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17.10.2017 : 17:00 : +0200

Die maßlose Natur des Geistes

Andrew Cohen

von Andrew Cohen

 

Liebes Integrales Forum,

vielen Dank für Eure mutigen Bemühungen einen so wichtigen Dialog anzuregen, und vielen Dank auch für die Einladung daran teilzunehmen. Dieser Dialog MUSS geführt werden, um einen gemeinsamen Weg zu finden, auf dem wir uns weiterentwickeln können – einen Weg der Entwicklung, den die meisten von uns als richtig und angemessen empfinden. Offensichtlich ist dieses Thema sehr komplex und herausfordernd, und es wird noch schwieriger aufgrund der Tatsache, dass die Kultur sich weiterentwickelt und wir als Individuen danach streben uns selbst innerhalb der Kultur und ihren entwickeltsten Formen weiterzuentwickeln. Ich habe Euer Positionspapier sehr sorgfältig gelesen und stimme mit den meisten Eurer Gesichtspunkte überein. Genau genommen habt Ihr viele der relevanten Fragen, die uns heute beschäftigen, darin eingebracht und mit der einzigartigen Klarheit der integralen Sichtweise beleuchtet. Da ich grundsätzlich mit Euch übereinstimme, denke ich, dass ich nicht durch das Gleiche durchgehen muss, was ihr schon dargelegt habt. Ich möchte einige Punkte hinzufügen, von denen ich glaube, dass sie so wichtig sind, dass sie Teil des Bildes sein sollten. Ich hoffe, diese Punkte werden den Dialog, den Ihr begonnen habt, bereichern und vertiefen.

Zuerst möchte ich klar sagen, dass meine Sichtweise bei diesem Thema zur Gänze von einer evolutionären Weltsicht getragen ist. Gleichzeitig kommen meine Gedanken und Ansichten aus einer eindeutigen Haltung, die zuallererst den GEIST, das Absolute oder Nicht-Relative – immer als etwas Höheres begreift. Aus dieser Perspektive betrachtet sie die Welt der relativen (jedoch nicht unwichtigen) Unterscheidungen.

Teil I

Integrale Spiritualität und das Absolute

Die Kraft, Größe und unschätzbare Bedeutung einer integralen Weltsicht liegt in ihrer Fähigkeit, zu fast jedem Thema viele verschiedene Sichtweisen einzubeziehen, ohne wichtige Unterscheidungen zu verwässern. Das ist eine wunderbare (und die Welt transformierende) Fähigkeit, die bis jetzt noch keine Philosophie erreicht hatte. Mein eigenes Denken ist durch den integralen Blick so erleuchtet worden, dass es für mich heute schwierig ist, mich daran zu erinnern, wie die Welt ausgesehen hat, bevor ich anfing mit der außerordentlichen Klarheit dieses Blicks zu sehen. Es ist eine wirklich umfassende Perspektive, die immer die Einbeziehung der multidimensionalen Komplexität der Realität des Selbst, der Kultur und des Kosmos betont.

Aber wie unser Freund und integrale Mentor Ken Wilber so oft erklärt hat, bringt jeder große Schritt nach vorn auch eine neue Ebene von Herausforderungen und Problemen mit sich. Die integrale Perspektive setzt ein hohes Maß an kognitiver Entwicklung voraus und erfordert eine Fähigkeit des rationalen Denkens, deren Intensität und Engagement weit über dem Durchschnitt liegen. Eine der größten Stärken und eines der sichersten Anzeichen des aufgeklärten Denkens von Menschen, die wirklich ein integrales Verständnis entwickelt haben, ist ihre außergewöhnliche Fähigkeit unterschiedliche Perspektiven einzunehmen und gleichzeitig in ungewöhnlichem Maße in ihren eigenen höheren menschlichen Qualitäten fest verankert zu sein. Dies geschieht fast immer aufgrund ihrer weit entwickelten Fähigkeiten zur Selbstreflexion und Selbsterkenntnis.

Diese weit entwickelten Fähigkeiten für höhere Erkenntnis und rationales Urteilsvermögen offenbaren uns so vieles vom Inneren und Äußeren unseres Kosmos, aber sie können paradoxerweise auch manche seiner tieferen und höheren Dimensionen verdecken. Das ist offensichtlich kein neuer Gedanke. Alle großen Mystiker der Geschichte haben genau diesen Punkt klar und deutlich zum Ausdruck gebracht: Um das Angesicht Gottes wirklich zu sehen und zu erkennen, muss man in der Lage sein, den mechanischen Zwang des kognitiven Prozesses vollkommen zu transzendieren. Dabei entdeckt man paradoxerweise, dass der Grad, bis zu dem man in der Lage ist die zwanghafte Identifizierung mit dem Denken als Selbst tatsächlich zu transzendieren, auch der Grad ist, in dem man fähig wird, die Kräfte des höheren Urteilsvermögens und der Rationalität als den inspirierten Ausdruck des GEISTES-in-Aktion zu nutzen.

Angesichts vieler der wirklich wichtigen Fragen, die Ihr zur Sprache gebracht habt, sehen wir uns einer enormen Herausforderung gegenüber. Auf der einen Seite können wir diese Fragen auch nur aus einer integralen Sicht in einer ansatzweise angemessenen Weise behandeln. Auf der anderen Seite sind es vielleicht einige subtile Annahmen dieser integralen Sicht selbst, die die Fähigkeit hemmen, einige wichtige Dimensionen dieser Herausforderung mit einzuschließen.

Nur eine integrale Sicht besitzt die Fähigkeit zu erkennen, dass der spirituelle Impuls in der Menschheit durch einen komplexen Prozess der kulturellen Entwicklung über eine Periode von etwa 5000 Jahren hindurch in seinen ganz unterschiedlichen Formen und Ausprägungen – sowohl traditionell als auch mystisch – Ausdruck gefunden hat. Aus diesem Grund können wir nun damit beginnen, die Frage zu stellen, was zum jetzigen Zeitpunkt der Geschichte ein wahrhaft angemessener Ausdruck des religiösen und mystischen Impulses ist.

Wie Ihr klar aufzeigt, hat die beginnende Moderne während der Aufklärung den fortgeschrittensten Teil der Menschheit von den Begrenzungen der mythischen Denkweise und des philosophischen und religiösen Dogmas der kirchlichen Institutionen befreit. Die Moderne befreite unseren Geist, so dass er auf den Flügeln der Vernunft und einer befreiten Leidenschaft für die Erkenntnis der Wahrheit zu nie dagewesenen Höhen aufsteigen konnte. Die Revolution der Moderne war eine Reaktion auf die psychische Kontrolle und den mythischen Absolutismus einer veralteten und überholten religiösen Weltsicht, die den menschlichen Drang zu Erneuerung und Entwicklung nicht mehr länger zurückhalten konnte. Das, was ich den evolutionären Impuls nenne, konnte einfach nicht gestoppt werden, und – wie alle Menschen mit einem integralen Verständnis wissen – diese große Revolution war ein enormer Schritt nach vorn. Sie ist es noch immer. Die großen sozialen und persönlichen Freiheiten, die durch die postmoderne Revolution entstanden, waren nur aufgrund der enormen kulturellen Veränderungen der Moderne möglich.

Wenn man darüber nachdenkt was die angemessene Rolle des GEISTES in unserem Selbst und in der Kultur (und auch bei spirituellen Lehrern) ist, gibt es meiner Meinung nach für integral Denkende die besondere Herausforderung, dass das integrale Denken in subtiler und manchmal nicht so subtiler Weise an einem ähnlichen Misstrauen gegenüber dem Absoluten leidet. Das ist ein sehr spannendes Dilemma. Warum? Weil wir natürlich die großen aufgeklärten Wahrheiten der Moderne und der Postmoderne mit einschließen müssen, aber gleichzeitig sicherstellen sollten, dass unsere inspirierte Rationalität die wahre Natur des GEISTES – der so, wie ich ihn hier beschreibe, immer nicht-relativ oder absolut ist –, nicht versehentlich überschattet und unwissentlich verleugnet.

Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich sagen: Wenn unsere unmittelbare Einsicht in eine höhere Intuition und ein erleuchtetes Gewahrsein nicht stärker ist als unsere Fähigkeiten zu höheren intellektuellen Einsichten und der Einnahme verschiedener Perspektiven, dann wird die Rationalität zwangsläufig über die stets maßlose Natur des GEISTES die Oberhand behalten. („Maßlos“ bezieht sich hier auf die unbegrenzte, uneingeschränkte und nicht vorstellbare Natur des GEISTES). Eigentlich ist der Tanz zwischen der überwältigenden Maßlosigkeit Gottes als das Absolute und der ständigen Entwicklung unserer menschlichen Fähigkeit zu immer höheren, umfassenderen und subtileren kognitiven Potenzialen die Evolution des GEISTES in der Welt. Ich glaube, dass dieser Tanz jedoch vom „Zuviel- Sein“ Gottes geführt werden muss, um in der Evolution der Menschheit authentische und entscheidende Entwicklungsschritte nach vorn zu ermöglichen. Ich spreche hier vom Erwachen zu unserem eigenen wahren Selbst als GEIST, unterstützt durch den Verstand – und nicht andersherum (nicht unser eigenes wahres Selbst als Verstand, inspiriert vom GEIST). Aber in unserem gelebten Leben ist das ein heikler und zutiefst herausfordernder Balanceakt.

Ein integrales Verständnis bereitet uns nicht unbedingt adäquat darauf vor, mit den Feinheiten der höheren und gleichzeitig tieferen Dimensionen des Selbst umgehen zu können. Intellektuell mit unseren höheren Fähigkeiten vertraut zu sein, ist etwas ganz anderes, als in diesen Fähigkeiten tatsächlich unseren Schwerpunkt zu haben. Wie Ken Wilber bei zahlreichen Gelegenheiten betont, ist „die Landkarte nicht die Landschaft“, etc. Wie Ihr bereits in Eurem Positionspapier hervorgehoben habt, wird diese Frage unendlich komplex, weil die seltene Errungenschaft eines höheren Bewusstseinszustandes im Kontext einer niedrigeren kulturellen Entwicklungsstufe und/oder innerhalb einer Psyche, die sich in vielerlei Hinsicht ihrer eigenen Motive noch nicht bewusst ist, auftreten kann und es oftmals auch tatsächlich tut. Aber dieses offensichtlich problematische Hindernis der Entwicklung darf den grundsätzlichen Punkt, den ich hier anzusprechen versuche, nicht verdecken. Nur wenn die nicht-relative Natur des GEISTES den Tanz der psychologisch-sozialen-spirituellen Evolution auf der integralen Stufe anführt, können wir verhindern, dass diese Entwicklung aufgrund der starken Kräfte, die unseren Geist ursprünglich aus der Bindung des mythischen Denkens befreit haben, gehemmt wird.

Teil II

„Translative Spiritualität“ versus „transformative Spiritualität“

Es gibt noch einige weitere Punkte, die ich als so wichtig ansehe, dass sie in die Diskussion eingebracht werden sollten. Der erste ist Kens überaus wichtige Unterscheidung zwischen dem, was er „translative Spiritualität“ und „transformative Spiritualität“ genannt hat. [s. den Artikel „Eine Spiritualität, die transformiert“ in der 1. Ausgabe der deutschsprachigen EnlightenNext, ehemals What Is Enlightenment?: www.wie.org/de/j1/wilber.asp] Ersteres bezieht sich auf die überaus wichtige Rolle und Funktion, die die Religion in der Geschichte gespielt hat, indem sie einen Rahmen für die Interpretation der menschlichen Erfahrung in der Beziehung zwischen Kosmos und Kultur geboten hat. Und letzteres weist auf die Durchbrüche mystischer Erkenntnis hin, die die zeitweilige oder dauerhafte Transformation zu höheren Stufen und Zuständen des Bewusstseins katalysieren. In meiner eigenen Lehre von Evolutionary Enlightenment versuche ich wirklich beide Funktionen zu erfüllen. Meine Lehre ist transformativ, weil das Erwachen zum erleuchteten Gewahrsein die Grundlage jeder authentischen höheren spirituellen Transformation ist. Sie ist translativ (oder übersetzend), weil sie deutlich macht, dass wir zumindest in diesem besonderen Moment der Geschichte an der Spitze der Entwicklung keine neuen Entwicklungsmöglichkeiten finden werden, wenn wir nicht individuell und kollektiv für unsere gemeinsame kulturelle Situation – als etwas, das wir selbst sind – Verantwortung übernehmen und uns verändern..

In jedem Fall müssen wir spirituelle Lehrer immer mit Bezug dazu sehen und daraufhin beurteilen, was sie tatsächlich erreichen wollen. Ist ihre Lehre translativ? Oder transformativ? Und wie tief und grundlegend ist die Veränderung, die sie in Bezug auf Translation und Transformation bewirken wollen? Sind sie im Grunde darauf fokussiert, das persönliche Leben der Menschen entscheidend zu verbessern? Oder versuchen sie, Menschen auf einer so tiefgreifenden Ebene radikal zu transformieren, dass dadurch als Resultat auch unsere gemeinsame Kultur – zumindest bis zu einem gewissen Grad – verändert wird? Wenn wir über den Wert der Arbeit irgendeines spirituellen Lehrers (oder das Ausmaß seines Versagens) nachdenken, muss hier auch die Frage betrachtet werden, wie weit sie Menschen in ihrer Entwicklung tatsächlich bringen wollen und wie wichtig es ihnen ist, dass es ihnen gelingt. Nicht alle Wege, Praktiken, spirituellen Lehrer oder Meister bringen die Menschen ans gleiche Ziel. Wenn wir eine neue moralische Vereinbarung über unsere gemeinsame Weiterentwicklung mit einem breiten Konsens formulieren wollen, müssen wir beständig im Blick haben, wo wir eigentlich hin wollen. Ich spreche das an, weil ich denke, dass dieser so wichtige Punkt oft von vielen Menschen unhinterfragt vorausgesetzt wird. Wohin wir zu gehen versuchen, ist nicht unbedingt für alle Menschen der gleiche Ort, und das Ziel selbst könnte sich genau in diesem Moment weiterentwickeln! Die Bedeutung spiritueller Verwirklichung oder Erleuchtung und das Ziel der spirituellen Praxis verändern und entwickeln sich gemeinsam mit der Kultur. Wohin wir gehen, kann sich erheblich von dem Ort unterscheiden, den andere erreicht haben, selbst in jüngster Vergangenheit. Um mich mit diesen Herausforderungen und oft auch verwirrenden Fragen auseinanderzusetzen, gründete ich vor vielen Jahren als junger Lehrer ein Magazin unter dem Namen „What Is Enlightenment?“. 

Meister, Lehrer & Coaches und die Komplexität von spiritueller Hierarchie

Noch eine weitere wichtige Frage muss hier bedacht werden: Was hat der Lehrer selbst verwirklicht? Ist er/sie ein spiritueller Lehrer oder ein spiritueller Meister? Das ist nicht das Gleiche. Ein spiritueller Lehrer oder Coach ist, mehr oder weniger, ein Mensch, der einige Jahre Erfahrung in spiritueller Übung und einer speziellen Schule des Dharma oder der spirituellen Philosophie hat, und der sogar Augenblicke des erleuchteten Gewahrseins erfahren haben mag. Manche sind immer noch inspirierte Suchende. Andere sind zwar immer noch inspiriert, aber nicht länger Suchende, weil sie sich dafür entschieden haben, sich irgendwo „auf halber Höhe des Berges“ niederzulassen. Sie sind „Fortgeschrittene auf dem Weg“ und daher in der Lage, hilfreiche, unterstützende und hoffentlich vertrauenswürdige spirituelle Weggefährten und Freunde zu sein. Aber sie sind noch nicht endgültig und für immer auf der „anderen Seite“ angekommen – um nie zurückzukehren.

Ein spiritueller Meister ist ein Mensch, der unverkennbar diesen Schritt getan hat. Das bedeutet, dass er oder sie nun auf einer prä-kognitiven Ebene mehr mit dem GEIST als Selbst identifiziert ist, als mit dem Verstand oder dem Ego. Ein spiritueller Meister erweckt ungewollt und spontan spirituelles Gewahrsein in anderen Menschen und inspiriert spirituelle Leidenschaft und Hingabe im Herzen und Geist ernsthaft Suchender. Es ist eine schwierige und zugegebenermaßen herausfordernde Wahrheit der Meisterschaft, dass solch ein Mensch zu einem Licht für sich selbst geworden ist. Es ist nicht möglich, ein Meister zu sein, wenn dies nicht der Fall ist, und, wie ich schon gesagt habe, ist der Grund dafür, dass ein Meister stärker mit der unendlichen und ungebundenen Natur des GEISTES als mit dem Verstand und dem Ego (seinem eigenen oder dem eines anderen) identifiziert ist. Deshalb kann im Endeffekt wirklich nur der GEIST selbst sein einziger Meister sein. Das liegt einfach in der Natur der Sache.

Spirituelle Coaches und Lehrer können nur immens davon profitieren, wenn sie Kriterien der Art erfüllen, wie Ihr sie in Eurem Positionspapier vorgeschlagen habt, wie zum Beispiel Teil eines engagierten und ernsthaften Kreises von Gleichgesinnten zu sein. Und es gibt viele Gründe, warum eine solche „peer group“ wichtig ist. Erstens, damit sie in ihrer eigenen weiteren Entwicklung vorankommen und darin unterstützt werden. Und auch, weil ihnen aufgrund der enormen Kraft und des Einflusses, die sie über das Denken und das Leben anderer Menschen haben, der (hoffentlich) höhere Geist der Gemeinschaft helfen wird, ihre eigenen niedrigeren Tendenzen und narzisstischen Impulse zu beherrschen. Aber mit Bezug auf spirituelle Meister stehen wir hier in der Tat vor einer schwierigen Frage. Warum? Da meinem Verständnis nach in dem Augenblick, in dem Schicksal und Karma zusammengekommen sind, um die einzigartigen Bedingungen für einen tiefgreifenden Entwicklungssprung zu schaffen, sich auf der seelischen Ebene dieses Menschen etwas Geheimnisvolles ereignet. Ob man bereit ist oder nicht (was auch immer das bedeutet) wird dieser Mensch ein eigenständiger Ausdruck des GEISTES-in-Aktion – mit allen menschlichen Fehlern und Mängeln. Innerhalb eines integralen Rahmens schließt das den persönlichen Schatten, kulturelle Vorurteile und narzisstische Impulse mit ein, die zum Zeitpunkt der individuellen Erleuchtung immer noch aktiv und unbearbeitet sind. Die letzten 40 Jahre in der Geschichte der „EastmeetsWest“-Spiritualität sagen uns, dass das genauso zu sein scheint. In einfachen Worten bedeutet dies: Ja, sogar irgendwie verrückte und/oder unwissende Menschen können tatsächlich sehr erleuchtete Menschen werden. Können solche Menschen ihre Mängel und evolutionären blinden Flecken überwinden? In einer perfekten Welt wäre die Antwort ja, aber in der realen Welt ist das unwahrscheinlich. Das hat einen einfachen Grund: Sie sind bereits so fest auf der anderen Seite des Egos verankert, dass sie zu Recht oder zu Unrecht wahrscheinlich niemals den evolutionären Antrieb spüren werden, den Andere aufgrund ihres Bedürfnisses nach moralischer oder psychologischer Entwicklung erfahren. Dies ist nur eine der großen Herausforderungen in dieser wichtigen Diskussion. Natürlich gibt es – und gab es auch in der Vergangenheit – spirituelle Meister, die hoch integrierte und moralisch entwickelte Menschen mit viel weniger Schatten und viel mehr Licht sind als die meisten anderen Menschen und die immer noch danach streben, sich weiterzuentwickeln. Also … ist es besser, mit einem spirituellen Lehrer oder Coach zu arbeiten, der unablässig an sich selbst arbeitet, oder mit einem spirituellen Meister, der fest auf der anderen Seite des Egos verankert ist? Offensichtlich hängt das von vielen Faktoren ab …

Ein anderer, sehr wichtiger und komplexer Teil in diesem Puzzle, das es hier zu bedenken gibt, ist die Frage der Hierarchie. Wie beurteilen wir, innerhalb einer integral verstandenen und evolutionär inspirierten Hierarchie, wer die intellektuell gebildetsten, emotional sowie moralisch entwickeltsten und tief spirituell erleuchtetsten Menschen sind? Die integrale Philosophie hat uns gezeigt, dass Menschen unterschiedliche Entwicklungslinien oder „natürliche Intelligenzen“ haben. Ein Coach kann also in einigen dieser höheren menschlichen Fähigkeiten weiter entwickelt sein als ein Meister oder ein Lehrer. Ein Lehrer kann weiter entwickelt sein als ein Meister, usw.

Die Evolution der Erleuchtung

Ein weiterer Aspekt, der mir hier offenkundig sehr am Herzen liegt, bezieht sich auf die Natur der Mystik und der Erleuchtung selbst. Die Mehrzahl meiner Dialoge mit Ken Wilber während der letzten 10 Jahre, die auf den Seiten von EnlightenNext veröffentlicht wurden, beziehen sich immer wieder auf ein einziges Thema: die Evolution der Erleuchtung. Wie ich seit vielen Jahren dargelegt und immer wieder neu formuliert habe, ist das Ziel der traditionellen Erleuchtung und des mystischen Erwachens die Verwirklichung, Transzendenz und Befreiung von der Welt des Verstandes, der Zeit und der Form. Ist das der philosophische Kontext, in dem man zu einem höheren Bewusstsein kommt, dann wird es innerhalb des Selbst eine starke Präferenz für das geben, was der Buddha das Ungeborene nennt, was einen unweigerlich über die Welt der Zeit und des evolutionären Werdens hinausweist. In diesem Kontext wird die Dringlichkeit, uns selbst zu vervollkommnen, stets vom mystischen Wissen übertrumpft, dass alles bereits vollkommen ist. Dies ist einer der Gründe, warum ich ein solch passionierter Fürsprecher einer evolutionären Spiritualität und einer evolutionär inspirierten Erleuchtung geworden bin. Denn aus dieser Perspektive gesehen ist die Evolution des Selbst die Evolution des GEISTES in der Form. Das bedeutet ein grundlegendes Erwachen zu der schockierenden Wahrheit, dass Gott nicht mehr und nicht weniger entwickelt ist, als du oder ich es in dieser Zeit sind. Dieser Denkansatz legt den Schwerpunkt in einer zutiefst positiven, philosophisch provokanten und moralisch herausfordernden Weise auf die Selbstkultivierung auf allen Ebenen, einschließlich der moralischer Entwicklung, der psychologischen Selbsterkenntnis und eines integralen Verständnisses, nicht zu reden vom Erwachen zu einem erleuchteten Bewusstsein!

Die Reise des Helden ist voller realer Gefahren

Es ist wichtig, so denke ich, zu sagen, dass ich nicht daran glaube, dass spirituelle Evolution jemals ein „sicheres“ Unterfangen war oder sein wird – für Schüler wie für Lehrer. Jede menschliche Beziehung, die eine ernsthafte Bindung beinhaltet, ist voller Gefahren. Auf beiden Seiten des Spektrums besteht die Gefahr der Desillusionierung und Enttäuschung. Wie oft wurde ich durch meine Lehrer enttäuscht und desillusioniert? Wie viele meiner eigenen Schüler haben mich enttäuscht und haben meinen Zweifel im Hinblick darauf, was Menschen erreichen können, herausgefordert? Wie viele meiner Lehrer habe ich wohl enttäuscht? Und wie viele Menschen, die ich über die Jahre hinweg gelehrt habe, haben sich durch mich im Stich gelassen und betrogen gefühlt? Egal von welcher Seite aus man darauf schaut, es ist ein sehr schwieriges und zutiefst herausforderndes Gebiet für jeden, der den Mut hat, sich wirklich auf eine psycho-spirituelle Evolution einzulassen.

Die Lehrer-Schüler-Beziehung ist eine sehr komplexe Sache! Denn sicher können wir Frustration und Desillusionierung erfahren und zwar aus gerechtfertigten Gründen, weil wir wirklich desillusioniert und/oder betrogen worden sind – der Schüler durch den Lehrer oder der Lehrer durch den Schüler. Und wir können genau dieselben Emotionen erfahren und zu genau der gleichen Schlussfolgerung gelangen, aus Gründen, die bei genauerer Nachforschung nicht gerechtfertigt sind. Vielleicht hat der Lehrer aus unterschiedlichen Gründen (psychologischen oder kulturellen) unrealistische Erwartungen an seine oder ihre Schüler. Oder er/sie stellt Anforderungen, die unvernünftig sind, aber aufgrund seines oder ihres Mangels an Selbsterkenntnis oder kultureller Entwicklung ist er/sie unfähig, dies zu sehen. Auf der anderen Seite kann ein Schüler eine tiefe Frustration oder intensive Verzweiflung erfahren, aufgrund seines oder ihres starken Widerstandes gegen die heroische Anstrengung, die nötig ist, um Erleuchtung zu verwirklichen, und macht andere für seinen oder ihren Mangel an Mut und moralischer Stärke verantwortlich. 

Die harte Wahrheit ist und wird immer bleiben, dass uns beständige und dauerhafte höhere Bewusstseinszustände und höhere Entwicklungsstufen nicht umsonst gegeben werden. Das Erreichen einer authentischen vertikalen Entwicklung erfordert enormes langfristiges Engagement und ein seltenes Maß an Hingabe, sowohl vom Lehrer als auch vom Schüler – eine gemeinsame Heldenreise, ganz klar! Das ernsthafte Bemühen um spirituelle Evolution bietet für alle Beteiligten keine Sicherheiten – und wie sollte das auch möglich sein? Letzten Endes ist die Evolution des GEISTES als wir selbst die am weitesten entwickelte Form dieses epischen Abenteuers. Wenn wir jemandem erzählen, wir wollen den Mount Everest besteigen, weiß jeder, dass es ein gewagtes und aufregendes Vorhaben voller Gefahren ist. Wenn wir zum Mars reisen wollen oder sogar die näheren Orte unserer eigenen Galaxie bevölkern wollen, wird das ein spannendes und gefährliches Abenteuer werden. Die Reise in den inneren Raum ist die spannendste Reise, die es gibt, aber sie war niemals und wird auch in Zukunft niemals ohne Gefahren sein. Wir alle arbeiten in diesem Prozess der spirituellen Evolution an unserer eigenen Psyche und das ist immer eine heikle Angelegenheit. So muss zumindest ein Teil dieser Diskussion die inhärenten Herausforderungen des spirituellen Abenteuers anerkennen und die Notwendigkeit für alle Beteiligten – sowohl Lehrer als auch Schüler – betonen, für diese wichtige Tatsache Verantwortung zu übernehmen.

In meinem eigenen Fall habe ich schon immer offen gesagt, dass ich ein Lehrer bin, der beabsichtigt „den ganzen Weg“ zu gehen, was auch immer das bedeutet, und ich lade andere ein, mit mir auf diese Reise zu kommen – wohin sie uns auch immer führen wird. Aufgrund dessen, wie sehr ich mich verpflichtet fühlte, darin erfolgreich zu sein, und wie sehr ich bereit war, dies mit Nachdruck zu verfolgen, kam es zu einigen echten Durchbrüchen, die sonst einfach nicht möglich gewesen wären. Trägheit ist nicht nur die Natur der Materie, sie ist auch eine der Eigenschaften und Tendenzen unserer eigenen Menschlichkeit – biologisch, psychologisch und sogar spirituell. Die evolutionäre Biologin Elisabet Sahtouris betont, dass „Stress das Einzige ist, wodurch Evolution entsteht“. Dies ist eine wichtige Information sowohl für spirituelle Lehrer als auch Schüler. Das individuelle Ego hasst natürlich Stress. Aber noch wichtiger ist, dass unser kulturell konditioniertes Selbst (traditionell, modern und, ja, auch postmodern) nur selten die evolutionäre Ausrichtung und den unvermeidbaren Stress wertschätzen, der nötig ist, um uns dazu zu bringen, alte Denkweisen hinter uns zu lassen und Raum für Neues zu schaffen. Psychologische, soziale und spirituelle Evolution verlangt immer, überholtes und in vielem nicht länger relevantes oder angemessenes Denken sowie Glaubenssätze und Konventionen darüber, was menschliches Leben bedeutet und wie es gelebt werden soll, hinter sich zu lassen. Wenn es, wie ich fest glaube, wahr ist, dass Stress oder das, was ich „evolutionäre Spannung“ nenne – und nicht Glückseligkeit oder spirituelle Einsicht – fast immer der eigentliche Katalysator einer höheren Entwicklung ist, dann taucht die offenkundige Frage zur Rolle des spirituellen Lehrers oder Meisters als Katalysator dieses Stresses auf. Und dies führt zur Frage, wie viel ist genug und wie viel ist zu viel? Darauf gibt es keine leichten Antworten. Die einfache Antwort ist natürlich, dass es dann genug ist, wenn das Ergebnis eine spürbare konkrete Evolution ist. Aber wenn der Einzelne sich immer weiter und weiter auf seine oder ihre eigene evolutionäre Grenze zubewegt und dann plötzlich nicht bereit ist weiterzugehen, sich weiter an seiner eigenen höheren Entwicklung bewusst zu beteiligen, könnte man das als „spirituellen Notfall“ bezeichnen, und manchmal kann das auch zu einem Zusammenbruch führen. Aber gleichzeitig ist dies genau die Schwelle, an der andere Menschen auf eine dramatische und unendlich inspirierende Weise ihr eigenes inhärentes Potenzial entdecken und sich auf der Ebene des Bewussteins auf eine Art weiterentwickeln, die sie sich selbst niemals hätten vorstellen können. In der translativen Spiritualität ist es unwahrscheinlich, dass diese Art von Stresspunkt jemals erreicht wird oder an die Oberfläche kommt. Und das ist auch sinnvoll. Aber in der transformativen Spiritualität ist das unvermeidlich, sogar wünschenswert.

Wie also vermeiden wir diesen unausweichlichen evolutionären Krisenpunkt an der Spitze unserer eigenen Entwicklung? Ich vermute, man müsste die transformative Spiritualität insgesamt meiden oder aber man übt sie mit extremer Vorsicht aus. Man muss in diesem Zusammenhang auch sagen, dass jene heroischen Menschen, die bedeutsame Durchbrüche zu höheren Zuständen und höheren Stufen machen, unweigerlich einen subtilen und tiefgreifenden Einfluss auf die Fortschritte unserer kulturellen Evolution haben. Aber wie hoch sind die Kosten dieser Durchbrüche? Sehr hoch, natürlich. Als ein Lehrer und Fürsprecher der translativen und transformativen Spiritualität zweifle ich nicht daran, dass wir alle ohne diese individuellen und kollektiven Schritte nach vorn nicht wirklich etwas Neues erreichen würden. Ich sehe, dass einige meiner eigenen Durchbrüche und Errungenschaften als Lehrer nun in die entwickeltsten Teile des kulturellen Zeitgeistes eingegangen sind. Der Grund dafür ist ihre kulturelle Relevanz für so viele andere nach vorne blickende Seelen an diesem so historischen Zeitpunkt. Wenn ich auf die beinahe 25 Jahre meiner Entwicklung als Lehrer zurückblicke, kann ich ehrlich sagen, dass es mir in einer demokratischen, spirituellen Kultur, in der Konsens regiert und die eine vollständige Kontrolle über meine Autonomie als Lehrer ausgeübt hätte, nie möglich gewesen wäre, das zu tun, was ich tun musste, um diese Durchbrüche zu erreichen. Das bedeutet nicht, dass der Gedanke der spirituellen Demokratie oder der kollektiven Prüfung und Standards wertlos oder nutzlos ist. Ganz im Gegenteil. Als Teil einer evolutionär inspirierten, integralen Zusammenschau dessen, was alles zum nächsten Schritt beiträgt, bin ich voll dafür. Aber wir sollten uns gleichzeitig der Tatsache bewusst sein, dass aus vielerlei Gründen, von denen ich einige bereits erwähnt habe, dies nicht automatisch die Bedingungen für all jene Möglichkeiten, von denen wir alle profitieren, hervorbringen wird.

Eine evolutionäre Weltsicht ermöglicht uns allen den nächsten Schritt

Als Ken Wilber und ich vor mehr als 10 Jahren mit unseren „Guru und Pandit“-Dialogen begannen, sprach nahezu niemand über Evolution im Zusammenhang mit dem Erwachen zu erleuchtetem Gewahrsein. Ich glaube, dass dies vermutlich aufgrund des Einflusses unserer Dialoge über die Evolution der Erleuchtung und auch durch meine eigene Arbeit und die einiger anderer, die verschiedene Formen der evolutionären Spiritualität lehren, mehr und mehr zum Allgemeingut geworden ist. Tatsächlich wird in diesen Tagen das Wort „evolutionär“ oft sogar vor das Wort „integral“ gestellt, wann immer es sich auf spirituelle Entwicklung bezieht. Das ist so wichtig, weil diese Diskussion überhaupt nur durch das tatsächliche Erwachen zu einer lebendigen evolutionären Weltsicht möglich wird. Nur wenn wir innerhalb eines Kontextes der kontinuierlichen individuellen, kulturellen und kosmischen Evolution auf spirituelle Verwirklichung und spirituelle Führung schauen, befinden wir uns in einer Position, wo wir alles offen anschauen und hinterfragen können. Und das ist der Grund, warum dies so ein spannender Augenblick für uns alle ist.

In der Tat ist dies eine aufregende und wichtige Zeit, weil so vieles möglich ist und unmittelbar bevorsteht, was noch vor ein paar Jahren undenkbar schien. So viele von uns entwickeln sich weiter, entfalten sich weiter, wachsen weiter. Das ist die geheime Zutat zu einer authentischen und bedeutsamen Entwicklung für das individuelle und das kollektive Selbst. Ich weiß, dass ich noch immer auf diesem Weg bin. Ich bin noch immer im Prozess, dorthin zu kommen. Und es ist mein ernsthaftes Bestreben, immer im Prozess auf dem Weg dorthin zu bleiben und nicht bereits angekommen zu sein. Der Buddha, fest und gelassen in voller Lotushaltung sitzend, ist die Metapher für die alte traditionelle Erleuchtung, für das „Verweilen am jenseitigen Ufer“; die Haltung der neuen Evolutionären Erleuchtung ist die des Eros, aufrecht stehend, den Bogen des Schützen bis zur maximalen Spannung gedehnt, jederzeit bereit für den vertikalen Take-off.

Andrew Cohen

Lenox, Massachusetts, 31. Mai 2010

 

(Ein Hinweis: Die englische Originalfassung des Textes können sie hier herunterladen.)