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25.5.2017 : 1:26 : +0200

Keinen Kopf haben

Ken Wilber


Quelle: https://integrallife.com/loft-series/having-no-head-pointing-out-exercise


Was konkret geschah war auf eine absurde Weise einfach und unspektakulär: Ich hörte auf zu denken. Vernunft und Vorstellung und all das mentale Geschwätz starb. Begriffe hörten auf. Zukunft und Vergangenheit fielen von mir ab. Ich vergaß wer und was ich bin, meinen Namen, das Menschsein, das Tierreich, das war ich alles. Es war als wäre ich in diesem Augenblick neu geboren, auf eine ganz neue Weise, geist-los und unschuldig gegenüber jeglicher Erinnerung. Es gab nur noch das Jetzt, der gegenwärtige Augenblick und alles was darin enthalten war. Das zu sehen war genug. Und was ich sah waren khakifarbene Hosen, die in ein Paar brauner Schuhe mündeten, khakifarbene Ärmel, welche in rosafarbenen Händen mündeten, und ein khakifarbenes Hemd, welches nach oben hin in einem Nichts mündete! Ganz sicher nicht in einem Kopf.


Ich erkannte augenblicklich, dass dieses Nichts, dieses Loch an der Stelle, wo sich ein Kopf befinden sollte, kein gewöhnliches Loch war. Im Gegenteil, dieses Loch war ganz angefüllt. Es war eine unermessliche Leerheit, die unermesslich erfüllt war, ein Nichts, das Raum für alles hatte – Raum für Grass, Bäume, Berge im Hintergrund mit schneebedeckten Gipfeln, wie dreieckige Wolken, die im Himmel reiten. Ich hatte meinen Kopf verloren und eine Welt gewonnen.


Douglas Harding, On Having No Head: Seeing One's Original Nature


KW: Hier ein paar kurze Abschnitte darüber wie es ist, keinen Kopf zu haben. Diese Übungen stammen von Douglas Harding, einem Mitglied der Londoner buddhistischen Gesellschaft, die er vor etwa dreißig oder vierzig Jahren entdeckt und verwendet hat. Sie sind auf ihre Weise überraschend einfach und ziemlich effektiv.


Betrachte ein Objekt, sagen wir den Tisch vor dir. Und dann konzentriere dich sanft darauf den Betrachter, die Beobachterin verschwinden zu lassen. Stelle dir vor, dass der Tisch sich seiner selbst gewahr ist – selbstexistierend, selbsterscheinend, selbstbewusst.

Eine einfache Übung von Douglas Harding kann dabei helfen. Während du den Tisch betrachtest, stelle dir vor wie er und seine Umgebung genau an der Stelle deines Kopfes erscheinen. Anstelle deines Kopfes, auf deinen Schultern, wo dein Kopf gewesen ist, ist der Tisch. Du hast keinen Kopf. Wo dein Kopf war erscheint alles in deinem Gewahrsein, von Augenblick zu Augenblick. Es erscheint genau an der Stelle, wo dein Kopf sich befand. Du hast keinen Kopf – das gesamte Universum ruht auf deinen Schultern. Du bist nicht auf dieser Seite deines Gesichtes und betrachtest die Welt dort draußen. Auf dieser Seite deines Gesichtes gibt es dich nicht, sondern die gesamte Welt wie sie erscheint, dort wo dein Kopf war.


Du siehst den Berg nicht länger, du bist der Berg.


Du siehst die Wolken nicht mehr, du bist die Wolken.


Du siehst diesen Tisch nicht mehr, du bist dieser Tisch, der sich selbst sieht.

(Chögyam Trunkpa wurde einmal gefragt wie sich Erleuchtung anfühlt. Und er antwortete: „Der Himmel verwandelt sich in einen großen blauen Pfannkuchen und fällt auf deinen Kopf.“ Genau das ist es. Kein Kopf, einfach nur blauer Himmel dort, wo sich einst der Kopf befand.


Bewege die Welt dort draußen hier hinein.


Bewege die gesamte Welt auf diese Seite deines Gesichtes, und lasse die Erfahrung der Welt auf dieser Seite deines Gesichtes an die Stelle der Erfahrung des Betrachters treten.


Alles was es gibt ist die Welt wie sie erscheint, auf deinen Schultern, dort wo sich dein Kopf befunden hat.


Du hast keinen Kopf – die gesamte Welt auf deinen Schultern, dort wo dein Kopf sich einmal befand.


Es gibt keinen Abstand zwischen dort draußen und hier drinnen. Alles was es gibt ist hier drinnen, doch dieses hier drinnen umfasst jetzt die gesamte Welt, wie sie von Augenblick zu Augenblick erscheint – genau dort, wo sich dein Kopf befand.


Kein hier drinnen – dort draußen, die gesamte Welt erscheint, wo sich dein Kopf befand. Hier drinnen gibt es keinen Kopf und keinen Betrachter mehr – die Welt ereignet sich von Augenblick zu Augenblick auf deinen Schultern.


Die Welt dort draußen ist, wie sich das Innere deines Gehirns anfühlt. Du kannst den Himmel schmecken, den Ozean austrinken und die Erde essen.


Du schaust nicht mehr zu den Wolken oder in den Himmel, beide sind in deinem Gewahrsein, in dir, du bist eins mit ihnen.


Du schaust nicht mehr auf dieses Gebäude, dieses Gebäude ist in deinem Gewahrsein, in dir. Du bist eins mit ihm.


Du bist auch nicht in einem Raum, der Raum ist in deinem Gewahrsein, in dir. Du bist nicht im Raum, der Raum ist in dir.


Plötzlich ist der Betrachter verschwunden. Wo immer du meinst den Betrachter zu fühlen mache dir klar, dass es sich lediglich um ein Objekt in deinem Gewahrsein handelt – in dir, und eins mit dir.


Die gesamte Welt und alle ihre Objekte erscheinen auf dieser Seite deines Gesichtes, dort wo sich dein Kopf und der Betrachter befanden.


Der Himmel verwandelt sich in einen großen blauen Pfannkuchen und fällt dir auf den Kopf. Das gilt für die gesamte Welt, und du fühlst dich buchstäblich eins mit allem um dich herum.


Dein Gefühl des Betrachters und dein Gefühl der Welt sind ein und dasselbe Gefühl. Sie sind nicht-zwei. Und die gesamte Welt ist auf deinen Schultern, genau dort wo sich dein Kopf befand. Daher kannst du den Himmel schmecken oder diesen Berg mit deinen Fingern aufheben und ihn hin- und herschieben. Dieses Erleben von Einheit mit allem um dich herum ist der Beginn des nicht-dualen Bereiches, der nicht-dualen Wirklichkeit.


Wenn du in diesem Einheitserleben bleibst und es immer weiter untersuchst, dann wird es sich vertiefen und dir Dinge der Wirklichkeit zeigen, die du dir niemals hättest vorstellen können. Dabei kann diese Einheit immer durchlässiger, leuchtender und strahlender werden, als ein unbegrenztes Licht. Oder sie zeigt sich als eine reine Liebe, die alles und jedes Einzelne im Universum miteinander verbindet, als eine alles umfassende Liebe. Und auch du befindest dich in diesem leuchtenden Feld von Liebe, zutiefst akzeptiert und vollständig geliebt, genau so wie du jetzt bist. Diese Liebe ist der verbindende Klebstoff des gesamten Kosmos, alle Dinge zusammenhaltend in einer ewigen Umarmung. Diese Einheit kann auch immer transparenter werden, immer durchscheinender, immer weniger fest und dicht, bis alle Dichtheit verschwunden ist, als eine reine Leerheit, die nichts ist als reiner GEIST. Alles was existiert ist nichts als GEIST, einschließlich dessen, was du Negatives über dich weißt und sagst - nichts als GEIST. Es gibt nur GEIST, nur Licht, nur Liebe, nur transparente Leerheit. Diese Einheit flüstert dir unzählige weitere kosmische Geheimnissen ins Ohr, verborgen für all diejenigen ohne diese direkte Erfahrung, doch offen für jede und jeden, der durch die Illusion der dualistischen Welt in die Wirklichkeit der letztendlichen Nichtdualität eingetreten ist.


(aus: Online Journal Nr. 46)