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20.11.2017 : 4:43 : +0100

„… An den Früchten sollt ihr sie erkennen“

Helmut Dörmann

Stellungnahme von Helmut Dörmann

1. Eine Metapher

Vorab: Ich möchte die nachfolgenden Zeilen aus Gründen der Lesbarkeit in der männlichen Form schreiben und bitte Sie als Leserinnen und Leser hierfür um Verständnis.

Nehmen wir einmal an, wir seien Gärtner und hätten einen Garten mit Gemüse, Obstbäumen, Beerensträuchern und Blumen zu bestellen. Wenn ein Gärtner seinen Garten bestellt und er einen guten Ertrag möchte, braucht er Kenntnisse, Tatkraft und Hingabe. Vielleicht haben wir eine entsprechende Ausbildung absolviert. Oder wir haben es uns selbst beigebracht. Ist dem so, wissen wir, was es braucht, um eine gute Ernte und einen wunderbaren Blumengarten zur Entfaltung zu bringen. Wir wissen, wann wir die Bohnensamen in die Erde tun müssen und wir wissen, wie wir die jungen Pflanzen zu behandeln haben.

Wir kennen die Unkräuter ebenso wie die Einflüsse des Wetters. Desgleichen kennen wir Schädlinge und den Umgang damit. Wir wissen auch, wie viel Mühe und Liebe es unsererseits braucht und dass nicht wir es sind, die unseren Garten zum Wachsen und Blühen bringen. Ohne einen Gartenplan oder ein Konzept wird der Garten beliebig, Pflanzen stehen zusammen, die nicht zusammengehören und sich deshalb ungünstig beeinflussen.

Sehe ich das Positionspapier nun als Gartenplan für einen zu entwickelnden Garten, dann fällt auf, dass es einen theoretischen Hintergrund bildet, der Sinn zu machen scheint. Der „Plan“ ist gut geschrieben. Er entspricht einem integralen Denken des 21. Jahrhunderts. Doch für mich als Gärtner stellen sich Fragen wie: Ist das Positionspapier nicht eher ein Orientierungspapier? Was macht einen integralen Lehrer aus? Wird es zukünftig „gläserne“ integrale Lehrer geben? Und wie stehe ich ganz persönlich dazu? Wie ist das Papier zu bewerten? Welche Entwicklungen beinhaltet es? Wie kann es angewandt werden? Auf diese Fragen geht das Papier nicht ein. Kann es auch nicht, weil der Ansatz einfach so neu ist, dass es keine Vorbilder oder Gärtner gibt, die diesen Weg bereits beschritten haben. Als „spiritueller“ Gärtner möchte ich mich in meinem Beitrag deshalb diesen Fragen widmen ohne den Anspruch zu haben, die Antwort bereits zu kennen. Ich möchte Fragen stellen und das Papier möglichst konkret fassen. Ich wähle dabei nicht ohne Grund die Metapher eines Gärtners, sehe ich mich doch als spirituellen Lehrer mit einer Gärtnerseele.

2. Positionspapier oder „Orientierungspapier“?

Um es vorab ganz deutlich zu sagen: Ich begrüße es, dass der Vorstand des Integralen Forums ein Papier erstellt hat, das wesentliche Dinge einer integralen, evolutionären Spiritualität umfasst. Es ist ein Papier von hoher Güte. Ich teile grundsätzliche Dinge des Positionspapiers und praktiziere für mich selbst Teile der Integralen Lebenspraxis. In meinen Gruppenangeboten und Kursen ist die Integrale Lebenspraxis ein wesentlicher Bestandteil geworden. Ich unterstütze es, dass Lehrer aus verschiedenen Traditionen eingeladen sind, dazu Stellung zu nehmen. All das geht in eine gute Richtung und eine Diskussion hierüber tut dringend not. Ich würde es jedoch begrüßen, wenn das Positionspapier nicht zu hoch gehängt wird und nicht fundamentalistisch damit umgegangen wird. Das ist die die Befürchtung, die ich hege. Es entspricht vielleicht unserer deutschen Natur, alles gründlich zu machen und „festzuklopfen“. Aus diesen Gründen würde mir – zum jetzigen Zeitpunkt – der Begriff „Orientierungspapier“ besser gefallen. Denn erst einmal ist es ein Entwurf. Mir scheint, dass ein praxisbezogener und wahrhaftiger Austausch nicht nur nötig ist, sondern auch das Positionspapier und eine damit verbundene Schule für integrale Spiritualität lebendig werden lässt.

Wissenschaft und integrale evolutionäre Spiritualität müssen sich nicht widersprechen. Sie ergänzen sich und bringen zusammen, was zusammengehört. Ein wissenschaftlicher Ansatz entspricht auch unserer abendländischen Kultur. Es ist unser Erbe. Die fünf aufgeführten Punkte (im Teil 1) scheinen deshalb nicht nur Sinn zu machen, sondern sie können als eine Art Basiswissen für zukünftige integrale Lehrer gesehen werden. Spirituelle Lehrer aller mystischen Traditionen haben die Möglichkeit, sich daran zu orientieren und ihre Tradition in einem größeren Rahmen zu sehen. Dass Ken Wilbers „Integrale Philosophie“ sich hierfür bestens eignet, liegt auf der Hand. Niemand anderem ist es meines Wissens bislang gelungen, derart gute, umfangreiche und differenzierte Landkarten (wie Ken Wilber sie nennt) zur Verfügung zu stellen.

3. Der Begriff Spiritualität

Das Positionspapier definiert den Begriff „Spiritualität“ in einer post-postmodernen Weise und die Begriffe SEIN und WERDEN stehen damit für eine integrale Spiritualität. Der Begriff „Spiritualität“ wird durch ein integrales Verständnis deutlich erweitert. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass damit auch Reibungen innerhalb einer mystischen Tradition beginnen (wenn sie nicht schon begonnen haben). Die mystischen Traditionen, die sich „nur“ auf das Absolute oder den SEINS-Aspekt beziehen, können mit dem WERDEN-Aspekt (noch) nicht allzu viel anfangen. Und Neues wird in der Regel erst einmal als Bedrohung empfunden oder zumindest argwöhnisch betrachtet.

Ich verbinde mit dem Begriff Spiritualität seit jeher das Wort „Verwirklichung“. Einige Zeilen zu mir, bevor ich auf eine Definition des Begriffes eingehe. Ich praktiziere seit über 30 Jahren Meditation (im christlichen Kontext spricht man von Kontemplation). In diesen Jahren habe ich mich dem tibetischen Buddhismus, aber im Wesentlichen der christlichen Mystik gewidmet. In meinem Wirken kombiniere ich die Tradition von Willigis Jäger mit der integralen Philosophie von Ken Wilber. Die christliche Tradition ist trotz innerer Reibung meine spirituelle Heimat geblieben, möchte ich hinzufügen. Seit einigen Jahren bin ich im Vorstand einer „christlichen Mystikerschule“, der Würzburger Schule der Kontemplation. Die christliche Mystik ist vom Zen geprägt. Ich bin deshalb in einer Zen geprägten spirituellen Kultur aufgewachsen. Das bedeutet in Bezug zur Definition von Spiritualität: Es geht in der Regel um den Moment des „JETZT“. Es heißt – und das kennen wir alle – Sei im Hier und Jetzt. Das betrifft die Meditation und die Verwirklichung im Alltag. In vielen Gesprächen, im Besonderen mit Lehrern, wurde und wird dies immer wieder benannt und auch so praktiziert.

Ich definiere „Spiritualität als Verwirklichung“ so: Das „Heilige“, der „Urgrund“ oder die Gottheit wie Meister Eckhart es nennt, gilt es in dieser Welt zu verwirklichen. Und das im ganz alltäglichen Leben. Spirituelle Erfahrung und Verwirklichung im Alltag sind die zwei Flügel, die uns erst fliegen lassen. Ist ein Flügel nicht gut ausgebildet, wird der Flug unrund. „Spiritualität, die nicht in den Alltag führt, ist ein Irrweg“, meint Willigis Jäger hierzu. Ich habe mich häufig gefragt: Welche Werkzeuge braucht es, um Spiritualität im Alltag lebendig werden zu lassen. Auf die „Ochsenbilder“ (des Zen) bezogen, stellt sich die gleiche Frage: Wie sieht der Marktplatz aus? Was hilft mir, wenn ich auf dem Marktplatz des Lebens stehe? Wie komme ich zurecht? Meine Antwort ist: eine integrale Philosophie in Verbindung mit den Werkzeugen einer integralen Lebenspraxis.

4. Woran erkenne ich einen integralen Lehrer?

Beim Lesen des Positionspapiers stellte ich mir die Frage: Woran kann man eigentlich einen „integralen“ Lehrer erkennen? Hierzu passt vielleicht ein Satz von Christus „An den Früchten sollt ihr sie erkennen …“. Der Artikel (für eine Schule und Wissenschaft einer integralen evolutionären Spiritualität) zeigt unter Punkt fünf konkret auf, wie das aussehen kann.

Betrachte ich mich selbst, sehe ich mich als einen Menschen, der bemüht ist Werte wie Moral, Authentizität, Mitgefühl, Herzenswärme und Ehrlichkeit zu leben. Wenn ich an die Jahresgruppe „Integrale Spiritualität“ denke, die ich seit 10 Jahren leite (wir treffen uns wöchentlich) stelle ich fest, dass Schüler ein sehr feines Gespür dafür haben, ob man das lebt, wovon man spricht. Ist dem so, fühlen sich Schüler oder Kursteilnehmer angesprochen und angezogen. Oder sie stellen fest, dass der Lehrer schlichtweg nicht ihren Erwartungen entspricht. In meinen Kursen oder Retreats ist mir sehr wichtig, dass die oben genannten Qualitäten auch die Basis von Begegnungen sind. Das betrifft Lehrer-Schülergespräche oder den Austausch im Allgemeinen. Dass dies (auch für Lehrer) ein Entwicklungsprozess ist, liegt auf der Hand. Ein Entwicklungsprozess, dem Lehrer voll und ganz zustimmen sollten. Ich meine, dass ein spiritueller Lehrer (wie seine Schüler) ein „Suchender“ ist und bleibt. Er sucht, weil es auf dem Weg der inneren Vervollkommnung kein Ende gibt. Und damit ist er, zumindest von seiner Einstellung her, auf Augenhöhe mit seinen Schülern oder Kursteilnehmern. Das bedeutet nicht, dass ein Lehrer „Gleicher unter Gleichen“ ist, denn seine Rolle als Lehrer bringt eine Verantwortlichkeit mit sich, der er sich nicht entziehen kann oder sollte.

Begegnungen auf Augenhöhe haben für einen Lehrer etwas Befreiendes. Es nimmt den Druck, immer und zu jeder Zeit etwas Besonderes darstellen zu müssen. Schüler und Kursteilnehmer honorieren dies in der Regel und so kann ein lebendiges und starkes WIR entstehen. Wie sehen Schüler oder Kursteilnehmer das? Es ist eigentlich ganz einfach. Sie entscheiden sich einfach für oder gegen einen Lehrer. Dieser Prozess mag eine Weile dauern, aber er findet so oder so statt. Sie haben dabei ihre ganz eigenen Kriterien. Das Positionspapier mag im Hinblick darauf hilfreich sein und ich halte es für sinnvoll, dass Lehrer es mit ihren Schülern oder Kursteilnehmern besprechen. Das ist eine Möglichkeit, es für sich zu reflektieren und auch um eine Außenreflexion zu bekommen. In spirituellen Gemeinschaften ist dies eigentlich nicht üblich, obwohl es unglaublich wertvoll für Lehrer sein kann. 

Kürzlich leitete ich im Rahmen der Würzburger Schule der Kontemplation (WSdK) eine mehrtägige Fortbildung für spirituelle Lehrer. Thema der Fortbildung war „Gruppenleitung und Intervision“. Lehrer hielten u.a. kurze Vorträge, führten Lehrer-Schülergespräche und bekamen hierfür, im geschützten Raum, Rückmeldungen der Kollegen. Gerade die Rückmeldungen und der Dialog darüber waren für die Teilnehmer unglaublich hilfreich und gewinnbringend. Und, was mich sehr verwunderte, es stellte sich so gut wie kein Konkurrenzgefühl ein. Selbst altgediente Lehrer brachten sich in die Übungen ein. Es entstand in den Tagen eine große Verbundenheit.

Das Thema Lehrer-Schülerverhältnis ist auch in meiner Gruppe hier in Minden immer wieder Thema gewesen und wurde in Vorträgen und Diskussionen besprochen. Nochmals meine Erfahrung dazu: Schüler oder Kursteilnehmer honorieren dies. 

5. Wird es zukünftig „gläserne“ integrale Lehrer geben? 

Bejahe ich eine Selbstauskunft? Bejahe ich eine Fremdauskunft? Aus jahrelangen Diskussionen innerhalb der WSdK weiß ich, dass dies die vielleicht schwierigsten Fragen für einen Lehrer sind. Diese Fragen sprechen mich auf mehreren Ebenen an. Das Papier „Aufgeklärte Spiritualität“ (in der Anlage 2) fordert spirituelle Lehrer heraus. Ich selbst verspüre eine gewisse Abwehr, wenn es um einen „Prüfstand“ für spirituelle Lehrer geht. Mir fehlt es an geschütztem Raum, gerade in der heutigen Zeit, wo alles und jedes publik gemacht wird. Ich möchte nicht im Internet oder anderen Portalen bewertet werden, was nicht heißt, dass ich mich innerhalb einer vertrauten Umgebung z. B. meiner Jahresgruppe hier in Minden, diesen Fragen verschließe.

Einen „TÜV“ für Lehrer halte ich deshalb für problematisch. Ich kann mir auch derzeit nicht vorstellen, dass Lehrer wirklich bereit sind zur Selbstauskunft oder sich einer Fremdeinschätzung stellen. Vielleicht in 10 Jahren. Und das Positionspapier mag in diese Richtung Anstöße geben.

Auch wenn ich mich wirklich bemühe, offen mit meiner, nennen wir es einfach „Begrenztheit“ umzugehen, so frage ich mich doch: Ist ein „gläserner“ Lehrer das, was wirklich wichtig ist? Als ich selbst nach Lehrern suchte, bin ich in Vorträge und Retreats gegangen, habe mit ihnen gesprochen und sie auf meine Art geprüft. Ich habe ihre Schriften gelesen und mit Schülern gesprochen. Eine Prüfung ist das Eine, das Wesentlichste ist für mich die innere Verbindung, die man zu einem Lehrer spürt. Es sollte eine Verbindung von Herz zu Herz sein. Eine Verbindung, die über das Personale hinausgeht und es gleichzeitig einschließt.

Wenn ein Lehrer sich nun „outet“, dann ist es von großer Wichtigkeit, dass er nicht Plattitüden oder eine Selbstauskunft abgibt, die sich gut anhört, sondern über sich offen, ehrlich und authentisch spricht oder schreibt. Das muss sich natürlich nicht widersprechen. Auf diesen Punkt bezogen stellen sich mir einige Fragen: Welche Kriterien werden dafür angelegt? Gibt es so etwas wie allgemeingültige „integrale“ Kriterien? Wie kann das überprüft werden? Wer kann das überprüfen? Ein Test? Meine Befürchtung: Dann wird eine Selbst- oder Fremdauskunft sehr formal und typisch deutsch. Wenn jemand etwas zu seinem Schüler (der ein Lehrer ist) sagen kann, dann ist es der eigene Lehrer. 

In der WSdK haben wir jahrelang darüber diskutiert, was es bedeutet, ein Lehrer der WSdK zu sein. Wir haben „Standards“ für Lehrer aufgestellt. Ein Schritt, der sicherlich positiv zu bewerten ist und schon recht „integral“ ist, um es einmal so auszudrücken (mehr dazu im nächsten Absatz).Ich möchte allerdings zu bedenken geben: Wenn evolutionäres Bewusstsein im Menschen erwacht und sich entwickelt, können zu feste Strukturen, Tests oder Selbst- und Fremdauskünfte Lehrer in ihrer Selbstentfaltung und Kreativität hindern und einengen. Das ist nicht nur kontraproduktiv, es entspricht auch nicht einer integralen und damit evolutionären Dynamik. Ich plädiere deshalb für einen offenen und leichten Umgang mit dem Positionspapier innerhalb einer integralen Schule und würde das Papier, wie bereits erwähnt, „Orientierungspapier“ nennen. 

6. Entwicklungen innerhalb der Würzburger Schule der Kontemplation (WSdK)

Wie gerade erwähnt, bin ich seit einigen Jahren im Vorstand der WSdK. Die Würzburger Schule versteht sich als eine „Schule“, die sich an christlicher Spiritualität oder Mystik ausrichtet. Was versteht man nun unter christlicher Mystik? In der christlichen Spiritualität gibt es ähnlich wie in anderen Traditionen verschiedene Richtungen. Eine dieser Richtungen ist die „WSdK“. Momentan gehören zur WSdK etwa 120 Lehrer und damit fast eben so viele Sitz- oder Kontemplationsgruppen. Sie wurde initiiert von Willigis Jäger, Benediktiner und Zen-Meister.

Die Schule ist ökumenisch ausgerichtet. Ihre Lehrer praktizieren und fördern die Übung der Kontemplation (gegenstandsfreie Meditation). Sie stehen dabei in der Tradition der abendländischen christlichen Mystik und möchten diese durch die tägliche Praxis wieder neu ins Bewusstsein und in die Gesellschaft bringen.

Die WSdK hat sich in den letzten Jahren intensiv mit Voraussetzungen für Lehrerinnen und Lehrer beschäftigt. Es wurden sogenannte „Kriterien“ erstellt, die die Rolle eines Lehrers genau definieren und festlegen. Über mehrere Jahre hat eine Gruppe von erfahrenen Lehrern (die sogenannten alten Hasen) daran gearbeitet. Um es vorwegzunehmen: Dieser Prozess war intensiv und oft schmerzhaft. Gerade wenn es um die Frage des Selbstverständnisses ging, schlugen die Wellen hoch. Es gab tumultartige Tagungen (mit ca. 100 Leuten). Es gab Austritte aufgrund der Standards. Es gab auch Anfeindungen, wenn angehende Lehrer abgelehnt wurden oder der Hinweis kam, dass gewisse Voraussetzungen fehlen. Dieser Prozess dauert immer noch an. Vermutlich wird die WSdK in diesem Jahr ein „Kriterienpapier“ für Lehrer verabschieden.

Ich schreibe dies, weil ich am Beispiel der WSdK aufzeigen möchte, dass es spirituelle Gemeinschaften gibt, die sich mit der Frage nach Voraussetzungen für spirituelle Lehrer beschäftigt haben. Es gibt auch andere christliche spirituelle Gemeinschaften wie „Via Cordis“ in der Schweiz, die einen ähnlichen Weg gegangen sind.

Hier nun ein Auszug aus den „Voraussetzungen für Lehrer der WSdK“:

  • Die wichtigste Voraussetzung ist die eigene, jahrelange Übung des kontemplativen Gebetes (Meditation)

Weiterhin wird erwartet:

  • Vertiefung der persönlichen Erfahrung in Praxis und Theorie durch den Besuch einer ausreichenden Zahl von Kontemplationskursen unter einem anerkannten Lehrer der Schule
  • Teilnahme oder Assistenz bei Kursen von zwei anderen anerkannten Lehrerinnen, Lehrern der WSdK, um die Kurspraxis kennenzulernen
  • Vertiefung und Intensivierung des persönlichen spirituellen Weges durch das Studium der christlichen Mystik und anderer mystischer Traditionen
  • Erfahrungen und Grundkenntnisse in Psychologie und Psychotherapie
  • Vertiefung und Reflexion des kontemplativen Weges durch regelmäßige Teilnahme an den Treffen der WSdK
  • Bereitschaft zur Intervision

 

Besonders hervorzuheben ist der Punkt „Erfahrungen und Grundkenntnisse in Psychologie und Psychotherapie“. Hier bestand im Grunde eine Einigkeit innerhalb der Lehrerschaft. Wenn ich dies schreibe, kommt mir jedoch ins Bewusstsein, wie schwierig und langwierig dieser Prozess war (stöhn) und immer noch ist. Die Sinnhaftigkeit davon habe ich eigentlich nie infrage gestellt. Unsere Gemeinschaft ist sicherlich sehr „deutsch“ damit umgegangen. Heißt: etwas eng und bürokratisch. Aber Lehrer sind eben auch nur Menschen, die im „Werden“ sind. Und … es gab hierzu bislang keine Vorbilder, an denen man sich orientieren konnte.

Abschließend möchte ich sagen: Spiritueller Lehrer zu sein bedeutet in unserer Zeit immer noch: Ich bin mit vielen Fragen meist „allein“. Nicht unbedingt einsam, aber allein. Bezogen auf das Positionspapier wünsche ich mir deshalb Austausch mit Lehrern und Gelehrten, aber auch mit Schülern und Praktizierenden. 

7. Welche Entwicklung beinhaltet das Positionspapier?

Ich schreibe dies im Januar 2011. Zu diesem Zeitpunkt hat sich schon eine ganze Reihe von Lehrern zum Positionspapier geäußert. Ein wichtiger Schritt! Ein weiterer Schritt wird von Sonja Student, Michael Habecker (Vorstand Integrales Forum) und mir seit einiger Zeit diskutiert und angedacht: die Gründung einer Schule für integrale Spiritualität (SIS). Es gibt bereits klar formulierte Ziele und einen erweiterten Kreis von Wegbereitern. 

Zum Positionspapier: Ich wünsche mir eine Entwicklung vom Positionspapier zum Orientierungspapier, zum „Integralen Lebenspapier“. Ein solches Papier kann der Rahmen für zukünftige Aktivitäten einer SIS sein.

Ich sehe in dem Positionspapier die große Chance, dass Lehrer verschiedenster mystischer Traditionen aus ihrer Isoliertheit herauskommen und sich mit gleichgesinnten (integralen) spirituellen Kollegen austauschen, um gemeinsam eine integrale Lebens- und Lernkultur zu entwickeln (vielleicht spreche ich damit auch sehr für mich und meinen positiven „Schatten“). Das Positionspapier kann (und das geschieht ja bereits) eine Verbindung zwischen Lehrern der verschiedenen mystischen Traditionen werden. Und das ist etwas, was mir seit 30 Jahren am Herzen liegt.

Das Positionspapier kann auch Grundlage sein für Fortbildungen und Tagungen zur integralen, evolutionären Spiritualität. Das kann sowohl spirituelle Lehrer betreffen als auch Seminare, Tagungen und Workshops für interessierte Integralisten.

Karl Rahner hat einmal gesagt: „Der Christ der Zukunft wird ein Mystiker sein – oder er wird nicht mehr sein“. Ich denke, die Zukunft wird integral sein, weil es die Bewusstseinsebene ist, die unsere Welt grundlegend verändern kann. Das ist eher als Auftrag, denn als „Ich bin was Besonderes“ zu verstehen. Ken Wilber hierzu im Hinblick auf Pioniere: „Man erkennt sie daran, dass sie Pfeile im Rücken haben“. Lasst uns die Pfeile gemeinsam behutsam aus den Körpern herausziehen … 

8. Vision eines integralen Gärtners

Ein „integraler“ Gärtner sieht sich als Teil des Ganzen. Er ist in Verbindung mit sich selbst und seinem Garten zum Wohle des Ganzen. In seinem Garten wachsen die verschiedensten Pflanzen wie: Authentizität, Wille, Weisheit und Ernsthaftigkeit genauso wie Liebe, Mitgefühl und Geduld. Er kümmert sich regelmäßig und wenn es nötig ist um sie. Er weiß aber auch, dass Pflanzen erst durch Regen und Sturm wirklich kräftig werden. Deshalb ist ihm bewusst, dass seine Gießkanne nichts gegen einen kräftigen Schauer mit Blitz und Donner ist. Er weiß um seine Begrenztheit und sieht hinter allem Wachstum den göttlichen Plan, der da heißt: Evolution.

Er geht täglich in den Garten und tut dies nicht, weil er es muss, sondern weil es ihm ein Bedürfnis ist. Er bezieht Dünger (Bewusstheit) mit ein. Er spricht mit „seinen“ Pflanzen und schenkt ihnen die größtmögliche Aufmerksamkeit und Liebe. Für ihn ist es so: „Alles schmeckt nach Gott“. Auch das, was nicht vollkommen ist, atmet für ihn den Duft Gottes aus.

Er sieht und empfindet dies im warmen Regenschauer (Glückseligkeit), wenn er mit seinen Händen die Erde umgräbt (sein Innerstes), beim Betrachten von Schmetterlingen (positiven Entwicklungen) genauso wie beim Betrachten von Wühlmäusen (Schattenseiten). Ein integraler Gärtner tauscht sich nicht nur mit anderen Gärtnern und Nicht-Gärtnern aus, sondern fragt auch um Rat. Er liest Bücher und bemüht sich sein Wissen auf den aktuellen Stand zu halten. Er stellt sich infrage und reflektiert sein Verhalten sowohl dem großen GANZEN gegenüber als auch dem kleinsten Käfer. Er weiß: Es gibt keine Trennung zwischen sich und dem Garten. Er ist sowohl das EINE als auch das Viele. Ein integraler Gärtner scheut nicht das Weltliche und verliert sich nicht im GEISTIGEN. Er steht zwischen Himmel und Erde: Fest verwurzelt im „Urgrund“, ausgerichtet zum „Himmel“. Sein Platz ist genau dazwischen.

Minden, Februar 2011

 

Helmut Dörmann, Jahrgang 1957, ist Gestalttherapeut und arbeitet in der Hospizbewegung. Er ist spiritueller Lehrer einer integralen Mystik und ist im Vorstand der Würzburger Schule der Kontemplation (WSdK). Seine spirituelle Orientierung ist die christliche Mystik. In seiner Arbeit verbindet er die Tradition von Willigis Jäger mit der integralen Philosophie. Er hat eine dreijährige Ausbildung in buddhistischer Psychologie abgeschlossen. Helmut ist fasziniert von der Idee einer integralen Lebenspraxis und lehrt diese in Kursen und Seminaren.