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26.5.2017 : 5:38 : +0200

Ken Wilber über seinen Gesundheitszustand

(von der WhatNext-Konferenz Ende Dezember 2012)

Quelle: integrallife.com/video/update-ken-wilbers-health

Terry Patten: Ken, wie geht es dir gesundheitlich?

KW: Viele von euch wissen, dass sich 1984 eine Epidemie in North Lake Tahoe ereignete, in einem sehr kleinen Ort mit Namen Incline Village. Über 300 Menschen litten damals schwer an einer zu dieser Zeit unbekannten und unerklärbaren Erkrankung. Die Symptome waren gravierend, die Menschen waren buchstäblich gelähmt, nicht nur müde und erschöpft, sondern wirklich paralysiert. Eine Zeit lang dachte man, dass der Poliovirus wieder aufgetreten wäre, doch das konnte ausgeschlossen werden. Ich war einer dieser 300 Menschen, die erkrankten. Das war über die Jahre wirklich, wirklich schlimm. Doch es konnte mich nicht davon abhalten, meine Arbeit weiter zu tun. Ich schrieb seitdem etwa 20 Bücher. Zum Glück ist es bei mir so, dass die Hauptaktivitäten, mit denen ich mich beschäftige, zweierlei sind. Zum Einen sitze ich in der Ecke und meditiere und zum Zweiten sitze ich in der Ecke und schreibe und ich muss mich dabei nicht sehr viel bewegen. Doch wenn ich beispielsweise ein Gehirnchirurg wäre, dann hätte ich meine Arbeit aufgeben müssen, weil ich dazu viel länger hätte aufrecht stehen müssen.

Die Krankheit wird nach wie vor untersucht. Das Center for Disease Control schickte ein Team nach Incline Village. Die Ärzte von Incline Village wussten, dass es sich um eine schwere Erkrankung handelte. Es ist ein kleiner Ort und sie kennen ihre Patienten gut und über eine lange Zeit. Wenn nun einer ihrer Freunde sagte, dass er nicht aufstehen könne, dann haben sie das nicht einfach abgetan und auf eine Psychosomatik geschoben. Sie nahmen es sehr sehr ernst. Sie waren wütend auf die Ärzte von der Gesundheitsbehörde, weil diese, mit den Worten eines der Ärzte von Incline Village, sich 30 Minuten damit beschäftigten, Akten zu studieren, um dann den Rest des Tages mit Skifahren zu verbringen. Sie haben das als eine nichtexistierende Krankheit bezeichnet, als reine Psychosomatik und das hat die Forschung in diesem Bereich für mindestens 2 Jahrzehnte blockiert. Als mehr und mehr Ärzte auch diese Krankheit bekamen und auch die Freunde und Partner von Ärzten, konnte die Krankheit nicht länger ignoriert werden und sie wurde mehr und mehr ernst genommen. Es begann eine ernsthafte Forschung darüber und das Center for disease control hat seine Position darüber revidiert. Das ist wirklich erstaunlich, denn es passiert in der Bürokratie sehr selten, dass die Bürokratie sich selber korrigiert. Sie nannten es debilitating adult illness. Eine erste Schätzung besagte, dass etwa 400 000 Amerikaner diese Krankheit hätten. Doch die aktuellste Schätzung darüber spricht von erstaunlichen 5 Millionen Amerikanern, die an dieser Krankheit leiden. Das Problem dabei ist, dass kein normal ausgebildeter Arzt über diese Krankheit irgendetwas weiß. Wenn man diese Krankheit bekommt und zu einem Arzt geht, dann wird man sehr wahrscheinlich eine falsche Diagnose bekommen, eine Diagnose wie z.B. Multiple Sklerose oder etwas in der Art. Wenn nichts gefunden wird, wird man an die Psychiatrie verwiesen. Die Psychiater geben einem dann Antidepressiva und wir wissen heute, dass Antidepressiva die Krankheit sehr verschlimmern. Es ist wirklich ein Alptraum für die Menschen, die diese Krankheit haben und nicht wissen, wohin sie sich wenden können. Die Forschung hat sich jetzt weiterentwickelt.

Was meinen Fall betrifft, und ich habe diese Krankheit jetzt seit fast 30 Jahren, so heißt das, dass ich während der überwiegenden Zeit meines produktiven Erwachsenenlebens mit dieser Krankheit zu tun habe. Wie bei sehr vielen chronischen Erkrankungen ist es eine Sache des Managements, dass man lernt, wie man damit umgeht. Man lernt, wie man die verschiedenen Medikamente anwendet und was hilft. Und nach einer langen Zeit von Versuch und Irrtum kommt man schließlich zu einem Programm, zu einem Verfahren, das einem erlaubt, mit dieser Krankheit einigermaßen gut zu leben. Es gibt Zeiten, wo diese Krankheit wieder aufflammt Man bekommt Fieber und die Drüsen schwellen an, der Hals schwillt an, man hat nicht die Kraft, aus dem Bett aufzustehen. Und eines der wirklich grausamen Dinge dabei ist, dass, so erschöpft man auch ist, man nicht schlafen kann. Das ist wirklich schlimm, wie sich jeder vorstellen kann. Doch habe es hinbekommen, mit dieser Krankheit einigermaßen gut umzugehen. Ich hatte kürzlich ein ziemlich schlimmes Aufflammen dieser Erkrankung, so schlimm, dass ich nicht mehr schreiben konnte. Und das gab es noch nie in den letzten zwanzig bis dreißig Jahren mit dieser Krankheit. Dieses Aufflammen hat etwa 2 Jahre gedauert. Aber seit etwa zwei Monaten habe ich meine Kraft wieder bekommen Ich habe wieder körperliche Übungen machen können und ich habe wieder angefangen, zu schreiben. [Beifall im Raum]. Ich habe kürzlich etwa 200 Seiten geschrieben, das ist das, was noch fehlte zur Fertigstellung von Band 2 der Kosmostrilogie. Dies ist der Folgeband von Eros, Kosmos, Logos. Das wird ein Buch mit etwa 800, 900 Seiten Umfang werden. Und ich gehe es jetzt noch mal durch und mache all die vielen Kleinigkeiten, alles das, was zu tun ist, wenn man ein Buch veröffentlichen möchte. Wir wollen das Buch dann im nächsten Jahr [2013] herausbringen. Ich schreibe täglich weiter und es geht mir jetzt wirklich, wirklich besser.

Doch es ist eine chronische Krankheit und solange man nicht die wirkliche Ursache findet … Immer wieder hört man von medizinischen Durchbrüchen. Dass man etwas gefunden hat, einen Retrovirus z.B., der für diese Krankheit verantwortlich ist oder sie verursacht. Ich weiß von 3 Präsentationen auf internationalen Konferenzen, wo gesagt wurde, dass man einen Retrovirus gefunden hätte, der die Ursache für diese Erkrankung wäre,. Doch in allen drei Fällen konnte man die Daten nicht reproduzieren. Daher weiß man immer noch nicht, was die Ursache dieser Erkrankung ist. Zum Glück ist sie nicht von Mensch zu Mensch übertragbar. Ich könnte nicht damit leben, wenn ich diese Krankheit jemandem „geben“ würde. Aber ich bin jetzt wieder zu einem normalen Leben zurückgekehrt, arbeite hart und fühle mich wirklich besser.

Quelle: Online Journal Ausgabe 45