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18.11.2017 : 12:50 : +0100

Pressestimmen

Die Zeitschrift "Tattva Viveka" berichtet in ihrer Ausgabe 44 über unsere Tagung.

Rückblick:

von Heinz Robert, IF Schweiz

Die diesjährige Tagung stand unter dem Motto "Aufklärung und Erleuchtung - Wissen und Weisheit für eine nachhaltige Welt", und war mit einigen namhaften Menschen aus der deutschsprachigen und nordamerikanischen integralen Szene als Referenten besetzt. ...

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Aufwachsen und Aufwachen

Rückblick zur Tagung des Integralen Forums 2010 in Berlin

von Dennis Wittrock

 

Buddha begegnet Kant auf der Straße. Da fragt er ihn: „Na, wollen sie dich auch ständig töten?“ Darauf Kant: „Nee, ist integraler geworden ...“

Wenn Integrales Bewusstsein eines heißt, dann wohl Waffenstillstand zwischen den Perspektiven. Kriege gibt es hinreichend, z.B. den zwischen einer rational-aufgeklärten und einer spirituell-religiösen Haltung. Das Thema der Jahrestagung des IF in der Werkstatt der Kulturen lautete dieses Jahr „Aufklärung & Erleuchtung – Wissen und Weisheit für eine nachhaltige Welt“. Dem Tagungsteam ging es vor allem um die Versöhnung dieser beiden Pole, des Werdens und des Seins, des Relativen und des Absoluten in einer integralen Umarmung. Passend dazu wurde dann auch bereits vor Beginn demonstrativ meditiert, und zwar kollektiv und öffentlich: ein Riff der Stille mitten am belebten Hermannplatz, angeleitet von dem spirituellen Aktivisten und Dienstleister Sebastian Gronbach und Freunden.

Im  Einführungsvortrag spannte das Tagungsteam mit Sonja Student, Michael Habecker und Dennis Wittrock den thematischen Bogen für die Veranstaltung. Wie sieht eine umfassende Wissenschaft aus, die die Bereiche der inneren Erfahrung, die Geisteswissenschaften, nicht marginalisiert, sondern zudem auch noch spirituelle Erlebnisse als phänomenologische Daten mit einbezieht? Wie sieht eine zeitgemäße Schule integraler, evolutionärer Spiritualität aus, die die Begegnung mit der Rationalität und der Würde der Moderne nicht scheuen muss? Wie können wir die Schätze der Eastern Enlightenment mit der Würde der Western Enlightenment verbinden, Weisheit mit Wissen? Fazit des Vortrags: Lebe dein endliches Selbst und ruhe in der Unendlichkeit – insbesondere wenn das Tagungsrestaurant im Haus kurzfristig komplett entkernt wird und die Mahlzeiten im Lokal an der Ecke improvisiert werden müssen. C’est la vie.

Das Unterthema der Tagung, Nachhaltigkeit und integrale Ökologie, wurde dann im zweiten Hauptvortrag am Freitag Abend von Prof. Michael Zimmerman von der Colorado University mit einem „integralen Blick auf die Klimawandel-Debatte“ durchaus kontrovers diskutiert. Zimmerman, seines Zeichens Co-Autor des Buches „Integral Ecology“, nimmt in Hinblick auf die Klimadebatte eine sehr kritische Position gegenüber den führenden Wissenschaftlern ein, deren Ergebnisse vielfach politisch beeinflusst und keineswegs immer solide seien, und argumentierte u.a., dass CO2-Vermeidung sicherlich richtig, jedoch Adaption die wichtigere Strategie im Umgang mit diesem Problem sei.  Die geplante World-Café-Runde unter den Teilnehmern wurde interessehalber kurzerhand in eine Plenumsdiskussion umgewandelt.

Später folgte ein berührender Auftritt von Schülern, die mit ihrer Aktion „Plant for the Planet“ ihre Antwort auf die Untätigkeit der Politik gaben und allen Teilnehmern ein leuchtendes Beispiel für beherztes Handeln im Einklang mit eigenen Werten boten.

Der Samstag begann mit Morgen-ILP-Übungen und stand dann ganz im Zeichen des Unique Self, des Einzigartigen Selbst. Das kongeniale Lehrer-Duo aus den USA, bestehend aus Zen-Lehrerin Diane Hamilton und Rabbi Marc Gafni, Co-Direktoren des Integral Life Spiritual Centers, entfaltete dieses emergierende Konzept der „Neuen Erleuchtung“ in seinem Hauptvortrag und in den folgenden beiden Workshopphasen. Demnach bedeutet die klassische Erleuchtung, dass man, um sein Wahres Selbst zu realisieren, seinen Anspruch darauf, „besonders“ zu sein, fallen lassen muss. Die Neue Erleuchtung hingegen sagt: Erleuchtung, oder das Erwachen zu deinem Wahren Selbst, heißt nur, dass du dein Gefühl der Trennung verlierst, nicht aber deine Einzigartigkeit. Im Gegenteil: Es gibt etwas, das nur du in diesem kollektiven Prozess beitragen kannst – die Geschenke deines Einzigartigen Selbst. Sozialer Aktivismus im Ringen um globale Fragen müsse aus dieser Wurzel entspringen. Spontan entdeckte auch ein Teilnehmer auf wundersame Weise sein einzigartiges Selbst und seine besondere Berufung zur Übersetzung der Plenumsbeiträge.

In insgesamt drei Workshopphasen mit jeweils fünf Angeboten wurde eine reiche Fülle integraler Anwendungsbeispiele demonstriert. In der Phase eins am Samstag erkundeten die Teilnehmer das „zweite Gesicht Gottes“ – ein altes Verständnis des Göttlichen in einem neuen integral-evolutionären Kontext. Facettenreich zeigte sich sowohl das „W*I*B“, das „Weibliche Integrale Bewusstseinsfeld“ als auch die Frage, ob „Zen/ Christliche Mystik“ im Kontext integraler Praxis verwässern. Grenzgänger schließlich konnten die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen „Psychotherapie und Coaching“ erkunden.

Weitergeforscht wurde dann in der zweiten Phase mit den „Öko-Selbsten und der Öko-Integrität“. Ob im geführten Zeichnen oder beim Modellieren mit Wachs, der Workshop zu „Kunst & Ästhetik“ bot hinreichend Raum zur kreativen Entfaltung. Während bei der „Integralen Suchtgenesung“ die ILP als Praxis für Suchtkranke dargestellt wurde, zog ein anderer Workshop „Parallelen zwischen ILP und dem Integralen Yoga nach Sri Aurobindo“.

Am Abend dann gab es, wie jedes Jahr, ein Live-Telefoninterview mit dem Menschen, der den meisten Anwesenden direkt oder indirekt die Teilnahme an einer solchen Veranstaltung überhaupt erst denkbar machte: der Autor und Integrale Philosoph Ken Wilber. Monika Frühwirth und Dennis Wittrock führten gemeinsam abwechselnd das Gespräch. Themen waren u.a. der Übergang von ethnozentrischem zu weltzentrischem Bewusstsein und inwieweit der Westen hier mit seinem in Bezug auf Spiritualität deformierten Diskurs sinnvoll als Vorbild für andere Kulturen dienen könne, was Wilber in den Kontext von Würde und Desaster der Moderne stellte.  Er äußerte sich zudem in Bezug auf den Pfad des Guru-Yoga im Westen dahingehend, dass er dessen Aspiranten warnte und radikal in die Eigenverantwortung stellte, wenn sie in dieser Weise intensiv mit einem Lehrer arbeiten. Sich dann nachträglich über raue Behandlung zu beklagen, sei hingegen lächerlich. Zum Thema der Tagung sagte er prägnant, man müsse „aufwachsen und aufwachen“ (grow up and wake up) – beides sei absolut notwendig.

Doch genug gesessen und zugehört. Während einige Interessierte sich noch die künstlerische Begleitung der Tagung (Videoprojektionen und Fotoarbeiten) mit den anwesenden Künstlern unter der Leitung von Matthias Ruff erläutern ließen, war eine Vielzahl der Teilnehmer bereits in den Club-Keller verschwunden, um auf der Integralen Party zu elektronischen Beats des DJ-Paars von „Klartraum“ mal ordentlich ihr Body-Modul in Schuss zu bringen. Es wurde ausdauernd und ekstatisch zu Musik mit integralen Samples abgehottet. Auch das gehört mittlerweile zum Standard-Repertoire eines integralen Lifestyles.

Am Sonntag konnte man zur Morgen-ILP neben Meditation mithilfe binauraler Beats und Yoga-Praxis auch mit dem spirituellen Lehrer Thomas Hübl meditieren. Letzterer erkundete mit den Teilnehmern dann in seinem anschließenden Workshop, wie die Begegnung von Mystik und Marktplatz im Sinne einer Inner Science aussehen und wie das Wort „Gott“ mit einer neuen Bedeutung gefüllt werden könnte. Der „interkulturelle Diskurs und interreligiöse Dialog mit Indien“ zog andere Teilnehmer in seinen Bann. „Weibliche und männliche integrale Dimensionen“ wurden in theoretischer und erfahrungsmäßiger Weise erkundet, neben Wegen, „Erleuchtung im Big Business“ mit den Methoden der Strukturaufstellung, Big Mind und Brainwave Entrainment zu etablieren.

In einer Podiumsdiskussion zum Tagungsthema, einer World-Café- und einer Intergrationsrunde nahm das Tagungsteam dann den roten Faden wieder auf und schloss den Kreis zusammen mit den Teilnehmern. Thomas Hübls Toning ließ die Schwingung der Tagung nach- und ausklingen und Marc Gafni formulierte als Abschlussübung mit den Sitznachbarn die Worte: „Ohne dich möchte ich nicht im Buch des Lebens geschrieben stehen.“ Das Gleiche gilt (spätestens nach dieser Tagung) für Kant und Buddha.