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26.5.2017 : 11:08 : +0200

Integrale Evolutionäre Spiritualität, Spirituelle Lehrer, Kulte und Kritik

Terry Patten

von Terry Patten

[editorialer Hinweis: Zur besseren Übersicht haben wir dem Beitrag ein Inhaltsverzeichnis hinzugefügt.]

Inhalt

Teil 1

Abstract

Der Sinn dieser verständnisvollen Untersuchung: “Ja, und…”

Die Anziehungskraft des Egos und der Große Unsichtbare Kult des Weltlichen

Ist spirituelles Lehren eine “professionelle” Disziplin?

Dankbarkeit für erleuchtete Wildheit

Es ist eine Gratwanderung, mit heiligen Verantwortungen auf allen Seiten

Handhabt es mit leichter Hand, erkennt die Kosten

Sowohl Donner als auch Regen  — Abschließende Erklärung

Teil 2

Blog Postings: Verabscheuungswürdiges Lehren und die Anklagen, Missbrauch zu ermöglichen

Im Hinblick auf Andrew Cohen

Cohens Kritiker


Teil 1

Abstract

Das “Positionspapier” des Integralen Forums zur Beurteilung spiritueller Lehrer zeugt von philosophisch führender Qualität und ist hervorragend. Ich selbst habe ähnliche Prinzipien artikuliert und wende sie auch aktiv auf mich selbst an. Ich arbeite transparent und vollkommen gewaltfrei. Aber die im Papier artikulierten Prinzipien können gut oder schlecht angewendet werden, mit möglicherweise großem Nutzen oder schlechten Folgen. Bedenkt, es braucht beinahe übermenschliche Kräfte, um aus dem Anziehungsbereich des Ego und der allgemeinen weltlichen menschlichen Gesellschaft zu entkommen und die „Fluchtgeschwindigkeit“ zu erreichen, um in die hohen Sphären nachhaltiger höherer spiritueller Realisierung transpersonaler Stufen und Zustände des Bewusstseins zu gelangen. Aus guten Gründen entstehen “harte” Schulen mit intensiven Anforderungen, und sie sollten nicht aus rechtlichen Gründen zum Verschwinden gebracht werden oder durch das begrenzte Verstehen der Unerleuchteten ungerechtfertigt eingeschränkt werden. Experimente an der vordersten Bewusstseinsfront können durch jene, die einen halben Schritt zurück sind, eben nicht konsensuell beurteilt werden. Wir können Kriterien zur Beurteilung spiritueller Lehrer aufstellen, klar, aber verwenden wir sie in Demut. Im Prozess ist es genauso berechtigt, die Kritiker zu evaluieren, und sogar die Schüler. Diese Diskussion ist ein Teil der Art und Weise, wie wir eine Sangha hervorbringen können, die der nächste Buddha werden kann, und daher ist sie ein großes und ehrenhaftes Unterfangen. Aber lasst uns demütig vorgehen, lassen wir die nötige Vorsicht walten bei unseren Hypothesen. Lassen wir die Kultur integraler evolutionärer Spiritualität weit und offen sein, auch gespeist durch einige Weisheitsquellen, die durch Donner, Fluten und Blitze entstehen und nicht nur durch Quellen von heilendem Regen. 

Der Sinn dieser verständnisvollen Untersuchung: “Ja, und…”

Dank euch, Integrales Forum und DIA, dass ihr diese Themen behandelt habt, euch zweifellos in tiefschürfenden Konversationen engagiert habt, und dass ihr einen vorläufigen Entwurf erarbeitet habt, der gedankenreich und sorgfältig ist... Er zeigt philosophisch hohe Qualität (vielleicht sogar mit einer Dosis Habermas’scher Härte?) für die Integrale Bewegung und ist sehr schätzenswert. Er erschien, zeitgleich, am Tag nachdem ich einen Entwurf eines Papiers für die Integrale Theorie Konferenz 2010 vollendet hatte, mit dem Titel „Zur Emergenz einer Integralen Spirituellen Kultur“. Darin artikulierte ich verblüffend ähnliche Perspektiven (ich knüpfte an ein längeres Papier aus 2007 an, in dem ich einige dieser Themen ausführlicher behandelt hatte).

Hier zum Beispiel, zitiert aus meinem Papier, sind die Qualifikationen, die ich für einen Integralen Coach oder Lehrer aufgelistet habe:

1. Aktive, regelmäßige Praxis: Integrale Evolutionäre Coaches müssen sich ernsthaft bemühen, zu praktizieren, was sie predigen, einschließlich regelmäßiger Integraler Praktiken, die ganzheitliche Hygiene unterstützen, bewusste Ernährung miteinschließen, ebenso körperliche Übungen, ein bewusstes Verhältnis zum Schlaf, wirksame Selbst-Management-Praktiken, und reguläres Studium der Wachstumsperspektiven. Sie müssen darin nicht perfekt sein, aber sie müssen ernsthaft daran arbeiten, ihre Predigt auch zu leben.

2. Licht im Schatten: Integrale Evolutionäre Coaches müssen tiefes Selbst-Gewahrsein besitzen, und eine lange Geschichte sowie ebenso eine fortlaufende Praxis in ernsthafter Schattenarbeit aufweisen, in der sie ihr Selbst-Gewahrsein, ihr psychologisches Selbstverständnis, und die Integration des Körpers vertiefen.

3. Selbstverantwortlich und erfolgreich: Coaches müssen die Herausforderungen des Überlebens gemeistert haben und zumindest die funktionellen Basisanforderungen erfüllen. Sie müssen ihren Willen und ihr Selbst-Management so für sich eingesetzt haben, dass sie klare Standpunkte einnehmen können, auch andere miteinbeziehen können, und Ergebnisse in ihrem Leben und ihrer Arbeit vorweisen können. Dadurch können sie Autorität sein, wenn sie ihre Klienten bei der Meisterung ihrer eigenen Laufbahn beraten. 

4. Hoher Reifegrad: Ihr Schwerpunkt muss sich zumindest bis zu stabilem 2nd tier entwickelt haben, hinsichtlich vertikaler “Struktur-Ebenen”, indem sie die gelebte Erfahrung verkörpern, sich von beengenden Perspektiven befreit zu haben, und ihre Fähigkeit, komplexere Meta-Perspektiven einzunehmen, entwickelt haben. Dies sollte offensichtlich sein hinsichtlich ihrer Denkfähigkeit, ihrer Werte, ihrer Moral, sowie zusätzlicher Entwicklungslinien.

5. Spirituelle Praxis und Realisierung: Sie müssen reale Erfahrungen und tiefes Verstehen bei Meditation, Kommunion, Kontemplation, Samadhi und selbstlosem Dienst aufweisen. Coaches sollten charakterisierbar sein durch genügend spirituelle Reife hinsichtlich “Zustands“-Entwicklung, so dass sie transpersonale Perspektiven regelmäßig so einnehmen, dass fortlaufend teleologisches Ziehen und Führung erfolgt.

6. Kenntnis aller Aspekte der Praxis: Sie müssen die Natur und das Wesen der fünf Arten von Praxis und Wachstum verstehen, und fähig sein, ihre Klienten zu den besten verfügbaren helfenden Ressourcen hinzuführen (und zwar in allen fünf Bereichen).

7. Die Präsenz und die Fähigkeiten eines Coaches, Mentors, und spirituellen Führers: Sie müssen den authentischen Impuls verspüren, anderen zu helfen, müssen die Kunst, das Geschick und die Wissenschaft, es gut zu tun, studiert, praktiziert und gemeistert haben, so dass sie genügend transparent auftreten, um katalytisch und lehrend zu sein.

8. Übertragung: Ihre spirituelle Realisierung muss genügend Tiefe haben, so dass sie fähig sind, ein Bewusstseinsfeld zu vermitteln, das größere Freiheit und tieferen Kontakt bewirkt mit hohem subtilem, kausalem, und/oder non-dualem Bewusstsein in anderen.

9. Evolutionäre Aktivierung: Sie müssen berufen sein, dem Entstehen einer positiven evolutionären Zukunft durch ihre Arbeit mit anderen zu dienen, und ihrer Verpflichtung so nachkommen, dass sie auf andere ausstrahlt.

Euer Positionspapier unterhielt dieselbe Art und Weise an Überlegungen und führte sie in ähnliche, aber doch verschiedene und wertvolle Richtungen. Daher bin ich, zum größten Teil, offensichtlich auf eurer Seite. Aber ihr habt eine kurze und abstrakte Abhandlung verfasst, zu einem komplexen Thema, das sich in reichen menschlichen und zutiefst spirituellen Begriffen ausdrückt, und es gibt viele Nuancen, die noch einer weiteren Diskussion bedürfen. Und so lautet meine Antwort, ganz allgemein: “Ja, und…”, und ich hoffe, dass das “Ja!” laut und deutlich herüberkommt. Und hier, im Geist eines co-kreativen Dialogs, werde ich mich nur auf einen Bereich der polarisierenden Nuancen innerhalb dieses „und“ beschränken.

Diese gesamte Konversation findet statt in einem kulturellen Kontext, der erst kürzlich entstand – informiert, zugleich durch (1) alle prä-modernen spirituellen Weisheitstraditionen, (2) durch die rationalen Rahmen der Moderne für wissenschaftliche Evidenz, (3) postmoderne philosophische und psychologische Einsichten, (4) die bedeutenden Einsichten durch integrale Theorie und Praxis (speziell hinsichtlich einer wahrhaft „integralen“ Spiritualität) und (5) durch ehrliches Bemühen um die moralischen Implikationen und Imperative des größten Sinnzusammenhangs – der großen Geschichte der Evolution (indem sie eine „evolutionäre“ Spiritualität ermöglicht). Wir stimmen darin überein, dass etwas Essentielles und Wichtiges neu entstanden ist, von dem wir alle beschlossen haben (interessanterweise unabhängig voneinander – das ist das vielleicht Bedeutsame), es “Integrale Evolutionäre Spiritualität” zu nennen.

Ebenso (obwohl das in eurem Positionspapier nicht explizit ist) findet unsere Konversation statt vor einem Hintergrund, in dem (a) viele gegenwärtige spirituelle Lehrer ihre spirituelle Autorität missbraucht haben, und dadurch eine Serie an Skandalen über ihre kultische Ausbeutung von SchülerInnen hinsichtlich Sex und/oder Geld verursacht haben, (b) eine Anzahl von zeitgenössischen spirituellen Lehrern und Philosophen versucht haben, die befreienden Realisierungen der alten Traditionen in zeitgenössischer Form zu erneuern, indem sie manchmal in extremen, unkonventionellen und kontroversen Weisen lehrten, und (c) eine Zahl von Kritikern eine oder beide Kategorien von Lehrern attackiert haben, einige davon, indem sie alle unkonventionellen Lehrformen als „missbrauchend“ einstuften und, (d) einige sind sogar noch weiter gegangen und haben sogar andere, „nicht-missbrauchende“ Lehrer und Philosophen, einschließlich Ken Wilber und mich, einfach deswegen attackiert, weil wir unkonventionelle Lehrer wertgeschätzt, mit ihnen zusammengearbeitet, von ihnen gelernt oder mit ihnen studiert hatten – ohne dass wir öffentlich ihren sogenannten „Missbrauch“ verurteilt hätten. Deshalb wäre es toll, wenn wir uns auf Benimm-Standards einigen könnten.

Sowohl euer Positionspapier und mein Essay – und auch diese Antwort – sind in einen kulturellen großen Kontext eingebettet, inmitten eines ganzen Rahmens an impliziten und expliziten Annahmen. Darunter ist die Annahme, dass spirituelle Lehrer und ihre Methoden einem Prozess einer auf Konsens aufbauenden Validierung durch eine größere Gemeinschaft unterworfen werden sollten.  (Das bezieht sich nicht nur auf Fragen der Macht, sondern auch auf Qualität, Ebene und Validität der Lehre). Ich glaube, das ist ein notwendiger und größtenteils zulässiger Versuch. Aber es ist ein trügerisches Territorium. Und die Prinzipien, die ihr artikuliert, können gut oder schlecht angewendet werden, mit möglicherweise guten oder schlechten Konsequenzen.

Die Anziehungskraft des Egos und der Große Unsichtbare Kult des Weltlichen

Bedenkt, die meisten heute lebenden Menschen sind nicht nur noch-nicht-erleuchtet, sie sind neurotisch und selbstsüchtig, und sie verleugnen es. Die meisten sind auch integrale Analphabeten. Und die meisten sind auch voller Ressentiments und Vorurteile, unbewusster Schattenprojektionen, und haben ernsthaft begrenzte Strukturen ihrer Meinungsbildung. Nur von Mitgliedern einer “Gemeinschaft der Gleichrangigen” kann realistischerweise erwartet werden, dass sie kompetent die konsensuelle Validierung eines spirituellen Lehrers durchführen können. Aber weder eure Papiere noch meines haben das schwierige Problem angegangen, die “Gleichrangigkeit” derer zu definieren, die diese Validierung durchführen (oder die Validierung der Schüler, was noch eine ganz andere Angelegenheit ist). Wenn wir das täten, so vermute ich, dass unser „Elitismus“ einige Leser verletzen würde – doch wenn unsere Standards nicht extrem hoch wären, würde unser Prozess der Validierung dazu tendieren, eine sehr gewichtige Überlegung zu reduzieren - in etwas Künstliches und möglicherweise Verletzendes, ja schädlich sogar für die Evolution des Bewusstseins und der Kultur.

Das weist darauf hin, dass wir diese Diskussion in einer weltlichen und nicht-erleuchteten Kultur führen, die verzerrt ist durch weitverbreitete übersimplifizierte oder unzutreffende Glaubenssätze und nicht hinterfragte Haltungen, die ihre Wurzeln in Furcht, Ressentiment, Sehnsucht und Kummer haben (die das noch verstärken). Dies wurde “die Konsens-Trance” genannt, und aus gutem Grund. Um es noch lebendiger (und vielleicht auch in feurigerer Weise) zu beschreiben: Der übliche Kontext der modernen und postmodernen populären Kultur ist selbst ein großer „Kult“ an unbewussten, unerleuchteten Widerständen, an Ängstlichkeit, Neid, und tröstlichen Illusionen, ein Kult, der wild und bösartig seine erkenntnistheoretische Beschränktheit verteidigt. Jeder Versuch, eine inspirierte Subkultur einer transformativen Praxis zu schaffen, muss dem Konsens dieses größeren Konsens-Kults trotzen, und im Laufe des Prozesses wird es tendenziell ganz so aussehen, wie das, was in unserer derzeit laufenden Konversation verächtlich „Kult“ genannt wird. Es stimmt, dass pathologisches “kultisches” brainwashing extrem gefährlich sein kann, und es ist wichtig, sich dagegen zu schützen, aber wir sollen uns daran erinnern, es ist nicht der einzige Kultismus, der heutzutage im Spiel ist, und die populäre kulturelle Alternative (die wahrscheinliche Grundeinstellung für jene, die es nicht versuchen, eine spirituelle Kultur zu erschaffen) ist selbst so ungesund, dass sie eine menschheitsumfassende moralische, ökonomische, ökologische und politische Krise verursacht hat.

Wie alle “wahren” Perspektiven, ist der obige Absatz ebenfalls „partiell“ – das heißt, das Glas ist beides, halb voll und halb leer. Kultur evolviert, und integrale evolutionäre Kultur ist dabei zu emergieren, zu wachsen und zu erwachen. Wir sehen das Entstehen von Weisheit. Und noch weiter, es gibt schon eine Art von Weisheit im Skeptizismus der Moderne und der Postmoderne, und zwar Skeptizismus gegenüber vermuteten Formen von Autorität, speziell gegenüber spiritueller Autorität. Dieser Skeptizismus war eine Triebkraft für zahllose Formen von Innovation und für den Ausdruck von persönlicher Freiheit. UND, die langanhaltende, gut fundierte Erkenntnis der egoischen, kontrahierten Natur der menschlichen Veranlagungen kann nicht ignoriert werden…

Spirituelle Traditionen, seit alten Zeiten, haben die Anziehungskraft des Egos, die Kraft der Selbst-Kontraktion und die irreführende Kraft der gemeinen menschlichen Gesellschaft als eine enorm gefährliche Gewalt angesehen. In vergangenen Zeitaltern gelang es den klösterlichen Orden eine alternative kulturelle Realität zu erfinden, innerhalb derer etwas anderes möglich sein könnte. Sie sahen den Prozess als Abenteuer, nicht als Wissenschaft. Um eine zeitgenössische Metapher zu verwenden – es braucht eine beinahe übermenschliche Kraft, um sich aus der Anziehungskraft des Egos und aus der allgemeinen weltlichen menschlichen Gesellschaft zu befreien, um die nötige „Fluchtgeschwindigkeit“ zu erreichen, um in die Sphäre einer nachhaltig höheren Realisierung der transpersonalen Ebenen und Zustände des Bewusstseins zu gelangen.

Ist spirituelles Lehren eine “professionelle” Disziplin?

Die Kriterien, die im Positionspapier des Integralen Forums vorgeschlagen wurden, sind im Kern übereinstimmend mit den Kriterien, die ich als spiritueller Lehrer auf mich selbst anwende. Transparenz und authentisches Selbst-Erforschen können tieferen, authentischeren Kontakt ermöglichen. Verantwortlichkeit entsteht von selbst in dieser spirituellen Intimität. Ich bin daran interessiert, an einer Kultur von integralen evolutionären Lehrern teilzuhaben (und auch von Coaches, nebenbei – ich schlage vor, dass der evolutionären Spiritualität am ehesten durch eine ganz neue “Ökologie der Helfer” gedient wäre, eher noch als nur durch die altertümliche Lehrer-Schüler-Dynamik, und dass erfahrene peer-„Coaches“, die professionelle evolutionäre Dienste leisten, eine zentrale Rolle in dieser neu entstehenden Ökologie spielen können). Die Fragen, die ihr an Lehrer stellt, sind berechtigt, ich versuche sie in dem Sinn zu beantworten, wie ich meine eigene Arbeit mit Menschen gestalte.

Aber ich hoffe, dass ihr nicht darauf besteht, sie als absolute oder als formale Erfordernisse für alle Lehrer anzuwenden, oder jeden, der sich entscheidet, sich nicht diesen Kriterien zu unterwerfen, schon dadurch als illegal oder gefährlich einzustufen. Sich euren Fragen zu stellen und zu beantworten wird tendenziell das ganze Geschäft des spirituellen Lehrens demokratisieren, wird Professionalität und Klarheit zulassen, und wird das Potenzial für Missbrauch verringern. Aber können jetzt spirituelle Lehrer als bloße “Professionals” betrachtet werden? Oder sind manche von ihnen authentisch transzendent, von höherem Status, und verdienen Ehrfurcht, wie sie ihnen eher traditionell entgegengebracht wurde (auch wenn viele, die diesen Status in der Vergangenheit beansprucht haben, ihm nicht gerecht wurden)?

Es ist klug und verantwortlich, zu versuchen, das Niveau des Diskurses und der Unterscheidung zu heben, indem man fragt und versucht, die Schlüsselfragen zu beantworten. Wie halten wir es mit ethischen Standards für Lehrer? Können wir einen einheitlichen Verhaltensraster definieren, der realistischerweise für alle zutrifft, unabhängig von ihrem eigenen Stand von Erwachtsein und Vision? Gibt es vielerlei Kategorien an Lehrern und Standards? Welche Kriterien passen? Wer stellt sie auf? Wie? Was sind sie genau? Aber da spirituelles Lehren, aufgrund seiner Natur, das unwissbare und unbeschreibliche Geheimnis der Existenz und der Grenzbereiche des menschlichen Potenzials behandelt, zweifle ich daran, dass es möglich ist, alle diese Fragen endgültig und vollständig zu beantworten. Spiritualität und das Abenteuer des spirituellen Erwachens streben nach Grenzüberschreitung dessen, was wir schon wissen und verstehen.

Im Wissen um diesen Kontext, möchte ich mich einer anderen Frage zuwenden: Ist es realistisch oder  überhaupt wünschenswert, das große Thema der spirituellen Transformation vollkommen “sicher” zu machen? Ist es nicht zuletzt möglicherweise legitim für einen fortgeschrittenen Lehrer, einen höheren Status, der auf außerordentlicher Realisierung beruht, geltend zu machen, und auf dieser Basis eine „harte Schule“ der strengen Anforderungen zu schaffen, die nur für die am leidenschaftlichsten Pflichtgetreuen gelten, einen Kessel des transformierenden Feuers, vor dem die Menschen gewarnt werden, ihn „auf eigenes Risiko“ zu betreten? Wenn unsere Kriterien nun eng und programmatisch angewendet würden, entstünde das Risiko, die stürmische Vitalität der evolvierenden Speerspitze der menschlichen spirituellen Evolution zu bändigen, indem alle spirituellen Lehrer zu Professionalisten, die an professionelle Standards gebunden wären, umgewandelt würden. Lehrer, die dermaßen gebunden wären, könnten nicht wirklich frei sein, im Geist leidenschaftlichen Experimentierens „einfach zu tun“. Wenn wir unbeabsichtigt zu einem Versuch beitragen, jedes einzelne Mitglied dieser wilden Spezies zu domestizieren, dann riskieren wir, etwas für unser fortlaufendes Wachstum und unsere Entwicklung Vitales und Notwendiges zu verlieren oder zu marginalisieren.  

Dankbarkeit für erleuchtete Wildheit

Ich verbrachte fünfzehn Jahre als Schüler von Adi Da Samraj, einem wahrhaft großen spirituellen Lehrer, der oft öffentlich als Missbraucher denunziert wird. Meine Sicht auf ihn ist komplex, voller Nuancen und Widersprüche, und es ist unmöglich, alles in diesem kurzen Raum angemessen zu beschreiben. Eine sehr für sich sprechende Phrase, die ich über ihn geschrieben habe, lautet, dass er „teilweise Jesus Christus, teilweise Nagarjuna, teilweise Marlon Brando, und teilweise Dschingis Khan“ war. Und überdies…Ich bin unaussprechlich dankbar für die unvergleichliche Erziehung, die ich während meiner Zeit mit ihm erhalten habe. Meine aufopfernde Liebesaffäre mit ihm transformierte mich und bestimmte die Richtung meines Lebens. Zur gleichen Zeit war ich immer ein kritischer Schüler, ein Praktizierender einer „trotzigen Hingabe“. Ich war ein Verehrer, der seinen Launen und Verhaltensweisen widersprach, ich kritisierte ihn, widersetzte mich einigen seiner Befehle, und beendete vor über zwanzig Jahren sogar gänzlich meine Mitgliedschaft in seinem Ashram. Es war die Natur meiner (wahrhaft gesegneten) Verbindung zu ihm, intensiv und hartnäckig mit ihm zu streiten, sogar nachdem ich weggegangen war, insgesamt über fünfunddreißig Jahre – alles im Rahmen einer tiefgründigen und transzendenten spirituellen Verbindung.

Das klingt für die meisten Leute schräg, wenn nicht sogar äußerst unverständlich, und ich weiß, dass es eine unrealistische Erwartung wäre, dass meine paradoxe Erfahrung in der zeitgenössischen Kultur echt und tief verstanden wird. Aber ich erhielt transformierende Segnungen nicht nur durch jene Aspekte Adi Das, die allgemein als legitim und lobenswert angesehen werden. Ich zog unglaublichen Nutzen aus Aspekten meiner Erfahrung, die andere als absurd, “missbrauchend” und/ oder unverständlich bezeichnen würden. Einige meiner grundlegendsten Lernerfahrungen erfuhr ich nach meinem Abschied; sie erschienen „auf der Rückseite der Etikette“ (und nur sichtbar, wenn sie abgetrennt wird). Ich billige und entschuldige nicht alles in seinem Verhalten. Nochmals, ich war ein scharfer Kritiker (und, konventionell gesehen, auch ein Opfer, oder Überlebender, von “Missbrauch” – das reale Verletzungen erlitten und mit großem Zorn prozessiert hat). Und nun schaue ich auf alles mit Dankbarkeit, auch wenn ich nicht nur hingebend, sondern auch kritisch verbleibe.

Es ist eine Gratwanderung, mit heiligen Verantwortungen auf allen Seiten

Ich kann nicht mit gutem Gewissen stillschweigen und dadurch künftige Generationen spiritueller Aspiranten ärmer machen, indem ich einen Zugang zu dieser Thematik befürworte, der den kulturellen Raum, in dem spirituelles Lehren stattfinden kann, völlig keimfrei macht, so dass andere nicht von der außergewöhnlichen Feuerprobe, die ich erfahren durfte, einen Gewinn ziehen können.

Zugleich möchte ich nicht, dass Menschen in Situationen gelockt oder gedrängt werden, in denen ihre Autonomie verletzt wird und sie selbst Schaden erleiden. Die Psychologie einer Gruppe hat viel Macht; kleine spirituelle Gruppen können leicht zu Kulten verkommen und ungesund werden, vor allem, wenn sie einen charismatischen Anführer und eine allumfassende Mission haben. Ein tragischer Schaden kann die Folge davon sein, und Jim Jones und Charles Manson sind Ikonen dafür, wie extrem der Verlauf sein kann. Die integrale evolutionäre spirituelle Bewegung kann Schaden erleiden, wenn wir nicht einen Weg finden, um die Anforderungen zu klären, die selbst viel mildere Versionen dieser ungesunden Dynamik verhindern oder zumindest herausfordern können.

Ich persönlich würde nie auf eine dominierende Art und Weise lehren, und habe auch nicht die Absicht, das jemals zu tun. Meine Art, verantwortungsvoll mit Menschen in Beziehung zu treten, ist transparenter, dialektisch, sanft, wertschätzend und zutiefst respektvoll. Es ist mein Stil, mein „Dharma“, ein „spiritueller Freund“ zu sein, ein Lehrer, der auch ein Coach ist, und der danach strebt, seine Schüler und Klienten in Kollegen und Gleichrangige zu transformieren. Ich schrecke selbst vor einem Hauch einer Verletzung der Grenzen meiner Schüler und Klienten zurück, und will damit nichts zu tun haben. In dieser Hinsicht strebe ich danach, makellos zu sein, und ich beobachte Entwicklungen sehr genau, die dabei einen Makel verursachen könnten. Ich forsche bei meinen Kollegen nach, wenn ihre Schüler verletzt oder gekränkt sind. Lehrer übernehmen eine Rolle, die dazu neigt, Verehrung und große Offenheit zu bewirken, und das verleiht eine heilige Verantwortung. Ich möchte, dass wir uns sehr bewusst sind, auf welche Weise andere verletzt werden können, selbst in unseren gut gemeinten und liebevollen Versuchen, ihnen zu dienen.

Aber ich behalte mir das Recht vor, als Lehrer zu wachsen, und wenn ich Wege finde, wilder und wirkungsvoller zu lieben und zu lehren, dann ist es vorrangig, dass ich frei sein kann, mich zu weiten. Herausforderung ist ein essenzieller Aspekt des Lehrens. Damit zu experimentieren, Schüler auf eine neue Art und Weise herauszufordern, wäre nicht böse an sich. Ich möchte nicht dazu beigetragen haben, einen weltweiten Raum einer Kultur zu schaffen, der diesen potenziell gesunden Impuls in einem bürokratischen Morast einer „spirituellen Korrektheit“ erstickt. Die Prinzipien in eurem Dokument sind höchst hilfreich, solange sie als „Verallgemeinerungen zwecks Orientierung“ gesehen werden, könnten jedoch repressiv werden, sobald sie als „Vorschriften“ angesehen werden.

Handhabt es mit leichter Hand, erkennt die Kosten.

Daher schlage ich vor, dass euer Grundsatzpapier, zum Großteil anerkannt wird, wie es ist, aber bescheiden und mit leichter Hand angewendet wird. Wie es mein Freund und Kollege Marco Morelli sagt, „Es gibt keine offizielle Gemeinschaft rational Handelnder, die bewusst intelligente Voraussetzungen und Prinzipien in ihren Diskursen und Tätigkeiten anwenden, wie ein Überprüfungsausschuss, der die Aufgabe hat, alle sozialen Vorkommnisse einzuschätzen und zu beurteilen. So zu handeln, als ob dieses Ideal Realität ist, kann eine Möglichkeit eines Schattens einer überehrgeizigen Anwendung eines universellen integralen evolutionären Prinzips darstellen. Wie ihr wisst, ist die Wirklichkeit viel chaotischer, von Neurosen angetrieben, von kulturellen Annahmen und systemischen Verzerrungen, (wie die „Echo-Kammer“ Wirkung der Blogs). In der Realität sind Beurteilungen oftmals individuell motiviert und reflektieren die eigenen Erfahrungen, Ängste, Antriebe und auch (aber eben nicht allein) die rationalen Fähigkeiten eines Individuums.

Vergesst bitte nicht, dass für diese Bemühung, einen universellen Standard zu erstellen, ein Preis zu zahlen sein könnte. Nicht alle spirituellen Lehren verbreiten bereits akzeptierte Weisheit. Einige sind darum bemüht, die vorderste Linie des Bewusstseins und der Kultur voranzutreiben. Wenn ein Experiment wirklich die derzeitigen Grenzen sprengt, sind nur sehr wenige von uns in der Lage, da zu urteilen und dies einzuschätzen. Wenn diese Experimente entscheidend für die spirituelle und kulturelle Evolution sind, wollen wir doch demütig genug sein, die Evolution selbst nicht zu behindern.

Welche Kompromisse sind wir dabei bereit einzugehen? Die Frage läuft darauf hinaus, zu kalibrieren, wie eng wir derartige Experimente kontrollieren wollen. Einerseits wollen wir die Risiken von schwerem Missbrauch – wie z. B. im Fall von Jim Jones – vermeiden, andererseits wollen wir jedoch die kreative Intensität, die einen schnellen spirituellen und kulturellen Fortschritt antreibt, nicht übermäßig behindern. Lasst uns erkennen und dem zustimmen, dass mutiges Experimentieren ebenfalls wichtig ist. Die konventionelle Welt kann dies überhaupt nicht anerkennen, aber die Teilnehmer an einer integralen evolutionären Spiritualität können das. Unter bestimmten Bedingungen kann es sein, dass wir die Verantwortung haben, religiöse Freiheit zu verteidigen. Unter anderen müssen wir die Suchenden vor unverantwortlichen Lehrern schützen.

Sowohl Donner als auch Regen — Abschließende Erklärung

Mein eigenes Lehramt ist fest in einer Kultur der Gegenseitigkeit verankert. Meiner Meinung nach liegt darin derzeit die meiste Kreativität – die Emergenz einer wahrhaft relevanten evolutionären spirituellen Kultur. Wenn „der nächste Buddha eine Sangha“ sein wird, dann können wir auf diese Weise daran arbeiten, um daran teilzuhaben und dieser wichtigen evolutionären Entwicklung zu dienen. Esoterische „harte“ Schulen einer intensiven Herausforderung sollten die seltene Ausnahme, nicht die Regel sein. Und natürlich würde ich nie kriminelles oder gefährlich vernachlässigendes Verhalten von einem Lehrer gegenüber seinen Schülern dulden. Aber ich möchte, dass die Kultur einer integralen evolutionären Spiritualität von einigen Strömen der Weisheit gespeist wird, die über Stromschnellen führen, mit Blitz und Donner und Wasserfluten, und nicht nur von heilsamen Regen bewässert werden.

Wenn ich mich selbst auf eine positive evolutionäre Zukunft einstimme, dann meine ich (und die großer Mehrzahl meiner Kollegen), dass ich dieser am besten auf bescheidene Weise dienen kann, indem ich die Würde, Verletzlichkeit und Autonomie der Suchenden achte. Aber ich selbst wurde zum Teil durch einen alchemistischen tantrischen Prozess transformiert, der meine Grenzen schonungslos und unbarmherzig verletzte, ein Prozess, aus dem ich etwas verwundet, aber auch zutiefst und dauernd transformiert hervorging. Lasst uns für den gesamten Elefanten Platz machen, nicht nur für die Umrisse, die wir bisher erfassen konnten, durch einen Prozess, der noch jung ist und noch nicht in allen Ecken und Nischen ausgeleuchtet, und – Gott sei Dank – dynamisch lebendig.


 

Teil 2: Blog Postings: Verabscheuungswürdiges Lehren und die Anklagen, Missbrauch zu ermöglichen

Einer von Andrew Cohens Kritikern griff mich unlängst in einem Blog Posting an. Es wurden Details von einigen der flammendsten Geschichten über Cohen aufgezählt und in diesem Zusammenhang eine Gruppe von Lehrern (darunter ich, Ken Wilber und andere) angeklagt, Missbrauch Vorschub zu leisten, da wir mit Andrew in einem Dialog sind und mit ihm, seinen Studenten und seinen Veröffentlichungen kooperieren. Niemand von uns hat öffentlich auf diesen Angriff reagiert. Ich tat es nicht, da es in der Echo-Kammer der Blogsphäre keine Möglichkeit gibt, besonnen und ausführlich auf unverantwortliche Negativität zu reagieren, ohne diese dabei implizit zum gleichen Status zu erheben, sie dadurch zu validieren und ihr mehr Macht zu geben. Doch jetzt, im Zusammenhang mit dem intelligenten und verantwortlichen Artikel des Integralen Forums, bin ich der Ansicht, diese Themen in einem legitimen Kontext behandeln zu können.

Im Hinblick auf Andrew Cohen

Erstens: Was halte ich von Andrew Cohen und seiner angeblich missbräuchlichen Behandlung von Schülern? Ich sollte an dieser Stelle zugeben, dass ich Andrews Arbeit und Geschichte nicht mit genügend Tiefe und im Detail kenne, obwohl ich sie durchaus auch ernsthaft untersucht habe, um zur Gänze dafür und für ihn zu garantieren. Was die ersten 15 Jahre seiner Lehrtätigkeit anbelangt, reagierte ich auf ihn mit Abscheu. Es stieß mich ab, was wie Arroganz schien, Grobheit, und eine unnötige Schärfe in seiner Persönlichkeit und Lehrmethode.

Aber ich habe seine Zeitung seit vielen Jahren gelesen (und ich halte sie für wirklich ausgezeichnet, und sie hat eine Vielzahl immer wichtigerer und entscheidender Beiträge zu einer Bewusstseinskultur an vorderster Front der Entwicklung geleistet), und ich habe beobachtet, wie sich der Zugang geändert hat und im Laufe der Zeit gewachsen ist (auf eine aufregende und neue Weise, mit der ich im Allgemeinen in Resonanz gehen kann.). Ich war vor allem von der Intelligenz, Ehrlichkeit, Ernsthaftigkeit und Tiefe vieler von Andrews Schülern besonders positiv beeindruckt.

In jüngster Zeit habe ich einige haarsträubende Geschichten gelesen, die das Ego beschuldigen, verdammen und verfluchen, die ich dahingehend deuten möchte, dass sie nur eine sehr tiefe hypermaskuline Spaltung in der menschlichen Psyche verursachen könnten. Die schlimmsten Geschichten klingen ziemlich seltsam. Und ich „dulde nicht stillschweigend“, Menschen zu demütigen, unter Druck zu setzen oder emotional zu traumatisieren.

Aber viele der Leute, die das erlebt haben, sagen mir, dass sich das auf eine spezielle Periode extremer transformierende Intensität bezieht, die bewirkte, eine intra-psychische Krise zu schaffen in der dualistischen Polarität zwischen dem Ego der Schüler und ihren erleuchteten Absichten, eine Krise, die ihnen letztendlich ermöglichte, einen Durchbruch in einen neuen Bereich von selbsttranszendierender Freiheit und gegenseitigem Vertrauen zu erreichen. Ich habe viele leidenschaftliche Bekenntnisse gelesen und gehört, die diese Ansicht unterstützen. Viele frühere und gegenwärtige Schüler versichern mir, dass diese Art von Vorkommnissen, die als „Missbrauch“ bezeichnet wurden, vor langer Zeit aufgehört haben. Ist es eine Tatsache, dass dies der Fall ist? Ich kann nicht sicher sein. Aber ich denke schon. Und ich bin 100% davon überzeugt, dass es hier nicht einfach ist, zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden. Es ist im Allermindesten eine paradoxe Dynamik, bei der es auf Nuancen ankommt.  

Andrew Cohen wächst und lernt weiterhin als Lehrer. Er spricht viele der wichtigsten Ideen an, die integrale evolutionäre Spiritualität beleben. Er führt mit vielen der führenden Denker unserer Zeit Dialoge in seiner Zeitung, die unsere Weltsicht vorangebracht haben. Seine Beiträge sind wichtig und einzigartig. Wir benötigen mehr leidenschaftliche Evolutionäre, die eine Transformation des Bewusstseins und der Kultur so wichtig nehmen wie er. Wir möchten viele dieser Ideen erweitert und vertieft und nicht in Verruf gebracht sehen.

Da mir das alles ein Anliegen ist und da ich selbst einige kritische Ansichten dazu hatte, habe ich mit früheren Studenten und einigen gegenwärtigen darüber gesprochen. Es war ihnen möglich, diese Themen auf eine Weise zu diskutieren, die „kool-aid Trinker“ nicht zustande bringen.   Sie stimmten vielem von dem, das ich vorbrachte, zu, und einige schlugen sogar vor, dass ich Andrew direkt damit konfrontieren sollte. Das geschah im letzten Jahr.

Innerhalb der letzten 6 Monate habe ich Andrew in dieser Angelegenheit mehrfach privat und in der Öffentlichkeit konfrontiert. Ich war davon überrascht und angenehm berührt, dass er mir auf eine Art und Weise zuhörte, die authentisch neugierig, offen und selbstkritisch war, und nicht defensiv. Er hat zugehört, mit mir diskutiert, wieder zugehört und sich letztlich einige meiner Kommentare sehr zu Herzen genommen. Im Laufe dieses Prozesses sagte ich Andrew, dass es in seiner Verantwortung liege, das Karma, das er im Laufe seiner vergangenen Lehrtätigkeit zurückgelassen hat, auszuräumen, selbst wenn er (worauf er beharrt) sich nie etwas zu schulden habe kommen lassen. Und er nahm das so als richtig und wertvoll an und dankte mir sogar dafür.

Ich drängte ihn auch öffentlich zu sagen, was er mir gesagt hatte – dass seine Arbeit eine neue Richtung genommen hat, dass er durch einige intensive Experimente eine Kerngruppe engagierter Evolutionäre aufgebaut hat, und dass er gegenwärtig mehr daran interessiert ist, in der Öffentlichkeit mit Verbündeten darin zusammenzuarbeiten, eine evolutionäre Kultur aufzubauen. Ich hoffe, das ist zur Gänze wahr, und aus meiner Erfahrung zu schließen, dürfte das auch der Fall sein. Ich habe das alles „beschnüffelt“ - einem „Geruchs“-Test unterzogen, und halte es zur Gänze für glaubhaft.

Die ungeheuerlichen Geschichten gehörten zu einem extremen „spirituellen Theater“, das in einem Zusammenhang entstand, der für die meisten Menschen sogar nur schwer vorstellbar ist – ein außergewöhnliches Experiment, ein Versuch, eine radikal wahrhaftige und bewusste Existenz zu leben, als ein vertrauenswürdiges Mitglied einer zu höchst aufeinander eingeschworenen, miteinander fest verbundenen Gruppe. Andrew Cohen (wie auch mein Lehrer Adi Da) warnte davor, dass er ein wilder, feuriger Guru sei, der versuche, einen glühendheißen, transformatorischen Schmelztiegel zu schaffen, eine „harte Schule“ für die engagiertesten Bewerber, eine Druckkochtopf, dem sich die Leute nicht nähern sollten, sofern sie nicht an der heftigsten Art einer sich selbst transzendierenden Feuerprobe interessiert seien. Jene, die bei den ungeheuerlichen Geschichten über Andrew beteiligt waren – so sagte man mir – waren nur enge Schüler, die seit Jahren involviert waren. (Zumindest so weit war einmal ausnahmsweise die Werbung wahr). Ich wähle nicht eine derartige Beziehung zu Andrew, und wohl auch die meisten Leute, die das lesen werden, nicht. Aber was wir dennoch wertschätzen können, ist die leidenschaftliche und radikale Verpflichtung, die er in unseren kulturellen Weltraum bringt, und wir können davon profitieren.

Wir sollten feststellen, dass es eine weiten mittleren Bereich gibt, zwischen einerseits, alles zu unterstützen, das er getan hat, und andererseits sich zu weigern, mit ihm für die Evolution einer positiven Zukunft der Menschheit zu arbeiten. Es ist auch überflüssig, ein sehr paradoxes und hoch entwickeltes, und auch offenbar aufrichtiges Experiment zu verdammen, wenn es gewichtige Gründe gibt, eine endgültige Beurteilung vorübergehend auszusetzen. Ich und wir alle haben jedes Recht, dieses Gebiet zu erforschen. Ist es nicht im Grunde so, dass wir dazu eine Verpflichtung haben,  sofern wir tatsächlich integralen evolutionären spirituellen Aktivismus ernst nehmen.

Cohens Kritiker

Um noch einmal auf den “Geruchs-Test” zurückzukommen. Ich habe auch eine Nase voll von Cohens heftigsten Kritikern genommen: Etwas stinkt hier. Einige der gerechten gekränkten Ankläger scheinen anzunehmen, dass sie in einer netten, einfachen Welt von richtig und falsch leben, der an eine andere Art von Fundamentalismus erinnert. Sie verteidigen empören die Rechte seiner „Opfer“ (obwohl sich einige der Opfer durchaus als Begünstigte sehen). Ihre entrüsteten Stimmen sind Teil eines größeren Chores von Kritikern verschiedener spiritueller Lehrer und Philosophen, bis hin zu den Kritikern von Adi Da (viele von ihnen sind langjährige Freunde von mir). Eine verwandte Subkultur an Kritikern attackiert sogar den Philosophen Ken Wilber (aus allen Richtungen, schier ohne Ende). Diese Leute haben eine derartige Abscheu vor dem „Badewasser“, dass es ihnen egal zu sein scheint, was mit dem „Baby“ darin geschieht.

Ehrlich, die Kritiker von Lehrern an der vordersten Bewusstseinsfront und Evolutionären sind facettenreich. Sie umfassen auch sehr aufrichtige Leute, die sich um das Wohlbefinden der Suchenden sorgen. Einige sind sehr intelligente, viele von ihnen selbst zutiefst verwundet. Ihre Kritiken werden jedoch verstärkt durch die virulente Anti-Kult Haltung der Postmoderne, die es wiederum selbst verdient, kritisiert zu werden.

Es gibt einige, die im Stil von McCarthy erzürnt alle spirituellen Lehrer und Autoritäten und jeden, der mit ihnen in Verbindung steht, heruntermachen. Diese Gruppe möchte ich hier speziell ansprechen: Einige von ihnen haben keinerlei Maßstab, eine gültige Lehre und einen wahren Lehrer anzuerkennen. Sie leben in einer Welt wie jener von George W. Bush, wo es eine einfach Unterscheidungslinie  zwischen gut und böse gibt, und „ihr seid entweder für uns oder gegen uns“. Für sie sind spirituelle Autoritäten inhärent gefährlich; Lehrer sind so lange schuldig, bis ihre Unschuld bewiesen ist. Ich kann nicht erkennen, dass sich diese Leute mit der Komplexität und den Nuancen der Gesamtsituation wirklich beschäftigen oder sie erfassen können.

Die Motive und Annahmen hintern den heftigsten Attacken auf Andrew Cohen stellen eine Form einer Fundamentalismus des gemeinen Grünen Mem dar (in Resonanz mit dem gemeinen Orange und Blau/Bernstein Fundamentalismus). Meine Antwort auf das Positionspapier des Integralen Forums erklärt, warum ich diese Opfergeschichten nicht abkaufe. Die heftigsten Kritiker von Andrew sind keine wahren Opfer. (Ebenso wenig die vielgeschmähten Gurus, obwohl sie in einem Anti-Kult Klima agieren müssen, in dem sie für schuldig angesehen werden, bis sie ihre Unschuld beweisen. Wir müssen bedenken, dass alle Kritiker (und Gurus) selbst gewählt haben, sich in einer harten Schule als selbstverantwortliche Erwachsene zu engagieren.

Andrew Cohen zumindest hat sich leidenschaftlich bemüht, die menschliche Kultur zur Zeit einer evolutionären Krise  zu transformieren und voranzutreiben. Einige seiner verärgerten und selbstgerechten Kritiker scheinen nicht fähig zu sein, die Bedeutung einer derartigen Absicht anzuerkennen. Die meisten sind vorrangig negativ und reaktiv, nicht kreativ und pro-aktiv – nicht Führer oder auch nur authentische Teilnehmer in einer sich entwickelnden Spiritualität und Kultur. Alle ihre Sorge gilt den „Opfern“ und dem „Missbrauch“ spiritueller Macht. Würden es diese Leute vorziehen, dass wir alle konventionell leben, keinen leidenschaftlichen Versuch unternehmen, zu einem höheren Bewusstsein und höherer Kultur durchzubrechen? Ist die weltliche Populärkultur und die Konsenstrance für sie genug?

Was haben sie der Welt Positives anzubieten, einer Welt, die gewohnheitsgemäß schlafwandelt, die sich der moralischen Verpflichtung angesichts der evolutionären Dringlichkeit unserer gegenwärtigen Krise nicht bewusst ist.

Es ist mir klar, dass es höchst unwahrscheinlich ist, dass diese Worte die Meinung von Leuten, die sich bereits entschieden haben, verändern werden. Wie es Pete Bampton, einer der früheren Schüler Cohens scharfsinnig ausdrückt, „wenn man von der Annahme eines Missbrauchs ausgeht, wie es so viele Ex-Schüler und Verleumder (sehr zweckmäßig) machen, schränken die Parameter die Untersuchung ein. Alles wird nur noch durch eine bereits verzogene Linse betrachtet, die jegliche Information, die nicht passt, ablehnt.“

Und das Gegenteil ist ebenso wahr, wie einige Kritiker anklagen: Annahmen definieren oft die Untersuchung und führen in einen erkenntnistheoretischen Stillstand. Daher wird sich das „Geräusch“ von sich nicht überkreuzenden Perspektiven fortsetzen, wie es dies immer schon getan hat und auch weiterhin tun wird. Aber ein integraler, evolutionärer spiritueller kultureller Dialog ist ein „Signal“, das sich von diesem „Geräusch“ unterscheidet. Das ist eine Verantwortung, von der wir uns nicht abwenden können, auch wenn der Weg unklar und tückisch ist.

So gesehen dienen diese Attacken einer Belebung, sie sind eine Herausforderung, an der alle von uns wachsen können, die wir dazu beitragen wollen, diese scheinbar widersprüchlichen Perspektiven zu integrieren und eine eben entstehende dynamischere und geeignetere spirituelle Kultur zu schmieden, die unseren Dialog tiefer und weiter werden lässt. Ich hoffe, dies trägt dazu bei.

Terry Patten, Mai 2010


Übersetzung: Monika Frühwirth und Walter Urbanek