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27.3.2017 : 14:37 : +0200

Gedanken zum Grundsatzpapier der SIS

Richard Stiegler

von Richard Stiegler

Vorwort

Als jemand, der selbst seit 10 Jahren eine transpersonale Bewusstseinsschule gegründet hat, begrüße ich einen öffentlichen Diskurs über die Rolle des/r spirituellen Lehrers/in. Ich glaube, dass wir in einer Phase sind, in denen spirituelle Wege und ihre Vertreter sich ganz neuen Grundsätzen stellen müssen.

Die oft autoritären und patriarchalen Strukturen früherer spiritueller Wege sind nicht mehr zeitgemäß. Um nur ein paar wesentliche Punkte für eine zeitgemäße Spiritualität nennen, möchte ich auf Folgendes hinweisen: 

  • Eine zeitgemäße Spiritualität sollte aufgeklärt und integer sein. Aufgeklärt bedeutet in diesem Zusammenhang, dass keine magischen Vorstellungen (= präpersonal) unterstützt werden und sie weitgehend entrümpelt ist von starren dogmatischen und oft kulturell bedingten Glaubenskonzepten und Ritualen.
  • Eine zeitgemäße spirituelle Gemeinschaft sollte sich keine autoritäre Struktur geben und keinen Personenkult pflegen. Vielmehr erscheinen demokratische Aspekte viel zeitgemäßer. Das bedeutet, dass die/er Lehrer/in hinterfragt und kritisiert werden dürfen. Divergierende Meinungen sind erwünscht. Das Gefälle zwischen Schüler/innen und Lehrer/innen ist nicht so unüberwindlich und Schüler sollten generell mehr ermächtigt werden.

Daher unterstütze ich die im Grundsatzpapier genannten Grundaussagen ab Seite 12 voll und ganz mit wenig Einschränkungen und Ergänzungen.

Kritik und Ergänzungen zu einzelnen Passagen 

Ergänzung zu 5.6

Dass Lehrer/innen ihre Grenzen kennen, anerkennen und nach außen gegenüber ihren Schüler/innen transparent machen sollten, macht Sinn. Allerdings steckt hier der Teufel im Unbewussten. Mancher meiner Grenzen bin ich mir nicht bewusst, da ich eben dort eine Grenze habe. Insofern kann man den Anspruch an Lehrer/innen haben, man muss sich aber klar darüber sein, dass er oft aus Unbewusstheit und nicht aus böser Absicht nicht erfüllt werden wird.

Ob grundsätzlich spirituelle Lehrer/innen weiter sein müssen als ihre Schüler/innen ist auch eine Idee, die ich in ihrer Absolutheit nicht teile. Aus meiner Sicht muss man sich klar machen, dass die Rolle des Lehrers andere Kompetenzen erfordert als die einer Person, die „nur“ ihrer spirituellen Verwirklichung folgt. Das bedeutet, jemand der spirituell verwirklicht ist, ist nicht automatisch ein/e gute/r Lehrer/in. Anders gesagt: ein Schwimmlehrer muss kein Schwimmweltmeister sein. Er sollte natürlich schwimmen können, aber ob er selbst höchste Verwirklichung im Schwimmen haben muss und damit automatisch mehr als sein Schüler, stelle ich in Frage. Diese Differenzierung zwischen den Rollen und ihren jeweiligen Anforderungen wird aus meiner Sicht in der ganzen Diskussion viel zu wenig berücksichtigt. 

Ergänzung zum Teil 2:

Den grundlegenden Aussagen von Teil 2 stimme ich ebenfalls zu.

Ich persönlich würde aber als einen neuen zeitgemäßen Begriff für die Lehrerrolle den Begriff „spirituelle/r Mentor/in“ vorziehen. Dieser Begriff wird nicht so stark mit dem Bild einer Person verknüpft, die Bescheid weiß und über den Schüler/innen steht, sondern mehr mit dem Bild einer unterstützenden, begleitenden Person. Auch steckt in dem Begriff „Mentor“ das Wort „mens“, also Geist, was sehr sinnig ist.

Was den Anspruch einer möglichst umfassenden Offenlegung der Person des/r Lehrers/in und seiner/ihrer Erfahrungen und Verwirklichung betrifft, empfinde ich einerseits, dass dies in einem gewissen Umfang notwendig und zeitgemäß ist. Allerdings sehe ich dabei zwei Gefahren:

Erstens kommen Lehrer/innen dadurch unter Druck, ein Image von sich aufzubauen. Wenn sie ständig unter öffentlicher Beobachtung stehen, wird häufig das Gleiche geschehen wie mit unseren Politikern. Durch die starke Medienkultur, in der wir leben, sind diese gezwungen, ein öffentliches Image aufzubauen. Das ist häufig nicht deckungsgleich mit der privaten Person. Auch Lehrer/innen stehen in der Öffentlichkeit und bekleiden eine öffentliche Rolle, in der sie zum Beispiel alle Übertragungen der Schüler/innen auf eine kompetente und klare Weise auf sich nehmen und beantworten müssen. Wir sollten nicht so tun, als wäre die öffentliche Rolle eines Lehrers gleichzusetzen mit seinem privaten Menschsein. Natürlich ist es wünschenswert, dass Lehrer/innen so integriert sind, dass sie sich auch privat reif und ethisch verhalten. Doch allein durch möglichst viel mediale Beobachtung wird diese aus meiner Sicht nicht sichergestellt. 

Die zweite Gefahr einer Überbetonung der Transparenz nach außen ist, dass die Person des/r Lehrers/in auf eine neue Weise in das Zentrum der Aufmerksamkeit rückt. Dabei glaube ich, dass es einer zeitgemäßen, aufgeklärten Spiritualität entspricht, dass die Person des Lehrers in den Hintergrund rückt. Früher war die Person des Lehrers, Meisters, Gurus häufig der Kristallisationspunkt eines Weges und stand für die Schüler im Mittelpunkt. Zeitgemäß wäre es, dass die Schüler/innen sich aber nicht so viel mit den Lehrer/innen und ihrer Reife oder Schwächen befassen, sondern vielmehr mit dem inneren Weg. Viel zu sehr steht oft der/die Lehrer/in mit seinen/ihren narzisstischen Tendenzen im Vordergrund und dient nicht auf eine demütige, an der Sache ausgerichteten Weise. Für Lehrer/innen mit narzisstischen Tendenzen würde der Anspruch zu einer umfassenden Offenheit Tür und Tor öffnen, sich wieder in Selbstdarstellungen zu ergehen. Das halte ich in keinster Weise der Sache dienlich.

Schlusswort 

Insgesamt halte ich es für wichtig, die Rolle von Lehrer/innen neu zu definieren und auch die Person für Schüler/innen transparenter zu machen. Jedoch sollte man sich in einer neuen zeitgemäßen Spiritualität nicht nur mit der Rolle des Lehrers befassen, sondern auch die Rolle der Schüler/innen stärken. Anregungen dazu gebe ich in meinem Artikel: „Lehrer sind auch Menschen“.

Die Tatsache, dass jemand, der einen tiefen Zugang zum transpersonalen Raum hat, nicht automatisch eine integrierte Persönlichkeit hat, ist nach wie vor bei Schüler/innen nicht wirklich bekannt. Dies müsste offensiv in spirituellen Gemeinschaften diskutiert werden. Nur dadurch werden die Schüler/innen in ihrer Rolle gestärkt, was ein wirkungsvoller Schutz vor Machtmissbrauch durch Lehrer/innen darstellt. Ken Wilber, der sich dieser Tatsache bewusst ist und durch sein System erläutert, hat hier sicherlich einen großen Beitrag geleistet.

 

Lehrer sind auch Menschen:

Über ein neues Rollenverständnis in spirituellen Gemeinschaften

Seit über 25 Jahren bewege ich mich in spirituellen Gemeinschaften als Teilnehmer und seit einigen Jahren wirke ich als Lehrer für Transpersonale Prozessarbeit und habe in dieser Funktion eine eigene spirituelle Gemeinschaft aufgebaut. Höchste Zeit also, sich über die Rolle des spirituellen Lehrers, bzw. der spirituellen Lehrerin öffentlich Gedanken zu machen und damit das Bewusstsein über diese Rolle und ihre Problematik zu erhöhen.

Aus Gründen der Lesbarkeit werde ich im weiteren Verlauf in der Regel die männliche Form, also „der Lehrer“, verwenden. Ich habe mich in diesem Fall für die männliche Form entschieden, da traditionell meist Männer diese Rolle bekleidet haben und auch heute noch weit mehr Männer als Frauen in dieser Rolle zu finden sind. Dass in der jüngeren Entwicklung immer mehr Frauen diese Rolle einnehmen, ist sehr zu begrüßen und verändert sicherlich auch zunehmend das Rollenverständnis positiv. Grundsätzlich aber gilt, die Schwierigkeiten bzgl. der Rolle sind für beide Geschlechter gleich.

Dass es eine Vielzahl an Problematiken gibt, die mit dieser Rolle verknüpft sind, wird jede Person, die mit wachen Augen Gemeinschaften und Lehrer verfolgt, bemerken können. Nicht selten sind Berichte, in denen Lehrer (und auch Lehrerinnen) ihre Rolle offensichtlich für eigene Zwecke missbrauchen. Berichte, in denen Lehrer nicht das tun, was sie lehren. Immer wieder kommt es zur Erniedrigung von Schüler/innen und auch subtile, manchmal sogar offene Gewalt kann vorkommen. Die Person des Lehrers hat dabei eine solche Dominanz, dass man manchmal denken möchte, es gehe in spirituellen Gemeinschaften um den Lehrer und seine Vorstellungen und nicht um die Entwicklung der Schüler/innen.

Dabei muss man sich vor Augen führen, dass die Person des Lehrers in einer spirituellen Gemeinschaft immer im Zentrum steht. Die Gemeinschaft wurde meist vom Lehrer gegründet und alle Fäden laufen dort in dieser Stellung zusammen. Der Rahmen, die Atmosphäre, das „Glaubensgebäude“ und die Werte der Gemeinschaft, die spirituelle Praxis und die Inspiration werden in der Regel fast ausschließlich vom Lehrer geprägt. Wenn der Lehrer aus Altersgründen abtritt, zerstreut sich die Gemeinschaft und löst sich nicht selten auf. 

Man kann das vergleichen mit der zentralen Rolle, die Eltern für eine Familie haben, solange die Kinder klein sind. Eltern gründen und bestimmen das System. Allerdings gibt es in einer Kleinfamilie in der Regel zwei Erwachsene und damit schon keinen Alleinanspruch mehr. In vielen spirituellen Gemeinschaften jedoch gibt es nur einen Leiter, eine Leiterin, was die Rolle noch gewichtiger macht und die Macht der Rolle unterstreicht.

Wir tun also gut daran, diese Rolle genauer unter die Lupe zu nehmen und zu untersuchen, wie es dazu kommen kann, dass sich bei spirituellen Lehrern so viele offensichtliche Entgleisungen einstellen, unter denen Schüler/innen und Gemeinschaften zu leiden haben. Diese Entgleisungen wiegen bei spirituellen Lehrern besonders schwer, da sie ja in der Regel ein sehr hohes Maß an Ethik und spiritueller Verwirklichung für sich in Anspruch nehmen. Wir werden also zunächst das überkommene Rollenverständnis betrachten, um im nächsten Schritt unser Rollenverständnis zu erweitern und in einem aufgeklärten Sinne neu zu definieren.

Das überkommene Rollenverständnis 

Zunächst ist es wichtig, dass wir uns vor Augen führen, was eigentlich mit dem Begriff „spiritueller Lehrer“ typischerweise verbunden wird. Denn Begriffe und ihre unbewussten Assoziationen prägen unsere Sichtweise und unser Verhalten tiefer, als wir uns das normalerweise bewusst machen.

Im Osten ist der spirituelle Lehrer der Guru, der Meister. Ein Guru führt uns von der Dunkelheit (= Gu) ins Licht (= ru). Er führt uns also, geht uns voran. Er hat eine Erfahrung gemacht, bzw. etwas verwirklicht, nach dem sich der/die Schüler/in sehnt und der Meister zeigt nun den Weg zu dieser Verwirklichung. Aus diesem Grund genießt traditionell der Meister die höchste Verehrung. Er ist die zentrale Figur, die uns den Weg weist und nicht selten wird er sogar angebetet. Auf dem Altar finden sich meist Bilder des Meisters. Auch wenn die grundlegende Idee dieser Personenverehrung darin liegt, die Verwirklichung im Meister anzubeten und sich dadurch auf sie auszurichten (= Guruyoga), wird dies in der Regel nicht auf derart differenzierte Weise vermittelt. Aus der Rolle des Lehrers in spirituellen Gemeinschaften wird so schnell eine unreflektierte und unhinterfragte Alleinherrschaft.

Aus diesem Blickwinkel betrachtet, erscheint auch die in einigen buddhistischen Traditionen gängige Praxis, dass der Lehrer die Schüler/innen in seiner/ihrer Entwicklung bestätigt und schließlich ermächtigt, als durchaus kritisch. Auch wenn die Absicht einer solchen Praxis durchaus im Sinne einer Qualitätssicherung zu verstehen ist, zementiert sie gleichzeitig die Machtstellung des Lehrers mit allen negativen Folgen.

Im Westen war die Rolle der spirituellen Figur über viele Jahrhunderte ebenfalls von Überhöhung und Wissens-, bzw. Deutungsanspruch geprägt. Pfarrer, Bischöfe, Mönche und Nonnen genossen und genießen teils immer noch eine gesellschaftliche Achtung, die sich bei näherer Betrachtung als über Jahrhunderte herausgebildete kulturelle Stellung entpuppt. Die Männer (und in diesem Fall waren es nur Männer) hatten den Deutungsanspruch der Bibel inne und in dieser Funktion eine Machtstellung, die sie vor der Säkularisierung oft sogar über weltliche Herrscher stellte. Sogar der Kaiser musste sich vom Papst krönen lassen.

Ein Überbleibsel dieses Deutungsanspruches findet sich noch heute in der katholischen Kirche, wenn der Papst in gewissen Glaubensfragen eine Unfehlbarkeit beanspruchen kann. Auch wenn dieses Unfehlbarkeitsprinzip aktuell so gut wie nie angewendet wird, hat die prinzipielle Möglichkeit bereits eine tiefe symbolische Wirkung. Die liturgischen Gewänder der Kirchen betonen bis zur heutigen Zeit auf symbolische Weise die besondere Stellung des Kirchenmannes.

Natürlich hat sich seit der Säkularisierung und der Aufklärung viel getan und Macht und Stellung der religiösen Führer im Osten wie im Westen wurden deutlich geschmälert, dennoch sitzen diese Rollenbilder als Archetypen tief in unserer Seele und werden nach wie vor auf spirituelle Lehrer übertragen. Dabei haben sowohl die Lehrer (oft unbewusst) das Gefühl, dieses Bild einer irgendwie verwirklichten und damit wissenden, über den anderen stehenden Person erfüllen zu müssen und auch die Schüler/innen übertragen unbewusst die alten Rollenvorstellungen auf den Lehrer. Schüler/innen und Lehrer bestätigen sich also unbewusst wechselseitig in ihrem Rollenverständnis. Eine positive Feedbackschleife entsteht, die dazu führt, dass sich eine bestimmte Form der Bezogenheit unreflektiert über lange Zeit halten kann.

Die Idealisierung der Lehrerrolle

Zu den überkommenen Rollenbildern, die wir kulturell aufgesogen und verinnerlicht haben, kommt noch eine innere seelische Dynamik hinzu, die grundsätzlich immer im Schüler-Lehrer-Verhältnis wirkt: das Phänomen der Idealisierung. Eine Dynamik, die eine große Auswirkung auf die Beziehung zwischen Schüler/innen und Lehrer hat. Ohne deren Verständnis werden wir die Chancen, aber auch die Schwierigkeiten dieser Beziehungsdynamik nicht verstehen. 

Menschen tragen in sich die Sehnsucht nach einem besseren Leben und nach Erkenntnis. Diese Sehnsucht ist höchst natürlich und dient uns als kräftiger Motor, uns zu entwickeln und einen wie auch immer gearteten Bewusstheitsweg zu gehen. Insofern ist das Nähren der Sehnsucht eine zentrale Kraft, die auf dem spirituellen Weg benötigt wird.

Mit dieser Sehnsucht geht aber auch einher, dass wir innerlich Bilder davon entwickeln, was erstrebenswert ist. Sprich, wir beginnen in unserem Suchen in der Regel unbewusst Werte, Dinge, Erfahrungen und auch Menschen zu idealisieren. Es entwickeln sich in uns Idealbilder, die wir anstreben und die das Wahre und Gute für uns verkörpern.

Eine Idealisierung ist jedoch etwas grundlegend anderes als eine Sehnsucht. Sie ist ein festgeschriebenes Bild, in welchem wir die ersehnte Qualität zu finden glauben. Während die Sehnsucht lebendig ist und Raum für das vielfältige Leben lässt, wirkt eine Idealisierung wie eine Fixierung und damit einengend und ausgrenzend. Nur das Idealbild ist richtig und alles andere erscheint falsch. Daher ist der Schritt von der Idealisierung zum Fundamentalismus sehr klein. Die Begeisterung und Aufwertung, die in der Idealisierung erfahren werden, kippen schnell um und verkehren sich dahingehend, dass das, was nicht ins Bild passt, verdrängt oder ausgemerzt werden muss. Das geschieht nicht etwa, weil wir böse sind oder sein wollen, sondern weil wir an das Wahre und Gute glauben.

Gerade aus der deutschen Geschichte kennen wir das menschenverachtende Resultat einer fehlgeleiteten Idealisierung im Nationalsozialismus. Hitler hatte die Ideale der Menschen beschworen und es geschafft, eine große Bewegung daraus zu formen. Man sieht an diesem Beispiel sehr deutlich, dass Ideale bei Licht betrachtet immer nur in einem bestimmten Kontext als gut und richtig erscheinen. Aus heutiger Sicht waren die Ideale im 3. Reich alles andere als erstrebenswert.

Der Vorgang der Idealisierung ist also keineswegs etwas Gutes, sondern führt auf der einen Seite zu Fixierung und Überhöhung und gleichzeitig auf der anderen Seite zu Verdrängung und sogar zu Ausgrenzung und Zerstörung des Unerwünschten. Je größer die Idealisierung, desto stärker bildet sich in der Person ein Schatten aus, der im Untergrund wirkt und häufig auf andere projiziert wird (= die bösen Anderen). Aphoristisch könnten wir sagen: „Je heller das Licht, desto dunkler der Schatten.“ 

Wenn wir nun die Dynamik der Idealisierung in spirituellen Gemeinschaften betrachten, sehen wir, dass Idealisierung gerade dort eine besonders große Verbreitung findet. In der Spiritualität wirkt die Sehnsucht nach dem „Heilen, Guten und Wahren“ und es bilden sich viele Idealbilder dazu aus. Diese Ideale sind natürlich von Gemeinschaft zu Gemeinschaft unterschiedlich, je nachdem, was im jeweiligen Kontext als Wert idealisiert wird.

Diese Ideale werden nun auf die Leitungsfigur übertragen. Sie ist die Verkörperung des Ideals und die Schüler/innen suchen und verehren ihre Sehnsucht in der Person des Lehrers. Für die Leitungsfigur stellt diese Dynamik eine große Versuchung dar, diesem Bild nach außen zu entsprechen und ihr wahrhaftiges Sein in ihrer menschlichen Unvollkommenheit zu verbergen. Aber auch die Schüler/innen wollen in der Leitungsfigur unbedingt das Ideal sehen und behalten. Solange die Leitungsfigur ein Ideal darstellt, kann der Schüler/die Schülerin daran glauben, dass das Ideal erreichbar ist. Daher wird das Ideal im Lehrer von den Schülern/innen oft vehement verteidigt und alle menschlichen Schwächen des Lehrers verleugnet. Nur so ist es zu erklären, dass manche Schüler/innen entwürdigende Behandlungen vom Lehrer hinnehmen, die sie sich sonst niemals gefallen lassen würden.

Durch die Dynamik der Idealsierung übertragen die Schüler/innen der leitenden Figur in einer spirituellen Gemeinschaft in unangemessener Form Wert und Macht. Wenn nun der Lehrer in seiner Persönlichkeit bzgl. der Themen „Wert“ und „Macht“ nicht geläutert ist, dann ist die Gefahr eines unbewussten Missbrauches in dieser Rolle enorm hoch.

Im Grunde wirkt die gleiche Dynamik wie zwischen Kindern und Eltern. Kinder suchen das Ideal in ihren Eltern und beten es an. Die Eltern scheinen absolute Stärke und das Gute zu verkörpern und das Idealbild gibt den Kindern Halt und wird daher oft heftig verteidigt, damit kein Zusammenbruch des Ich-Ideals und damit der eigenen inneren Struktur geschieht. In der Beziehung zwischen Eltern und Kindern liegt eine ähnlich große Gefahr des Missbrauchs der elterlichen Macht und Fürsorge, denn auch hier wird den Eltern Macht und Wert in einem sonst nicht gekannten Ausmaß übertragen. Die Eltern sind das Ein und Alles für das Kind. Und auch hier gilt, wenn Eltern keine große Reife haben, ist die Versuchung, das Kind unangemessen zu behandeln, sehr groß. Wir wissen aus eigenen Erfahrungen und vielen Schilderungen, wie oft elterliche Macht fehlgeleitet zum Ausdruck kommt.

Obwohl die Schüler/innen in spirituellen Gemeinschaften erwachsen sind und eine gewisse Reife und Unabhängigkeit vorausgesetzt werden kann, wirkt die Grunddynamik von Idealisierung wieder neu. Oft wird sogar das von den Eltern enttäuschte Ideal erneut auf den Lehrer übertragen, in der unbewussten Hoffnung, dass sich nun das Ideal in der Beziehung zum Lehrer erfüllen möge. Unbewusst begeben sich die jetzt Erwachsenen in eine ähnliche psychische Abhängigkeit wie als Kind, was der Gefahr eines erneuten Missbrauchs Vorschub leistet.

Die Gefahr des eigenen Narzissmus

Nicht nur von der Idealisierung der Schüler/innen wird die Lehrerrolle belastet. Auch die Idealisierung des Lehrers bzgl. sich selbst bildet einen der wesentlichen Gründe für die Problematik der Rolle.

Eine Rolle, in der so viel Wert und Macht übertragen wird, hat natürlich eine Anziehung auf Menschen, die gerne im Rampenlicht stehen. Gerade Menschen mit narzisstischen Anteilen sind daher besonders häufig in Lehrerrollen zu finden. Die Rolle verspricht uns zunächst alles, was wir im narzisstischen Prozess suchen: Aufmerksamkeit, Wert und Macht. Alles scheint sich um die Person des Lehrers zu drehen.

Natürlich hat jeder Mensch eine mehr oder weniger starke Sehnsucht nach Aufmerksamkeit, nach Wert und Macht und so ist es verständlich, dass die Rolle des Lehrers ein Eigenleben führt und auf die Psyche des Lehrers einwirkt. Plötzlich wird eine Person in dieser Rolle in ihrem Wert und ihrer Potenz von einer Gemeinschaft anerkannt und bestätigt. Das hat eine ungeheuer nährende Wirkung und je größer die Gemeinschaft ist, desto stärker ist dieser Effekt auf die Psyche des Lehrers. Daher kommt es nicht selten vor, dass manche Lehrer nach einer anfänglichen Zeit der Demut gegenüber ihrer Rolle, immer mehr beginnen, die Idealisierung und Überhöhung, die der Person des Lehrers zugeschreiben wird, selbst zu glauben. Zunehmend denken sie selbst, dass sie etwas Besonderes sind und verhalten sich entsprechend.

Wenn sich der Lehrer dieser Gefahr nicht bewusst ist und zusätzlich keine „normalen“ Beziehungen unterhält, in denen er nicht in dieser Rolle ist, ist die Verführung sehr groß, dem Bild des „Großartigen“ zu verfallen. Doch je größer die eigene Idealisierung von sich ist, desto größer wird auch der eigene Schattenbereich. Wenn ich mich selbst idealisiere, muss ich innere Anteile, die diesem Bild nicht entsprechen, vor mir und anderen verstecken. Diese verdrängten Anteile können jederzeit bei irgendwelchen Gelegenheiten hochkommen und sich in Beziehungen destruktiv auswirken. In der Rolle des Lehrers hat dies immer schwerwiegendere Folgen als in ebenbürtigen Beziehungen, da es ja hier ein Gefälle der Macht gibt und Schüler/innen daher immer tendenziell in der unterlegenen Position sind.

Eine weitere Wirkung der eigenen Idealisierung ist, dass der Lehrer immer mehr dazu tendiert, die eigene Person in den Vordergrund zu stellen, anstatt des Inhalts, den er vertritt. Normalerweise dient der Lehrer einem Inhalt und natürlich den Menschen, die er lehrt. Eine reife Lehrperson wird die Sache in den Vordergrund stellen und sich als Person in den Hintergrund. Wenn sich eine Person jedoch zunehmend mit der scheinbaren „Größe“ der Rolle identifiziert, wird sich allmählich genau dieses Verhältnis von Lehrinhalt und Person verkehren und zunehmend steht die Person selbst im Mittelpunkt. Diese Verdrehung von Person und Inhalt zeigt sich, wenn auf Büchern und Plakaten im Großformat auf den ersten Blick nur noch das Portrait der Person zu sehen ist, der Titel dagegen eine untergeordnete Rolle zu spielen scheint.

Mit anderen Worten, Lehrer sind in ihrer Rolle immer durch den eigenen Narzissmus gefährdet, der mehr oder weniger stark in jeder Psyche schlummert. Erst wenn sich die Person dieser Tendenzen sehr bewusst ist und sich immer wieder neu den eigenen Schattenanteilen stellt, verringert sich die Gefahr, das natürliche Menschsein zu beschönigen und einem Idealbild zu entsprechen.

Außerdem dürfte das Pflegen von „normalen“ ebenbürtigen Beziehungen (Partnerschaft, Freunde und Freundinnen) wie ein Schutz vor eigener Überhöhung wirken. Sich von Zeit zu Zeit ganz der Rolle zu entledigen oder sich wieder in der gegenteiligen Rolle als Schüler/in zu erfahren, wirkt ebenso ernüchternd auf die eigenen Größenphantasien und unterstützt insofern eine gesunde Beziehung zur Besonderheit der Rolle.

Lehrer sind fehlbar

Inzwischen dürfte durch die Erörterung klar geworden sein, dass spirituelle Lehrer und Lehrerinnen trotz ihrer Rolle und des langen Weges der eigenen Entwicklung genauso unvollkommen sind wie alle Menschen. Natürlich wünschen wir uns vollkommene Lehrer, an die wir glauben können, die uns Mut und Hoffnung für den eigenen inneren Weg geben. Sie sollen uns Vorbild sein, weiter vorangeschritten sein als wir selbst und uns dadurch vermitteln, dass der eigene Weg einen Sinn hat. Dabei können (und wollen) wir manchmal gar nicht glauben, dass Lehrer genauso ihre unreifen Anteile haben. 

Diesem Bild des perfekten Lehrers entspricht, was in vielen spirituellen Traditionen lebendig ist, dass ein Lehrer erst dann lehren darf, wenn er genügend lange praktiziert und bestimmte spirituelle Einsichten verwirklicht hat. Auch hier wird das Bild des perfekten Lehrers genährt, indem vermittelt wird, dass ein solcher verwirklichter Lehrer eben in seiner Entwicklung fertig sei und damit automatisch die Fähigkeit des Lehrers erworben habe.

Leider wird in diesen Traditionen übersehen, dass eine tiefe Verwirklichung der spirituellen Natur nicht gleichbedeutend mit einer reifen, integrierten Persönlichkeit ist. Wir können sehr tief in das SEIN eintauchen und das Wesen von Stille erfahren, ohne dass sich gewisse Themen und Schattenanteile des Egos verändern. Das ist einerseits ernüchternd, erklärt aber gleichzeitig, warum manche Verwirklichte trotzdem unreife Verhaltensweisen an den Tag legen.

Mit anderen Worten: ein spirituell Lehrender ist und bleibt ein Mensch. Selbst wenn er bereits einen langen Bewusstheitsweg hinter sich hat, wird er nicht zu einer perfekten und damit unfehlbaren Person. Das ist zunächst ernüchternd, aber wenn wir diese Erkenntnis verdaut haben, wird sie wiederum zur Chance für die Beziehung zwischen Schüler/innen und Lehrer. Sie verändert nämlich das Verhältnis und das Gefälle zwischen beiden.

Lehrer dürfen wieder mehr ihre Ganzheit und Natürlichkeit zulassen und dazu stehen. Sie können mehr sie selbst bleiben und müssen ihr Menschsein nicht verbergen. Das hat entspannende Wirkung auf beide. Die Beziehung wird gleichwertiger und realer. 

Die Schüler/innen wiederum können der Lehrperson als Mensch gegenübertreten und werden dadurch selbst als Menschen in ihrer Unvollkommenheit aufgewertet. Jetzt haben sie auch die Möglichkeit, die Lehren und Handlungen des Lehrers in Besonnenheit auf sich wirken zu lassen und nur das anzunehmen, was ihnen – nach eigener Prüfung – entspricht. Das Verhältnis wird freier und es kann das zurückgewiesen und beim Lehrer gelassen werden, das von Unreife zeugt, ohne dass die Lehrperson in ihrer Ganzheit abgewertet werden muss.

Überhaupt tun Schüler/innen gut daran, die lehrende Person nicht nur nach ihren Worten zu beurteilen, sondern darauf zu achten, ob Worte und Handeln im Einklang sind. Es geht hier nicht nur um die Kongruenz von Wort und Tat, sondern auch darum, immer wieder zu überprüfen, welche Werte durch die Person des Lehrenden vertreten werden. Sind diese Werte wirklich lebensbejahend? Dienen sie allen Menschen und allen Wesen und der ganzen Schöpfung? Oder werden dadurch andere Menschen oder Meinungen diskriminiert? Das und ähnliche Fragen sollten kein Tabu sein und ein/e Schüler/in sollte sie sich immer wieder fragen, um nicht in Gefahr zu kommen, unbemerkt lebensfeindliche Werte zu idealisieren. 

Was folgt aus diesen Betrachtungen?

Welch neues Rollenverständnis im Verhältnis zwischen Schüler/innen und Lehrer auch immer propagiert wird, wir müssen zunächst anerkennen, dass die Grunddynamiken dieser Beziehung bestehen bleiben. Zum Beispiel werden weiterhin Schüler/innen Ideale auf die Lehrperson übertragen. Erst wenn wir diese Dynamiken klar sehen, können wir sie bewusst für die innere Entwicklung nutzbar machen und auf ein neues Rollenverständnis hinwirken, in welchem die Lehrerrolle an Macht und Absolutheit verliert und die Schülerrolle gleichzeitig ermächtigt wird. Denn nur eine Ermächtigung der Rolle des/r Schülers/in kann dazu führen, dass im Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler/innen mehr Freiheit entsteht und die Gefahr des Missbrauchs abnimmt. Gleichzeitig wird dadurch auch die Eigenkompetenz des/r Schülers/in gestärkt, was letztlich doch auch Ziel des Lehrers ist. Denn wohin sollte der Weg führen, wenn nicht in die Eigenkompetenz und damit Unabhängigkeit des Schülers/in?

Um diese Eigenkompetenz zu fördern, könnten folgende Überlegungen für Lehrer und Lehrerinnen hilfreich sein. Hier sehe ich tatsächlich in erster Linie die Lehrpersonen in der Verantwortung, denn diese können nicht erwarten, dass sich Schüler/innen dieser Dynamiken und Möglichkeiten bewusst sind.

  • Der Lehrer/die Lehrerin könnte bewusst die Dynamik der Idealisierung von Schülern/innen aufgreifen und sie bewusst machen. Dabei könnte unterstützt werden, dass das Idealbild von der Person des Lehrers getrennt wird und dass vielmehr die eigentliche Sehnsucht, die im Ideal schlummert, wieder zugänglich gemacht wird.
  • Generell könnte der Lehrer/die Lehrerin die Gefahr der Idealisierung von Werten und Personen deutlich machen und anstoßen, dass Schüler/innen diese immer wieder in Frage stellen.
  • Auch die Arbeit mit dem Schatten, der sich in einer Idealisierung versteckt, könnte regelmäßiger Bestandteil eines spirituellen Weges sein und vom Lehrer angestoßen werden. Für den/die Schüler/in ist dies viel unbequemer, als wenn das Ideal beschworen wird, aber es führt zu einer viel größeren inneren Freiheit.
  • Die Lehrenden könnten das Vertrauen in die eigene Urteilsfähigkeit der Schüler/innen fördern, indem divergierende Meinungen innerhalb der Gemeinschaft und auch gegenüber dem/der Lehrenden selbst zugelassen und sogar aktiv durch Interesse unterstützt werden.
  • Der Lehrer/die Lehrerin könnte darauf achten, sich menschlich und natürlich zu zeigen. Das schließt ein, dass er/sie Fehler und menschliche Schwächen haben darf und vor sich und anderen zugeben kann. Er wird dadurch zum Vorbild für ein natürliches offenes Menschenbild, das innere Entwicklung und Selbstannahme verbindet.
  • Transparenz gegenüber der eigenen Entwicklung und der Schattenanteile ist sicherlich generell ein Beitrag dazu, dass es Schüler/innen leichter gemacht wird, die Person des Lehrers und seine Lehrinhalte einzuschätzen. Echten Fragen von Schülern/innen sollte die Lehrperson nicht ausweichen oder an die Schüler/innen zurückgeben, wie dies gerne gemacht wird, sondern authentisch beantworten. Dies könnte jedoch dazu führen, dass wiederum die Person des Lehrers zu stark in den Vordergrund kommt. Insofern ist eine Abwägung sinnvoll, welche Transparenz der Ermächtigung des/der Schülers/in wirklich dient. Am Grundsatz, dass es nicht um die Person des Lehrers geht, sondern um den spirituellen Inhalt und um die Schüler/innen, sollte sich nichts ändern.
  • Zuletzt rege ich auch an, die Rolle des spirituellen Lehrers umzubenennen. Denn „Nomen est Omen“ und die alten und tiefsitzenden Assoziationen bzgl. des Namens „spiritueller Lehrer“ wurden ja bereits erörtert. Ein Vorschlag dafür wäre, den Begriff „Lehrer“ durch den Begriff „Mentor“ zu ersetzen. Mit Lehrer assoziieren wir Autoritäten, die Bescheid wissen und die Richtung vorgeben. Dagegen verbinden wir mit dem Begriff „Mentor“ Personen, die andere auf ihrem Weg wohlwollend und begleitend unterstützen. Das weckt von vornherein eine Assoziation, die schlichter ist und damit einer übermäßigen Überhöhung der Rolle Vorschub leistet.

In vielen spirituellen Gemeinschaften hat bereits eine Demokratisierung Einzug gehalten, auch wenn diese noch immer mit alten Rollenbildern kollidiert. Doch langfristig glaube ich, dass ein neues Rollenverständnis nicht mehr aufzuhalten ist und Lehrer/innen wie Schüler/innen völlig neue Chancen der Zusammenarbeit bieten wird. Die Entwicklung eines neuen Rollenverständnisses zwischen Lehrer/innen und Schüler/innen ist sicherlich für beide Parteien ein Abenteuer. Erst im gemeinsamen Ringen um zeitgemäße Antworten werden sich neue Modelle herausschälen. Ich hoffe, zu diesem Abenteuer mit meinem Artikel ermutigt zu haben.

 

Richard Stiegler gibt Kurse und Ausbildungen in Transpersonaler Prozessarbeit und leitet Meditations- und Schweigekurse. Er ist auch als Buchautor tätig: „Kein Pfad – aus der Stille leben“ Verlag Kamphausen; „Was heilt uns? Zwischen Spiritualität und Therapie“ Verlag Herder. (Mitautor)

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www.seeleundsein.com