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12.12.2017 : 14:50 : +0100

Es tut mehr weh, doch belastet dich weniger

Übersetzung des Videos "Hurts more, bother you less"

 

Frage: Ich möchte eine Frage über die Entfaltung des Kosmos stellen...

KW: Wo sonst kann man Fragen wie diese erwarten! Das ist so cool!

Frage: Wenn man vom “Big Mind” kommt, dann sieht es so aus als wenn man in diesem Spiel als ein Mensch keine Rolle mehr spielen würde. Von der relativen Sichtweise jedoch machen wir uns alle Sorgen über die Dinge, was ist in einhundert Jahren, was in zweihundert Jahren? Sollten wir uns darüber Gedanken machen, und wenn ja warum?

KW: Oh! Ja, eine gute Frage!

Ich habe gerade ein Buch geschrieben mit dem Titel: The many faces of terrorism, und es handelt von all meinen früheren Verabredungen [Lachen]. Was mich wirklich sehr durcheinander brachte war: ich veranstaltete eine Umfrage unter meinen früheren Freundinnen, und sie verorteten mich nur knapp oberhalb von Al Khaida auf einer Skala der Gruseligkeiten [Lachen]. Und jetzt frage ich mich was da war, weil ich bisher keine Gebäude in die Luft gesprengt habe [Lachen] ...

Bei The many faces of terrorism geht es in gewisser Weise um das was sie gerade gefragt haben, die nächsten 100 bis 200 Jahre, was sich entfaltet, was geschehen kann, und was es bedeutet. Ich halte es für eines der besten Dinge die ich bisher gemacht habe, es stellte sich als ein sehr schwieriges Buch heraus, aber ich möchte nicht damit anfangen als ein Autor darüber zu reden was ich gemacht habe, das wird endlos selbstbezogen und langweilig, „Oh, in Kapitel 3, da gibt es diese Sache...“ [Lachen]. Es ist wirklich ein gutes Buch, und es behandelt dieses Thema, doch ich möchte auf die generelle Thematik eingehen, weil es sehr wichtig ist.

Eines der einfachsten Verwirklichungen die mit „Big Mind – Big Heart“ einhergehen, aber auch das Schwierigste, was die Umsetzung angeht, ist ... aber lassen sie mich zuerst ein paar wenige trockene theoretische Erläuterungen geben, und wir können dann sehen ob wir das mit Ihren tatsächlichen Erfahrungen in Verbindung bringen können. Es geht um das, was mit absoluter bzw. relativer Wahrheit bezeichnet wird, oder absolutes bodhichitta und relatives bodhichitta, und es gibt viele andere Bezeichnungen dafür – nirvana und samsara z.B. trifft es in etwa auch. Absolute Wahrheit ist in gewisser Weise der unmanifeste Bereich, und dort ist nichts falsch oder verkehrt. Soll man sich von diesem Gesichtspunkt aus um die Welt sorgen und kümmern? Nein, weil dort keine Welt erscheint, jedenfalls nicht vom Standpunkt des Unmanifesten aus gesehen. Unter diesen Bedingungen gibt es nichts, was einen belastet. Ich gebe hier eine Version aus absoluter Sicht. Es gibt eine ganze Tradition, die sich mit dem Aufgehen in dem „nichts belastet mich“ beschäftigt, dem Eintauchen in nirvikalpa, wo nichts erscheint, das gleiche wie im nächtlichen traumlosen Tiefschlaf – nichts belastet dich, weil es nichts gibt, was erscheint. In diesem Zustand kann man die Frage leicht beantworten, weil sie gar nicht erst aufkommt.

Aber dann gibt es noch die andere Straßenseite. „Hier bin ich, Big Mind habe ich verstanden, echt Klasse!, aber...“. Wie können Big Mind und Big Heart weiterhin die eigene Individualität durchdringen? Alle großen Tradition ringen permanent mit dieser Frage, sowohl wie man dies erkennen kann und auch wie es konkret im Leben von Menschen umgesetzt werden kann ... In der Zen Tradition, mit der sich Big Mind auch beschäftigt, geht es immer um das Absolute und das Relative und wie die beiden zusammengehören. In deiner eigenen Wahrnehmung gibt es diese außerordentliche Balance zwischen diesen zwei offensichtlich sehr gegensätzlichen Strömungen. In meiner eigenen Wahrnehmung nimmt es eine Form an – es nimmt Hunderte Formen an, und verschwindet niemals. Zum einen ist es so, dass, je erwachter man wird und sich entwickelt, desto mehr fühlt man Samsara und desto schmerzvoller wird es. Der Schmerz  nimmt tatsächlich mit zunehmendem Verständnis zu. Doch auch die positiven Emotionen nehmen zu, die Freude wird freudiger usw., aber ich bleibe jetzt mal beim Schmerz (der nicht verschwindet). Man wird sehr sensibel und fühlt all das, was für alle erscheint, man fühlt z.B. hier in diesem Raum 50 oder 60 Standpunkte des Gewahrseins und all den Schmerz und das Leiden, das jeder begrenzten Sichtweise innewohnt – und all das wird zu etwas, was man permanent schmeckt und fühlt. Das ist die relative Seite. Der Schmerz nimmt zu, und es tut mehr weh, aber auf der absoluten Seite ist es so, dass einen das weniger belastet. Und beides ist wahr. Das Zusammenbringen dieser Paradoxie ist ein Teil des Ringens mit diesen Dingen. Es entsteht eine große Freiheit von allem Leiden, welches sehr viel intensiver gefühlt wird, es kommt ganz darauf an, manchmal prallt es hin und her, und ich kenne niemanden, der dies für sich einfach gelöst hätte, und ich denke auch nicht, dass man es versuchen sollte. Ich denke dass diejenigen, die es gelöst haben, sich nur jeweils auf der einen oder anderen Seite aufhalten ... und wir sollten uns selbst jede Menge Raum geben, beides zu fühlen, die absolute Vollkommenheit von allem was erscheint, und doch nur einen Menschen zu sehen, der verhungert, und du weinst so sehr dass es dich umbringt. Wenn man nicht beides tut, dann macht man etwas verkehrt. Das ist das Außerordentliche daran. Also möchte man natürlich daran arbeiten, das Leiden zu lindern, den Hunger zu lindern, aber auf der Seite des Absoluten ... Eine Analogie dafür ist: wenn man nachts träumt und Tausende von Menschen verhungern, dann gibt es zwei Möglichkeiten, wie man ihren Hunger beenden kann. Ein Weg ist, ihnen allen – im Traum – Nahrung zu geben. Der zweite Weg ist aufzuwachen, und das beendet ihr Leiden sofort. Und beides ist richtig und wahr. Und mit beidem zu spielen ist so außerordentlich. Wie gesagt, ich habe bisher niemanden gesehen der dieses Paradox gelöst hat, und ich denke es gibt zwei große Archetypen der erwachten Seele auf diesem Planeten, und sie beide sprechen sehr deutlich zu uns, und ich möchte nicht sagen dass einer zum Osten und der andere zum Westen gehört, man kann sie auf beiden Seiten finden. Der eine ist – klassisch – der erwache Buddha der im Frieden ist, und einen Weg gefunden hat, das Rad des Leidens zu verlassen. Der Andere ist die Christusfigur, der die Schnittmenge zwischen dem Menschlichen und den Göttlichen erkannt hat, und unter dieser Erkenntnis gewaltig leidet. Der Inbegriff der Wahrheit dieser Schnittmenge ist die Passion, das Leiden am Kreuz. Ich finde es sehr interessant, dass es „Passion“ genannt wird, also Leidenschaft, denn man leidet leidenschaftlich bei allem Leid was erscheint, es reißt einen in Stücke. Das Bodhisattva Gelübde besteht nun darin, sich diesem Leiden zu stellen ohne sich jemals von ihm abzuwenden. Und wieder: es tut mehr weh, und es belastet einen weniger - die große Vollkommenheit die darin liegt - und beides ist wahr. Es ist sehr sehr wichtig beides zu würdigen.

Was wird also nun in den kommenden Jahrhunderten passieren? Lest das Buch! [Lachen] ... Warum soll man sich einbringen? Weil du ein tiefes, seelischen Versprechen gegeben hast dies zu tun. Und du kannst dich einfach nicht abwenden.


Übersetzung: Michael Habecker und Hanna Hündorf