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26.4.2017 : 11:49 : +0200

Polaritäten

Michael Habecker

Ausgangspunkt dieses Beitrags ist eine ebenso aussagekräftige wie inspirierende Veröffentlichung von Beena Sharma & Dr. Suzann Cook-Greuter mit dem Titel: Polarities and Ego Development: Polarity Thinking In Ego Development Theory And Developmental Coaching
(Veröffentlicht unter: http://www.cook-greuter.com/Sharma%20Cook-Greuter%20paper%20EAIF%20SUNY.pdf )

Diese Zusammenfassung soll dazu einladen, den Beitrag im Original zu lesen. Darin beschäftigen sich die Autorinnen mit dem faszinierenden Thema von Polaritäten und deren Beitrag und Auswirkungen auf die Erwachsenenentwicklung, verbunden mit praktischen Anwendungsmöglichkeiten. Im Hinblick auf die integrale Theorie ist dies u. a. interessant, weil es eine neue und erweiternde Sicht auf das AQAL Element der Typen wirft, im Zusammenhang mit den anderen Elementen von Entwicklung und Quadranten. (Für eine ausführlichere Diskussion der Typen siehe die Ausgabe 23 des Online Journals und die Ausgabe 20 der Zeitschrift integrale perspektiven.) Eine der Hypothesen dieser Arbeit ist die, dass Entwicklungsstufen Verhaltensunterschiede besser erklären können als Persönlichkeitstypen (wie z. B. Astrologie, MBTI, 5-Faktorenmodell und das Enneagramm). Weiterhin ist anzumerken, dass Polaritäten nicht die einzige, aber eine sehr bedeutende Form von Wirklichkeitsbetrachtung darstellen (eine andere, ebenso sehr frühe und verbreitete Sicht auf Wirklichkeit ist die von Analogien). Und natürlich gibt es unterschiedliche Verständnismöglichkeiten von dem, was Polaritäten sind – als Gegensätze, Komplementäre, Paradoxien, Pendelbewegungen zwischen Extremen usw. Die Autorinnen stützen sich in ihrer Arbeit auf den von Barry Johnson entwickelten Polarity Management Ansatz. Dort werden, in einer polaren Betrachtungsweise, Dinge – polar/gegensätzlich/komplementär – miteinander in Beziehung gesetzt und damit ein Gegensatz, aber auch ein Gesamtzusammenhang hergestellt. Darüber hinaus ist es faszinierend zu verfolgen, wie sich Polaritäten im Verlaufe von  Entwicklung verändern, wie auch das Verständnis darüber, was Polaritäten sind.

Das Denken in Gegensätzen ist überall verbreitet und zutiefst eingebettet in die Art und Weise, wie wir unseren Erfahrungen Sinn geben. Wie wir uns dieser Tendenz bewusst werden und in welchem Zusammenhang dies mit der menschlichen Entwicklung steht, werden wir hier untersuchen. Wir sind der Überzeugung, dass eine Bewegung in Richtung einer Integration und Transzendierung von Gegensätzen eine entscheidende Bedeutung spielt bei der Hervorbringung einer integralen Perspektive.   

In einem seiner früheren Bücher, Wege zum Selbst [No boundary], darauf weisen die Autorinnen hin, hat Wilber auf diesen dialektischen Aspekt menschlicher Wahrnehmung hingewiesen. Bei jedem Wahrnehmungsakt, der erscheint, tritt automatisch auch (mindestens) ein Gegenteil in die Existenz – zu jedem A existiert immer auch ein Nicht-A. Daraus ergeben sich unterschiedliche Möglichkeiten des Umgangs mit diesem Gegensatzpaar.

  • Ein Pol kann hervorgehoben und der andere unterdrückt werden, in einem Kontinuum von einer leichten Bevorzugung bis hin zur Vergötterung, bei gleichzeitiger Verleugnung und Bekämpfung des anderen Pols.
  • Beide Pole können – neutral – als gleichwertig aber unterschiedlich betrachtet werden, wie bei vorne-hinten (was jedoch nicht bedeutet, dass alle Menschen oder Kulturen dies so sehen).
  • Beide Pole können undifferenziert in einen „alles ist eins“ Topf geworfen werden.
  • Beide Pole können als unterschiedlich, sich jedoch gegenseitig bedingend erkannt und gewürdigt werden.


Je nachdem welcher Weg dabei beschritten wird, resultiert daraus ein ganz unterschiedliches Denken, Fühlen und Handeln, von persönlich-individuell bis hin zu staatlicher Politik. Daher ist die Frage der Polaritätsbetrachtung auch einer Frage des Lebens und Überlebens der Menschheit. Dabei kommt der Sprache als einem Werkzeug symbolischer Repräsentation und Kommunikation eine besondere Bedeutung zu.

Bedeutungsfindung ist auch ein Vorgang von Vergleichen und Gegenüberstellen durch Feststellung von Unterschieden und Ähnlichkeiten. In unserer Entwicklung lernen wir, das Ähnliche vom Unterschiedlichen zu unterscheiden, und gelangen so zu einer symbolischen Landkarte von Wirklichkeit. Unsere Hauptaufgabe als Bedeutungsfinder ist daher, mit anderen Worten, ein zusammenhängendes Selbst zu konstruieren und eine Landkarte der Welt. Mit zunehmender Entwicklung geschieht dies auf immer subtilere Weise … Dieses Verständnis kann in der Erkenntnis gipfeln, dass wir uns auf repräsentierende Landkarten, Namen und Konstrukte gestützt haben, als einem Ersatz für die unmittelbare Erfahrung dessen was ist ... Die Ich-Entwicklungstheorie verfolgt und beschreibt den Weg der sich verändernden Selbst-Repräsentation und der dazugehörigen „Geschichten“ [stories].

Die Autorinnen beziehen sich dann auf ein auf Grundlage der Arbeit von Jane Loevinger von Dr. Cook-Greuter entwickeltes neunstufiges Modell der Ich-Entwicklung und einen  dazugehörigen Satzvervollständigungstest zu dessen Messung.
Sie unterscheiden dann wertneutrale und wertgeladen Gegensätze, wobei sich genau hier ein großes Spannungsfeld auftut, denn das was jeweils neutral und was in welcher Werterangordnungen wie steht, ist von Mensch zu Mensch und Kultur zu Kultur unterschiedlich, mit oft dramatischen Konsequenzen. Dies kann man sich selbst an folgendem Erfahrungsbeispiel bewusst machen:     

Bitte lesen Sie sich die aufgeführten Begriffspaare jeweils hintereinander durch und achten Sie bei jedem Paar auf ihre innere Reaktion, verbunden mit der Fragestellung: Stehen die beiden Begriffe
a) In einem Verhältnis „alternativ“ oder „anders“ zueinander oder
b) In einem Verhältnis „besser/schlechter“ oder umfassender/weniger umfassend oder
c) lässt sich das ohne eine Kontextualisierung nicht sagen?  

modern – traditionell
hierarchisch – Heterarchisch
progressiv – konservativ
maskulin – feminin
links – rechts
Sklaverei – Selbstbestimmung
demokratisch – autokratisch
dunkelhäutig – hellhäutig
Nachhaltigkeit – nicht-Nachhaltigkeit
autonom – konform
Ökonomie – Ökologie
Apartheid – keine Rassentrennung
individuell – kollektiv
Egoismus – Solidarität
Mensch – Tier
liberal – sozial
Rechte – Pflichten
Keine Nachhaltigkeit – Nachhaltigkeit
Beschneidung – Nicht-Beschneidung (von Jungen)
Beschneidung – Nicht-Beschneidung (von Mädchen)
Abtreibung – keine Abtreibung
Konflikt – Frieden
Mobbing – Mitgefühl


Es wird dabei deutlich, dass die Art und Weise, wie wir bestimmte Polaritäten oder Begriffspaare sehen, individuell und kollektiv, erhebliche Auswirkungen auf unser Denken und Handeln hat, bis hin zu Fragen von Leben und Tod.

Eine weitere wichtige Unterscheidung, welche die Autorinnen treffen, ist die zwischen Polaritäten und Multilaritäten. Letztere bestehen aus mehr als zwei Elementen. Beispiele dafür sind die Bedeutungsketten Körper-Herz-Geist-GEIST oder auch die vier Quadranten bzw. acht Hauptperspektiven mit ihren miteinander in Beziehung stehenden Polen von innerlich-äußerlich; individuell-kollektiv und innen-außen. Dabei weisen die Autorinnen auch darauf hin, dass eine eindeutige Trennung zwischen beschreibend (= wertneutral) und wertend (= wertgeladen) nicht existiert. Jede Beschreibung, darauf hat Wilber auch im Zusammenhang der Interdependenz der vier Quadranten hingewiesen, hat immer auch ein interpretierendes (und damit auch wertendes) Element, sowie auch jede Wertung ein beschreibendes Element hat. Scheinbar harmlose Differenzierungen wie links-rechts aus der obigen Liste können für manche politisch geladen sein, ebenso wie die Unterscheidung von oben-unten von Menschen mit einer egalitären Orientierung nicht wertfrei erlebt wird. Die Wahrnehmung von Polaritäten hängt also, einmal mehr, von den Strukturen und Dynamiken unseres Bewusstseins ab, individuell und kollektiv, und beides hat sich im Laufe unseres Lebens entwickelt.

Ein klassisches Schattenthema in diesem Zusammenhang ist die Verdrängung eines unerwünschten Pols in den unbewussten Schatten, der ebenfalls individuell und auch kollektiv angelegt sein kann. Damit ist dieser Pol jedoch nicht verschwunden, sondern er symptomatisiert sich körperlich oder auch psychisch, kann dabei aber auch projiziert werden und muss dann, um geheilt zu werden, in einem Übersetzungs- und Integrationsprozess („Schattenarbeit“) in die Psyche re-integriert werden. Zu diesem Thema leistete C. G. Jung viel Arbeit, z. B. anhand der Typen von Anima und Animus, und, in der heutigen Zeit und im Deutschsprachigen Raum, Ruediger Dahlke.

Dann wenden sich die Autorinnen der Art von Bedeutungsfindung zu, die Menschen gegenüber Polaritäten vornehmen, individuell und kollektiv.

Unsere Präferenzen können sich zu Mustern kristallisieren, die wir als persönliche Eigenschaften oder Typen erkennen, und die beispielsweise gemessen werden durch das MBTI, das Enneagramm oder die „Big Five“. Zusätzlich zu unserem Persönlichkeitstypus spielen auch historische, geografische, kulturelle und linguistische Kontexte eine Rolle, ebenso wie biologische Unterschiede, individuelle Orientierungen, bevorzugte Wahrnehmungsmodalitäten sowie auch spezielle Gaben und Talente.

Die Wertepräferenz gegenüber Polaritäten ist, mit den Worten der integralen Theorie, eine AQAL Angelegenheit. Sie hängt eng mit dem eigenen Selbstverständnis und der Identität zusammen.   

Seit der Zeit der Aufklärung wurden die Menschen im Westen ermuntert, starke Wertevorstellungen und Präferenzen zu entwickeln, und sich darüber klar zu werden was sie wollen und was sie nicht wollen. Dies wurde als ein wichtiger Beitrag zur Selbstbewusstheit angesehen und auch dazu, selbstständig handelnde Teilnehmer in einer modernen Gesellschaft zu werden.

Die Polaritätendynamik erläutern die Autorinnen an folgender Darstellung:

Abb. 1: Die Dynamik von Polaritäten

Jeder Pol in einer Polarität beinhaltet eine Weisheit bzw. einen Wert (nach oben). In der Polarität von standhaft und nachgebend sind Bestimmtheit und Stärke positive Eigenschaften von Standhaftigkeit und Kooperationsfähigkeit und Flexibilität positive Eigenschaften von Nachgiebigkeit. Wird Standhaftigkeit jedoch auf Kosten von Nachgiebigkeit überbetont, kommen wir zu den Schattenseiten von Standhaftigkeit wie Sturheit und Starrheit. Wird hingegen Nachgiebigkeit auf Kosten von Standhaftigkeit überbetont, kommen wir zu den Schattenseiten von Nachgiebigkeit als Unentschlossenheit und ein Fehlen eigener Positionen. Wird ein Pol eines Paars bevorzugt, dann wird leicht sein Gegenpart ausgeschlossen, verneint oder verworfen. Wir tendieren dann dazu, den entgegengesetzten Pol lediglich in seinen Schattenaspekten zu beschreiben ... Mit der Zeit verfestigen sich so unserer entweder-oder Beurteilungen und Präferenzen auf subtile Weisen in der Art, wie wir unsere Erfahrungen beschreiben. Dies können wir durch sorgfältiges Zuhören und mittels auf der Grundlage von auf Sprache basierenden Instrumenten wie dem MAP aufdecken.  

Diese Oszillation zwischen den Polen, mit ihren jeweiligen Licht- und Schattenaspekten, stellen die Autorinnen wie folgt dar:

Abb. 2: Das Oszillieren der Polaritäten

Macht man lediglich einen Pol oder einen Gesichtspunkt zum Gesamtbild oder zur „ganzen Wahrheit“, dann führt das zu einer Unfähigkeit, unsere gegenwärtige Position zu transzendieren und begrenzt unsere weitere Entwicklung. Daher lautet unsere Empfehlung, sich zu einem „sowohl-als auch“ Denken hinzubewegen, zur Unterstützung der eigenen Entwicklung.   

Danach wenden sich die Autorinnen der Verbindung von Ich-Entwicklung und dem Umgang mit Polaritäten zu und kommen auf die bereits erwähnte Bedeutung unserer Wertungen von Polaritäten und Begriffspaaren zurück.  

Als Menschen unterliegen wir alle der Polaritätendynamik, unabhängig von unserer Entwicklungsstufe. Wir interpretieren unsere Erfahrungen in wertegeladenen Begriffen mit daraus resultierenden Spannungen aufgrund unserer Präferenzen. Doch wie sehr wir daran festhalten, wie wir die Präferenzen von anderen beurteilen, wie viel Energie wir in entweder-oder Perspektiven stecken und wie sehr wir an dem einen oder anderen Pol hängen – all dies können Indikatoren für eine bestimmte Entwicklungsstufe sein. Das Aufzeigen der impliziten Präferenzen in den Antworten im Rahmen eines MAP ist eines der Kriterien, welche wir für die Einschätzung von Ich-Entwicklung verwenden.

Als den zentralen Teil dieses Papiers untersuchen wir drei Arten wie Polaritäten als auffällige Kennzeichen von Ich-Entwicklung. Wir untersuchen 1. eine übergreifende Polarität im Herzen des gesamten Entwicklungverlaufs. Wir zeigen 2. wie die Bewegung von einer entweder-oder Perspektive auf den konventionellen Stufen sich erweitern kann zu einer sowohl-als auch Perspektive auf den postkonventionellen Stufen. In einer verfeinerten Sicht diskutieren wir 3. einige stufenspezifische Polpräferenzen innerhalb jeder der Entwicklungsstufen. Und schließlich gehen wir über diese Untersuchungen noch einen Schritt hinaus, und betrachten wie die Entwicklung des Konzeptes von Polaritäten selbst als ein Entwicklungsprozess verfolgt werden kann.

Abb: 3 Differenzierung und Integration

Die erwähnte alles umspannende Polarität ist die von Differenzierung und Integration. Dies erläutern die Autorinnen an dem Entwicklungsmodell von Dr. Cook-Greuter.  

Wir beobachten, dass die erste Hälfte der Entwicklung den Differenzierungspol repräsentiert, und wenn die Begrenzungen dieser Differenzierungen erreicht sind, vollzieht sich eine natürlich Bewegung hin zur Integration, ohne welche die Weisheit der Entwicklungsreise unvollständig wäre.  

Den unterschiedlichen Umgang mit Polaritäten erläutern die Autorinnen am Beispiel der konventionellen und der postkonventionellen Entwicklungsstufe.

Teil und Ganzes: Menschen auf der konventionellen Entwicklungsstufe orientieren sich als ein „Teil“ eines Systems und nicht als das „Ganze“. Bedeutung wird durch das Zerteilen der Wirklichkeit in handhabbare Einheiten gefunden. Analyse (griechisch ana-lysis = zer-teilen) ist der Hauptmechanismus zum Erreichen dieser Zerteilung.
Mit dem Erreichen der postkonventionellen Stufen sehen wir eine Perspektiverweiterung und eine Orientierung zum Ganzen, wo Menschen verstehen, dass sie nicht nur getrennt und teilhaft, sondern auch Teil eines größeren Ganzen sind. Ist dieser Schritt in Richtung auf ein Ganzes auf der pluralistischen Stufe vollzogen, erleben wir oft eine Zurückweisung der Orientierung zum Teil hin und eine Bevorzugung von Ganzheiten. Auch dies ist symptomatisch für eine entweder-oder Einstellung der konventionellen Stufe von Bedeutungsfindung ... Erst bei weiterer Entwicklung kann diese frühere Perspektive integriert werden, einschließlich der daraus gewonnenen Erkenntnisse. Das Erkennen der Bedeutung sowohl von Teilen wie auch einem Ganzen hilft uns beim Verstehen von Wirklichkeit und ist ein notwendiger Schritt bei der Ich-Entwicklung.

Dieses gleichzeitige Teil-Ganzes Verständnis entspricht der Verwendung des Holonbegriffs bei Wilber. Anhand der Polaritäten von Selbst und Anderem, äußerlich/innerlich, objektiv und subjektiv, kurzfristig/langfristig, linear und nicht-linear, absolut und relativ geben die Autorinnen dann noch weitere Beispiele für Bedeutungsänderungen aufgrund von Entwicklung.

Typische Polaritätspräferenzen geben die Autorinnen in einer Tabelle wie folgt an (zu den Stufenbezeichnungen siehe Abb.3 oben): 

Tabelle 1: Hervorgehobene und vernachlässigte Pole auf unterschiedlichen Ich-Entwicklungsstufen


Mit dem Übergang von Konventionell zu Postkonventionell erhöht sich die Fähigkeit zur Einnahme von sowohl-als-auch Positionen deutlich. Dabei bleiben Präferenzen, welche jedoch immer subtiler werden.

Tabelle 2 Postkonventionelle Polaritäten


Die Frage, welche die Autorinnen dann stellen, lautet: Wie hat sich das Konzept von Polaritäten oder Gegensätzlichkeit selbst entwickelt?

Abb. 4: Die Entwicklung des Konzeptes der Gegensätze  

Mit dieser Abbildung geben die Autorinnen eine Zusammenfassung eines Verständnisses von Gegensätzlichkeit auf unterschiedlichen Entwicklungsstufen. Auf der rechten und der linken Seite finden wir die Entwicklungsstufen in unterschiedlichen Bezeichnungen und in der Mitte Beschreibungen der Wahrnehmung von Polaritäten.

Die Fähigkeit mit Gegensätzlichkeit umzugehen entwickelt sich von der Betrachtung jeweils nur dieses oder jenes Wirklichkeitsaspektes zu entweder-oder Möglichkeiten und weiter zu immer umfassenderen Möglichkeiten des Umgangs mit Gegensätzen bis hin zu Auflösung der Definitionen und damit verbundenen Grenzen der Bedeutungsfindung, welche bis dahin die früheren Konzepte bestimmten. Mit zunehmendem Erwachsenwerden werden Polaritäten bewusst umarmt und integriert. Auf der höchsten Stufe der Ich-Entwicklung wird – in der Bewusstheit von Paradoxien – erkannt, dass die Unterscheidung zwischen Dualismus und einem Nicht-Dualismus selbst einen dualistischen Rahmen hervorbringt.

Als typische Beispiele aus MAP Tests führen die Autorinnen auf:

Kinder großziehen … „ist angenehm“ — “ist ein Kampf”

(jeweils nur eine der beiden Positionen wird gesehen und formuliert)

Wenn ich kritisiert werde … “tut das weh, doch ich lerne”

(der Beginn der Bereitschaft, gegensätzliche Aspekte innerhalb des eigenen mentalen  Modells über sich selbst und die Welt anzuerkennen)

Kinder großziehen … „ist ein Balanceakt zwischen der Arbeit und dem Familienleben“

Wenn ich kritisiert werde … „versuche ich das entweder zu ignorieren oder ich setzte mich mit der Person irgendwie auseinander“

(hier beginnt eine Wertschätzung von Gegensätzen mit der Tendenz zum „Ausgleich“ unterschiedlicher Wahrnehmungsaspekte.)

Kinder großziehen … “erfordert, dass Frauen viele Eigenschaften haben müssen: Hausfrau, Vertraute, spirituelle Führerin und die Fähigkeit zur Anpassung“

Wenn ich kritisiert werde … „akzeptiere ich das manchmal, weise es aber manchmal auch zurück, abhängig von der Person und der Art von Kritik.“

(unterschiedliche Perspektiven werden gesehen und eingenommen, und es entsteht eine Bewusstheit hinsichtlich der eigenen Wertungen und Interpretationen. Sowohl-als-auch erscheint nun angemessener als entweder-oder.)

Ein guter Vorgesetzter – eine gute Vorgesetzte … „weiß was zu tun ist, tut dies und bezieht andere in Verbesserungen für alle Ebenen und Bereiche der Organisation ein“

(hier erweitert sich das sowohl-als-auch Denken auf unterschiedliche Ebenen verbundener Systeme und Teil-Ganzes Beziehungen. Spannungen werden als ein unvermeidlicher Teil des Lebens verstanden.)

Regeln sind … „künstliche Konstruktionen, die wir manchmal verwenden, um Wirklichkeit (weg zu) erklären oder um (den Ereignisfluss) zu kontrollieren. Als unsere Schöpfungen existieren sie, verändern sich oder existieren auch nicht – entsprechend unseren Wünschen/Bedürfnissen.“

(ein neues Bewusstsein entsteht darüber, wie Sprache die eigene Wirklichkeit formt. Erstmals können die eigenen Unterscheidungslinien als das gesehen werden was sie sind, willkürliche wenn auch nützliche Unterscheidungen. Das Bedürfnis Gegensätze zu manipulieren, um sie verschwinden zu lassen, wird hier überwunden.)

Zusammensein mit anderen Menschen … „ist nicht notwendigerweise abhängig von Nähe, Distanz oder Zeit, man kann jemandem räumlich nahe sein ohne mit ihm oder ihr zu ‚sein‘. Zusammensein ist mehr das Erkennen, dass der/die Andere auf eine Weise ein Teil von ‚dir‘ ist, und dass ‚du‘ ein Teil von ihm/ihr bist – wenn auch nur für einen Augenblick.“

(Gegensätze werden als zwei Seiten derselben Münze erkannt, als zwei Aspekte einer zugrundeliegenden Wirklichkeit. Der Kampf der Gegensätze ist ein Symptom unserer Illusion, dass Grenzen für echt gehalten werden. Die Lösung für den Kampf der Gegensätze liegt in der Auflösung aller Grenzen – selbst der Letztendlichen zwischen unserem Landkarten erstellenden Geist und unserer Erfahrung von Wirklichkeit.)1

Auf der höchsten Ebene des Erwachsenseins, welche durch das MAP gemessen wurde, gibt es lediglich ein Bezeugen des Tanzes der Gegensätze in dem Verständnis ihrer universellen Natur. Beide Pole werden als zwei Seiten der gleichen Erfahrung erkannt, zwischen denen eine willkürliche Grenze existiert, doch sind beide weder positiv noch negativ sondern mehr oder weniger gleichwertig.

Der psychodynamische Prozess der Inbesitznahme dessen, was abgelehnt wurde, setzt Entwicklungsenergie frei. Das ermöglicht uns neue Bedeutungsfindungen durch mehr Wahlmöglichkeiten. Gleichzeitig können gegebene Situation auf eine umfassendere Weise verstanden werden, als wenn eine Seite einer Polarität gegenüber einer anderen Seite bevorzugt wird.

Die Arbeit mit Polaritäten wird wie folgt zusammengefasst:

Die Arbeit mit Polaritäten unterstützt Menschen dabei, die Art ihre Betrachtungsweise und ihre Bewertungen auf eine neue Weise zu sehen. Die Landkarte der Polaritäten lädt dazu ein:
die Weisheit dessen zu untersuchen, die in etwas Unerwünschtem liegen kann,
die möglichen Schattenseiten von etwas Wünschenswertem zu untersuchen,
diejenigen Aspekte von Wirklichkeit zu erfassen, welche bei der Bevorzugung eines Poles ausgeschlossen, verleugnet oder nicht voll anerkannt wurden,
zu erkennen, dass die Schattenseite eines bevorzugten Poles ein Ergebnis der Verneinung seines Gegenteils ist,
zu erkennen, dass beide Pole notwendig sind, um den vollen Nutzen aus einem jeden zu erhalten, im Dienst eines gedeihlichen und nachhaltigen Systems.
Im Allgemeinen kann die Arbeit mit Polaritäten in einem entwicklungsunterstützenden Coaching

zur Konsolidierung einer Entwicklungsstufe beitragen,
die Weiterentwicklung zur nächsten Stufe unterstützen,
bei der Re-Integration Aspekte früherer Stufen helfen,
die Bewusstheit und den Raum schaffen für weitere Entwicklungen.

Nicht nur, aber auch an ein „integrales“ Publikum gewandt, fassen die Autorinnen zusammen:  

Wir sind der Meinung, dass eine kontinuierliche Praxis, die dabei hilft ein immer „vollständigeres“ Bild zu sehen, ganz grundlegend ist, um integral zu sein. Einer der Wege dazu besteht im Erlernen, Identifizieren und Integrieren der Polaritäten in uns, in der Beziehung zu anderen und innerhalb des ganzen Systems. Ein Verständnis der tieferen Dynamiken innerhalb der Polaritäten wird bei den Praktizierenden des integralen Modells zu tiefen Einsichten führen und wird ebenso Einfluss nehmen auf die Zukunft der integralen Theorie.   

Die Abhandlung schließt mit einem Wilber-Zitat aus Wege zum Selbst:

Wenn die Gegensätze als Eins erkennt werden, werden Missklang zu Einklang, Kämpfe zu Tänzen und alte Feinde werden zu Liebenden. Wir sind dann in der Lage, uns mit dem gesamten Universum anzufreunden und nicht nur mit einer seiner Hälften.

(aus: Online Journal Nr. 49)


1  Alle Zitate sind, wenn nicht anders angegeben, aus dem eingangs erwähnten Beitrag.

2  Siehe hierzu die Ausgabe 14 des Online Journals.

3  Diese und die folgenden Abbildungen entstammen ebenfalls dem eingangs erwähnten Text.

4  Der MAP als Leadership Maturity Assessment Instrument ist ein Satzvervollständigungstest zur Entwicklungsmessung. Informationen dazu finden sich hier: www.cook-greuter.com/SCTi-MAPForm.htm

5 Bei diesen Beispielen werden, wie beim frühen Werk Wilbers, Zustandsentwicklung und Strukturentwicklung nicht voneinander unterschieden (wie Wilber das in seinem späteren Werk tut – Wilber V), sondern typische höheren Zustandserfahrungen von Einheit treten in den höheren Strukturstufen auf.