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25.7.2017 : 12:28 : +0200

Ken über Ken

(Aus: How would Ken describe himself, ein Audiomitschnitt eines Seminarwochenendes 2003 mit Ken Wilber)

Frage: Wie wünschen Sie sich, dass man Sie beschreibt?

KW: Auf dem Grabstein ... [Lachen] was dort draufsteht? Wie wäre es mit: Fortsetzung folgt? [Lachen]. Es ist für mich heute schwerer diese Frage zu beantworten als vor 10 oder 15 Jahren. Früher konnte ich dazu authentisch etwas sagen, doch wenn ich heute dazu gefragt werde, dann ist alles leer in mir, und es fällt mir schwer darauf etwas zu antworten. Ich denke jeder, der speziell mit spirituellen Themen arbeitet und sich dabei – in welchem Bereich auch immer – entwickelt, beginnt seine Karriere – und das ist jetzt eine ganz grobe Abschätzung – mit zur Hälfte egoistischen Ambitionen und mit Weisheit als der anderen Hälfte. Wenn man sich auf irgendeine Weise entwickelt, besonders in der zweiten Lebenshälfte und darüber hinaus, verkleinert sich der egoische Teil, wenn man es richtig macht, und die Weisheit wird größer. Und plötzlich sind die Motivationen im Leben ganz andere als vorher.
In meinem Leben geschahen eine Reihe sehr einschneidender Ereignisse, die diesen Wandel auslösten. Eines davon, vielleicht das größte – war die Arbeit an Eros, Kosmos, Logos. Ich erlebte in dieser Zeit eine 11 tägige Periode – ich habe darüber z. B. in Einfach Das geschrieben – , wo ich während der ganzen Zeit 24 Stunden am Tag bewusst war, ein klassischer, unbewegter turya-Zustand, gelegentlich auch eine turyatita Erfahrung. In dieser Zeit wurde sehr viel Zeug in mir verbrannt, so dass alles was ich ab diesem Zeitpunkt geschrieben habe, aus einer völlig anderen Motivation heraus entstanden ist. Die zutreffenden Begriffe für diese Motivation wären Pflichterfüllung, Dharma oder Verpflichtung – dies gab es auch schon zu Beginn meiner Laufbahn, aber in einem geringeren prozentualen Verhältnis.
Am Anfang spielte das keine so große Rolle. Ich schrieb mein erstes Buch als ich 23 Jahre alt war, und Leute verglichen das mit Arbeiten von William James usw. – ihr könnt euch vorstellen wie groß das Ego wird, wenn so etwas geschieht, auch wenn man über trans-egoische Themen schreibt. Und so wird das ein Teil des inneren Dialoges: „Ich schreibe gute Sachen, cool, ich möchte als derjenige gelten, der am klügsten ist ...“ Doch ab einem gewissen Punkt verliert all das jegliche Bedeutung. Es wurde auch gesagt: „Wilber ist der neue Hegel“, auch das begleitete mich einige Jahre lang. Wenn man damals ein Aufnahmegerät in meinem Kopf angebracht hätte, um zu hören wie ich zu mir spreche, dann hätte ich zu dieser Zeit vielleicht gesagt: „Das wäre wirklich cool, und es wäre schön, wenn das so wäre“... Doch davon ist nichts mehr in meinem Kopf. Ich führe derartige Gespräche nicht mehr mit mir, und kann daher auch keine Antwort geben, wenn ich darüber befragt werde. Dies bedeutet nicht, dass ich keine Eigenheiten mehr hätte – es gibt immer noch Selbst-Kontraktionen, Sturheit, Subpersönlichkeiten – ich habe eine ganze Versammlung von Sub-Persönlichkeiten in mir, ich habe den Eindruck, dass die sich jeden Donnerstag treffen und darüber beraten, wie sie mir die Woche versauen können [Lachen]. Damit habe ich also immer noch zu tun. Aber in meinem Innenraum habe ich nicht mehr diesen Selbstbezug mit Überlegungen, wie man mich in Erinnerung behalten sollte. Ich habe kein Interesse an Ken Wilber, aber ich habe eine brennende Leidenschaft für integrale Ideen. Ich hoffe also, dass man sich der integralen Ideen erinnern wird, als Ideen an denen jeder teilhaben kann, als etwas was die Welt umfassender zusammenbringt. Dafür habe ich sehr viel Leidenschaft. Daran denke ich, aber ich denke nicht über Ken Wilber nach.


(aus: integrale perspektiven Nr. 30)