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13.12.2017 : 17:45 : +0100

Wie findet man einen spirituellen Lehrer/eine spirituelle Lehrerin?

Mariana Caplan

von Mariana Caplan

 

Editorialer Hinweis: Wir haben diese Stellungnahme von Mariana Caplan, amerikanische Bestseller-Autorin und Expertin auf dem Gebiet des Lehrer-Schüler-Verhältnisses zu den Kriterien für spirituelle LehrerInnen und ihre SchülerInnen zu unserer Sammlung hinzugefügt. Zwar ist sie keine direkte Antwort auf unser Positionspapier, thematisiert jedoch die zentralen Punkte der Diskussion.

 

Es vergeht kaum eine Woche in meinem Leben, in der mir nicht jemand schreibt und entweder eine spirituelle Lehrerin[1] sucht, in Bezug auf eine spirituelle Lehrerin verwirrt oder durch eine tiefe Desillusionierung durch ihre spirituelle Lehrerin aus der Fassung gebracht ist. Die Frage der spirituellen Lehrerin ist eine zeitlose Frage, die für Suchende in vielerlei Hinsicht nicht weniger wirklich und relevant ist als vor 500 Jahren. Der Unterschied liegt in der Plattform. Während der große buddhistische Held Milarepa den indisch-tibetischen Subkontinent zu Fuß überqueren und neun Häuser bauen musste, bevor sein Lehrer nur begann, ihm Anweisungen zu geben, klicken wir heute einfach bei Google, um in Minutenschnelle Zugang zu fast jeder prominenten spirituellen Lehrerin zu erhalten, die es gibt, ob lebend oder tot – womöglich sogar zu einer Art von Cyber-Übertragung!

In anderen Worten sind die Sehnsucht nach Führung, die Ambivalenz in der Suche nach der falschen Art von Führung, der Schmerz, wenn man schlecht geführt wurde, große Themen im Mystizismus der Welt. Was heute jedoch für die meisten von uns vorrangig ist, sind die Fragen: Wie gehe ich dieses Thema an? Was sind die echten, mutigen Fragen, die ich mir stellen muss; welcher dunklen psychologischen Bereiche muss ich mir gewahr sein bei der Annäherung an eine potentielle Lehrerin, sowohl in ihr als auch in mir selbst? Wie kann ich zwischen verschiedenen Lehrerinnen unterscheiden? Wie kann ich mich davor schützen, in eine unselige Situation zu geraten und schwer desillusioniert zu werden? Wie kann ich dies alles auf eine intelligente Weise bewerkstelligen, die keine Zeitverschwendung bedeutet?

Es liegt sowohl ein Problem als auch ein Wert in dem Versuch, Kriterien für spirituelle Lehrerinnen zu definieren – und auch für spirituelle Schüler, die nicht weniger für die Herausforderungen in Bezug auf spirituelle Lehrerinnen und auch für sich selbst verantwortlich sind. Bestenfalls können Kriterien für spirituelle Meisterschaft äußerst verallgemeinerte Richtlinien liefern, die einem Hinweise geben, worauf man achten muss, wenn man eine Lehrerin in Erwägung zieht – ein Rahmen für vorläufige Unterscheidungen. Schlimmstenfalls ist so ein Katalog von festen Kriterien ein rigider und subjektiver moralischer Kodex, der vom Ego geschaffen wird, um sich vor den Techniken im Zauberkasten der Lehrerin zu schützen, die seine Autonomie untergraben würden. Kriterien für spirituelle Schülerschaft können uns helfen herauszufinden, ob wir uns wirklich auf eine tiefe Beziehung zu einer spirituellen Lehrerin einlassen wollen, oder ob uns das völlig überfordern würde. Dies gibt uns die Macht der Selbstverantwortung und des Unterscheidungsvermögens, wenn wir uns auf spirituelle Lehrerinnen einlassen.

Kriterien für Lehrerinnen

Vor wem verneigt sich die Lehrerin?

Wenn wir eine Lehrerin treffen, dann wäre es weise, sie zu fragen: „Wer ist deine Lehrerin?“ „Wer gab dir die Erlaubnis, zu lehren?“ oder in Arnaud Desjardins Worten: „Vor wem oder was verneigst du dich?“ Es gibt einen entscheidenden Qualitätsunterschied zwischen einem Lehrer, der (oder seltener einer Lehrerin, die) sich selbst als Gott oder die Verkörperung der Wahrheit betrachtet, und einem, der sich als Diener Gottes oder der Wahrheit ansieht.

Dient die Lehrerin dem besten Interesse des Schülers?

Dient die Lehrerin sich selbst oder anderen? Schau genau hin, denn manchmal ist ein Verhalten, das anderen zu dienen scheint, selbstsüchtig, während manches scheinbar egoistische und selbstverherrlichende Verhalten tatsächlich zutiefst demütig ist, wenn man es aus einer tieferen Warte betrachtet. Wir können uns fragen: Wäre die Lehrerin ehrlich erfreut, wenn ich sie an Wissen übertreffen würde, oder würde dies als Bedrohung aufgefasst und mit Eifersucht begegnet? In der nicht-dualen Welt bedarf es keines Wettstreits, denn Wahrheit, Gott und Liebe sind grenzenlos. Es gibt mehr als genug davon für alle.

Wie sind die Schüler der Lehrerin?

Verkörpern die langfristigen Schüler der Lehrerin Qualitäten, die du selbst gern ausstrahlen würdest, wenn du ihr Schüler würdest? Manchmal stellen die Lehrerinnen großartige Behauptungen auf, aber man kann keine guten Ergebnisse in ihren langjährigen erfahrenen Schülern erkennen. Wenn eine Lehrerin verkündet, sie habe Dutzende von Schülern zur Erleuchtung geführt, aber diese Schüler dich in keiner Weise beeindrucken, dann solltest du ein Engagement mit dieser Lehrerin sorgfältig überdenken. Du kannst dich fragen: Bewundere ich die starken Schüler dieser Lehrerin? Strebe ich danach, meine persönliche Vision dieser Tradition in der gleichen Form auszudrücken wie sie? Dies ist keine Frage von falsch oder richtig, sondern eine zutiefst persönliche Angelegenheit, die wir nur selbst bestimmen können. Wir müssen uns davor in Acht nehmen, uns einer Lehrerin gegenüber zu verpflichten, und wenn diese dann erhebliche Forderungen an uns stellt, dies später zu bereuen. Schließlich dürfen wir nicht vergessen, dass wir letztendlich selbst für all unsere spirituellen Entscheidungen verantwortlich sind.

Andere Fragen, die wir uns in Bezug auf spirituelle Lehrerinnen stellen könnten, sind: Verkörpert das Leben der Lehrerin das, was ich werden möchte? Ist die Lehrerin völlig befreit, und wenn nicht, was sind ihre Stärken und Schwächen? Ist die Lehrerin aufrichtig bescheiden? Wie ausgeprägt hängt die Lehrerin an Geld, Sex, Macht und Ruhm? Wie ist die Erfolgsgeschichte der Lehrerin? Inwiefern verlief ihre Entwicklung unausgeglichen? Welche Beimischungen gibt es zu ihrer spirituellen Gabe?

Kriterien für Schüler

Die beste Art, eine Lehrerin anzuziehen, die alle Kriterien der Authentizität erfüllt, ist selbst die Kriterien für einen authentischen Schüler zu erfüllen. Es ist so viel einfacher, den Finger auf andere zu zeigen, als bei sich selbst zu schauen; wir werden jedoch keine tiefe Zufriedenheit erfahren, bis wir für uns die Kraft der Selbstverantwortung entdecken.

Bin ich bereit, mich zu verpflichten?

Tiefe Schülerschaft ist wie eine Heirat, nur viel tiefgreifender. Sie muss mit einer Bereitschaft eingegangen werden, einen ernsthaften und dauerhaften Weg des Lernens und der Beziehung mit einer spirituellen Lehrerin zu beschreiten, um alle Verantwortungen einer solchen Beziehung zu erfüllen und alle wichtigen Hindernisse durchstehen zu können.

Bin ich verantwortlich und verlässlich?

Erfolgreiche Schülerschaft erfordert Verantwortung und Verlässlichkeit in einer ganz pragmatischen Weise. Unsere Beziehung zur Lehrerin ist nicht nur eine Herzensangelegenheit sondern erfordert, dass wir mit vollem Körpereinsatz unsere Verpflichtung durch praktische Handlungen ausdrücken. Wir können uns fragen: Bin ich bereit, mich konstant in der Beziehung zu meiner Lehrerin zu engagieren? Bin ich verlässlich? Bin ich pünktlich? Halte ich meine Verpflichtungen ein? Erfülle ich meine Abmachungen – halte ich mich an Zeitvorgaben und übernehme ich Verantwortung? Falls die Antwort auf eine oder alle diese Fragen „Nein“ lautet, bin ich bereit, mein gewohnheitsmäßiges Verhalten radikal zu verändern um ein bewusster Schüler zu werden?

Bin ich bereit, mein kindisches Verhalten zu überwinden?

Hier stellen wir uns selbst die Frage: Bin ich bereit, meine Lehrerin in ihrer Lehrfunktion anzuerkennen, anstatt darauf zu bestehen, dass sie die Rolle einer guten Mutter, eines guten Vaters, Liebhabers oder Freundes erfüllt? Um unsere kindische Beziehung zur Lehrerin zu überwinden, brauchen wir eine Bereitschaft zu sehen, in welchem Ausmaß wir auf unsere Lehrerin projizieren – und sogar auf Gott selbst.

Welche Qualität hat meine Verbindung mit meiner Lehrerin?

Habe ich das Gefühl, mit einem Retter in Verbindung zu stehen? Einem guten Vater/ einer guten Mutter? Freund? Mentor? Liebhaber? Idealisiere ich diese Lehrerin oder neige ich dazu, sie auf meine eigene Stufe zu reduzieren? Entspringt mein Respekt für sie aus einer authentischen Quelle in mir oder fühle ich mich eingeschüchtert und von der Meinung anderer beeinflusst? Bin ich von ihrem Charisma und ihrer Macht geblendet? Es gibt keine richtige Antwort auf diese wichtige Frage nach unserer Verbindung, aber wenn wir tief in uns nachforschen, können wir zunehmende Einsichten gewinnen, was uns zu unserer Lehrerin hinzieht. 

Bin ich bereit für die Verantwortung eines spirituellen Schülers?

Spirituelle Verantwortung bedeutet, dass wir die Verantwortung für all unsere spirituellen Entscheidungen übernehmen, einschließlich der Entscheidung, uns in die Hände von Scharlatanen zu begeben, die uns dann enttäuschen; sowie der Freiheit, die aus dem Mut entspringt, wahre Hilfe gegen den stürmischen und temperamentvollen Widerstand des Egos anzunehmen.

Ein üblicher Fehler ist die Annahme, dass man, nachdem man sich einer spirituellen Lehrerin verpflichtet hat, alle Verantwortung für sich selbst aufgibt. Aber das genaue Gegenteil ist der Fall. Selbst wenn wir uns in Demut, Hingabe und Gehorsam üben, sind wir weiterhin für all unsere Entscheidungen und Handlungen voll verantwortlich. Weil wir oft mit starken Energien und kraftvollen Praktiken zu tun haben, ruft uns dies zu vermehrter Integrität und Genauigkeit in unserem Leben auf – weit entfernt von dem Stereotyp der glücksseligen und hemmungslosen Selbstaufgabe, wie eine Beziehung zum Guru sich manchmal in Phantasien oder in den Medien darstellt.

Kriterien können unschätzbare Richtlinien bieten, um zwischen verschiedenen Lehrerinnen, Pfaden und Praktiken zu unterscheiden und unsere eigene Motivation als Schüler zu klären. Aber Kriterien sind begrenzt. Wir dürfen nicht vergessen, dass jeder Einzelfall sich von anderen unterscheidet und vom Gesamtzusammenhang bestimmt wird, der unzählige sichtbare und unsichtbare Variablen sowohl im Schüler als auch in der Lehrerin einschließt. Diese Kriterien sollten also als Richtlinien genommen werden, die wir ständig verfeinern und auf die wir immer wieder zurückkommen während unseres ganzen Lebens als bewusste Schüler und Schülerinnen auf dem Pfad.

 

[Ein Auszug aus dem noch nicht veröffentlichen Buch: Wenn der Schüler bereit ist: Die Gefahren und Belohnungen in der Wahl eines spirituellen Lehrers (When the Student Is Ready: The Perils and Rewards of Choosing a Spiritual Teacher, Sounds True, 2011)]

 

Mariana Caplan, Dr. phil., ist Psychotherapeutin, Professorin für yogische und transpersonale Psychologie, sowie Autor von sieben Büchern in den Bereichen der Psychologie und Spiritualität, einschließlich des demnächst erscheinenden: „The Guru Question: The Perils and Awards of Choosing a Spiritual Teacher“ und dem bahnbrechenden „Auf halbem Weg zum Gipfel der Erleuchtung: Die Gefahren und Irrtümer verfrühter Ansprüche, erleuchtet zu sein“ Via Nova, Taschenbuch -10. Mai 2002. Ihr kürzlich veröffentlichtes Werk, „Augen auf!: Der Weg der spirituellen Unterscheidungskraft“, Kamphausen, broschiert -September 2010, hat in den USA fünf Preise für das beste spirituelle Buch 2010 gewonnen.

Webseite: www.realspirituality.com


[1] Bemerkung der Übersetzerin: Das englische Wort „teacher“ ist geschlechtsneutral, und Mariana hat sehr geflissentlich an jeder betreffenden Stelle das politisch korrekte „his or her“ eingefügt. Ich werde der Einfachheit halber nur das weibliche Wort „Lehrerin“ verwenden, womit selbstverständlich immer auch männliche Lehrer gemeint sind.