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29.4.2017 : 3:44 : +0200

Integrale Wirtschaft

IntegralLife.com/Michael Habecker

Inhalt

  • Einführung
  • Prolog
  • Die Aufgabenstellung
  • Die 4 Quadranten einer Wirtschaftsanalyse Entwicklung: Innerlich und Äußerlich
  • Vier Typen von Kapital
  • Von Fundamentalistisch zu „Sophisticated“
  • Wirtschaft und Psychodynamik

Einführung

Mit der Einrichtung von IntegralLife.com (IL) wurde unter der Leitung des Integral Institute Geschäftsführers Robb Smith mit seinen Worten „ein neues Kapitel“ aufgeschlagen.

Mit IL werden zum einen die unterschiedlichen Materialen (Texte, Video, Audio) der letzten Jahre auf bereits bestehenden Seiten des zum Integral Institute gehörenden Verbundes auf eine leicht zugängliche und grafisch ansprechende Weise aufbereitet und angeboten. Gleichzeitig wird laufend neues Material offeriert, was nicht notwendigerweise 1:1 mit Ken Wilber übereinstimmt, sich jedoch so weit an seiner Arbeit orientiert, dass er sich darin wiedererkennen würde. Dadurch kann zeitnah und aktuell zu den unterschiedlichsten Themen reagiert und Stellung bezogen werden, wie auch zur Finanz- und Wirtschaftskrise. Auf einer dieser Veröffentlichungen[1] vom November 2008 basiert der nun folgende Beitrag zum Thema Integrale Wirtschaft. Dabei wird der Versuch unternommen, einige der Aspekte der integralen Theorie und Praxis auf das Thema „Wirtschaft“ [economy] anzuwenden.

Dazu vorab ein paar allgemeine Hinweise

  1. Alle Zitatpassagen stammen, sofern nicht anders angegeben, aus der IntegralLife Präsentation.
  1. Integral informierte Texte erfordern eine andere, erweiterte Art des Lesen und Verstehens. Sie öffnen a) den Leser/die Leserin für neue Horizonte und Perspektiven, die weitgehend inhaltsleer sind (und daher viel Platz für neue Inhalte haben), Bereiche die bisher in einer Thematik wenig oder kaum Beachtung fanden, wie zum Beispiel die Themen Entwicklungsstufen und Psychodynamik bei der Betrachtung von Wirtschaft. Weiterhin b) wird der Leser oder die Hörerin immer wieder aufgefordert „psychoaktiv“ zu lesen, d. h. das präsentierte Material auf sich selbst anzuwenden, z. B. wenn von psychodynamischen Schattenaspekten die Rede ist, und so die Lektüre als eine Gelegenheit zu einer persönlichen Praxisübung zu betrachten. Neben den allgemeine Rahmenbeschreibungen des Integralen wird dieser Rahmen c) dann auch mit beispielhaften Inhalten ausgefüllt, die natürlich subjektiv vom Autor oder der Autorin geprägt sind, und es ist klar, dass die (wenigen) inhaltlichen Beispiele nur ein erster Geschmack und Einstieg in eine komplexe Thematik wie die des internationalen Wirtschaftsgeschehens sein können.
  1. Aus dem oben Gesagten folgt auch ein neuer Blick auf Worte und Begriffe, die unterschiedlich be- und geladen sind, mit persönlichen und kollektiven Bedeutungsinhalten. Hier ist Sorgfalt geboten. Bei Begriffen wie „liberal“ oder „konservativ“ beispielsweise ist es wichtig, sich von eigenen Assoziationen dazu zu lösen. Diese Begrifflichkeiten bekommen vor dem Hintergrund der integralen Perspektive eine möglicherweise andere, genauer definierte Bedeutung, die im Text erläutert wird. 

Dazu ein Beispiel:

 

Abb: liberal und liberal

 

In der linken Abbildung ist die eine liberale Orientierung wiedergegeben, wie sie einem klassischen europäischen Kontext entspricht. Dabei werden die Vorzüge (+) der Individualität und die Nachteile (-) der Kollektivität hervorgehoben. Die rechte Abbildung stellt die liberal Position der amerikanischen Democrats dar, bei der die Vorzüge (+) öffentlich-staatlicher Eingriffe als wesentliche politische Einflussmaßnahme hervorgehoben werden. Durch die Explizitmachung der unterschiedlichen perspektivischen Orientierung (bei Verwendung einer gleichen Begrifflichkeit) werden dieser Unterschiede deutlich, und man redet nicht mehr aneinander vorbei. Wenn der Begriff „liberal“ im Folgenden die Bedeutung a) in der Abb.: hat, wird er normal gesetzt, wenn der die Bedeutung b) hat, wird er kursiv gesetzt. Ähnliches gilt für den Begriff „Konservativ“, der eine Vielzahl von Bedeutungen haben kann. Wenn der Begriff kursiv gesetzt ist, repräsentiert er die Perspektiveinnahme der amerikanischen Republicans, wie sie im Text erläutert wird.

Prolog

Rückblick: Wintersemester 1972/73, ein Hörsaal in der Technischen Universität Berlin. Der Studiengang heißt Wirtschaftsingenieurwesen, und das heißt Betriebswirtschaftslehre, Volkswirtschaftlehre, Recht und Ingenieurwissenschaften. Das heißt konkret Prozesse, Strukturen, Abläufe, Zahlen, Daten, Diagramme; Prozesse, Strukturen, Abläufe, Zahlen, Daten, Diagramme; Prozesse, Strukturen, Abläufe, Zahlen, Daten, Diagramme ... ein Semester nach dem anderen. Eine absolute Dominanz der Es-Perspektive. Das wird gelehrt, gelernt, in den Prüfungen abgefragt, und dafür gibt es am Ende ein Diplom. Doch die Betriebswirtschaft, Volkswirtschaft und die Ingenieurwissenschaft als ein kulturelles Wir-Ereignis, mit Werten, Meinungen, Intentionen, bevölkert von empfindenden Wesen? Sie kommen im Verlauf des gesamten Studiums nicht im Lehrplan vor. Und der Student oder die Studentin als empfindendes und soziales Ich-Wesen? Auch er oder sie sind im Lehrplan des gesamten Studiums nicht vorgesehen.

Ausblick: Herbst 2008, ein Computer mit Internetanschluss. Auf IntegralLife.com wird eine E-Learning Präsentation zum Thema „Integral Economy“ angeboten. Innerhalb von 20 Minuten wird ein Überblick gegeben über das, was im Rahmen von Wirtschaft und Ökonomie als das Mindeste zu berücksichtigen ist, einschließlich äußerlicher, innerlicher, individueller und kollektiver Faktoren und deren Entwicklung. Es ist ein gleichermaßen befreites befreiendes Gefühl, bei dem Scheuklappen und thematische Tabus abgelegt werden können, für einen wirklichen, umfassenden und befriedigenden Zugang zu einem der bedeutendsten Themen des Menschseins: Wie wirtschaften wir miteinander, wie sorgen wir für einen Ausgleich von Geben und Nehmen, welche Bedürfnisse haben wir, und wie regeln wir unseren Austausch darüber miteinander?

Dabei ist klar, dass dies nur die allerersten Schritte in ein aufregendes und noch weitgehend unerforschtes Gebiet der Erkenntnis sein können. Die Vorarbeit dazu ist gemacht, jetzt geht es darum, alles was im Zusammenhang mit dem Waren- und Leistungsaustausch zwischen Menschen an Einflussfaktoren eine Rolle spielt und im Verlauf der Menschheitsgeschichte dazu an Erkenntnissen zusammengebracht wurde, auf den Tisch zu legen, mit der integralen Fragestellung: Wie passt das alles zusammen? 

Die Aufgabenstellung

Wie können wir unsere Perspektiven im Hinblick auf das Wirtschaftsgeschehen erweitern? Wie können wir das Niveau unserer Diskussion anheben und den fundamentalistischen Antagonismus des Gegeneinanders der Positionen überwinden? Wir können wir blinde Flecken und psychodynamische Schattenaspekte bei uns selbst und anderen erkennen, die unseren Blick auf das Wirtschaftsgeschehen trüben und damit auch die Qualität unserer Einschätzungen negativ beeinflussen? Vor dem Hintergrund der amerikanischen Situation, wo sich zwei große politische Lager, die Democrats und die Republicans weitgehend unintegriert gegenüberstehen, wird in der IL Präsentation der Antagonismus zwischen einer liberal Position, die meist von den Demokraten eingenommen wird, und einer conservative Position, wie sie typischerweise die Republikaner vertreten, ausgegangen[2].

„Die E-learning Präsentation bietet einen integralen Rahmen, der dabei helfen kann fundamentalistische Erklärungs- und Lösungsansätze für das Wirtschaftsgeschehen von deutlich anspruchsvolleren ökonomischen Ansätzen zu unterscheiden. Es wird gesagt, dass sich Wirtschaftspolitik [in den USA] oft im Spannungsfeld zwischen fundamental conservative und fundamental liberal Ansätzen bewegt. Um hier voranzukommen unternehmen wir im Teil 1 dieses Programms den Versuch, das allgemeine Niveau der Diskussion anzuheben, und die anspruchsvolleren conservative und liberal Ansätze zu berücksichtigen. Außerdem erstellen wir eine Quadrantenanalyse liberal und conservative wirtschaftlicher Weltanschauungen, formulieren einen integralen Ansatz für das Kapital, widmen uns der vorherrschenden Vermengung von anspruchvollen und fundamentalistischen Wirtschaftspolitiken und dem Einfluss von Schattendynamiken auf unsere kollektive Einstellung zu Wirtschaft und Ökonomie.“

 

Im Hinblick auf den deutschsprachigen Raum stellt sich die Ausgangssituation differenzierter dar, da es, zumindest in Deutschland, keine derartige politische Polarisierung zwischen nur zwei Parteien gibt. Die Aufgabenstellung bleibt jedoch die gleiche: Wie können wir innerhalb der bestehenden politischen Orientierungen und den Parteien eine trans-parteiliche Integration der Positionen erreichen? Wie können wir innerhalb der unterschiedlichen Parteien die mehr fundamentalistischen und absolutistischen Bestrebungen von den umfassenderen, differenzierteren und anspruchsvolleren unterscheiden? Wie können wir zu einem Ausgleich der Perspektiven, und damit auch den wechselseitigen Rechten und Pflichten gelangen, zwischen individuell/subjektiv, kollektiv/kulturell, und ökologisch/systemisch, d. h. zwischen Ich, Wir und Es? Die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise hat, neben vielen Problemen, auch ein Wahrnehmungsfenster geöffnet, mit der Chance für umfassendere Perspektiven auf unser Wirtschaftsgeschehen. Das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Fundamentalpositionen einerseits mit anspruchsvolleren Lösungen anderseits ist nirgendwo so klar zu verfolgen wie in diesen Zeiten. Gerade jetzt, wo ich dieses schreibe, läuft ein vorweihnachtlicher, fundamentalistisch ausgetragener Streit innerhalb der großen Koalition in Deutschland, wo die einen – absolutistisch – auf Steuersenkungen bestehen (um die Wirtschaft anzukurbeln), und die anderen das als „nicht finanzierbar“ bezeichnen, und den Vorwurf einer „Koalitionsspaltung“ erheben, was die andere Seite wiederum eine „Profilierungssucht“ konstatieren lässt, usw. usw.

„Wir leben in einer einzigartigen Zeit unserer Wirtschaftsgeschichte. Die amerikanische und die weltweite Wirtschaft leiden unter einer ernsthaften Finanzkrise. Analysten sprechen von der größten Erschütterung unseres Finanzsystems seit der ‚großen Depression’“. 

Wie können wir uns in diesem Wirrwarr der Meinungen, Positionen und Emotionen einen Überblick verschaffen?

„Die globale Finanzkrise ist eine unter mehreren Herausforderungen, denen wir uns heute gegenübersehen. Andere Herausforderungen sind die Einkommensunterschiede, die globale Umweltzerstörung durch unsere Wirtschaftsweise und die internationalen Handelskonflikte. Weiterhin geben immer mehr arbeitende Menschen ihrem Verlangen nach einer sinnerfüllten Arbeit Ausdruck. Diese Themen fordern uns auf, unsere ökonomischen Institutionen zu untersuchen und deren Bezug zur Welt zu betrachten.

Der integrale Ansatz lehrt uns, dass mit dem Offensichtlichwerden der Begrenzungen der existierenden sozialen Strukturen sich neue und wirkungsvolle Gelegenheiten für die Evolution unseres kollektiven Bewusstseins ergeben. Es gibt keine bessere Zeit als eine Krise, um die öffentliche Aufmerksamkeit und den politischen Willen für neue Lösungen hervorzubringen. Dies ist ein Balanceakt. Institutionen müssen die neuen Möglichkeiten ergreifen, die sich aus der Ausweitung unserer Informationstechnologie ergeben. Ebenso geht es darum, die Ausbeutung von Ressourcen zu erschweren und das Erzielen von nur kurzfristigen Ergebnissen einzuschränken. Dies alles muss geschehen, während wir gleichzeitig unseren Wohlstand besser verteilen, ohne jedoch dabei unsere bisher erreichte globale Entwicklung zu gefährden.

Ohne eine Landkarte, die es uns erlaubt diese komplexen Themen auf eine einfache Weise darzustellen, besteht die Gefahr, dass die Verwirrung und die enttäuschten Erwartungen, die mit diesen Problemen verbunden sind, unsere fundamentalistischen Tendenzen unterstützen, unabhängig davon, ob wir politisch conservativ oder liberal eingestellt sind.

Wir werden daher Ken Wilbers Integralen Ansatz verwenden, um einen integralen Rahmen für das Wirtschaftsgeschehen zu schaffen, den wir dann in den folgenden Abschnitten verwenden werden für eine eingehendere Analyse der globalen Finanzkrise. Wir beginnen mit der Untersuchung unterschiedlicher Komponenten des integralen Ansatzes, und zwar den Quadranten, der Entwicklungshöhe und dem Schatten. Wir werden untersuchen, wie diese Komponenten unser Verständnis von Wirtschaft, politischer Ökonomie und den Institutionen erweitern kann. Dieses E-Learning Programm bietet einen Weg, um mit diesen Themen umzugehen. Sein Ziel ist es, unseren öffentlichen Dialog anzuheben, von einem fundamentalistischen auf ein anspruchvolles Niveau. Wir bieten damit einen Ansatz für das Wirtschaftsgeschehen, der geeignet ist unsere antagonistischen und polarisierten Debatten zu heilen, die über jedes dieser Themen derzeit geführt werden. Wir hoffen, damit Mitglieder unserer Gemeinschaft zu ermutigen, zu einem besseren, nachhaltigeren, und daher auch bedeutungsvolleren persönlichem und gesellschaftlichem Wachstum beizutragen.“

 

Die 4 Quadranten einer Wirtschaftsanalyse

Die Analyse beginnt mit der Betrachtung von vier unterschiedlichen, wenn auch miteinander in Beziehung stehen Grundperspektiven des in-der-Welt-Seins, den 4 Quadranten.

Diese sind

Wenden wir diese 4 Blickwinkel und Perspektiven auf einen Menschen, z. B. auf uns selbst an, dann erhalten wir folgendes: 

OL[3] ist die idealistische Perspektive des Menschen, der Mensch als weitgehend autonomes Subjekt mit einer einzigartigen innerlichen Erfahrungswelt.

Ich innen: Wie erlebe ich mich gerade? Was fühle ich? Wie ist meine Einstellung zur Welt und was ist mir wichtig? Wer bin ICH? Aus und durch diese Perspektive wird alles erkenn- und erfahrbar, was die Subjektivität eines Menschen ausmacht  und ausmachen kann – von den niedrigsten bis zu den höchsten Gedanken, Gefühlen und Visionen. Wirtschaft wird aus dieser Perspektive heraus subjektiv betrachtet, und im Blickpunkt steht die Intentionalität der Menschen. 

OR ist die biologische Perspektive auf dem Menschen: der Mensch als konditioniertes, physiologisch-(kognitions)biologisches Wesen, mit beschreibbarem (und auch vorhersehbarem) Verhalten.

Ich außen: Wie sehe ich aus und wie verhalte ich mich von außen betrachtet? Welche Größe habe ich, welche Haarfarbe, welchen Blutdruck, welche Körpertemperatur? Welche messbaren Fähigkeiten habe ich? Wie gehe ich, rede ich, konsumiere ich, was kaufe ich ein, wie arbeite ich, welche Leistung kann ich erbringen usw.

UL: Der Mensch als Mitglied von Gemeinschaften, deren Hintergrundsstrukturen (wie Sprache und Werte) diesen Menschen weitestgehend bestimmen.

Meine Gemeinschaften: Wie sind die unterschiedlichen kulturellen Einflüsse meines privaten und beruflichen Umfelds? Welche "Familienreligion" habe ich als Sohn meiner Eltern und meiner Gesellschaft verinnerlicht, und wie sehr bin ich davon geprägt? Wie sieht mein kulturelles Erbe im Hinblick auf mein Wirtschaftsverständnis aus? Auf welcher kulturellen Grundlage wirtschaften wir miteinander?

UR: Der Mensch als Teil unterschiedlicher ökologischer und gesellschaftlicher (wirtschaftlicher und politischer) Systeme, die – „das materielle Sein bestimmt das Bewusstsein“ – diesen Menschen weitestgehend bestimmen.

Meine Systeme: In welchem Umfeld lebe ich, mit wem lebe ich zusammen? Wo bin ich geboren und aufgewachsen? Was mache ich beruflich mit wem für wen? Wie sieht mein persönliches Finanzsystem aus, mit Einnahmen und Ausgaben?

Welche Perspektive ist die richtige? Alle haben recht – oder unrecht, je nachdem. Für jede Perspektive gibt es gute wissenschaftliche Argumente, die Verabsolutierung einer Perspektive gegenüber den anderen führt jedoch zu, wie Wilber es nennt, Absolutismen, wie

OL: der Mensch ist ein freies und selbstbestimmtes Individuum.

OR: der Mensch ist ein physiologisch-biologisch konditionierter Verhaltensapparat. 

UL: der Mensch ist ein Produkt der Kultur, in der er lebt.

UR: der Mensch ist ein Teil des Systems, in dem er lebt, und wird von diesem System bestimmt.

Welche Perspektive ist für die Wirtschaftsbetrachtung wichtig? Alle Perspektiven sind wichtig und auch richtig. Nehmen wir das Beispiel Steuererhöhung. Eine Steuererhöhung wirkt sich OL intentional aus, sie führt zu innerlichen Reaktionen wie Ärger, Frust, Neid oder aber auch zu einem Gefühl der Solidarität mit denjenigen, denen die Mehreinnahmen zukommen. OR kann die Steuererhöhung zu unterschiedlichen Verhaltensänderungen führen, von Steuerhinterziehung und Auswandern bis zu einer korrekten Angabe der Einnahmen, die dann höher besteuert werden. Kulturell (UL) können Steuererhöhungen bei denjenigen, die zu den Empfängern einer Gemeinschaft gehören, zu einem Gefühl von Zugehörigkeit und Solidarität mit dem „Wir“ führen oder auch zu Frust, wie „das ist immer noch viel zu wenig, was ich bekomme“. Bei denen jedoch, die zu den Gebern gehören, und mehr an das Gemeinwesen abführen als daraus erhalten, kann eine Gefühl von „in diesem Land sind die Steuern zu hoch, und die Lasten ungerecht verteilt“ entstehen. Systemisch betrachtet (UR) sind Steuererhöhungen Umverteilungsmaßnahmen, die ein Gesellschaftssystem fiskalisch beeinflussen und Geldströme steuern.

Als ein weiteres Beispiel betrachten wir einen arbeitenden Menschen aus vier Perspektiven. (Die klassische Betriebswirtschaft betrachtet dabei fast ausschließlich nur die beiden rechtsseitigen Quadranten.)

Abb.: Perspektiven auf den (arbeitenden) Menschen (vergrößern)

 

Eine Betrachtung der Produktionsfaktoren[4] vor dem Hintergrund der vier Quadranten ergibt folgendes Bild:

  

Abb.:  Produktionsfaktoren (vier Quadranten) (vergrößern)

 

Entsprechend kann man sich auch mögliche Produktionshindernisse aus den vier Quadranten verdeutlichen und erhält daraus vier unterschiedliche Ansatzpunkte zur Produktivitätssteigerung, betriebswirtschaftlich und volkswirtschaftlich:

 

 

Abb.: Mögliche Hindernisse von Produktivität (vergrößern)

 

Bowen führt die Quadranten wie folgt ein:

„Wir sehen [beim Modell der 4 Quadranten] hier 2 Achsen, die 2 der grundlegendsten Unterscheidungen repräsentieren, die wir über die Wirklichkeit machen können. Individuell versus kollektiv, und innerlich versus äußerlich. Wenn wir diese Achsen zusammenbringen, dann erkennen wir vier sehr reale Dimensionen oder Bereiche menschlicher Erfahrungen, die wir in unserem integralen wirtschaftlichen Rahmen zu berücksichtigen haben. Wir können diese Bereiche zusammenfassen mit 

-       innerlich individuell (oben links)

-       äußerlich individuell (oben rechts)

-       innerlich kollektiv (unten links)

-       äußerlich kollektiv (unten rechts)

Eine ausgewogene Berücksichtigung und Behandlung dieser vier Dimensionen ist unglaublich wichtig. Viele polarisierte und unproduktive Wirtschaftsdebatten entstehen dadurch, dass die Beteiligten die Bedeutung einer dieser Dimensionen auf Kosten der anderen Dimensionen betonen. Wir werden die Quadranten verwenden um zu verstehen, worauf sich primär sowohl die conservative als auch die liberal Wirtschaftansichten konzentrieren. (Wenn sie noch nicht mit den Quadranten als einem Aspekt der integralen Landkarte vertraut sind, dann unterbrechen sie dieses E-Learning Programm bitte, und schauen sie sich den Abschnitt What are the Quadrants? an, als dem zweiten Teil des E-Learning Programms An Essential Introduction to the Integral Approach auf IntegralLife.com.)

Wir werden jetzt im weiteren Verlauf dieser Präsentation sowohl die negativen wie auch die positiven Aspekte eines jeden Quadranten untersuchen. Es wird dabei deutlich werden, dass conservative Befürworter eines freien Marktes die negativen Aspekte des unteren rechten Quadranten betonen, gegenüber den positiven Aspekten aller anderen Quadranten. Liberal Befürworter von staatlichen Eingriffen hingegen haben eine genau gegensätzliche Sichtweise. Sie betonen die positiven Aspekte des unteren rechten Quadranten, gegenüber den negativen Aspekten aller anderen Quadranten.“

Bevor wir den Darlegungen von Kevin Bowman weiter folgen, verdeutlichen wir uns, was diese unterschiedlichen Perspektiven uns über unserer Art Wirtschaft zu sehen und Wirtschaftspolitik zu machen sagen können. Wie schon im Zusammenhang mit dem Thema „Integrale Politik“ erläutert, sind wir Menschen perspektivische Wesen, und sehen die Welt (von der Entwicklungsebene aus, auf der wir uns befinden, dazu später), perspektivisch. Dabei können wir uns auf bestimmte Quadranten/Perspektiven konzentrieren und andere ausblenden, und wir können, als einer einfachen Unterscheidung, bestimmten Perspektiven grundsätzlich positiv oder negativ gegenüber eingestellt sein. Allein daraus ergeben sich bereits eine Vielzahl unterschiedlicher Orientierungen, die sich alle in der konkreten wirtschaftspolitischen Diskussionen wiederfinden.

Dazu ein paar Beispiele:

Individuell versus kollektiv

Abb.: die individuelle Perspektive

Eine (wirtschafts-)politische Orientierung, welche die positiven Seiten des Individuums und der Individualität sieht, (und die kollektive Seiten des Menschsein gar nicht oder eher negativ sieht), vertraut auf die Intentionalität, Ideen, und die Kreativität (linkerer oberer Quadrant) und Schaffenskraft (rechter oberer Quadrant) von Einzelnen. „Gebt den Leuten die Möglichkeiten, etwas aus ihrem Leben zu machen, und sie werden es tun, jeder ist seines Glückes Schmied (was dann auch das Gemeinwohl stärkt).“ Eine derartige Politik entspricht der klassischen europäischen Vorstellung von Liberalität. Eine Wirtschaftspolitik dieser Prägung plädiert für „mehr individuelle Freiheiten“, „Privatisierung“, „Deregulierung“, „Bürokratieabbau“, „Gewerbefreiheit“ und „freien Handel“, „geringe Steuern“ und ein Minimum an „staatlichen Regulierungen“. Sie vertraut auf das Gute im Menschen (und neigt dazu, das weniger Gute zu übersehen). Diese Politik ist darum bemüht, die „Grenzen des Staates“ aufzuzeigen, und individuelle Freiheiten zu verteidigen.

 

Abb.: die kollektive Perspektive

 

Genau anders herum ist die Betrachtungsweise (und auch die daraus resultierende Wirtschaftspolitik), wenn die positiven Seiten des Kulturellen und Sozialen betont werden, (und die individuelle Seite des Menschseins gar nicht oder eher negativ gesehen wird). Eine derartige Politik vertraut auf das Kollektive, mit den zwei Seiten des „Wir“ (linker unterer Quadrant) und des Systems (rechter unterer Quadrant). „Dem Einzelnen ist, wenn man ihn sich selbst überlässt, nicht zu trauen, er oder sie neigt zu Eigennutz, Gier, Egoismus usw., und daher brauchen wir das Kollektiv, welches für mehr Mitmenschlichkeit, Umverteilung, Solidarität und Gerechtigkeit untereinander sorgt.“ Eine derartige Politik könnte man mit dem Sammelbegriff „sozial“ beschreiben. Eine „soziale“ Wirtschaftspolitik plädiert für „mehr Staat und Gemeinsinn“, „Sozialisierung“ und „Regulierung“. Die „öffentliche Hand“, die als hilfreich und notwendig erachtet wird, muss dabei „mehr Geld in die Hand nehmen“, um „den Wohlstand besser zu verteilen“, „soziale Verwerfungen zu beseitigen“ und „für mehr soziale Gerechtigkeit zu sorgen“. Diese Politik vertraut auf das Gute im Wir und im System (und neigt dazu, das weniger Gute dabei zu übersehen). 

Innerlich versus äußerlich

Abb.: die innerliche Perspektive

 

Werden die linksseitigen Quadranten „gesehen“ und betont (und die rechtsseitigen vernachlässigt oder eher negativ gesehen), entsteht eine Orientierung, die zwar das Bewusstseinsmäßige, Intentionale und Kulturelle zu würdigen weiß, die jedoch dazu neigt die äußerlichen Lebensaspekte zu ignorieren. Probleme und Lösungen entstehen bei dieser Weltsicht von innen, und nicht von außen. Schwerpunkt dieser Politiken sind Werte, Intentionalität und Fragen nach Sinn und Bedeutung allen Wirtschaftens. Staatliches Handeln wird hier weniger in konkreten gesetzgeberischen oder finanziellen Maßnahmen gesehen, sondern in einer Vorbildfunktion der Verantwortlichen, die dann als ein gutes Beispiel für ein bewussteres und besseres Gemeinwohl dienen. Diese Perspektive erfragt bei sich und anderen die Absichten und Bewusstseinshintergründe, aus denen heraus wirtschaftliches Handeln getätigt wird. Probleme und Lösungen liegen im Geist, was oft zu einer „idealistischen“ oder „philosophischen“ Sichtweise führt, die zu Untätigkeit neigen kann.

Abb.: die äußerliche Perspektive

Genau umgekehrt zur innerlichen und geistigen Sichtweise steht die Perspektive auf das Äußerliche der Dinge, die materialistische Betrachtungsweise, und beide Weltanschauungen[5] stehen sich oft unversöhnlich gegenüber[6]. Hier wird weniger nach Sinn und Geist gefragt (auch wenn natürlich auch die materialistischen Perspektive einen geistigen Hintergrund hat), sondern die realen (persönlichen, politischen und sozialen) Verhältnisse sind Ausgangspunkt der Betrachtungen und Lösungen. Politiken aus dieser Perspektive sind pragmatisch, funktional, verhaltensorientiert und systemisch. Was zählt sind „harte“ Daten und Fakten. Oft treten dabei „Macher“ auf, welche „die Ärmel aufkrempeln“. Die Ursache für Missstände wird in den äußeren Umständen gesehen und weniger im Innern der Menschen. Wirtschaftswachstum ist dabei z. B. grundsätzlich positiv, ein typisches Beispiel dafür ist die Fixierung auf das Bruttosozialprodukt und seine Steigerung von Jahr zu Jahr in der öffentlichen Diskussion, doch wodurch und auf welcher ethischen Grundlage dieses Wirtschaftswachstum entstanden ist, steht erst einmal nicht im Vordergrund. Blinder Aktionismus (blind für die innerliche Dimension von Aktionen) kann eine negative Begleiterscheinung dieser Perspektive sein. 

Aus diesen wenigen Beispielen wird erkennbar, wie wichtig es ist alle diese Perspektiven und deren Kombinationen und Wechselwirkung miteinander zu erkennen und würdigen, ohne eine davon jedoch zu verabsolutieren, und wie anders eine öffentliche wirtschaftspolitische Diskussion laufen würden, wenn dies geschähe.

Der Beitrag von Kevin Bowman untersucht zwei spezielle Perspektivkombinationen, die der Republikaner (conservativ) und die der Demokraten (liberal)[7], und zwar wie folgt: 

 

Abb.: Conservative Perspektive     Abb.: Liberal Perspektive  

Bowman wendet sich zuerst unter der Überschrift „Die Befürwortung freier Märkte“ den conservative zu, die staatliche Eingriffe in den Markt grundsätzlich negativ sehen und auf das „freie Spiel“ eines freien Marktes mit freien Marktteilnehmern vertrauen. 

„In diesem Teil der Präsentation verwenden wir die vier Quadranten als eine Grundlage zur Analyse einer conservative Haltung gegenüber der Wirtschaft, mit der Betonung der negativen Merkmale des unteren rechten Quadranten und der positiven Merkmale der anderen drei Quadranten. Die Befürworter freier Märkte betonen den Wert der Verfolgung privater, individueller Interessen und Ziele, wonach Ressourcen effizient verteilt werden, was zu sozialem Wohlstand beiträgt. Dies wurde erstmals 1776 von Adam Smith als ‚die unsichtbare Hand’ beschrieben[8]. Dies kann geschehen, weil in freien Märkten Kosten durch private Anbieter internalisiert [d. h. von diesen selbst übernommen] werden, und der Nutzen von privaten Käufern internalisiert wird [sie haben den Nutzen selbst]. Ressourcen werden dem privaten Bereich zugeführt, so dass ein privates Kosten/Nutzen Maximum erreicht wird, was zu einer effizienten Ressourcenverteilung führt. Der Profitanreiz ermutigt zu Kostenreduktionen und der Schaffung neuer Produkte für die Bedürfnisse potentieller Käufer. Adam Smith gab damit eine Antwort auf die negativen Konsequenzen einer wirtschaftlichen Überregulierung durch den Staat während des Merkantilismus[9], einer Zeitepoche die gekennzeichnet war durch die staatliche Unterstützung von Monopolen und hohe Importzölle. Smith Überlegungen entstanden nicht in einem Vakuum, sondern bezogen sich auf das Ausmaß staatlicher Eingriffe seiner Zeit. Heute erkennen wir die negativen Konsequenzen überzogener staatliche Eingriffe als einen Fehler, mit miteinander konkurrierenden unterschiedlichen Interessen, Ausgabenkampagnen, politischem „eine Hand wäscht die andere“ [logrolling] Prinzip und dem Eintausch von Wählerstimmen für politisch motivierte finanzielle Ausgaben, die lediglich speziellen Interessen dienen [Pork-Barrel Spending]. Derartige öffentliche Ausgaben verursachen allgemeine Kosten, die den allgemeinen Nutzen übersteigen.“

 

Abb: Conservative Perspektiven auf das Wirtschaftsgeschehen (vergrößern)

„Da ein effizientes Management im öffentlichen Bereich nicht durch ein höheres Gehalt belohnt wird wie im privaten Businesssektor, sind Regierungen eher ineffiziente Budgetverwalter. Ein weiteres negatives Ergebnis einer Fehlverteilung von Ressourcen bei dem Versuch, Marktprobleme zu lösen ohne eine Betrachtung der ökonomischen Konsequenzen, ist ein sich anbiedernder Populismus. (Wir werden dies später am Beispiel von Preisregulierungen aufzeigen). Conservative betonen, dass private, nicht regulierte Märkte zu einer Bildung von allgemein vorteilhaft ökonomisch Handelnden und Firmen führt. Nach Ronald Coase, einem britischen Ökonomen und Professor der Universität von Chicago, schaffen Firmen Organisationsstrukturen um selbst Produkte zu erzeugen, wenn dies für sie günstiger ist, als die Produkte an externen Märkten zu beschaffen. Diese auf freiwilliger Grundlage geschehende Bildung von Firmen und die daraus resultierenden Handlungen führen zu einer „schöpferischen Zerstörung“, ein Begriff, der von Joseph Schumpeter, einem österreichischen Ökonomen, geprägt wurde, der das populäre Buch Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie geschrieben hat. Seiner Ansicht nach entstehen durch neue Produkte und kostenreduzierende Abläufe vorübergehende Profite, die wiederum zu neuen Formen von Wohlstand führen. Durch die neuen Profitmöglichkeiten werden zusätzliche Anbieter angeregt zu produzieren, was zu einem Rückgang der Preise und Profite führt, was wiederum dafür sorgt, dass der Nutzen dieser Innovationen auch bei den Konsumenten ankommt. Fortschritte und neue Verfahren lassen die alten Verfahren weniger profitabel werden. Der Vorgang der „schöpferischen Zerstörung“ wurde durch die „trickle down economics[10]“ von Ronald Reagan angewandt. Eine weniger progressive Steuerbelastung wurde teilweise dadurch gerechtfertigt, dass die Armen letztendlich vom Reichtum der Reichen profitieren, und der allgemeine Wohlstand dadurch steigt. Insgesamt ist es offensichtlich, dass freie Märkte die Tendenz haben, eine unüberschaubare Anzahl von Inputs und Outputs effizient zu verteilen zur Befriedigung der unterschiedlichen Bedürfnisse der Menschen. Vor der Hintergrund der extremen Komplexität der Ökonomie gibt es wenig Zweifel daran, dass wir uns die Kraft freier Märkte weiterhin zunutze machen müssen.“  

Was es an Positivem (weil Richtigem) dieser Sichtweise zu bewahren gilt, ist die positive Betonung von Individualität, persönlicher Freiheit und Verantwortung sowie die Berücksichtigung der innerlichen Dimension des menschlichen Daseins. Die negativen Seiten dieser Betrachtungsweise werden deutlich, wenn wir uns die klassische Haltung der amerikanischen democrats anschauen, die der Haltung der conservatives genau entgegengesetzt ist.

Dies tut Bowman unter der Überschrift Die Befürwortung staatlicher Eingriffe

„Die vorherrschende [mainstream] ökonomische Theorie anerkennt Marktversagen wie Informationsasymmetrien, Externalitäten[11], Abstimmungsversagen und die Unfähigkeit, öffentliche Güter bereitzustellen. Vor dem Hintergrund dieser Versagensmöglichkeiten des Marktes betrachten wir jetzt durch die 4 Quadranten die liberale Position einer Befürwortung staatlicher Interventionen. Bei dieser Diskussion erinnern wir uns daran, dass liberals sich auf die positiven Aspekte des unteren rechten Quadranten konzentrieren und auf die negativen Aspekte in allen anderen Quadranten.“

 

Abb.: liberals unterstützen staatliche Eingriffe und Regulierungen

„Umweltverschmutzung ist ein Beispiel für negative Externalitäten der Marktteilnehmer. Die Kosten der Umweltverschmutzung werden weder von den Konsumenten noch von den Herstellern von Gütern getragen, welche die Umweltverschmutzung verursachen, diese Kosten werden gegenüber dem Markt ‚externalisiert’. Diese Effekte beeinflussen auf eine negative Weise externe Individuen (oberer rechter Quadrant). Anders gesagt: Die externen Kosten von Markttransaktionen müssen auf eine negative Weise durch Unbeteiligte ‚internalisiert’ werden. Daher braucht es eine kollektive Lösung für das Problem externer Kosten von Markttransaktionen. Der Ökonom Arthur Pigou[12] war der erste, der eine Lösung unter dem Einsatz ausgleichender Steuern und Subventionen vorschlug. Die Besteuerung von Verschmutzung und die Subventionierung von sauberen Alternativen sind eine gesellschaftliche Reaktion, die dafür sorgt, dass die Kosten für Umweltverschmutzung gegenüber Konsumenten und Herstellern internalisiert werden, da diese nun ein Interesse daran haben, weniger verschmutzende Produktionsmethoden zu verwenden bzw. weniger umweltschädliche Produkte zu konsumieren. Dies ist ein Beispiel für korrigierende staatliche Methoden und Eingriffe, die durch das Marktversagen gerechtfertigt sind.

Universitäre Grundlagenforschung ohne absehbare kommerzielle Anwendungen, so wie auch infrastrukturelle Einrichtungen wie Häfen und Strassen sind Beispiele für Güter, die durch private Märkte nicht zur Verfügung gestellt werden können. Diese Güter werden öffentliche Güter genannt, und ihre Herstellung erfordert staatliche Eingriffe. Ohne gesunde staatliche Eingriffe zur Korrektur von Marktversagen können Wirtschaften mit freien Märkten sich nicht nachhaltig entwickeln. Jede Stufe und Unterstufe ökonomischer Entwicklung erfordert auch neue öffentliche Investitionen. Unterbleiben diese Investitionen, werden sich auch die privaten Investitionen nicht erfolgreich entwickeln können. Liberals tendieren dazu, die Organisation der Märkte unter strengeren Kriterien zu betrachten als conservative. Seilschaften [good old boy networks] werden als diskriminierend betrachtet gegenüber ethnischen Minderheiten, Frauen, und Homosexuellen, wenn es darum geht einen Job zu bekommen. Bei großen Firmen wird angenommen, dass sie ihre monopolistische oder oligopolistische Macht ausüben, um höhere Preise zu erzielen, als sie bei einem funktionierenden Wettbewerb erzielen würden. Andere Gesichtspunkt jedoch sprechen für große Unternehmen. Sie können durch eine größere Produktion geringere Stückkosten erzielen, und daher ihre Produkte auch zu geringeren Preisen anbieten. Die liberal Perspektive sieht bei großen Unternehmen die Tendenz, neuen Marktteilnehmer das Leben schwer zu machen und deren Preise zu unterbieten, um dann, nachdem der Wettbewerber vom Markt verschwunden ist, die Preise wieder zu erhöhen. Oder es wird unterstellt, dass Arbeit und Umwelt ausgebeutet werden, um kurzfristigen Profit zu erzielen[13].

Die Ausbeutung natürlicher Ressourcen ist ein weiteres Beispiel für eine negative Externalität, die eine staatliche Intervention zur Internalisierung dieser Kosten hervorruft. Wenn Arbeitsmärkte nicht dem Wettbewerb unterliegen, und wenn es z. B. nicht ausreichend Informationen über die Gesundheitsrisiken an einem Arbeitsplatz gibt, besteht für Firmen kein Anlass, die Arbeitssicherheit zu verbessern. Hier ist die Regierung aufgerufen, allgemeine Sicherheitsstandards zu verlangen. Da die Befürworter von staatlichen Eingriffen die positiven Aspekte des unteren rechten Quadranten hervorheben, versuchen sie positive Effekte zu erzielen, die durch freie Märkte nicht entstehen würden und negative Effekte durch freie Märkte zu verhindern.

Ausgaben für Erziehung und Bildung sind ein wichtiges Beispiel für eine positive Externalisierung, welche eine Regierung durchführen sollte. Befürworter freier Märkte sind staatlichen Eingriffen gegenüber eher misstrauisch, und sie vertrauen auf und unterstützen die positiven Effekte, die durch eine freiwillige Marktteilnahme entstehen, wie bei der bereits erwähnten trickle down Ökonomie.“

Abb: Liberal Perspektiven auf das Wirtschaftsgeschehen (vergrößern)

Nach diesem Einstieg in die Betrachtung der perspektivischen Wahrnehmung (auch) im Hinblick auf das Wirtschaftsgeschehen wendet sich Bowen dann dem wichtigen Aspekt von Entwicklung und Entwicklungshöhe zu. Nach der Vorstellung eines 5-Stufenmodells, welches er am Beispiel des „Kapitals“ in einen Zusammenhang mit den Quadranten stellt, vereinfacht er das Entwicklungsspektrum zu einer niedriger/ höher Dualität. Niedriger steht dabei für eine absolutistische und fundamentalistische Entwicklungsstufe, mit entsprechend einseitigen Ansichten, höher steht für eine, wie Bowen es nennt, „sophisticated“ Ansicht, die in der Lage ist nicht nur die eigene Perspektive zu sehen, sondern auch die Perspektiven anderer, und der es daher möglich ist zu differenzierteren, anspruchsvolleren und besseren Problemanalysen und Lösungen zu kommen. Bowen holt damit die Menschen hinsichtlich ihrer perspektivischen Orientierung dort ab, wo sie sich gerade befinden, und ermuntert sie zu einer Perspektiverweiterung, was wiederum Entwicklung und Wachstum bedeutet.

Entwicklung: Innerlich und Äußerlich 

Ein Aspekt, der in den meisten Erörterungen im Zusammenhang mit Ökonomie und Wirtschaft fehlt, ist der Aspekt der individuellen und kulturellen inneren Entwicklung. Wenn von Entwicklung im Zusammenhang mit Wirtschaft die Rede ist, dann geht es meist um strukturell-organisatorische Entwicklung oder um eine Entwicklung von dritter Welt zu zweiter Welt zu erster Welt, womit meist Wirtschaftswachstum und Technologieentwicklung gemeint sind. Entwicklung ist jedoch weit mehr. Je nachdem, welches Modell einer Entwicklung man zugrunde legt, erhält man eine Ebenenunterscheidung zwischen 3 bis 12 oder noch mehr Entwicklungsebenen, von denen jede ihre eigenen spezifischen Merkmale hat. Im Hinblick auf das Thema Wirtschaft sind dies Merkmale wie:

OL: individuelle Intentionen, Wünsche, Werte, Motivationen, Bedürfnisse, Ideen, Vorstellungen, Ideale

OR: Fähigkeiten, Verhalten (Konsum, Produktion)

UL: kollektive Intentionen, Wünsche, Werte, Motivationen, Bedürfnisse, Ideen, Vorstellungen, Ideale

UR: Organisation, Technik, Produktionsmittel, Märkte, Gesetze

Auf jeder Ebene findet gewissermaßen eine eigene Ökonomie statt, mit den Gesetzmäßigkeiten und Regeln dieser Ebene. Um diese jedoch zu verstehen, müssen die Entwicklungsebenen verstanden werden[15].

Bowman führt dazu ein Modell von Gerhard Lenski[16] an: 

„Das nächste wichtige Merkmal eines integralen Ansatzes, das wir für eine ökonomische Analyse brauchen, ist das der Entwicklungshöhe bzw. der Entwicklungsebenen. Dieser Faktor wird von Ökonomen allgemein kaum berücksichtigt. Im Verlaufe der Menschheitsgeschichte hat sich die Entwicklung durch vier große ökonomische Hauptstufen hindurch entwickelt. Der Soziologe Gerhard Lenski hat diese Stufen benannt mit Jagen und Sammeln, Gartenbau, Ackerbau und Industriell, und heute erleben wie die Emergenz einer weiteren Stufe, die des Informationszeitalters.

Informationell

Industriell

Ackerbau

Gartenbau

Jagen und Sammeln

Abb.: Fünf Hauptebenen sozio-ökonomischer Entwicklung

Praktizierende Ökonomen, (und nicht notwendigerweise führende Wirtschaftstheoretiker) sehen Entwicklung tendenziell als nur einen Bewegungsschritt, und zwar von traditionellen Ackerbaugesellschaften zu entwickelten Industriegesellschaften. Um uns das zu veranschaulichen, betrachten wir den Konsens unser internationalen Entwicklungseinrichtungen während der zurückliegenden 50 Jahre. Dieser kann zusammengefasst werden als die Etablierung privater Eigentumsrechte und freier Märkte, um so Investitionen in eine Schwerindustrie zu ermöglichen, die eine Entwicklung hin zu einer industriellen Entwicklungsstufe ermöglicht. Dies ist eine erstaunlich eindimensionale und verkürzte Ansicht von dem, was Entwicklung ist, worauf der integrale Ansatz hinweist.

 

Abb.: Innerlich und Äußerlich (vergrößern)

„Die ersten formalen ökonomischen Wachstumsmodelle aus den 40er und 50er Jahren gingen davon aus, dass Firmen lediglich zwei Inputs hätten, die sie einsetzen könnten. Der erste Faktor war undifferenzierte Arbeit, und der zweite physisches Kapital, wie Anlagen und Ausrüstungen. Investitionen waren nur für Anlagen vorgesehen, und nicht für die Arbeiter. Die einzige Voraussetzung für einen Anreiz in die Investition von Anlagen und Maschinen war die des privaten Eigentums. Dies lässt die positiven Aspekten der innerlichen Quadranten völlig unberücksichtigt. Ökonomen betrachten überwiegend nur das Äußerliche von Individuen, ihre körperlichen Eigenschaften und ihr Verhalten. Ebenso konzentrieren sie sich auf das Äußerliche von Wirtschaftssystemen, wie die Gebäude und Anlagen. Weil die innere Entwicklung von Menschen nicht verstanden wird, werden auch die Entwicklungsebenen der äußeren Inputs nicht verstanden. Es wurden die Privatrechte als die Voraussetzung dafür gesehen, dass Menschen Anreize haben, in Maschinen und Anlagen zu investieren, um so auch zu mehr und zu produktiverer Arbeit zu kommen.“ 

Am Beispiel  des Begriffs „Kapital“ erläutert Bowman, wie ökonomische Standardbegriffe durch eine integrale Betrachtung neu gesehen werden können. 

Vier Typen von Kapital

Dabei betrachtet Bowman Kapital durch die vier Hauptperspektiven (Quadranten), und gelangt so zu vier Typen von Kapital (K.), die er jeweils mit den vorgestellten 5 Entwicklungsstufen kombiniert:                                               

Abb: Vier Typen von Kapital (vergrößern)

„Die vier Typen von Kapital entsprechen den 4 Quadranten. Auch wenn der Faktor des ‚Humankapitals’ mittlerweile in die Theorien und Modelle des Wirtschaftswachstums mit aufgenommen wurden, erkennen die Ökonomen im allgemeinen noch nicht, dass die innerlichen Entwicklungsstufen des oberen linken Quadranten für eine erfolgreiche Entwicklung wichtig sind. Stattdessen messen sie das Humankapital in Ausbildungsjahren, einem einzigen äußeren Einflussfaktor neben vielen anderen, der die innere Entwicklung beeinflusst. Wir können uns jede der vier Kapitaltypen klarmachen, indem wir eine einfache, 5 stufiger Entwicklungsabfolge für jeden Kapitaltyp betrachten, und dabei zwischen innerlich individueller, und äußerer kollektiver Entwicklung unterscheiden. Dabei wird deutlich, dass die Entwicklung hin zur industriellen Entwicklungsstufe für den einzelnen Arbeiter bereits die Bewältigung von 3 Entwicklungsstufen der Bewusstseinsentwicklung bedeutet (oberer linker Quadrant), und 3 Entwicklungsstufen des eigenen Verhaltens (oberer rechter Quadrant). Für die Kultur bedeutet dies ebenso die Entwicklung durch drei Stufen innerlich kollektiver Entwicklung, um zu industriellen Produktionsweisen zu gelangen.

Eine integrale Sichtweise des Humankapitals enthält zwei Komponenten. Zum einen innerlich-individuelles „Bewusstseinskapital“, und äußerlich individuelles „Verhaltenskapital“, repräsentiert durch die physiologischen Entwicklungsstufen des oberen rechten Quadranten, die ihrerseits die zunehmende psychologische Entwicklung (oben links) unterstützen. Bildung ist eine wichtige Investition für die Weiterentwicklung des Humankapitals. Die Weiterentwicklung eines Menschen durch Bildung überträgt sich auch auf die Gesellschaft als Ganzes, was zu besseren Mitbürgern und Mitarbeitern führt, doch Bildung ist ein typisches Produkt, welches aus freien Märkten allein heraus nicht in dem benötigten Umfang angeboten werden würde. Dieses Marktversagen führt dazu, dass der Bereich Bildung und Erziehung zu kurz kommt, wenn er ausschließlich dem privaten Bereich überlassen wird.“

Die Quadranten geben uns die zu berücksichtigen Dimensionen einer Wirtschaftsbetrachtung, und die Entwicklungsebenen machen uns klar, dass vieles von dem, was sich in den Quadranten ereignet eine Entwicklungsgeschichte hat und sich weiter entwickelt, und dass wir es hier auch mit einer hierarchischen Ordnung zu tun haben, die uns erst erlaubt Unterscheidungen zwischen höher und niedriger, besser und schlechter, gerechter und ungerechter, und angemessener und unangemessener zu machen.

Von Fundamentalistisch zu „Sophisticated“

In den meisten demokratisch verpflichteten Parteien finden wir Vertreter der unterschiedlichen Entwicklungsebenen, von ziemlich fundamentalistisch bis zu ziemlich integral[17]. Diese Erkenntnis hilft, sich von Vorurteilen zu verabschieden und bestimmte politische Richtungen nicht allein deshalb aus dem eigenen Bewusstsein auszublenden, nur weil einem „die ganze Richtung“ nicht passt. Alle politischen Orientierungen - von liberal zu sozial zu ökologisch zu ökonomisch - haben, wie wir gesehen haben, uns etwas Bedeutendes zu sagen, weil sie alle eine bestimmte Perspektive einnehmen, auf die wir nicht verzichten können. Worauf es jedoch ankommt ist, diese Perspektive aus einer höchstmöglichen Entwicklungsebene einzunehmen, weil nur dadurch auch andere Perspektiven berücksichtigt werden können, und so bestmögliche Problemanalysen und auch Lösungen entstehen.

In diesem Abschnitt unternimmt Bowen den Versuch, die sowohl fundamentalistischen wie auch anspruchvollen politischen Orientierungen aus den beiden großen Lagern der amerikanischen Republikaner und Demokraten voneinander zu unterscheiden. Bowen sieht in den fundamentalistischen Wirtschaftspolitiken der unterschiedlichen politischen Lager einen der Hauptgründe für die derzeitige Finanz- und Wirtschaftskrise. 

„Eine sehr einfache Anwendung der Vorstellung von Entwicklungshöhe auf Wirtschaft und Ökonomie ist die der Dualität von höher und niedriger. „Höher“ steht für eine anspruchvolle Sichtweise und ein tieferes Verständnis, wohingegen „niedriger“ für mehr fundamentalistische Vorstellungen steht. Wie die Abbildung zeigt, gibt es fundamentalistische als auch anspruchsvolle Vorstellungen sowohl bei den conservatives wie auch bei den liberals.“  

Abb.: Anspruchsvoll und Fundamentalistisch (vergrößern)

„Auch wenn dies auf den ersten Blick wie die Quadranten aussieht, so stehen die Begriffe ‚Fundamentalistisch’ und ‚Anspruchsvoll’ für eine Entwicklungsspanne, und nicht für das Individuelle oder das Kollektive. Polarisierte und extreme Ansichten finden sich häufig in den allgemeinen wirtschaftspolitischen Debatten. Eine fundamentalistische conservative Weltsicht argumentiert grundsätzlich vehement für den Wert freier Märkte und gegen staatliche Eingriffe. Die fundamentalistische liberal Position vertritt genau das Gegenteil. Was wir hier jedoch gezeigt haben ist, dass die Frage staatlicher Eingriffe sich auf einer Wirtschaftstheorie gründen sollte, und auf der Basis einer ausgewogenen Untersuchung des Themas, um das es geht, stattfinden sollte [und nicht auf Basis einer fundamentalistischen Allgemeinposition]. Zusätzlich zu einer theoretischen Begründung für staatliche Eingriffe sind auch praktische Gesichtspunkte wie die einer gesunden Förderung des Allgemeinwohls anstatt einer Politik auf Kosten anderer zu berücksichtigen.“ 

Bowen erläutert dies am Beispiel von Milch, einem Beispiel, welches sich vor einigen Monaten in Deutschland mit den Argumentationen, die Bowen aufführt, abgespielt hat. Dabei ging es den Bauern als Erzeuger darum, „faire“ (=höhere) Preise für ihre Milch zu bekommen[18].

„Betrachten wir dies am einfachen Beispiel einer populistischen Maßnahme, welche die Dinge meist verschlimmert. Eine arme Familie kann sich keine Milch leisten. Die Regierung greift ein, und setzt den Preis für Milch gesetzlich fest, zu 50% unterhalb des Marktpreises. Dadurch wird weniger Milch produziert, was zur Verknappung der Milch führt. Ein anderer Weg wäre, den Milchpreis oberhalb des Marktpreises festzulegen, um so die Herstellung von Milch zu ‚belohnen’. Dadurch wird Geld von den Verbrauchern zu den Farmern transferiert, was insgesamt zu gesellschaftlich höheren Kosten führt, da der höhere Milchpreis den Konsum anderer Güter reduziert, bei denen der gesellschaftliche Gesamtnutzen höher wäre als die gesellschaftlichen Kosten.

Eine bessere Unterstützung armer Gesellschaftsgruppen sind bessere (Aus)bildungs- und Umschulungsmöglichkeiten, was auch durch die ökonomische Theorie bestätigt wird. Eine progressivere Besteuerung kann zum Einsatz kommen, die den Wohlhabenderen gleiche Lasten auferlegen wie den Armen.

Wir können daher sagen, dass staatliche Preisfestlegungen für eine fundamentalistische liberal Wirtschaftsposition stehen, wohingegen der conservative-fundamentalistische Standpunkt darin besteht, sich jeglicher weiterer Besteuerung zu widersetzen, was es schwierig macht, anspruchsvolle Programme zu finanzieren.

Wenn wir im Teil 2 dieses Programms die globale Finanzkrise untersuchen werden, werden wir erkennen, dass diese Krise sowohl durch fundamentalistische conservative wie auch fundamentalistische liberal Wirtschaftspolitik mitverursacht wurde. Es gibt bisher kaum jemanden, der beides kritisiert, da die Vertreter dieser Position jeweils fest in ihrem „Lager“ stehen, und daher werden wir im folgenden Abschnitt dieser Präsentation uns kurz mit den psychologischen Aspekten des Fundamentalismus beschäftigen.“ 

Wirtschaft und Psychodynamik

Von Ludwig Erhard, dem „Vater des deutschen Wirtschaftswunders“, ist die Aussage überliefert „Wirtschaft ist zur Hälfte Psychologie!“. Bezogen auf die zwei linksseitigen Quadranten können wir dies erweitern zu der Aussage „Wirtschaft ist zur Hälfte innerlich“, was bedeutet, dass wir uns mit unserem individuellen und kollektiven Innenleben zu beschäftigen haben, wenn wir Wirtschaft verstehen wollen. In einer Buchbesprechung Studienführer Wirtschaftspsychologie wird dazu angemerkt: „Aus bescheidenen FH-Anfängen im Jahre 1998 hat sich das Fach Wirtschaftspsychologie sehr dynamisch entwickelt: Kaum zehn Jahre später existieren im deutschsprachigen Raum über zehn eigenständige Angebote, überwiegend an Fachhochschulen.“ Dabei gilt es genauer hinzuschauen, was gemeint ist. Laut Wikipedia beschäftigt sich das „Forschungsgebiet der Wirtschaftspsychologie mit dem subjektiven Erleben und dem Verhalten von Menschen im ökonomischen Umfeld sowie den sozialen Zusammenhängen“, das sind OL (subjektives Erleben), OR (Verhalten) und UL/UR (soziale Zusammenhänge). Eine genauere Darstellung dessen, was Wirtschaftspsychologie sein kann, ergibt sich unter Zuhilfenahme des von Wilber vorgestellten Methodenpluralismus, der die vorhandenen Erkenntnisdisziplinen in unterschiedliche Wahrnehmungshorizonte oder Zonen einteilt. Danach können wir von einer phänomenologisch-introspektiven Wirtschaftspsychologie sprechen (Zone 1), bei der wir die Bewusstseinsphänomene, die im Zusammenhang mit dem Thema Wirtschaften in Menschen auftauchen können, untersuchen, von A wie Angst bis Z wie Zufriedenheit. Weiterhin können wir uns den Strukturen der menschlichen Psyche zuwenden (Zone 2), in einem wirtschaftspsychologischen Strukturalismus, und untersuchen, wie beispielsweise die unterschiedlichen Entwicklungsstufen die Wahrnehmung von Menschen im Hinblick auf das Wirtschaftsgeschehen färben und formen – mit Fragestellungen wie:  „wie sieht jemand auf der egozentrischen Entwicklungsstufe die Wirtschaftswelt?“, oder „wie stellt sich Wirtschaften auf der traditionellen Stufe dar?“, oder „was kennzeichnet eine pluralistische Wirtschaftswahrnehmung?“ usw.

Zu dieser Strukturbetrachtung des Bewusstseins gehört weiterhin das breite Feld der menschlichen Psychodynamik, einschließlich dessen, was Wilber und andere als den Schatten bezeichnen, verdrängte eigene Persönlichkeitsanteile, die projiziert werden, und dann von außen, also auch (scheinbar) aus dem Wirtschaftsgeschehen heraus auf einen zukommen und die eigene Wahrnehmung entsprechend verzerren. Wer beispielsweise seine eigene Gier erfolgreich verdrängt hat, sieht überall Gier im Wirtschaftsgeschehen und fügt so dem „normalen“ Ausmaß von Gier in der Wirtschaft noch eine Portion einer eigenen Verdrängung hinzu, ohne sich selbst jedoch der eigenen Urheberschaft dabei bewusst zu sein. Im oberen rechten Quadranten finden wir die Psychologie des individuellen Wirtschaftsverhaltens (Zone 6), in deren Erforschung, insbesondere was das Konsumverhalten von uns Menschen betrifft, sehr viel Geld investiert wird, und wir finden auch verstärkt Bemühungen, durch neurobiologische Untersuchungen herauszufinden, was in unserem Gehirn vor sich geht, wenn wir als Wirtschaftssubjekte unterwegs sind (Zone 5), die - wenn man so will - neurophysiologische Seite der Psychologie. Entsprechende psychologische Untersuchungen lassen sich für die unteren Quadranten anstellen, wo es um die unterschiedlichen Aspekte kollektiver menschlicher Psychologie geht (Zonen 3, 4, 7 und 8). All dies gehört zu einer umfassenden Wirtschaftspsychologie. Doch bis dahin ist noch ein gutes Stück Wegstrecke zurückzulegen, und so beschränkt sich Bowman in seinem Beitrag auf nur einen psychodynamischen Aspekt im Zusammenhang mit dem Thema Wirtschaft, und zwar der von Wilber so bezeichneten prä-trans Verwechselung.

„Eine anspruchsvolle Argumentation wird leider oft von der ‚anderen Seite’ als fundamentalistisch bezeichnet, was in gewisser Weise durch das, was Ken Wilber mit der prä-trans Verwechselung beschrieben hat, zu erklären ist, bei der niedrigere und höhere Entwicklungsebenen und deren Ausdruck miteinander verwechselt werden. Auch wenn jemand freie Märkte wertschätzt, sich aber dennoch für staatliche Eingriffe zur Verhinderung von Umweltverschmutzung einsetzt, oder für öffentliche Investitionen in Infrastrukturmaßnahmen, wird ein conservative Fundamentalist diesen Menschen als jemanden betrachten, dem ein Verständnis für die Freiheit der Märkte fehlt. Gleichzeitig verhindert ein fundamentalistischer conservative eine besserer Politik und Regierung, weil er die wirtschaftstheoretische Rechtfertigung staatlicher Interventionen nicht anerkennt. Daher wird keine Unterscheidung gemacht zwischen einer gesunden Wirtschaftspolitik und den Gefahren einer staatlichen Interventionen, welche die Lage verschlimmert.

Das gleiche geschieht umgekehrt, wenn ein fundamentalistischer liberal sich mit einer anspruchsvollen conservative Position konfrontiert sieht, wie beispielsweise der, die möglichen Konsequenzen einer fundamentalistisch-liberal Reform zu diskutieren. Er oder sie unterstellt dem conservative dabei schnell, dass sich dieser für eine komplette Deregulierung einsetzt.“  

Eine weitere Konsequenz der Beschäftigung mit Innerlichkeit ist die einer kritischen Selbstbetrachtung, mit der Frage: Vor welchem psychodynamischen Hintergrund betrachte ich selbst das Wirtschaftsgeschehen? Auf welcher Entwicklungsstufe befinde ich mich, und was kann ich dabei erkennen (und was nicht), und wieweit sind damit meine Interpretationen von dem, was ich erlebe, festgelegt?

Neben diesen Strukturaspekten unserer individuellen Psyche spielt der Schattenaspekt noch eine wesentliche Rolle, unsere Wahrnehmungsverzerrungen aufgrund verdrängter und projizierter Bewusstseinsinhalte. Hier kann uns die Beobachtung des Wirtschaftsgeschehens und seiner Akteure wertvolle Hinweise auf Schattenanteile geben, individuell und kollektiv[19].

Dies formuliert Bowen an einem Beispiel wie folgt: 

„Von einem theoretischen Standpunkt aus wird eine durchdachte und anspruchsvolle Politik zu einem großen Fortschritt führen, an dem alle teilhaben können, und wo jede Interessengruppe ihren Beitrag zu leisten hat. Unglücklicherweise haben wir eine kollektive Abwehr gegenüber anspruchsvollen Reformen, so wie die menschliche Psyche eine Abwehrhaltung gegenüber ihrem Schatten hat. Diese Erkenntnis kann uns jedoch dabei helfen, uns aus unserem kollektiven Schatten zu befreien. Schauen wir uns die Entstehung des individuellen Schattens an einem Beispiel an. Nehmen wir an, dass ich mich als Kind dafür schämte, meinen Ärger zum Ausdruck zu bringen. Wenn ich auf eine ungute Weise lerne, dass es niemals in Ordnung ist meinen Ärger zum Ausdruck zu bringen, dann lerne ich auch nicht durch Erfahrungen, die Ärger hervorrufen können, und ich lerne auch nicht, mit Ärger hervorrufenden Ereignissen und meinen Reaktionen darauf umzugehen. Ich verschiebe also meinen Ärger, und projiziere ihn zuerst auf dich, und dann auf alle anderen, wenn die Projektion sich ausweitet. So erlebe ich vielleicht schon eine leichte Anspannung der Kiefernmuskeln bei jemandem als einen Angriff, weil ich sie als verborgenen Ärger interpretiere, und Ärger ist für mich nicht in Ordnung. Um emotional zu wachsen, muss ich den Ärger in mir anerkennen, und als meinen Ärger zu mir nehmen. Eine starke fundamentalistische Position kann ein Hinweis auf verborgene Schattenanteile sein. Eine starke Abwehrhaltung oder eine überkritische Reaktion gegenüber differenziert-anspruchsvollen oder gegensätzlichen Ansichten kann ein Indiz für Schattenprojektionen sein. Eine dogmatische oder absolutistische Argumentation verhindert die Auseinandersetzung mit Abwehrmechanismen. So hat beispielsweise der 50 Jahre währende kalte Krieg zu einem kollektiven dogmatischen Schatten geführt, der ökonomisch unterstützt wurde. Was wir brauchen ist kollektive Heilung, die mit einem integralen Ansatz gegenüber der Wirtschaft beginnen kann.“

Das bedeutet, dass alles, worauf ich (nicht nur) hinsichtlich des Wirtschaftsgeschehens mit positiver oder negativer „Ladung“ reagiere, von totaler Begeisterung bis zu totaler Ablehnung und Hass, eine Gelegenheit ist, mir meine eigenen Schattenanteile anzuschauen.

Rege ich mich z. B. über die „Schuldenmacherei“ immer wieder auf, dann kann es sein, dass ich den Teil in mir, der gerne nach dem Prinzip „lebe jetzt, zahle später“ leben würde, verdrängt habe und ihn nach außen projiziere. Rege ich mich immer wieder über die „soziale Hängematte“ auf, „die Leute zum Nichtstun anregt“, dann kann es sein, dass ich mir den Teil in mir, der sich gerne selber in die soziale Hängematte legen würde, nicht erlaube. Rege ich mich z. B. über „die Banker“ auf, die zum einen „die Milliarden verzocken“, andererseits jedoch Leuten wie mir wegen „mangelnder Kreditwürdigkeit“ keinen Kredit geben, dann kann es sein, dass ein Teil von mit selber gerne Hochstapler wäre, ich mir diesen Anteil meiner Persönlichkeit selbst jedoch nicht zugestehe.

Dabei ist das Problem nicht, dass ich Teilpersönlichkeiten von Schuldenmacher, Sozialschmarotzer oder Hochstaplers habe, das wäre OK – die psychodynamischen Probleme entstehen dann, wenn ich diese Persönlichkeitsanteile in mir verleugne und verdränge.

Und natürlich ist es richtig, z. B. gegen die Ausuferung der Schulden etwas zu unternehmen. Den Unterschied zwischen einer projektionsfreien Handlung und einer Handlung die von Projektionen verzerrt ist, kann man leicht an sich selbst feststellen, indem man sich fragt: Informiert mich das, wogegen ich vorgehe oder was ich unbedingt unterstützen möchte (eher kein Schatten), oder affektiert (Aufregung, Ladung) mich das, wofür oder wogegen ich eintrete (wahrscheinlich Schatten).

Zum Abschluss des ersten Teils seiner Präsentation fasst Kevin Bowen zusammen:

„Jeder, der an einem integralen Ansatz interessiert ist, kann ohne Weiteres die differenzierteren und anspruchsvolleren Ansätze sowohl der conservative wie auch der liberal Weltanschauungen miteinander verbinden. Dazu braucht man nicht alle Details zu verstehen und muss auch nicht die Sprache der Wirtschaftsexperten sprechen. Wir müssen den Experten und Politikern zeigen, dass wir geduldig genug sind, um die ökonomischen Gründe erläutert zu bekommen, die für staatliche Eingriffe, oder Deregulierungen, oder staatliche Programme, oder Privatisierungen sprechen. Derartige Begründungen dürfen nicht generalisierend sein, so wie „Unser Gemeinwesen leidet unter schlechten staatlichen Regulierungen“, sondern muss themenspezifisch formuliert werden, so wie „die finanzwirtschaftlichen Regulierungen müssen überprüft werden, weil viele neue Finanzierungsinstrumente auf dem Markt angeboten werden, auch von Institutionen, die keine Banken sind und die nicht der staatlichen Bankenkontrolle unterstehen.“ Verteilungseffekte durch staatliche Anreize müssen ebenso erklärt werden. Die Ausgabepolitik muss von einer integralen Perspektive untersucht werden, um unbeabsichtigte Konsequenzen von Umverteilungen zu erkennen. Integral informierte Analysten berücksichtigen auch die Entwicklungsebenen und erfassen so die unterschiedlichen Bedürfnisse von Wählern auf den unterschiedlichen Entwicklungsebenen. Nicht jeder Mensch hat ein Interesse daran anderen zu helfen, doch solange eine Politik als fair wahrgenommen wird, und alle gesellschaftlichen Gruppen ihren Beitrag zu leisten haben, wird eine differenziertere und ausgewogenere Politik entstehen. Unternehmensinteressen, Konsumenteninteressen, Umweltinteressen und Regierungsvertreter können davon alle profitieren, im Unterschied zu der gegenwärtigen Situation, wo jede dieser Gruppen die andern für negative Konsequenzen und schlechte Ergebnisse verantwortlich macht.

So wird zum Beispiel das Big Business für die Umweltverschmutzung verantwortlich gemacht, doch die gleichen Leute, die das sagen, weigern sich Politiker zu wählen, die Benzinsteuern und alternative Energien fördern wollen. Unternehmensvertreter, die sich über Regulierungen beklagen, unterhalten Interessengruppen für Deregulierungen, anstatt sich für gesunde Regulierungen einzusetzen, welche langfristig am ehesten dazu geeignet sind, schlechte Regulierungen zu verhindern. Viele Politiker beklagen sich über ihre Kollegen in den anderen Parteien und sehen dabei nicht parteiübergreifende Kompromisse, die von allen zum Wohle des Ganzen Zugeständnisse verlangen. Stattdessen gehen sie auf Stimmenfang durch die Formulierung von Extrempositionen. Umweltgruppen haben sich in der Vergangenheit Regulierungen widersetzt, nur weil diese auf den Marktmechanismus bauen, ohne zu erkennen, dass die Marktmechanismen auch Ziele der Umweltbewegung unterstützen können.

Wenn wir die Notwendigkeit für Veränderungen [change] in jedem von uns und in jeder dieser Gruppierung sehen, dann sehen wir auch, dass jede Interessengruppe ihre Berechtigung hat. Jede Gruppe leistet einen wesentlichen (Teil)Beitrag zu einer Gesamtlösung, und die Berücksichtigung dieser unterschiedlichen Beiträge fördert differenziertere und bessere Lösungen für eine bessere Welt, nach der wir uns alle sehnen.

In Teil 2 dieses Programms wird unter Zugrundelegung des hier vorgestellten wirtschaftlichen Rahmens dargelegt, dass unsere gegenwärtige globale Finanzkrise ein dramatisches Ergebnis fundamentalistischer Bestrebungen sowohl der conservative als auch der liberal Wirtschaftpolitik ist. Dieser Rahmen kann als ein Katalysator für unsere Bewusstseinsentwicklung wirken, die integralen Anlagen in uns zu stärken, und die auf eine übertriebene Weise antagonistischen Gruppen unserer Gesellschaft vereinen helfen – vielleicht erkennen wir in diesem Antagonismus aber auch ein Stück weit unseren eigenen unterdrückten und projizierten Ärger.“


[1] (Quelle: IntegralLife.com) Der Beitrag, der als eine online E-learning Präsentation veröffentlicht wurde, trägt den Titel Integrale Wirtschaft. Teil 1: Unsere Wirtschaftsinstitutionen, und ist in die folgenden 12 Abschnitte untergliedert: 

Slide 1 Einzigartige Zeiten in unserer Wirtschaftsgeschichte

Slide 2 Das Problem

Slide 3 Die 4 Quadranten einer Wirtschaftsanalyse

Slide 4 Die Befürwortung freier Märkte

Slide 5 Die Befürwortung staatlicher Eingriffe

Slide 6 Entwicklungshöhe und die Dualität von Höher-Niedriger

Slide 7 Vier Typen von Kapital

Slide 8 Ein weiter entwickelter Liberalismus und Konservatismus

Slide 9 Die prä-trans Verwechslung

Slide 10 Unserer kollektiver Schatten

Slide 11 Die Integration weiterentwickelter Ansichten

Slide 12 Die globale Finanzkrise

 

Inhalt und Text: Kevin Bowman

Design und Produktion: Clint Fuhs

Technische Unterstützung: Matt Beahm

Sprecher: Clint Fuhs

Basierend auf der Arbeit von Ken Wilber

  

[2] Siehe hierzu auch den Beitrag über eine integrale(re) Politik vor der amerikanischen Wahl auf IntegralLife.com, zusammengefasst in einem Beitrag im OJ 16, und die Zusammenfassung zum Thema „Integrale Politik“ im OJ 5.  

[3] Diese Abkürzungen beziehen sich auf die Quadranten: OL = oberer linker Quadrant, OR = oberer rechter Quadrant,  UL = unterer linker Quadrant, UR = unterer rechter Quadrant.

[4] Eine typische Definition von Produktivfaktoren lautet (Quelle: Wikipedia): „Unter Produktionsfaktoren (auch Input, Inputfaktoren) versteht man alle materiellen und immateriellen Mittel und Leistungen, die an der Bereitstellung von Gütern mitwirken“. Die klassische Betriebswirtschaftslehrer (z. B. Gutenberg) zählt dabei jedoch nur die Es-Faktoren auf: menschliche Arbeitsleistung, Betriebsmittel Werkstoffe, Geschäftsleitung, Planung und Organisation. Eine AQAL Betrachtung fügt dem noch die Ich-Faktoren und die Wir-Faktoren in ihrer eigenen Sprache hinzu.

[5] Weltanschauungen werden dann zu Ideologien, wenn sie verabsolutiert, d. h. als die einzig gültige oder wahre Sichtweise betrachtet werden.

[6] Eine klassische Konfrontation ist die Abrechung von Marx, als Vertreter einer materialistischen Auffassung, mit dem deutschen Idealismus, siehe dazu den Beitrag Marx/Hegel - aussen/innen im OJ 16.  

[7] Noch einmal ein Hinweis zur Terminologie: Die Bezeichnung conservativ und liberal sind hier erst einmal wertfrei, und bezeichnen bestimmte, in der realen amerikanischen Politik auftretende  Sichtweisen von Hervorhebung und Vernachlässigung bestimmter Perspektiven/Quadranten. Eine andere Möglichkeit der Verwendung des Begriffs „konservativ“ im Rahmen einer integralen Politikbetrachtung ist der von „Bewahren“ im Verlaufe eines Entwicklungsprozesses im Vergleich zum „Transzendieren“ einer „progressiven“ Politik. Beides ist für eine gesunde Entwicklung wichtig, siehe dazu auch OJ 5. Durch die Neubegründung derartiger Begriffe (konservativ, progressiv, liberal usw.) im Rahmen der integralen Betrachtungsweise ist es möglich, eine neue Sichtweise zu bekommen, die nicht von Vorurteilen behaftet, sondern die den (Teil)Wert aller dieser Orientierungen erkennt und würdigt. Der integrale Rahmen macht somit eine Verständigung möglich und macht es gleichzeitig sehr viel schwerer aneinander vorbei zu reden.   

[8] A. d. Ü.: Adam Smith war ein schottischer Moralphilosoph und gilt als Begründer der klassischen Volkswirtschaftslehre. Berühmt wurde er durch sein Buch Der Wohlstand der Nationen.

[9] A. d. Ü.: Merkantilismus ist die Bezeichnung für eine durch massive Staatseingriffe in die Wirtschaft gekennzeichnete Wirtschaftspolitik während der Zeit des Absolutismus zwischen dem 16. und 18.Jahrhundert. Ziel war die Steigerung der nationalen Wirtschaftskraft und die Erhöhung der Staatseinkünfte z.B. durch die Erhebung von Schutzzöllen und die Förderung der frühindustriellen Produktion. (Quelle: Duden Wirtschaft von A bis Z. Grundlagenwissen für Schule und Studium, Beruf und Alltag. 2. Aufl. Mannheim.

[10] Der Begriff Trickle-down-Theorie (engl. trickle = sickern) bezeichnet die These, dass Wirtschaftswachstum und allgemeiner Wohlstand der Reichen nach und nach in die unteren Schichten der Gesellschaft durchsickere (Trickle-down-Effekt). Sie gehört zu den Annahmen einer angebotsorientierten Wirtschaftspolitik. (Quelle: Wikipedia).

[11] A. d. Ü.: die unkompensierten Auswirkungen ökonomischer Entscheidungen auf unbeteiligte Dritte. Sie werden nicht in das Entscheidungskalkül des Verursachers einbezogen, woraus sich die Notwendigkeit staatlicher Interventionen herleiten lässt.

[12] A. d. Ü.: Arthur Cecil Pigou, 1877 – 1959, war ein englischer Ökonom. Er gilt als Vertreter der Cambridger Schule der Neoklassik und machte sich in der Wohlfahrts-, Konjunktur- und Geldtheorie einen Namen. Pigou stellte 1912 das Konzept der nach ihm benannten Pigou-Steuer vor, mit der die Umweltverschmutzung eingedämmt werden kann.

[13] A. d. Ü.: Dies sind Beispiele für das Minuszeichen der liberalen Perspektive im unteren linken Quadranten: Großen Organisationen werden tendenziell schlechte Absichten unterstellt. Dem „Wir“ des Staates wird dabei jedoch grundsätzlich eine positive Absicht unterstellt. In einer differenzierteren Analyse politischer Positionen würde man zu untersuchen haben, welches „Ich“, welches „Wir“ und welches „Es“ von einer bestimmten politischen Position aus jeweils negativ oder positiv gesehen wird.

[14] A. d. Ü.: Dieser Begriff steht für eine (Wirtschafts-) Politik auf Kosten anderer Länder (zu deutsch: Bring' deinen Nachbarn an den Bettelstab!).

[15] Ein weiterer Aspekt, der hier nur am Rande erwähnt werden kann, ist der Einbezug von Typologien in eine integrale Wirtschaftsbetrachtung. Oft werden Typologien und Ebenen nicht klar unterschieden. So kennt die Wirtschaftstheorie eine Reihe von Konsumententypen wie beispielsweise die LOHAS. Diese Abkürzung steht für „Lifestyles of Health and Sustainability“, und charakterisiert einen Lebensstil oder Konsumententyp, der durch sein Konsumverhalten und gezielte Produktauswahl Gesundheit und Nachhaltigkeit fördern will. Doch dieser „Typ“ entspricht mehr einer Entwicklungsebene, und zwar der pluralistischen Entwicklungsebene, (dem grünen Mem in der Bezeichnung von Spiral Dynamics). Klassische Typologien jedoch, wie die von introvertiert und extrovertiert, treten auf praktisch allen Entwicklungsebenen auf, und sind dort auch zu berücksichtigen.

Ein weiterer Aspekt im Zusammenhang, den die existierende Wirtschaftstheorie und Praxis nicht ausreichend differenziert, ist der von Zyklen und Entwicklungsebenen. Produktzyklen wie der von Idee-Konzeption-Prototyp-Produktion-Marktdurchdringung-Marktsättigung-Rückgang-Ende zeigen zwar auch eine Entwicklung, doch die ist horizontal zyklisch, und kann wiederum auf jeder der vertikalen Entwicklungsebene auftreten. Praktisch alle Produkte auf jeder der Entwicklungsebene können diesen oder einen anderen Zyklus durchlaufen. 

[16] A. d. Ü.: Gerhard Emmanuel Lenski * 13. August 1924 ist ein US-amerikanischer Soziologe, der durch seine Beiträge zur Soziologie der Religion, zur sozialen Ungleichheit und seine ökologisch-evolutionäre Sozialtheorie (die mit der kulturellen Evolution verwandt ist) bekannt wurde.

[17] Die Differenzierungen von „Ebenen und Linien“ und „Zuständen und Stufen“ und „talk und walk“ lässt hier noch sehr viel feinere Unterscheidungen zu, auf die jedoch hier nicht eingegangen werden kann. Vereinfachend wird von einem Bewusstseinsschwerpunkt ausgegangen, von dem aus ein Mensch analysiert, argumentiert und handelt. Siehe dazu auch OJ 5, Integrale Politik.  

[18] „Bauern brauchen eine fairen Preis, 40 Cent pro Liter Milch“ steht auf einem Plakat des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter, eine klassische Preisgarantieforderung. Auf einem anderen Plakat heißt es: „Aus der Finanzkrise lernen – der Markt braucht Regeln“, und gemeint sind damit garantierte Erzeugerpreise. Die Plakate sind ein gutes Beispiel für die Artikulation fundamentalistischer (wirtschafts-)politischer Positionen. Da Plakataktionen im allgemeinen öffentlichkeitswirksam inszeniert werden, und auch von den Medien dankbar aufgenommen werden, nehmen sie in der öffentlichen Wahrnehmung einen sehr viel breiteren Raum ein als Bemühungen um ausgewogenere und anspruchsvollere Lösungen, was die Verbreitung und Aufnahme integraler Konzepte in der Öffentlichkeit erschwert. Oder, mit den Worten Wilbers: „Es gibt Dinge, die sind zu komplex, um sie auf einem Autoaufkleber unterzubringen.“     

[19] In einer einfachen Zusammenfassung dessen, was in Betrachtung der innerlichen Quadranten (OL, UL) wichtig ist, spricht Wilber von den „3 S: states, stages und shadow“. Das sind a) Zustände des Bewusstseins, also das, was wir phänomenologisch von Augenblick zu Augenblick erleben (Freude, Trauer, Glück, Zufriedenheit ...), b) die (Entwicklungs-)Strukturen des Bewusstseins, die uns unsere Interpretationshintergründe liefern (am Beispiel der erwähnten LOHAS: Ein LOHA wird „seine“ Welt entsprechend seiner Wertevorstellungen interpretieren und sich auch entsprechend verhalten, weshalb sein oder ihr Verhalten (wie das eines jeden Menschen) durch die Kenntnis der Entwicklungsstufe und Psychodynamik dieses Menschen zu einem gewissen Grad vorhersehbar ist, und c) der Schatten, unsere verdrängten Persönlichkeitsaspekte.    


Quelle: Online Journal 17