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23.4.2017 : 15:48 : +0200

Mystik und Glauben, der Zustandsweg und der Strukturweg des Erwachens und das Wilber-Combs Raster

Einleitung von Michael Habecker

Seit der Differenzierung zwischen einem Zustandsweg des Erwachens, wie ihn die kontemplativ-mystischen Traditionen und Religionen beschreiben, und einem Struktur(entwicklungs)weg des Glaubens, wie ihn die westliche (Entwicklungs-) Psychologie beschreibt, ist es möglich, Mystik und Psychologie zu vereinigen und ein deutlicheres Bild von dem zu erhalten, was religiös-spirituelle Erfahrungen ausmachen. Eine derartige Unterscheidung hat Wilber in seinem Werk schon in frühen Büchern wie in Der glaubende Mensch vorgenommen, und dann immer weiter entwickelt, bis hin zu einer „Wilber-Combs Matrix“, in der diese Unterscheidung explizit sichtbar wird.

In einer Einführung zu einem Audiodialog The Sacred Heart of Christianity“ zwischen Ken Wilber und Roland Stanich, geschrieben von Corey de Vos[1], wird dieser Differenzierungsmeilenstein anhand zweier Pioniere erläutert: James Fowler für den Entwicklungsstrukturweg des Glaubens und Evelyn Underhill für den mystischen Zustandsweg.

Vollständig menschlich: James Fowlers Stufen des Glaubens

 

Abb. Dr. James Fowler

Dr. James Fowler III ist Professor für Theologie und menschliche Entwicklung an der Emory Universität. Bis zu seiner Pensionierung 2005 war er Direktor des Center for Research on Faith and Moral Development und des Center for Ethics bis. Er ist Pfarrer der United Methodist Church und wurde bekannt durch sein Buch Stufen des Glaubens, das er 1981 veröffentlichte. In diesem Buch untersucht er die Entwicklung des menschlichen Glaubens.

„Glauben kann man charakterisieren als einen integralen, zentrierenden Vorgang, der unseren Vorstellungen, Werten und Bedeutungen zugrunde liegt, und der (1) dem menschlichen Leben Kohärenz und Richtung gibt, (2) Menschen in Loyalität und Vertrauen miteinander verbindet, (3) persönliche Standpunkte und gemeinschaftliche Überzeugungen in einem größeren Bezugsrahmen gründet und (4) es Menschen ermöglicht, den Begrenzungen eines menschlichen Lebens zu begegnen, bei einer Bezugnahme zum Absoluten ... Die Entwicklungsstufen haben das Ziel, die Muster des Wissens und Wertens zu beschreiben, die unserem Bewusstseins zugrunde liegen.“ 

 

Hier nun eine Zusammenfassung von Fowlers Entwicklungsstufen in seinen eigenen Worten[2]

Ursprünglicher Glaube (Stufe 0): „Im Säuglingsalter, der Zeit von der Geburt bis zum Alter von zwei Jahren, finden wir einen undifferenzierten Glauben. In dieser Zeit gibt es noch keine Sprache und kein konzeptuelles Denken. Das Baby bildet ein Grundvertrauen zu seinem in-der-Welt-Sein. Es bildet auch erste Vor-Bilder über Gott und das Heilige und die Welt, in der es sich befindet. Auf der Grundlage dieses Grundvertrauens oder dessen Fehlens baut sich aller weiterer Glaube auf. Zukünftige religiöse Erfahrungen bestätigen dieses Grundvertrauen oder stellen es (wieder) her.

Intuitiv-projektiver Glaube (Stufe 1): „Die erste Stufe nennen wir intuitiv/projektiver Glaube. Dieser ist charakteristisch für ein Kind im Alter zwischen zwei und sechs oder sieben Jahren. Es handelt sich dabei um sich dynamisch verändernde und entwickelnde Glaubensvorstellungen, die gekennzeichnet sind durch das Auftauchen von inneren Bildern und Vorstellungskraft. Das Kind verfügt dabei noch nicht über eine Logik, um seine Vorstellungen oder Fantasien zu hinterfragen [sondern nimmt sie als gegeben hin]. Der Geist des Kindes befindet sich gewissermaßen noch in einer ‚religiösen Schwangerschaft’. Es ist immer wieder erstaunlich, wenn wir in unseren Untersuchungen und Interviews feststellen, wie sehr die eindrucksvollen und sich über lange Zeit auswirkenden Erfahrungen und Vor-Bilder, die das Kind vor Erreichen des sechsten Lebensjahres hat, sich auf das Glaubensleben dieses Menschen in seinem späteren Leben auswirken, sowohl im Positiven wie auch im Negativen.“

Mythisch-wortwörtlicher Glaube (Stufe 2):"Die zweite Stufe bezeichnen wir als mythisch/wortwörtlicher Glaube. Dabei entwickelt das Kind einen Umgang mit der Welt und eine Bedeutungsfindung, die es ihm jetzt erlaubt die vorhergehende Stufe der Vorstellung und Fantasie zu untersuchen und kritisch zu hinterfragen. Das Geschenk dieser Entwicklungsstufe sind textliche Erzählungen. Das Kind kann nun große Berichte und Schilderungen erfassen und wiedergeben, und so zu einer Bedeutungsfindung für sich selbst gelangen. Dabei entsteht eine textlich-literarische Qualität. Das Kind ist jedoch noch nicht in der Lage, aus den Geschichten gewissermaßen herauszutreten und deren Aussagen kritisch zu hinterfragen. Für das Kind sind die Symbole und Mythen wortwörtlich real und führen es zu einer tieferen Ebene der Bedeutungsfindung.

Synthetisch-konventioneller Glaube (Stufe 3): „Die darauffolgende dritte Stufe nennen wir synthetisch/konventioneller Glaube, der typischerweise im Alter von zwölf oder 13 Jahren aufzutauchen beginnt. Diese Stufe ist gekennzeichnet durch das, was Piaget das formal-operationale Denken nennt. Dies bedeutet, dass wir jetzt in der Lage sind, über unser eigenes Denken nachzudenken. Zu dieser Zeit entwickelt ein Mensch seine oder ihre Identität, und achtet dabei sehr auf die Einschätzungen und Rückmeldungen aus seiner Umgebung. Wir bezeichnen diese Stufe mit synthetisch/konventionell; synthetisch nicht im Sinne von künstlich, sondern weil die inneren Vorstellungen und Werte zu einer eigenen Identität zusammengefügt werden. Eines der Kennzeichen dieser Stufe ist die Tendenz, das Gottesbild aus den Vorstellungen einer Beziehung zu bilden. Gott wird dabei oft als Freund, Gefährte und als eine persönliche Wirklichkeit erfahren, zu der man in Beziehung steht, und die einen kennt, wertschätzt oder liebt. Der eigentliche religiöse Hunger des Erwachsenwerdens besteht darin, einen Gott zu haben, der mich kennt, mich liebt und schätzt und der für mich, meine Identität und meinen Weg in der Welt Halt und Stütze ist.

Auf jeder der Entwicklungsstufen von Stufe 2 an aufwärts finden wir Erwachsene, die durch diese Stufen beschrieben werden, so auch auf Stufe 3. Es gibt viele Menschen innerhalb und außerhalb der Kirchen, deren Religiosität sich im Jugendalter dieser Stufe gebildet hat und an der sie festhalten.“

Individuativ-Reflektiver Glaube (Stufe 4): „Stufe 4, für diejenigen, die sich bis dorthin entwickeln, ist gekennzeichnet durch das Heraustreten aus dem Kreis interpersoneller Beziehungen, die bis dahin sein Leben getragen und unterstützt haben. Das hat als eine Konsequenz die schwierige Reflektion über das eigene, jetzt eigenständige Selbst unabhängig von der Gruppe, der es angehört(e), zur Folge, einschließlich der gemeinschaftlich geteilten Weltsichten in dieser Gemeinschaft. Ich zitiere an dieser Stelle gerne Santayana, der sagte, dass wir nicht wissen, wer das Wasser entdeckte, dass wir aber sicher sein können, dass es kein Fisch war. Menschen auf der Entwicklungsstufe 3 sind wie Fische im Wasser. Das Wasser trägt sie. Die Entwicklung zu Stufe 4 bedeutet ein Heraustreten aus dem Wasser und eine Reflektion über das Wasser. Viele Menschen schaffen diesen Sprung nicht und bleiben zwischen Stufe 3 und Stufe 4 hängen. Der Übergang zu Stufe 4 beginnt beim jungen Erwachsenen, manchmal schon im Alter von siebzehn Jahren, oft jedoch später, und wird meist nicht vor dem fünfundzwanzigsten Lebensjahr abgeschlossen. Manche Menschen machen diesen  Übergang auch erst im Alter von dreißig Jahren, was ihn noch schwieriger macht, weil sie sich als Erwachsene bereits eine feste Identität und Existenz geschaffen haben. Ihre Beziehungen müssen dann im Lichte der neuen Entwicklungsstufe umgestaltet werden. In Stufe 4 geht es um Grenzen: Wo höre ich auf, und wo beginnst du? Wo hört eine Gruppe, der ich aus Überzeugung und mit Authentizität angehören kann, auf und wo fängt eine andere Gruppe an? Hier geht es um Authentizität und ein Zusammenpassen von dem, wie ein Mensch sich selbst fühlt und den ideologischen Anforderungen an ihn.“

Verbindender Glaube (Stufe 5): „Etwa im Alter um fünfunddreißig oder vierzig Jahren erfahren einige Menschen eine Veränderung, die wir mit dem Begriff verbindender Glaube bezeichnen, eine Art des Glaubens der Lebensmitte. Während Stufe 4 darum bemüht ist klare Grenzen und eine Identität aufzubauen, geht es bei Stufe 5 um mehr Durchlässigkeit. Bewegt man sich auf die Stufe 5 zu, dann beginnt man zu erkennen, dass es mehr gibt als das seiner selbst bewusste Selbst. Es gibt darüber hinaus ein Unbewusstes. Viel von meinem Verhalten und meinen Reaktionen ist geformt von Aspekten meiner Selbst, derer ich mir nicht bewusst bin. Weiterhin gibt es eine vertiefte Bereitschaft für eine Beziehung zum Göttlichen, die sowohl Platz hat für das Geheimnisvolle, Unerreichbare und Merkwürdige, als auch für die göttliche Nähe und Klarheit. Stufe 5 ist auch die Zeit, bei der ein Mensch bereit ist, das soziale Unbewusste genauer zu untersuchen, die Mythen, Tabus und Grundsätze, die wir mit der Muttermilch aufgenommen haben und die unser Verhalten zutiefst geformt haben. Durch deren Untersuchung werden wir bereit für eine neue Art von Beziehung zu Menschen und Gemeinschaften, die anders sind als wir. Wir sind nun in der Lage Bündnisse und Verbindungen außerhalb unserer Stammesgötter und unserer Stammestabus zu schaffen. Auf Stufe 5 erwacht der Mensch zum Paradox. Er begreift, dass Wahrheit viele Dimensionen hat, die zueinander in einer widersprüchlichen Spannung stehen.“

Universeller Glaube (Stufe 6): „Einige wenige Menschen, so haben wir herausgefunden, erreichen noch eine weitere Entwicklungsstufe, die Stufe 6, die wir mit universellem Glauben bezeichnen. In gewisser Weise können wir das Leben auf dieser Stufe mit dem beschreiben, was die Christen und die Juden als das Leben im „Königreich Gottes“ nennen. Ich möchte dies jedoch nicht auf christliche oder jüdische Vorstellungen beschränken. Was diese Menschen [in allen Kulturen] dabei erfahren ist eine Bewegung, die wegführt vom Selbst als dem Zentrum der Erfahrung. Die Erfahrung ist die einer Teilhabe am Göttlichen oder der letztendlichen Wirklichkeit. Figur und Hintergrund werden vertauscht. Sie sind zu Hause in etwas, was ich als das Gemeinwesen aller Wesen bezeichne. Wir erleben diese Menschen zum einen als durchlässiger und einfacher als wir es sind, und zum anderen als auf eine intensive Weise befreit und befreiend. Ich denke dabei an Luther King Jr. in seinem letzten Lebensjahr. Ich denke an Thomas Merton. Ich denke an Mutter Teresa von Kalkutta. Ich denke an Dag Hammerskjold und Dietrich Bonhoeffer in den Jahren seiner Gefangenschaft. Diese Menschen haben auf eine Weise das Selbst überwunden und sind dem Göttlichen nahe. In dieser Nähe erleben wir sie gleichzeitig sehr lebendig und kraftvoll. Sie haben eine Eigenschaft, die ich als bedeutende Bedeutungslosigkeit bezeichne. Ihre ‚Subversivität’ zeigt uns unsere [faulen] Kompromisse als das, was sie sind.“

 

Diese Stufen des Glaubens passen gut zu den vielen anderen Modelle menschlicher Entwicklung, wie sie von den großen Entwicklungspsychologen der Welt erstellt wurden, einschließlich Jean Piaget, Lawrence Kohlberg, Abraham Maslow, Clare Graves, Jean Gebser, etc. Jedes dieser Modelle untersucht jeweils einen Aspekt von „Intelligenz“ oder psychologischen Wachstums, (z. B. Kognition, Werte, Motivationen, emotionale und psychosexuelle Entwicklung usw.), und die Entfaltung geschieht dabei in einer klar sequentiellen Reihenfolge – was bedeutet, dass ein Mensch „höher“ in einer Entwicklungslinie und „niedriger“ in anderen Linien entwickelt sein kann, dass jedoch alle Stufen nacheinander durchlaufen werden müssen und keine übersprungen werden kann. Man kann beispielsweise nicht von Fowlers Stufe 2 (mythisch-wortwörtlicher Glaube) zu Stufe 6 gelangen (universeller Glaube), ohne sich vorher durch die drei dazwischen liegenden Hauptstufen hindurch zu entwickeln, ein Prozess, der bei Erwachsenen Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dauern kann.

Abb.: Entwicklungsebenen und Entwicklungslinien (zum Vergrößern Bild in der linken Spalte anklicken)

Diese psychologischen Modelle bieten uns eine umfassende Landkarte menschlicher Entwicklung und menschlichen Wachstums in seinen unterschiedlichen Dimensionen. Jede nachfolgende Bewusstseinsstufe führt zu mehr Komplexität, zu einem umfassenderen Verständnis der Welt um uns herum und zu mehr Liebesfähigkeit, Mitgefühl und Verbundenheit. Durch den Aufstieg in der Spirale psychologischer Entwicklung zu immer höheren Bewusstseinsebenen wird die Menschheit zunehmend menschlich

Vollständig Göttlich: Evelyn Underhills Mystik

Evelyn Underhill (1875-1941) war eine anglikanische Autorin, die durch ihre zahlreichen Werke über Religion und spirituelle Praxis bekannt wurde. Sie stützte sich dabei auf Hunderte unterschiedlicher Quellen, und formulierte daraus ihre eigene Version einer universellen Schematik spiritueller Erfahrungen. Ihr Grundlagenwerk Mystik (ein Begriff, den Evelyn als „die unmittelbare Erfahrung Gottes“ definierte) gilt als eine klassische Abhandlung über die Untersuchung der individuellen Reise zu Gott und wird lediglich, was die Öffentlichkeitswirkung der Denker und Denkerinnen des frühen 20sten Jahrhunderts betrifft, von Aldous Huxley's 1946 erschienenen Klassiker Die ewige Philosophie übertroffen.

Abb.: Evelyn Underhill

Underhill charakterisiert den spirituellen Weg als eine Entfaltung durch fünf Hauptbewusstseinszustände:

Erwachen, Reinigung, Erleuchtung, dunkle Nacht und Vereinigung.

  • Erwachen: Es fängt an mit einer ersten Ahnung einer absoluten oder göttlichen Wirklichkeit, und eine spirituelle Identität beginnt sich zu formen. Diese Erfahrung ereignet sich oft plötzlich und ziemlich dramatisch und wird meist eingeleitet durch eine existentielle Krise oder ein starkes Verlangen.

"Das was der Dienende sah, hatte weder eine Form noch irgendein Sein; und doch hatte er daran eine so große Freude, wie wenn er alle freudvollen Dinge in ihren Gestaltungen gesehen hätte. Sein Herz war hungrig, und doch erfüllt, seine Seele war voller Zufriedenheit und Freude; seine Gebete und Hoffnungen waren erfüllt worden.“ Heinrich Seuse (ein Schüler von Meister Eckhart)

  • Reinigung: Sich zum ersten Mal der göttlichen Realität bewusst werdend und der unermesslichen Distanz, welche diese von einer endlichen Existenz trennt, versucht man den Abstand durch eine disziplinierte Praxis zu überbrücken – eine Reinigung des sterblichen Selbst, um es für das spirituelle Selbst vorzubereiten.

"Wir müssen alle Dinge lassen und uns ihrer entäußern, und davon Abstand nehmen irgendetwas als das unsere zu beanspruchen."

Theologia Germanica (eine Abhandlung aus dem 14ten Jahrhundert, die oft Meister Eckhart zugeschrieben wird).

  • Erleuchtung: Eine intime Kenntnis der Wirklichkeit, eine bestimmte Wahrnehmung des Absoluten – aber noch keine Vereinigung damit; eine Bewusstheit einer transzendenten Ordnung und eine Vision eines Universums durchdrungen von göttlicher Liebe.

"Alles in der vergänglichen Natur entspringt aus dem, was ewig ist, als ein fühlbarer und sichtbarer Ausdruck davon, so dass, wenn wir das Grobstoffliche, den Tod und die Dunkelheit der Zeit davon unterschieden, wir darin dasjenige finden, was ewig ist ... . In der Ewigen Natur, dem Himmelreich, steht die Materie im Leben und im Licht; es ist der glorreiche Körper des Lichts, das Gewand, in welches das Licht gekleidet ist, und es hat daher alle Eigenschaften des Lichtes in sich, unterschieden vom Licht nur dadurch, dass es das Gefäß ist für alle seine Farben, Kräfte und Eigenschaften. " William Law (Englischer Geistlicher und Theologe).

  • Dunkle Nacht der Seele: Der Sprache des Johannes vom Kreuz entlehnt, kennzeichnet dieser Zustand die endgültige und vollständige Reinigung und ist charakterisiert durch Verwirrung, Hilflosigkeit, Willensstagnation und einem Gefühl des Rückzuges der göttlichen Gegenwärtigkeit. Es ist die Periode der endgültigen „Entselbstung“ und der Hingabe an die verborgene Absicht des göttlichen Willens.

Herr, da du mir nun alles entzogen hast, was ich von dir habe, so laß mir doch aus Gnade dieselbe Gabe, die du von Natur einem Hunde gegeben hast, nämlich: daß ich dir treu sei in meiner Not ohne jeden Überdruß. Dies ersehne ich mit Sicherheit inniger als dein Himmelreich."
Mechthild von Magdeburg (Mystikerin des Mittelalters und Nonne des Zisterzienserordens)

  • Vereinigung: Nichtduale Einheit mit Gott, der zeitlosen, geliebten Absoluten Wirklichkeit – das spirituelle Selbst ist permanent verwirklicht, und das endliche Selbst ist befreit zu einem neuen Leben. Erfüllt mit dem göttlichen Willen taucht es in die Welt der Erscheinungen ein, um das Ewige in der Zeit zu verkörpern, als ein Mittler zwischen der Menschheit und der Ewigkeit.

“Wenn die Liebe uns über alle Dinge hinausgetragen hat in die göttliche Dunkelheit, dann sind wir dort verwandelt durch das Ewige Wort als ein Bild des Vaters; und so wie die Luft von der Sonne durchdrungen ist, so empfangen wir in Frieden das über alles Verstehen hinausreichende Licht, welches uns entfaltet und durchdringt.”

Jan van Ruysbroeck (Flämischer Mystiker des 13. Jahrhunderts)

"Darüber hinaus sehen diese Mystiker im historischen Leben von Christus ein Leitbild – oder, wenn man so will, ein Beispiel – des Wesens eines spirituellen Lebens. Man sieht dort nicht nur den kosmischen Prozess göttlicher Weisheit dramatisiert, sondern auch die innere Erfahrung einer jeden Seele auf ihrem Weg zur Vereinigung mit dem Absoluten ‚zu der sich die ganze Schöpfung hinbewegt’. Dies ist der Grund, weshalb die Ausdrücke für die Evolution des mystischen Bewusstseins von der Geburt des göttlichen Funkens der Seele bis hin zur endgültigen Vereinigung mit dem Absoluten Leben immer wieder als ein Glaubensdrama beschrieben werden. Dieses Drama versinnbildlicht die notwendige abenteuerliche Reise des GEISTES. Seine verborgene und bescheidene Geburt, seine Erziehung in Armut, seine Versuchungen, Reue und Einsamkeit, sein ‚erleuchtetes Leben’ des Dienens und der Kontemplation, seine Verzweifelung in der ‚dunklen Nacht der Seele’, in der es vom Göttlichen verlassen zu sein scheint: der schmerzvolle Tod des Selbst, und die glorreiche Wiederauferstehung auf dem Weg zur Vereinigung, und schließlich das Aufgehen in der Quelle – all dies, so wird gesagt, nahm seinen Ausgang in einem Leben im Fleisch. Darüber hinaus wird die Übereinstimmung der individuellen Erfahrung mit diesem Muster als ein Zeichen von Gesundheit, Leidenschaft und als ein Erfolg der transzendenten Aktivitäten gesehen.“

Evelyn Underhill 

Als eine bemerkenswerte Synthese von zweitausend Jahren christlicher Mystik finden wir die Klassifizierung erwachter spiritueller Zustände von Underhill in den esoterischen Lehren praktisch aller Weltreligionen wieder. Es gibt viele tiefreichende Gemeinsamkeiten in den Schriften und Lehren der am meisten verwirklichten Mystiker der Geschichte, im Osten wie im Westen. Auch wenn die Ausgestaltung, die Sprache, die Symbolik und der allgemeine Tenor dieser spirituellen Zustände von Kultur zu Kultur stark variiert, so geben uns die Ähnlichkeiten insgesamt ein bemerkenswertes Bild der himmlischen Zustände – in ihrer Beschreibung spiritueller Wirklichkeiten als ein Spiegelbild der Hauptzustände des Bewusstseins, die wir jeden Tag erfahren. Auch wenn wir diese Zustände noch sehr viel feiner unterteilen und beschreiben können, genügt uns für den Zweck unserer Darstellung hier als ein Minimum eine Einteilung in vier Kategorien wie folgt:

Reinigung betrifft im Wesentlichen die fleischlichen Instinkte und inneren Zwänge, wie sie typisch sind für die grobstofflichen Zustände unseres gewöhnlichen Wachzustands­bewusstseins.

Erleuchtung steht für das innere Licht und die Visionen, wie sie typisch sind für die subtilen Zustände des Traumbewusstseins.

Die Dunkle Nacht der Seele ist ein stilles Echo in der Leere eines kausalen Zustandes im tiefen traumlosen Tiefschlaf.

Vereinigung symbolisiert den auf eine Weise noch schwerer zu fassenden, jedoch immer vorhandenen nichtdualen Zustand, in dem Leere als Form und Form als Leere erkannt wird, als die radikale „Nicht-Zwei-heit“ aller Dinge.

Vollständig menschlich, vollständig göttlich: Das Wilber-Combs Raster

Underhill fährt fort:

„Mystiker können auf Symbole und Bilder nicht verzichten, auch wenn sie gegenüber ihren Erfahrungen immer unzulänglich bleiben: wenn eine Erfahrung kommuniziert werden soll, dann muss sie ausgedrückt werden, durch Hinweise oder Beispiele, welche die schlafende Intuition der Hörer oder Leser weckt, auch wenn sich die Erfahrung letztendlich nicht beschreiben lässt.“

Es reicht nicht aus, unmittelbare Erfahrungen spiritueller Wirklichkeiten zu machen, so überwältigend und lebensverändernd diese auch sein mögen. Es geht auch darum diese Erfahrungen korrekt zu interpretieren und in sich aufzunehmen, bevor sie gegenüber der Welt kommuniziert werden können. Was wäre wohl aus Moses berühmter Erfahrung mit dem brennenden Dornbusch geworden, wenn er nicht mit den zehn Geboten wieder vom Berg herabgestiegen wäre, ein Stein gewordener göttlicher Wille und eine Skulptur, welche Tausende von Jahren westlicher Geschichte als Interpretationsgrundlage diente? Was hätten die Erfahrungen der Teresa von Avila von einer „Inneren Burg“ der Welt genützt, wenn sie diese Erfahrungen transzendenter Visionen nicht in das Gewand von Sprache gekleidet hätte, um damit den Bauplan des Himmelreiches für alle sichtbar zu machen? Würden wir überhaupt derartige Diskussionen hier führen, wenn Christus seine Offenbarung in der Wüste zurückgelassen hätte, für immer verweht im sonnenverbrannten Sand, ohne in die Welt zurückzukehren, um einer der historisch größten Beispiele göttlicher Liebe zu werden? Unsere inneren Zustände müssen der Welt gegenüber interpretiert und kommuniziert werden. In unseren Herzen brennend und uns in unseren Träumen verfolgend drängen sie uns, einen Weg zu finden, um sich durch uns auszudrücken – und dieser Vorgang des Ausdrucks und der Kommunikation hängt praktisch vollständig ab von der Stufe unserer vertikalen Bewusstseinsentwicklung.


Abb.: Wilber Combs Raster (zum Vergrößern Bild in der linken Spalte anklicken)

Diese vertikalen Entwicklungsstufen entsprechen einem Bewusstseinscontainer. Es sind unsichtbare Strukturen und Muster, die unser Wissen und unsere Interpretationen formen und damit auch die Welt um uns herum und in uns. Horizontale Zustände demgegenüber sind die Erfahrungsinhalte selbst – grobstoffliche, physische und emotionale Erfahrungen; subtile Visionen, Inspirationen und Offenbarungen; kausale Einblicke von Transzendenz, Klarheit und Leerheit; nicht-duale Zustände von radikaler Einheit, Flows und Versöhnung. Auch wenn eine spirituelle Praxis wie Meditation oder das kontemplative Gebet typischerweise vorübergehende Zustände in andauernde Eigenschaften verwandeln, durch die in dieser Reihenfolge erfolgende Stabilisierung von grobstofflichen, subtilen, kausalen und nichtdualen Zuständen, erfahren wir diese horizontalen Zustände nicht auf die gleiche stark sequentielle Weise wie die vertikalen Entwicklungsstufen. Zustände sind immer-gegenwärtig, das heißt Menschen zu allen Zeiten haben zu ihnen Zugang – in „Gipfelerfahrungen“, welche in unsere persönliche Geschichte mit Augenblicken der Katharsis, Erscheinungen, Klarheit und Einheit plötzlich einbrechen. Dies ereignet sich unabhängig vom Stand unseres psychologischen oder spirituellen Wachstums – ein Mensch kann einen subtilen Zustand göttlicher Erleuchtung früh im Leben erfahren, z. B. auf Fowlers Stufe 2 eines mythisch wortwörtlichen Glaubens und dann Jahrzehnte später wieder, nachdem er oder sie sich zu Fowlers Stufe 6 entwickelt hat (Universeller Glaube). Auch wenn die phänomenologischen Zustände dabei ähnlich sind, liegt zwischen beiden eine gewaltige Bedeutungs- und Kontextkluft. Die Interpretation unterscheidet sich dabei dramatisch in Abhängigkeit von der Entwicklungsstufe. Auf der höheren Stufe wächst mit dem Gefühl der Verantwortung die Klarheit, beide Arten von Erfahrung voneinander zu unterscheiden.

Sogar diejenigen, die eine nicht-duale Bewusstheit mehr oder weniger permanent verwirklicht haben – die integrative Vereinigung von Selbst und Anderem, Form und Leere, dem Zeitlichen und dem Ewigen –, auch diese Menschen müssen ihr vertikales Wachstum weiter fortsetzen. In der heutigen Welt vollständig erleuchtet zu sein bedeutet vollständig menschlich und vollständig göttlich zu sein, und das bedeutet wiederum, sich vertikal durch alle Entwicklungsstufen, die heute zur Verfügung stehen, hindurch zu entwickeln und die Meisterung der horizontalen Zustände, und sich dabei immer näher dem unerreichbaren Horizont menschlicher Entwicklung zu nähern. Tun wir das nicht, dann lassen wir einen wesentlichen Teil einer Welt aus, die „zu hoch“ für uns bleibt, und die damit die Wirklichkeit, mit der wir eins werden können, limitiert. Während uns die Bewusstseinszustände lehren, warum wir lieben sollen, bestimmen die Entwicklungsstufen, wen, was, wo, wann und wie wir lieben, mit einer zunehmenden Liebesfähigkeit des Herzens bei jedem Entwicklungsschritt. Vollständige Erleuchtung kann natürlich niemals erreicht werden, ebenso wie wir niemals sagen können, wir seien „vollständig gebildet“. Wir sind immer wieder herausgefordert über unsere Liebensfähigkeit hinauszugehen, unsere Herzen so weit wie möglich zu öffnen, über alle Grenzen hinaus. Es geht darum einfach zu lieben, und oft genug verweigern wir uns dabei. Und doch werden wir geliebt genau so, wie wir sind, gebrochen, unvollständig und vollkommen.

Nur durch einen wahrhaft umfassenden Ansatz gegenüber unserem psychologischen und spirituellen Leben können wir die ganze Komplexität menschlichen Lebens verstehen. Eingebunden in das Informationszeitalter erleben wir die einander widersprechenden Weltsichten, Interpretationen und Erfahrungen von jeder der Koordinaten des Wilber-Combs Rasters aus, die wir so erstmals erkennen können – unterschiedliche Welten, Wirklichkeiten und Perspektiven ringen darum, auf demselben Planeten miteinander zu existieren. Spannungen und Dissonanzen entstehen und verbreiten sich zwischen den Entwicklungsstufen und bilden die Grundlage für jeden nur vorstellbaren religiösen Konflikt: moralischer Absolutismus versus moralischer Relativismus; exoterische Religion versus esoterische Religion; „Neuer Atheismus“ und der Krieg gegen die Religionen; Kulturkriege zwischen traditionellen, modernen und postmodernen Weltsichten; unvorstellbare Gewalt im Namen Gottes; religiöser Fundamentalismus und Verfolgungen; Terrorismus und verzweifelte Selbstmordattentate, usw.

Wir brauchen derartige umfassende Ansätze, um die Rolle der Religionen als die historisch größte Quelle sowohl von Leiden als auch von Befreiung zu verstehen. Dies hilft uns auch, die spirituellen Traditionen auf den neuesten Stand zu bringen, so dass sie in der Lage sind einen Weg anzubieten, der über den religiösen Fundamentalismus und Fanatismus hinaus führt – und Menschen vertikal durch die Entwicklungsstufen von magisch, mythisch, rational, pluralistisch und integral führt, und auch durch die horizontalen Zustände des Grobstofflichen, Subtilen, Kausalen und Nichtdualen, und noch weiter zum unbegrenzten Herzen menschlicher Möglichkeiten.

Durch das Verstehen und die Verkörperung dieser zwei Richtungen menschlichen Wachstums und spiritueller Offenbarung können unser sterbliches und unser unsterbliches Herz wahrhaft eins werden und dem Pfad folgen, den Christus uns vor zweitausend Jahren vorausgegangen ist, um so unser evolutionäres Erbe zu erfüllen, welches seit Jahrmilliarden im Werden begriffen ist – vollständig menschlich und vollständig göttlich zu sein, mit dem seligen Gefühl der Einheit zweier Herzen, die als ein Herz schlagen.


[1] Quelle: http://integrallife.com/editorial/fully-human-fully-divine

[2] http://jmm.aaa.net.au/articles/18316.htm


Quelle: Online Journal 18