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20.11.2017 : 4:43 : +0100

Spirituelle Kompetenz

Thomas Hübl

„Wir können anhand von vertikalen Entwicklungsmodellen sehr wohl gewisse Aussagen über Kompetenzen treffen, doch wir können das Unberechenbare nicht kategorisieren. Dies würde dem Erwachen die Radikalität nehmen, die es braucht, um uns immer wieder an das Eine zu erinnern.“

Thomas Hübl

Die Diskussion, die das Integrale Forum mit seinem Positionspapier aufwirft, ist ein guter und wichtiger Impuls. Denn das Paper zeigt, dass es eine Verwirrung auf dem Gebiet der spirituellen Kompetenz gibt. Doch dieser Diskurs steht auf glattem Eis, wenn wir uns nur von der intellektuellen Seite nähern und nicht von der Seite der spirituellen Kompetenz. Die wahren Mystiker, also diejenigen, die die göttliche oder absolute Wirklichkeit erfahren, sind „Bewusstseinsfreaks“. Sie begreifen die innere Ordnung der Wirklichkeit nicht nur intellektuell, sondern sie erfahren diese wirklich tiefgehend.

Nur Erwachtes Bewusstsein weiß, was erwachtes Bewusstsein ist.

Ein Vergleich wird helfen, den Diskurs über spirituelle Kompetenz begreiflich zu machen: Grundschüler gehen normalerweise nicht zu Universitätsprofessoren für Mathematik, um über Differenzialrechnung zu diskutieren. Doch viele Menschen aus unterschiedlichen spirituellen Richtungen machen sich auf, die spirituelle Dimension des Menschseins zu beschreiben, obwohl sie hinsichtlich ihrer spirituellen Entwicklung noch nicht die nötige Kompetenz entwickelt haben. Sie sind kognitiv häufig wesentlich weiter entwickelt als spirituell, was dazu führt, spirituelle Kompetenz kognitiv erklären zu wollen. Entwicklungslinien werden dabei vermischt. Die intellektuelle Diskussion wird dann als spirituelle Diskussion verstanden, was sie jedoch nicht ist. Es ist eine philosophische Diskussion über spirituelle Werte.

Die Gefahr der integralen Theorie ist, dass Menschen mit einer hohen intellektuellen Fähigkeit, die kognitiv-philosophisch das Bewusstseinsmodell Ken Wilbers verstanden haben, aber selbst über wenig Integration höherer Bewusstseinsebenen verfügen, das Erklärungsmodell verzerrt anwenden. Ken Wilber hingegen verfügt über eine sehr tiefe innere Praxis und eine hohe intellektuelle wie auch transzendente Fähigkeit. Die verzerrte Anwendung der integralen Theorie ist ein Schatten in der integralen Bewegung. Ein weiterer Schatten ist die Tatsache, dass bei einer intellektuellen Diskussion über höhere Bewusstseinsstufen im Gegensatz zu einem direkten Sprechen aus diesen Bewusstseinsstufen keine Transmission stattfinden kann. Unter Transmission wird der energetische Resonanzeffekt verstanden, also der Effekt, der entsteht, wenn durch die höher schwingende Energie einer höher realisierten Person die Energie einer nicht so hoch realisierten Person angeregt wird, höher zu schwingen. „Bewusstseinsfreaks“, egal ob nun spiritueller Lehrer, hoch realisierte Menschen oder wache Schüler, können diese Transmission anderer hoch realisierter Menschen wahrnehmen, dadurch können sie spirituelle Kompetenz von Lehrerinnen und Lehrern feststellen.

Das Phänomen der Transmission durch spirituelle Lehrer lässt sich wiederum mit dem Mathematik-Professor vergleichen: Er hat die höhere Mathematik so in sich verwirklicht und kann sie so weitergeben, dass er eine Leiter für die Studenten ist, damit diese höher steigen können. Hätte der Mathematik-Professor die höhere Mathematik nicht selbst verwirklicht, würde er eine Verwirrung bei den Studenten auslösen. Die Studenten würden zwar glauben, sie gehen zu einem wissenden Professor, würden aber letztlich verwirrt sein, weil sie das, wovon der Professor redet, nicht verstehen. Das gleiche lässt sich auf die Spiritualität übertragen. Wenn jemand von Non-Dualität spricht, aber nicht in einem non-dualen Zustand ist, dann sind das nur leere Worte, sie haben keine Transmission. Die Worte würden zum Beispiel eine intellektuelle Motivation darstellen, zu praktizieren, ohne jedoch den Geschmack von Non-Dualität zu vermitteln.

Nicht so wache Schüler müssen Hilfsmittel heranziehen, die sie meist kognitiv in die Lage versetzen, die Fähigkeiten eines Lehrers in der vertikalen und horizontalen Verwirklichung einschätzen zu können. Hierzu kann sich der Schüler zum Beispiel daran orientieren, wie der Lehrer mit seinen Schülern umgeht, wie sich die Schüler aufeinander beziehen, welche Menschen sich um einen Lehrer versammeln und welchen aktiven Beitrag sie zur Bewusstseinsevolution leisten. Darüber hinaus können sie beobachten, wie sehr die anderen Schüler auf das Eine ausgerichtet sind und das Feuer des Erwachens in ihnen brennt.

Ein gewisses Maß an Vertrauen ist für eine Schüler-Lehrer-Beziehung jedoch Voraussetzung, ähnlich wie in anderen Disziplinen, zum Beispiel in der Mathematik: Wenn man komplexe Rechnungen lösen will, muss man den Weg gehen, dies zu erlernen. Wenn man noch nie eine Integralrechnung gemacht hat, kann man zwar die Aufgabe lesen, aber erst, wenn man sie wirklich begriffen hast, kann man sie auch lösen. Bevor man das beherrscht, muss man sich der Praxis anvertrauen und den Menschen, die die Rechnungen lösen können, vertrauen. Dies ist für den spirituellen Weg übertragbar. Mystik ist jenseits von „ich glaube an Gott“ oder „ich glaube nicht an Gott“. Es geht darum, sich einer Praxis hinzugeben, die uns so anbindet, dass wir die Effekte davon in unserer Wirklichkeit sehen und diese Effekte nicht zu leugnen sind. Um diese Anbindung zu verwirklichen, braucht es für die meisten Menschen einen authentischen und radikalen Lehrer.

Nur ein unberechenbarer Lehrer ist ein guter Lehrer

Ein Lehrer ist an erster Stelle kein Freund. Wenn wir wirklich erwachen wollen, brauchen wir keine Freundschaft, sondern mehr Unberechenbarkeit. Ein Lehrer beinhaltet bereits das höhere Potenzial des Schülers und kann dies widerspiegeln. Der Lehrer ist somit die Zukunft dessen, was der Schüler heute ist. Somit ist es der Dienst des Lehrers, nicht angenehm, sondern authentisch zu sein. Doch nicht nur authentisch auf den Stufen, die dem Entwicklungsstand des Schülers entsprechen, sondern auch dort, wo der Schüler nicht mehr weiß, wie die Welt aussieht. Der Verstand des Menschen ist auf Berechenbarkeit konditioniert. Ein spiritueller Lehrer spricht jedoch aus dem Nichts ohne Konditionierungen und es kommt zu spontanen Emergenzen, die den Schüler genau an dem Punkt berühren, wo seine Entwicklung stattfindet. Dies kann von einer niederen Bewusstseinsstufe betrachtet sehr rabiat und teilweise unempathisch aussehen und in anderen Situationen wiederum übersensibel. Aus einer höheren Bewusstseinsstufe ergibt sich ein anderes Bild; es ist eine passende, fördernde Intervention. Für einen Schüler ist es wichtig, anerkennen zu können, dass diese Unberechenbarkeit des Lehrers dem jeweiligen Augenblick und für die jeweilige Person angemessen ist.

Ein waches Leben bedeutet, dass wir uns am inneren Licht, dem evolutionären Impuls, so ausrichten, dass er stärker wird als die Gewohnheiten unserer Persönlichkeit und liebgewonnen Automatismen. Neues Potenzial möchte sich entfalten. Sind wir zu sehr in den Gewohnheiten unseres Selbst gefangen, werden wir diesem Ruf nicht folgen und es baut sich Druck auf. Wenn dieser evolutionäre Druck gegen die Gewohnheiten unserer Bewusstseinsstrukturen prallt, sind unsere Voraussagen dessen, was geschieht, nicht mehr gültig. Und das kann Angst machen. Diese Angst versuchen manche Menschen durch Berechenbarkeit zu ersetzen. Das Ego wird sich immer wieder Haltegriffe suchen, um scheinbar sicher zu bleiben. Es besteht die Gefahr, die radikale Kraft des Erwachens mit den Mitteln der Rationalität in Form von Klassifizierungen zu kastrieren. Wir können einfach die Weisheit nicht in einen Topf packen, der uns gefällt. Menschen sind süchtig danach, sich wohlzufühlen. Aber Erwachen ist nicht immer ein Prozess, der angenehm ist. Es braucht die Radikalität und die Unberechenbarkeit eines authentischen Lehrers.

Darin sehen wir schon die Schwierigkeit der Forderungen nach messbaren Kriterien und Qualitätsüberprüfungen, wie sie im Positionspapier des Integralen Forums formuliert sind. Wir können anhand von vertikalen Entwicklungsmodellen sehr wohl gewisse Aussagen über Kompetenzen treffen, doch wir können die Radikalität des Unberechenbaren nicht kategorisieren. Dies würde dem Erwachen die Radikalität nehmen, die es braucht, um uns immer wieder an das Eine zu erinnern. Wichtige Kompetenzen spiritueller Lehrer werden im Folgenden beschrieben.

Updates spiritueller Traditionen

Ohne erwachte Menschen, die integrale Perspektiven einnehmen können, kann kein signifikantes Update für spirituelle Traditionen erfolgen. Wenn aus der Ego-Perspektive des Schülers heraus versucht wird, das Unangenehme am Erwachensprozess zu vermeiden – zum Beispiel die Konfrontation durch einen spirituellen Lehrer oder eine tiefe herausfordernde Praxis – kommt es zu Aussagen wie „Das ist zu traditionell“, „Wir brauchen etwas Leichteres“, „Die Zeit ist längst eine andere“. Wenn dem nachgegeben wird, wird der Kern der Mystik verwässert. Spirituelle Tradition ist nichts anderes als das Weitergeben der Radikalität der inneren Kraft, und nur die Radikalität einer zeitgemäßen und somit upgedateten spirituellen Tradition wird das Erwachen des Bewusstseins kontinuierlich unterstützen.

Ein kompetenter Lehrer kann durch die höheren Bewusstseinsdimensionen führen

Wann immer wir zu höheren Bewusstseinsdimensionen auftauchen, erkennen wir eine Wirklichkeit, die größer ist als die, die wir vorher erfahren haben. Wir erfassen einen weiteren Kontext. Erst wenn wir höhere subtile oder kausale Welten betreten, können wir davon berichten. Nicht davor. Wenn wir von Mystik sprechen, sprechen wir davon, dass wir uns einer Praxis anvertrauen und dass wir ein Bewusstseinsexperiment machen. Und dieses Experiment wird uns Erfahrungen bringen. Es braucht allerdings einen Durchbruch in das Absolute, um das Relative von einer absoluten Ebene aus zu sehen. Ein kompetenter Lehrer erkennt die Ebene des Bewusstseins des Schülers und kann zu gegebener Zeit mit den nötigen Interventionen zu diesem Durchbruch verhelfen. Ohne Hilfe kann es passieren, dass der Schüler zu sehr in der Entwicklungsdynamik, also in einer Ausformung des Relativen, hängt und dabei vergisst, worin diese Entwicklungsdynamik stattfindet – nämlich im erwachten Bewusstsein. Ein erfahrener Lehrer gibt Hinweise, zu welchem Zeitpunkt in der Entwicklung es daher wichtig ist, das Absolute höher zu stellen als das Relative, denn die Non-Dualität kommt erst nach dem Durchbruch ins Absolute. Dieses Vorgehen ist Teil des Erwachensprozesses. Der Kardinalfehler ist, dass wir sagen, dass das Relative und Absolute gleichwertig sind und wir das eine nicht über das andere stellen. Das führt in den meisten Fällen dazu, dass es keinen absoluten Durchbruch gibt und damit nie eine Verwirklichung der Non-Dualität.

Ein kompetenter Lehrer kann die Schatten und den jeweiligen Entwicklungsstand des Schülers beinhalten

Lehrer und Schüler treffen sich auf unterschiedlichen Stufen der Entwicklung, vergleichbar mit der Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen zum erwachten Erwachsenen. Das muss uns als Lehrer und auch dem Schüler klar sein, sofern er die Kapazität dazu hat. Kontakte zwischen Lehrer und Schüler werden immer wieder regressive Elemente des Schülers beinhalten, die dem Lehrer bewusst sein müssen. Wenn im Kontakt auf Seiten des Lehrers Unklarheit über die entsprechende Entwicklungsstufe des Schülers herrscht, entstehen die Verwicklungen, die wir so oft in spirituellen Feldern sehen. Wirklich kompetente spirituelle Lehrer beinhalten verschiedene Entwicklungsstufen bewusst. Denn nur, wenn der Lehrer auf allen Ebenen zu Hause ist und seine Limits und Stärken kennt, kann er auch eine bewusste Reflexion für die Schüler sein. Im Grunde ist ein spiritueller Lehrer nichts anderes als eine bewusste authentische Spiegelung unterschiedlicher Lebensaspekte des Schülers.

Spirituelle Lehrer müssen um die Beziehungsmuster und Projektionen der Schüler wissen, sonst überschatten die Auswirkungen dieser Muster den mystischen Aspekt. Anhimmelungen dürfen von Lehrern nicht persönlich genommen werden. Diese Energien kommen meistens aus unintegrierten Anteilen oder aus der Überwältigung von einer transpersonalen Liebe. Der Lehrer trifft den Schüler nicht hauptsächlich auf einer persönlichen Ebene. Auf einer übergeordneten Bewusstseinsebene ist klar, was sich auf einer persönlichen Ebene nur reflektiert. Das heißt, die übergeordnete Bewusstseinsebene schwingt mit, auch wenn sie den Schülern in dem Moment nicht bewusst ist. Sie wird oftmals als überwältigende Liebe oder als starkes Gefühl des Hingezogenseins wahrgenommen. Deswegen ist es wichtig zu erkennen, wenn sich Ebenen vermischen: sehr hohe Bewusstseinsebenen mit sehr persönlichen Bewusstseinsebenen. Das wird oft nicht differenziert wahrgenommen. Und je unintegrierter ein Schüler ist, desto stärker ist die Vermischung. Aber wichtig ist auch, dass der Schüler sich seiner Beziehungsmuster und Projektionen bewusst ist und dafür Verantwortung übernehmen kann. Er muss sich darum kümmern, sie zu klären – entweder mit dem Lehrer, mit einem spirituellen Freund oder durch ein tiefgründiges Selbststudium.

Einer Anhimmelung folgt oft im Verlauf der Entwicklung das Herunterstoßen vom Thron. Das ist vergleichbar mit der Pubertätszeit: es ist wie eine Rebellion gegen die Eltern. Ähnliche Rebellionen gegen den Lehrer sind häufig Bestandteil der Entwicklungsdynamiken des Schülers. Der Lehrer darf dies nicht persönlich nehmen, er muss den bewussten Raum halten, der die Rebellion beinhalten kann. Der Lehrer darf aber auch andere Bestandteile der Entwicklungsdynamiken der Schüler nicht persönlich nehmen. Gerade in der Sexualität braucht es viel Wachheit und Bewusstheit von Seiten der Lehrer.

Idealerweise beziehen sich Lehrer und Schüler in einer erwachsenen Form aufeinander. In unserer Gesellschaft haben sich jedoch viele Menschen noch nicht innerlich in ein rationales und emotionales Erwachsensein begeben und so brauchen sie, wie Kinder und Jugendliche, eine Veräußerung ihrer inneren Führung. Sehen spirituelle Lehrer die einzelnen Entwicklungen unterschiedlicher Intelligenzebenen, können sie ein ganzes Bild zeichnen. Wenn ein Schüler beispielsweise aus einer Regression heraus den Lehrer kritisiert, projiziert er seine eigenen Energien auf den Lehrer. Der Lehrer sollte das vollkommen erkennen. Solange nicht auf einer erwachsenen Ebene in Beziehung getreten werden kann, ist es gut, wenn Lehrer und Schüler über ihre Beziehungsebene wissen, also in den meisten Fällen der Lehrer dem Schüler sagt, aus welcher Ebene er seiner Wahrnehmung nach gerade spricht.

Lehrer brauchen also sowohl eine hohe Kompetenz auf der mystischen Ebene als auch am ‚Marktplatz‘ auf den interpersonellen Ebenen. Ist dies nicht gegeben, lösen sie Unklarheiten, Konflikte und Re-Traumatisierungen aus. Der Lehrer hat die Hauptverantwortung, weil er den weiteren Bewusstseinsradius hat. Was aber den Schüler nicht von seiner Verantwortung enthebt.

Lehrer sind nicht perfekte Menschen – es braucht selbstverantwortliche Schüler

Wenn Leute wach sind, heißt das nicht, dass sie rundum perfekt sind. Was sie erkennen, ist die Perfektion des Ganzen in sich. Es gibt nichts, was nicht mit dem Rest verbunden ist. Das heißt aber nicht, dass sie selber perfekt sind. Dieses Bild muss man fallen lassen. Wenn ein Schüler an gewissen Punkten in seiner Entwicklung mehr integriert ist als der Lehrer, wird ihm das auffallen und er wird sogar Schattenseiten des Lehrers sehen.

Nur den ungeformten Urgrund zu erkennen, ist nicht automatisch ein Ticket in die Integration aller Ebenen der Welt. Es ist eine Erkenntnis, die einen hoch realisierten Menschen der Relativität des Lebens als ausschließliche Erkenntnisform enthebt, jedoch sie nicht zu Universalgenies macht. Und auch der paradiesische Anspruch, dass Menschen eines Tages da ankommen, wo es endlich die ultimative Ruhe, Entspannung und Schönheit gibt, ist nicht realistisch. Natürlich entsteht in denen, die erwachen, ein innerer Frieden. Das ist ein Frieden mit dem, was ist. Ein Ja mit dem, was ist. Das heißt aber nicht, dass da kein Schmerz mehr sein kann. Die meisten Lehrer haben Persönlichkeitsanteile, die noch aktiv sind, selbst wenn ein fundamentales Erwachungserlebnis passiert ist. Und da braucht es eine hohe Integrität, eine hohe Transparenz und die Realisation, dass der Entwicklungsprozess nie wirklich ganz fertig ist. Diese Erkenntnis benötigen Lehrer sowie die Schüler über ihre Lehrer.

Wenn Menschen Gott – oder der Essenz oder der zeitlosen Weisheit – den Platz geben, der ihm zusteht, dann ist dieser Platz auch jenseits unseres Denkens und Begreifens. Ein spiritueller Lehrer hat das realisiert, was dazu führt, dass die Interventionen eines Lehrers, die aus einer authentischen Anbindung kommen, nicht mit dem zu messen sind, was die meisten Menschen kennen. Doch gerade an diesem Punkt braucht es eine besonders wache und sensible Wahrnehmung der Schüler, denn diese Aussage kann auch zu sehr viel Unfug führen. Es kann dazu führen, dass nicht kompetente Lehrer, die nicht aus einer Anbindung heraus handeln, ihr unpassendes Tun trotzdem als Kompetenz verkaufen.

Schräg wird es, wenn der Lehrer anfängt, seinen Lehrerstatus mit seinen eigenen Bedürfnissen zu vermischen und vorgibt klar zu sein, wo er nicht klar ist. Wenn das passiert, können Verwicklungen und Traumatisierungen entstehen. Missbrauch entsteht da, wo die Struktur des Schülers mit einer Unbewusstheit des Lehrers aufeinander trifft. Wo der Lehrer nicht mehr der größere Bewusstseinsraum ist, aber vorgibt, das zu sein. Und das ist natürlich nicht offen und ehrlich.

Aber Missbrauch ist nicht, wenn das Ego des Schülers sich verletzt fühlt, denn das wird öfter vorkommen. Manchmal werden Schüler ganz ärgerlich vom Lehrer weggehen, weil sie konfrontiert werden, aber das ist einfach nur der unbewusste Versuch des Lernenden, an der eigenen Egostruktur festzuhalten.

Ein kompetenter Lehrer hat eine immer transzendentere Persönlichkeitsstruktur

Ein erwachter Lehrer ist im Prinzip ein Loch in der Matrix. Das heißt, dass die Persönlichkeitsstruktur des Lehrers immer transzendenter wird und dadurch mehr Energie durch den Lehrer fließt. Je leerer jemand wird, desto mehr Licht strahlt dieser Lehrer in die Matrix. So wird der Lehrer im Prinzip zu einem Vehikel für den Schüler, sich an das pure Licht anzubinden und die Leere in sich zu erkennen.

Ein Lehrer ist jemand, der frei in der Wirklichkeit navigieren kann und durch diese hohe Anbindung Beiträge leistet. Er kann in leere Territorien, ins Nichtwissen gehen, ohne sich an Haltestangen, also an gewohnten Konditionierungen, festhalten zu müssen. Doch er weiß auch, dass das Ziel nicht die Stille ist. Hier gibt es viele Fehlinterpretationen in der spirituellen Szene. Die Vertiefung in den ungeformten Urgrund ist eine Zeit lang für die spirituelle Praxis gut, aber die Stille vom Lärm der Welt zu trennen, schafft Dualität. Was wir aber wollen, ist eine nonduale Erkenntnis. Das heißt: Die Stille beinhaltet die Bewegung und die Bewegung die Stille. Wir sind Bewegung und Stille zugleich als nicht-zwei. Wenn wir das anerkennen, sehen wir, dass es nicht reicht, tiefe Erfahrungen zu machen oder nur entwicklungstechnisch versiert zu sein. Es braucht beides.

Der ultimative Schritt des Erwachens ist, dass die Erkenntnis des Absoluten zurückkehrt in das Relative der Welt. Dann ist das Leben durch den Bodymind (unsere Körperempfin­dungen, Emotionen und Gedanken) ganz verwurzelt in der Wirklichkeit. Man taucht in die Welt ein und hat zugleich die transzendente Erkenntnis, nicht von dieser Welt zu sein. Das ist Transmission. Das Licht transformiert die Materie höher und höher. Das ist wie eine Laterne im Leben und nicht nur ein Fingerzeig ins Absolute.

Ein kompetenter Lehrer sucht den Austausch mit anderen Lehrern

Die Frage nach Kompetenz ist ganz einfach zu beantworten: Man fragt jemanden, der kompetent ist, jemanden, der diese Anbindung und Kompetenz für sich erschlossen hat. Am besten bringt man gleich eine Gruppe davon zusammen, die sich die Schatten spiegeln können, die sie selbst noch haben. Damit bekommen wir ein Feld (denn es geht hier nicht um Persönlichkeiten), das eine klare Aussage über die Entwicklung anderer geben kann. Die innere Wissenschaft gibt uns die Möglichkeit, andere da zu sehen, wo wir selbst entwickelt sind. Es ist wichtig, dass Lehrer untereinander oder ein ganzer Kreis von Lehrern, die aus einer Anbindung heraus sprechen oder aus einer spirituellen Entwicklungsebene sehen, sich gegenseitig reflektieren. So kann genauer herausgefunden werden, ob eine bestimmte Handlung eines Lehrers gegenüber einem Schüler ein Schattenanteil des Lehrers ist oder es sich um eine übergeordnete Intervention handelt. Das kann nur jemand wissen, der diese übergeordnete Ebene in sich entwickelt hat.

Eine ständige Reflexion zwischen Lehrern oder auch zwischen dem Lehrer und höher entwickelten Schülern hat einen hohen Wert für die ganzen Communities, die an die Lehrer angeschlossen sind. Denn der Schatten des Lehrers vervielfältigt sich in seiner Sangha (Gemeinschaft). Dort, wo der Lehrer einen Schatten hat, wird die ganze Sangha einen Schatten haben. Und natürlich kann das durch Transparenz und durch eine etablierte Feedback-Kultur durch Schüler aufgezeigt werden. Aber die Position eines Schülers ist natürlich nicht die gleiche, als würden sich die Lehrer untereinander treffen.

Es ist sehr wichtig, dass es solche Lehrer-Zirkel gibt, wo diejenigen, die viele Schüler um sich haben, sich untereinander bereichern und sich ihre Unklarheiten gegenseitig spiegeln. Dies ist auch der Kreis, in dem Standards für spirituelle Lehrer besprochen werden sollten. Ähnlich wie in den Disziplinen der Wissenschaft sind es die weltweit führenden Köpfe, die untereinander ihre Fähigkeiten wirklich einschätzen können. Dieser Kreis weltweit führender spiritueller Lehrer, ist der einzige passende Ort zur Festlegung von Standards für spirituelle Lehrer. 

Hingabe an den Lehrer

Die Qualität eines Lehrers kann ein Schüler nur intuitiv und bis zu einem gewissen Punkt selbst erkennen. Denn der Lehrer ist die Zukunft des Schülers, er ist eine zukünftige, größere Version der jetzigen Wirklichkeit des Schülers. Eine gewisse Form von Integrität in der Persönlichkeit des Lehrers, von Transparenz in der Organisationsform, eine Verantwortlichkeit des Lehrers im Umgang mit Menschen, kann der Schüler sehen. Auf diese kann er sich beziehen, denn die Merkmale betreffen Ebenen, in denen der Schüler wahrscheinlich ohnehin schon entwickelt ist. Doch wenn der Lehrer in seiner Bewusstseinsentwicklung wesentlich weiter als der Schüler ist, können plötzlich Handlungen und Aktionen des Lehrers das ganze Bild verzerren. Diese kommen von einem anderen Platz und schauen von einer niedrigeren Bewusstseinsstufe eigenartig aus oder sogar widersprüchlich zu dem, was der Schüler kennt. Hier braucht es die Hingabe an den Lehrer, die Hingabe an etwas Unbekanntes. Das Nicht-Wissen kommt ins Spiel.

Was bedeutet es denn, sich auf das Unbekannte einzulassen? Erwachen hat damit zu tun, dass Menschen aus der Wirklichkeitssicht, die sie kennen, in eine neue Weise, die Welt zu gewahren, aufwachen. Diese konnten sie mit dem vorherigen Verständnis der Welt nicht vorherdeterminieren. Dies ist ein wichtiger Punkt in der spirituellen Praxis. Erkennen spirituell Praktizierende das an, sehen sie im spirituellen Lehrer auch die Kompetenz des Nicht-Wissens. In einer rational geprägten Welt stellen wir immer mehr Anforderungen an Berechenbarkeit und Wissen. Das ist einerseits gut und hat andererseits auch Schattenseiten.

Wir klammern die nicht-lineare Entwicklung, die multidimensionale Entwicklung öfter aus. Wir versuchen sozusagen, die Löcher im Käse zu umgehen. Wir wollen das Nichtwissen weghaben, weil es nicht so ökonomisch aussieht. Aber gerade das Einlassen auf das Unbekannte ist das Wichtige. Denn die Konditionierungen sind sehr stark, die am ‚Wissen-wollen‘ festhalten. In der spirituellen Praxis sind es gerade die Löcher, die uns interessieren. Sie sind der Eingang der überbewussten Intelligenz in ein System, das sich in sich als Selbst bewusst anerkennt.

Die Hingabe an den Lehrer ist ein Vertrauen, das auf Liebe basiert und uns somit jenseits dessen, was wir kennen, bringen kann.

Postmoderne Menschen sagen immer wieder: „Wozu brauche ich einen Lehrer? Ich gehe meinen eigenen Weg“. Das ist sehr löblich, wenn diejenigen wissen, wohin sie gehen. Es ist leichter, sich in einer Entwicklungsebene auszudehnen, die man schon kennt. Eine vertikale Entwicklung ist schwieriger. Die meisten Menschen, die sich ohne einen Lehrer versuchen zu entwickeln, merken oft nicht, dass sie gegen eine Wand laufen, da sie nicht sehen, wo das Tor in die nächste Stufe ist. Ein spiritueller Lehrer ist jemand, bei dem das Licht in so einer Intensität durchscheint und die übergeordnete Intelligenz so durchfließt, dass er das Tor zur nächsten Stufe aufzeigen kann.

Viele Menschen brauchen einen Lehrer, weil das Feuer in ihren Herzen nach Gott, dem Erwachen, zwar immer wieder mal auflodert, aber dann auch wieder ausgeht. Das reicht aber nicht aus, um die Gewohnheiten zu transzendieren. Lehrer erinnern Schüler solange an das Feuer in sich, bis es nicht mehr ausgeht. Sie werden zu Gefährten auf dem Weg, der sich durch sie gerade schafft. Wir nennen das Non-linear-learning. Wir lernen nicht, weil wir den Weg, den wir schon kennen, erforschen, sondern durch den Weg, der sich erst mit jedem Schritt zeigt, den wir machen. Das ist Hingabe an Gott.

„Bringe Dinge in Ordnung, bevor sie existieren“ lesen wir im Tao Te Ching. Wir sind, bevor wir noch sind. Wir sind, bevor wir noch die Formen sind, als die wir uns kennen. Wir sind nichts, bevor die Welt erscheint, und wir sind die Welt, als die wir uns kennen. Wir sind der evolutionäre Impuls, der durch uns auftaucht, sich ausdrückt.

 

Thomas Hübl als Antwort auf das Positionspapier des IF

Berlin, im April 2011

 

 

Thomas Hübl

ist ein zeitgemäßer spiritueller Lehrer. Er vertritt eine kompromisslose Klarheit, die das erleuchtete Potenzial einer neuen WIR-Kultur zum Vorschein bringt. Die Arbeit seiner Workshops und Trainings führt Menschen in eine tiefere Dimension von Selbst-Bewusstheit und individueller Verantwortung. Die radikale Transzendierung der ego-zentrierten Weltsicht öffnet das Tor zur Tiefe des authentischen Ausdrucks, zum Dienst in der Welt und zur Ausrichtung auf das Absolute. Dies wird zur Motivation, sich am evolutionären Prozess zu beteiligen und sich mit den uns gegebenen Fähigkeiten, sehr konkret in die Welt zu stellen.

Webseite:
www.thomashuebl.com