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18.8.2017 : 1:08 : +0200

Die Würde des Menschen

Sebastian Gronbach

Vier Geheimnisse anthroposophischer Lehrerschaft

von Sebastian Gronbach 

Zu einem vom Integralen Forum initiierten Dialog über Kriterien zeitgemäßer spiritueller Schulung wurde auch Info3 eingeladen. Aus anthroposophischer Sicht legte Sebastian Gronbach ein Positionspapier für die „Schule integraler evolutionärer Spiritualität“ vor. Dabei geht es insbesondere um die Rolle einer spirituellen Lehrerin oder eines spirituellen Lehrers.


Reden wir also über ein Geheimnis. Reden wir darüber, was es bedeutet, eine spirituelle Lehrerin oder ein spiritueller Lehrer zu sein. Und – das ist Inhalt dieses Textes – reden wir darüber, was die Besonderheiten der spirituellen Lehrerschaft im Kontext der Anthroposophie sind. Wer heute ernsthaft in der Tradition Rudolf Steiner als spirituelle Lehrerin und Lehrer arbeitet (unabhängig davon, ob er als Coach in Firmen oder Teams, als Biographieberater, Seminarleiter, Vortragsredner, oder Buchautor arbeitet) ist sich immer bewusst, dass er Teil von einem Geheimnis ist. Und dieses Geheimnis hat vier Seiten.

Das Geheimnis der Transformation

Auf die erste Seite macht uns Ken Wilber aufmerksam: Gefragt, wie sich spirituelle Entwicklung, geistig-seelische Transformation und letztlich das Erwachen im Menschen vollziehe, antwortet der geistige Gigant, der sonst zu allem eine umfassende Antwort hat, dieses: „Wie und warum Individuen wachsen, sich entwickeln und sich wandeln, ist eines der großen Mysterien der menschlichen Psychologie. Die Wahrheit ist, niemand weiß es.“

Das Wort „Geheimnis“ scheint hier also angemessen.

Es geht nicht um Geheimniskrämerei – lasst uns über Methoden sprechen, über Techniken und über Erfolge und Misserfolge. Lasst uns offen danach fragen, was unsere guten Erfahrungen sind und wo wir immer wieder an Grenzen stoßen. Lasst uns die Idee einer spirituellen Akademie verwirklichen und das Feld der inneren Entwicklung aus den Hinterhöfen der Schmuddelesoterik herausholen. Und entzaubern wir die magisch-mythischen Rituale als das, was sie sind: Die Verwechslung von Transrational und Prärational. Lasst uns hier ernst machen mit dem zweiten Wort in der Bezeichnung, die Rudolf Steiner seiner Anthroposophie gab: Geistes-Wissenschaft.

Lasst uns also diese spirituelle Geheimniskrämerei beenden. Machen wir weiter, was wir jetzt tun: Erzählen wir uns aus den alten und neuen spirituellen Bewegungen, wie wir unsere Arbeit machen. Aber bitte: Tun wir bei aller notwenigen aufklärerischen Haltung nicht so, als würde dadurch das Geheimnis der Transformation und Entwicklung gelüftet. Als hätten wir eine sichere, allgemeingültige Methode gefunden, um Menschen von einer Entwicklungsstufe zur nächsten Entwicklungsstufe zu führen. Ja, wir kennen die Stufen. Wir können immer besser beschreiben, wie diese Stufen aussehen. Gute spirituelle Lehrer haben sogar sichere Kriterien um zu überprüfen, ob jemand eine bestimmte Stufe erreicht hat. Vielleicht lässt sich der Weg sogar sehr genau nachzeichnen – aber eben nicht vorzeichnen. Auch wenn wir es uns für die Geistesschüler mit brennendem Herzen wünschen: Wir können nicht die Schablone des einen erfolgreichen Weges auf einen anderen Lebensweg legen. Und was für die Schritte auf den Entwicklungsstufen gilt, das gilt umso mehr für den Schritt ins Nichts: „Erleuchtung ist ein Geheimnis“, sagt Andrew Cohen dazu.

Noch einmal: Ich weiß, dass heutige spirituelle Lehrerinnen und Lehrer auf einen vorher nie dagewesenen Schatz von Weisheiten blicken können, aber für eine ernsthafte und integre Lehrerschaft ist es unabdingbar, demütig auf das Geheimnis der Entwicklung zu schauen. Wir verfügen über so viel Wissen wie nie zuvor und dennoch ist da diese schweigende Mehrheit des Nicht-Wissens. Wir sind Experten und es ist ein Geheimnis – beides ist wahr. Für spirituelle Lehrerinnen und Lehrer in der Tradition Rudolf Steiners ergibt sich daraus die erste Maxime: „Das unermessliche Vertrauen, welches mir meine Schülerinnen und Schüler entgegenbringen, ruht auch auf meiner eigenen Demut diesem Geheimnis der Transformation gegenüber. Was auch immer an kompetenten Wegen ich meinen Schülerinnen und Schülern zeige, ich bin mir jederzeit bewusst, dass sie durch dieses Geheimnis der Transformation führen, das ich nicht kenne. Aus dieser Haltung heraus begegne ich meinen Schülerinnen und Schülern. Das ist mehr als Respekt für Menschen. Es nähert sich der Würde des Menschen. Und die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Das Geheimnis des Höchsten

Spirituelle Lehrerinnen und Lehrer haben es mit der böswilligsten und gleichzeitig auch mit der banalsten Spezies auf dieser Erde zu tun. Mit nichts Geringerem als dem, was man in alten Worten den „Teufel“ genannt hat: Mit dem Ego. Unerbittlich ist bereits das Ringen mit dem eigenen Ego. Wer sich als spirituelle Lehrerin oder Lehrer auf den Kampf mit „fremden Teufeln“ einlässt, muss nicht nur listig, geduldig, stark, ehrenhaft, sogar vielleicht ein „harter Hund“, sondern vor allem eines sein: Eine reine und unbestechliche Seele. In jedem Augenblick. Ist er es nicht, dann verkauft er am Ende nicht nur seine eigene, sondern auch die Seele derer, die ihm vertrauen.

Manche spirituellen Lehrer mögen genau dazu berufen sein – wir ehren und respektieren sie. In Respekt und Anerkennung dieser Lehrer gehen Anthroposophen einen anderen Weg. Rudolf Steiner entwickelte den anthroposophischen Schulungsweg. Im Bezug auf das Ego fand er einen modernen Ansatz, dessen Grundidee wir heute ganz ähnlich, aber aus anderen Quellen entwickelt u.a. auch in der Praxis von „Voice Dialogue“ wiederfinden.

Steiner nahm sich den dicken Brocken des Egos vor und teilte ihn in zwei Grundtypen auf. Er nannte alle absolutistischen Aufsteiger-Typen „luziferisch“ und alle absolutistischen Absteiger-Typen nannte er „ahrimanisch“. Ahrimanisch gefärbt ist alles überbetont intellektualistische Rationale, jede übertriebene innere Haltung der Verkrampfung, Überformung, Verhärtung und geistig-seelischen Unterkühlung. Luziferisch ist alles übertont emotional-magisch-mythische Prärationale. Jede übertriebene innere Haltung der Haltlosigkeit, Formlosigkeit, Auflösung und geistig-seelischen Überhitzung. Mit dieser Aufteilung des Egos in zwei Untersuchungseinheiten – die er ausführlich und in zahlreichen Vorträgen und Büchern erläuterte – nahm er den Menschen die Angst vor dem großen Unbekannten und ermöglichte ihnen, genau und gewissermaßen „wissenschaftlich“ auf die Vorgänge im eigenen Innenraum zu schauen. 

Aber Rudolf Steiner ging noch weiter und legte damit den Maßstab für die anthroposophische Lehrerschaft: So schrieb er sogenannte Mysteriendramen, in denen er (ähnlich dem Voice Dialogue) die verschiedenen Stimmen und Anteile des Egos sprechen ließ. Das Besondere daran: Inhalt dieser Mysteriendramen ist nichts anderes als der Mensch auf dem inneren Schulungsweg. Der Mensch auf dem Weg zum geistigen Erwachen, der Mensch und seine Höherentwicklung. Auf diesem Weg begegnen ihm die verschiedensten Stimmen des Egos: Der Zweifel, der ewige Schüler, der Wächter der Schwelle, der Besserwisser, der Streber und zahlreiche andere Persönlichkeitsanteile.

 

Ohne auf weitere zahlreiche Beispiele aus dem Zusammenhang der Anthroposophie einzugehen, können wir zusammenfassend festhalten: Anthroposophen nehmen das Ego auseinander: Künstlerisch, wissenschaftlich, kreativ und mit der Präzision eines Profilers. Der schier unüberwindbare dicke Brocken Ego wird in der Anthroposophie nicht mit dem Bulldozer vom Weg geräumt, sondern er wird (in seinen Einzelteilen) wie Kieselsteine auf dem Weg verteilt. Dazu ist es nötig, dass der Einweihungsweg des Geistesschülers künstlich und künstlerisch in die Länge gezogen wird – sonst würde man in den Ego-Kieseln stecken bleiben.

Als Folge erscheint der anthroposophische Weg des Erwachens ewig lang. Ja: Er ist lang, aber – so unsere Annahme – kann am Ende nicht nur eine Elite, sondern viele, viele Menschen zum Licht des Erwachens führen. In diesem Sinne gilt für die anthroposophischen Lehrerinnen und Lehrer: Wir beschäftigen uns nicht mit „dem“ Ego. Im wahrsten Sinne des Wortes gehen wir über das Ego hinweg. Wir blicken dem Drachen gerade nicht in die Augen, sondern halten ihn (zerkleinert) unter unseren Füßen und blicken immer und geradewegs ins Licht. (Was im Übrigen der eigentliche Grund dafür ist, dass Anthroposophie als „heile Welt“ erscheint. Es ist einfach das heilige Licht, zu dem wir uns in jedem Moment hin ausrichten und welches durch alles scheint. 

Anthroposophie ist also kein Exorzismus. Anthroposophie „ist in ihrer Ganzheit mit allen ihren Einzelheiten ein Götter- und ein Gottesdienst.“ (Rudolf Steiner) Anthroposophie richtet sich innerhalb einer Entwicklungshierarchie immer am Höchsten aus – dieses Höchste jedoch ist ein objektloses Mysterium jenseits aller Perspektiven – oder mit anderen Worten: Ein Geheimnis. Es ist nicht einmal „das Höchste“. Es entzieht sich allen Vorstellungen von Hierarchien. Und wenn Anthroposophen für viele Menschen leicht zu religiös erscheinen, zu andächtig, zu heilig, dann hat dies sicherlich auch seine Schatten-Gründe. Aber es ist letztlich auch eine menschliche Hilflosigkeit im Angesicht dieses Geheimnisses. Dieses ehrfürchtige Stehen vor dem erhabenen Geheimnis des Höchsten gehört zur Seelenstimmung der anthroposophischen Lehrerinnen und Lehrer. 

Rudolf Steiner richtete alle Mantren, alle esoterischen Anweisungen und Hinweise für den inneren Schulungsweg so ein, dass die menschliche Seele immer und andauernd eine Verbindung mit dem Geheimnis des Höchsten ist. Er ging davon aus, dass unsere Seele durch diesen unterbrochenen göttlich- geistigen Impuls gestärkt würde. Anthroposophie ist darum nur an wenigen Stellen ein Impuls, der zu einer vollständigen Erleuchtung führen soll. Vielmehr ist es Aufgabe des anthroposophischen Lehrers, bei jeder Schülerin und jedem Schüler eine Beziehung zu diesem Höchsten zu ermöglichen – im Vertrauen darauf, dass dies die Seelen der Schülerinnen und Schüler stärkt.

Denn Rudolf Steiner wollte vor allem eines: Starke Seelen! Die Kraft der Seele war seine Mission. Menschen mit Seelenstärke, die aus der Liebe zum Handeln Verantwortung für den „Weltenfortgang“ übernehmen. Manchmal war es sogar so, dass er bewusst Erwachen bzw. Erleuchtung verhinderte. Warum? Weil ihm überaus wichtig war, dass man auf einer hohen Entwicklungs-Stufe oder -Ebene erwacht. Steiner beschrieb intensiv das menschliche und evolutionäre Drama, wenn jemand auf einer niedrigen Stufe oder Ebene erwacht und somit für die Evolution verloren war – oder sogar anti-evolutionär wurde. Schlussendlich war Steiner davon überzeugt, dass der Entwicklungsgrad der Seele, welche die spirituelle Erfahrung des Erwachens durchmacht, wichtiger ist als die Erfahrung selbst. Eine starke, hohe und kompetente Seele würde im Erwachen sofort Verantwortung und Führungskraft übernehmen können – aus Liebe zur Evolution. Oder in Steiners Worten „aus Liebe zur Tat.“

Für spirituelle Lehrerinnen und Lehrer in der Tradition Rudolf Steiners ergibt sich daraus die zweite Maxime: „Ich richte mich und meiner Schülerinnen und Schüler immer auf den Höchsten Impuls aus. Diesen Impuls kann ich zwar als mein wahres Ich erkennen, ich sehe dieses Höchste auch als lebendiges Gewebe in aller Schöpfung, aber immer auch beuge ich mich ehrfürchtig diesem Höchsten. Was auch immer ich als Lehrerin und Lehrer weiß, im Angesicht dieses Geheimnisses ist mein Wissen bestenfalls der Boden, auf dem ich demütig knie. Und dieses Höchste wohnt eben auch in jeder Zelle meiner Schülerinnen und Schülern. Mein Gegenüber ist in seiner ganzen Gestalt aus diesem Höchsten gemacht. Aus dieser Haltung heraus begegne ich ihnen. Das ist mehr als Respekt für Menschen. Es nähert sich der Würde des Menschen. Und die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Das Geheimnis der Beziehung

Die Beziehung zwischen spirituellen LehrerInnen und SchülerInnen ist ein Geheimnis. Das bedeutet nicht, dass in dieser Beziehung unehrliche und geheimnisvolle Dinge gemacht würden. Es bedeutet nicht, dass in dieser Beziehung andere ethische Regeln gelten als in anderen Beziehungen und dass niemand etwas aus dieser Beziehung erfahren dürfte. Es geht nicht um Geheimniskrämerei, es geht um ein Geheimnis. Es geht auch nicht darum, dass es etwas besonders Esoterisches ausplappern könnte – es geht darum, dass das Wesentliche dieser SchülerInnen-LehrerInnen-Beziehung ein Geheimnis ist. Nicht weil es etwas zu verraten gäbe, sondern weil es Etwas gibt, was niemand der Beteiligten kennt.

Wer lange genug als spiritueller Lehrer oder Lehrerin arbeitet, wird wissen, dass mancher Fortschritt nur durch diese spezielle Beziehung möglich war. Und er wird wissen, dass er Schülerinnen und Schüler manchmal auch ablehnen muss. Denn Teil dieses Geheimnisses ist es auch, dass nicht jede Konstellation für ein Geheimnis geeignet ist. Anthroposophische Lehrerinnen und Lehrer üben gegenüber diesem Geheimnis eine umfassende Diskretion aus. Sie spannen bewusst eine Art geistige Eierschale um die Beziehung zwischen sich und ihre Schülerinnen und Schüler.

Sie vertrauen darauf, dass das allgemeine Leben in diesem Geheimnis konkret lebensfähig wird. Wir glauben an den Samen. Wir hegen und pflegen ihn. Aber wir schneiden ihn weder auf, um zwischendurch den Fortschritt zu überprüfen, noch ziehen wir an den grünen Hälmchen um das Wachstum zu fördern. Erst Recht nicht üben wir irgendeine Form von Druck aus, um das Wachstum zu fordern. „Richte jede deiner Taten, jedes deiner Worte so ein, dass durch dich in keines Menschen freien Willensentschluss eingegriffen wird“, formuliert Steiner. Wir respektieren, dass wir Teil eines Wunders sind. Rudolf Steiner sagt: „Jede sittliche Tat muss ein Wunder sein; sie darf nicht bloß eine Naturtatsache sein, sie muss ein Wunder sein. Der Mensch muss des Wunders fähig sein.“ 

Dieses Wunder benötigt unsere Diskretion. Diskretion kommt im Wortsinn von „discernere“ und bedeutet „unterscheiden“. Das Sortieren von Wichtigem und Unwichtigem. Mit dem Denken lässt sich manchmal schwer das Wichtige vom Unwichtigen unterscheiden – denn das Unwichtige macht sich gerne wichtig. Nur einem hält das Unwichtige nicht stand: Der Stille.

Darum kann über das Wesentliche einer SchülerInnen-LehrerInnen-Beziehung nicht gesprochen werden – versuchte man es doch, käme bestenfalls nur Gestammel hervor. Schlimmstenfalls eine spirituelle Todgeburt.

Für die Lehrerinnen und Lehrer in der Tradition Rudolf Steiners hat dieses Geheimnis auch etwas mit der Vorstellung von Reinkarnation und Karma zu tun. Dabei geht es nicht um einen allzu kindlichen Glauben an „Seelenwanderung“. Es geht nicht darum, dass man herumphantasieren soll, ob mein Schüler im letzten Leben vielleicht mal mein eigener Lehrer war – oder andersherum. Es geht bei diesem karmischen Aspekt schlicht darum, dass unser Wissen über dieses Thema nicht erforscht genug ist. Das könnte bedeuten, dass man es einfach ausschließt – aber wir haben zu viele Berichte zu diesem Thema, als das wir sagen könnten, dass wir es hier mit einem kollektiven und kulturübergreifenden Irrtum zu tun hätten. Das Thema Reinkarnation und Karma ist somit Teil dieses Geheimnisses.

Durch das Bild mit dem Ei oder dem Samen kann deutlich werden, dass die Beziehung ein Schutzraum ist. Ein Schutzraum, in dem sich das Geheimnis des höheren Lebens entfalten kann. Auch hier gilt: Ja, wir wissen viel über die Entstehung des Lebens, aber wenn wir den Samen oder das Ei aufschneiden um das Geheimnis anzufassen, dann stirbt nicht nur das Geheimnis, sondern auch das neue Leben.

Für spirituelle Lehrerinnen und Lehrer in der Tradition Rudolf Steiners ergibt sich daraus die dritte Maxime: „Ich ehre das Geheimnis unserer Beziehung. Nicht weil ich nicht jeden Gedanken, jedes Wort und jede Tat öffentlich vertreten könnte, sondern weil das höhere Leben, zu dem meine Schülerinnen und Schüler streben, diesen Schutzraum braucht, um ein lebensfähiges höheres Leben zu werden. Aus dieser Haltung heraus gestalte ich die Beziehung zu meinen Schülerinnen und Schülern. Sie sind – wie ich – Teil von einem Geheimnis, welches sich unserem forschenden Blick entziehen darf. Das ist mehr als Respekt für die Menschen in dieser Beziehung. Es nähert sich der Würde des Menschen. Und die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Das Geheimnis des Schicksals 

Es ist nicht wichtig, was genau wir unter dem Begriff des Schicksals jeweils verstehen. Ob es eine höhere Macht, Ordnung und Richtung gibt, oder nur kosmische Anarchie, Chaos und zufällige Mutationen: Uns allen ist unmittelbar einsehbar, dass wir Menschen die Biographie nicht vorhersehen können. Jedem Lebenslauf wohnt ein Geheimnis inne und wir müssen immer und überall mit dem Unberechenbaren rechnen. In allen Lebensreichen ereignen sich völlig unvorhersehbare Sprünge, Abstürze, Begegnungen, Verluste, Gewinne, Erkenntnisse, Entdeckungen und Revolutionen, die den menschlichen Lebenslauf nicht nur marginal beeinflussen, sondern radikal ändern. Im Nachhinein mag manches als eine heilige Ordnung erscheinen – in der Voraussicht ist diese nicht erkennbar. Schon gar nicht in einem individuellen Lebenslauf. 

Als spirituelle Lehrerinnen und Lehrer kennen wir solche schicksalhaften Ereignisse. Wir halten vielleicht einen Vortrag oder schreiben einen Artikel über ein uns wichtiges Thema. Wir richten unsere ganze Aufmerksamkeit auf dieses Thema und konzentrieren uns auf die wichtigsten Botschaften. Und was passiert? In einem ungeplanten Nebensatz, der uns selbst als belanglos erscheint, vielleicht sogar aus Unkonzentriertheit entstand, öffnet sich für einen Zuhörer ein Kosmos. Sein Leben ändert sich, weil wir nicht ganz bei der Sache waren. Besonders wunderlich ist es, wenn wir missverstanden werden und daraus die konstruktivsten Dinge passieren. Ich verdanke einem Druckfehler in meinem ersten Buch eine eigene Vortragsreihe. In dem Text meines ersten Buches steht der Satz: „No faith.“ (Kein Glaube) . Doch eigentlich sollte dort stehen „No fate“ (Kein Schicksal). Ich habe noch nie über diesen, im doppelten Sinne, schicksalhaften Druckfehler gesprochen, aber er führte zu fruchtbaren Dialogen und einer Vortragsreihe.

Das vielleicht wichtigste Lehrmodell Rudolf Steiners ist die Holzplastik-Figur des Menschheitsrepräsentanten. Der Blick der Betrachtenden konzentriert sich auf die mittlere Menschenfigur, die nach rechts und links die beiden großen Ego-Anteile im Blick hat. Ohne die kleine, unscheinbare und leicht lächerliche Figur am Rande aber stünde die ganze Figurenkonstellation in einer Asymmetrie. Diese kleine Figur nannte Rudolf Steiner den „Weltenhumor“. Ich erwähne das um zu sagen, dass das Geheimnis des Schicksals kein sentimentales Geheimnis ist. Im Gegenteil: Es ist ein Schutz vor spiritueller Sentimentalität. Schicksal ist – wie in meinem Buchbeispiel – oftmals ein humorvolles Element. „Das gibt’s doch gar nicht – das glaub ich jetzt nicht“, ist unsere erste Reaktion, wenn wir von solchen schicksalhaften Ereignissen hören – und wir sagen es mit einem fassungslosen Lächeln.

In diesem Sinne spielte der Weltenhumor im Schicksal des Menschen für Steiner immer eine bedeutsame Rolle: „Dieses Hinunterschauen mit Humor über den Felsen hat seinen guten Grund. Es ist durchaus nicht richtig, sich in die höheren Welten nur mit einer bloßen Sentimentalität erheben zu wollen. Will man sich richtig in die höheren Welten hinaufarbeiten, so muss man es nicht bloß mit Sentimentalität tun. Diese Sentimentalität hat immer einen Beigeschmack von Egoismus. Sie werden sehen, dass ich oftmals, wenn die höchsten geistigsten Zusammenhänge erörtert werden sollen, in die Betrachtung etwas hineinmische, was nicht herausbringen soll aus der Stimmung, sondern nur die egoistische Sentimentalität der Stimmung vertreiben soll. Erst dann werden sich die Menschen wahrhaftig zum Geistigen erheben, wenn sie es nicht erfassen wollen mit egoistischer Sentimentalität, sondern sich in Reinheit der Seele, die niemals ohne Humor sein kann, in dieses geistige Gebiet hineinbegeben können…

Beim Schreiben dieser Zeilen erreicht mich – seit sehr langer Zeit einmal wieder – die Mail meines Freundes Jelle van der Meulen. Sie ist nicht an mich gerichtet. Ich erhalte sie als Kopie. Jelle van der Meulen schrieb das Nachwort für mein eben zitiertes erstes Buch. Jetzt, in diesem Moment, schreibt er: „Manchmal ist es schwierig zu sagen, auf welchem Weg man sich genau befindet. Wir sind unterwegs und bauen kleine Kapellen, größere Kirchen und vielleicht einmal auch eine Kathedrale. Und vielleicht liegt die Kraft der heutigen Zeit gerade darin, nicht das Bauen der Kapellen und Kirchen und Kathedralen als Ziel zu verstehen, sondern die Ereignisse und die menschlichen Verbindungen, die im und am Bauen entstehen.“ Wie auch immer wir diese E-Mail im Kontext des Themas „Schicksal“ jetzt interpretieren – niemand von uns konnte wissen, dass diese Mail jetzt mitten in diese Zeilen platzt. Und das, was diese E-Mail sagt, ist ziemlich exakt das, was für die anthroposophische Lehrerin und den anthroposophischen Lehrer von größter Bedeutung ist: Vielleicht geht es von Fall zu Fall gar nicht darum, dass meine Schülerin diese Lektion lernt und am Ende des Seminars erleben konnte, was es zum Beispiel bedeutet in das Gesicht zu blicken, welches sie hatte bevor ihre Eltern geboren wurden. Vielleicht ist viel wichtiger, dass sie auf der Rückfahrt von diesem Seminar den Mann im Zug kennenlernte, mit dem sie ein Kind zeugt, welches das Energieproblem der Zukunft löst.

Vielleicht erscheint uns die Widerspenstigkeit eines Schülers als radikaler Rückfall in den geschlossenen Teufelskreis des Ego (und vermutlich ist es das sogar) und vielleicht verlässt er uns enttäuscht, vorwurfsvoll und knallt die Tür zu. Aber vielleicht wird er beim Verlassen des Hauses von einem Auto erfasst, welches ihm nicht nur ein gebrochenes Bein, sondern auch schlagartig und nachhaltig vor Augen führt, was er in meiner Umgebung sein Leben lang nie verstanden hätte. Das klingt ein bisschen lächerlich – aber genau so ist das Leben. Und wenn wir das Geheimnis des Schicksals wahren, bewahren wir auch die Reinheit unserer Seele – und die Reinheit der Seele lächelt.

Wir können immerzu vorbereitet sein – aber die Vorbereitung ist erst dann vollendet, wenn wir vollkommen vergessen haben, wer wir sind und was wir eigentlich erwarten. „Höhe des Geistes kann nur erklommen werden, wenn durch das Tor der Demut geschritten wird.“ Dieses Wort Rudolf Steiners ist auch ein Hinweis auf das Geheimnis des Schicksals. Diese Demut macht uns weit und offen. Für eine Intelligenz, die über uns hinaus geht. Alles Wissen stirbt – auch das Schulwissen der „Schule integraler evolutionärer Spiritualität“ – und erst so kann sich das ereignen, worauf wir vollkommen ausgerichtet sind: Das Neue.

Für spirituelle Lehrerinnen und Lehrer in der Tradition Rudolf Steiners ergibt sich daraus die vierte Maxime: „Ich ehre das Geheimnis des Schicksals. Nicht in einer magisch-mythischen New Age-Gläubigkeit – sondern aus zahlreichen persönlichen Erfahrungen und dem Wissen um die kulturübergreifenden Überlieferungen aller Traditionen. Dieses Geheimnis führt mich nicht in eine fatalistische Haltung, sondern bringt mich zu meiner wirklichen Verantwortung meinen Schülerinnen und Schülern gegenüber: In jedem Moment nach bestem Wissen und Gewissen zu handeln – und zu erkennen, dass mein Wissen auch das Wissen um mein Nicht-Wissen umfasst. Und mein Gewissen fordert mich auf, jede meiner Schülerinnen und Schüler so zu behandeln, dass das Geheimnis des Schicksals gewahrt wird. Das ist mehr als Respekt für die Menschen in dieser Beziehung. Es nähert sich der Würde des Menschen. Und die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Schlusswort

Während die Mission anderer spiritueller Lehrer und Meister das Erwachen des reinen Geistes über alles stellte, ging Rudolf Steiner immer mehr dazu über, sich dem Menschen als lebendigem Ausdruck dieses Geistes zuzuwenden. Er wollte einen Beitrag dazu leisten, dass das kosmische Bewusstsein sich als menschliches Selbstbewusstsein manifestieren kann. Wenn Rudolf Steiner postuliert, „frei ist der Mensch, insofern er in jedem Augenblick seines Lebens sich selbst zu folgen in der Lage ist“, dann richtet er sein Engagement nicht nur darauf, dass der Mensch sich der kosmischen Freiheit bewusst wird, sondern auch darauf, diese auf der Erde lebendig werden zu lassen. Jedes spirituelle Streben wollte er in ein moralisches Wachstum zum Guten eingebetet wissen: „Die goldene Regel ist: Wenn du einen Schritt vorwärts zu machen versuchst in der Erkenntnis geheimer Wahrheiten, so mache zugleich drei vorwärts in der Vervollkommnung deines Charakters zum Guten.“

Und dieses Gute war für ihn konkret: Kindern mit geistiger Behinderung gab er kleine Übungen mit großer Wirkung, für sozial benachteiligte Menschen entwickelte eine praktische Pädagogik, Bauern lehrte er den Boden mit den Sternen in Beziehung zu bringen, ringenden Künstlern verhalf er durch Vorbild und Nachahmung zu mutiger Innovation, für Krebskranke hatte er neue Rezepte und auch wer an Durchfall oder Stottern litt, konnte darauf hoffen, einen hilfreichen Fingerzeig zu erhalten. 

Steiners Mission hatte damit zu tun, dass er den Strom der kosmischen Liebe nicht nur in Erkenntniswahrheit, sondern zunehmend in Menschenleben strömen ließ. Anthroposophie ist ein Gottesdienst, aber wir feiern ihn auf der und mit der Erde. Für uns sind Weisheit und Barmherzigkeit untrennbar miteinander verbunden.

Wenn wir sagen: Im Zweifel für den Menschen – so wie er ist, dann ist das nicht reisignativ gesagt: Wir sagen es im absoluten Vertrauen und in der totalen Hingabe zum Leben selbst – denn dieses Leben ist Gott. Und in dieser Haltung – mit all unserem immer besser werdenden Wissen, reichen wir Gott die Hand, um die Erde zu einem Stern zu machen. Um unser eigenes „Prinzip Hoffnung“ zu erfüllen. Die wirkliche Genesis kommt nicht am Anfang der Schöpfung, sondern an ihrem Ende, also JETZT.

Vor einhundertfünfzig Jahren wurde Rudolf Steiner geboren. Als Lehrerinnen und Lehrer in seiner Tradition begrüßen wir jede Schülerin und jeden Schüler, um in ihm die evolutionären Kräfte zu einer nie endenden Entwicklung zu wecken und zu stärken – und alles fängt immer wieder damit an, dass wir diese Menschen lieben.

Für uns gilt, was Steiner allen Waldorfpädagogen ins Stammbuch schrieb: „Es gibt nur drei wirksame Erziehungsmittel: Furcht, Ehrgeiz und Liebe. Wir verzichten auf die ersten beiden.“ Anthroposophische Lehrerin anthroposophischen Lehrer lieben den Menschen so wie er werden könnte – aber eben auch so wie er ist. Wir lieben ihn als vollkommenen Ausdruck eines Göttlichen, welches ungetrennt ist von uns selbst. Für Rudolf Steiner – und somit auch uns, seine Erben – ist das Licht des Geistes immer auch eine Wärme des Herzens. 

E r g e b e n h e i t s - G e b e t

Was auch kommt, was mir auch die nächste Stunde, der nächste

Tag bringen mag:

Ich kann es zunächst, wenn es mir ganz unbekannt ist,

durch keine Furcht ändern.

Ich erwarte es mit vollkommenster innerer Seelenruhe,

mit vollkommener Meeresstille des Gemütes.

Durch Angst und Furcht wird unsere Entwicklung gehemmt;

wir weisen durch die Wellen der Furcht und Angst zurück, was

in unsere Seele aus der Zukunft herein will.

Die Hingabe an das, was man göttliche Weisheit in den

Ereignissen nennt, die Gewissheit, dass das, was da kommen

wird, sein muss, und dass es auch nach irgendeiner Richtung

seine guten Wirkungen haben müsste, das Hervorrufen dieser

Stimmung in Worten, in Empfindungen, in Ideen, das ist die

Stimmung des Ergebenheitsgebetes.

Es gehört zu dem, was wir in dieser Zeit lernen müssen: Aus

reinem Vertrauen zu leben, ohne Daseinssicherung, aus dem

Vertrauen auf die immer gegenwärtige Hilfe der geistigen

Welt. Wahrhaftig anders geht es heute nicht, wenn der Mut

nicht sinken soll.

Nehmen wir unseren Willen gehörig in Zucht und suchen wir

die Erweckung von innen jeden Morgen und jeden Abend.

- Rudolf Steiner

 

Sebastian Gronbach, im März 2011

 

Sebastian Gronbach ist „spiritueller Dienstleister und Aktivist in der Tradition Rudolf Steiners.“ Er ist Buchautor und Redakteur, hält Vorträge und leitet Seminare.

Webseite:

missionmensch.blogspot.com