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20.11.2017 : 8:59 : +0100

Ken Wilber Odyssey

Einleitung: In einem frühen, 1982 unter dem Titel Odyssey veröffentlichten autobiografischen Text beschreibt Ken Wilber seinen eigenen (in der Terminologie seines späteren Werkes) Zustandsweg des Erwachens. Dabei unterscheidet er – entsprechend drei großen Bewusstseinsbereichen – drei Komplexe: den (wie er es nennt) Ödipus Komplex (das Hängenbleiben im emotional-Sexuellen), den Apollo Komplex (das Hängenbleiben im Mentalen) und den Vishnu Komplex (die Hängenbleiben im Subtilen). Diese Sichtweise hat er mittlerweile noch verfeinert und ausgearbeitet, so z. B. in einem Vortrag „addictions and allergies“, veröffentlicht 2014 auf integrallife.com, wo er anhand eines Weges durch fünf Daseinsbereiche den Weg des Erwachens schildert, mit den damit verbundenen Schwierigkeiten von Identifikationen/Abhängigkeiten und Abwehrhaltungen/Allergien.

Ken Wilber: Das Wesen dieser höheren Komplexe, wie dem Apollo Komplex [die Schwierigkeit der Ent-Identifikation mentaler Ereignisse] und dem Vishnu Komplex [die Schwierigkeit der Ent-Identifikation visionärer Ereignisse] wurde mir im Verlauf meiner eigenen Meditation schmerzlich offensichtlich.

Zu der Zeit als ich Wege zum Selbst schrieb [1979] war meine meditative Praxis noch nicht weit fortgeschritten, aber ich war auch kein Anfänger mehr. Die Schmerzen in den Beinen (vom Lotussitz) waren erträglich, und mein Bewusstsein wuchs in seiner Fähigkeit, einen wachen und doch entspannten, aktiven und doch distanzierten Zustand einzunehmen. Dennoch war mein Geist [mind] mit den Worten der Buddhisten der eines Affen: zwanghaft aktiv und wie besessen in Bewegung. Das konfrontierte mich – ganz direkt und unmittelbar – mit meinem eigenen Apollo Komplex, der Schwierigkeit der Transformation von der mentalen zur subtilen Sphäre.

Die subtile Sphäre (oder die „Seele“, wie die christlichen Mystiker diesen Begriff verwenden) ist der Beginn des transpersonalen Bereiches: supra-mental, trans-egoisch und trans-verbal. Aber um diesen Bereich zu erreichen, muss man (wie bei allen Transformationen) auf der unteren Ebene „sterben“ (in diesem Fall auf der mental-egoischen). Die Unfähigkeit oder das Versagen diesbezüglich ist der „Apollo Komplex“. So wie ein Mensch mit einem Ödipus Komplex unbewusst dem Körperlichen und seinem Lustprinzip verhaftet bleibt, bleibt der Mensch mit einem Apollo Komplex unbewusst dem mentalen Geist und seiner Wirklichkeit verhaftet. („Wirklichkeit“ bedeutet hier eine „institutionelle, rationale, verbale Wirklichkeit,“ welche, auch wenn sie etwas sehr Reales darstellt, dennoch nur eine Zwischenstufe auf dem Weg zu Atman ist; das heißt, es handelt sich lediglich um eine Beschreibung der tatsächlichen Wirklichkeit, und wenn man daran festhält, verhindert dies am Ende die Entdeckung der eigentlichen Realität).

Der Kampf mit meinem eigenen zwanghaft/besessenen Denken – keine speziell besessenen Gedanken wie bei einer bestimmten Neurose (was oft ein Anzeichen eines verlagerten Ödipuskomplexes ist), sondern der eigentliche Gedankenstrom selbst – war eine mühsame Aufgabe. Glücklicherweise machte ich ein paar Fortschritte, konnte schließlich über die Schwankungen der mentalen Kontraktionen hinausgehen und entdeckte so, zuerst vorübergehend, einen Bereich mit unvergleichlich mehr Tiefe und mehr Wirklichkeit, gesättigt mit Sein, offen und klar.

Dieser Bereich war einfach das Subtile, welches sich – sozusagen – nach einem überstandenem Apollo Komplex enthüllt. In diesem Bereich verschwindet das Denken nicht notwendigerweise (wenngleich dies oft geschieht, speziell zu Beginn); sondern es ist so, dass, wenn Gedanken auftauchen, sie einen nicht mehr von diesem erweiterten Hintergrund der Klarheit und der Bewusstheit ablenken. Vom Subtilen aus „verliert“ man sich nicht länger in Gedanken; Gedanken treten in das Bewusstsein ein und verlassen es wieder, etwa so wie Wolken über den Himmel ziehen: sanft, würdevoll und klar. Nichts hält fest oder reibt sich.

Mit den Worten von Chunag Tzu: „Der Vollendete verwendet seinen Geist als einen Spiegel. Nichts wird ergriffen, nichts zurückgewiesen; es wird erhalten, aber nicht festgehalten.“

Während der Meditation jedoch können die Erfahrungen des subtilen Bereiches ganz außerordentlich, ehrfürchtig und tiefgründig sein (und sind es gewöhnlich auch). Dies ist der Bereich der Archetypen und der archetypischen Gottheiten– und eine Begegnung mit ihnen ist immer numinos, worauf Jung hingewiesen hat.

Das war eine sehr reale und sehr intensive Periode für mich; es war meine erste direkte und unzweideutige Erfahrung der tatsächlichen Heiligkeit der Welt, dieser Welt, welche, wie Plotin sagt, aus dem Einen strömt, als ein Spiel und Ausdruck von Ihm. Oh, ich hatte schon früher kurze und erste Einblicke in den subtilen Bereich – und sogar auch darüber hinaus in das Kausale – aber ich war bisher noch nicht richtig mit diesem Bereich vertraut geworden.

Ein Zen Meister sagte einmal, dass die richtige Antwort auf den ersten starken kensho (ein kleines satori) das Weinen ist, und nicht das Lachen, und genau das tat ich, viele Stunden lang wie mir schien. Tränen der Dankbarkeit, des Mitgefühls, der Unwürdigkeit und schließlich des unendlichen Wunders. (Dies ist keine falsche Bescheidenheit; ich bin noch nie jemandem begegnet, der sich vor diesem Bereich nicht unwürdig fühlte).

Gelächter – großes Gelächter – kam dann später; zu Beginn wäre das ein Sakrileg gewesen.

Was nun in meiner meditativen Praxis folgte war eine „Tour“ durch den subtilen Bereich. Meine Lieblingsbeschreibung dieses Bereiches stammt von Dante, und ich kann versichern, dass er dies wortwörtlich meint:

 

O Gnadenfülle, drob ich es begehrt,
den Blick zum ewigen Lichte aufschwingen,
so daß sich meine Sicht darin verzehrt,

in seiner Tiefe sah ich sich verschlingen
in einem Bande liebevoll das Sein,
das sich im All zerblättert in den Dingen...

Den Grund des tiefen ungetrübten Seins
des hehren Lichts sah ich drei Kreise hegen,
an Farbe dreifach und an Umfang eins:

Der eine spiegelte, gleich Isrisbögen
den anderen Kreis; es schien der dritte Ring
ein Feuer, das aus beiden schlägt entgegen.

 

Etwa zu dieser Zeit entdeckte ich die Arbeiten von Kirpal Singh, die mir sehr bei der Klärung meiner eigenen Erfahrungen dieses Bereiches halfen. Singh ist für mich der unübertroffene Meister des subtilen Bereichs, und ohne seine Führung (wenn auch nur durch ein Buch) wäre ich zweifellos nicht so relativ einfach durch einige dieser Bereiche hindurchgekommen. Singh weist darauf hin, dass es innerhalb des subtilen Bereichs eine Hierarchie von zunehmend feiner werdenden, hörbaren Illuminationen gibt, den shabd „Chakren“, bei und jenseits der Chakren (wie das ajna und das sahasrara), welche von früheren und weniger entwickelten yogischen Schulen als das Ultimative angesehen wurden. Sein gesamter Ansatz war hierarchisch, entwicklungsorientiert und dynamisch und passte perfekt zu meiner eigenen Philosophie, so dass ich keine Zeit damit verschwenden musste ihn zu erlernen oder dagegen zu argumentieren. Ich konnte ihn einfach verwenden.

Ich bekam so einen Geschmack des subtilen Bereiches, eine Einführung in das Archetypische, Göttliche, zum yidam (der buddhistische Begriff) und ishtadeva (der hinduistischen Begriff). Dies waren zweifellos die tiefgreifendsten Erfahrungen welche ich jemals gemacht hatte. Und – noch wichtiger –, weil ich bereits (theoretisch und praktisch) mit den Erfahrungen unterbewusster Impulse ziemlich vertraut war, all die „magischen“ und „halluzinatorischen“ Bilder wie sie von Freud und anderen beschrieben werden, vermied ich die Falle der Verwechselung überbewusster Erfahrungen mit unterbewussten Wiederbelebungen. Meiner Erfahrung nach kann jeder, der sorgfältig und persönlich diese verschiedenen Bereiche studiert hat, den grundlegenden Unterschied zwischen präpersonalen, unterbewussten und instinkthaften Erscheinungen im Gegensatz zu den transpersonalen, überbewussten und archetypischen Erscheinungen erkennen. Die östlichen Schulen sind sehr explizit hinsichtlich des Unterschiedes zwischen pranamayakosha (emotional-sexuellen Erscheinungen) und anandamayakosha (archetypischen Intuitionen).

Die Grenzen von Erfahrung

Je mehr jedoch diese überbewussten Erfahrungen sich entwickelten – desto mehr dämmerte mir, dass all dies einfach nur Erfahrungen waren – und nicht mehr. Erfahrungen sind definitionsgemäß dasjenige, was einen Anfang und ein Ende hat (und zeitlich und relativ ist). Je tiefer ich in das Wesen von Erfahrungen eintauchte, desto mehr wurde ich desillusioniert. Diese Bereiche waren zugegebenermaßen in gewisser Weise wirklicher als der materielle, körperliche oder mentale Bereich, jedenfalls so wie ich sie erlebte. Doch der Punkt war der, dass diese Erfahrungen immer weitergehen konnten, ohne jemals an ein Ende zu gelangen. Ich würde immer subtilere und noch subtilere Erfahrungen machen, ad infinitum.

Es gibt – ich glaube von Hanns Sachs – das Wort, dass eine Psychoanalyse dann endet, wenn der Patient erkennt, dass sie endlos weitergehen könnte. Die gleiche Art von Erkenntnis begann mich von den Fixierungen der subtilen Ebene zu kurieren, dem Vishnu Komplex. Der Vishnu Komplex ist ja genau die Schwierigkeit in der Weiterbewegung von der subtilen Seele zum kausalen Geist. Die subtilen Erfahrungen sind so voller Glückseligkeit, so ehrfurchtgebietend, so tiefgründig und so heilsam, dass man sie niemals verlassen und niemals loslassen möchte, sondern für immer in ihrer archetypischen Glorie und unsterblichen Befreiung baden möchte – und dass ist der Vishnu Komplex. Wenn der Apollo Komplex die Plage des beginnenden Meditierenden ist, dann ist der Vishnu Komplex der große Verführer des fortgeschrittenen Praktizierenden.

Während meines Zen Trainings jedoch, und durch mein Verständnis (wie oberflächlich auch immer) von Krishnamurti, Shankara, Sri Ramana Maharshi, dem Heiligen Dyonisos und Eckhart – wurde mir immer wieder gesagt, dass der endgültige Zustand keine Erfahrung ist. Es ist keine spezielle Erfahrung neben anderen Erfahrungen, sondern das Wesen und der Grund aller Erfahrungen, hoch oder niedrig ... Dies wurde mir erstmals, wenn auch nur flüchtig, während eines sesshins, offenbart, einem intensiven Zen Retreat. Am vierten Tag erschien – sozusagen – der Zustand des Zeugen, des transpersonalen Zeugen, der ununterbrochen, ruhig und klar alle auftauchenden Ereignisse von Augenblick zu Augenblick bezeugte: Man sieht den Traumzustand, wie er sich entwickelt und endet. Den Roshi jedoch beeindruckte dieses „mayko“ überhaupt nicht. „Der Zeuge“, sagte er, „ist der letzte Standpunkt des Ego“.

An diesem Punkt löste sich der Zeuge auf und verschwand vollständig. Es gab kein Subjekt im gesamten Universum; es gab kein Objekt im gesamten Universum; es gab nur das Universum. Alles erschien von Augenblick zu Augenblick, es erschien in mir und als ich; und doch war da kein Ich. Es ist sehr wichtig zu erkennen, dass dieser Zustand keinen Verlust von Fähigkeiten bedeutet, sondern diese verstärkte; es war keine leere Trance sondern eine perfekte Klarheit; keine Depersonalisierung sondern eine Transpersonalisierung. Keine der persönlichen Fähigkeiten – Sprache, Logik, Konzepte, motorische Fähigkeiten – gingen verloren oder waren beeinträchtigt. Im Gegenteil, sie funktionierten erstmals, so schien es mir, in einer radikalen Öffnung, frei von den Abwehrmechanismen die von einem separaten Selbst errichtet worden waren. Dieser radikal offene, schutzlose und perfekt nichtduale Zustand war sowohl unglaublich als auch zutiefst gewöhnlich, so unglaublich gewöhnlich, dass er nicht bemerkt wurde. Es gab niemanden um das zu bemerken, bis ich wieder (etwa nach drei Stunden) herausfiel.

(aus: integrale perspektiven Nr. 30)