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17.8.2017 : 9:56 : +0200

Wilbers Buch Quantum Questions

Die (übersetzten) Zitate dieses Kapitels stammen aus: Ken Wilber, Quantum Questions, shambhala 1984

Zum Buch

Als Antwort auf den Trend, Quantenphysik und Mystik miteinander zu verbinden („Das Tao der Physik“), erscheint 1985 Quantum Questions. Dieses Buch ist eines der wenigen Bücher von ihm, die (noch) nicht ins Deutsche übersetzt wurden. Wilber bezeichnet sich als Herausgeber. Er analysiert die Schriften großer Physiker des 20. Jahrhunderts, die er durch lange Zitatpassagen ausführlich zu Wort kommen lässt, im Hinblick auf ihre Aussagen über Physik, Mystik, Religion und Spiritualität und kommt zu dem Ergebnis, dass sie sich – ohne Ausnahme – alle tiefgründig mit diesen Fragen beschäftigt haben, dass jedoch nichts in ihren Aussagen eine Gleichsetzung von (Quanten-)Physik und Mystik rechtfertigen würde, wie es in populärwissenschaftlichen Publikationen des „neuen Paradigmas“ oft behauptet wird.

Vorwort

“Das Thema dieses Buches – ich fasse die Aussagen der Physiker, welche ich in diesem Buch vorstelle, zusammen -, ist, dass die moderne Physik in keiner Weise eine mystische Weltsicht unterstützt, (geschweige denn einen Beweis für sie liefert). Dennoch war jeder der Physiker dieses Buches ein Mystiker. Sie alle waren davon überzeugt, dass die moderne Physik einer religiösen Weltsicht nicht entgegensteht, sie aber auch nicht unterstützt – sie verhält sich ihr gegenüber indifferent... das Publikum, das ich mit diesem Buch erreichen möchte, ist das gleiche Publikum, welches die Physiker erreichen wollen: die konventionelle, etablierte Öffentlichkeit; Männer und Frauen, die davon überzeugt sind, dass die Naturwissenschaften alle lohnenden Fragen beantworten kann. In diesem konventionellen Geist möchte ich einfach an sie, die sie eine unvoreingenommene Wahrheitssuche vorantreiben, die Frage stellen, sie – ob sie sich dessen bewusst sind oder nicht – die sie das Antlitz der Zukunft durch ihr wissenschaftliches Wissen gestalten, an sie, die sie – wenn ich das so sagen darf – sich vor der Physik verneigen, als sei sie selbst eine Religion, an sie möchte ich die Frage stellen: Was bedeutet es, dass die Gründer der modernen Wissenschaft, die Theoretiker und Forscher, welche die Vorstellungen, die sie unausgesprochen verehren, die Wissenschaftler, welche in diesem Buch vorgestellt werden -, was bedeutet es, dass sie alle, jeder einzelne von ihnen, ein Mystiker war?... Das Letzte, was diese Physiker möchten, ist, dass sie ihren kritischen Intellekt aufgeben, ihren schwer erkämpften Skeptizismus. Es war genau dieser andauernde Skeptizismus – nicht das Gefühl, nicht die Intuition, und nicht das Vertrauen –, sondern ein ausdauernder Gebrauch des kritischen Intellektes, welcher diese großartigen Physiker von der Notwendigkeit überzeugte, über die Physik hinauszugehen.“ (x)

 

1 Einführung: Von Schatten und Symbolen

Jenseits der Höhle

„Um es kurz und knapp zu sagen: ... Physik handelt von den Schatten [Platons Höhlengleichnis]; über die Schatten hinauszugehen bedeutet, über die Physik hinauszugehen; über die Physik hinauszugehen bedeutet eine Orientierung hin zum Metaphysischen oder Mystischen – und das ist der Grund, warum viele der Pioniere einer neuen Physik Mystiker waren. Die neue Physik lieferte keinen Beitrag zu dieser mystischen Unternehmung, mit Ausnahme eines spektakulären Versagens, und aus den rauchenden Trümmern dieses Versagens erhebt sich sanft der Geist einer Mystik.“ (11)

 

Eine nähere Betrachtung

Wilber beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Wissenschaft und Religion (einem Thema, dem er später ein ganzes Buch widmen wird, Naturwissenschaft und Religion). Er stellt die Große Kette des Seins vor, definiert – mit Verweis auf Der glaubende Mensch – die verschiedenen Bedeutungen des Begriffes „Religion“, untersucht die Auseinandersetzung zwischen Wissenschaft und Religion und diskutiert die Möglichkeit einer spirituellen Wissenschaft (siehe auch Die drei Augen der Erkenntnis, Kapitel 1 und 2).

 

Wilber fasst zusammen:

“Im Vorwort habe ich geschrieben, dass der Versuch, Mystik mit der modernen Physik zu ‚beweisen’ nicht nur falsch, sondern eine Abwertung authentischer Mystik ist. Der Versuch selbst ist verständlich – diejenigen, welche einen direkten Einblick in das Mystische hatten, wissen, wie real und tiefgründig es ist. Es ist jedoch sehr schwierig Skeptiker von der Tatsache zu überzeugen, dass es eine große und reizvolle Versuchung darstellt zu behaupten, dass Physik – die ‚wirklich wirkliche’ Wissenschaft – Mystik unterstützt. Ich habe genau dies in meinen frühen Schriften getan. Doch es ist ein Fehler, und es ist eine Herabwertung und verursacht auf lange Sicht gesehen mehr Schaden als Nutzen, und zwar aus folgenden Gründen:

1.) Zeitliche, relative und endliche Wahrheit wird mit ewig-absoluter Wahrheit verwechselt...

2.) Die Überzeugung, dass alles, was für ein mystisches Bewusstsein erforderlich ist, darin besteht eine neue Weltsicht zu lernen, wird gefördert; da Physik und Mystik ja einfach nur zwei unterschiedliche Ansätze gegenüber ein und derselben Wirklichkeit sind, warum soll man sich dann viele Jahre mit beschwerlichen Meditationen abgeben?...

3.) Die größte Ironie dabei ist, dass dieser Ansatz zutiefst reduktionistisch ist. Es wird gesagt, dass alle Dinge letztendlich aus subatomaren Teilchen bestehen, und dass subatomare Teilchen holistisch sind und sich gegenseitig wechselseitig beeinflussen, und alle Dinge daher ein holistisches Ganzes sind, so wie die Mystiker das sagen. Aber alle Dinge bestehen letztendlich nicht aus subatomaren Partikeln; alle Dinge, einschließlich subatomarer Partikel, bestehen letztendlich aus Gott....“ (27).

 

In den nun folgenden Kapiteln zitiert Wilber die großen Pioniere der (Quanten-)Physik:

Werner Heisenberg, Erwin Schroedinger, Albert Einstein, Prinz Louis de Broglie, Sir James Jeans, Max Planck, Wolfgang Pauli, Sir Arthur Eddington.

In einem 2004 geführten Telefonat (mit Larry Dossey), welches bei „Integral Naked“ veröffentlicht wurde, beschreibt Wilber rückblickend die Arbeit an Quantum Questions wie folgt:

Dossey: Eine der großen Beiträge, welche von dir geleistet wurden, war das Buch Quantum Questions, wo du durch Zitatpassagen aufgezeigt hast, wie Menschen wie Schroedinger und Heisenberg und Einstein hervorragende Wissenschaft leisteten und auch gleichzeitig eine spirituelle Perspektive hatten.

Wilber: Ja, genau – sie haben nicht alles auf die niederen Ebenen reduziert, und sie waren alle in gewisser Weise Mystiker, sie hatten eine transzendente mystische Grundlage und konnten daher sagen: „Was die Physik tut, ist das, was die Physik tut, und was die spirituelle Wirklichkeit tut, ist spirituell“ – am Ende ist beides Teil ein und desselben Universums, aber es sind doch sehr unterschiedliche Aspekte, und man sollte daher wirklich nicht alle spirituellen Wirklichkeiten auf rein physikalische Wirklichkeiten reduzieren...

Ich war froh, dass ich diese Arbeit tun konnte, ich war sehr beeindruckt... als ich mich erstmals damit beschäftigte, dachte ich, es ginge darum, dass die Physik die Mystik beweisen würde, das war jedenfalls das, was zu dieser Zeit allgemein angenommen wurde – ich ging also zurück zu diesen großartigen Gründern und fand eine absolute Übereinstimmung, dass dem nicht so ist – ganz außerordentlich – das hat Spaß gemacht, es war sehr aufschlussreich und sehr interessant – aber es war auch sehr frustrierend, weil ich zuerst anderer Meinung war. Dann machte ich mich auf die Suche nach der größtmöglichen Evidenz, schöpfte aus so vielen Quellen wie möglich, präsentierte die Argumente so klar und deutlich wie möglich im Hinblick auf das, was die Evidenz aufzeigte – und was Menschen dann daraus machen, ist, dass sie sich die Evidenz anschauen und dann sagen: „Großartig, das nehmen wir“.

Evidenz, Fakten und Argumente jedoch sind meist nicht das, woraus sich Menschen ihre Meinung bilden. Es geht nicht so sehr um eine objektive Evidenz, sondern um eine subjektive Stufe der Entwicklung – und natürlich muss beides berücksichtigt werden – nicht um zu richten oder um streng zu sein oder etwas Derartiges, sondern weil es sich einfach um eine pragmatische Realität handelt. Nehmen wir noch einmal Gebsers Schema – wenn man sich mit jemandem auf der mythischen Entwicklungswelle unterhält, oder auf der rationalen Entwicklungswelle, oder auf der integralen Welle der Entwicklung, dann gibt es große Unterschiede hinsichtlich dessen, was als Evidenz akzeptiert und gesehen wird.  

 


Quelle: Online Journal Nr. 9, 2008