diese Klassen sind daher nicht bloße Abstraktionen und das ist sehr wichtig. Diese morphischen Felder (oder eine Familie, eine Gruppe, eine Subkultur, eine Kultur, alle Menschen) üben eine formende Verursachung auf die Formen aller Holons dieser Klasse aus, als Teil ihrer Vererbung von Tiefenmerkmalen (als ein Einfluss kosmischen Karmas auf nachfolgende Holons). Sheldrake liefert ein Beispiel nach dem anderen dafür, wie unterschiedliche Klassen von Holons einen morphischen Einfluss auf andere Mitglieder dieser Klasse ausüben – sei es eine Familie, eine Gruppe, eine Nation, alle Menschen, alle Spezies, usw. Ein Kulturkreis beispielsweise ist durch die Tatsache vereint, dass alle seine Mitglieder eine bestimmte Sprache, wie z. B. Englisch, sprechen und dieses kollektive linguistische Feld übt einen tiefgreifenden Einfluss auf seine Mitglieder aus. Ähnliches gilt für den Einfluss, den eine Familie auf ihre Mitglieder ausübt, eine Gemeinschaft, eine Nation und so weiter. Jede dieser Klassen, in dem Ausmaß wie sie real existiert, hat Tiefen- und Oberflächenmerkmale. Die Tiefenmerkmale werden von allen Mitgliedern geerbt als ein Teil ihres kosmischen Karmas.

Wenn ich im Haupttext davon spreche, dass “Tiefenmerkmale vererbt, und Oberflächenmerkmale nicht vererbt sind“, dann meine ich damit die Klasse des Universellen (wenn nicht anderes angegeben). Die universell vererbten Tiefenmerkmale von, sagen wir, Beige, (wie das Bedürfnis nach Nahrung, Wasser und Schutz als das gemeinsame Erbe aller Menschen ohne Ausnahme) legen nicht fest, was eine bestimmte Kultur oder ein bestimmtes Individuum tut, um an Nahrung zu gelangen und sich Schutz zu suchen und daher sagen wir, dass diese spezifischen Oberflächenmerkmale nicht universell vererbt werden – es handelt sich dabei um Oberflächenmerkmale, die von Kultur zu Kultur unterschiedlich sein können und diese Unterschiede gilt es anzuerkennen und zu würdigen.

Doch eine bestimmte Kultur wird unveränderliche Praktiken entwickeln (wie eine bestimmte Sprachstruktur, verschiedene ethische Normen, bestimmte techno-ökonomische Produktionsweisen, Arten, sich zu kleiden und akzeptierte Normen usw.) – Praktiken, die, auch wenn sie gegenüber universellen Strukturen Oberflächen darstellen, (d. h. diese spezifischen Formen werden nicht an alle Menschen vererbt), dennoch für alle Mitglieder dieser Kultur etwas Gemeinsames darstellen, vererbt als ein Hintergrund für alle normalen Mitglieder dieser Kultur. Diese soziokulturellen Hintergründe (intersubjektiv und interobjektiv) sind daher Tiefenmerkmale für diese Gesellschaft und werden daher von allen normalen Mitgliedern dieser Gesellschaft ge- und vererbt (aber nicht von allen Menschen überall). Und entsprechend gibt es innerhalb dieser Tiefenstrukturen einer bestimmten Kultur Oberflächenstrukturen von Familien – die jedoch für alle Mitglieder einer Familie etwas Gemeinsames darstellen und daher „tiefe“ Strukturen sind, die kollektiv von allen Familienmitgliedern vererbt werden (aber nicht von allen Mitgliedern dieser Kultur und schon gar nicht von allen Menschen).

Was ich damit sagen möchte, ist, dass das, was für eine Ebene “Oberfläche“ ist, für eine andere Ebene „tief“ sein kann (und, neben vielen anderen Dingen, üben die Tiefenmerkmalen jeder Ebene morphische Resonanz und formgebende Verursachung auf die Holons der gleichen Klasse-Ebene aus.) Darüber hinaus ist zur Erkennung von Tiefenmerkmalen ein entsprechender kognitiver Apparat notwendig. Gelbe Systemtheorie beispielsweise erkennt universelle Muster, die nicht von blauer oder grüner Kognition erkannt werden können. (Siehe dazu Exzerpt C, den Unterabschnitt „Eine kurze Geschichte von Mit-Wahrnehmungen [Conperceptions].") Aus diesem Grund stellt sich das grüne Mem, das keinen kognitiven Zugang zu holarchischen Universalien des zweiten Ranges und ihren kulturübergreifenden Tiefenmerkmalen hat, vor, dass es überall nur relativistische und pluralistische Oberflächenmerkmale gibt. Fügen wir dem jedoch eine integrale Kognition des zweiten Ranges hinzu, kommen die der kulturellen Relativität zugrunde liegenden Tiefenmerkmale zum Vorschein, wie zum Beispiel die Tiefenmerkmale der Quadranten, mit Perspektiven einer ersten, zweiten und dritten Person sowie die ganze Entwicklungsspirale. Dies leugnet nicht die Relativität vieler kultureller Errungenschaften, die in der Tat universell gesehen „Oberflächen“ sind und keine „Tiefe“, doch es begrenzt die dabei auftretende ausufernde Relativität. Viele durch Gelb und Türkies entdeckten Merkmale, die kulturübergreifend für Menschen gelten, treten so hervor, einschließlich viele der Behauptungen der Postmodernisten selbst, so wie die interpretierenden Komponenten in allen menschlichen Wesen, welche in der Tat eine universelle tiefe Komponente darstellt.

Die allgemeine Aussage “Tiefenmerkmale sind vererbt, Oberflächenmerkmale nicht“ muss daher immer entsprechend erläutert werden, weil ihre konkrete Bedeutung davon abhängt, welche Klassen-Ebene damit gemeint ist. Was diese Aussage wirklich meint, ist, „vererbt von allen Mitgliedern dieser Klasse.“

Zusammenfassend bedeutet dies: Im Haupttext beziehe ich mich allgemein auf kulturübergreifende oder universelle Merkmale, und wenn ich dann sage „Tiefenmerkmale sind vererbt, Oberflächenmerkmale nicht“ meine ich damit, dass diese allgemeinen Wahrscheinlichkeitswellen als kosmische Potenziale/Gewohnheiten von allen Menschen kulturübergreifend geerbt wurden, so weit dies reicht. Nichts von dem, was bezogen auf diese Tiefenmerkmale Oberfläche ist, ist universell geerbt. Doch das hindert bestimmte Kulturen, Subkulturen und Familien nicht daran, ihre eigenen Tiefenmerkmale zu haben, welche von ihren Mitgliedern kollektiv geerbt werden (was sich durch eine rekonstruierende Wissenschaft feststellen lässt). Auf einer bestimmten Klassen-Ebene von, sagen wir, Kulturen, bedeutet die Aussage „Tiefenmerkmale werden vererbt, Oberflächenmerkmale hingegen nicht“, dass in diesem Fall alle Mitglieder dieser Kultur bestimmte Tiefenmerkmale (ver-)erben, wie den intersubjektiven Hintergrund dieser Kultur, (der allgemein „tief“ ist für alle Mitglieder), doch nicht alle Mitglieder erben bestimmte Merkmale innerhalb dieses Hintergrundes (diese sind wiederum Oberflächen). Einige Oberflächenmerkmale in Bezug auf diese Kultur können etwas Gemeinsames für eine bestimmte Familie sein, was bedeuten würde, dass diese Merkmale Tiefenmerkmale für dieses Familie sind und allen Mitgliedern vererbt werden (dies trifft in besonderer Weise zu. Praktisch jeder versteht intuitiv, wie pathologische Gewohnheiten in einer Familie von Generation zu Generation weitergereicht werden …). Dabei handelt es sich um ein tiefes karmisches Familienmuster, das jedoch bezogen auf die gesamte Kultur (und noch mehr auf die ganze Menschheit) ein Oberflächenmerkmal darstellt.

Bitte behalten wir daher die gleitende Natur der Begriffe “Tiefe” und “Oberfläche” also im Auge, wenn es im Haupttext um Dinge wie formgebende Verursachung, morphische Resonanz und kosmisches Karma allgemein geht. Wie schon erwähnt, spreche ich im Text meist von kulturübergreifenden und universellen Merkmalen (die „tief“ für alle Menschen sind) und alles andere wird demgegenüber als Oberfläche gesehen, was bedeutet, dass alles andere kulturell relativ ist (was auch stimmt). Doch innerhalb dieser Kulturen gibt es viele Tiefenmerkmale, welche in dieser Kultur vererbt sind, in verschiedenen Subkulturen, in Familien und von Individuen (wobei morphische Resonanz und formgebende Verursachung wahrscheinlich zum Mechanismus dieser Vererbung beitragen, zusammen mit Faktoren in den anderen Quadranten, wie wahrnehmende Vereinigung, Genetik, Autopoiesis, Gewohnheit usw.).

Der entscheidende Punkt, auf den ich im Haupttext hinweise, ist, dass keine dieser Tiefenmerkmale, auf welcher Ebene auch immer, einschließlich der universellen, vorgegeben sind, im Sinne einer Platon’schen, Hegel’schen, Aurobino’schen oder archetypischen Weise. Sie erscheinen zum Teil als kreative Neuheiten während der Evolution und erst wenn sie sich als kosmische Gewohnheiten geformt haben, werden sie zu Potenzialen, die von nachfolgenden Holons geerbt werden können. Dies ist ein wesentlicher Aspekt beim Schritt vom Metaphysischen zum Postmetaphysischen.

xi(11) Die allgemeine Vorstellung dahinter wird technisch mit „Zuständen und Stufen“ beschrieben: Auch wenn höhere Stufen sich noch nicht kollektiv als kosmische Gewohnheiten kristallisiert haben, sind höhere Zustände – einschließlich subtilen, kausalen und nicht-dualen Zuständen – praktisch jedem zugänglich. Der Grund dafür ist, dass die vier großen natürlichen Bewusstseinszustände, die allen Menschen gegeben sind – Wachen, Träumen, traumloser Tiefschlaf und die immer-gegenwärtige Nichtdualität – einen Zugangsweg darstellen zu den vier großen Potenzialen, die das gesamte morphogenetische Spektrum ausmachen – grobstofflich, subtil, kausal und nichtdual. Jeder kann auf praktisch jeder der Entwicklungsstufen Gipfelerfahrungen veränderter Bewusstseinszustände haben (aus dem einfachen Grund, weil jeder wach ist, träumt und traumlos schläft). Diese höheren Zustände sind real, sie existieren, sie sind authentisch, als höhere, tiefere und weitere Wirklichkeiten, die sich über das gesamte Spektrum des morphogenetischen Feldes erstrecken (grobstofflich zu subtil zu kausal), auch wenn keine dieser höheren Zustände sich zu allgemein verfügbaren, vererbten, spezifischen und konkreten morphischen Stufen gebildet hat. (Wie wir gesehen haben, liegt die Spitze der kollektiven Stufenbildung derzeit bei etwa Türkis bis Koralle.)

Wenn ein Pionier in eines dieser höheren Potenziale vordringt (ob in der Vergangenheit, heute oder in Zukunft), dann kann dies auf zwei grundsätzliche Weisen geschehen: als eine vorübergehende Gipfelerfahrung (ein veränderter Bewusstseinszustand), oder als eine andauernde Eigenschaft (eine bleibende Errungenschaft). Im ersten Fall werden diese höheren Potenziale als vorübergehende spirituelle Erfahrungen oder veränderte Zustände erlebt, was einen tiefgreifenden Einfluss auf die Person haben kann (und ihre Anhänger, falls der oder die Betreffende ein Lehrer wird). Diese Potenziale werden jedoch nicht zu dauernd verfügbaren Eigenschaften oder Errungenschaften des Bewusstseins.

Damit sich dies ereignet, – d. h. damit vorübergehende Zustände zu bleibenden Errungenschaften werden – muss der Pionier einen Lern- und Wachstumsweg gehen und sich in diese höheren Potenziale hineinentwickeln. Wie bei jedem Lernen – vom Erlernen einer Sprache über Karate bis zum Fahrradfahren – geht es dabei um Stufen, als um eine Art von sequenzieller Entfaltung dieser Errungenschaften. Wie bei allen neuen Emergenzen erscheinen viele dieser sequenziellen Errungenschaften zuerst als eine freie und kreative Neuheit an der chaotischen und schäumenden Spitze der Entwicklung und Evolution. Durch die Wiederholung durch mehr und mehr Holons beginnt sich dann allmählich eine kosmische Gewohnheit zu bilden, die nachfolgenden Holons zur Verfügung steht, welche die spezielle Praxis ausüben, die diesen speziellen Weg und seine Stufen zuerst hervorbrachte. Gautama Buddha hat eine Reihe neuer meditativer Anleitungen entwickelt (als Beispiele, Pradigmen und Praktiken), die einen ernsthaft Praktizierenden vom grobstofflichen Zustand (Wachen) zu subtilen Zuständen (savikalpa) zu kausalen Zuständen (nirvikalpa, nirodh, nirvana) bringen kann. Diese Praktiken führen durch eine Reihe meditativer Zustände, die er seinen Nachfolgern lehrte. Wie bei allen Zuständen handelt es sich dabei nicht um rigide und getrennte lineare Stufen, sondern um fließende, bewegliche und sich überlappende Wellen des Bewusstseins. Generell entfalten sich diese von einer strengen Gründung in moralischen Vorschriften zu meditativen Übungen von Verlöschung und Einsicht und weiter zu nirvikalpa, nirodh und nirvana. Wie bei allen Stufen hat man auch hierbei nie festgestellt, dass sich diese in der umgekehrten Reihenfolge entfalten. Je mehr Praktizierende diesen allgemeinen Stufen folgen (auf AQAL-Weise – das heißt in Gemeinschaften oder Sanghas, die institutionell verankert sind), desto mehr werden diese Stufen zu kosmischen Gewohnheiten, welche diesen speziellen meditativen Weg zu einer verlässlichen Stufenabfolge durch das große morphogenetische Feld höherer subtiler und kausaler Potentiale werden lassen. Heute sind die allgemeinen Stufen der Vipassana-Meditation als permanente Errungenschaften in der meditativen Entwicklungslinie verfügbar, wenngleich natürlich ihre unterschiedlichen Oberflächenmerkmale von Kultur zu Kultur und oft auch von Individuum zu Individuum variieren. Doch es gibt bei diesen Stufen nichts, das vorgegebene, feste, absolute unabhängig existierende ontologische Strukturen, Bereiche oder Ebenen der Wirklichkeit oder des Bewusstseins repräsentiert. Es ist vielmehr so, dass, wenn mehr und mehr Pioniere in diese höheren Zustände vorstoßen und dort auch verbleiben, sich diese Bereiche dann mehr und mehr ausformen und diese Formen werden dann, durch immer mehr Individuen, die sie annehmen, zu kosmischen Gewohnheiten als verfügbare Entwicklungsstufen, die durch eine Reihe bestimmter Paradigmen und Injunktionen hervorgebracht und erreicht werden können. (Doch selbst dann sind nur ihre tiefen Formen oder morphischen Muster vererbt, die Oberflächenformen und Inhalte variieren von Kultur zu Kultur und Person zu Person, so wie das auch die Oberflächenformen von Rot, Blau, Orange usw. jetzt tun. Und natürlich ist es so, dass es viele andere verfügbare Wege durch das große Spektrum des Bewusstseins gibt.)

Heute beispielsweise favorisiert Hameed Almaas eine neue Reihe von Wellen und Stufen durch das große morphogenetische Feld höherer Potenziale. Je mehr seiner Anhänger diesem speziellen morphogenetischen Weg folgen, den er vorangegangen ist, desto mehr seiner Merkmale werden zu kosmischen Gewohnheiten dieser speziellen Entwicklungslinie in der AQAL-Matrix. Eine Tradition [lineage path] markiert, mit anderen Worten, eine Weg im Kosmos und sie wird, wie alle Traditionen, Merkmale ihrer Begründer mit sich tragen, sowohl positiv wie auch negativ. Dies ist bei einem pionierhaften Wegebahnen unvermeidlich und daher ist es immer zu hoffen, dass der oder die Begründer eines bestimmten Weges und einer bestimmten Entwicklungslinie zu einer ausreichend selbstkritischen Sangha beitragen, so dass größere Abweichungen intern erkannt und korrigiert werden können. (Die Menschheit hat, das ist offensichtlich, in dieser Hinsicht sehr viel durchgemacht …)

Für eine weitere Diskussion der vier großen Zustände (Wachen, Träumen, traumloser Tiefschlaf, nichtdual) und ihrer entsprechenden Potenziale (grobstofflich, subtil, kausal, nichtdual) siehe dazu den Anhang G [zum Buch Boomeritis]: „Zustände und Stufen“. Der Punkt dabei ist, dass zu jeder gegebenen Zeit höhere Zustände kollektiv verfügbar sind, auch wenn das für höhere Stufen nicht zutrifft (auch wenn höhere Stufen von Individuen oder Sanghas geformt werden können.) Doch je mehr Individuen in höhere Zustände vordringen, desto mehr werden diese als kollektive Stufen (oder kosmische Gewohnheiten) verfügbar, Stufen, welche als a priori erscheinen aber a posteriori sind – dies ist die Essenz einer post-metaphysischen Ableitung höherer Potenziale unter Verzicht auf Platon’sche oder Aurobindo’sche Gegebenheiten.

xii(12) Eine Legitimationskrise kann sich natürlich auf jeder Ebene von Weltsicht ereignen. Selbst hoch authentische Weltsichten müssen ihre Legitimation suchen und finden. Authentizität ist keine Garantie von Legitimität und umgekehrt. Siehe dazu auch mein Buch Der glaubende Mensch [A Sociable God, Collected Works 3].

xiii(13) Dabei wollen wir nicht die Hunderte und Tausende von Mikro-Transformationen oder Mikro-Tiefenzunahmen übersehen, die sich oft in Individuen und Gesellschaften ereignen. Doch tiefgreifende Makro-Transformationen (z. B. Jagen und Sammeln zu Gartenbau zu Ackerbau) sind relativ selten.

xiv(14) Siehe Endnote 17.

xv(15) Dies ist ein Teil der AQAL-Rekonstruktion von Marx und seinen Beiträgen: Die Bedeutung von Marx historischem Materialismus als eine Komponente liegt darin, dass die untere rechte Dimension [des Quadrantenmodells] sozialer Systeme und ihrer institutionellen Macht berücksichtigt wird. Was im neuen Paradigma postmoderner Versionen von „Transformation“ komplett fehlt, ist, dass diese sich völlig auf subjektive und intersubjektive Faktoren stützen und objektive und interobjektive Wirklichkeiten dabei übersehen. Wie wir noch bei unserem historischen Überblick über die untere rechte Dimension sehen werden (siehe Exzerpt B), ist der Marxismus eine Form von Entwicklungsstrukturalismus im allgemeinsten Sinn (interobjektive Produktionskräfte in Beziehung zur Produktion, das heißt Beziehungen von Signifikanten und Systeme von Syntax). Dies kann nur von einem „Integralen Betriebssystem” adäquat analysiert werden.

xvi(16) Eine der vielen unüberwindlichen Schwierigkeiten mit der öko-primitiven Sichtweise – bei der Stämme, die jagen und sammeln, im ökologischen, sozialen und politischen Himmel gesehen werden – ist, dass sich diese Sichtweise schwer damit tut zu erklären, warum diese Stämme praktisch überall selbst das Jagen und Sammeln für den Gartenbau aufgaben. Warum sollten sie diesen angeblichen Himmel verlassen? Entweder waren sie unglaublich dumm, oder sie befanden sich gar nicht im Himmel (sondern eher in einer relativen Hölle, die sie unbedingt überwinden wollten, was sie auch taten).

xvii(17) Die skizzierte Beschreibung des Wesens sozialer Transformation ist eine kurze Zusammenfassung einer der Hauptteile vom ursprünglich geplanten Band 2 der Kosmos-Trilogie (der jetzt als Band 3 erscheinen wird). Dieser Abschnitt wird sich dort sehr ausführlich mit einer Analyse der individuellen, kulturellen und sozialen Transformation aus der Sicht einer AQAL-Perspektive beschäftigen. Dabei gelangen wir, wie ich glaube, zu vielen neuen und interessanten Schlussfolgerungen hinsichtlich sozialer Transformationen, und zwar dass die techno-ökonomische Basis der größte (aber nicht der einzige) Bestimmungsfaktor eines durchschnittlichen Bewusstseinsmodus einer Gesellschaft ist. Weiterhin wird ausführlich über die spezifischen Faktoren diskutiert, die erforderlich sind, um Transformation in jedem der Quadranten zu initiieren, und Hinweise über Typen von Transformation, die wir in der heutigen Welt sehen – oder auch nicht sehen.

xviii(18) Ich bezeichne dies mit “Vier-Quadranten-Wahrnehmung”, doch das überdehnt Whitehead auf eine irreführende Weise. Die Idee dahinter ist, dass alle vier Quadranten ihre Vorgänger „berühren“, und dieses Berühren ist Teil einer quadrantischen Vererbung. Dennoch bezieht sich Whiteheads „Wahrnehmung“ lediglich auf den oberen linken Quadranten, aus Gründen, die im Text erläutert werden (so wird z. B. vieles der formgebenden Verursachung nicht wahrgenommen, übt aber dennoch seinen Einfluss aus). Siehe dazu weiter unten im Haupttext, „Von einer teilweisen zu einer dialogischen Vererbung“. Wenn ich gelegentlich einen Begriff wie „quadrantische Wahrnehmung“ verwende, (weil er leicht zu verstehen ist), dann sollten wir dessen tatsächliche Bedeutung dabei nicht vergessen.

xix(19) Die Interpretationen von heute werden zu den Fakten einer morgigen kosmischen Vererbung, jedoch nur, wenn sie den Selektionsdruck in allen vier Quadranten überleben. Natürlich, und mehr technisch gesprochen, ist es die Totalität des AQAL-Raumes dieses Augenblicks, die an den AQAL-Raum des nächsten Augenblicks weitergereicht wird, so dass die Fakten (rechtsseitig) und Interpretationen (linksseitig) dieses Augenblicks an die Fakten und Interpretationen des nächsten Augenblicks weitergereicht werden. Der Punkt dabei ist einfach der, dass Fakten und Interpretationen oder Objektivität und Subjektivität oder Materie und Bewusstsein untrennbare Dimensionen aller Holons sind.

Übrigens haben die Oberflächenmerkmale (in jedem der Quadranten) ihre eigene individuelle Geschichte, welche subjektiv als wahrnehmende Vereinigung und objektiv als individuelle morphische Felder vererbt werden. Damit es zu einer Manifestation kommt, müssen diese zu den gegebenen intersubjektiven und interobjektiven Feldern passen – die Quadranten tetra-evolvieren.

xx(20) Dabei trat auch Wellenabsolutismus auf: Die Moderne verabsolutiert Orange, die Postmoderne verabsolutiert Grün.

xxi(21) Siehe Endnote 10

xxii(22) Und, natürlich, vormenschliche Holons haben sich noch weit tiefer eingegraben – sie sind nicht nur eine Meile, sondern Hunderte, Tausende oder Millionen von Meilen tief. Die grundlegendsten Holons – wie Strings, Quarks und subatomare Teilchen – reichen bis zum Urknall zurück und ihre morphogenetischen Grooves haben sich praktisch von Anfang an in den Kosmos eingegraben. Nachfolgende Holons – von Atomen zu Molekülen zu Zellen zu Organismen zu einem Dreifachgehirn – haben sich weniger tief eingeprägt und sind daher weniger grundlegend (aber dafür bedeutender, da sie ihre Vorgänger transzendieren und bewahren – siehe dazu Eine kurze Geschichte des Kosmos). Wenn wir bei menschlichen Holons angelangt sind, dann sind, auch wenn deren Bestandteile ihre Vorgänger transzendieren und umfassen, die definierenden oder festlegenden Holons nur wenig tief in den Kosmos eingekerbt, und auch wenn sie weniger grundlegend sind, so sind sie doch sehr viel bedeutender, da sie alle historischen Einkerbungen transzendieren und bewahren in einer wahrnehmenden Vereinigung, deren Sub-Gefühle zurückreichen bis zum Fühlen des Urknalls.

xxiii(23) Natürlich, fügt man noch die Dimensionen von Zeit hinzu – es scheint mindestens fünf in jedem der vier „räumlichen“ Dimensionen zu geben – dann gelangen wir zu einer Gesamtzahl an Dimensionen von 25 oder mehr. Siehe dazu die Endnote 9 von Kapitel 1 Ganzheitlich Handeln, wo ich diese 25 Dimensionen von fortgeschrittenen Holons erörtere. Doch die einfache vier Dimensionen/Quadranten Darstellung reicht für unsere Diskussion hier aus.

xxiv(24) Siehe hierzu Appendix A von “Do Critics Misrepresent My Position?

xxv(25) Wenn wir sagen, dass das Subjekt dieses Augenblicks zum Objekt des Subjekts des nächsten Augenblicks wird, dann bezieht sich das auf den subjektiven Ereignisstrom. Das „innere Objekt“ des neuen Subjektes unterscheidet sich sehr von der „objektiven Dimension“ (den rechtsseitigen Quadranten) des Subjektes. Um zu zeigen was das bedeutet, verwenden wir die Worte „innerlich“ und „äußerlich“ in Bezug zu den subjektiven und objektiven Ereignisströmen (bzw. den linksseitigen und den rechtsseitigen Dimensionen) und verwenden „Subjekt“ und „Objekt“ im Whitehead’schen Sinne von Wahrnehmendem und Wahrgenommenem. Dann gelangen wir zu folgendem: Der gegenwärtige Augenblick hat innere und äußere Dimensionen (linksseitig und rechtsseitig; für dieses Beispiel konzentrieren wir uns auf die individuellen Quadranten, so dass OL „innerlich“ und OR „äußerlich“ ist). Die gesamte AQAL-Matrix wird an den nächsten Augenblick weitergegeben, so dass das gegenwärtige Innerliche/Subjekt dieses Augenblicks zu einem Innerlichen/Objekt des Innerlichen/Subjekt des nächsten Augenblicks wird (d. h. das gefühlte Subjekt im OL wird zu einem gefühlten Objekt im OL des neuen Subjektes im OL; anders gesagt wird das gefühlte Subjekt zu einem gefühlten Objekt, einer Unterkomponente oder einem Subholon des neuen gefühlten Subjektes). UND gleichzeitig wird das gegenwärtige Äußere (das OR-Korrelat) dieses Augenblicks Innerliche/Subjekt (OL) zu einem Enthaltenen (einer Subkomponente) Äußeren dieses Innerlichen/Subjekt des Nächsten. D.h. die äußere Form dieses Augenblicks wird zu einer Subkomponentenform des neuen Äußeren des nächsten Augenblicks, dessen innerliches Korrelat das neue Subjekt ist, welches das alte Subjekt im OL wahrnimmt. Das alte innerliche Subjekt im OL wurde zu einem innerlichen Objekt des neuen Subjektes im OL, und das alte Äußere im OR – einschließlich seiner morphischen und subtilen Energiefelder – wurde zu einer Subkomponente des neuen Äußeren im OR, als eine Gesamtsumme welche, zusammen mit den unteren Quadranten, die AQAL-Vererbung ausmacht. Siehe auch Exzerpt B für weitere prickelnde Reflektionen über dieses Thema, wo wir diskutieren werden, warum „innen“ und „außen“ nicht dasselbe sind wie „innerlich“ und „äußerlich“ und warum dies wichtig ist im Rahmen eines mehr integralen methodologischen Pluralismus.

 

Worum es dabei geht ist, dass, wenn wir gelegentlich nur einen Whitehead’sche Sprachgebrauch verwenden (da eine vollständigere quadrantische Sichtweise mehr Zeit zu ihrer Erläuterung in Anspruch nimmt), diese innerhalb eines richtigeren AQAL-Interpretationsrahmens gesehen werden sollte. Wenn wir beispielsweise sagen, dass die Fakten-und-Interpretationen dieses Augenblicks als Fakten an den nächsten Augenblick weitergereicht werden, oder dass dieser Augenblick zu einem Objekt des Subjektes des nächsten Augenblicks wird, dann geschieht dabei in Wirklichkeit folgendes: Das Innerliche dieses Augenblicks wird an das Innerliche des nächsten Augenblicks weitergereicht, während das Äußere dieses Augenblicks an das Äußere des Nächsten weitergereicht wird, jedoch nicht dualistisch sondern in einer nichtdualen Tetra-Interaktion. Die AQAL-Matrix dieses Augenblicks wird nicht zu einem wahrgenommenen Objekt des nächsten Augenblicks, weil nur die subjektive Dimension in ihren Oberflächenmerkmalen wahrgenommen wird; alle anderen Aspekte werden als Vererbung durch die AQAL-Matrix weitergegeben, nicht durch wahrnehmende Vereinigung (z. B. nimmt das wahrnehmende Subjekt nie seine eigenen Tiefenmuster wahr und nicht seine eigenen Entwicklungsstufen und nicht seine eigenen Wahrscheinlichkeitswellen und auch nicht seine intersubjektiven Hintergründe und so weiter – es sei denn es unternimmt spezifische Untersuchung einer 2ten- und 3ten-Person-Perspektive). Die Whitehead’sche Wahrnehmung ist, noch einmal, im Wesentlichen ein OL-Phänomen.

xxvi(26) Über das Wesen involutionärer Gegebenheiten

Gibt es irgendwelche Gegebenheiten (die nicht von der Vergangenheit vererbt wurden), welche die Natur des In-Erscheinung-Tretens dieses Augenblicks bestimmen? Anders gesagt, gibt es irgendwelche Gegebenheiten, welche möglicherweise bereits vor dem Urknall existierten? Unter den wenigen Theoretikern, die ernsthaft über dieses Thema nachgedacht haben, scheint es einen Konsens zu geben, diese Frage mit einem Ja zu beantworten.

Was nun folgt ist ein Mythos, welcher manchmal von Nutzen ist, wenn man Vorstellungen darlegen möchte, die auf keinerlei Weise dualistisch oder konzeptuell erfasst werden können. Wenn GEIST sich entäußert (was Involution genannt wird) um dieses spezielle Universum mit diesem speziellen Urknall zu erschaffen, dann hinterlässt er/sie/es Spuren oder Echos dieser kosmischen Ausatmung. Diese Spuren konstituieren nur sehr wenig, was konkrete Inhalte, Formen, Einheiten oder Ebenen betrifft, sondern eher ein gewaltiges morphogenetisches Feld, welches einen sanften Zug (oder Agape) ausübt, hin zu höheren, weiteren, tieferen Ereignissen – ein Zug, welcher sich in manifesten konkreten Ereignissen als der Eros in der Agenz aller Holons zeigt. (Wir können uns diesen "Zug" als den Zug aller Dinge zurück zum GEIST vorstellen; Whitehead nannte das "Liebe" als "die sanfte Überredung Gottes" zur Einheit hin; diese Liebe wird, wenn sie sich vom Höheren zum Niederen hinabbewegt, Agape genannt, und Eros, wenn sie sich vom Niederen zum Höheren bewegt: zwei Seiten des gleichen Zuges). Dieser gewaltige morphogenetische Zug verbindet die Potentiale der niedrigsten Holons (materiell schlafend) mit den Potentialen der höchsten Holons (spirituell erwacht). Die involutionäre Gegebenheit dieses morphogenetischen Feldes ist ein Gradient, ein Gefälle von Potenzialen und nichts Konkretisiertes, und so wirkt Agape durch das gesamte Universum als eine Liebe mit sanfter Überredung. Die niederen manifesten Formen des GEISTES werden zu höheren manifesten Formen des GEISTES gezogen – ein potenziales Gefälle, welches Menschen, nachdem sie in Erscheinung getreten sind, oft als Materie zu Körper zu Geist zu Seele zu GEIST konzeptualisieren. "GEIST" (Großbuchstaben) war natürlich (und ist) der immer-anwesende Grund all der manifesten Wellen, gleichermaßen und vollständig gegenwärtig in jeder. Doch GEIST (Großbuchstaben kursiv) ist ebenso eine allgemein Stufe oder Welle der Evolution: GEIST ist/sind die transpersonale(n) Stufe(n), auf welcher(n) GEIST als der Grund permanent verwirklich werden kann [A.d.Ü.: daneben gibt es noch die Verwendung von "Geist" als Übersetzung von "mind"].

Die Überbleibsel dieses involutionären sich Ausgießens sind verschiedene involutionäre Gegebenheiten (als Dinge, die durch die Involution vorgegeben oder festgelegt wurden). Diese Dinge existierten vor dem Urknall und waren zum Zeitpunkt des Urknalls bereits wirksam und sind es auch danach. Das Allgemeinste davon ist das große morphogenetische Feld eines evolutionären Potenzials, das sanfte Gefälle eines sehnsüchtigen Zuges aller manifesten Holons zurück zu ihrem immer-anwesenden Grund als GEIST – einem kosmischen Feld von Agape, eine sanft ziehende Evolution hinein in immer größere Bewusstheit, Umfassung und Einschließlichkeit. Dieses Universum, so scheint es, hat eine Neigung und all sein Inhalt rutscht langsam in die Quelle und Soheit seiner Gesamtheit. Diese Neigung, diese kosmische Maserung, diese Agape, dieses gewaltige morphogenetische Potential übt einen sanften Zug auf die Evolution aus, zur Entfaltung ihrer Wellen immer größerer Komplexität, größerer Umfassendheit, größerer Tiefe. Dies geschieht, bis der Kosmos in einer wahrnehmenden Einheitlichkeit aufgenommen ist, welche den pazifischen Ozean in einem einzigen Schluck austrinkt, den Mount Everest in der Hand halten kann, mit einem Augenzwinkern das gesamte Universum verdunkelt und mit einem Lächeln die Sonne hervorbringt, um über allen Wesen – ob groß oder klein – zu erstrahlen.

Gibt es außer dem großen morphischen Feld von Agape (welches in allen Holons als Eros erscheint) noch weitere involutionäre Gegebenheiten? Gibt es – mit anderen Worten – irgendwelche a priori-Formen, nicht nur in der evolutionären Abfolge, sondern in der involutionären Abfolge? Wir haben bereits gesehen, dass Evolution ihren gegenwärtigen Augenblick als eine a priori-Gegebenheit vererbt. Aber dies sind keine archetypischen oder zeitlosen vorgegebenen Formen, sondern lediglich die kreativen Formen der Vergangenheit der evolutionären Entfaltung. Und wir fragen jetzt: Gibt es irgendwelche Formen, welche als "Erinnerung" in der involutionären Abfolge festgelegt wurden und welche daher als zeitlos gegebene Formen erscheinen, die bereits am Beginn der Evolution vorhanden und an jedem Punkt evolutionärer Entfaltung aktiv sind? Als involutionäre Gegebenheiten haben wir bereits Eros/Agape und das morphogenetische Gefälle der Manifestation postuliert. Gibt es noch weitere? (Das heißt, gibt es irgendwelche a priori-Formen, welche in Bezug auf die a priori-Formen der Evolution a priori sind?)

Whitehead war davon überzeugt. Ewige Objekte zum Beispiel (dies sind Dinge, die man haben muss, bevor man irgendetwas anderes haben kann, so wie Form, Farbe, usw.) gehören für ihn dazu.

Sheldrake impliziert eine Reihe involutionärer Gegebenheiten. Für ihn gibt es keine archetypischen Konstanten oder vorgegebenen Formen, doch tatsächlich führt er verschiedene universelle, vorgegebene Konstante ein, um morphische Resonanz und ihre formative Verursachung zu erklären. Nach Sheldrakes eigener Theorie gibt es verschiedene Kategorien, welche immer vorhanden sein müssen, damit seine Theorie morphischer Resonanz und formgebender Verursachung stimmt, und diese a priori-Kategorien sind in der Tat zeitlos (und in diesem Sinn archetypisch). So sieht Sheldrake z. B. die Welt zusammengesetzt aus Energie und Form; er sieht wie Energie Energie verursacht, und Form Form verursacht; er sieht wie Entwicklung auftritt; und er betrachtet Kreativität als wesentlich. All dies – Energie, Form, Verursachung, Entwicklung, Kreativität – wird als überall anwesend gesehen, zeitlos, von Anbeginn an – sich selbst nicht entwickelnd oder evolvierend. Sie sind daher aufgrund seiner eigenen Standards archetypisch, zumindest was sein Universum betrifft.

Die meisten Physiker glauben heute, dass der Urknall bei seinem Auftreten bestimmten physikalischen Gesetzen folgte, welche durch die Mathematik beschrieben werden. Diese mathematischen Matrizen mussten daher bereits zum Zeitpunkt des Urknalls oder davor vorhanden sein (d. h. als involutionäre Gegebenheiten). Sie waren nicht etwas, was nach dem Urknall erst auftrat und dann an die Zukunft weitervererbt wurde (was ein für die nachfolgenden Momente Evolutionäres a priori wäre, welches in der Tat existiert; doch diese mathematischen Formen scheinen involutionäre a priori zu sein – und nicht etwas, was in der [evolutionären] Vergangenheit erschaffen wurde und von diesem Zeitpunkt an vorhanden war).

All diese involutionären Gegebenheiten können als Muster und Beschränkungen betrachtet werden, Überbleibsel einer speziellen Phase involutionärer Schöpfung; das, was von der Ausatmung des GEISTES übriggeblieben ist, resultiert im Urknall, welcher daher bei seinem Auftreten diesen Mustern (bzw. involutionären Gegebenheiten) bereits folgte.

Und so scheint es ziemlich sicher, dass es zumindest einige Formen involutionärer Gegebenheiten gibt. Ich würde diese "Archetypen" nennen, aber dieser Begriff wurde derart missbraucht, dass er praktisch bedeutungslos ist. Nennen wir sie also "Prototypen", oder einfach involutionäre Gegebenheiten.

Auf der anderen Seite gingen einige Theoretiker wie Plotin, Hegel, und Aurobindo ein bisschen zu weit in dem Versuch, die Form und manchmal auch den Inhalt dieser involutionären Gegebenheiten zu spezifizieren und festzulegen. Sie tendierten dahin, diese involutionären Gegebenheiten als etwas zu sehen, was aus konkreten Ebenen – manchmal auch mit konkretem Inhalt – besteht, so dass Evolution nichts anderes ist als das Abspielen des involutionären Videobandes.

Diese Ansicht, so glaube ich, hält heutigen Überprüfungen nicht stand. Eigentlich präsentierten alle diese großen Pioniere metaphysische, prämoderne (und ganz sicher prä-postmoderne) Konstruktionen. Sie erfassten daher nicht angemessen die AQAL-Natur manifester Raum-Zeit; im Speziellen erfassten sie nicht die gestalterische Kraft des unteren linken Quadranten: die unvermeidliche konstituierende Macht kultureller Kontexte und Hintergründe, mit denen alle Subjekte und Objekte unvermeidbar verbunden sind, welchen sie zu Beginn folgen müssen, und innerhalb derer bestimmte Wahrnehmungen notwendigerweise auftauchen. Mit einem Satz: Selbst der atemberaubende Genius dieser großen Pioniere konnte der eigenen kulturellen Eingebundenheit nicht in dem Umfang entkommen, um zu erkennen, dass vieles von dem, was diese Pioniere "universelle vorgegebene Ebenen des Seins" nannten, eigentlich spezielle, sozial konstruierte Oberflächenmerkmale waren. Das heißt, das meiste von dem, was sie involutionären Gegebenheiten zuschrieben, waren in Wirklichkeit evolutionäre Vererbungen. Also keine für alle Ewigkeit durch den GEIST auf seinem Weg zur materiellen Manifestation gegebenen Formen, sondern vererbte Formen vergangener Manifestationen auf ihrem Rückweg zum GEIST. Dies ist der Grund, warum wir versuchen eine post-metaphysische, post-moderne Spiritualität zu erstellen, welche das Wesentliche dieser Meister würdigt und sie gleichzeitig in einen Kontext stellt, der dem heutigen Selbstverständnis entspricht (d. h. den Formen der Selbstwahrnehmung des GEISTES auf dieser speziellen Welle seiner eigenen spielerischen Entfaltung).

Und dennoch erkannten diese alles überstrahlenden, brillanten philosophischen Avatare des Eros alle eine überwältigende, ehrfurchtgebietende Tatsache: GEIST ist dein eigenes ursprüngliches Gesicht. Es ist nicht etwas sozial Konstruiertes, oder etwas, was erstmalig erschaffen wird, wenn du gerade darüber stolperst, oder etwas, was am Ende einer zeitlichen Abfolge hervorspringt, oder nichts anderes als eine Art von Omega, welches nur am Ende des Universums realisiert werden kann. GEIST ist deine eigene, immer-anwesende, radikal alles-umfassende, immer-schon-der-Fall-seiende Wirklichkeit, was der Grund dafür ist, dass einige Vorstellungen über die Involution bzw. der Rückkehr zu einem GEIST, welcher niemals verloren wurde, ein unvermeidlicher Teil der Theorie eines jeden großen Philosophen-Weisen – ohne Ausnahme – ist. Es gibt eine atemberaubende, schreiend unleugbare involutionäre Gegebenheit: der immer-anwesende Grund aller Grundlagen, die Natur aller Naturen, die Kondition aller Konditionen.

Darüber hinaus sind sich die großen Philosophen/Weisen (prämodern, modern und postmodern) oft über die Einzelheiten der anderen involutionären Gegebenheiten uneinig. Dies ist das Recht ehrenhafter Männern und Frauen. Ich habe meine eigenen Überzeugungen diesbezüglich dargelegt (und werde sie weiter unten zusammenfassen). Die Vorstellung von involutionären Gegebenheiten ist ein notwendiger Rahmen, den der menschliche Verstand, der selbst ein Produkt der Evolution ist, anwenden muss, damit Evolution auf eine widerspruchsfreie Art und Weise rekonstruiert werden kann. Wie wir gesehen haben, präsentieren selbst die Postmodernisten, welche jegliche Gegebenheiten ablehnen, ihre eigenen Reihen impliziter Gegebenheiten, um zu erklären, warum es keine anderen Gegebenheiten gibt.

Nun, alle diese Theoretiker, so scheint es, intuieren diese verblassten Spuren, den Hauch eines Parfüms, welches die leise Ausatmung des GEISTES hinterlassen hat – dein eigenes ursprüngliches Ausatmen – welches diese spezielle manifeste Welt erschaffen hat und sich als involutionäre Gegebenheiten zeigt und nun da ist, um durch die AQAL-Matrix dieses und jedes Augenblicks interpretiert zu werden.

Wie schon gesagt, dies ist ein nützlicher Mythos.

Innerhalb dieses Mythos fassen wir nun zusammen. Die postulierte Liste involutionärer Gegebenheiten scheint folgendes zu beinhalten:

(1) Eros. Eros kann im Wesentlichen von einer Tatsache abgeleitet werden: GEIST erschafft die gesamte manifeste Welt und jedes Holon darin; tatsächlich ist jedes Holon GEIST-in-sich-selbst, in dem Spiel, ein Anderes zu sein (so ist z. B. das Große Nest morphogenetischen Potenzials – oft zusammengefasst als Materie, Körper, Geist, Seele und GEIST – eigentlich GEIST-als-Materie, GEIST-als-Körper, GEIST-als-Geist, GEIST-als-Seele, und GEIST-als-GEIST). Da die Wirklichkeit, So-heit oder Ist-heit jedes Holons in Wahrheit GEIST ist, aber die meisten Holons nicht erkennen, dass sie GEIST sind, hat jedes Holon sozusagen einen Drang hin zur Unendlichkeit. Jedes Holon hat einen Antrieb, ein Verlangen, einen Zug, einen Telos, eine Sehnsucht nach Gott – was einen Antrieb zur Verwirklichung von GEIST selbst bedeutet – ein Antrieb, welcher letztendlich den gesamten Kosmos umfassen will. Dieser Antrieb zu höherer Einheit, umfassenderer Identität, größeren Einschließens – kulminiert in der Gott-Verwirklichung, bzw. der Verwirklichung von GEIST durch jedes Holon, durch GEIST, in GEIST, als GEIST. Diese ultimative Verwirklichung ist jedoch keine Aufsummierung am Ende einer Linie oder eine Kulmination temporaler Additionen oder eine endliche Summe endlicher Teile, welche sich zu "einem wirklich großen endlichen Ding" aufaddieren – sondern die Verwirklichung der immer-anwesenden, raumlosen und daher unendlichen, zeitlosen und daher ewigen, formlosen und daher omnipräsenten Kondition aller Konditionen und Natur aller Naturen und radikalen Grundlage aller Grundlagen. Dennoch ist im manifesten Bereich das paradoxe Ergebnis ein Antrieb hin zu größerer Einheit unter den endlichen Dingen mit der Sehnsucht nach Freiheit und Fülle. Dieser Antrieb hin zu größerer Einheit und Ganzheit im endlichen Bereich wird Eros genannt: der Antrieb aller endlichen Dinge das Unendliche zu finden, welcher zu einer zunehmenden Vereinheitlichung und Differenzierung-Integration endlicher Ereignisse führt. Im zeitlichen Bereich ist die Abfolge von immer zunehmender Vereinheitlichung endlos, sich ausdehnend vom Subtilen in Millionen, Billionen und Trillionen von manifesten Wirklichkeiten in der Zukunft, jeder Augenblick seine Vorgänger transzendierend-und-beinhaltend. Dies bringt neue Wahrheiten, neue Erfahrungen, neue Wirklichkeiten und neue Integrationsmöglichkeiten ins Sein, ohne eine erkennbare Begrenzung nach oben (weil GEIST nicht an den oberen Grenzen endlicher Dinge gefunden wird, sondern als ihr immer-anwesender Grund und es deshalb kein endgültiges oberes Ziel gibt). An einem bestimmten Punkt dieser Entwicklungsspirale und Evolution wird ein Holon ausreichend komplex, ausreichend differenziert-und-integriert, ausreichend bewusst und beginnt zu seinem immer-anwesenden Grund zu erwachen, auch wenn die endlichen Ereignisse weiterhin in immer weiteren Runden der Vereinheitlichen fortschreiten. In dem betreffenden Holon setzt der GEIST sein Spiel der Manifestationen fort, doch jetzt als bewusste, gefühlte und lebendig gegenwärtige Gegenwärtigkeit, einen Strahl der Unendlichkeit aussendend, von diesem Holon auf die Welt, welche es erschuf.

Dieser Antrieb – der Eros-Antrieb – erscheint Menschen auf oder oberhalb der gelben Bewusstseinswelle aus der Perspektive der dritten Person heraus als ein Antrieb hin zur Selbstorganisation in allen komplexen Holons, ein Antrieb zur Erschaffung von Ordnung aus dem Chaos, eine Reihe dissipativer Strukturen, die Energie konsumieren und vereinheitlichte Formen erschaffen. Gegen jedes wissenschaftliche Empfinden (welche lediglich Es-heiten ohne Intentionalität "sieht") und gegen jedes bekannte physikalische Gesetz (mit der Vorstellung, dass "Esheiten" sich immer nur abwärts bewegen) scheint das materielle Universum sich selbst aktiv zu organisieren, hin zu höheren und komplexeren Systemen. Die Wissenschaftler kratzen sich am Kopf – wie kann das sein? Das Universum zieht sich selbst auf. Das Universum sucht höhere Einheit. Das Universum hat einen Antrieb zur Selbstorganisation. Das Universum... nun, sagen wir klipp und klar, was der Es-Perspektive fehlt: Das Universum hat einen brennenden, unstillbaren Durst nach Gott. Doch wie immer man auch sich diesen Eros vorstellen mag, dieser Antrieb zur Ordnung-aus-dem-Chaos, diese erstaunliche Autopoiesis genau im Herzen der Materie, ist ein unbestrittenes Muster der Evolution, ein Muster welches aus der Evolution selbst heraus nicht erklärt werden kann. Und daher wird Eros als eines der involutionären Gegebenheiten postuliert, das heißt als eines der Dinge, welche bereits am Beginn der Evolution vorhanden waren, eine Art Einlage der Involution des GEISTES in den manifesten Bereich, in und als dieser Bereich – schwache Echos des Niesens des GEISTES, welcher diese spezielle Runde des Kosmischen Spiels in Gang setzte.

(2) Wenn alle Holons dem GEIST zustreben, strebt der GEIST zu allen Holons. Das erste wird Eros genannt, das zweite Agape. Zwei Seiten desselben Zuges.

(3) Ein morphogenetischer Gradient im manifesten Bereich. Dies bezieht sich auf die Raum-Zeit Krümmung, die alle möglichen Formen der manifesten AQAL-Matrix betrifft: Eros wirkt durch einen Gradienten zunehmender Umfassung. Dieser Gradient (durch die prämodernen Traditionen etwas unbeholfen als eine fest vorgegebene Reihe von Ebenen und Bereichen ausgedrückt, welche sich von Körper zu Geist zu Seele zu GEIST erstreckt – die so genannte "Große Kette des Seins") repräsentiert in Wirklichkeit die Neigung eines Universums, nach Gott Ausschau zu halten. Involution erschafft keine Reihe fest vorgegebener Bereiche und Ebenen (es gibt keine vorgegebene große Kette), sondern ein gewaltiges morphogenetisches Feld von Potentialen, die nicht durch ihre fest vorgegebenen Inhalte und Formen definiert sind, sondern durch ihre relative Positionierung in diesem gleitenden Feld. (siehe "On the Nature of a Post-metaphysical Spirituality", veröffentlicht auf www.shambhala.com.)

(4) Bestimmte prototypische Formen beziehungsweise Muster. Wenn die Involution keine Reihe fester vorgegebener Ebenen erschafft, sondern ein fließendes morphogenetisches Feld, dann taucht die Frage auf: Gibt es irgendwelche festen Formen als involutionäre Gegebenheiten? Wir haben schon verschiedene kennen gelernt: Whitehead’s ewige Objekte, grundlegende mathematisch-physikalische Gesetze, Sheldrake’s implizit postulierte Archetypen, und so weiter. Eine Auflistung von 20 vorgeschlagenen involutionären Gegebenheiten findet man in Kapitel 2 von Eros Kosmos Logos. Diese 20 Grundaussagen sind einfach die übriggebliebenen Formen des Großen Schlafes, Echos des Großen Vergessens, welches diese Runde in Bewegung gesetzt hat, involutionäre Formen, welche auf die transparente Haut des leuchtenden, im Werden begriffenen Kosmos tätowiert wurden, als bestimmte prototypische Formen beziehungsweise Muster. Doch abgesehen von diesen relativ wenigen involutionären Gegebenheiten sollten wir nicht vergessen, dass das, was die meisten Theoretiker als involutionäre Gegebenheiten oder ewige Archetypen postulieren (d.h. involutionäre, für alle Zeiten gegebene a priori), in Wirklichkeit evolutionäre a priori sind, bzw. Formen, welche auf chaotische Weise in der zeitlichen Entfaltung erschaffen und an die Zukunft weitergereicht wurden. Dabei handelt es sich nicht um Formen, die bereits vor ihrer Entfaltung vorbestimmt waren, sondern es werden lediglich kosmische Gewohnheiten weitergereicht, welche während ihrer AQAL-Evolution einfach verschiedene Formen annahmen, Formen welche als a priori an den nächsten Augenblick übergeben wurden als a priori, welche nicht durch ewige Archetypen, sondern durch zeitliche Geschichte festgelegt wurden.

Und dennoch ist der Punkt der, dass zumindest einige Muster nicht nur historisch zu sein scheinen. Daher besteht die Notwendigkeit, involutionäre Gegebenheiten zu postulieren. Natürlich müssen diejenigen Theoretiker wie Whitehead, welche involutionäre Gegebenheiten anerkennen, postulieren, dass die tatsächliche Emergenz eines gegebenen Ereignisses irgendwie eine Mischung aus involutionären Gegebenheiten bzw. zweitlosen a priori und evolutionär-geschaffenen bzw. historischen a priori ist, welche vor ihrer Emergenz nicht festliegen. So gehorchten beispielsweise die frühen subatomaren Partikel beim Urknall verschiedenen physikalischen Gesetzen, so dass ihre konkrete Existenz ein mysteriöses Gemisch aus archetypischen Gegebenheiten und historischen Möglichkeiten war. Die eine oder andere Version dieser Mischung oder Überschneidung von ewigen Objekten und tatsächlichen Ereignissen wird von den meisten Philosophen postuliert, welche sorgfältig über diese Themen von Involution und Evolution nachgedacht haben, und ich stimme mit den allgemeinen Grundzügen dieser Schlussfolgerungen überein.

Aber dazu noch zwei Anmerkungen: Seien wir so vorsichtig wie nur irgend möglich bei der Unterscheidung evolutionärer Gegebenheiten, welche keine ewigen Gegebenheiten sind, sondern durch zeitliche, chaotische, evolutionäre Geschichte erschaffen und der Zukunft als Gewohnheiten hinterlassen wurden. Sie wurden zu Gegebenheiten bzw. a priori in einem zeitlichen Sinn – und involutionären Gegebenheiten, welche etwas sind, was man haben muss, bevor man irgendetwas anderes haben kann und welche dem Anschein nach bereits zum Zeitpunkt des Urknalls oder auch schon davor existierten.

xxvii(27) Diese Untersuchungsmethoden konnten erst mit dem Auftreten der orangen Wahrscheinlichkeitswelle unabhängig werden (als erste Welle, welche die 3te-Person-Perspektive nicht für sich in Besitz nahm, sondern reflektierend einen Standpunkt einer dritten Person einnahm und so der erste Modus war, der in ein reflektiv-hypothetisch-deduktives Bewusstsein eintrat, welches diese Dimension hervorbringt und erhellt.)

xxviii(28) Dies war der Piaget’sche Stromabsolutismus — bzw. Piaget’s Vorstellung, dass die kognitive Entwicklungslinie die einzig tiefe Linie wäre, gegenüber der alle anderen Entwicklungslinien nur Oberflächen darstellen. Das brachte die Entwicklungsstudien für ein oder zwei Jahrzehnte in eine falsche Richtung. Piaget leistete für die Entwicklungspsychologie das, was Hegel für die Entwicklungsphilosophie tat – er präsentierte ein derart brillantes, eng verwobenes System, dass, wenn ein Teil davon zusammenbrach, das gesamte Gebäude mit dem gesamten Untersuchungsgegenstand zusammenfiel. Vieles von dem, was Piaget über die kognitive Linie entdeckte, ist immer noch gültig, doch nur dann wenn die kognitive Linie als eine von mindestens zwei Duzend relativ unabhängig voneinander existierenden Entwicklungslinien gesehen wird. Es stimmt, dass die kognitive Linie notwendig, aber nicht hinreichend ist für die meisten anderen Linien, doch das bedeutet nicht, dass sich die anderen Linien innerhalb der kognitiven Linie entwickeln. Tatsächlich entwickeln sich die meisten hinter der kognitiven Linie, was zu einem sehr unausgewogenen Psychogramm bei den meisten Menschen führt (siehe Integrale Psychologie). Wird jedoch der kognitive Strom als einer von ein oder zwei Dutzend relativ unabhängiger Entwicklungslinien, Modulen oder Intelligenzen gesehen (z. B. Howard Gardner), dann können viele der pionierhaften Einsichten von Piaget transzendiert und bewahrt werden.

In der heutigen Zeit ist ein vorherrschender Stromabsolutismus derjenige von Graves. Das heißt, dass viele derjenigen, die das Graves-System verwenden, nicht sehen, dass der Wertestrom, wie von Graves brillant und pionierhaft aufgezeigt, lediglich einer der etwa zwei Dutzend unabhängigen Entwicklungslinien darstellt. Stattdessen werden die Graves’schen Strukturen/Ebenen als Tiefenstrukturen angenommen, gegenüber denen alle anderen Linien lediglich Oberflächen darstellen. Dies ist ein Stromabsolutismus, welcher der empirischen Forschung nicht standhält. Dennoch ist die Graves’sche Wertelinie ein sehr wichtiger Entwicklungsstrom (und Basis der Wertememe oder vMeme von Spiral Dynamics) und daher ein wesentlicher, wenn auch nur teilhafter Aspekt einer jeden integralen Psychologie.

xxix(29) Dies ist der Grund, warum sich Systemtheorie und ökologische Wissenschaften nach wie vor innerhalb des Aufklärungsparadigmas bewegen (als dem Repräsentations- bzw. Reflektionsparadigma). Was dargestellt wird, ist das Verhalten von Systemen anstelle des Verhaltens von Individuen, doch der “Spiegel der Natur” ist nach wie vor präsent, wobei die Natur jetzt systemisch und nicht mehr atomistisch gesehen wird. Das Aufklärungsparadigma selbst war ein systemisches Reflektionsparadigma (das, was repräsentiert wurde, war das “große Natursystem”), im Gegensatz zur Behauptung einer populären Historienbetrachtung von Netz-des-Lebens-Theoretikern, die behaupten, das Aufklärungsparadigma wäre in seiner Essenz atomistisch gewesen. Doch worum es geht, ist, dass sowohl Atomismus wie auch Systemtheorie Landkarten eines Reflektionsparadigmas darstellen (das eine als ein grober Reduktionismus, das andere als ein subtiler Reduktionismus, doch beides sind Reduktionismen). Beide erfassen nicht die konstituierende Natur der Dimensionen einer ersten und zweiten Person.

xxx(30) Zum Thema involutionäre Gegebenheiten, einschließlich Eros, siehe Endnote 26.