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23.5.2017 : 3:06 : +0200

Ken Wilber Classics - Politik

Austauschbeziehungen/Unterdrückung

(aus: Halbzeit der Evolution, Goldmann 1990, S. 196, 325) 

Jedes beliebige Austauschsystem – sei es materielle Arbeit, gefühlsmäßiger Verkehr oder begriffliche Kommunikation – kann eingeschränkt, unterdrückt, verdrängt und entstellt werden, und zwar von der gesellschaftlichen Umwelt, in der dieser Austausch an sich auf ideale und freie Weise stattfinden sollte. (Mit „frei“ meine ich hier „angemessen“ und nicht „exzessiv“.) Am häufigsten wird diese Entstellung von den Individuen angezettelt, die, seien sie einfache Bürger oder mächtige Anführer, eigentlich Hüter eines ungestörten Austauschs und ungestörter Beziehungen sein sollten. Solche Störungen haben die Tendenz, institutionalisiert zu werden, so dass sie sich ohne bewusste Absicht reproduzieren (Kraft der sozialen Trägheit).

Die archetypischen Vorkämpfer für nicht verdrängte Beziehungen in jeder dieser Sphären sind Marx (gemeinschaftliche Arbeit, Uroboros, Ebene 1), Freud (gefühlsbasierter zwischenmenschlicher Verkehr, Typhon, Ebene 2) und Sokrates (verbale Verständigung, Kommunikation in der Gemeinschaft, Ebene 3). Und natürlich würde eine vollständige Gesellschaftstheorie noch solche höheren Sphären und Vorkämpfer hinzufügen wie Selbstachtung (Ebene 4, Locke), psychische Intuition (Ebene 5, Pantanjali), subtiles Einssein (Ebene 6, Kirpal Singh) und Höchste Transzendenz (Ebene 7/8, Buddha, Christus, Krishna)... 

So wie das Ich (bis heute) die höchste Ebene des vielschichtigen Durchschnitts-Individuums ist und die Macht hat, nicht nur seine eigene Ebene, sondern alle niederen Ebenen zu stören, zu unterdrücken und zu verdrängen, so konnte das ichhafte Atman-Projekt nicht nur seine eigene Ebene ausbeuten, sondern alle niederen Ebenen des Seins mit dem Versuch ausbeuten, Ersatzbefriedigung, Scheintranszendenz und symbolische Unsterblichkeit zu erlangen. Das ichhafte Atman-Projekt konnte folgende Vorgänge ausbeuten (und damit auch stören): 

 

  1. Materieller Austausch: der Versuch, unbegrenzten Wohlstand und Eigentum zu besitzen, Geld und Gold, Güter und Kapital als Unsterblichkeitssymbole.
  2. Gefühlsmäßig-sexueller Austausch: der Versuch, aus orgasmischer Entspannung und hedonistischer Ausschweifung oder ganz allgemein gefühlsmäßigem Überschwang transzendente Befriedigung zu erlangen.
  3. Austausch verbaler Gruppenzugehörigkeit: der Versuch, die eigene Ideologie und die eigene Version symbolischer Unsterblichkeit verbal zu propagieren, den im Idealfall freien kommunikativen Austausch zu stören, das Bewusstsein der Gruppenzugehörigkeit zu kontrollieren und symbolische Allmacht zu erlangen; kommunikative Störung durch Abwehr- und Ersatzmanöver.
  4. Austausch ichhafter Selbstachtung: der Versuch, anderen ihre gleichberechtigte Anerkennung und Achtung zu nehmen, indem man erzwingt, dass das eigene Ego die „Nummer Eins“ ist und anerkanntermaßen über allen anderen steht, kosmozentrisch und von allen verherrlicht.

Zweifellos wäre das vorrangige und unmittelbare Ziel jeder gesunden und humanen Gesellschaftstheorie, auf jeder Austauschebene des vielschichtigen Individuums die Unterdrückung und Verdrängung zu verringern und zu beseitigen. Ohne dass ich von diesem Ziel ablenken möchte, will ich doch darauf hinweisen, dass – obwohl einige dieser Übel (der Unterdrückung und Verdrängung) auf der ichhaften Ebene nur potentiell und nicht zwangsläufig gegeben sind – sie dennoch mögliche Tendenzen der ichhaften Ebene sind, in jedem Menschen. Ich gebe zu, dass sie vermindert und humanisiert werden können. Der entscheidende Punkt ist jedoch, dass immer dort, wo es ein exklusives Ego gibt, auch das ichhafte Atman-Projekt anzutreffen ist – und gerade das ist das überragende Problem...  

Die Menschheit wird diese Art mörderischer Aggression, von Krieg, Unterdrückung und Verdrängung, Anhaften und Ausbeutung, nie, ich wiederhole nie, aufgeben, ehe sie nicht den Besitz aufgibt, den man Persönlichkeit nennt – das heißt ehe sie nicht zur Transzendenz erwacht. Bis dieser Zeitpunkt gekommen ist, werden Schuld, Mord, Eigentum und Person stets Synonyme bleiben.

Das Nirmanakaya-Zeitalter

(aus: Halbzeit der Evolution, Goldmann, S. 373)

Das Nirmanakaya-Zeitalter wird eine Gesellschaft von Frauen und Männern mit sich bringen, die zu einem ersten flüchtigen Blick in die Transzendenz fähig sind: Sie werden beginnen, ihr gemeinsames Menschsein und ihre Brüderschaft/Schwesternschaft besser zu verstehen; sie werden die ihnen durch die natürlichen körperlichen Unterschiede von Hautfarbe und Geschlecht mitgegebenen Rollen transzendieren; ihre mental-psychische Klarheit wird wachsen; sie werden Entscheidungen sowohl auf der Basis von Intuition wie von Rationalität treffen; sie werden in jeder einzelnen Seele, ja, in der ganzen Schöpfung dasselbe Bewusstsein sehen und dementsprechend handeln; sie werden herausfinden, dass das mental-psychische Bewusstsein die Körperphysiologie beeinflussen und umwandeln kann, und die medizinischen Theorien entsprechend anpassen; Männer und Frauen werden durch höhere Werte motiviert sein, was ihre wirtschaftlichen Bedürfnisse und die Wirtschaftstheorie drastisch verändern wird; sie werden psychisches Wachstum als evolutionäre Transzendenz begreifen und Methoden und Institutionen entwickeln, die nicht nur Gefühlskrankheiten heilen, sondern das Bewusstseinswachstum fördern; Erziehung wird als eine Disziplin zum Erreichen von Transzendenz betrachtet werden – vom Körper zum Geist zur Seele -, weshalb man die Erziehungstheorie und die ihr dienenden Institutionen reformieren wird, mit besonderer Betonung der hierarchischen Entwicklung; man wird in der Technologie ein geeignetes Hilfsmittel zur Transzendenz und nicht nur einen Ersatz dafür sehen; Massenmedien und drahtlose Telekommunikation sowie neuartige Verbindungen zwischen Menschen und Computer werden als Vehikel eines vereinigenden Bewusstseins genutzt werden.

Das Weltall wird nicht nur als lebloses Ding „da draußen“ gelten, sondern auch als Projektion der inneren oder psychischen Räume, und wird entsprechend erkundet werden; der Mensch wird geeignete Technologien benutzen, um die Austauschvorgänge auf der materiellen Ebene von chronischer Unterdrückung zu befreien; Sexualität wird nicht nur ein Spiel mit dem Fortpflanzungs- und Geschlechtstrieb sein, sondern die Ausgangsbasis für Kundalini-Sublimierung zum Eintritt in psychische Sphären – was zu einer entsprechenden Anpassung der Ehepraktiken führen wird; die Menschheit wird kulturell/nationale Unterschiede als absolut akzeptabel und wünschenswert ansehen, diese Unterschiede jedoch vor dem Hintergrund eines universalen und gemeinsamen Bewusstseins sehen und daher radikalen Isolationismus oder Imperialismus als verbrecherisch betrachten. Die Menschheit wird ferner alle Menschen als eins im GEIST ansehen, allerdings nur potentiell als eins im GEIST, und daher jedem Individuum Anreize geben, diesen GEIST hierarchisch zu aktualisieren, wodurch sinnlose und unverdiente „Ansprüche“ begrenzt werden; sie wird die tranzendente Einheit der Dharmakaya-Religionen erkennen und daher alle echten religiösen Präferenzen respektieren, sektiererische Behauptungen, über den „einzig richtigen Weg“ zu verfügen, aber verurteilen; der Mensch wird erkennen, dass Politiker, wenn sie alle Aspekte des Lebens verwalten wollen, auch ihr Verständnis für und ihre Beherrschung aller Aspekte des Lebens demonstrieren müssen – vom Körper zur Seele zum GEIST.