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18.11.2017 : 12:48 : +0100

Schattenboxen

Nicole Fegley

Unter einer Decke mit deinem so genannten Feind

(Quelle: integralLife.com, Sleeping With Your So-Called Enemy)

Nicole Fegley

Unter einer Decke mit deinem so genannten Feind ist eine Praxisübung, wie man über seine eigenen politischen Ansichten hinausgelangen kann, hin zu den “Anderen”. Die eigenen Perspektiven erweitern sich, werden so umfassend wie möglich, und ermöglichen damit die mitfühlendste Entscheidung des eigenen Lebens.

Wie kann ich mit all den Emotionen umgehen, im Zusammenhang mit der bevorstehenden Wahl? Wie kann ich besser verstehen, warum einige Menschen eine völlig andere Meinung als ich zu wichtigen Fragen haben, die unser Land betreffen? Wie kann ich meine Widersacher besser verstehen und gleichzeitig leidenschaftlich für das eintreten, woran ich glaube?

Egal wie laut du schreist, und egal wie viel Schmerz und Emotionen du erlebst, es wird weiterhin Menschen geben, die eine völlig andere Meinung haben als du, und du wirst sie nicht überzeugen können.

Nehmen wir einen tiefen Atemzug, dies ist eine wirkliche Herausforderung. Es geht um die Schwierigkeiten dabei ... das, was weh tut, deine Erfahrungen von Ohnmacht, Zorn, Abgetrennt-Sein, Angst, Abscheu, Empörung, oder was immer du dabei erlebst. Es ist völlig normal und in Ordnung diese Gefühle zu haben, doch sie müssen dich nicht beherrschen oder lähmen. An diesem Punkt setzt die Praxis an. Wir hoffen, dass du dadurch mehr Freiheit für dich und dein Gefühlsleben erfährst, aber auch mehr Freiheit um dich zu engagieren, um zuzuhören, und letztendlich dabei weißt, dass, was auch immer am Ende auch geschieht, es wird OK sein – jedenfalls relativ OK.  

1. Wähle eine Persönlichkeit des politischen Lebens, deren Überzeugungen den deinen entgegengesetzt sind.

2. Gehe zu YouTube (oder vor den Fernseher) und betrachte sorgfältig ein Video, [Film oder einen Beitrag] mit dieser Person.

3. Schreibe, während du das Video betrachtest, und auch nachher alles das auf, was du hörst und was dich stört. Mache dies so vollständig wie möglich, und kümmere dich nicht darum zu streng oder zu kleinlich dabei zu sein, beschreibe alles, was dir auffällt so ausführlich und genau wie möglich.

4. Wenn du mit der Liste fertig bist, dann wähle zwei oder drei Dinge aus der Liste, die dich am meisten bei den Äußerungen dieses Menschen stören oder ärgern.  

5. Nimm dir diese Punkte dann einzeln vor, und schreibe auf, warum dich das stört. Jetzt ist die Zeit, wo du deine Meinung über diese Person zum Ausdruck bringen kannst, also nutze sie. Erlaube dir all deine Emotionen dabei, und versuche sie zu verstehen und zu ergründen. Zum Beispiel ... “Ich finde diesen Menschen unerträglich, weil er Abtreibung unter Strafe stellen möchte, was eine Abschaffung grundlegender Verfassungsrechte von Frauen bedeutet, und keine Regierung hat das Recht, in den Körper einer Frau einzugreifen.“ Wenn du das, was dich bewegt formuliert hast, dann lies dir noch einmal durch, was du aufgeschrieben hast, und versuche dabei einen Perspektivwechsel vorzunehmen.

6. Jetzt stehe bitte auf und laufe im Raum umher, oder bewege auf eine andere Art deinen Körper. Tue etwas, wobei du dich ganz bei dir fühlst, bewege deinen Körper, und verlasse die Sitzposition, in der du etwas aufgeschrieben hast.

7. Setze dich an einen anderen Platz im Raum wieder hin, schließe deine Augen, konzentriere dich auf deinen Atem, und hole dir vor dein inneres Auge den Menschen, mit dem du dich in dieser Übung beschäftigst. Fühle diesen Menschen so wie er oder sie sich selbst fühlt, so gut dir das möglich ist. Stelle dir vor dieser Mensch zu sein, du läufst gewissermaßen in seinem oder ihren Schuhen, sprichst mit seiner oder ihrer Stimme, bringst dich wie er oder sie zu Ausdruck, und betrachtest die Welt durch seine oder ihre Augen. Wenn du dabei spürst, wie sich dein Körper zusammenzieht, dann sei wieder ganz bei dir, nimm einen tiefen Atemzug, und konzentriere dich auf den Atem. Wenn du soweit bist, dann fühle dich noch einmal in den anderen Menschen ein. Mache diese Übung für mindestens 5 Minuten oder auch länger, wenn dir danach ist.

8. Wenn du damit fertig bist, dann bewege dich noch einmal durch den Raum, kehre wieder zu deinen eigenen Erfahrungen zurück, und setze dich wieder auf den Platz, auf dem zu Beginn der Übung gesessen hast. 

9. Nimm dir jeden der Punkte, die dich am meisten aufregen, nacheinander vor, und schreibe all deine Gründe auf, warum dieser Mensch so fühlt oder redet wie der oder sie das tut. Beispielsweise gibt es religiöse Überzeugungen, die einen Fötus als ein menschliches Wesen ansehen, und daher ist dieser Mensch der Überzeugung, dass die Regierung die Rechte aller Menschen, einschließlich des Fötus, schützen sollte. Nimm dabei jede emotionale Ladung wahr, die dabei in dir auftaucht. Lasse die Ladung einfach hochkommen und da sein, sie ist in Ordnung, nimm dir die Zeit die du brauchst dafür, und kehre dann zur Übung zurück. Wenn du so weit bist, dann lies noch einmal deine eigenen Aufzeichnungen durch.

10. Nimm dir noch einmal für vielleicht 2 Minuten die Zeit, um dich in den anderen Menschen und in seine oder ihre Beweggründe einzufühlen. Du musst nicht damit übereinstimmen, doch versuche dich darin einzufühlen, und dies (aus) zu halten.

11. Betrachte nun noch einmal deine Aufzeichnungen, die du während der Übung gemacht hast. Suche in deinen Aufzeichnungen etwas, ein Thema oder Prinzip, mit dem du dich identifizieren kannst. Vielleicht kannst du dich damit identifizieren, dass dein Opponent der Überzeugung ist, dass die Regierung die Rechte von Menschen schützen sollte. Du stimmst vielleicht nicht mit den daraus folgenden Ableitungen dieses Menschen überein, aber du kannst dich mit dem allgemeinen Prinzip identifizieren, das dabei zum Ausdruck gebracht wird.

12. Reflektiere über dein Erleben bei der Beantwortung der folgenden Frage: Gibt es in deinem eigenen Leben Lebensumstände und Erfahrungen, die zu der Haltung geführt haben, die du einem bestimmten Thema gegenüber einnimmst? Kannst du dir vorstellen, dass es auch anders hätte sein können? Inwieweit haben diese Übung und Praxis zu einer anderen Sichtweise gegenüber der Welt geführt, und dir zu mehr Freiheit und Bewusstheit im politischen Austausch verholfen? 

 

Erinnern wir uns daran: es geht nicht darum, dass du deine Meinung änderst, oder dich den Argumenten deines Opponenten annäherst, doch durch das Aufmerksamwerden auf Gemeinsamkeiten können wir innehalten, uns ein wenig entspannen, und uns bewusst machen, dass es unter uns Menschen als Mitglieder von politischen Parteien und politischen Systemen gemeinsame Ziele geben könnte.

Wiederhole diese Praxis nach Bedarf und Motivation.

Durch die Wiederholung wird es dir möglich sein, auch inmitten emotionaler Kontraktionen aufmerksam zu sein, z. B. wenn du Nachrichten schaust, oder Debatten und Reden zuhörst und vielleicht auch gegenüber den oppositionellen Stimmen in dir selbst.

Mache diesen Selbstversuch.

Spüre wenn dich etwas zusammenzieht, wenn intensive Emotionen auftauchen, oder wenn du den Fernseher anschreist, und versuche dich dann daran zu erinnern, was du in dieser Übung gelernt hast.

Bemerke die Gemeinsamkeiten in dem, was du dir anschaust, und lasse die natürlichen Unterschiede der Werte und Glaubenssysteme, die nicht verschwinden werden, in einer immer größeren Geräumigkeit von Bewusstheit und Verlangen in dir entstehen, eine Bewusstheit und ein Verlangen, das uns alle miteinander verbindet.

Es geht um die Freiheit des Menschseins. Menschsein schließt Emotionen, Unstimmigkeiten, Glaubensvorstellungen und Werte mit ein. Es ist wichtig, diese unsere Erfahrungen im Rahmen einer regelmäßigen Praxis zu untersuchen, um sicherzustellen, dass wir nicht in schmerzlichen Mustern und begrenzten Vorstellungen stecken bleiben, die nicht mehr zu uns passen. Unnötiges Leid kann entstehen, wenn wir nicht bemerken, dass wir uns verrannt haben und feststecken. 

An dieser Stelle kommt die Freiheit ins Spiel. Zusätzlich zur Übung mit dem, was wir als menschliche Wesen in unserer Einmaligkeit tagtäglich erfahren, können wir auch lernen in der geräumigen Freiheit und Beweglichkeit zu ruhen, die unsere wahre Natur ist, als unser aller gemeinsamer Seinsgrund.


Quelle: Online Journal 16