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20.11.2017 : 8:58 : +0100

Quantenwirklichkeit und Mystik

Ken Wilber

(aus: www.kenwilber.com, Ken Wilber and Corey deVos: Does Physics prove God)

Frage: Sind die Quantenebenen dasjenige, wo sich die manifesten und unmanifesten Wirklichkeiten treffen?

KW: Kategorisch: Nein. Ich kenne nichts, was sich in den letzten dreißig Jahren abgespielt hat, wo die Verwirrung noch größer wäre als in dem, was aus Quantenphysik gemacht wird. Es ist ein Alptraum. Lass mich versuchen hier etwas Klarheit hineinzubringen. Es ist derart verworren, weil sehr viele Leute von falschen Voraussetzungen ausgehen, und das alles dann noch durcheinander bringen. Ich habe mich mit dem Thema übrigens in meiner akademischen Arbeit beschäftigt, mit Biophysik, Quantenphysik und Biochemie, und kenne mich hier gewissermaßen auch beruflich aus. Ich kann „garantieren“, dass die Schroedingersche Wellenfunktion absolut nichts mit spirituellen Wirklichkeiten zu tun hat, abgesehen davon dass alles eine Manifestation des GEISTES ist.

Beginnen wir damit, wo die Verwirrung herkommt, und warum Menschen glauben, dass die Quantenebene etwas mit dem unmanifesten Geist zu tun hat. Und mit Menschen meine ich nicht den durchschnittlichen Menschen – wir finden diese falschen Vorstellungen auch bei Menschen wie Deepak Chopra und Fritjof Capra, die alle mit den besten Absichten die moderne Quantenphysik als eine Art von Beweis für Mystik darstellen – aber das funktioniert einfach nicht.

Die moderne Quantenrevolution, über die alle sprechen, fand 1905 statt, als Max Planck die Vorstellung von Quanten einführte. Das meiste an Revolutionärem, was dadurch eingeführt wurde, wurde bis 1925 eingeführt, z. B. durch die Heisenbergsche Unschärferelation. Der Zusammenbruch der Schroedingerschen Wellenfunktion, das, worauf sich die Leute beziehen, war schon 1925 bekannt. Dieser Durchbruch der modernen Physik liegt also schon fast ein Jahrhundert zurück. Das ist das eine.

Zweitens: Warum hat die Quantenwirklichkeit zu einer derartigen Missinterpretation geführt, bis hin zum Film „what the bleep do we know?“ Vor zwanzig Jahren war die Verwirrung so groß, das ich mich veranlasst sah, das Buch Quantum Questions zu schreiben, und ich ging zurück zu 13 Gründern und Pionieren der modernen Quantenphysik, einschließlich Bohr, und Heisenberg, de Broglie, Schroedinger Eddington. Ich schaute mir alle ihre Schriften an – auch die von Einstein –, alles das, was sie über Physik und Mystik geschrieben haben und ich habe diese Passagen in das Buch aufgenommen. In der Einführung zu dem Buch habe ich dann darauf hingewiesen, dass nicht ein einziger der 13 Persönlichkeiten, wirklich nicht einer von ihnen der Meinung war, dass Quantenmechanik irgendetwas mit spirituellen Wirklichkeiten oder Mystik zu tun hat. Und doch war sie alle Mystiker. Aber sie waren Mystiker nicht wegen, sondern trotz Physik. Das Versagen der Quantenphysik, auch nur irgendetwas Spirituelles zu erklären, half ihnen allen dabei zu Mystikern zu werden, im Sinn von Meta-Physik. Das hat also nichts mit Quantenphysik zu tun. Der Grund dafür, dass Leute das durcheinander bringen und der Grund dafür, warum es sich ähnlich anhört ist der: Was die Gleichungen der Quantenmechanik zu beschreiben versuchen, sind Dinge wie z.B. der Ort eines Elektrons, vorauszusagen, wo sich ein Elektron aufhalten wird, das ist das, was Wissenschaft tut, z. B. vorauszusagen, wo sich der Uranus nächstes Jahr befinden wird. Die Newton’sche Physik tut das auf eine hervorragende Weise, was die Voraussage von großen Objekten betrifft, die sich [relativ] langsam bewegen. Betrachten wir jedoch Quantenereignisse, welche relativistische Ereignisse sind, dann haben wir es mit einer anderen Art von Physik zu tun. Auf diesen sehr, sehr niedrigen Ebenen sind die einzigen Gleichungen, über die wir verfügen um zu sagen, wo sich ein Elektron aufhalten könnte, die Schroedingerschen Wellengleichungen. Das ist eine Reihe von sehr sehr komplexen Differentialgleichungen. Quadriert man die Ergebnisse dieser Gleichungen, erhält man die Wahrscheinlichkeit dafür, ein Elektron an einem bestimmten Ort zu finden. Das Knifflige dabei ist, dass man nicht genau sagen kann, wo sich das Elektron aufhalten wird, solange man es nicht gemessen hat. Und dann passiert etwas – und das ist das Kniffelige daran – was man den Zusammenbruch der Schroedingerschen Wellenfunktion nennt. Und was das bedeutet ist, dass in dem Augenblick, wo man diesen Wahrscheinlichkeitsraum misst, das Elektron dann auftaucht – oder das, was immer man misst, erscheint. Alle Physiker, die das damals betrachtet haben, waren jedoch nicht der Meinung, dass die Messanordnung die Wirklichkeit erschafft, nicht einer von ihnen. Doch jede der heutigen Missinterpretationen tut das, es wird gesagt, dass wenn man etwas misst, dass dies dann in die Existenz „pufft“, und dass man so für die Existenz eines Elektrons verantwortlich ist. Aber das ist einfach nur narzisstischer Boomerits-Unfug. Man kann sehen, woher das kommt, aber das gute alte eigene Ego erschafft nun einmal keine Elektronen. Doch es hört sich sehr mystisch an: „Whow – da ist es!“ Und von diesem ersten Fehler gelangt man zum zweiten Fehler, und das ist ein wirklich großer Fehler. Man kann sich endlos darüber unterhalten, was die Schroedinger Gleichung bedeutet, und die Philosophen tun dies seit fast einem Jahrhundert. Schroedinger selbst war übrigens einer der tiefgründigst gläubigen Vertreter des Vedanta-Hinduismus, und seine Schriften über das Finden des reinen Selbst – wer bin ich? – haben überhaupt nichts zu tun mit dem Quantenpotential. Sie gehören zu den weltweit schönsten mystischen Schriften, und ich habe sie natürlich in Quantum Questions aufgenommen und empfehle jedem sie zu lesen – sie sind ganz außerordentlich. Der zweite grundlegende Fehler ist, dass Menschen glauben „Oh, hier muss etwas Spirituelles vor sich gehen“, und sie nehmen das Quantenvakuumpotential oder Nullpunktfeld oder irgendeine Art von Quantenwirklichkeit, die unmanifest zu sein scheint, und sagen: „Das ist GEIST, das ist Brahman, das ist das Dao, und aus all dem erscheint die manifeste Welt“. Und sie beziehen sich dabei auf eine konkrete Wirklichkeit und sagen: „Hier ist das Eine und das ermöglicht allem Anderen wie diesem materiellen Elektron zu erscheinen.“ Und schon haben wir einen dualistischen GEIST. Hier liegt schon der erste grundlegende Fehler. Wirklicher nichtdualer GEIST ist die Soheit von allem, was erscheint. Diese verursacht nichts und niemanden, irgend etwas zu tun. Es ist die Ist-heit, die Soheit, die Leere von jedem einzelnen Ding im Kosmos. Reine Leere lässt alles genau so wie es dies vorfindet. Nichts wird durch es bewegt, weil es von nichts getrennt ist.

Eine Analogie dafür [relative und absolute Wirklichkeit] ist der Ozean und die Wellen. Es gibt die Nässe des Ozeans, und es gibt die Nässe der Wellen. Und „Nässe“ ist gleichermaßen vorhanden in allen Wellen. Eine große Welle ist nicht nasser als eine kleine Welle. Und Nässe verursacht nicht eine einzige Welle irgendetwas zu tun. Nässe ist gleichzeitig anwesend in jedem Teil des Ozeans und zu allen Zeiten. Nässe lässt den Ozean nicht erscheinen, Nässe ist auch kein vom Ozean unterschiedenes Quantenpotenzial. Der grundlegende Fehler liegt hier darin, aus GEIST eine dualistische Einheit zu machen. Es gibt drei Dinge dabei: den wirklichen GEIST, die reine Soheit, die nicht qualifizierbare Leere, den Grund alles Seins, welcher gleichermaßen gegenwärtig ist in allen manifesten und unmanifesten Dingen. Das ist das eine, wenn wir es einmal durchnummerieren wollen. Das zweite ist die manifeste Welt. Und das dritte ist das Unmanifeste, dasjenige, das die manifeste Welt erschafft. Dies ist nicht der reine GEIST – was könnte es also sein? Es ist die Quantenebene, die an was auch immer angeschlossen ist. Und jetzt betrachten wir die Physik und dasjenige, woran die Quantenebene derzeit angeschlossen wird, und das sind strings. Und strings sind - was sind sie eigentlich -, sind wir mittlerweile bei der elften mathematischen Dimension für ihre Darstellung angelangt? Und ich glaube, das geht noch weiter. Als neun Dimensionen erreicht waren, war man schon der Meinung, dass der Abstraktionsgrad so hoch ist, dass es nicht mehr möglich sein wird, empirische Evidenz zu finden, die eine wissenschaftlich beweisbare Entscheidung für oder gegen die String-Theorie möglich macht. Zur Zeit hat diese Theorie viele Anhänger und mir gefällt sie auch, sie ist elegant, wunderschön, ganz außerordentlich – und wenn sie stimmt, dann kann man mit ihr vielleicht Dinge erklären, welche die Physik derzeit nicht erklären kann ... Doch diese Theorie ist extrem abstrakt und befindet sich in einer Art mentalem Hyperraum – das ist für mich OK, aber es ist nicht das, was Leute üblicherweise mit GEIST bezeichnen, der ja oft gerade als nicht-intellektuell und nicht-mental angesehen wird. Aber das sind die Probleme, in die man gerät, wenn man versucht mit der Physik die Mystik zu beweisen.

Ich möchte hier ganz kurz zwei Theorien dazu anführen. Betrachtet man die traditionelle „Grosse Kette des Seins“, und das betrifft die manifeste Seite der Welt, dann taucht aus GEIST zuerst Seele auf, aus Seele Geist [mind], aus Geist biologisches Leben/Körper, und daraus erscheint Materie, das wäre die involutionäre Abfolge. Das bedeutet nicht, dass es in der Zeit geschieht, es ist so etwas wie eine ontologische Ebenenabfolge. Aurobindo nannte es Involution und Plotion Efflux oder Auswärtsbewegung – GEIST entäußert sich. Und wenn einmal das Potenzial für Materie geschaffen ist, dann findet Evolution statt, von Materie zu biologischem Leben/Körper zu Geist zu Seele zu GEIST. Das wäre ein kurzer Abriss der gesamten Geschichte der Entfaltung. Und wenn wir vor diesem Hintergrund die Frage stellen: was lässt die materielle Ebene erscheinen, dann ist das nicht GEIST, sondern prana, die Ebene von Körper und Bioenergie. Was immer wir auch dort unten finden werden, strings oder die Quantenebenen, es erscheint und taucht auf aus einem Meer von irgendetwas. Und dieses Irgendetwas ist wahrscheinlich prana, Bioenergie. Diese Deutung macht wesentlich mehr Sinn als die Gleichsetzung der Quantenebene mit Dao oder GEIST. Zumindest ist das eine Möglichkeit, die einen davon abhält, das Unqualifizierbare zu qualifizieren. Hier muss man wirklich vorsichtig sein.

Dies war das zweite Problem dabei, aber das dritte Problem ist das Schlimmste von allen. Selbst wenn man dem bisher Gesagten nicht zustimmt, dann ist dieser dritte Aspekt so etwas wie ein KO-Argument, welches die Mystik gewaltig beschädigt hat. Es gibt mindestens Ansätze einer 1. und einer 3. Person gegenüber der Wirklichkeit, GEIST und der Welt, zu praktisch allem, dem wir uns nähern wollen. Die erste Person drückt dies in Begriffen einer ersten Person aus, als eine innere Verwirklichung, z.B. durch Introspektion, Meditation, durch eine Betrachtung des eigenen Geistes, des eigenen Herzens und der eigenen Seele, ich fühle meine Gefühle, was auch immer das ist – dies alles gibt uns Theorien der Wirklichkeit einer 1. Person. Und es gibt die 3. Person, und das meint im Allgemeinen eine objektive Sicht, eine er/sie/es-Ansicht, eine Konzeption, so wie z. B. die Schroedingersche Wellenfunktion, das ist ein Ansatz der 3. Person gegenüber der Wirklichkeit. Doch wenn man die Schroedingersche Wellenfunktion gelernt hat, dann ist man damit nicht erleuchtet, man ist dadurch nicht zum Seinsgrund erwacht. Man ist vielleicht eher ein seltsamer Mathematiker [Lachen], so wie ich es auch war. Man kann die Symbole einer Mathematik der 3. Person lernen, aber davon erwacht man nicht. Das hat nichts mit einer kontemplativen Verwirklichung zu tun. Und ein Ansatz der 3. Person gegenüber der Wirklichkeit ist nicht das gleiche wie ein Ansatz der 1. Person gegenüber der Wirklichkeit, das ist einfach falsch und kein Beweis. Der Beweis für Wirklichkeiten der 1. Person findet in Begriffen einer 1. Person statt, und es gibt sehr spezifische wissenschaftliche Experimente dafür. Es gibt Injunktionen wie z. B. meditative Praktiken. Man muss lernen, den Geist zu konzentrieren, das ist sehr intensiv. Die meisten meditativen Disziplinen erlauben einem nicht den nächsten Übungsschritt zu tun, bevor man sich für mindestens fünf Minuten ununterbrochen auf ein Objekt konzentrieren kann. Der durchschnittliche Erwachsene kann das etwas nur vierzig Sekunden lang. Es kann 2-3 Jahre dauern, bis man den eigenen Geist entsprechend trainiert und dieses Maß an Konzentration erlangt hat. Danach kann man weiter an der eigenen spirituellen kontemplativen Entwicklung arbeiten, einer inneren Entwicklung wie Johannes vom Kreuz, oder die Heilige Teresa, oder die Arbeit an einem Koan wie in der Rinsai Tradition, oder die Arbeit mit inneren Untersuchungen wie im vedanta. Doch die Vorstellung, mathematische Gleichungen zu lernen, und zu meinen es handle sich dabei um die gleiche Wirklichkeit, diese Vorstellung ist zutiefst verwirrt. Das hat den kontemplativen Bereich, den Bereich der Wirklichkeiten einer 1. Person ernsthaft beschädigt. Hier muss man sagen: „Augenblick mal, das beweist gar nichts in diesem Bereich, der einzige Beweis hier ist eine innere Verwirklichung.“ Und die Landkarte, die dabei entsteht, ist eine Landkarte von Innerlichkeiten, keine Landkarte von Quantenwirklichkeiten.

Diese drei Verwirrungen sind derart verbreitet, dass es beinahe unmöglich ist über Physik, Quantenwirklichkeiten und GEIST zu reden, weil jeder von diesen Annahmen ausgeht, die selbstverständlich zu sein scheinen.

Ich habe mir what the bleep do we know? angesehen, und was ich dazu sagen kann ist, dass praktisch jede konkrete Feststellung, die darin über physische Quantenwirklichkeiten  gemacht wird und deren Beziehung zu spirituellen Wirklichkeiten, kategorisch falsch ist. Das ist wirklich erstaunlich vor dem Hintergrund der Popularität des Films. Es lässt sich dabei kaum feststellen, von wem die Aussagen gemacht werden. Aber die Leute wollen daran glauben, es ist so fantastisch, und natürlich gibt es Wege und Möglichkeiten, um diese mystischen Wirklichkeiten zu entdecken. Und wenn man der Meinung ist, dass die großen Physiker diesen Unfug geglaubt haben, dann möge man bitte Quantum Questions lesen – und man rede darüber bitte nicht nur mit Physikern und unbekannten Typen wie in what the bleep.

Frage: Kann man sagen, dass viel Verwirrung daher kommt, dass eine Menge moderner westlicher Wissenschaften den Versuch unternommen haben Subjektivität wegzuerklären?

KW: Das hat den Anschein, ja. Was passierte ist, dass wenn immer man in einem Bereich  von irgendeiner Disziplin bis an die Grenzen vordringt, dann werden die Dinge verschwommen. Wir haben alle ein mystisches Herz. Jeder wird mit der Intuition des Immergegenwärtigen, Ungeborenen, und der eigenen wahren Natur geboren. Das flüstert uns permanent etwas ins Ohr. Und wir suchen daher immer auch einen Grund, um daran zu glauben, oder suchen nach einer Sprache, um darüber reden zu können. Das passiert einer Menge Leute. Diese Art von Dao-Physik oder what the bleep do we know? gab den Leuten eine Sprache, um darüber zu reden, das miteinander verwobene dynamische Muster, das Gewebe aller Teilchen usw. Und das ist immer noch besser als nichts zu haben, solange es  auf Wissenschaft gegründet ist. Aber was wirkliche Physik oder wirkliche Mystik angeht, stimmt das weder für das Eine noch das Andere. Es handelt sich um schlechte Physik und um schlampige Mystik. Und was dabei herauskommt, ist ein Alptraum. Was wir nun versuchen ist, die Dinge wieder zurechtzurücken, auf der einen Seite gute Physik, und eine Mystik, die ihre eigene Art von Beweisen hat. Lasst uns beides zusammen tun, aber lasst uns nicht glauben, dass das Eine das Andere beweisen kann, lasst uns nicht die Ansätze einer dritten Person mit denjenigen einer ersten Person durcheinander bringen. Es ist so, dass die moderne westliche Wissenschaft Innerlichkeit nicht grundsätzlich zurückgewiesen hat, aber sie hat nicht – und ich nehme die große Kette des Seins als einen Bezugspunkt und sehe sie nicht als etwas archetypisch Vorgegebenes – den GEIST studiert, die Seele, den Geist oder den biologischen Körper, sondern man konzentrierte sich auf Materie. Die Gesetze der Physik haben keinen Raum für das biologische Leben, ganz abgesehen von Seele und GEIST. Das ist eines der Probleme, wenn man die Aufmerksamkeit so sehr auf  Steine konzentriert, für Steine Gesetze formuliert, und dann überrascht ist, wenn man damit das Leben eines Hundes nicht erklären kann. Die Physik kann voraussagen, wo der Planet Neptun irgendwann in der Zukunft sein wird, aber sie kann nicht vorhersagen, wo mein Hund in fünf Minuten sein wird. Die Gesetze der Physik reichen nicht aus für meinen Hund, warum regen sich die Leute auf, wenn GEIST damit auch nicht erklärt werden kann? Die westliche Wissenschaft hat wirklich außerordentliche, spektakuläre Entdeckungen hinsichtlich des Materiellen gemacht, und die Leute, die sich darauf konzentrierten wurden dabei immer hungriger bezüglich des Lebens, des Geistes, der Seele und des GEISTS, und sie begannen sehr merkwürdige Dinge zu tun. Das ist absolut verständlich, aber es ist kein guter Weg um voranzukommen. Das Peinlichste daran ist etwas, worauf schon einer der ersten Kritiker hingewiesen hat: Wenn wir annehmen, dass die derzeitige Lehre der Physik das gleiche ist wie die Erleuchtung Buddhas, nur von einer anderen Perspektive aus betrachtet, die gleiche Realität, das Gleiche (und ist nicht die derzeitige Version der Physik, die bootstrap-Theorie, schon wiederüberholt?) – wenn wir also die Erleuchtung Buddhas an die heutige Theorie ankoppeln, verliert Buddha dann seine Erleuchtung, wenn die nächste Theorie auftaucht? Man kann nicht beides haben. Wir verbinden Buddha mit bootstrap – boostrap ist out – ist damit Buddhas Erleuchtung out? Jetzt  rudert jeder zurück, und jetzt ist es die Stringtheorie. Aber so kann man das nicht machen. Buddha hat seine Erleuchtung nicht geändert, und ich weiß nicht, warum die Leute jetzt damit anfangen. Big Mind hat sich nicht geändert, er/sie/es ist leer und ohne Inhalt, zeitlos und formlos. Keine Strings, keine Quanten, nicht manifest und auch nicht unmanifest, oder beides oder keines von beiden. Doch die Leute versuchen immer wieder GEIST zu qualifizieren, ihn in die Physik hineinzubringen, und das ist der erste grundlegende Fehler, der sich dann nicht mehr korrigieren lässt.

Frage: Je mehr wir dort hinabtauchen, je mehr „Schildkröten“ wir entdecken, desto mehr glauben wir dort irgendetwas zu finden.

KW: Und was wir finden sind Strings, und wir sind jetzt bei der elften Dimension bei ihrer Darstellung angelangt, und wissen nicht, wo das noch hinführt. Aber sie sehen jedenfalls  nicht wie der unmanifeste GEIST aus. Das hört einfach nicht auf. Dabei ist es so einfach. Wenn man den eigenen Geist kennen lernen möchte, braucht man lediglich zu untersuchen: “Wer bin ich?“ Das ist der direkte Weg zur Antwort. Und das wird sich auch nicht ändern, weil Leere keine Bestandteile hat und keinerlei Dimension und keine Form. Die Erkenntnis dessen, der reinen Bewusstheit, des ursprünglichen Selbst, des zeitloses Augenblicks hier und jetzt, die reine Gegenwärtigkeit in der Zeitlosigkeit, in welcher alles erscheint – das kann direkt durch Untersuchungen, Bewusstheit und Meditationen der ersten Person erkannt werden. Man kann Objekte der dritten Person bis hinunter zu Strings verfolgen, wenn man möchte, wie es die Wissenschaft tut, und das ist faszinierend, aber man sollte es nicht mit Buddhas Erleuchtung verwechseln, gesehen von einer anderen Perspektive, weil man damit bei jedem Schritt weiter hinunter, den man macht, Buddha zerstört. Das ist falsch, und ich denke, es ist sowohl schlechte Physik als auch schlechte Mystik - absolut verständlich, und absolut falsch. Ich finde die Untersuchung immer kleinerer Teile und Holons faszinierend, und wir sind jetzt bei Strings angelangt, doch das Einzige, was für mich Sinn macht, ist die Zuordnung von Strings zu prana, die ontologisch nächsthöhere Ebene, das biologische Leben. Und Leben ist an Geist angeschlossen, Geist an Seele und Seele an GEIST, das kann man machen, das ist in Ordnung, und wir werden das genauer wissen, wenn wir mit der Untersuchung subtiler Energien vorankommen, und es gibt bereits eine Menge empirischer Arbeiten mit subtilen Energien. Die Traditionen haben ein ganzes Spektrum subtiler Energien, es beginnt bei den vier bekannten physischen Kräften, starke und schwache Nuklearkräfte, Elektromagnetismus und Gravitation und geht weiter mit etwas, was man ätherische, astrale, psychische und kausale Energie usw. nennen kann. Ob es sie nun gibt oder nicht, es gibt bereits aufgrund westlicher Forschungen empirische Evidenz dafür, dass es sie gibt. Der Japaner Motoyama hat hier eine Menge Arbeit geleistet, und Tiller und noch weitere Forscher wie Burr von der Yale Universität, der eine sehr seriöse wissenschaftliche Arbeit darüber macht. Wenn wir noch ein  bisschen besser verstehen, was subtile Energie ist und wie diese Felder aussehen, dann, so vermute ich, werden in fünfzig bis einhundert Jahren Strings und subtile Energien zusammengebracht. Und Materie – und das ist das, was die Traditionen, angefangen mit Plotin, immer gesagt haben – Materie kristallisiert sich aus prana heraus – Aurobindo sagt es auch -, und wenn sie recht haben, dann ist das eine klare Sache. Und Materie ist dann eine spezifische Ausprägung aus einem gewaltigen Ozean von Bioenergie, von pranischer Energie. Und prana ist die zweite der fünf  Hüllen, z.B. des vedanta. Dort haben wir annamayakosha, die materielle Ebene, und dann pranamayakosha, die Bioenergie, und dann manomayakosha, die Hülle des Geistes, dann vijnanamayakosha, die Hülle, die aus Seele besteht, und anandamayakosha, die Hülle des manifesten, kausalen GEISTES. Und sie alle erscheinen aus dem immer gegenwärtigen und Ungeborenen, das gleichzeitig in ihnen allen anwesend ist, und nichts von ihnen verursacht, sondern die Soheit von ihnen allen ist. In diesem Modell, welches man in Ost und West findet, von Plotin bis Aurobindo, ist es ziemlich klar: Materie und Quanten und Strings erscheinen alle aus einem unermesslichen Ozean von prana, dem pranamayakosha, der Hülle der Bioenergie. Für mich ergibt das Sinn innerhalb eines Gesamtbildes ... Man es auch auf eine evolutionäre Weise interpretieren. Ich arbeite mit diesem Modell seit Jahrzehnten und habe das nicht erfunden. Seit meinen ersten Kritiken am holografischen Paradigma, den Dao-Physiken, den tanzenden Wu Li Meistern und all diesen Ansätzen habe ich im Wesentlichen immer die gleiche Kritik vorgetragen, die sich in den letzten 20 Jahren nicht geändert hat.  


Quelle: Online Journal Nullnummer (00)