Sie sind hier: IF-HOME > Anwendungen > Bewusstsein > Arten des Unbewussten
DeutschEnglishFrancais
18.8.2017 : 1:04 : +0200

Arten des Unbewussten

Ken Wilber „classics“, aus früheren Veröffentlichungen

von Michael Habecker

Im seinem Buch Das Atman Projekt (Junfermann 1990) skizziert Ken Wilber im Kapitel 11 fünf Arten des Unbewussten, auf die er auch in seinen neueren Werken verweist, auch wenn er sein Modell inzwischen erheblich erweitert hat. (Das Atman Projekt ist ein Buch der Phase II, hat also keine AQAL-Perspektive - die erscheint erst ab Wilber IV -, sondern konzentriert sich auf die menschliche Individualentwicklung.)

Diese fünf Arten bezeichnet Wilber wie folgt:

Das Grund-Unbewusste

(Tiefenstrukturen als Potenziale)

Das archaische Unbewusste

(die frühesten primitivsten Strukturen, präverbal und meist auch sub-human, das phylogenetische Phantasie-Erbe)

Das untergetauchte Unbewusste

(eine Art "Kontinuum der Unaufmerksamkeit", vom einfachen Vergessen über selektives Vergessen bis zu zwanghaftem Vergessen - wovon nur letzteres wirklich Verdrängung ist)

Das eingebundene Unbewusste

(das mit dem wir identifiziert sind, ohne uns dessen bewusst zu sein)

Das auftauchende Unbewusste

(höhere bzw. tiefere Seinsbereiche, die uns - noch - nicht bewusst sind)


[Der folgende Text stammt aus Kapitel 11 von Das Atman Projekt (Junfermann 1990)]

Natürlich hängt das, was in "dem" Unbewußten existiert, größtenteils von Entwicklungsfaktoren ab - keineswegs ist das gesamte Unbewußte in allen seinen Formen von Anfang an vorhanden. Dennoch scheinen viele moderne Autoren anzunehmen, daß es ein "transpersonales Unbewußtes" gebe, das von Anfang an präsent, wenn auch unterdrückt sei. Wohingegen ein Unbewußtes der verbalen Formen, der Charakterstruktur, der geistigen Fähigkeiten, des abstrakten Denkens und höherer Strukturen noch nicht unterdrückt ist, weil es noch gar keine Möglichkeit hatte, im Zuge der Entwicklung aufzutauchen. Es ist noch nicht aus dem Bewusstsein verdrängt, weil es noch nicht einmal ansatzweise im Bewusstsein aufgetaucht ist.

Aus dieser entwicklungsorientierten und dynamischen (im Gegensatz zu einer statischen und vorgegebenen) Sicht werde ich nun fünf grundlegende Arten von unbewußten Prozessen beschreiben. Es handelt sich dabei um Arten von unbewußten Prozessen, nicht um Ebenen des Unbewußten (obgleich ich solche ebenfalls erwähnen werde). Diese Skizze erhebt weder den Anspruch auf Ausführlichkeit noch auf Endgültigkeit, sie soll nur auf Phänomene hinweisen, mit denen sich die Transpersonale Psychologie meiner Meinung nach befassen muß.

Das Grund-Unbewußte

Der Begriff "Grund" hat für mich eine völlig neutrale Bedeutung; man verwechsle ihn nicht mit "Grund des Seins", mit "Offener Grund" oder mit "Urgrund". Obgleich "Grund" in gewissem Sinne "all-umfassend" ist, ist er in diesem Zusammenhang in erster Linie ein Entwicklungskonzept. Der Fötus "besitzt" das Grund-Unbewußte; essentiell ist er alle Tiefenstrukturen, die als Potentiale existieren und bereit sind, durch Erinnerung zu irgendeinem zukünftigen Zeitpunkt aufzutauchen Alle Tiefenstrukturen, die der Menschheit kollektiv gegeben sind und die den verschiedenen Bewußtseinsebenen vom Körper zum Verstand, zur Seele und zum höchsten Geist - grobstofflich, feinstofflich und kausal - zugehören, sind eingefaltet oder eingehüllt in das Grund-Unbewußte. Alle diese Strukturen sind unbewußt doch sind nicht unterdrückt weil sie noch gar nicht ins Bewußtsein eingetreten sind... Die Entwicklung - oder die Evolution - besteht aus einer Serie von hierarchischen Transformationen oder Entfaltungen der Tiefenstrukturen aus dem Grund-Unbewußten, beginnend bei den niedrigsten (Pleroma und Körper) bis hin zu den höchsten (Gott und Leere). Wenn – und falls - das gesamte Grund-Unbewußte aufgetaucht ist, dann existiert nur noch Bewußtsein: alles ist bewußt als ALL(ES). Aristoteles sagte, wenn das gesamte Potential aktualisiert sei, so sei das Ergebnis Gott. Man beachte, daß das Grund-Unbewußte weitgehend (ich glaube allerdings nicht, daß es richtig wäre, von "gänzlich" zu sprechen) leer von Oberflächenstrukturen ist, denn diese werden grundsätzlich während der Entfaltung (Erinnerung) der Tiefenstrukturen erlernt ...

Wir können nun die übrigen vier Arten des Unbewußten in Beziehung zum Grund-Unbewußten definieren. Dadurch erhalten wir ein Konzept von den unbewußten Prozessen, das gleichzeitig strukturell und dynamisch, ein Schichtenmodell und entwicklungsorientiert ist.

Das archaische Unbewusste 

... Nicht alles Unbewußte ist verdrängt, weil, wie Freud feststellte, ein Teil des Unbewußten von Anfang an unbewußt ist - es ist nicht zunächst eine persönliche Erfahrung, die dann verdrängt wird, sondern etwas, das sozusagen im Unbewußten beginnt ... Dies ist also das archaische Unbewußte. Es umfaßt die primitivsten und am wenigsten entwickelten Strukturen des Grund-Unbewußten - das Pleroma, den Uroboros und den Typhon. Diese sind tatsächlich von Anfang an unbewußt, jedoch nicht verdrängt, und einige von ihnen bleiben gewöhnlich unbewußt; sie entfalten sich niemals klar im Bewußtsein, es sei denn als rudimentäre Tiefenstrukturen mit wenig oder keinerlei Oberflächen-Inhalt. Selbstreflexives Bewußtsein ist hinsichtlich dieser Strukturen unmöglich, weshalb sie stets von einem dunklen Schleier der Unbewußtheit umgeben sind, ob sie nun verdrängt sind oder nicht... Jedenfalls können wir in Übereinstimmung mit Freud und Jung verallgemeinernd sagen, daß die somatische Seite des archaischen Unbewußten das (instinktive, limbische, typhonische und pranische) Es ist; die psychische Seite ist das phylogenetische Phantasie-Erbe. Alles in allem ist das archaische Unbewußte kein Produkt persönlicher Erfahrung; es ist von Anfang an unbewusst, aber nicht verdrängt; es enthält die frühesten und primitivsten Strukturen, die sich aus dem Grund-

Unbewußten entfalten, und selbst wenn sie sich entfaltet haben, bleiben sie gewöhnlich unbewußt. Sie sind prä-verbal, und die meisten sind auch sub-human. Freud selbst erkannte, daß es wichtig ist, das persönliche Unbewußte vom archaischen Unbewußten zu unterscheiden (womit wir uns im nächsten Abschnitt beschäftigen werden). Beim Analysieren der Symptome, Träume und Phantasien von Klienten ist es wichtig, diejenigen Produkte, die realen vergangenen Erfahrungen entspringen von denen zu unterscheiden, die in diesem Leben nie persönlich erfahren worden sind, sondern dem unpersönlichen archaischen Erbe entstammen und von dorther ins Bewusstsein eindringen...

Das untergetauchte Unbewusste

Wenn eine Tiefenstruktur aus dem Grund-Unbewußten aufgetaucht ist und eine Art Oberflächenstruktur angenommen hat, kann sie aus verschiedensten Gründen wieder in einen unbewussten Zustand zurückversetzt werden. Das heißt, wenn eine Struktur aufgetaucht ist, kann sie auch wieder untertauchen, und die Gesamtheit solcher Strukturen, die wieder untergetaucht sind, nennen wir das untergetauchte Unbewußte. Das untergetauchte Unbewusste war zu Lebzeiten des betreffenden Menschen einmal bewußt, ist jedoch jetzt vom Bewusstsein abgeschnitten. Nun kann das untergetauchte Unbewußte im Prinzip jede Struktur umfassen, die aufgetaucht ist, ob sie nun kollektiv, personal, archaisch, feinstofflich oder was auch immer ist. Es kann kollektive Elemente enthalten, die klar und eindeutig aufgetaucht sind und dann unterdrückt wurden, es kann persönliche Elemente enthalten, die sich in diesem Leben herausgebildet haben und die dann unterdrückt worden sind, und es kann auch eine Mischung aus beidem enthalten. Jung hat ausführlich über dieses Thema geschrieben, und wir brauchen ihn hier nicht zu wiederholen. Doch sollten wir anmerken, daß auch Freud sich über den Unterschied zwischen dem Es des archaischen Unbewußten und dem Es des untergetauchten Unbewußten im klaren war, auch wenn es gelegentlich schwierig war, beide klar voneinander abzugrenzen. "Während dieser langsamen Entwicklung sind gewisse Inhalte des Es in den vorbewußten Zustand gewandelt und so ins Ich aufgenommen worden. Andere sind unverändert im Es als dessen schwer zugänglicher Kern geblieben. Aber während dieser Entwicklung hat das junge und unkräftige Ich gewisse bereits aufgenommene Inhalte wieder in den unbewußten Zustand zurückversetzt, fallen gelassen und gegen manche neue Eindrücke, die es hätte aufnehmen können, sich ebenso verhalten, so dass diese zurückgewiesen, nur im Es eine Spur hinterlassen konnten. Diesen letzteren Anteil des Es heißen wir mit Rücksicht auf seine Entstehung das Verdrängte [im Gegensatz zum ersteren Anteil, der von Anfang an einfach unbewußt ist: dem archaischen Unbewußten]."...

Dies ist der Unterschied (oder zumindest ein Unterschied) zwischen dem archaischen Unbewussten und dem verdrängten oder untergetauchten Unbewussten...

Das untergetauchte unbewusste wird unbewusst aus verschiedenen Gründen, und diese Gründe kann man sich als ein Kontinuum der Unaufmerksamkeit vorstellen. Dieses Kontinuum reicht vom einfachen Vergessen über selektives Vergessen bis zu zwanghaftem Vergessen (wovon nur letzteres wirklich Verdrängung ist)...

Einfach Vergessenes und unterhalb der Bewußtseinsschwelle Verbliebenes bilden das subliminale untergetauchte Unbewußte. Dynamisches oder zwanghaftes Vergessen hingegen ist echte Verdrängung, Freuds große Entdeckung. Das verdrängte untergetauchte Unbewußte ist der Aspekt des Grund-Unbewußten, der nach seinem Auftauchen und dem Annehmen von Oberflächenstrukturen gewaltsam ins Unbewußte verdrängt oder zurückbefördert wird, weil er mit den bewussten Strukturen nicht vereinbar ist... Der persönliche Aspekt des verdrängten untergetauchten Unbewußten ist der Schatten...

Das eingebundene Unbewusste 

Wir kommen nun zu dem Aspekt des Unbewußten, der Freud am meisten Kopfzerbrechen bereitet hat, der jedoch nichtsdestoweniger eine seiner größten Entdeckungen ist. Erinnern wir uns daran, daß Freud das Modell des Bewußten und Unbewußten zugunsten des Ich-Es-Modells aufgab, weil "wir erkennen, daß das Ubw nicht mit dem Verdrängten zusammenfällt; es bleibt richtig, daß alles Verdrängte ubw ist, aber nicht alles Ubw ist auch verdrängt."... Neben dem archaischen Unbewußten, das unbewußt, aber nicht verdrängt ist, fand Freud, daß "vieles am Ich ...sicherlich selbst unbewußt..." ist... Gleichzeitig fing er an, den Ursprung der Verdrängung im Ich zu lokalisieren, denn "wir können sagen, der Widerstand der Analysierten gehe von ihrem Ich aus, ..."

...Der entscheidende Punkt war: Verdrängung hat ihren Ursprung in einem Teil des Ich; sie ist ein Aspekt des Ich, der das Schatten-Es verdrängt. Doch Freud entdeckte, daß ein Teil des Ich zwar unbewußt, jedoch nicht verdrängt ist. Dann zählte er einfach eins und eins zusammen und schloß, daß der nicht-verdrängte Teil des Ich der verdängende Teil sein müsse. Diesen Teil nannte er Überich : Er war unbewußt, nicht verdrängt, aber er verdrängte selbst...

Wir haben gesehen, daß sich auf jeder Entwicklungsstufe das eigene Erleben mit den neu auftauchenden Strukturen jener Ebene identifiziert. Als der Körper aus dem Pleroma auftauchte, identifizierte sich das Kind mit ihm; als der verbale Verstand auftauchte, identifizierte sich das Kind mit diesem, und so weiter. Außerdem ist es charakteristisch für eine ausschließliche Identifikation, dass man sie nicht erkennt und nicht erkennen kann, ohne sie zu durchbrechen. Mit anderen Worten, jede ausschließliche Identifikation ist eine unbewußte Identifikation - per definitionem und auch faktisch. Sobald das Kind erkennt, daß es einen Körper hat, ist es nicht mehr nur der Körper: es ist sich des Körpers bewußt; es transzendiert ihn; es schaut ihn mit seinem Verstand an und kann deshalb nicht mehr nur ein Körper sein. Ebenso erkennt der Erwachsene irgendwann, dass er Verstand hat, und er ist dann nicht mehr nur Verstand - vielmehr fängt er an, den Verstand aus der Perspektive der feinstofflichen Bereiche jenseits des Geistes wahrzunehmen. Vor diesen Ereignissen war das Individuum jeweils mehr oder weniger ausschließlich mit jenen Strukturen identifiziert und konnte sie deshalb nicht erkennen. Es konnte sie nicht sehen, weil es mit ihnen identisch war.

Anders gesagt: Auf keiner Entwicklungsstufe kann man den Sehenden vollständig sehen. Keine beobachtende Struktur kann sich selbst beim Beobachten zuschauen. Man benutzt die Strukturen der betreffenden Ebene als etwas, womit man die Welt wahrnehmen und übersetzen kann, aber man kann jene Strukturen selbst nicht vollständig wahrnehmen und übersetzen. Das ist nur von einer höheren Ebene aus möglich. Jeder Übersetzungsprozeß sieht, wird aber selbst nicht gesehen; er übersetzt, wird aber selbst nicht übersetzt; und er kann verdrängen, ist aber selbst nicht verdrängt... Jedenfalls ist das Über-Ich einfach ein Beispiel für das wir als eingebundenes Unbewusstes bezeichnen: Weil es zum Individuum gehört, kann es dieses nie vollständig oder richtig sehen. Es ist unbewusst, aber nicht verdrängt. Es ist der Aspekt des Grund- Unbewußten, der als das Eigen-System auftaucht und so im wesentlichen unbewusst bleibt, wobei es allerdings die Macht hat, andere Elemente in das untergetauchte Unbewußte zu verdrängen. Auch hier gilt, daß es selbst nicht verdrängt ist, aber seinerseits verdrängt...

Das auftauchende Unbewusste

Schauen wir uns nun jemanden an, der sich vom Pleroma zum Körper-Ich und weiter zum Ich-Bewußtsein entwickelt hat. Im Unbewußten verbleiben die Strukturen des feinstofflichen und kausalen Bereichs, die noch nicht aufgetaucht sind; sie können generell nicht im Bewusstsein auftauchen, bis die niederen Strukturen vollständig aufgetaucht sind. Da die höheren Strukturen die niederen in sich einschließen, können sich die höheren erst zuletzt entfalten. Jedenfalls ist es lächerlich, von einer Verwirklichung des Transpersonale zu sprechen, wenn sich nicht zuvor das Personale vollständig entwickelt hat. Die transpersonalen Bereiche (die feinstofflichen und die kausalen) sind noch nicht verdrängt - sie sind nicht aus dem Bewußtsein ausgeblendet, sie sind nicht herausgefiltert - sie haben einfach noch keine Möglichkeit gehabt, aufzutauchen. Wir sagen von einem zweijährigen Kind nicht, es weigere sich, Geometrie zu lernen, weil der Verstand des Kindes noch nicht so weit entwickelt ist, daß es auch nur anfangen könnte, mathematische Fähigkeiten zu entwickeln. Und genauso, wie wir ein solches Kind nicht beschuldigen, es verdränge die Mathematik, so werfen wir ihm auch nicht vor, es verdränge das Transpersonale ...jedenfalls noch nicht. An jedem Punkt des Entwicklungskreises werden die Tiefenstrukturen, die noch nicht aus dem Grund-Unbewußten aufgetaucht sind, als auftauchendes Unbewusstes bezeichnet. Für einen Menschen auf der Ich-Stufe (oder Zentauren-Stufe) sind das niedere und höhere Feinstoffliche sowie das niedere und höhere Kausale auftauchendes Unbewußtes. Diese Bereiche sind unbewusst, aber nicht verdrängt...

Man beachte, dass das feinstoffliche und kausale auftauchende Unbewußte einige  Gemeinsamkeiten mit dem archaischen Unbewussten hat, nämlich: Sie sind im derzeitigen Leben des Betreffenden nie (oder noch nie) bewußt gewesen und sind deshalb nicht verdrängt, und doch befinden sie sich von Anfang an im Unbewußten. Abgesehen von der wichtigen Tatsache, daß das eine niedrig und primitiv und das andere hoch und transzendent ist, besteht der Unterschied darin, daß das archaische Unbewußte die Vergangenheit der Menschheit ist; das auftauchende Unbewusste hingegen ist die Zukunft der Menschheit. Doch dieses Zukunfts-Unbewußte ist nur hinsichtlich der Tiefenstrukturen festgelegt: Die Oberflächenstrukturen sind noch nicht festgelegt. Das Vergangene-Unbewußte andererseits enthält Tiefenstrukturen und Oberflächenstrukturen..., weil beide schon aufgetaucht und durch das Bewusstsein näher bestimmt worden sind. Nehmen wir nun an, daß die Entwicklung nicht auf der Ich- oder Zentauren-Stufe stehengeblieben ist - was allerdings zum heutigen Zeitpunkt unserer Entwicklungsgeschichte als Spezies gewöhnlich der Fall ist -, so wird das Feinstoffliche von selbst anfangen, aus dem Grund-Unbewußten aufzutauchen. Man kann zwar keine genauen Zeiten für das Auftauchen dieser höheren Bereiche und Seins-Ebenen festlegen, weil die Mehrheit der Menschen sich bisher stets nur bis zur Ich-Ebene entwickelt hat und weil deshalb nur Ebenen, die dorthin führen, zeitlich geortet worden sind. Im allgemeinen jedoch kann das Feinstoffliche nach der Adoleszenz aufzutauchen beginnen, selten vorher. Aus den verschiedensten Gründen kann gegen das Auftauchen des Feinstofflichen Widerstand geleistet werden, und es kann sogar in gewissem Sinne verdrängt werden. Denn das Ich ist stark genug, nicht nur um die niederen Bereiche zu verdrängen, sondern auch die höheren Bereiche - es kann das Überbewußte ebenso abriegeln wie das Unbewußte. Den Teil des Grund-Unbewußten, gegen dessen Auftauchen Widerstand geleistet oder der verdrängt wird, nennen wir natürlich das verdrängte auftauchende Unbewusste. Dieser bleibt - abgesehen von Entwicklungsstillstand - unbewußt über den Punkt hinaus, an dem er ebensogut bewußt werden könnte. Wenn wir nach den Gründen für dieses Nicht-Auftauchen suchen, so finden wir eine ganze Reihe von Abwehrmechanismen, die letztlich gegen die Transzendenz gerichtet sind. Unter anderen handelt es sich um Rationalisierung ("Transzendenz ist unmöglich oder pathologisch"); Isolierung oder Vermeiden von Beziehung ("Mein Bewußtsein ist körpergebunden!"); Todesangst ("Ich habe Angst davor, daß mein Ich sterben könnte; was würde dann noch übrig bleiben?"); Desakralisierung (das ist Maslows Begriff für die Weigerung, auch nur irgendwo transzendente Werte zu sehen); Substitution (eine niedere Struktur wird an die Stelle einer intuitiv erfassten höheren gesetzt, wobei man die niedere als die höhere ausgibt); Kontraktion (auf Formen niederen Erkennens oder niederer Erfahrung hin). Alle diese Formen der Abwehr werden zu Bestandteilen des Übersetzungsprozesses des Ich - das Ich fährt fort zu übersetzen, obwohl es eigentlich mit der Transformation beginnen müsste...


Quelle: Online-Journal Nr. 10