Sie sind hier: IF-HOME > Anwendungen > Religion / Spiritualität > Papier des IF zur Diskussion um spirituelle Lehrer > Antwort von Annette Kaiser
DeutschEnglishFrancais
29.3.2017 : 13:02 : +0200

Ein paar grundlegende Gedanken zur Spiritualität und dem LehrerIn-Sein

Anette Kaiser

Eine Hommage an Frau Irina Tweedie

von Annette Kaiser

Mehrmals wurde ich gefragt, ob ich nicht auch etwas beitragen möchte zur SIS-Diskussionsvorlage [Schule Integraler Spiritualität]. Ich habe alle Dokumente gelesen, auch die verschiedenen Antworten auf das SIS-Papier. Im Nachempfinden all dessen kam ich zum Schluss, dass mir Frau Tweedie über die Vermittlung der Sufi-Tradition viel Wertvolles mitgegeben hat, was hier von Interesse sein könnte. So beginne ich mit dem, was mir auf dem Weg mitgegeben wurde und fahre fort mit dem, was ich weiterentwickelt habe.

Spiritualität als Lebensweise und bewusstes Menschsein

Die Spiritualität wird in diesem Kontext als Lebensweise verstanden. Dabei geht es um bewusstes Menschsein. Es ist nicht einfach eine Praxis, die anzuwenden ist, sondern die Spiritualität wird umfassend verstanden im Sinne von Sein und Werden als eine Einheit, welche Gedanken, Worte und Tat vereint. Ziel der spirituellen Schulung ist es, präsent zu sein im jeden Augenblick und ein geführtes Leben zu führen. Ein geführtes Leben bedeutet hier, dem eigenen Licht zu folgen, d.h. aus dem großen ICH heraus zu leben, das all-eins ist und zugleich nichts, und die Ich-Kraft (in der heutigen Zeit) weltzentrisch wirken zu lassen. In meinem heutigen Verständnis verbindet eine solche Lebensweise die non-duale Bewusstseinsdimension mit der integralen Bewusstseinsebene. Was kompliziert klingt, ist in der Essenz einfach: Jetzt – genau so, von Moment zu Moment – die eine Wirklichkeit – worin alles und alle zugleich ist, untrennbar eins.

Spiritualität entwickelt sich

Die Spiritualität wird in diesem Kontext nicht als etwas Festes, Abgeschlossenes verstanden. Frau Tweedie sagte uns, dass die Essenz der Lehre zwar immerwährend ist, aber immer der jeweiligen Kultur und Zeit angepasst wird. Nach meinem Verständnis entwickelt sich selbst die Spiritualität. Für mich ist zurzeit spannend, die Bewusstseins-Dimension der Wirklichkeit an sich auszuloten. Stammelten die Mystiker früher über Das, was jenseits von Worten ist, so können andere und ich im „Erforschen“ des Gewahrseins „Qualitäten“ entdecken, die ich als sehr bedeutend erachte im evolutionären Kontext unserer Zeit.

Der spirituelle Lehrer als Spiegel und Katalysator

Wir sagen, dass es grundsätzlich so viele spirituelle Wege gibt, wie Atemzüge. Einen spirituellen Lehrer oder Lehrerin, erachten wir traditionell gesehen als wichtig oder hilfreich. Ein spiritueller Lehrer ist u.a. Katalysator und Spiegel. Bewusstseinstiefe und -weite (sprich Bewusstseindimension und Bewusstseinsstufe) können mit Frequenzen in Verbindung gebracht werden. Je tiefer und umfassender das Bewusstsein eines Menschen ist, desto höher dessen Frequenz. Die Bewusstseinsfrequenz wirkt. Auf diese Weise wirkt die Präsenz eines Lehrers, sie katalysiert, d.h. ist hilfreich bei der Transformation des Herzens. Die Funktion des Spiegels bedeutet, dass Menschen die Möglichkeit haben, sich so zu erkennen, wie sie wirklich sind. Es bedeutet auch, unbestechlich, unmittelbar gespiegelt zu werden, was zu wesentlichen Selbsterkenntnissen führt. Es ist Teil der Schattenarbeit.

Prüfen, was das Dasein des Lehrers bewirkt

Der Lehrer oder die Lehrerin wird in diesem Kontext als jemand geschildert, der keinen Namen und kein Gesicht hat. Ich denke, dass dies ein ganz wichtiger Aspekt ist. Es bedeutet grundlegend, dass der spirituelle Lehrer in seiner Erfahrung oder seinem Selbstverständnis niemand – in einem integralen Verständnis – ist. Dies bedeutet: keinen Kult, nicht einmal Verehrung – Respekt, selbstverständlich. Wir sagen, dass ein Lehrer geprüft werden soll. Zum einen geht es darum zu überprüfen, was das Dasein mit dem Lehrer bewirkt: Werde ich dabei in der Essenz friedlicher, ruhiger, klarer usw.? Zum andern gibt es vier grobstoffliche Aspekte zu überprüfen, die für jeden Menschen eine große Herausforderung sein können: Dies sind Geld, Besitz, Sex und Macht über andere Menschen – individuell wie kollektiv. In diesen vier Aspekten sollte der Lehrer klar und weise sein und handeln. Es gilt auch auf den feinstofflichen Ebenen zu überprüfen, ob das Lehrsystem frei ist, sich entwickelt, Reflektion möglich ist usw. Vielleicht muss ich hier zugleich anfügen, dass nicht immer das Offensichtliche das ist, was wirklich ist. Das Überprüfen selbst muss tiefgreifend sein. Wesentlich dabei ist ebenso die Resonanz im Herzen. Etwas im Menschen hüpft vor Freude oder Glückseligkeit bei einer wirklichen Begegnung mit einem spirituellen Weg und/oder Lehrer.

Sich ganz auf den Weg einlassen

Haben wir uns für einen Weg entschieden und damit vielleicht auch für den spirituellen Lehrer, welcher den Weg vermittelt, so ist es sinnvoll, sich ganz einzulassen. Dies bedeutet, dass wir die empfohlenen Übungen und Anleitungen ernst nehmen und bis ins feinste Detail anwenden und umsetzen. Es braucht dazu ein inneres Feuer, Durchhaltevermögen, Mut und Unerschrockenheit usw. Der spirituelle Lehrer kann auf diese Weise intensiv genutzt werden. Ein wirklicher spiritueller Lehrer oder eine Lehrerin hat nur ein Interesse, nämlich dass die Menschen erwachen und dies als Lebensweise, die inhärent dem Wohle aller Wesen dient, ausdrücken. Meistens arbeitet der spirituelle Lehrer mit Methoden, die im Alltag anzuwenden sind. Es gibt bewusstseinssammelnde Methoden, wie eine Mantra-Praxis, Atemschulung oder Achtsamkeitstraining – und bewusstseinsentleerende Methoden – wie das Einsinken in die Liebe, den Augenblick, was ein komplettes Loslassen von Gedanken, Vorstellungen usw. in einer Meditation z.B. bedeuten kann. Ein drittes Element ist der Bewusstseinserweiterung gewidmet, welches Licht- und Schattenarbeit mit sich selbst bedeutet, wodurch das Selbst- und Weltverständnis sich ständig erweitert und transzendiert. Hinzu kommt für mich heute die Schulung eines integralen Bewusstseins, das ich in einem evolutionären spirituellen Kontext verstehe. In unserem Verständnis ist es gut, wenn der Schüler so oft er kann mit dem Lehrer oder Lehrerin zusammensein kann. Es gibt auch Empfehlungen, wie wir mit den Anweisungen des spirituellen Lehrers umgehen können. Als erstes ist es wichtig, genau hinzuhören, was der spirituelle Lehrer sagt. Meistens hören die Menschen gar nicht richtig präsent zu oder hören nur, was sie gerade hören möchten. Dann gilt es dieses im eigenen Herzen zu bewegen und zu überprüfen. So kann keine Abhängigkeit entstehen und die Eigenverantwortung wird gefördert. Letztendlich muss der Schüler mit seinem eigenen Licht gehen, was immer dies meint. Aber natürlich muss dieses innere Licht bewusst und klar sein. Und dann tut der Schüler, was zu tun oder zu lassen ist. 

Vom äußeren zum inneren Lehrer

Der äußere spirituelle Lehrer hat die Aufgabe, auf den “inneren Lehrer“ seines Schülers zu verweisen. Wir sagen, dass eine vorübergehende Projektion auf den Lehrer oder die Lehrerin manchmal hilfreich sein kann. Diese Projektion muss aber zurückgegeben werden. Es geht darum, dass der Mensch erwacht, d.h. im integralen Verständnis bewusst wird.

Manchmal wird der Schüler zu einem anderen Lehrer oder einer Lehrerin geschickt. Ein spiritueller Weg hat einen bestimmten Duft. Wir alle kennen die drei Tore, die Ken Wilber als die drei Gesichter Gottes bezeichnet. Innerhalb jedes Tores gibt es wiederum Unterteilungen, wo z.B. mehr der Aspekt der Liebe oder Hingabe geschult wird, an einem andern Ort kommt die Schulung des Willens dazu oder das Umsetzen in die Manifestation usw. Da jeder Mensch einzigartig ist, ist auch sein spiritueller Weg einzigartig. Und manchmal ist es von grundlegender Bedeutung, wenn einem Schüler eine ergänzende Methode, Praxis oder Gesichtswinkel zur Verfügung gestellt werden kann. Gleichzeitig ist festzuhalten, dass ein spirituelles Window-shopping gar nichts bringt. Dies gilt übrigens auch für lauwarm Praktizierende: Das Resultat wird lau sein.

Jeder Praktizierende sollte von Zeit zu Zeit überprüfen, ob er sich wirklich weiterentwickelt, d.h. ob sich sein Herz transformiert. Dies ist einfach überprüfbar im Betrachten des Alltags: Ist mehr Frieden, Liebe und Weisheit da in der Partnerbeziehung, der Familie, im Betrieb oder am Arbeitsplatz, mit den Nachbarn usw.? Bin ich toleranter, respektvoller und kann ich besser kooperieren im Miteinander mit anderen Menschen? Ist mein Herz in seiner Öffnung so gewachsen, dass die ganze Welt, d.h. alle Menschen, Tiere, ja alle Wesen darin einen Platz haben? Und was tue ich als WeltbürgerIn ganz konkret? Wie trage ich bei, da doch alles untrennbar eins ist und zugleich transparent? Solche Rückfragen helfen bei der Überprüfung, ob ich auf dem richtigen spirituellen Weg bin.

Den Schatten beachten

Wichtig ist mir noch zu erwähnen, dass jeder spirituelle Weg, jeder spirituelle Lehrer und jede Lehrerin auch einen Schatten haben. Selbst die drei Gesichter Gottes, als Tore ins Eins-Sein, enthalten latent einen Schatten. So enthält das erste Tor mit der Frage „Wer bin ich?“ den möglichen Schatten, dass die Wurzeln des Narzissmus nicht wirklich transformiert werden. Im zweiten Tor ist es möglich, dass ein spirituell Suchender über die Hingabe ins DU, sich selbst nicht vollständig mittransformieren kann. Und im dritten Tor – der Vollkommenheit der Manifestation – ist das absolut Transparente der Materie oft schwierig in seiner ganzen Konsequenz zu erkennen. Aber auch die einzelnen spirituellen Wege haben oft einen erkennbaren Schatten. Vielleicht könnte man auch sagen, dass ein spiritueller Weg Stärken wie Schwächen aufweist. Ein Schatten entsteht dann, wenn eine Schwäche oder ein blinder Fleck nicht gesehen wird oder gar gesehen werden darf. Es ist eine reife Entwicklung, wenn z.B. ein Schüler einen Schatten beim spirituellen Lehrer wahrnimmt und diesen auf diese Weise stehen lassen kann – d.h. nicht verdrängt oder beiseite schiebt – und trotzdem den Respekt für den Lehrer bewahren kann. Ein spiritueller Lehrer muss nach meiner Meinung offen sein, sich mit anderen Menschen, die in einem ähnlichen Bewusstseinsfeld schwingen, auszutauschen und zu reflektieren. Das kann auch zur Spiegelung der eigenen Entwicklung genutzt werden. Nach meiner Ansicht ist ein spirituelles, integrales Bewusstsein dynamisch, d.h. das Sein vertieft und weitet sich im qualitativen Verständnis und setzt sich immer wieder neuwerdend in der Manifestation um. 

Das Lehrer-Schüler-Verhältnis entwickelt sich

Das Lehrer-Schüler-Verhältnis hat sich in der spirituellen Tradition, aus der ich komme, stark verändert. Ich spreche heute von Wegbegleitung. Für einige Menschen ist es ein Herzenswunsch, auf traditionelle Weise „geschult“ zu werden. Für andere Menschen ist dies in der heutigen Zeit nicht der richtige Ansatz. Aufgrund der eigenen Entwicklung habe ich deshalb im Jahr 2000 den Integralen Übungsweg – DO kreiert, worin auch Begleitung geschieht, aber auf andere Weise, mehr in einem WIR-Feld. Dann gibt es Menschen, die einfach in Retreats oder Seminare kommen und sich das zu holen, was sie jetzt gerade benötigen. Im traditionellen Sinne ist die Lehrer-Schüler-Beziehung wohl die schwierigste Beziehung überhaupt. Da sie so tiefgreifend ist, bedarf es großer Sorgfalt. Die Basis kann nur erwachtes Dasein sein, das alles aus bedingungsloser Liebe gibt im Verständnis, dass in Wirklichkeit nichts gibt, nichts nimmt. Diese Liebe will aus sich selbst heraus nur eines, dass alle Menschen erwachen. Manchmal werden auch rabiate Methoden angewandt, dies aber nur im äußersten Notfall, um Transformation zu ermöglichen. Ich spüre aber, dass sich diese Art der Schulung in der heutigen Zeit verändert. Das Gesamtbewusstsein der Menschheit ändert sich. Im tiefsten Innern weiß ich mit absoluter Gewissheit, dass gelebte Spiritualität etwas ganz Natürliches ist, die eines Tages nicht mehr speziell kultiviert werden muss. Jedes spirituelle Training ist, ganz weit betrachtet, auch ein Stück weit künstlich. Spiritualität führt letztlich dahin, wo sich Menschsein spontan und natürlich in jedem Moment im Miteinander ausdrückt. Noch werden wir nicht automatisch weise – also üben wir weiter.

Für eine Schule integraler Spiritualität und eine Meta-Sangha

Zum Abschluss möchte ich noch erwähnen, dass ich den tiefen Wunsch in mir hege, dass sich vermehrt die spirituellen Lehrer und Lehrerinnen in einem Miteinander verbinden. Ich finde, dass wir als Beispiel voranzugehen haben. Wie können wir wirkliche Kooperation von anderen gesellschaftlichen Gruppierungen erwarten, wenn wir dies selbst nicht tun? Eine Meta-Sangha (Terry Patten) könnte eine neue spirituelle Kraft entfalten, die viele Menschen zu erreichen und inspirieren vermag. Im Vordergrund stehen Kooperation, Toleranz und Respekt, die weltzentrisch und integral wirksam wird. In sich Sein und Werden vereinigend, aus natürlicher Begeisterung wirkend, absichtslos/absichtsvoll, im Verständnis eines Tun-Im-Nicht-Tun, vermag ein Kreativsein im Miteinander eine neue Basis für eine neue Zivilisation formen, die dem Wohle aller Wesen dient.

Interlaken, Dezember 2010

 

Annette Kaiser ist die spirituelle Leiterin der „Villa Unspunnen“ in der Schweiz und der „Windschnur“ in Deutschland. Sie wurde durch die englisch-russische Sufi Lehrerin Irina Tweedie autorisiert, und trägt diese Tradition in die heutige Welt. Sie ist verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder und lehrt hauptsächlich in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Sie ist Autorin von acht Büchern und entwickelte im Jahr 2000 den Integralen DO-Weg. Ihr größter Herzenswunsch ist die Manifestation einer transkonfessionellen Spiritualität in der Welt, basierend auf der Wirklichkeit der Einheit.

 

Webseiten:

www.villaunspunnen.ch

www.windschnur.de