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27.6.2017 : 12:39 : +0200

Einfach Uncool

Diane Musho Hamilton

von Diane Musho Hamilton

Ich habe mir in letzter Zeit eine Menge Diskussionen im Netz angehört über ethischen Missbrauch von Zen-Lehrern, über ihre Vertrauensbrüche, mangelnde gute Absichten in der Art, wie sie Menschen behandelt haben, die sie eigentlich anleiten sollten. Die erhitzten Beschwerden lösen einen Aufschrei der Empörung aus, der nach der Entwicklung von Standards, Richtlinien, festen und einheitlichen ethischen Grundsätzen verlangt, welche die Lehrer der Zen-Welt beaufsichtigt und zur Rechenschaft zieht. Dies soll dazu führen, dass Lehrer und Schüler gleichermaßen für die Auswirkungen ihrer Entscheidungen und ihres Verhaltens auf die Gemeinschaften, in denen sie praktizieren, verantwortlich gemacht werden. 

Nun mal ehrlich, einige falsche Entscheidungen, besonders von Seiten der Lehrer, können eine sehr zerstörende Auswirkung auf die Gemeinschaft von praktizierenden Menschen haben, die ein enormes Maß an gutem Willen, Zeit, Aufmerksamkeit und Geld investiert haben, um eine Gruppe zu bilden, die den Wunsch hegt, gemeinsam zu erwachen. Wenn Skandale ausbrechen, zerstreuen sich die Menschen und Werte gehen verloren. Einstmals gemeinsames Bestreben schrumpft durch Zweifel zusammen und weicht überreiztem Zynismus und mangelnder Bereitschaft, das Risiko einer Teilnahme noch einmal einzugehen. Kurz gesagt, Skandale zerstören Sangha.

Jede Praxisgemeinschaft – ob in der Medizin, Psychologie, Kinderbetreuung oder im Autoverkauf – wird mit der Zeit innerbetriebliche Absicherungen entwickeln, während die Gruppe zu einer Organisation heranreift, und die Organisation zu einer Institution wird. Diese Leitsätze, Verfahrensrichtlinien und gesetzlichen Verträge bilden die Basis für beständige Strukturen, die unangemessenes Verhalten und zerstörerische Tendenzen der individuellen Menschen überdauern können, welche sie notwendigerweise durchlaufen. Und wer von uns hat noch nie im Freundeskreis ein wenig Chaos angerichtet?

Die Formulierung dieser Richtlinien ist natürlich, notwendig und sogar bewundernswert, wenn uns klar wird, dass wir in der Lage sind, einander an höhere Verhaltensmaßstäbe zu binden. Hohe Verhaltensmaßstäbe schaffen größeren Frieden, ethisches Verhalten bewirkt mehr Stabilität und eine Fülle von Glaubwürdigkeit bringt dauerhafte gute Gefühle innerhalb der Mitglieder jeder Gruppe hervor. Dies ist eine einfache Gleichung, die wir verstehen müssen. 

In der Zwischenzeit jedoch, während wir noch lernen und diese Richtlinien erst entwickelt und eingesetzt werden, würde ich gern ein griffiges Wort einführen, das euch bei euren Entscheidungen helfen kann, bis die Grundregeln zu Papier gebracht worden sind. Das Wort, das ich euch in eurer Suche nach Integrität anbieten möchte, ist einfach „uncool“.

„Ist das cool oder uncool?“ Es ist ein einfaches Wort, durch und durch amerikanisch, und die Frage erweist sich als sehr Nutzer-freundlicher Test. Frag dich einfach, ob das, was du gerade in Begriff bist zu tun, cool oder uncool ist. Cool kann als fundiertes ethisches Verhalten übersetzt werden und wird euch den Respekt und die Unterstützung eurer Freunde und Kollegen einbringen. Uncool bedeutet: Wenn du es tust, wird es den Leuten nicht gefallen, sie werden sauer und du wirst darunter leiden.

Es gibt viele wunderschöne Methoden, um ethisches Verhalten hervorzurufen. Ein Beispiel ist der Empfang und die Ausübung von buddhistischen Gelübden. In einer anderen Methode benutzt der große Zen Meister Dogen Zenji die Metapher einer Balkenwaage für das Gebot, alle Dinge, die uns in einem gegebenen Moment bewusst sind, zu betrachten und so zu handeln, dass sie zum Wohle aller Wesen ins Gleichgewicht gebracht werden. Dies ist ein bemerkenswertes Bild für die Ausübung des Gleichmuts. Und während Dogens Metapher unendlich viel ausgefeilter, schöner und subtiler ist als meine, empfehle ich trotzdem, sich einen Moment Zeit zu nehmen, um zu überlegen, was „cool“ und was „uncool“ ist, denn damit steht uns eine sofortige Maßnahme zur Verfügung, die uns durch diese dunklen Zeiten führen kann.

Hier nun ein paar Beispiele, wie ihr diese Methode anwenden könnt:

Zum Beispiel Lügen. Warum schließen die Gelübde das Gebot ein, nicht zu lügen – nun ja, weil Lügen uncool ist. Lügen macht die Menschen in deiner Umgebung misstrauisch und argwöhnisch und du musst immerzu die Wirklichkeit verbiegen und umsortieren, um dich zu schützen und deine Spur zu verwischen. Offensichtlich uncool.

Gier. Warum solltest du versuchen, nicht gierig zu sein? Weil Gier uncool ist. Leute werden sauer, wenn du nimmst, was dir nicht gehört und wenn sie sehen, wie du nach mehr als deinem fairen Anteil grabschst.

Sexuelles Fehlverhalten. Schüler bringen eine enorme Verletzlichkeit mit auf ihre spirituelle Suche. Es hat sehr verwirrende und schädliche Auswirkungen, wenn ihr spirituelles Streben und ihre ungeklärten Ambitionen und Bedürfnisse mit den erotischen Impulsen des Menschen in der Machtposition vermischt werden. Füge dieser Mischung noch etwas Eifersucht, Wettbewerb und unerfüllte Liebesbedürfnisse aus der Gruppe hinzu, und du hast ein großes Problem auf der ganzen Linie. Wenn du ein Lehrer bist und eine Beziehung mit einer Schülerin anstrebst, schließe zunächst diejenigen aus, die in einer festen Beziehung sind, außerdem überempfindsame, emotional instabile, verletzte und minderjährige Menschen. In anderen Worten, suche nach einem reifen Menschen, erkenne deine Position an und ändere die Vertragsbedingungen, dann baue eine Beziehung mit Bewusstheit und Integrität auf. Aber gewohnheitsmäßig mit den Menschen herumschlafen, die mit dir studieren? Uncool.

Zen Schüler müssen sich die gleichen Fragen stellen. Ist es cool, mein ethisches Unterscheidungsvermögen der leitenden Person zu übergeben? Höchstwahrscheinlich nicht. Ist es cool, meine sexuellen Energien nicht zu klären und unbewusst meinen Lehrer anzumachen? Uncool. Ist es cool, die Augen vor Vertrauensbrüchen in der Gemeinschaft abzuwenden, weil sie mein Gefühl bedrohen, in der Gruppe beschützt und aufgehoben zu sein? Unwahrscheinlich.

Kurz gesagt, wir haben noch einen langen Weg vor uns, bevor die zuständigen Leute uns ihre angekündigten Richtlinien liefern können. In der Zwischenzeit sind wir nicht orientierungslos, wir können unterscheiden und wir können, so hoffe ich zumindest, zusammen unseren Weg finden. Ich weiß, dass wir weiterhin Fehler machen werden. Dogen sagt auch, dass „das Leben eines Zenmeisters ein ununterbrochener Fehler ist.“ Manchmal sind dies sehr große Fehler, aber dann sind wiederum Vergebung und Mitgefühl von Natur aus unbestreitbar cool.

 

Diane Musho Hamilton Sensei ist eine begabte Mediatorin, Prozessbegleiterin und Lehrerin für Zen und integrale Spiritualität. Sie praktiziert seit mehr als 25 Jahren Meditation. Diane begann ihre Studien 1983 an der Naropa University mit Choygam Trungpa Rinpoche, und wurde 1997 Zen Schülerin von Dennis Genpo Merzel Roshi. 2003 erhielt sie gemeinsam mit ihrem Ehemann Michael Zimmerman die Weihe als Zen Mönch und 2006 die Dharma Übertragung von Genpo Roshi. Diane moderiert Big Mind Big Heart, ein Prozess, der von Genpo Roshi entwickelt wurde, um die Einsichten des Zen in der westlichen Zuhörerschaft hervorzurufen. Seit 2004 arbeitet sie mit dem Integral Institute.

Websites:

dianemushohamilton.com
bouldermountainzendo.org