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26.5.2017 : 5:36 : +0200

Spirituelle Lehrer: Mühlsteine, Verantwortung und Liebe

John Dupuy

Nachtrag von John Dupuy zur Lehrer-Debatte

Editorialer Hinweis: folgender Beitrag von John Dupuy erreichte die Redaktion, nachdem die Antwort auf die spirituellen Lehrer seitens des IF bereits verfasst worden war. Obwohl John selber kein spiritueller Lehrer ist, fanden wir es wichtig seine Position in der Diskussion wiederzugeben, weshalb wir sie hier als Nachtrag hinzufügen. 

 

Ich wurde gebeten, als Beitrag zu dem Gespräch über spirituelle Lehrer eine Antwort auf das Positionspapier des deutschen integralen Teams zu verfassen. Zunächst einmal stimme ich vollkommen mit den Vorschlägen unserer deutschen integralen Brüder und Schwestern überein, was Maßstäbe für unsere integralen spirituellen Lehrer betrifft. Ich habe einige der Antwortpapiere gelesen, die von spirituellen Lehrern verfasst wurden. Meine Perspektive ist folgende: ich lehre integrale Spiritualität bei meiner Arbeit mit meinen Schülern im integralen Suchtgenesungsprojekt, sowie integrale Praxis im Allgemeinen. Ich führe seit fünf Jahren und acht Monaten eine kontinuierliche tägliche meditative und kontemplative Praxis aus und habe eine lange Geschichte spiritueller Erfahrungen und mystischer Einheitszustände, die begannen, als ich elf Jahre alt war. Auf gewisse Weise macht mich das zu einem spirituellen Lehrer, obwohl ich mich mit diesem Gedanken recht schwer tue. Als Jugendlicher und junger Erwachsener war ich Mitglied einer christlichen Gruppe, die sich sehr plötzlich zu einem vergifteten und kontrollierenden Kult entwickelte. Mein Schwerpunkt liegt daher vor allem darin, Menschen zu verteidigen, die von sogenannten spirituellen Lehrern fehlgeleitet und missbraucht wurden. Auf meiner integralen Reise während der letzten paar Jahre habe ich mich mit einigen spirituellen Lehrern befreundet, die das Gefühl zu haben scheinen, dass es oft die spirituellen Lehrer sind, die von den spirituellen Schülern missbraucht werden! Dies war eine neue Perspektive für mich und ich nehme an, sie sollte in unserer multi-perspektivischen Beleuchtung dieses Themas berücksichtigt werden. 

So viel wurde bereits in dem deutschen Positionspapier gesagt, dass ich es nicht mehr wiederholen muss, ich kann jedoch ein paar zusätzliche Punkte beitragen.

Als ich mit einem unserer prominenten spirituellen Lehrer telefonierte – ich will ihn hier nicht beim Namen nennen, aber er scheint in Ordnung zu sein – kam die Frage auf, wie man weiß, ob jemand erleuchtet ist (geht das schon wieder los...). Es wurden ein paar Dinge aufgeführt, anhand derer man die Tiefe der Verwirklichung einer Person feststellen kann, aber ich brachte dann etwas ins Gespräch ein (worauf ein Moment tiefer Stille, ein fallender Groschen und ein „Oh, tja...“ zu hören war) und zwar, dass eine der Manifestationen der Erleuchtung, spirituellen Reife oder Selbstverwirklichung – wie man es auch benennen will – ein Zuwachs an Mitgefühl ist. 

Jesus wird im Matthäus Evangelium Kapitel 7 Vers 20 folgendermaßen zitiert: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“ und „Ebenso bringt jeglicher gute Baum gute Frucht, aber ein fauler Baum bringt schlechte Frucht....“, usw. Was ich hier sagen will ist, wenn jemand behauptet, ein spiritueller Lehrer zu sein und kein deutliches Wachstum an Mitgefühl und Herzensgüte vorhanden ist, dann haben wir es meines Erachtens mit einer Ebenen/Zustandsverwechslung zu tun und einer Art von Erleuchtung, die mehr Probleme verursacht als zu helfen. Wie der Apostel Paulus im Kapitel 13 des ersten Kolosserbriefes sagte (ich formuliere dies für unsere integralen Zwecke um) „Wenn ich mit Menschen- und Engelszungen redete“ und verstünde alle Quadranten, alle Ebenen, alle Linien, alle Stufen, alle Zustände, den verdammten Schatten und Nicht-Dualität noch obendrein, und hätte der Liebe nicht, dann hätte ich ein Problem und taugte wahrscheinlich nicht, ein spiritueller Lehrer im erhabenen Sinne zu sein.

Ich mag ein fantastischer Dozent und/oder Professor an der Universität sein, oder gar ein Schriftsteller, aber wenn ich nicht die Tiefe der Wirklichkeit berührt habe, in der Mitgefühl und Liebe aus unserem ureigensten Wesensgrund hervorquellen, dann tauge ich wahrscheinlich – nein bestimmt nicht – dazu, ein spiritueller Lehrer zu sein, denn ich werde zu viele meiner eigenen Bedürfnisse und Wünsche in die Verbindung hineinprojizieren – ich werde Andere verletzen und ich werde mich selbst auch sehr verletzen.

Jesus, dieser Meister der transformativen Weisheit, warnte immer vor falschen Lehrern und schimpfte über sie. In einer Rede sagte er den ungesunden spirituellen Anführern seiner Zeit, „Es wäre besser für ihn, man würde ihn mit einem Mühlstein um den Hals ins Meer werfen” ...oder „in das ewige Feuer der Hölle”,... „als dass er einen von diesen Kleinen zum Bösen verführt”. (Diese Kleinen sind hier die spirituellen Suchenden oder junge Schüler.) Er nannte sie „Nattern und Giftschlangenbrut“ und „Heuchler“, die „schwere Lasten zusammenschnüren und sie den Menschen auf die Schultern legen“ – tue dies, tue das, gib mir dein Geld, tue was ich sage oder verschwinde, usw. - „wollen selber aber keinen Finger rühren, um die Lasten zu tragen“. Dies machte Jesus richtig sauer. Nebenbei gesagt, es macht mich auch richtig sauer.

Roger Walsh sagte vor kurzem in einem Vortrag, bei dem ich zugegen war (übrigens denke ich, dass Roger Walsh ein großartiges Vorbild für einen spirituellen Lehrer ist: geistvoll, reif, abgeklärt, bescheiden und sehr gütig), dass wir vielleicht ganz damit aufhören sollten, über „Erleuchtung“ zu sprechen und einfach „spirituelle Reife“ sagen sollten. Ich denke, viele unserer spirituellen Lehrer haben die Vorstellung einer integralen transformativen Praxis oder integralen Lebenspraxis einbezogen, aber mehr als ein gutes theoretisches Bezugssystem für Andere, ohne sich selbst groß damit abzugeben. Die integrale Landkarte gibt uns eine leichte und intuitiv gut erfassbare Möglichkeit zu verstehen, warum unsere spirituellen Lehrer immerzu in Schwierigkeiten geraten, uns in Schwierigkeiten bringen und auf die Nase fallen. Es ist nichts Schlimmes daran, auf die Nase zu fallen. Ich habe persönlich das Gefühl, dass ich darin ein Meister bin – also im auf die Nase fallen – aber es reicht nicht, der integralen Praxis gegenüber nur ein Lippenbekenntnis abzulegen. Wir müssen uns wirklich auf eine tägliche, engagierte integrale Praxis einlassen, wenn wir zu den Lehrern, Heilern, groß-geistigen, großherzigen Messias werden wollen, die die Welt zur Zeit braucht.

Was für einen Führer dazugehört (und ich weiß einiges über Führerschaft, da ich selbst schon seit meiner frühen Jugendzeit in der Position eines Führers war: im Militär, als Wanderführer, Führungskraft, usw.) ist, dass ein guter Führer das Wohlergehen und die Sicherheit seiner Gefolgschaft oder seiner Schutzbefohlenen über seine eigene stellt. Dies mag sehr einfach und offensichtlich erscheinen – das ist es auch – aber die meisten Probleme, die aus dem schlechten Verhalten spiritueller Lehrer entstehen, scheinen verursacht durch einen Mangel an Liebe für ihre Anhänger und einen Mangel an Verantwortungsgefühl, das sich aus ihrer Stellung ergibt. Jesus sagte, „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde [seine Schüler, seine Anhänger] hingibt.“

Kurz vor seinem Tode soll Jesus die Füße seiner Jünger gewaschen haben, als ein Beispiel für die Einstellung eines wahren Führers. Er übertraf diese Demonstration noch mit den Worten „Der größte aber unter euch soll euer Diener sein.” Dies sind großartige und unglaublich wichtige Lehren, so wahr und anwendbar heute wie vor 2000 Jahren, von Generation zu Generation, auf jeder Bewusstseinsebene, von einem Leben zum nächsten. Es ist für uns alle wichtig, uns selbst an diesen hohen Standard der spirituellen Bruderschaft und Lehrerschaft zu halten, denn, wie die Quäker schon vor langer Zeit herausgefunden haben, sind wir alle Lehrer. Wir sind alle Medium und Sprecher der göttlichen Liebe und Weisheit. Oder, wie die jüdischen Meister der Kabbala uns gelehrt haben, sind wir alle die lebenden Worte der Tora.

Ich bin also ganz für eine Demokratisierung dieses Prozesses der Erleuchtung und spirituellen Reife, welche, wie Ken Wilber sagte, tatsächlich elitär ist, weil sie sich an der oberen Front der evolutionären Spirale befindet, aber dies ist ein elitäres Denken, bei dem jeder eingeladen ist, dabeizusein. Dies ist nicht nur eine Einladung, sondern ich glaube daran, dass durch unser gegenwärtiges Wissen über integrale Praxis, Techniken, Technologien, spirituelle Weisheiten aus all den großen Traditionen und dem Wissen über die wissenschaftliche Natur der Transformation als solcher, uns eine Menge Kronleuchter aufgehen werden – oder Kerzen angezündet – um die Dunkelheit zu erhellen.

Langer Rede kurzer Sinn: es reicht nicht, schlau zu sein – es braucht die Liebe. Du musst Liebe sein, du musst Liebe leben, und wenn wir das nicht tun, dann ist es nur noch ein weiteres Ding, eine weitere Ablenkung, und wir haben nicht verstanden, worum es ging. Meine Erfahrung lehrt mich, dass der Weg zu dieser göttlichen Liebe die erleuchtet und heilt, vergibt und verbindet, durch unsere individuelle und kollektive Dunkelheit und Leiden führt. Ich hoffe, das hilft. Lasst mich mit einem Vorfall beschließen, der sich auf einer kürzlichen Reise nach Deutschland ereignete.

Ich nahm an einem Essen teil, das sich einem Salon über Erkenntnis und Chaos in Berlin anschloss. Ich saß an einem Tisch mit einem Deutschen, einem sehr kultivierten Doktor der Philosophie und zweitem Vorsitzenden einer großen deutschen Stiftung. Während unseres Gesprächs erwähnte er, dass er aus Dresden stammte, einer Stadt, die von den britischen und amerikanischen Alliierten im zweiten Weltkrieg bombardiert wurde. Ich wollte gerade eine Rechtfertigung dafür liefern, die so dumm war, dass ich sie hier nicht erwähnen möchte, aber stattdessen sagte ich „das tut mir Leid.“ Er sah mich schockiert an und sagte „Nein, nein, wir haben gut reden“ und meinte damit die Deutschen. „Wir haben so viel getan.“ Nachdem das Essen vorbei war nahm ich den Herrn beiseite und sagte zu ihm: „Ich meine es ernst. Es tut mir wirklich Leid. Die Feuerbomben auf Dresden waren nicht nötig. Wir hätten das nicht tun müssen. Es tut mir so Leid.“ An dieser Stelle umarmte ich ihn und küsste ihn auf den Nacken und ich bin sicher, dass meine Tränen seinen Mantel, Nacken und sein Haar durchweichten. Er weinte auch und sagte „Ich danke Ihnen. Es bedeutet mir viel, dass ein Amerikaner das sagt, obwohl ihr doch so viel Gutes für uns getan habt, aber ich danke Ihnen wirklich dafür.“ Wir waren beide zutiefst berührt und ich setzte sofort meine Sonnenbrille auf, wie ich es häufig tue, wenn ich mal wieder aus Liebe durchdrehe, in der Öffentlichkeit. Liebe bedeutet so oft zu sagen „Es tut mir Leid“ und die Wunden Anderer mit unseren Tränen zu waschen. Der Größte aber unter uns soll der Diener für Alle sein.

Liebe und Segen für uns alle.

John Dupuy

 

John Dupuy ist der Begründer von Integral Recovery. Er verbindet zwei Jahrzehnte bodenständiger Counseling-Erfahrung mit den führenden Werkzeugen von ILP und der AQAL Landkarte. Seine Arbeiten erschienen u.a.im AQAL Journal. John war mehrfach zu Gast auf den Tagungen des Integralen Forums. In Kürze erscheint sein Buch "Integral Recovery" bei SUNY Press. Seit kurzem betreibt er die Firma "Profound Meditation", die die Technologie binauraler Meditation weiteren Kreisen zugänglich macht. John lebt mit seiner Partnerin Pam in Teasdale, Utah (USA).

 

Webseite:

www.integralrecovery.com