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18.11.2017 : 12:52 : +0100

Ken Wilber: Reinkarnation

Quelle: Himalayan Academy Publications, Kapaa, Kauai, Hawaii.

Michael Habecker

Nach den eher phänomenologischen Beschreibungen im einem Beitrag mit dem Titel Tod, Wiedergeburt und Meditation von Ken Wilber geht es im folgenden Beitrag um einen Weg, ein theoretisches Modell zu skizzieren, welches Möglichkeiten zur Erklärung von Reinkarnation bietet. Dies tut Ken Wilber im 2004 erschienenen „Auszug G“ aus dem zweiten Band seiner Kosmos Trilogie[1]. Wilber geht es dabei um eine Theorie der „subtilen Energien“, welche eine Voraussetzung für die Existenz von etwas wie einer Seele wäre, die dann auch „wandern“ könnte. Dabei geht er von der unstreitigen Tatsache der Existenz grobstofflicher Materie und der dazu gehörigen (grobstofflichen) Energie aus (Gravitation, Elektromagnetismus). Diese Materie jedoch bleibt nicht, wie sie ist, sondern verfeinert oder komplexifiziert sich im Verlauf der Entwicklung und Evolution (was Wilber für den individuellen Menschen im Modell der vier Quadranten im oberen rechten Quadranten abbildet). Materie ist jedoch immer auch Energie, und daher folgt dieser Verfeinerung der Materie im Laufe der Entwicklung, so die Hypothese, auch eine Verfeinerung der zu dieser Materie gehörigen Energie. (Zu den Einzelheiten siehe Exzerpt G).

Wilber formuliert diesen Gedankengang in 3 Hypothesen:

Hypothese Nr. 1: Fortschreitende Evolution bringt zunehmende Komplexität grobstofflicher Formen.

Hypothese Nr. 2: Eine zunehmende Komplexität der Form (im oberen rechten Quadranten) geht einher mit einer zunehmenden innerlichen Bewusstheit (im oberen linken Quadranten).

Hypothese Nr. 3. Weiterhin – und das ist die verbindende Hypothese – geht eine zunehmende Komplexität der grobstofflichen Form einher mit einer zunehmenden Verfeinerung von Energien.

Darauf aufbauend entwickelt Wilber einige Gedanken zur Reinkarnation. 

 

Die folgende Passage ist ein Auszug aus dem Exzerpt G:

Wir kommen nun zum kontroversesten Thema im Zusammenhang mit subtilen Energien, und zwar dem Thema Reinkarnation bzw. Seelenwanderung. Ich zögere, wenn es darum geht hierüber etwas auszusagen, denn jede Stellungnahme wirkt sofort auf die andere Hälfte der Zuhörerschaft befremdend.

Ich selbst glaube, dass Reinkarnation stattfindet; im Augenblick jedoch geht es mir vor allem darum, einen Ablauf vorzuschlagen, wie Reinkarnation stattfinden kann, und nicht so sehr um die Argumentation, ob sie stattfindet oder nicht. Nehmen wir einfach einmal an, dass Reinkarnation stattfindet, und fragen wir uns, wie das mit der Hypothese Nr. 3 in Einklang zu bringen ist, nämlich, dass subtile Energien mit der Komplexifizierung grobstofflicher Formen verbunden sind. Mit dem Tod löst sich die grobstoffliche Form eindeutig auf; was geschieht mit den subtilen Energien, wenn diese an die grobstofflichen Formen gebunden sind?

An dieser Stelle entscheidet man sich einfach, ob Reinkarnation existiert oder nicht. Wenn man nicht daran glaubt, dass Reinkarnation existiert, bedarf die integrale Theorie subtiler Energien, welche ich bis hierher präsentiert habe, keiner weiteren Ergänzung (jedenfalls nicht in Bezug auf Reinkarnation). Glaubt man jedoch an Reinkarnation, dann muss eine integrale Theorie in der Lage sein, diesen Vorgang aufzunehmen. Das ist durch das Hinzufügen einer weiteren Hypothese möglich, wie folgt:

Nr 4. Die Komplexität grobstofflicher Formen ist sowohl für den Ausdruck oder die Manifestation eines höheren Bewusstseins, wie auch einer subtileren Energie notwendig.

Hypothese Nr. 4 schafft die Möglichkeit, dass die höheren Formen von Bewusstsein und Energie (d.h. höher als der Bereich der grobstofflichen Familie) ontologisch nicht an die Komplexifizierung grobstofflicher Formen gebunden sind, sondern sie als Träger für den Ausdruck subtiler Energien im grobstofflichen Bereich selbst benötigen. Es ist – mit anderen Worten – nicht so, dass höheres Bewusstsein und Energien aus einer ontologischen Notwendigkeit heraus an die Komplexität grobstofflicher Formen gebunden sind, sondern, dass sie eine entsprechende komplexe Form grobstofflicher Materie benötigen, um sich selbst auszudrücken, bzw. sich in und durch den materiellen Bereich zu manifestieren

Die Frage, ob das stimmt oder nicht, ist die eine Seite; aber wenn es stimmt, dann muss etwas in der Art von Hypothese Nr. 4 ausgesagt werden. Das Vermeiden dieser Hypothese ist gleichbedeutend mit dem Vermeiden des gesamten Themas. So versuchen beispielsweise Francisco Varela und andere in The Embodied Mind zu einer spirituell ausgerichteten Bewusstseinstheorie zu gelangen, die das Bewusstsein stark im sensorimotorischen Körper verankert, so sehr, dass Reinkarnation nach dieser Theorie unmöglich ist. Sie stellen ihre Theorie als in Übereinstimmung mit einem aktualisierten Buddhismus vor, aber dieses schwierige Thema wird eindeutig vermieden. Man kommt um etwas wie die Hypothese Nr. 4 nicht herum, wenn man Seelenwanderung theoretisch absichern möchte. 

Mit der Hypothese Nr. 4 würde die integrale Theorie – zumindest in diesem speziellen Punkt – sich wieder der traditionellen Vedanta/Vajrayana Konzeption annähern, jedoch mit einigen wenigen aber wichtigen Ausnahmen (welche die meisten metaphysischen Postulate eliminieren, von denen diese Vorstellungen getragen werden, bei gleichzeitiger Akzeptanz all der relevanten Daten, die es zu erklären gilt).4 An dieser Stelle brauchen wir einzig beachten, dass es gerade die Grundaussagen des Vedanta/Vajrayana Modells sind, welche bereits in eine Integrale Psychologie aufgenommen wurden, und nun durch die Hypothese Nr. 4 ergänzt und für eine mögliche Erklärung der Reinkarnation herangezogen werden können. Zweifellos vergrößert sich dadurch das metaphysische Gepäck eines jeden Ansatzes, aber dies kann auf eine relativ bescheidene Weise geschehen, welche für eine Reihe von empirischen und phänomenologischen Untersuchungen offen ist (und das ist genau der Gegenpol zu jeglicher Metaphysik).

Die Grundaussagen des Vedanta/Vajrayana Modells bezüglich Reinkarnation lauten:

Es ist richtig, dass es keinen Geist/Verstand ohne einen ihn unterstützenden Körper gibt und keinen Körper ohne einen Geist/Verstand, der ihn leitet („Geist“ meint „Bewusstsein“ und „Körper“ meint „Masse-Energie“; mit anderen Worten – und in AQAL Begriffen ausgedrückt – hat jeder Bewusstseinszustand und jede Bewusstseinsstufe im OL eine Masse-Energie-Körper-Entsprechung im OR). Kurz gesagt haben sowohl für Vedanta als auch für Vajrayana der grobstoffliche Geist einen grobstofflichen Körper; der subtile Geist einen subtilen Körper; und der kausale Geist einen kausalen Körper. Wir können sie einfach als der grobstoffliche Körpergeist, der subtile Körpergeist und der kausale Körpergeist benennen. 

Auch wenn es für Vedanta/Vajrayana keinen Geist ohne einen Körper gibt, kann doch der subtile Körpergeist ohne den grobstofflichen Körpergeist existieren, und der kausale Körpergeist kann ohne die beiden anderen existieren. Daher kann Seelenwanderung stattfinden, auch wenn es keinen Geist ohne einen Körper gibt.

Diese Aussage lässt sich – entsprechend den Traditionen – auf verschiedene Weisen bestätigen. Erstens ontologisch: Während der Involution – von der gesagt wird, dass sie im Wesentlichen in den bardo Bereichen der Reinkarnation oder Seelenwanderung stattfindet (siehe unten)  –, wenn sich der GEIST nach außen verströmt, erschafft er einen kausalen Körpergeist. Der kausale Körpergeist existiert eindeutig ohne einen subtilen Körpergeist wie auch einen grobstofflichen Körpergeist, da beide noch nicht erschaffen wurden.

Zweitens, phänomenologisch: Sobald man sich jede Nacht schlafen legt und zu träumen beginnt, existiert kein grobstofflicher Körpergeist, und man befindet sich überwiegend in einem subtilen Körpergeist; ähnlich auch beim Übergang in den traum- und formlosen Tiefschlaf, wo es weder einen grobstofflichen noch einen subtilen Körpergeist gibt, sondern nur einen kausalen Körpergeist; und daher können phänomenologisch die übergeordneten Körpergeist-Einheiten unabhängig von ihren untergeordneten (Junioren) existieren.

Drittens existiert man in bestimmten außergewöhnlichen Wachzuständen – wie außerkörperlichen Erfahrungen (oder „Astralreisen“) – in einem subtilen Körpergeist und nicht nur in einem grobstofflichen Körpergeist. Und ebenso existiert man in formlosen meditativen Zuständen in einem kausalen Körpergeist, und nicht in einem subtilen oder grobstofflichen Körpergeist.   

Die Traditionen behaupten daher, dass mit dem physischen Tod und der Auflösung des grobstofflichen Körpergeists die Seele, welche jetzt in einem subtilen Zustand existiert und von einer sehr realen, jedoch subtilen Energie (bzw. einem subtilen Körper) getragen bzw. unterstützt wird, durch eine Reihe von Bardo-Bereichen oder Stationen solange „wandert“, bis sie sich aufgrund verschiedener karmischer Faktoren zu einem neuen grobstofflichen Körpergeist hingezogen fühlt, woraufhin eine Wiedergeburt in einem physischen Körper stattfindet. 

Daher heißt es, dass die allgemeine subtile Körper/Energie (d.h. die Familie „subtile Energie“) verschiedene Geistesbereiche oder Zustände oder Bewusstseinsstufen unterstützt, einschließlich: (1) den Traumzustand in allen Menschen; (2) meditative formgebundene Zustände (z.B. savikalpa samadhi); (3) verschiedene außergewöhnliche Zustände (z.B. außerkörperliche Erfahrungen, Nahtod-Erfahrungen); (4) und den Bardo-Bereich der Seelenwanderung.

Aus diesem Grund wird beispielsweise auch gesagt, dass – wenn man zu Lebzeiten Meditation praktiziert, und dabei lernt, bei vollem Bewusstsein in den Traumzustand einzutreten (luzides Träumen) – man dann in der Lage ist, bis zu einem gewissen Grad den Verlauf der Wiedergeburt während des Bardo zu kontrollieren, weil die Meisterung des einen zugleich die Meisterung des anderen bedeutet: es sind durchaus dieselben Bereiche. 

Hypothese Nr. 4 schlägt daher vor, dass ein subtiles Bewusstsein, unterstützt durch eine sehr reale, wenngleich auch subtile Masse-Energie für ihre grundsätzliche Existenz nicht auf den grobstofflichen Bereich angewiesen ist, wenngleich ein bestimmter Grad einer Komplexifizierung grobstofflicher Materie-Energie erforderlich ist, um sich im grobstofflichen Bereich zu manifestieren.. Wenn die Hypothese Nr. 4 stimmt, dann können wir begründet erklären, warum diese subtileren Dimensionen, obgleich sie als Potential während der Involution erschaffen wurden und dort auch existieren, sich nicht manifestieren können, solange, bis die Evolution im grobstofflichen Bereich einen bestimmten Grad der Komplexität (‚complexification of form’) erreicht hat. Es bedarf zunehmend komplexerer Träger für zunehmend höhere Bereiche; wenn diese höheren Bereiche sich manifestieren, dann sind sie nicht von der Komplexifizierung der Formen getrennt, sondern leuchten wegen ihnen und durch sie hindurch. Noch einmal, selbst unter Verwendung von Hypothese Nr. 4 sagen wir nicht, dass die höheren Bereiche über der Materie stehen, sondern sie sind in ihr. Die Hypothese Nr. 4 fügt etwas hinzu: Auch wenn die höheren Bereiche sich in der Materie und als sich selbst manifestieren, können sie doch ohne die grobstoffliche Familie der Materie existieren.  

Daher kann sich ätherische Energie erst dann manifestieren, wenn grobstoffliche Materie die komplexe Form einer lebenden Zelle angenommen hat (ein Quark ist nicht komplex genug, um ätherische, psychische oder kausale Energie zu „enthalten“ oder zu kanalisieren). Mit der weiteren Komplexifizierung grobstofflicher Formen – vorangetrieben durch die Tatsache, dass selbst die Steine sich erheben und nach Gott rufen – können immer subtilere Dimensionen von Energie und Bewusstsein durch sie hindurch leuchten, bis der gesamte Kosmos mit dem strahlenden GEIST ihrer Quelle und Soheit erstrahlt.

Dementsprechend kann ein subtiler Körpergeist von einer grobstofflichen Manifestation zu einer anderen wandern, ebenso wie Wärme sich von einem Objekt zu einem anderen übertragen kann; aber es braucht zu dieser Manifestation einen komplexen grobstofflichen Körpergeist – und darüber hinaus erfordert jede wahrhaft integrale Verwirklichung die Erleuchtung des grobstofflichen Körpergeistes, des subtilen Körpergeistes und des kausalen Körpergeistes – und deshalb behaupten die Traditionen, dass nur Menschen (und nicht Engel, Götter oder Halbgötter) Erleuchtung erlangen können. Nur Menschen haben alle drei Körper.

Die Gegebenheit, dass der subtile (und kausale) Körpergeist von einem Körper zu einem anderen Körper wandern kann, ist tatsächlich metaphysisch; doch die Tatsache, dass diese subtileren Energien als reale, konkrete, wahrnehmbare und oft messbare – wenn auch subtile – Energien postuliert werden, verhindert, dass das ganze Konzept sich im Dunst purer Metaphysik verflüchtigt. Wenn man die Hypothese Nr. 4 im Zusammenhang mit den ersten drei Hypothesen liest, dann denke ich, dass erkennbar wird, dass sie zumindest miteinander vereinbar sind; und daher glaube ich, dass eine integrale Theorie der subtilen Energien Raum für das Vorhandensein von Seelenwanderung hat, vorausgesetzt, wir entscheiden uns dafür, dass es für das Auftreten von Seelenwanderung genug Beweise gibt.


[1] Ken Wilber, Excerpt G: Toward A Comprehensive Theory of Subtle Energies. Eine vollständige Übersetzung dieses Exzerptes findet sich im deutschsprachigen Bereich der www.integralworld.net.