Sie sind hier: IF-HOME > Ken Wilber > Ken Wilber über ...  > Zen-Praxis
DeutschEnglishFrancais
13.12.2017 : 20:00 : +0100

Ken und Zen

(aus: Integral Naked, Beauty and Spirit)

 

Die erste Zen Erfahrung, die ich machte, war mit Philip Kapleau, er hat das Buch Die drei Pfeiler des Zen geschrieben. Dieses Buch  war vor dreißig Jahren extrem wichtig, weil Zen in diesem Land [USA] ein Spiel mit Worten war, etwas, worüber man bei einer Zigarette und einer Tasse Kaffee mit einer “scheiß drauf” Haltung sprach. So wichtig das auch alles war, die Krishnamurti und Allan Watts Seite davon: “Du musst nicht praktizieren, lies mein Buch und du bist erleuchtet” [Lachen]. Philip Kapleau jedoch sagte, dass die eigentliche Bedeutung von Zen Praxis, Praxis und noch mal Praxis ist, die Praxis der Meditation. Man muss die Praxis zuerst machen, bevor man die immer-gegenwärtige Natur des ICH BIN verwirklichen, und diese Verwirklichung auch aufrechterhalten kann. Genpo Roshi und andere haben Wege gefunden, wie man diese Einsicht beschleunigen kann, doch man muss die Praxis machen. Die Art, wie man seine Umgebung und wie man seinen Geist behandelt, unterscheiden sich nicht voneinander. Ist die eigene Wohnung ein Chaos, trifft das auch auf den eigenen Geist zu – garantiert. Ein Freund von mir verbrachte in Mexiko regelmäßig seine Ferien, und es stellte sich heraus, dass Philip Kapleau am gleichen Ort jedes Jahr mit einigen seiner Schüler einen Ferienkurs durchführte, und so fuhr ich auch dort hin. Ich war damals 22, und hatte gerade mein erstes Buch Das Spektrum des Bewusstseins geschrieben. Ich erzählte Kapleau davon und er zeigte sich interessiert. Er sagte: „Wir praktizieren jeden Morgen, und du bist herzlich eingeladen zu kommen.” Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht formell Zen praktiziert. Man muss sich daran erinnern, dass es zu dieser Zeit keine Meditationszentren gab, keine TM [Transzendentale Meditation], die Beatles hatten den Maharishi noch nicht entdeckt, Meditation war unbekannt. Hatte man zu dieser Zeit eine Erfahrung kosmischer Bewusstheit und erzählte einem Psychiater davon, dann konnte man nach geltendem Recht in eine Anstalt überwiesen werden. Das ist keine Erfindung von mir. Erfahrungen dieser Art galten als ein Hinweis auf eine tiefe Psychose. So war die Atmosphäre damals. Es gab vielleicht zwei Zen Zentren, eines davon in LA, gegründet von Maezumi Roshi, dem Lehrer von Genpo Roshi, Berni [Tetsugen Glassman] und anderen, das ist die White Plum Tradition, es ist die größte Zen Tradition außerhalb Japans. Das andere Zentrum war gerade in San Franzisco im Aufbau begriffen, geleitet von jemandem, der damals kaum bekannt war, es war Suzuki Roshi. Es gab noch ein paar andere Roshis, aber das war es dann auch schon. Ich hatte damals schon für mich selbst gesessen, und versucht dabei die Daumen richtig zu halten und die Füße zu verschränken. [Lachen]. Das Sitzen mit Kapleau war also mein erstes richtiges Zen Sitzen, und es gibt zwei Geschichten darüber, und das sind richtige Zen Geschichten.

Die erste Geschichte beginnt damit, dass ich zur Frühmeditation ein kleines bisschen zu spät dran war, und das ist schon kein guter Start (wir begannen etwa um vier Uhr morgens). Kapleau, der Roshi, war noch nicht da, aber seine Schüler saßen schon in der Reihe, es waren fünf, und ich setzte mich daneben, so dass wir zu sechst nebeneinander saßen und auf die Wand schauten. Ich sah die Schuhe der anderen wie mit dem Lineal gezogen aufgestellt und dachte mir, “die haben alle ein anales Problem”. Ich stellte also meine Schuhe ungefähr daneben, und setzte mich. Philip Kapleau kam dann und setze sich nach vorne, und es herrschte Totenstille. Allen war klar, dass etwas wirklich Schreckliches passiert sein musste. Wir erwarteten eine Lehrrede von ihm über das Schreckliche, was sich ereignet hatte. Er begann mit etwa den gleichen Worten, die ich gerade gesagt habe, “die Beziehung zu deiner Umwelt und die Beziehung zu deinem Geist ist die gleiche, weil beide nicht-zwei sind. Wenn man nicht ausreichend den eigenen Geist und die Umwelt respektiert, im Sinne von Ordnung, Ausgewogenheit und Harmonie ...” und ich wusste genau, worauf er hinaus wollte – und so erhielten wir eine halbstündige Lehrrede über Schuhe, und ich erinnere mich daran, wie ich dort saß und feuerrot anlief. Wenn man einen kahlen Kopf hat und rot anläuft, dann ist das schrecklich, man sieht das meilenweit. Das war also mein Einstieg in Zen.

Wir saßen dann etwas dreißig oder fünfundvierzig Minuten, und ich merkte, wie all das Blut in meinem Kopf heruntersackte. Dann sah ich, wie durch die Tür ein Skorpion in den Raum krabbelte, etwas 10 cm groß. Wir saßen alle der Wand gegenüber in der Reihe, und ich war der erste, der den Skorpion sehen konnte. Philip Kapleau saß am anderen Ende. Der Skorpion ging an der Wand entlang, ich sah ihn, und mir ging einiges durch den Kopf. Der erste Gedanke war, “ich hoffe er kommt nicht zu mir”. [Lachen] Und natürlich darf man nicht töten, man darf überhaupt nicht töten im Buddhismus, so steht es jedenfalls geschrieben. Ich saß also da, und der Gedanke kam, “was würde der Roshi wohl jetzt machen?” [Lachen] Man möchte ja keinen Fehler machen und alles verderben. Dann wurde mir bewusst, dass, da sich der Skorpion weiterbewegte, die Person neben mir ihn gleich bemerken würde. Die machte dann das Gleiche durch wie ich, “hoffentlich kommt er nicht zu mir”, und “was würde der Roshi wohl an meiner Stelle machen?” Man kann das geradezu fühlen, und ist durch die Situation zusätzlich sensibilisiert. Sechs Menschen sitzen nebeneinander, und man hört wie es nacheinander “Klick” macht, wenn der Skorpion vorbeimarschiert. Niemand tut etwas, jeder ist starr vor Schreck. Dann macht es zum sechsten Mal “Klick”, und wir hörten einen lauten Schlag. [Lachen] Der Roshi hatte eine Sandale ausgezogen und das Biest erschlagen. Das war also das, was der Roshi tun würde. Hat ein Skorpion Buddha Natur? Peng!


Quelle: Online Journal 12, 2008