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20.10.2017 : 12:42 : +0200

Eine neue (Achsen)Zeit

aus: IntegralLife.com, "Mapping the New City", Ken Wilber im Gespräch mit Saniel Bonder und Linda Groves-Bonder, März 2009.

Vorwort der Integral Life Redaktion:
Die Möglichkeiten, die uns im 21. Jahrhundert erwarten, sind atemberaubend. Niemals zuvor war für so viele Menschen so viel möglich, bis hin zu dem Punkt, dass ein einfacher Bürger heute ein derart bequemes und luxuriöses Leben führen kann, dass sogar die reichsten Könige und Königinnen vergangener Zeiten eifersüchtig wären. Dies ist eine Zeit unvorstellbaren Überflusses; ein Überfluss von Wohlstand, Weisheit, Informationen und Verbindungen – auch inmitten des unzählbaren Leids und der Angst, die viele von uns in dieser Welt nach wie vor erleben. Die Gleichzeitigkeit von Überfluss und Knappheit in der heutigen Welt versprechen fruchtbare Zeiten für die Zukunft, unter einem evolutionären Druck, der uns zu neuen Lösungen für neuartige Probleme treibt, und uns hilft mit dem ewigen Schisma fertig zu werden, das uns von Anbeginn an verfolgt.

Es ist so als wenn eine ganz neue Welt in Sichtweite kommt – eine Welt die sowohl vertraut als auch neu erscheint, sowohl zeitlos als auch historisch gewachsen. Als wenn wir eine „neue Stadt“ entdecken würden, die aus der Geschichte heraustritt – eine Stadt die nur erkannt werden kann in der unvermeidbaren Totalität des Wissens, der Werte, und der Perspektiven die uns heute zur Verfügung stehen; und deren Architektur nur wahrnehmbar ist, in dem wir die unseren menschlichen Erfahrungen zugrundeliegenden Muster erkennen.  


Ken Wilber: Ich sehe mich als einer der ersten Landkartenersteller dieser “neuen Stadt”, und jeder trägt etwas zu dieser Landkarte bei. Einige sehen Aspekte des Gesamtbildes sehr viel tiefer als ich das kann, und sie bringen das ein, und es ist wichtig dass wir dabei wirklich alles erfassen, das gesamte Territorium. Darum geht es bei der integralen Landkarte, es ist einfach eine Landkarte, doch es gibt viele Möglichkeiten, wie man das dort beschriebene Gelände in sich selbst wiederfinden kann - Dinge die man tun kann, Experimente die man durchführen kann, um bestimmte Aspekte einer „neuen Stadt“ zu entdecken. Und wenn jemand dort nichts findet, dann ist es gut das zu wissen, dann können wir die Landkarte korrigieren. Es ist sehr aufregend, überall die Menschen damit experimentieren zu sehen, Menschen die in ihrem Bereich sehr kompetent sind ... Das ist ein großes Abenteuer.

Ich kann mir vorstellen, dass diese „neue Stadt“ eine neue Achsenzeit *  bedeutet, und das wir tatsächlich in eine integrale Ära eintreten. Die Achsenzeit, die etwa um 600 v. Chr. sich weitweit ereignete, bedeutet eine Kombination einer Bewegung sowohl bei den Bewusstseinstrukturen als auch bei den Bewusstseinszuständen. Es war zum einen ein struktureller Schritt vom mythischen Denken zum rationalen Denken, ein enormer vertikaler, struktureller Schritt. Liest man die Ilias und die Odyssey [von Homer], dann ist das eine konkrete Beschreibung wie die Welt sich einem mythischen Denken darstellt. Das sind nicht einfach nur Geschichten, das sind Wirklichkeiten. Damals erfolgte der Schritt von diesem mythischen zum rationalen Denken, ein Denken in Begriffen einer dritten Person, mit der Fähigkeit die Perspektive einer dritten Person einzunehmen, hin zu einem universalistischen Gesichtspunkt. So entstand das Zeitalter der Vernunft im klassischen Griechenland.

Das gleiche ereignete sich in Indien. Gautama Buddha verwendete die Rationalität, um seinen Weg zum Nichtrationalen zu beschreiben. Der Zustandsprung der sich damals ereignete war ein Eintreten in den kausalen Bewusstseinsbereich, einem Zustand reiner Einheit, ein Nirwana weg von Samsara. Das ist das was damals geschah, und es wird berichtet von einer Welt die realer ist als die manifeste, diesseitige Welt, und dass die Probleme von einem Steckenbleiben in dieser manifesten Welt herrühren, von den Schatten in der Höhle, an die wir gebunden sind, und dass es darum geht aus der Höhle herauszutreten in das reine Leuchten, wo es keinerlei Formen mehr gibt. Das ist im Wesentlichen der nirwanische Weg. Dazu gehören Patanjalis Yogasutren, in denen es darum geht ins Nirvikalpa Samhadi zu gelangen, und Buddhas Praxis um ins Nirod zu gelangen, die vollständige Auslöschung  - das war die axiale Revolution weltweit.

Heute erleben wir ebenfalls eine Verschiebung sowohl bei den Bewusstseinsstrukturen als auch bei den Bewusstseinszuständen. Die Strukturen verschieben sich hin zu einem integralen Denken, und bei den Bewusstseinszuständen gibt es eine Verschiebung hin zu nichtdualen Zuständen, bei denen Nirwana und Samsara nicht-zwei sind. Letzteres war auch die Grundlage der großen Mahayana- und Vajrayana Revolutionen. Doch jetzt finden wir auch eine Verschiebung bei den vertikalen Strukturen, und zwar vom rationalen und pluralistischen Denken hin zum integrierenden Denken. Das hat es bisher in größeren Umfang noch nicht gegeben. Wir können jetzt eine nicht-duale Verwirklichung durch ein integrierendes Denken betrachten, das ist radikal neu, und das ist die „neue Stadt“. Dafür haben wir alle natürlich unterschiedliche Landkarten, und wir ringen damit, wir alle sehen immer nur Teile davon, andere sehen andere Teile, und wir vergleichen das was wir sehen miteinander, sprechen darüber, und sind um eine bessere Landkartenbeschreibung für diese neue Welt bemüht.

Übersetzung: Michael Habecker 02.03.2009

 

* A. d. Ü.: Als Achsenzeit bezeichnet Karl Jaspers in seinen geschichtsphilosophischen Betrachtungen die Zeitspanne von 800 bis 200 v. Chr., in der gleichzeitig in vier voneinander unabhängigen Kulturräumen die philosophischen und technologischen Fortschritte gemacht wurden, die bis heute Grundlagen aller Zivilisationen sind. Nach Jaspers erfolgte in der Achsenzeit demnach die geistige Grundlegung der Menschheit. Sie brachte die Grundkategorien hervor, in denen der Mensch noch heute denkt und damit den modernen Menschen überhaupt.

Mit dem Hinduismus und Buddhismus in Indien, dem Taoismus und dem Konfuzianismus in China, dem talmudischen Judentum und dem Zoroastrismus im alten Orient und der Philosophie des antiken Griechenland seien religiöse und philosophische Ansätze geschaffen worden, aus denen die Menschen noch immer Kraft und Hoffnung schöpften. Dieser Schritt ins Universale oder „Vergeistigung“ wie Jaspers ihn nennt, habe eine gesamte Veränderung des Menschseins bewirkt. (Quelle: Wikipedia)