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21.10.2017 : 6:49 : +0200

Antwort an die spirituellen LehrerInnen zu ihren Stellungnahmen zum Positionspapier des Integralen Forums vom Mai 2010

Integrales Forum

Inhalt

Teil 1: Rückblick und Zusammenfassung

Zum Stand und zeitlichen Verlauf

Zu den Inhalten der Stellungnahmen

1. Was sind Spiritualität und Erkenntnis?

2. Der spirituelle Weg

3. Methodiken

4. Zum Schüler/Lehrer Verhältnis

5. Zur Rolle des spirituellen Lehrers: Begleiter/Coach/Meister

6. Verantwortung der SchülerInnen

7. Persönliches

8. Eine Schule integraler evolutionärer Spiritualität – eine neue Meta-Sangha

9. Kritische Hinweise zum Positionspapier (PP) und dessen Anwendung und zur
  Einschätzung von Lehrern allgemein

Teil 2: Fragestellungen und Ausblick

1.     Charakter des Papiers als Orientierungsrahmen

2.     Was bedeutet integrale evolutionäre Spiritualität?

3.     Die Haltung zum „in die Welt bringen“ und zur Manifestation und Handlung

4.     Stärken und Gefahren einer integralen evolutionären Philosophie und Lebenspraxis

5.     Schule und Schulkultur

a) Das Lehrerteam
b) Die Schüler/Lehrer Beziehung
c) Lehrmethoden

6.       Weiterführung/Perspektive

a) Die Diskussion hat begonnen

b) Lehrerdialog

c) Öffentlichkeit

d) LehrerInnen-Reflektion

e) Die Diskussion geht weiter

f) Weiterentwicklung des Positionspapiers

g) Fachtagung (Get together)

h) Schule einer integralen evolutionären Spiritualität

i) Buchprojekt



Liebe/r Andrew, Annette, Helmut, Marc, Richard, Sebastian, Thomas und Terry!

Im April 2010 startete das Integrale Forum mit der Veröffentlichung eines Positionspapiers die Diskussion über eine Schule und Wissenschaft einer integralen evolutionären Spiritualität und entwickelte Kriterien für eine aufgeklärte Spiritualität als Prüfstand oder Orientierungsrahmen für spirituelle LehrerInnen. Dieses Papier haben wir einer Reihe von spirituellen LehrerInnen in englischer und deutscher Sprache mit der Bitte um Stellungnahme zugeschickt. Wir möchten jetzt, nachdem wir zu unserer großen Freude von vielen dialogbereiten LehrerInnen Kommentare dazu erhalten haben, uns wieder bei dir (und allen LehrerInnen, die uns geschrieben haben) melden.

Zuerst möchten wir einen Überblick geben, zu welchen Themen sich die LehrerInnen geäußert haben, wo es Übereinstimmungen, unterschiedliche Gewichtungen und Differenzen gibt. Wir möchten dann einen Vorschlag unterbreiten, wie die Diskussion aus unserer Sicht weitergeführt werden könnte.

Die Vielfalt der formulierten Perspektiven ermöglicht es uns schon jetzt, eine umfassendere Sicht auf das Thema zu gewinnen. Dadurch können wir gemeinsam die Bewusstheit für eine aufgeklärte Spiritualität des 21. Jahrhunderts schärfen und uns zugleich demütig und radikal dem größten Mysterium unseres Seins und Werdens hingeben. Die aktuellen Ereignisse in der Welt machen uns die Dringlichkeit dieses Vorhabens noch bewusster.

 

Teil 1: Rückblick und Zusammenfassung

Zum Stand und zeitlichen Verlauf

Bis heute (April 2011) haben wir (in alphabetischer Reihenfolge des Nachnamens) Reaktionen auf das Positionspapier in schriftlicher Form von folgenden LehrerInnen erhalten:

Andrew Cohen (AC)

Helmut Dörmann (HD)

Marc Gafni (MG)

Sebastian Gronbach (SG)

Thomas Hübl (TH)

Annette Kaiser (AK)

Terry Patten (TP)

Richard Stiegler (RS)

Dadurch, dass die Stellungnahmen in einem Zeitraum von knapp zwölf Monaten zeitlich hintereinander entstanden, konnten sich diejenigen, die später geschrieben haben, bereits auf frühere Stellungnahmen beziehen – als Beginn einer Diskussion der LehrerInnen untereinander. Die Stellungnahmen (ins Deutsche übersetzt) von Andrew Cohen und Terry Patten haben wir in der Ausgabe 24 des Online Journals „integral informiert“ des Integralen Forums veröffentlicht. Beide Lehrer antworteten uns sehr zeitnah bereits im Mai 2010. Wir danken Terry und Andrew sehr, dass sie sich so früh und engagiert in diesen Dialog eingebracht haben. Durch sie ist der „Stein ins Rollen“ gekommen. Ab Ende des Jahres 2010 bis Anfang April 2011 kamen weitere sechs Antworten. Diese werden wir zusammen mit dieser Übersicht und Stellungnahme in der Ausgabe 28 des Online-Journals Ende April 2011 veröffentlichen.

Der gesamte Prozess zeigt, dass sich der Weg zu einer Schule und Wissenschaft einer integralen evolutionären Spiritualität auf einem guten Weg befindet. Wir freuen uns über die Resonanz auf das Papier und die Vielfalt der Perspektiven, die unseren ersten Entwurf ergänzen und erweitern und die Vertiefung des Dialogs ermöglichen.

Bei dieser Diskussion spielt der gegenwärtige gesellschaftliche Kontext, auf den verschiedentlich hingewiesen wurde, eine wichtige Rolle. Die Spiritualität ist im Zuge der modernen und postmodernen gesellschaftlichen Entwicklung ins gesellschaftliche Abseits geraten: Die derzeitigen „Alternativen“ sind dabei ein diskreditierter magisch-mythischer Rahmen der Traditionen oder ein postmoderner esoterischer Jahrmarkt. Es geht daher bei unserem Dialog sowohl um die Wiederbelebung einer wesentlichen spirituellen Dimension unseres Menschseins, als auch um eine angemessene Form von Spiritualität, die das Beste aus Tradition, Moderne und Postmoderne aufnimmt und in einen philosophisch aufgeklärten und integral informierten Kontext des 21. Jahrhunderts stellt. Das verlangt nach einer neuen spirituellen Kultur und einer neuen Rolle von spirituellen LehrerInnen – nicht nur auf den Einzelnen bezogen, sondern auch im Hinblick auf die Schaffung einer neuen Gemeinschaft, einer neuen Sangha und Meta-Sangha und einer neuen Meta-Schule, als einer Schule, welche die einzelnen spirituellen Richtungen und Traditionen schätzt und einen (örtlichen wie auch kulturellen) Raum dafür schafft. In dieser Schule ergänzen und bereichern sich die Lehren und Lehrer, Gemeinsamkeiten und Unterschiede werden deutlich, und es können Brücken gebaut werden zum akademischen wie auch politischen Mainstream. Jeder der Methoden und Lehren kann in ihrer ganzen Größe hervortreten, sich dabei auch ihrer Grenzen bewusst werden, und wird dadurch auch von der Last befreit, „alles“ erklären zu müssen (nach Ken Wilber eine „Befreiung durch Begrenzung“).

Wir danken allen TeilnehmerInnen am Dialog und auch den ÜbersetzerInnen für ihr Engagement. Die Bedeutung der Diskussion ist, bei allen Unterschieden in der Einzelbewertung, anerkannt und hervorgehoben worden, was uns ermutigt auf diesem Weg weiterzugehen.

Darüber hinaus haben wir eine Reihe von E-Mail Kommentaren und mündlichen Reaktionen erhalten, und das Positionspapier ist verschiedentlich veröffentlicht worden, so z. B. in der Ausgabe 2/2010 der Zeitschrift Transpersonale Psychologie und Psychotherapie. VetreterInnen des Integralen Forums haben an einem (nicht-öffentlichen) Symposium des Deutschen Kollegiums für Transpersonale Psychologie und Psychotherapie (DKTP) teilgenommen, das Anfang April 2011 in Hannover stattfand, unter dem Titel „Qualität in der professionellen transpersonalen und spirituellen Arbeit“. Auch die Herausgeber eines geplanten Buches in den USA haben hinsichtlich einer Veröffentlichung des Positionspapiers bei uns angefragt.

Zu den Inhalten der Stellungnahmen

Nicht alle LehrerInnen haben sich auf alle Aspekte des zweiteiligen Papiers bezogen.

Zur Erinnerung: Die Stellungnahme hat bewusst zwei Teile: Im ersten Teil wird der philosophische Rahmen dargelegt für eine aufgeklärte Spiritualität des 21. Jahrhunderts, die die mystischen Schätze der Tradition bewahrt und ebenfalls die Weisheitsschätze der Moderne und Postmoderne schätzt, transzendiert und integriert. Dabei wurden besonders die Fragestellungen aufgenommen, die zu unterschiedlichen ethischen Implikationen und einer tieferen Menschlichkeit führen können. Der erste Teil endet mit einem starken Plädoyer für eine aufgeklärte Schule der Spiritualität, die Aufklärung und Erleuchtung versöhnt als Teil eines Prozesses des Aufwachens und Aufwachsens, und die einen Peer-to-peer-Dialog spiritueller Lehrer und Pandits auf der Grundlage integraler Prinzipien starten will mit dem Ziel einer transkonfessionellen Gemeinschaft oder einer Meta-Sangha. Im zweiten Teil des Papiers geht es um konkrete Kriterien wie Kompetenz, Integrität, Verantwortung, Verwirklichung, Reflektion und Transparenz für LehrerInnen sowie deren KritikerInnen.

Dieser Zusammenhang der beiden Teile spielt in der Diskussion bisher eine zu geringe Rolle und wir werden bei der Herausarbeitung der noch zu vertiefenden Fragestellungen darauf zurückkommen. Die meisten Lehrer beziehen sich ausdrücklich zustimmend bzw. nicht ablehnend auf den ersten Teil des Papiers. Eine ausdrückliche Kritik am ersten Teil kommt von Andrew Cohen und mit Einschränkungen von Thomas Hübl. Sie bezieht sich auf das Verhältnis von Absolutem und Relativem.

Wir möchten nun auf einige der vielen bedeutenden Aspekte hinweisen, die wir den Stellungnahmen entnommen haben, ohne dabei jedoch einen Anspruch auf Vollständigkeit erheben zu wollen. Dabei versuchen wir zuerst die thematischen Schwerpunkte der Beiträge darzustellen, um sie dann im Weiteren zu bündeln und zu werten. Anschließend wollen wir einige Schlussfolgerungen für den weiteren Dialog ziehen. 

1. Was sind Spiritualität und Erkenntnis?

Einige der Kommentare und Hinweise beziehen sich auf das Thema Spiritualität generell. Was ist Spiritualität heute? Dabei spielen das Verhältnis von relativer und absoluter Wirklichkeit eine Rolle, der Platz des Persönlichen und des Unpersönlichen im Erleuchtungsprozess (MG) und die Aspekte von Entwicklung und Evolution (AC, TH). Ebenso hervorgehoben wurde die Bedeutung einer umfassenden, d. h. „integralen Weltsicht“ (AC, HD, AK, MG, TH), wie sie von Ken Wilber und anderen entwickelt wurde und wird. Weiterhin ist die „Perspektivität“ unserer Wahrnehmung von Bedeutung, als ein Element und eine Voraussetzung unserer Welterkennung (AC).

In diesem Zusammenhang wurde auch die „unmittelbaren Einsicht in die uneingeschränkte und nicht vorstellbare Natur des GEISTES“ (AC, TH, MG) erwähnt, als etwas alle Perspektivität Überschreitendes. Letztendlich ist bei allem Wissen und bei aller Aufgeklärtheit das Leben ein Geheimnis, dem es mit Vertrauen, Demut und Respekt vor dem Mysterium und der Würde des Menschen zu begegnen gilt (SG). Es gilt, das Göttliche mit dem Menschlichen zu verbinden, ganz in der Welt zu sein, aber nicht von der Welt (TH), und zugleich das eigene Erwachen in seiner besonderen Perspektive auszudrücken (MG, SG).

Unterscheidet man horizontale (typologische) und vertikale (transformatorische) Spiritualität, gelangt man zu translativen und transformativen Aspekten von Spiritualität (AC). Erstere stabilisieren und geben Halt und Orientierung auf einer Entwicklungsstufe, letztere transformieren und fordern immer wieder neu heraus (MG). Aus dem Vorhandensein vertikaler Entwicklungsstufen ergibt sich eine Hierarchie (AC) des Seins. Eine zeitgemäße Spiritualität ist insgesamt aufgeklärt und integer (RS).

2. Der spirituelle Weg

In den Stellungnahmen der LehrerInnen wird Spiritualität als eine Lebensweise beschrieben, die in der Wirklichkeit des Augenblicks und in einer sich entwickelnde Welt stattfindet (AK). Der spirituelle Weg mit seinen unterschiedlichen Wegen horizontaler und vertikaler, zustandsorientierter und strukturorientierter Möglichkeiten – als eine psycho-spirituelle Evolution (AC) - ist voller Gefahren und kein Spaziergang, und erfordert als eine Heldenreise, ein Wagnis und ein Abenteuer, Engagement und Hingabe (AC). Es geht dabei um nicht weniger als WERDEN und SEIN miteinander zu verbinden (HD). Dabei spielen Psychologie und Therapie ein wichtige Rolle (HD, RS).

Woran kann man erkennen, ob man „auf dem Weg“ ist, oder sich in einer Sackgasse verrannt hat? Was sind die Kriterien für ein gutes „auf-dem-Weg-Sein“?

„Jeder Praktizierende sollte von Zeit zu Zeit überprüfen, ob er sich wirklich weiterentwickelt, d.h. ob sich sein Herz transformiert. Dies ist einfach überprüfbar im Betrachten des Alltags: Ist mehr Frieden, Liebe und Weisheit da in der Partnerbeziehung, der Familie, im Betrieb oder Arbeitsplatz, mit den Nachbarn usw.? Bin ich toleranter, respektvoller und kann ich besser kooperieren im Miteinander mit anderen Menschen? Ist mein Herz in seiner Öffnung so gewachsen, dass die ganze Welt, d.h. alle Menschen, Tiere, ja alle Wesen darin einen Platz haben? Und was tue ich als WeltbürgerIn ganz konkret? Wie trage ich bei, da doch alles untrennbar eins ist und zugleich transparent? Solche Rückfragen helfen bei der Überprüfung, ob ich auf dem richtigen, spirituellen Weg bin.“ (AK). 

Eine weitere Frucht auf dem Weg ist die soziale Praxis, als ein Ausdruck von Liebe (SG). Auf diesem Weg gibt es „keine fertigen Schablonen“ (SG), doch viele unterstützende Techniken und Methoden. Eine „Ausrichtung auf das Höchste“ ist unterstützend, und in diesem Zusammenhang spielt auch der Begriff einer „Seele“ eine Rolle. (SG). Das persönliche Schicksal und die persönliche Verwirklichung sind ebenso wichtige Elemente auf dem Weg wie Humor und eine Haltung des Nicht-Wissen (SG). Gegenüber Zeitströmungen wie dem New Age ist sowohl Wohlwollen als auch Abgrenzung erforderlich (SG).

Eine besondere Bedeutung haben Fallstricke und „Schatten auf dem Weg“, die durch Einseitigkeiten entstehen können. Ausgehend von der Vorstellung der „Drei Gesichter Gottes“ kann jede dieser Perspektiven oder Orientierungen einen eigenen Schatten entwickeln, wenn sie die jeweils anderen Gesichter unberücksichtigt lässt oder sogar leugnet. (AK)

3. Methodiken

Die vom Lehrer angebotenen Methodiken reichen von „Fingerzeigen“ auf das Unsagbare über konkrete psychologische und therapeutische Hilfe bis hin zu Möglichkeiten praktischer Lebensführung. Eine Unterscheidung dabei kann sein: bewusstseinsentleerende Methoden und bewusstseinserweiternde Methoden, plus eine integrale Bewusstseinsschulung (AK). Die Lehrmethoden können einen eher fördernden oder fordernden Charakter haben, sanft, überwältigend oder aufrüttelnd und konfrontierend sein. Die Auswahl ist abhängig vom Entwicklungsstand des Lehrers und des Schülers und ihres jeweiligen Typus.

4. Zum Schüler/Lehrer Verhältnis 

Wie ist die Beziehung vom Schüler zum Lehrer, und umgekehrt, und was kennzeichnet eine gute Schüler/Lehrer Beziehung? Es geht um eine „Resonanz im Herzen“ (AK), um ein genaues Hinhören und um das Bewegen und Überprüfen des Gehörten im Herzen (AK). Die Eigenverantwortung des Schülers ist wichtig, er oder sie muss „im eigenen Licht“ gehen (AK). Nach der Entscheidung für einen Lehrer sollte der Schüler „sich ganz einlassen“, und die Schüler/Lehrer Beziehung kann als eine „Wegbegleitung“ verstanden werden (AK). Er oder sie braucht in dieser Beziehung inneres Feuer, Durchhaltevermögen, Mut und Unerschrockenheit (AK). Die Haltung gegenüber dem Lehrer sollte von Respekt getragen sein, ein Kult wird jedoch abgelehnt (AK). Das Schüler/Lehrer Verhältnis ist auch gekennzeichnet durch das begrenzte Verstehen der Unerleuchteten, und die Grenzen dessen, was durch Konsens auf eine gute Weise entschieden werden kann (TP, TH). Andererseits muss auch das Hinterfragen und Kritisieren von Lehrern möglich sein. Autoritäre Strukturen und Personenkulte sind inakzeptabel. (RS) Eine Frage ist, ob es in einer Schüler/Lehrer Beziehung so etwas wie eine „spirituelle Demokratie“ geben kann, und wie diese aussieht (AC).

Ein weiterer wichtiger Aspekte in der Diskussion des Schüler/Lehrer Verhältnisses ist die Bedeutung des kulturellen Kontextes, in dem diese Diskussion stattfindet. Hierbei wird auf „eine allgemeine postmoderne Kritik- und Dekonstruktionskultur, die sich gerne an Autoritäten allgemein festmacht“, verwiesen. (TP, MG, AC) „Der übliche Kontext der modernen und postmodernen populären Kultur ist selbst ein großer Kult an unbewussten, unerleuchteten Widerständen, an Ängstlichkeit, Neid, und tröstlichen Illusionen, ein Kult, der wild und bösartig seine erkenntnistheoretische Beschränktheit verteidigt.“ (TP) Die Tendenz, alles was irgendwie anders als gewohnt ist anzulehnen, gibt es auch in der heutigen Zeit: „Alles, was anders ist, erscheint dem Mainstream schon als ’Kult’ “ (TP) Ebenso wichtig bei der Einschätzung von Gruppen ist deren Verständnis und Psychologie: „Die Psychologie einer Gruppe hat viel Macht; kleine spirituelle Gruppen können leicht zu Kulten verkommen und ungesund werden, vor allem, wenn sie einen charismatischen Anführer und eine allumfassende Mission haben.“ (TP) „Gruppendenken ist immer gefährlich und steht immer für die Gegenkraft zu echter spiritueller Evolution und Erleuchtung“ (MG).

Letztendlich ist auch die Schüler-Lehrer Beziehung ein Stück weit ein Geheimnis, jedoch keine Geheimniskrämerei, sondern ein Teil des Wunders eines Miteinanders, das Diskretion und einen Schutzraum für seine Beziehung benötigt (SG und MG). Dabei ist auch Transparenz kein absoluter Wert, die Entfaltung des göttlichen Geheimnisses braucht einen geschützten und intimen Raum. „Durch den Anspruch völliger Transparenz aller Lehrer wird die kritische Unterscheidung zwischen Öffentlichkeit und Privatleben, zwischen dem Esoterischen und Exoterischen eingeebnet“ (MG), die zu Recht tausend Jahre lang ein Eckpfeiler der spirituellen Lehren war. Die Transmission durch den Lehrer spielt eine wichtige Rolle im Erwachen des Schülers (TH, MG), gilt aber nur „innerhalb des begrenzten Behältnisses dieser bestimmten geheiligten Momente“ (MG).

5. Zur Rolle des spirituellen Lehrers: Begleiter/Coach/Meister

Eine entscheidende Frage ist: Was hat der Lehrer selbst verwirklicht? (AC). Wozu kann er überhaupt etwas sagen und wo sind seine Grenzen, wo gibt es aus einem traditionellen oder postmodernen Verständnis Grenzüberschreitungen? „Ihre spezialisierte Gnosis und Autorität zu überschreiten ist für die Kirche genauso problematisch wie für den spirituellen Lehrer“ (MG). Kennt der Lehrer das gesamte Spektrum von Spiritualität und in diesem Zusammenhang seine eigenen Stärken und die Stärken anderer LehrerInnen? Gegenüber seinen Schülern ist der Lehrer Katalysator und Spiegel (AK), und er oder sie kann in unterschiedlichen Funktionen wie Meister, Lehrer oder Coach auftreten. Dabei ist nicht jeder, der spirituell verwirklicht ist, auch automatisch ein guter Lehrer, weshalb eine Differenzierung von Rollen und Anforderungen sinnvoll ist (RS). Ein Erkennungszeichen eines guten spirituellen, und in diesem Sinne auch integralen Lehrers sind die „Früchte“ seines Wesens, als das, was durch ihn oder sie in Wort und Tat zum Ausdruck kommt (HD). Dabei kann die Entwicklung der Schüler stark von der Lehre der LehrerInnen beeinflusst werden (MG am Beispiel des Authentischen Selbst und des Unique Self). Vielleicht ist auch der Begriff „Lehrer“ ungeeignet, und man sollte eher von einem spirituelle/r Mentor/in (RS) sprechen. Zur Rollenunterscheidung gehört auch die Differenzierung eines Lehrers als öffentliche Persönlichkeit (mit einer Rolle) und desselben Lehrers als Privatperson (RS). Öffentlichkeit selbst als eine Herausforderung kann Tendenzen von Narzissmus und Selbstdarstellung in Lehrern wecken (RS). Selbstverständlich sind auch Lehrer Menschen und haben das Recht sich zu entwickeln (TP). Sie sind auch Suchende, aber keine Gleichen unter Gleichen (HD, TH). Lehrer sollten den Austausch und Dialog untereinander suchen und führen (HD, TH, AK), und sie sollten sich auch der Herausforderung der Selbstauskunft und der Fremdauskunft als „den vielleicht schwierigsten Fragen für einen Lehrer“ stellen (HD). Es wird das Interesse an einer „Kultur integraler und evolutionärer Lehrer“ und Formen von Supervision geäußert (TP). Hierbei spielen ein „geschützter Raum“ und die Erarbeitung von entsprechenden Standards eine Rolle (HD). Vier wesentliche Prüfsteine (nicht nur) für die Integrität von Lehrern sind: Geld, Besitz, Sex und Macht (AK). Es besteht der Wunsch, dass sich spirituellen Lehrer und Lehrerinnen in einem Miteinander verbinden (AK). In einer Metapher wird ein spiritueller Lehrer als ein Gärtner beschrieben (HD). Doch bei aller Wissenschaftlichkeit bleibt Spiritualität ein Abenteuer und ein Geheimnis, daher kann es keine im strengen Sinne „Profession von Spiritualität“, und schon gar keine „Domestizierung“ geben, doch ethische Standards für Lehrer sind wichtig (TP, TH, AC, MG). 

6. Verantwortung der SchülerInnen 

Von einigen Lehrern ist in besonderer Weise auf die Selbstverantwortung der erwachsenen SchülerInnen für ihre eigene spirituelle Entwicklung hingewiesen worden (MG, RS, TH). Auch die Auswahl der LehrerInnen, die verantwortliche Entscheidung nach genauer Prüfung sich einem Lehrer oder einer Lehrerin anzuvertrauen, werden hervorgehoben (AK). Während in traditionellen und autoritär geprägten Kontexten vor allem die SchülerInnen vor Machtmissbrauch durch Lehrer geschützt werden müssen, gibt es in postmodernen Kontexten und in Zeiten des ungeregelten Internets auch zunehmend Fälle des Missbrauchs von Lehrern und einer Opfer-Kultur von SchülerInnen, kombiniert mit einer dekonstruktiven Misstrauens-(Un-) kultur gegen jegliche Form von Autorität, die sich auch gegen spirituelle LehrerInnen richtet. Hier gelte es, Schranken zu ziehen und Lehrer vor grundlosen Angriffen zu schützen (TP, MG). Eine Ethik für LehrerInnen müsse auf jeden Fall durch eine Ethik für SchülerInnen ergänzt werden (MG).

7. Persönliches

Die Biografie und Herkunft eines spirituellen Lehrers und seine Lehre spielen eine große Rolle. So beschreibt HD seine spirituellen Wurzeln im Christentum und der Kontemplation und im Buddhismus und Zen und erwähnt Willigis Jäger als seinen spirituellen Lehrer. Weiterhin können Institutionen auf das Leben und Wirken eines Lehrers einen großen Einfluss haben, wie im Fall von HD die Würzburger Schule der Kontemplation (WSdK). Den Kontext der Anthroposophie (Rudolf Steiner), aus dem er stammt und dem er verbunden ist, beschreibt SG als einen anthroposophischen und geisteswissenschaftlichen Schulungs- und Mysterienweg, mit entsprechenden Methoden und Praktiken. Aus der Sufi Tradition kommend schildert AK in einem persönlichen Bericht ihren Weg in ihrem Verhältnis zu ihrer Lehrerin Irina Tweedie. MG beschreibt seine tiefe Verbundenheit zu seinem Lehrer Mordechai Lainer in der jüdisch-mystischen Tradition der „heiligen Verführung“ durch den GEIST und plädiert zugleich für die Wertschätzung der spezifischen „Medizin“ der verschiedenen Traditionen. Eine transpersonale Bewusstseinsschule und Schulung hat RS durchlaufen, und TP spricht von seinem Verhältnis zu seine Lehrer Adi Da Samraj, zu dem er ein dankbares, aber durchaus kritisches Verhältnis hat. Auch vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen hat TP schon vor einiger Zeit selbst Kriterien und Qualifikationen für einen integralen Coach oder Lehrer aufgestellt und veröffentlicht. Als Teil seiner Antwort auf das Positionspapier nimmt TP auch ausführlich Stellung zu Kritik an AC, an ihm selbst und anderen Lehrern, und spricht auch über sein Verhältnis zu AC. 

8. Eine Schule integraler evolutionärer Spiritualität – eine neue Meta-Sangha 

Die meisten LehrerInnen begrüßen die Initiative zu der von uns vorgeschlagenen Schule oder einer Meta-Sangha (TP, AK, HD, SG, TH) ausdrücklich. Es wird jedoch darauf hingewiesen, dass die Kompetenzunterschiede oder die Grade der Verwirklichung bei der Zusammenstellung solch eines Kreises berücksichtigt werden müssen (TH, AC). Nicht klar ist, woran man diese Kompetenz und den Grad der Verwirklichung misst. Als mögliche Antworten auf diese Auswahlkriterien werden genannt: „Kompetenz erkennt Kompetenz“ (TH) und Wahrnehmung einer energetischen Präsenz (TH). Unklar ist, ob bei der Auswahl sowohl die vertikale als auch die horizontale Entwicklung und eine Grundkompetenz in beidem vorausgesetzt werden. 

9. Kritische Hinweise zum Positionspapier (PP) und dessen Anwendung und zur Einschätzung von Lehrern allgemein

(Integrales) Denken und der Einsatz des Verstands sind eine große Erkenntnishilfe, sie können aber auch zum Hindernis auf dem Weg werden (AC). Es liegt wohl in der deutschen Natur „alles festzuklopfen“, (TP sprich von „Habermas’scher Rigorosität“ und MG von einer „irgendwie lauwarmen und sterilen Beschreibung des Lehrer-Schüler-Verhältnisses“), und daher ist ein offener und leichter Umgang mit dem PP zu empfehlen (HD). Auf keinen Fall sollte das PP auf eine fundamentalistische Weise angewendet werden (HD). Die Prinzipien des PP als „Orientierungsverallgemeinerungen“ werden allgemein anerkannt, sie sollten jedoch nicht repressiv als Vorschriften oder Kontrollinstrument zur Anwendung kommen, eine Verwendung mit leichter Hand wird empfohlen – die Prüfkriterien können so oder so, gut oder schlecht angewandt werden (TP). Dies wird mit der Frage verbunden: Wer kann die Validierung von Lehrern (und auch von Schülern) wirklich durchführen? (TP, TH)

Auch bei der Anwendung von Kriterien zur Beurteilung spiritueller Lehrer ist Demut angebracht (TP). Ein PP wie das vorgelegte ist geeignet, um Missbrauch vorzubeugen und zu vermeiden, es sollte jedoch nicht dazu genutzt werden um eine „kreative Intensität“ zu behindern (TP, AC, MG, TH).


Teil 2: Fragestellungen und Ausblick 

Im Folgenden bündeln wir die Themen und entwickeln einige Fragestellungen, als eine Möglichkeit und Einladung für weitere Untersuchungen zur Thematik. Dabei handelt es sich um Vorschläge, die ergänzt und erweitert werden können. 

1. Zum Charakter des Papiers: Kein TÜV – ein Orientierungsrahmen 

Einige Lehrer haben sich zum Charakter des Papiers geäußert und vorgeschlagen, es eher als „Orientierungspapier“ denn als Positionspapier zu verstehen und auch entsprechend zu benennen (HD), bzw. ihm damit eine Rigorosität zu nehmen (TP), die neu emergierende oder kreative Lehrmethoden verhindere und dem heiligen Paradox (MG) oder dem großen Geheimnis in der Lehrer-Schüler-Beziehung nicht gerecht werde (SG). Der Weg des Aufwachens zu unserem tiefsten Sein ist nicht ohne Risiken und Hingabe an das Unbekannte und Nicht-Wissen zu haben. Es gibt keinen voll versicherten Weg ins große Geheimnis, jeder und jede muss dieses größte Abenteuer des Seins selbst bestehen. LehrerInnen, die das Terrain kennen und in ihm leben, können dabei wichtige Wegbegleiter und Führer sein.

Wir halten es schon in dieser ersten Phase der Diskussion für angemessen, den Begriff „Prüfstand für spirituelle Lehrerinnen und Lehrer“ durch das der Sache angemessenere und offenere Wort „Orientierungsrahmen“ zu ersetzen. Er drückt eher die Achtung und Demut vor diesem heiligen Paradox aus, dem Paradox, dass wir etwas rational nachvollziehbar beschreiben müssen und auch wollen, bei dem es im Wesentlichen um etwas „Unbeschreibliches“(Trans-Rationales), den Verstand Überschreitendes geht. Spirituelle LehrerInnen helfen uns, dieses Terrain zu erfahren, fest in ihm gegründet zu sein und es zugleich in unserem alltäglichen Leben, in unserem besten Menschsein auszudrücken. Gleichzeitig bleibt die wichtige Frage, was einen echten und guten spirituellen Lehrer von einen unechten und weniger guten unterscheidet, auf der Tagesordnung. 

2. Was bedeutet integrale evolutionäre Spiritualität?

Zunächst wird in den Beiträgen von Spiritualität in unterschiedlicher Bedeutung gesprochen:

  • als Großes Geheimnis, Mysterium, Nicht-Wissen, auf das nur gedeutet werden kann
  • als eigene Entwicklungslinie oder Kompetenz
  • als höhere vertikale Bewusstseinsebenen
  • als horizontalen Zustandsstrukturen (grobstofflich, subtil, kausal, nondual)

Auch zu Letzterem gibt es unterschiedliche Akzentuierungen in der Bedeutung: Unter „nondual“ wird die Verwirklichung des EINEN in der Evolution als „Authentisches Selbst“ (AC) verstanden, aber auch die evolutionäre Verwirklichung des EINEN in einer jeweils einzigartigen individuellen Perspektive als „Unique Self“ (MG). Das „Unique Self“ ist jenseits des getrennten Selbst und über das Absolute hinaus die paradoxe Einheit des Absoluten mit der individuellen Perspektive und drückt damit zugleich Einheit und Verschiedenheit aus.

Ken Wilber weist in seinem Buch „Integrale Spiritualität“ darauf hin, dass wir bei der Beschreibung von Spiritualität all diese Begrifflichkeiten verwenden können. Wir sollten aber deutlich machen, welche wir jeweils meinen und auf welchen Aspekt der Wirklichkeit wir hinweisen. Warum ist das so wichtig und nicht intellektuelle Haarspalterei? Einfach deshalb, weil die Wirklichkeit, auch die spirituelle, viele verschiedene Tiefen-Dimensionen hat: Ein Beispiel zum Begriff „Wachheit“ oder „erwacht sein“. Es gibt, folgt man den phänomenologischen Beschreibungen vieler Erwachter in den unterschiedlichen Kulturen und Traditionen, nicht nur die Wachheit im grobstofflichen Bereich, sondern auch im subtilen und kausalen Zustand, den Unbewegten Zeugen aller Zustände (turiya) und die Einheit dieses Zeugen mit allem als kontinuierliche Wachheit durch alle Zustandswechsel hindurch (turiyatita). Was genau meint nun jemand, wenn er oder sie von sich behauptet, er oder sie sei erwacht?

Unterschiedliche LehrerInnen haben ihre Stärken in unterschiedlichen Bereichen, alles ist spirituell, aber doch verschieden. Einige sind große Lehrer einer Achtsamkeit im Alltag, andere MeisterInnen des Subtilen, andere haben ihre Fokus auf der Leere und der Perfektion jeden Augenblicks, andere erkennen den GEIST im Absoluten und Relativen (Leere ist Form, Form ist Leere), wieder andere fokussieren auf die evolutionäre Entwicklung des EINEN in der Form, wieder andere betonen, dass wir das Absolute, Zeitlose immer nur in unserer individuellen Perspektive (Unique Self) verwirklichen können. All das sind unterschiedliche Interpretationen und Verwirklichungen des EINEN in unserer Zeit. Deutlich wird daran, dass sich das, was wir unter Erleuchtung oder Erwachen verstehen, unterscheidet und entwickelt. Was dabei eine Weiterentwicklung ist und was Verschiedenheit ist, sollte in unserem Dialog eine Rolle spielen. 

Einigkeit bestand bei allen spirituellen LehrerInnen darin, dass eine integrale evolutionäre Spiritualität die Dimension des Absoluten und Relativen umfasst, dass sie in unserem Alltag gelebt werden muss, dass sie lebensbejahend und nicht lebensflüchtig sein darf.

Sie muss dazu führen, dass wir menschlicher werden und mehr Liebe in der Welt ausdrücken.

Zu klärende Fragen könnten sein:

  • Was bedeutet integrale evolutionäre Spiritualität?
  • Welche Rolle spielt dabei eine integrale Lebenspraxis?
  • Wie ist das Verhältnis von horizontaler (Zustandsweg) und vertikaler (Strukturweg) Entwicklung?
  • Was bedeutet Erwachen?
  • Welche Rolle spielt die Schattenarbeit in der spirituellen Entwicklung, als eine (notwendige?) „Reise in die Unterwelt“ ?
  • Sollen diese Wege (Strukturweg, Zustandsweg, Schattenweg) gleichzeitig oder nacheinander praktiziert werden?
  • Wie ist das Verhältnis von Absolutem und Relativem?
  • Ist das Absolute grundsätzlich höher als das Relative?
  • Wie ist das Verhältnis von Persönlichem und Unpersönlichem?
  • Welche Rolle spielt die individuelle Essenz (Individualität) dabei?
  • Wie unterscheidet sich die Lehre des Unique Self von der Lehre des Authentischen Selbst?
  • Stehen sie in einem ergänzenden oder alternativen Verhältnis?
  • Ist das Individuelle ontologisch im Sinne eines göttlichen Funkens zu verstehen oder nur als Produkt individueller oder gesellschaftlicher Konditionierung?

3. Die Haltung zum „in die Welt bringen“ und zur Manifestation und Handlung 

Einigkeit war bei allen LehrerInnen, dass Spiritualität dazu führen muss ein bewussteres und liebevolleres Leben in der Welt zu führen. Diese Liebe kann fördernd und fordernd sein.

Geklärt werden sollte:

  • Was bedeuten Transzendenz (Nicht-von-der-Welt-Sein), Transformation (als Entwicklung) und Translation (als horizontales Wirken)?
  • Wie können Eros (als aufsteigende Liebe zu immer höheren Manifestationen) und Agape (als absteigende Liebe in Form von Hingabe, Gnade und Zuwendung zu dem, was existiert und gewachsen ist) integriert gelebt werden?
  • Wie beeinflusst das eigene Weltverständnis („die Landkarte“) das Handeln in der Welt?
  • Wie weit ist mir meine eigene Landkarte bewusst?
  • Welche Talente, Fähigkeiten und Werkzeuge stehen mir für mein Handeln zur Verfügung?
  • In welchem Verhältnis stehen sie zueinander?
  • Welche LehrerInnen haben in welchem Bereich / in welchen Bereichen ihre Schwerpunkte?
  • Erkennen die LehrerInnen die Bedeutung aller wesentlichen Bereiche?

4.Stärken und Gefahren einer integralen evolutionären Philosophie und Lebenspraxis

Wie auch bei anderen Aspekten der Wirklichkeit (Innenwelt, Außenwelt und Mitwelt) hilft uns die Integrale Philosophie einzelne Perspektiven zu integrieren. Erst durch ihre Begrenzung können sie befreit werden. Darauf weist Ken Wilber immer wieder hin.

Fragen hier könnten sein:

  • Was sind die Stärken der integralen Philosophie und worin liegen ihre Gefahren?
  • Welche Rolle spielt der Intellekt (unterscheidende Intelligenz) auf dem spirituellen Weg (unterscheidendes Denken als mentale Praxis und Erfahrung)?
  • Welche Rolle spielt das Fühlen (als Herzenskraft und emotionale Intelligenz) auf dem spirituellen Weg?
  • Welche Rolle spielt das Handeln (als Tatkraft und Manifestation von Möglichkeiten) auf dem spirituellen Weg?
  • Wie ist das Verhältnis von Landkarte (Kontextualisierung) zu Landschaft (Erfahrung)?
  • Worin liegen die Stärken eines spirituellen und auch landkartenlosen Weges?
  • Worin liegen die Gefahren, wenn kein philosophischer Kontext (theorielose und unreflektierte Praxis) vorliegt?
  • Wie können sich integrale Philosophie und die verschiedenen spirituellen Traditionen und ihre jeweiligen Vertreter gegenseitig bereichern?
  • Wie können sie in einer Schule integraler evolutionärer Spiritualität zusammenarbeiten?
  • Was sind die Mindestanforderungen an beide Gruppen?

5. Schule und Schulkultur

Fast alle spirituellen LehrerInnen haben ausdrücklich ihren Wunsch nach einer Meta-Sangha ausgedrückt, wobei die Kriterien für die Auswahl der beteiligten LehrerInnen noch zu klären sind. Wichtige Fragen bei der Gründung einer Schule ist das Verhältnis des Verständnisse von integraler evolutionärer Spiritualität zu der Kooperation von LehrerInnen im Rahmen einer Schule (Lehrerteam) und das Verhältnis von Lehrern und Schülern.

Welche Grundlagen (Leitbild, Philosophie, Prinzipien) sollte eine Schule integraler evolutionärer Spiritualität haben? 

a) Das Lehrerteam
 
Hier sind aus unserer Sicht folgende Fragen von Bedeutung:

  • Welche LehrerInnen sollen zur Schule gehören?
  • Sind die Lehrer bereit, ihre eigenen Stärken und Kompetenzen „integral informiert“ einzuschätzen und sich gegenseitig zu spiegeln und bei der eigenen Entwicklung zu unterstützen (Befreiung durch Begrenzung)?
  • Wie stehen sie zur Ergänzung der verschiedenen Anwendungen und Methoden („Medizin“) der unterschiedlichen Traditionen?
  • Wie stehen die LehrerInnen zur Schattenarbeit und zur Frage der eigenen Weiterentwicklung?
  • Wie stehen sie zu Selbsteinschätzung und Fremdeinschätzung (Intervision, Supervision)? 

b) Die Schüler/Lehrer Beziehung

  • Wie sieht die Lehrer-Schüler-Beziehung bei den einzelnen LehrerInnen aus?
  • In welchem Verhältnis steht diese Beziehung zu der eigenen Lehre (z.B. Authentisches Selbst oder Unique Self)?
  • Wie ist das Verhältnis von Eigenverantwortung des Schülers zu Vertrauen und Hingabe an den Lehrer?
  • In welchen Bereichen hat der Lehrer Autorität? Wo und wann endet die Autorität?
  • Wofür ist der Schüler verantwortlich?
  • Was liegt in der spirituellen Verantwortung des Schülers (Unique Self)?
  • Wovor müssen SchülerInnen geschützt sein?
  • Wovor müssen LehrerInnen geschützt sein?
  • Welcher Bereich der Lehrer-Schüler-Beziehung ist öffentlich, welcher intim/vertraulich?
  • Wie sieht die Beziehung zu unterschiedlich weit entwickelten Schülergruppen aus (Anfänger, Fortgeschrittene, innerer Zirkel? Gibt es eine Schülerhierarchie?
  • Wie kann eine duale Beziehung eines Lehrers aussehen (Lehrer, Kollege; Freund in verschiedenen Kontexten)?
  • Was sind pathologische und was heilige Geheimnisse?
  • Was müssen LehrerInnen über die Schüler-Lehrer-Beziehung wissen (Psychodynamik von Paarbeziehung, Gruppendynamik)?
  • Welche Schätze und Gefahren gibt es in dieser Beziehung?
  • Was müssen Lehrer über die Vermittlung von Lehre (Dharma) wissen (spirituelle Didaktik)?

c) Lehrmethoden

Fast alle spirituellen LehrerInnen sind sich einig, dass die Lehrmethoden vielseitig sind und dem Zweck des Erwachens und des Erwachsen-Werdens des Schülers entsprechen müssen.

Dazu gehören fördernde und sehr fordernde Methoden.

Zu klären ist:

  • In welchem Verhältnis stehen die ‚Nicht-Praxis’ (des Absoluten) und die Praxis (im Relativen) zueinander, und wie werden sie vom Lehrer eingesetzt?
  • Welche Methoden sind für welchen Zweck hilfreich (Größe und Grenze einer Methodik)?
  • Kennen die Lehrer vielfältige Methoden?
  • Inwieweit, bzw. kann man überhaupt Zweck und Methoden zuordnen, ohne das kreative Potenzial des Augenblicks bürokratisch einzuschränken?

Diese von uns formulierten Fragen sind lediglich erste Schwerpunktsetzungen, die im Verlauf der Diskussion noch weiter ergänzt und dann auf die Essentials verdichtet werden sollten. 

6. Weiterführung/Perspektive

Wo stehen wir jetzt in unserer Diskussion, und wie kann es weitergehen?

a) Die Diskussion hat begonnen

Wir haben schon festgestellt, dass der Dialog von allen LehrerInnen begrüßt wird und wir hoffen, dass die Bereitschaft, ihn fortzusetzen sich auch über die lange Zeitspanne gehalten hat. In der Verschriftlichung der Stellungnahmen zum Positionspapier haben Interessierte Gelegenheit, die Position der LehrerInnen kennenzulernen.

b) Lehrerdialog

Ebenfalls begonnen hat der Austausch der LehrerInnen untereinander, was uns ein wichtiges Anliegen war und ist. Dafür haben wir (bzw. sind noch dabei) die deutschsprachigen Stellungnahmen in Englische übersetzt, und die englischsprachigen ins Deutsche, so dass jedem Lehrer alle Stellungnahmen vorliegen.

c) Öffentlichkeit

Wir werden die noch nicht im Online-Journal veröffentlichten Lehrerbeiträge in unserer April-Ausgabe veröffentlichen, zusammen mit unserer Übersicht und Schwerpunktsetzung.

Weiterhin werden wir die Stellungnahmen – zweisprachig – auf der Page des Integralen Forum zugänglich machen.

d) LehrerInnenreflektion

Alle LehrerInnen erhalten noch einmal Gelegenheit, auch vor dem Hintergrund der nun vorliegenden Stellungnahmen, sich schriftlich zu der Diskussion zu äußern, im Hinblick auf den gesamten Kontext und auch die von uns im Teil 2 dieses Papiers aufgeworfenen Fragen.

e) Die Diskussion geht weiter

Weitere Stellungnahmen von Lehrern sind uns angekündigt worden, und werden, wenn wir sie erhalten haben, von uns in die Diskussion eingebracht. 

f) Weiterentwicklung des Positionspapiers

Basierend auf der Ursprungsidee unseres Positionspapiers, und unter dem Eindruck der Reaktionen darauf werden wir, die Unterzeichner, einen neuen Entwurf eines „Orientierungspapiers“ vorlegen, als eine Möglichkeit und Einladung zu einer gemeinsamen Basis einer integralen evolutionären Spiritualität, wo unter Berücksichtigung der Unterschiede dasjenige niedergelegt ist, was spirituelle LehrerInnen verbindet oder verbinden kann. 

g) Fachtagung (Get together)

Wir beabsichtigen Ende 2011 bzw. im Frühjahr 2012 die an unserer Diskussion teilnehmenden LehrerInnen zu einer Fachtagung in Frankfurt/Main einzuladen, als einem kleinen Kreis kompetenter Gäste, der vom Integralen Forum und den beteiligten LehrerInnen gemeinsam ausgewählt wird. Das Ziel der Tagung ist, auf der Basis des von uns vorher vorgelegten Orientierungspapiers (siehe f) eine gemeinsame Diskussion zu führen über Inhalte und Ziele einer integralen evolutionären Spiritualität.

h) Schule einer integralen evolutionären Spiritualität

Jede Kultur und jeder Gemeinschaftsinitiative braucht eine entsprechende Organisation, und daher möchten wir eine Schule der integralen und evolutionären Spiritualität anregen. Sie soll sowohl Grundlage für einen regelmäßigen Austausch der beteiligten LehrerInnen und ihre eigene Arbeit sein, als auch Trägerorganisation sein für gemeinsame Aktivitäten wie Tagungen, Publikationen und Projekte. Ende 2012 soll die Schule integraler evolutionärer Spiritualität eröffnet werden.

i) Buchprojekt

Wir beabsichtigen, die Ergebnisse unseres Dialogs in einem Buch zu publizieren, um sie so einer größeren Öffentlichkeit vorstellen zu können. Ein Termin hierfür steht noch nicht fest.

Für das Integrale Forum

Sonja Student, Michael Habecker, Helmut Dörmann

April 2011