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23.4.2017 : 15:50 : +0200

Tonglen - Eine Goldmine des Leidens

Diane & Ken

(aus: ISC, A Goldmine of Suffering, Diane Hamilton und and Ken Wilber on the practice of Tonglen)

 

 

Vorwort der ISC Redaktion

Siehe dieses Herz, das so sehr die Menschheit liebte ...

      aus einer Jesus-Vision von Marguerite Marie Alacoque, 1673

Eine der am wirkungsvollsten meditativen Praktiken ist vielleicht die buddhistische Praxis des Tonglen. Als am Ende seines Lebens der bekannte tibetische Buddhist und “crazy wisdom” Lehrer Chogyam Trungpa Rinpoche gefragt wurde, welche Art von Meditation er praktiziere, soll er darauf geantwortet haben “Tonglen, baby!” In diesem Dialog sprechen die ISC Lehrer Ken Wilber and Diane Hamilton mit dem I-I Mitglied Richard Munn über die Praxis des Tonglen.

Es wird gesagt, dass das gesamte spirituelle Leben ein Einatmen und ein Ausatmen ist. In der Tonglen Praxis atmet man das Leiden empfindender Wesen ein, und atmet Mitgefühl aus. Das Ich und der oder die Andere werden ausgetauscht, und der Subjekt-Objekt Dualismus, den viele andere Techniken implizit verstärken, wird überbrückt. Beim Tonglen fallen diese Begrenzungen, was zu einer außerordentlichen Tiefe führt. Das fast grenzenlose Leiden aller empfindenden Wesen wird in das unbegrenzte Herz aufgenommen, und aus einem tiefen Brunnen ergießt sich Mitgefühl im Überfluss. 

Aus einer rationalen Perspektive wird diese Praxis mit Stirnrunzeln begleitet und als unwirksam betrachtet – oder vielleicht sogar als schädlich – doch es gibt sehr viel Evidenz dafür, dass dabei etwas ganz Konkretes und Erklärbares vor sich geht. Alfred North Whitehead warnte vor dem “einfachen Ort”, der Vorstellung, dass [alle] Phänomene sich in Zeit und Raum lokalisieren ließen. Praktiken wie Tonglen und die Hingabe an das Heilige Herz Jesu (bei der man visualisiert, wie das Herz Jesu Mitgefühl verströmt zu einem selbst und an die ganze Welt) gehen seit Langem davon aus, dass Wirklichkeiten des subtilen Bereiches sich im grobstofflichen Bereich manifestieren können. Mit den Begriffen des Integralen gesagt: die Praxis eines Menschen kann die Bildung kosmischer Gewohnheiten unterstützen, von denen ungezählte andere Menschen in der Nachfolge profitieren.

Die Erfahrung eigenen Leidens kann eine hervorragende Gelegenheit sein, um Tonglen zu praktizieren. Wahrscheinlich versteht niemand das Leiden besser als diejenigen, die sich mitten darin befinden. Bei dieser Art Meditation akzeptiert man sowohl das eigene Leiden als auch das Leiden derjenigen, die ebenso leiden. „Leben ist Leiden“ lautet die erste noble Wahrheit. Dennoch ist die tiefe Absicht des Bodhisattva: „mögen alle Wesen befreit werden von ihren Leiden ...“

Das Gespräch

KW: Ich möchte kurz etwas zur Praxis von Tonglen sagen. Eine Möglichkeit dies zu tun besteht darin, zum Anderen zu werden [exchange self for others]. Dies ist der Pfad des Bodhisattva, wie er speziell von Nagarjuna, Shatideva und der ganzen madhyamaka Tradition beschrieben wurde. Nehmen wir an, man hat ein gesundheitliches Problem, dann kann man mit dem Einatmen sagen „möge ich dieses Leiden in mich aufnehmen“, und mit dem Ausatmen, „möge aller Frieden, alles Verständnis und alle Weisheit Befreiung zu all jenen bringen, welche die gleiche Erkrankung haben“. Mit dem Einatmen stellt man sich dabei vor, wie all die Unreinheiten, Krankheiten und Leiden in das eigene Herz einströmen, und mit dem Ausatmen verströmt man allen Frieden und alles Verstehen, das man zu geben in der Lage ist, hin zu all denen, die krank sind. Man sieht dann, wie es ihnen besser geht, und mit dem Wiederholen des Vorgangs immer besser, das kann man sich vorstellen und visualisieren. Man stellt sich zu Beginn vielleicht einen oder zwei Menschen vor, es kann auch jemand aus dem Freundes- oder Bekanntenkreis mit dieser Krankheit sein, dann dehnt man dies aus auf alle Menschen des Landes, in dem man lebt, und alle Menschen in der Welt. Man macht das immer wieder: den Schmerz und das Leiden einatmen, direkt ins eigene Herz, man füllt sich damit ganz auf -, und dann die Befreiung durch das Ausatmen von Frieden und Verstehen an die ganze Welt. Man sieht und stellt sich die Welt vor, wie es ihr besser geht, durch die Befreiung von dieser Krankheit.

DH: Dies geschieht durch dich.

KW: Genau. Dies ist ein Weg um gutes Karma inmitten schwieriger Umstände zu erschaffen. Wenn man damit beginnt, dann fühlt sich das meist nicht so toll an, doch wenn man bei dieser Praxis bleibt, dann sagen die ungezählten Menschen, die das gemacht haben, dass man sich sehr viel besser fühlt. Das ist gewissermaßen Teil A davon. Teil B ist, dass wenn immer man irgendeine Krankheit oder ein Unwohlsein hat, wie beispielsweise Furcht oder Angst, dann sagt man mit dem Einatmen „möge ich all die Angst in mich aufnehmen“, und mit dem Ausatmen „möge ich die gesamte Welt der empfindenden Wesen davon befreien.“ Man sieht, wie sich das ereignet. In der eigenen Visualisierung wird dabei jedes empfindende Wesen der Welt konkret befreit, weil man diese Praxis macht. Diese Praxis geht außerordentlich tief. Es wird gesagt, dass einen diese Praxis sehr viel schneller – sagen wir – in die Nähe der Erleuchtung bringt als Vipassana. Es ist eine aufeinander bezogene Praxis. Es wird Austauschpraxis genannt, weil der Subjekt-Objekt Dualität dabei der Boden entzogen wird. Wir alle stecken in diesem Subjekt-Objekt Spiel fest. Das Wilber-Combs Raster ist übrigens eine Landkarte der Subjekte, in denen wir solange feststecken, bis wir sie zu Objekten [des Gewahrseins] gemacht haben. Jedes Mal, wenn man das macht, hilft man ganz konkret dabei mit die Welt zu befreien, ganz konkret.

DH: Die Frage, die sich dabei stellt ist: Bin ich – bist du – wirklich bereit, dies tu tun?  

Richard Munn erzählt von persönlichen schwierigen Erfahrungen.   

KW: Kannst du noch ein bisschen mehr darüber sagen – das ist ein Geigerzähler. Wo immer sich etwas Schlechtes, wie das was du schilderst, ereignet, ist das auch ein Hinweis auf etwas Gutes.

Richard beschreibt persönliche emotionale Erfahrungen, die er beim Betrachten eines Ghandi Films hatte.  

KW: Das, was du schilderst, hört sich nach einer Goldmine des Leidens an. Ich habe gerade ganz entsetzliche Erfahrungen während eines Krankenhausaufenthaltes machen müssen, ich weiß, wovon ich spreche, und ich weiß, wie viel Glück dort in dem Krankenhaus war. Ich weiß es, weil ich da war. Das ist etwas, wozu du auch in der Lage bist. Hier bietet sich wirklich die Arbeit mit Tonglen an. Wenn du damit beginnst, wie ich es gerade beschrieben habe, beispielsweise mit der Angst und Traurigkeit – das sind sehr wichtige Hinweise – ... Der Grund, warum Tonglen eine derart wirksame Technik ist, ist der, dass Tonglen (im Unterschied zu Vipassana) den Bezug zum Anderen herstellt. Bei Tonglen musst du selbst dich mit anderen Austauschen, ihre Rolle einnehmen, zum Anderen werden. Es reicht dabei nicht dir einfach bewusst zu werden, was du selbst für ein Arschloch bist [Lachen]. Wir haben [am Beginn unsere Gesprächs] über die Kraft des Selbst und die Kraft des Anderen gesprochen, und Tonglen ist eine der wenigen Praktiken, die beides macht. Du wirst dabei zum Anderen, und bist in einem Austausch. Dies geschieht speziell beim Ausatmen, und dem Verströmen all der Güte und Klarheit und dem Frieden und Verstehen an die Welt – und siehst du dann die Reaktion der Welt, dann ist das ganz konkret befreiend. Wir haben auch gerade über die Falle des einfachen Ortes gesprochen [A. d. Ü.: die darin besteht, das nur dasjenige für wirklich und wahr angesehen wird, was in der äußeren Welt lokalisiert ist] – es spielt überhaupt keine Rolle, wo [Bewusstseinsstrukturen wie] Rot, Bernstein und Orange lokalisiert sind, sie existieren, und jedes Mal, wenn man sich davon dis-identifiziert, jedes Mal, wenn man sie transzendiert und loslässt, dann leistet man einen großen Dienst. Dies verändert ganz konkret die Architektur und den Bewusstseinsschwerpunkt der Menschheit, und zwar ganz konkret. Selbst, wenn man das in der Vorstellung macht – die Vorstellung ist das, wo diese Dinge existieren, jedenfalls teilweise. Man kann von einer Goldmine des Unangenehmen sprechen [Lachen], ich wünsche das niemandem, doch so entsetzlich sich diese Erfahrungen auch anhören und anfühlen, man kann mit ihnen weiterkommen. Das ist ein Segen.

DH: Meine Aufgabe, als das weibliche Prinzip ist dabei, dich in diesen Schwierigkeiten zu halten, und Kens Aufgabe besteht darin, dich herauszufordern. Wir brauchen dich. 


Quelle: Online Journal 21