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25.9.2017 : 18:54 : +0200

Entwicklung (Vertiefung)

Das Thema "Entwicklung" ist von einer enormen Komplexität, und die wissenschaftliche Untersuchung des Phänomens, dass wir in einem sich entwickelnden Universum leben, und wir selbst auch ein Produkt dieser Entwicklung sind, hat wissenschaftshistorisch erst vor relativ kurzer Zeit begonnen. Was in vielen Kulturen der Welt über Jahrhunderte durch den Mythos einer Heldenreise überliefert worden ist, als eine frühe Intuitionen des menschlichen Entwicklungsweges, können wir unter Zuhilfenahme der modernen Wissenschaften immer besser verstehen.

Einige Aspekte davon sind:

  • der Transzendenz des Entwicklungsweges (und des Bewahrens von Bewährtem) hin zu immer höheren Entwicklungsstufen und Dimensionen,
  • die wichtige Unterscheidung zwischen Zustands- und Stufenentwicklung, als eine Differenzierung des mystischen Entwicklungsweges und des psychologischen Strukturweges
  • die ebenso bedeutende Unterscheidung unterschiedlicher Linien oder Kompetenzen der Entwicklung
  • die Aufdeckung von Schattenaspekten, die auf dem Entwicklungsweg individuell und kollektiv zurückgelassen wurden, als einer „Reise in die Unterwelt“ und des Unbewussten
  • die perspektivische Differenzierung von individueller, kollektiver, innerlicher und äußerlicher Entwicklung (den Quadranten) und
  • die typologische Reise hin zu mehr „horizontaler“ Vielfalt auf allen Entwicklungsebenen

Diese und andere Themen werden durch die Beiträge dieser Page vertiefend behandelt.

Übersicht über die Beiträge zu diesem Thema:

5 Gründe, warum wir nicht erleuchtet sind

5 Gründe, warum wir nicht erleuchtet sind

Ken Wilber, the loft series

 

Dies ist ein interessantes Thema. Die esoterischen Traditionen sagen übereinstimmend, dass buchstäblich nichts anderes als GEIST existiert. Und sie alle müssen daher eine Theorie oder eine Doktrin über Maya und Illusion haben – um zu erklären, dass wenn es nichts außer GEIST gibt, warum das niemand weiß oder erkennt. Was steckt dahinter, worin besteht das illusionäre Unterfangen, das es möglich macht diese absolute und radikale Tatsache zu verpassen? Es gibt Duzende von Erklärungen, und ich beschäftige mich hier mit fünf einflussreichen Hauptbegründen, die dafür gegeben werden.

Die erste ist die des Madhyamaka von Nagarjuna. Es ist die erste der nichtdualen Traditionen, und es ist die erste, die diese Frage stellt. Das religiöse Engagement bis zu dieser Zeit, der Achsenzeit, basierte auf der Vorstellung von Leid, Entfremdung, Sünde und Trennung. Jegliche Manifestation als die Welt der Formen war dabei die Ursache des Leidens. Samsara war gekennzeichnet durch Dukkha, also Leiden. Man wird in Sünde und Leid geboren, und um aus dem Leid herauszukommen und zur Befreiung zu gelangen, musste man die manifeste Welt hinter sich lassen und zum Unmanifesten gelangen. Man musste dauerhaft zum nirvikalpa samhadi gelangen, einem Zustand von nirodha, als die absolute, reine und unmanifeste Verlöschung [absorption]. Dies bedeutet etwa, sein Leben in einem Zustand tiefen traumlosen Schlafes zu verbringen, alles andere half nicht. Und natürlich gibt es im tiefen traumlosen Schlaf keinen Schmerz, kein Verlangen, kein Ego, kein Leid – da ist nichts. Dies war, auf die eine oder andere Weise, das Ziel der großen Religionen der Achsenzeit, es war das Ziel von Patanjalis Yogasutra, wo Leid als Geistesbewegungen definiert wurde, und wo es darum geht in eine absolute Unbewegtheit des Geistes zu gelangen, eine formlose Verlöschung. Dies ist eine merkwürdige Situation, die es überall auf der ganzen Welt gab. In diesem Zustand unmanifester Verlöschung fand man den reinen unbegrenzten GEIST. Doch dieser GEIST war ohne jegliche Eigenschaften, ohne jegliche Form, ohne jegliche Charakteristik, eine radikal nicht-beschreibbare unermessliche Leerheit.

 

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Wilber Phase V. – Integrale Spiritualität – das Buch

Wilber Phase V. – Integrale Spiritualität – das Buch

Auszüge aus dem Telefon-Interview mit Ken Wilber

Von der Tagung des IF am 24.11.2007

Transkription: Cindy Lorenz


Übersetzungen: Jörg Perband, Uli Vogel, Rainer Weber

Interview und Lektorat: Monika Frühwirth

 

MF: Genug aufgewärmt! (Ken lacht). Jetzt kommt der schwierige Teil. Du sagst (in Integrale Spiritualität), dass Stufen einander einschließen, während Zustände einander ausschließen – man kann nicht gleichzeitig betrunken und nüchtern sein. Was ist nun der Prozess und der Zusammenhang in der Entwicklung von Strukturstufen und Zuständen?

Ken: Richtig. Ich denke, das Wichtigste, das was wir beachten sollten, ist, dass wir letztlich die Beziehung unseres reinen
ICH BIN, unseres reinen Selbst oder unserer reinen nondualen ultimativen Realität betrachten und seine Beziehung zu den verschiedenen Zuständen und Strukturen. Die wesentliche Aussage über Zustände ist, dass diese großen, weiten Bewusstseinszustände des Wachens, Träumens und Tiefschlafs oder grobstofflich, subtil und kausal, alle erfahrbar sind. Sie alle haben einen Anfang, eine Mitte und ein Ende. Die Zustände selbst schließen einander aus. Man kann nicht gleichzeitig in einem Traumzustand und in einem traumlosen, formlosen Zustand sein. Das ist trifft sogar zu, nachdem man erleuchtet ist.

Die aus
 vertikaler Entwicklung resultierende Freiheit
ist eine Freiheit, Perspektiven einzunehmen.

 

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Ein Wegweiser zum Erkennen von Selbsttäuschungen

Ein Wegweiser zum Erkennen von Selbsttäuschungen

von Ken Wilber

(aus: Integral Life, The Loft Series, The Seeker's Guide to Self-Deception, die Zwischenüberschriften wurden zur besseren Lesbarkeit hinzugefügt)

Einleitung der IL Redaktion

Ken Wilber spricht über die vielen Arten des Selbst, das Wesen von Erleuchtung und das Spektrum der Täuschungsmöglichkeiten, das uns davon abhält zu erkennen wer wir wirklich sind.

Auf unserer Reise des Aufwachens [Zustandsweg] und Aufwachsens [Strukturweg] begegnen wir einer Reihe von Selbsten. Allein in diesem Gespräch erwähnt Ken zehn davon:

Das ultimative Selbst [Ultimate self], das einzigartige Selbst [unique self], das wahre Selbst [True self], das relative Selbst [relative self], das unbegrenzte Selbst [infinite self], das authentische Selbst [authentic self], das falsche Selbst [false self], das endliche Selbst [finite self], das wirkliche Selbst [Real self] und das Ego [ego]. Als wenn die Struktur- und die Zustandsentwicklung nicht schon genug wären, müssen wir uns auch noch mit diesen Selbsten beschäftigen, von denen jedes darum ringt gesehen zu werden, sich auszudrücken, und sie alle müssen zusammengebracht werden, wenn wir als ein einheitlicher Mensch auf unserem Entwicklungsweg voranschreiten wollen. Was könnte uns auf diesem Weg ein guter Reiseführer sein, der uns auf die vielen Möglichkeiten der Selbsttäuschung und des sich Verlierens hinweist, der uns dazu einlädt aufrichtig mit uns selbst zu sein, und uns auch immer wieder zu uns selbst zurückführt, zu unseren Größen und Grenzen?

In einer außergewöhnlichen Tour nimmt uns Ken Wilber mit auf die Reise, geleitet von einer Kartografie der Selbste, die es jedem Suchenden ermöglicht über die Gravitation der eigenen Selbsttäuschungen hinaus zu gelangen.

Zuerst bringt uns Wilber dabei zurück zum ursprünglichen Ziel der mystischen Traditionen: der Verwirklichung des einzigartigen Selbstes, als einer Einheit von wahrem Selbst plus Perspektive – als einer Kultivierung einer lebendigen Erkenntnis des Selbst als einem Nicht-Selbst in einem absoluten Sinn, ohne dabei das Selbst, das im relativen Bereich existiert, zu übersehen. Dann erläutert er ganz detailliert die dreifache Konstruktion des relativen Selbst in einer einfachen Gleichung: Falsches Selbst + Schatten  = authentisches Selbst. Dieses authentische Selbst ist das Ziel vertikalen Wachstums und Transzendenz, das Ergebnis des Aufwachsens, und es ist das was die individuelle Perspektive zum einzigartigen Selbst beiträgt.

Doch die spirituellen Traditionen verwechseln oft das authentische Selbst mit der Selbstkontraktion oder dem Ego, welches als das größte Hindernis der Verwirklichung diffamiert wird. Das macht die Situation nicht nur fürchterlich kompliziert, sondern es verhindert auch das Erscheinen des authentischen Selbst insgesamt – zu einem SELBST das sowohl voll erwacht als auch voll erwachsen und entwickelt ist. Wenn dieses Problem erkannt, und die Beziehung zwischen dem falschen und dem authentischen Selbst verstanden wird, können wir gleichzeitig und frei beide Wege beschreiten: den einen Weg zum Erkennen des wahren Selbst in einem absoluten Sinn, und den anderen Weg hin zu einem authentischen Selbst in einem relativen Sinn.

 

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Entwicklung und Vererbung

Entwicklung und Vererbung

von Michael Habecker

Wir stehen als endliche Wesen in Traditionen, ob wir diese Traditionen kennen oder nicht, ob wir uns ihrer bewusst sind oder verblendet genug sind zu meinen, wir fingen neu an – das ändert an der Macht der Traditionen über uns gar nichts. Wohl aber ändert es etwas für unsere Einsicht, ob wir den Traditionen, in denen wir stehen, und den Möglichkeiten, die sie uns für die Zukunft gewähren, ins Gesicht sehen oder ob man sich einbildet, man könne sich von der Zukunft, in die wir hineinleben, abwenden und uns neu programmieren und konstruieren.

Hans-Georg Gadamer

 

Bei der Diskussion des Begriffs „Entwicklung“ steht oft die Progression und das (revolutionär und evolutionär) Neue im Vordergrund, oft in Verbindung mit dem Zurücklassen und auch Zurückweisen des (oder sogar alles) Bisherigen. Doch das ist nicht die Art und Weise wie Entwicklung funktioniert. Statt das Gewachsene zu zerstören wird darauf aufgebaut, Stück für Stück und Stufe für Stufe. Dabei wird nicht alles mitgenommen auf dem Weg, aber doch sehr viel mehr als viele (R)evolutionäre meinen. Transzendiere und bewahre bedeutet auch zu bewahren, um ein Fundament zu haben auf dem Neues aufbauen kann, einschließlich notwendiger Reparaturarbeiten all dessen, was auf dem bisherigen Entwicklungsweg schief gelaufen ist. Dies ist das Thema des Exzerpt A, wo Ken Wilber die Dynamik von „kosmischer Vererbung“ als der Weiterreichung „kosmischer Gewohnheiten“ erklärt und beleuchtet.

 

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Entwicklungsverständnis entwickeln – eine Einladung zu mehr Verantwortung im Umgang mit Entwicklungseinschätzungen

Entwicklungsverständnis entwickeln – eine Einladung zu mehr Verantwortung im Umgang mit Entwicklungseinschätzungen

von Michael Habecker (auf Basis einen E-Learning Kurses von IntegralLife)

Teil 1 Einleitung der Redaktion

Das Thema Entwicklung steht bei Ken Wilber seit Beginn seines Schreibens ganz oben auf der Tagesordnung. Dabei hat er sich immer auf ein umfangreiches und andauerndes Studium der entsprechenden Forschung und Literatur gestützt, die er dann auch, zumindest auszugsweise, im Literaturverzeichnis seiner Bücher aufführte. Eine typische Darstellung dieser Art sind die Übersichten in Integrale Psychologie, in denen Wilber die Arbeit von Dutzenden von EntwicklungsforscherInnen in verdichteter Form zusammengefasst hat. Darüber hinaus hat Wilber auch, besonders in seinen mündlichen Beiträgen, auf vereinfachende Darstellungen und Formulierungen zurückgegriffen, darauf vertrauend, dass seine Zuhörer- und Leserschaft sich der eigentlichen Komplexität der Thematik bewusst ist und bewusst bleibt. Doch mal ehrlich, wer macht sich schon die Mühe Literaturverzeichnisse und Primärliteratur zu studieren, wenn es doch auch sehr viele einfachere Möglichkeiten von Entwicklungseinschätzungen gibt, z. B. aufgrund eines einzigen einfachen Modells mit ein paar Farbkennzeichnungen, das von sich behauptet „alles zu erklären[1]“? Derartige Simplifizierungen können zu einem Problem werden, besonders in der integralen Szene, ein Problem, auf das Wilber immer wieder hinweist.

In einem auf www.IntegralLife.com veröffentlichten Beitrag (Sie denken, Sie haben Entwicklung verstanden? Denken Sie lieber noch mal drüber nach) wird dieses Problem nun konkret thematisiert, und es werden Wege zu einem tieferen und anspruchsvolleren [more sophisticated] Verständnis von Entwicklung aufgezeigt. Diesen Beitrag, der in Form eines E-Learnings veröffentlicht wurde, geben wir in der Folge als ein Transkript wieder. Die einzelnen Kapitel entsprechen dabei jeweils einer Lektion des E-Learnings.

Dabei geht es u. a. um Folgendes:

  • Wir alle treffen subjektiv-intuitive Einschätzungen hinsichtlich von Entwicklung. Auch wenn wir das von uns weisen – „ich mache keine Wertunterscheidungen“ – so implizieren wir damit, dass das Unterlassen von Wertunterscheidungen besser ist (und damit einen höheren Wert hat) als derartige Unterscheidungen zu treffen. Diese unsere intuitiven Einschätzungen sind kein Problem an sich, wenn wir uns ihrer Subjektivität und ihrer Begrenztheit bewusst sind.
  • Wie und auf welcher Grundlage treffe ich selber meine Entwicklungseinschätzungen? Dieser Frage sollten wir nachgehen, und dazu bietet der nachfolgende Beitrag viele Anregungen. So gibt es beispielsweise unterschiedliche Kriterien, nach denen wir (meist unbewusst) eine Einschätzung vornehmen können (wie Vokabular, Struktur einer Aussage oder eines Verhalten, Inhalte, Länge von Äußerungen oder Beiträgen, Perspektiveinnahmen). Je nachdem, welche Kriterien wir in einer Situation anlegen, kommen wir zu eventuell ganz unterschiedlichen Entwicklungsaussagen. Dies wird nachfolgend erläutert.
  • Sich mit den eigenen Einschätzungen konfrontieren: Im Abschnitt Testen Sie Ihre Entwicklungsintuition können wir anhand von konkreten Beispielen aus der Entwicklungspsychologie unsere Entwicklungsintuition einschätzen. Dazu empfiehlt es sich, die einzelnen Texte der drei Übungen auszudrucken, auszuschneiden, und dann vor sich hin- und herzuschieben, und dabei so bewusst wie möglich darauf zu achten, was in einem selbst vor sich geht, wenn man versucht die Texte nach einem Entwicklungsrang zu ordnen („hier formuliert jemand komplexer, also ist er oder sie weiter entwickelt“, oder „hier wird ein traditioneller Gedanke ausgedrückt, und der ist weniger weit entwickelt“). Dieser Vorgang des sich Bewusst-Werdens eigener Bewertungshintergründe ist wichtiger als das Herausfinden der Lösung. (Wer wissen möchte, ob er oder sie die richtige Lösung gefunden hat, kann direkt auf www.integrallife.com den Test durchführen.)
  • Wissenschaftliche Entwicklungseinschätzungen sind enorm komplex und auch anspruchsvoll. Dennoch sollten wir uns der Mühe unterziehen, unterschiedliche Entwicklungsmodelle nicht nur zusammenfassend bei Wilber oder anderen, sondern in der Originalliteratur zu studieren, einschließlich der Methodiken, durch welche diese Modelle zustande gekommen sind.
  • Entwicklungseinschätzungen gründen sich idealerweise auf einen Dialog. Oft sagt die Begründung einer Aussage oder eines Verhaltens sehr viel mehr über den Entwicklungsstand eines Menschen aus als die Aussage oder das Verhalten selbst. Um Begründungen zu erfahren muss ich jedoch in einen Dialog mit einem Menschen eintreten. (Beispiele dazu nachfolgend)

Wir können es nicht vermeiden, uns selbst, andere und das Leben in seinem Fortgang laufend einzuschätzen. Dies ist ein Wesensteil eines sich entwickelnden Kosmos, und darin liegt eine große Verantwortung. Das Unrecht und Leid, welches Menschen anderen Menschen aufgrund von falschen dogmatischen Entwicklungseinschätzungen angetan haben, ist grenzenlos. Wir sind alle eingeladen, in diesen Bereich unseres Wissens und Seins mehr und mehr Bewusstheit, Verantwortung und Liebe zu bringen. Dazu dient der folgende Beitrag.

 

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Selbst-Entwicklung: 9 Stufen zunehmenden Erfassens

Selbst-Entwicklung: 9 Stufen zunehmenden Erfassens

Eine detaillierte Beschreibung der aufeinander folgenden Stufen der Ich-Entwicklung.

 

Übernommen und erweitert aus S. Cook-Greuter (1985).

Vorveröffentlichung, nicht zitierfähig ohne Genehmigung der Autorin.

Stand August 2008.


Übersetzt von B. Unmüssig, 2008. Unterstützt von S. Student, M. Habecker.
Erweitert von S. Cook-Greuter.

 

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Phasen, Zyklen, Strukturstufen und der „Gang der Weltgeschichte“

Phasen, Zyklen, Strukturstufen und der „Gang der Weltgeschichte“

von Michael Habecker

Teil 1: Einleitung und Einführung

In dem von Ken Wilber entwickelten integralen Modell als einem Orientierungsrahmen für unser Wissen und Sein spielt Entwicklung eine bedeutende Rolle. Zwei der fünf AQAL[1] Elemente beziehen sich auf Entwicklung, und zwar die Entwicklungsebenen und die Entwicklungslinien. Diese beiden Aspekte nehmen Bezug auf eine stufen- oder wellenartige vertikale Strukturentwicklung, hin zu immer mehr Bewusstheit und Komplexität, und wirken auf alle AQAL Elemente: Entwicklung kann in den Perspektiven der Quadranten verfolgt werden (innerlich, äußerlich, individuell, kollektiv), sie begleitet uns in den Zuständen des Seins und sie ist auch typologisch geprägt (maskulin/feminin). Außerdem unterscheidet Wilber in seinem jüngeren Werk noch einen Zustandsweg des Erwachens, als einen Entwicklungsweg der Bewusstwerdung durch die Hauptzustände des Seins. Was es außerdem noch gibt, was jedoch bei einer Konzentration auf die fünf AQAL Elemente leicht übersehen werden kann, ist das Vorhandensein sogenannter zyklischer oder periodischer, und damit horizontaler Entwicklung[2]. Nicht immer, aber manchmal schon, wird dieses Geschehen mit dem Begriff „Entwicklung“ bezeichnet, aber wie auch immer man es bezeichnet, Zyklen, Perioden oder Rhythmen spielen eine enorme Rolle in unserem Leben und im Universum insgesamt, und zwar von Anfang an. (Siehe hierzu die Anlage 1 Zeitalter zu diesem Text). Es gibt physiologische, biologische, geologische, jahreszeitliche, wirtschaftliche und kulturelle Zyklen und Rhythmen, um nur ein paar Gruppen zu nennen. Am Beispiel der Erdbewegung kennen wir die Eigendrehung als den Tag/Nacht Rhythmus, die Bewegung des Mondes um die Erde als den Monatszyklus, die Bewegung der Erde um die Sonne als den Jahreszyklus mit den Jahreszeiten, die Planetenbewegungen als astronomische (bzw. astrologische) Zyklen, die Präzessionsbewegung der Erdachse als das Platonische Jahr (von etwa 25.700 bis 25.800 Jahren), und schließlich noch die Bewegung unseres Sonnensystems um das Zentrum unserer Heimatgalaxie mit einer Umlaufperiode von etwa 230 Millionen Jahren. Und sogar die Lebensdauer unseres Universums, so wird spekuliert, könnte einer Rhythmik unterliegen, z.B. dem zwischen Urknall und Endknall, wo alle Objekte sich „am Ende“ immer schneller voneinander entfernen und nicht mehr in Wechselwirkung treten können. Dieses finale „Zerreißen“ wird als „Knall“ bezeichnet, weil man annimmt, dass die Geschwindigkeit der Raumentstehung ab einem bestimmten Punkt explosionsartig divergiert. Oder es kommt zu einem „Big Crunch“, bei dem das Universum unter der Einwirkung der Schwerkraft kollabiert, um dann erneut in einem Urknall neu geboren zu werden.

 

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Karma, Kreativität und spirituelle Lebendigkeit

Karma, Kreativität und spirituelle Lebendigkeit

 

von Michael Habecker

… aber was Strukturen wirklich auszeichnet, ist ihre Eigenschaft, einem sich entwickelnden Kosmos die notwendige Stabilität zu verschaffen. Sie sind das „Karma“, auf dem alle Kreativität aufbaut. Daher sind Strukturen relativ widerstandsfähig gegen Veränderungen, und manche von ihnen sind seit Millionen oder sogar Milliarden von Jahren stabil.

Ken Wilber, Exzerpt D

 

Wir leben nicht nur in einem sich ständig verän­dernden Univer­sum, sondern wir leben in einem sich entwickelnden Universum. Das ist nur möglich, weil das Universum und damit auch wir selbst nicht nur ständig Neues kreiert und gebiert, sondern weil es auch, von Anbeginn an, Bleibendes und Dauerhaftes schafft, auf dem Neues erst aufbauen kann. Der zweite Band der geplanten Kosmos-Trilogie von Ken Wil­ber, der nur in Auszügen (Exzerpten) vor­liegt, trägt den Arbeitstitel Cosmic Karma and Creativity und betont diese Dynamik von Bleibendem und Veränderung, Be­wahren und Transzendieren, Schicksal und freiem Willen, Vergangenheit und Zukunft (die sich in der Gegenwart be­gegnen), Tradition und Progression oder eben Karma und Kreativität. Wie bei ei­nem Turm aus Bauklötzern kommt in jedem Augenblick beides zusammen, das bisher Geschaffene und Gewachsene und die Möglichkeit eines neuen Bausteins, der aber nicht irgendwo platziert werden kann, sondern, wenn er höher hinaufrei­chen möchte als seine Vorgänger, immer nur auf die bereits gewachsene und be­stehende Basis gestellt werden kann.

 

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AQAL Farben – die neue Symbolik

AQAL Farben – die neue Symbolik

Auszug aus dem Telefoninterview mit Ken Wilber auf der Tagung des Integralen Forum e.V. in Frankfurt 2005.

Transkription und Übersetzung: Editha Salisbury

 

Monima Frühwirt: Es ist mir aufgefallen, dass Sie in einem der neueren Texte eine andere Farbsymbolik verwenden – z. B. „Bernstein“ an Stelle von „Blau“. Was war der Auslöser dafür?


Ken Wilber: Ausgelöst wurde es durch den Linien-Absolutismus von Leuten, die mit Spiral Dynamics arbeiten. Die Sache ist völlig außer Kontrolle geraten. Don (Beck) und Chris Cowan haben beide großartige Arbeit geleistet, indem sie Clare Graves sog. „Wertesysteme“ einem breiteren Publikum zugänglich und verständlich gemacht haben. Als ein einfaches Modell zur Einführung, hat mir Spiral Dynamics wirklich gut gefallen. (Deswegen habe ich in „Ganzheitlich Handeln“ auch darüber geschrieben – was Spiral Dynamics enorm bekannt gemacht hat.) Don und Chris meinen jedoch, Spiral Dynamics sei das einzig zutreffende Modell – und das stimmt nun einfach nicht!

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Evolutionäre Spiritualität und Entwicklung

Evolutionäre Spiritualität und Entwicklung

Theresa von Avila

Michael Habecker, Sonja Student

Die Prämoderne: Veränderungen, Zyklen und Schöpfungsmythen

Zu den frühesten „philosophischen“ Menschheitserfahrungen gehört die Erfahrung, dass sich die Dinge ändern – nichts bleibt wie es ist, weder innerlich noch äußerlich. „Alles fließt“ (Heraklit)

Eine ebenso frühe Erfahrung bestand darin zu sehen, dass es Zyklen wie die Jahreszeiten gibt, bei denen sich Ereignisse wiederholen, und die Veränderbarkeit der Welt in einem gewissen Rahmen vorhersagbar ist. Auf den Frühling folgt der Sommer.

Ein weiterer Meilenstein in der Erklärung und Beschreibung der Veränderbarkeit der Welt und des Lebens ist die Idee oder Intuition einer Kombination von Veränderung und Richtung. Die Dinge oder Ereignisse verändern sich in eine bestimmte Richtung – und nicht umgekehrt. Dynamisiert man beispielsweise die große Kette des Seins, das gemeinsame Erbe der religiösen Traditionen der Welt, von Materie zu (biologischem) Leben zu Geist zu Seele zu Geist, und stellt sie in einen Zeitablauf, erhält man eine Entwicklungsabfolge der Schöpfung. Andere Phasen- oder Zeitaltermodelle sehen den Weltenlauf in einem unveränderbaren und vorgegebenen Ablauf aufeinanderfolgender Perioden wie den 4 Yugas des Hinduismus (Das Krita-Yuga, das Treta-Yuga, das Dvapara-Yuga und das Kali-Yuga). Joachim von Fiore (ca. 1130 – 1202) unterscheidet 3 Zeitepochen: die Zeit des Vaters (Altes Testament), des Sohnes (beginnt mit dem Neuen Testament und endet nach seiner Vorhersage 1260) und die des Heiligen Geistes. Die sechs biblischen Schöpfungstage gehören ebenfalls zu den Schöpfungsmythologien. Viele derartige „Entwicklungsmodelle“ entstanden in der mythologischen Menschheitsepoche aus einem religiösen Weltverständnis heraus, das dem Schöpfungsverlauf eine bestimmte Richtung und damit auch einen Sinn gibt. Diese Richtung kann aufwärts (evolutionär, vom Niederen zum Höheren) oder abwärts (devolutionär im Sinne von Niedergang) bzw. involutionär (von Höheren zum Niederen) gerichtet sein.

Ein weiterer Meilenstein für den Entwicklungsgedanken ist die Entstehung eines historischen Bewusstseins sowohl für das einzelne Individuum wie auch für die gesamte Menschheit – woher komme ich (wir), wohin gehe ich (wir)?

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Ken Wilber: Die Architektur des Wachstums

Ken Wilber: Die Architektur des Wachstums

(Quelle: Integral Naked, An Interview with Myriades Teil 4)


Frage: Ich möchte dich fragen, wie du das machst, wenn du ein Buch schreibst wie beispielsweise Eine kurze Geschichte des Kosmos. Es hat eine evidente, logische Struktur, die Argumentation ist sehr fundiert und rational, wie geht das?

KW: Was man mit einem Buch wie Eine kurze Geschichte des Kosmos macht ist, zu Menschen durch die drei großen Entwicklungsstufen zu sprechen, und zwar die mythisch-traditionelle Stufe, die rational-moderne Stufe, und die postrational-postmoderne Stufe. Man versucht, aus allen drei dieser Stufen heraus zu sprechen, z. B. in dem man Schlüsselworte verwendet, die eine Resonanz zu diesen Stufen haben. Für die traditionelle Stufe sind das grundlegende Prinzipien, Sicherheiten und absolutistische Wirklichkeiten. Für die moderne Stufe sind das Logik und Beweise. Hier geht es um Beweisbarkeit, um Fakten und um logische Argumente. Die Postmoderne hingegen möchte die Innerlichkeiten mit aufnehmen und die Aufmerksamkeit auf die Subjektivität lenken, als einem zentralen Aspekt von Wirklichkeit. Ich versuche daher durch und zu allen diesen drei Ebenen zu sprechen, und man vermeidet dabei Begriffe oder Themen, die für die jeweiligen Ebenen ein „rotes Tuch“ darstellen. Für die traditionelle Ebene – das ist die Ebene, über die ich mir am wenigsten Sorgen mache, weil es nur wenige Menschen auf dieser Entwicklungsstufe gibt, die sich für integrale Ansätze interessieren –, doch es gibt diese Menschen, und daher möchte ich hierzu eine kurze Anmerkung machen: Worauf wir bei einem integralen Ansatz achten ist die Tatsache, dass Menschen „multiple Intelligenzen“ haben. Diesen Begriff hat Howard Gardner vorgeschlagen, und er bedeutet, dass Menschen unterschiedliche Entwicklungslinien bzw. unterschiedliche Fähigkeiten haben. Man kann etwa ein Duzend davon unterscheiden, einschließlich kognitiver Entwicklung, moralischer Entwicklung, ästhetischer Entwicklung und Selbstentwicklung. Es gibt zwei wichtige Entwicklungslinien, die eine Schlüsselfunktion dabei haben, und eine davon ist die kognitive Entwicklungslinie, die beschreibt, was ein Mensch zu denken in der Lage ist, was seine Ansichten sind, die Anzahl von Perspektiven, die jemand in der Lage ist einzunehmen, das Bewusstsein, das jemand hat. Und das andere ist die Selbst-Entwicklungslinie. Das Selbst ist der Bewusstseinsschwerpunkt, aus dem ein Mensch heraus handelt. Die kognitive Linie ist das Reden [talk], und die Entwicklungslinie des Selbst ist das Handeln [walk]...

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Vom munteren Dreck zur Poesie

Vom munteren Dreck zur Poesie

W. James und J.M. Baldwin

[Quelle: Ken Wilber, IntegralSpiritualCenter, vom frisky dirt to poetry]

Die Idee [und Unterscheidung] von Strukturen des Bewusstseins und Zuständen des Bewusstseins hat eine unglaubliche Bedeutung. Strukturen können im Allgemeinen durch Introspektion nicht erkannt werden, sie können jedoch erkannt werden durch Methodiken der Zone 2, wie den Strukturalismus oder Neostrukturalismus, Genealogie oder Entwicklungsstrukturalismus, und diese Methodiken reichen zurück bis zu den großen deutschen Idealisten.

William James und James Mark Baldwin

Der erste große Entwicklungspsychologe war der Amerikaner James Mark Baldwin. Er war ein Zeitgenosse von William James, und ein ebenso großes wenn nicht noch größeres Genie. William James war ein Pionier der Untersuchung von Bewusstseinszuständen, diese sind in gewisser Weise einfacher zu untersuchen als die Bewusstseinsstrukturen. James Buch Die Vielfalt religiöser Erfahrung ist ebenso genial wie die Bücher und Forschungen von James Mark Baldwin. Übrigens ging Baldwin am Ende seines Lebens nach Paris und lehrte dort, und einer seiner Studenten war ein Schweizer Psychologe namens Jean Piaget. Kohlberg hat darauf hingewiesen, dass Piaget die meisten seiner bahnbrechenden Ideen von James Mark Baldwin übernommen hatte. Das Erstaunliche bei Baldwin ist, dass er mindestens schon drei Entwicklungslinien beschrieb, die dem Wahren, dem Schönen und dem Guten entsprechen, oder Wissenschaft, Moral und Kunst, und jede dieser Linien entwickelt sich bei ihm durch sechs oder sieben Entwicklungsebenen. Die höchste dieser Ebenen nannte er selbst „kosmisches Bewusstsein“. Wir haben hier also schon Entwicklungslinien und Entwicklungsebenen, bis hinauf zum kosmischen Bewusstsein. Das ist absolut brillant. Ich wünschte mir, ich hätte schon früher von Baldwin erfahren, weil ich mir dann vieles, was ich auf die harte Tour selbst herausfinden musste, erspart hätte. Er spricht schon im Zusammenhang von Ebenen und Linien von Strukturen, und Strukturen sind [im Unterschied zu Zuständen] wesentlich schwieriger zu erkennen, weil man sie nicht durch die Innenschau erkennt. Das geht bei Zuständen, dem Wachzustand, Traumzustand, traumlosen Tiefschlaf, hypnotischen Zuständen, Drogenzuständen, usw. [aber nicht bei Strukturen]. Verfolgt man jedoch die eigenen Zustände und trainiert diese, dann kann man erkennen, wie sie sich stufenweise entfalten. Die meisten der großen kontemplativen Schulen der Psychologie haben Beschreibungen über diese Zustandsstufen, und diese sind sehr wichtig. Doch was Baldwin herausgefunden hat, sind Strukturen des Bewusstseins, er war der Erste, der psychologische Strukturen beschrieben hat. Unglücklicherweise lädt das Wort „Struktur“ zur Zerstörung [destruction] ein, jedenfalls in den Händen der Postmodernisten. Die Studenten im Mai 68 schrieben am Anfang der Studentenrevolte und Bürgerrechtsbewegung an die Häuserwände „nieder mit dem Strukturalismus“. In Amerika sagte man dazu „nieder mit dem System“, das war die gleiche Vorstellung. Eine Struktur ist jedoch keinesfalls eine rigide und lineare Stufenabfolge. Was Struktur eigentlich bedeutet, ist ein dynamisches, stabiles holistisches Muster. Was Piaget mit Strukturalismus bezeichnete, hätte er besser „Holismus“ genannt, weil das besser die dafür charakteristischen ganzheitlichen operationalen Muster beschreibt. Man kann diese Strukturen erst verstehen, wenn man ihre holistischen Transformationsregeln versteht, auf denen sie gegründet sind. James Mark Baldwin war der Erste, der das herausgefunden hat, eine brillante Leistung.

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Zustandsstufen und Strukturstufen - eine Spurensuche

Zustandsstufen und Strukturstufen - eine Spurensuche

(aus: Ken Wilber, Einfach DAS)

Michael Habecker

Eines der ganz großen Durchbrüche im Verstehen dessen, was Bewusstseinsentwicklung ausmacht, ist Wilbers Unterscheidung zwischen Zustandsstufenentwicklung (ein Erwachen in den Hauptzuständen des Seins – grobstofflich, subtil und kausal und nichtdual) und Strukturstufenentwicklung (durch die Strukturen des Bewusstseins wie archaisch, magisch, mythisch, rational, pluralistisch) usw. Was das genau bedeutet, beschreibt er erstmals ausführlich in Integrale Spiritualität, und eine noch genauere Beschreibung ist mit der angekündigten Veröffentlichung der Bücher Overview und Superview versprochen. Es gibt allerdings schon frühere Spuren dieser Einsicht in seinem Werk, und eine dieser Spuren findet sich in dem 1999 erschienenen Buch One Taste (Einfach DAS). Auf S. 361 stellt Wilber darin im Zusammenhang mit dem Übergang von seiner Schaffensphase II zur Schaffensphase III, als einer Unterscheidung unterschiedlicher Entwicklungslinien, die nebeneinander verlaufen, die Strukturstufenentwicklung anhand eines einfachen „Integralen Psychogramms“ in einer Abbildung (Nr. 5) wie folgt dar:

Abb. Integrales Psychogramm

 

Wilber schreibt dazu

Diese beiden Diagramme [er stellt das Psychogramm auch noch als Kreisform dar], die ich „integrale Psychogramme“ nennen möchte, zeigen den Verlauf der verschiedenen Entwicklungslinien (oder -ströme) durch die verschiedenen Ebenen (oder Wellen) der Großen Verschachtelung. Wie man sieht, kann man auf manchen Ebenen eine höhere, transpersonale oder „spirituelle“ Ebene erreicht haben und auf anderen nur eine personale oder „psychologische“ Ebene ... Das Selbst oder Selbst-System dirigiert alle diese Strömungen und Wellen und muss versuchen, zwischen ihnen einen Ausgleich und eine gewisse Harmonie herzustellen. (S. 361)

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Stufen der Hingabe

Stufen der Hingabe

St. Teresas "Innere Burgen"

(aus: Integral Life Practice, p. 225 Ken Wilber, Terry Patten, Adam Leonard und Marco Morelli)

Theistische Mystik ruft eine Beziehung zu Gott hervor. Wie jede Beziehung, entfaltet sich auch diese ultimative Beziehung als ein Drama. MystikerInnen habe auf unzählige Weisen die Geschichte dieser ultimativen Beziehung erzählt. Sie sie alle beschreiben, wie die Leidenschaft des menschlichen Herzens erweckt und befreit wird durch ein Ringen auf Leben und Tod, mit dem Ziel der Vereinigung mit dem oder der GELIEBTEN. Viele dieser Erzählungen lesen sich wie folgt:

  1. Unwissenheit. Der Mensch beginnt seine Reise in Unbewusstheit, im Unglücklich-sein, in der Krise und unwissend.
  2. Unruhe. Der Mensch beginnt unzufrieden zu sein, und sich seines Leidens, seiner Verdammnis oder Entfremdung bewusst zu werden.
  3. Einsicht. Es beginnt metanioa, Reue, Erkennen – die Bewusstheit des Leidens und der Selbst-Kontraktion sowie der Wille und die Bereitschaft, Gewohnheiten zu überwinden und sich einer Praxis zu unterziehen, die das Selbst transzendiert. Manchmal führen diese Einsichten zu einer „Bekehrung“ zu einer Religion und ihrem Gründer (ihren Gründern). 
  4. Hingabe. Das Herz öffnet sich und wird bereit für eine Liebesbeziehung mit dem GEIST und allen Dingen; dies ist der Beginn eines Lebens in Hingabe und Dienst. Gnade wird erfahren, (als die Kraft und Macht göttlicher Segnungen). Dies wird manchmal auch als Rettung oder Heil [salvation] bezeichnet. Durch Hingabe und Demut wird Willensstärke entwickelt, Unangenehmes kann toleriert werden, und eine Schülerschaft entsteht, welche die Anhaftungen an das getrennte Selbst überwindet.
  5. Transformation. Eine Tortur und ein Leidensweg schließt sich an, der sich über Jahre und Jahrzehnte erstrecken kann. Dieser Weg beginnt  mit einer Reinigung innerhalb des normalen, am äußerlich grobstofflichen orientierten Leben. Dann begegnet man den unterschiedlichen subtilen Erfahrungen, mit Erlebnissen von Erleuchtung und Reinigung, und das Erleben erweitert sich zu einer stillen und leeren „dunklen Nacht“, zu einem Bereich jenseits von Licht und Seligkeit.
  6. Einsicht. Hier findet ein entscheidender Übergang statt, in dem man vom Traum des Lebens erwacht. Dies ist die spirituelle Verwirklichung, die manchmal auch mit „Erleuchtung“ bezeichnet wird.
  7. Vereinigung. Hier beginnt das höhere spirituelle Leben, und das umfasst das Verehren, Umarmen, Erwachen zum Dienst und zur Feier mit dem oder der göttlichen Geliebten, die nun in allen Menschen und Dingen gesehen werden.

Im höheren spirituellen Leben kann die Stufe 7 sich vertiefen, indem die darin enthaltenen Stufen 2-6 immer wieder durchlaufen werden.

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Liebe und Evolution

Liebe und Evolution

Ken Wilber und "Isaac"

Ken Wilber

[love and evolution, aus der Reihe “the loft series”, IntegralLife.com]

Was ich zuerst über Liebe sagen möchte, ist, dass es sich dabei nicht nur um eine menschliche Emotion handelt, sondern um eine metaphysische Kraft. Es ist Eros, der die Evolution antreibt. Es ist das, von dem Dante sagt, dass es die Sonne und die anderen Sterne bewegt. Mit dem Urknall treten unzählige Teilchen in Erscheinung, und einige von ihnen treffen aufeinander, kommen zusammen, und diese Quarks verbinden sich zu Atomen, und Atome verbinden sich zu Molekülen. Und dann irgendwann, und das ist ein absolutes Mysterium, gibt es diese langen Molekülketten, irgendwo, und es kommt der Zeitpunkt, wo sich einige von ihnen zusammentun, und sich um sie herum eine physische Grenze bildet, und es entsteht eine Zelle. Das ist ganz erstaunlich. Nach den Aussagen der Physik gibt es lediglich Zufallsereignisse und eigentlich keinen Grund dafür, dass etwas Derartiges geschieht. Die neodarwin’sche Vorstellung stellt dies als ein Zufallsereignis dar, das sich dann durch natürliche Selektion durchsetzt. Doch wie wahrscheinlich ist so etwas? Die Wahrscheinlichkeit, dass sich so etwas ereignet ist astronomisch klein, und es ereignet sich überall im Universum. Immer mehr Zellen bildeten sich, zu immer höheren Ganzheiten. Jede dieser Stufen der Entfaltung seit dem Urknall ist eine Transformation zu immer höherer Komplexität, Einheit und Ganzheit. Dahinter steht eine Kraft, ein Streben, das in das Universum eingebettet ist. Es ist Evolution als eine Selbstorganisation durch Selbsttranszendenz. Dieser Antrieb ist eine essentielle Kraft des Universums. Die Zellen haben sich gebildet, einige von ihnen kommen zusammen und es entsteht eine weitere physische Grenze um sie herum, und dadurch entstehen multizelluläre Organismen. In diesen bilden sich neuronale Netze, so dass diese Organismen beginnen in der Lage zu sein, etwas wahrzunehmen von dem, was um sie herum geschieht. Die ursprünglichen prokaryotischen Zellen werden darin aufgenommen, wie Viren und Protobakterien, die relativ einfach aufgebaut sind gegenüber späteren Zellen, die jedoch sehr viel komplexer sind als die einfachen Moleküle, aus denen sie bestehen. Die prokaryotischen Zellen werden transzendiert und bewahrt durch die komplexeren eukaryotischen Zellen, so dass auch wir heutigen Menschen diese Organellen in unseren Zellen haben, Mitochondrien zum Beispiel, als ein lebendiges Erbe dieses frühen „Transzendiere und Bewahre“, als kleine Zellen in den Zellen. Dies alles sind atemberaubende Zunahmen an Komplexität, Einheit und Ganzheit. Wir haben es hier mit einer Kraft im Universum zu tun, die gegen den Zufall arbeitet: eine Kraft, die das Gegenteil von Zufall ist, und diese Kraft ist Eros. Diese Kraft können wir in Begriffen der Sprache einer ersten, zweiten und dritten Person betrachten. Wir können sie in wissenschaftlicher Es-Sprache beschreiben als ein Antrieb zur Selbstorganisation, wir können sie in Du-Sprache als eine Zunahme von „Wir“ sehen, einer immer größeren Bewusstheit von Formen von Gemeinschaft, und wir können sie in Ich-Sprache als eine erste Person sehen, als eine Zunahme an Bewusstheit, die sich ihrer selbst immer bewusster wird. Diese multizellulären Organismen entwickeln sich ihrerseits immer weiter. Mit jeder Transformation gibt es einen höheren Grad an Komplexität, einen höheren Grad von Einheit, einen höheren Grad von Ganzheit, und immer spielt dabei die Zusammenführung oder das Zusammenkommen zahlreicher niedrigerer Holons eine Rolle, die sich zu einem einzigen höheren Holon zusammentun. Das führt zur Erschaffung eines ganz neuen Welt-Raumes. Dies geschieht seit Millionen von Jahren, immer höhere Einheiten, immer weiter. Und dann erreichen wir den Punkt, wo dieser Evolutionsprozess sich seiner selbst bewusst wird. Das ist ein weiterer großer Schritt im Universum, und wir wissen nicht, ob dies den Beginn des Endes des Universums kennzeichnet, oder ob es sich um eine ganz neue Art von Erwachen handelt. Menschen erscheinen auf diesem Planenten, mit verinnerlichten Formen des Eros in Form von Liebe, und eine von vielen Möglichkeiten sich diese Ebenen von Liebe vorzustellen ist Maslov’s  Bedürfnispyramide. Liebe drückt dort zuerst physiologische Bedürfnisse aus, dann Sicherheitsbedürfnisse, dann dehnt sich die Liebe weiter aus zu Zugehörigkeitsbedürfnissen, danach erscheinen Selbstwertbedürfnisse, die sich dann zu Bedürfnissen der Selbstverwirklichung erweitern. Auf all diesen Ebenen ist die Liebe jedoch noch orientiert an Mangelbedürfnissen. Ob es dabei um die Liebe zu einer Idee, einer Bewegung, einem Partner oder einer Partnerin geht, es geht dabei immer auch um ein Mangelerleben. Liebe auf diesen frühen Entwicklungsstufen ist Teil eines Spiels um den Mangel. Die Idee oder die andere Person wird dabei verantwortlich gemacht für die Erfüllung dieses Mangels, und als eine Notwendigkeit zur Behebung des eigenen Mangelerlebens. Dies ist der Ursprung für unzählige Dramen, die sich abspielen, wenn jemand das Gefühl hat, dass seine Bedürfnisse nicht erfüllt werden. Dieses Spiel ist endlos, und es ist das Wesen einer Liebe aus einem Mangel heraus. Doch die Entwicklung kann weiter gehen, hin zu den Entwicklungsstufen des second tier, wo es nicht um Mangelbedürfnisse, sondern um Seinsbedürfnisse geht. Erst hier kann Liebe wirklich in ihrer wahren Natur gesehen und erkannt werden, und das bedeutet in Fülle und Überfluss. Einheit und höhere Verbindungen werden jetzt aus einem Erleben von Überfluss und Überströmen angestrebt.

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Entwicklung, Selbste, Drehpunkte

Entwicklung, Selbste, Drehpunkte

Die Überarbeitung des Buches "Psychologie der Befreiung" im Licht von Wilber V

Dieses Transkript entstammt einem Mitschnitt einer Telefonkonferenz zwischen Ken Wilber und Autoren des Journals of Integral Theory and Practice (JITP, früher AQAL Journal).

Einleitung (von Michael Habecker) 

Eines der Themen an denen Ken Wilber arbeitet ist die Überarbeitung des Buches Psychologie der Befreiung im Hinblick auf die neu gewonnen Einsichten seiner Arbeit der letzten Jahre (Wilbers Phase V). Psychologie der Befreiung (Transformation of Consciousness) erschien erstmals 1988 in deutscher Sprache. Wilber setzt dort Entwicklungsstufen und mögliche Entwicklungsstörungen, verbunden mit entsprechenden Pathologien, miteinander in Beziehung. Dadurch wird erkennbar, auf welcher Entwicklungsebene eine bestimmt Störung entstanden ist, was die Auswahl geeigneter Therapiemaßnahmen erleichtert. Dieses Modell erweitert Wilber nun – in Stichworten – wie folgt:

  • Strukturstufen und Zustandsstufen, eine der bedeutenden Differenzierungen, die Wilber im Zuge von Wilber V vornimmt, werden nicht mehr „übereinander gestapelt“. Alle bisherigen Entwicklungsmodelle, einschließlich die des frühen Wilber[1], haben diese Differenzierung nicht vorgenommen, sondern lediglich eine Entwicklungsskala vorgegeben, bei der die unteren Stufen diejenigen der westlichen Entwicklungsforschung waren (z. B. archaisch, magisch, mythisch, rational, pluralistisch, integral), und die sich daran anschließenden höheren Entwicklungsstufen den östlichen Traditionen entnommen wurden (z. B. psychisch, subtil, kausal, nichtdual). Beides differenziert Wilber nun voneinander, da die westliche Forschung eine Strukturstufenentwicklung beschreibt, wohingegen die östlichen Traditionen die Entwicklung durch die Hauptzustände des Seins verfolgen. Beide Entwicklungswege bilden zwei relativ unabhängig voneinander bestehende Achsen und Entwicklungsverläufe. Durch diese Differenzierung werden die Beziehungen und Wechselwirkungen zwischen beiden Entwicklungsverläufen erstmals erkennbar.
  • Damit ergeben sich Pathologien nicht nur bei der Strukturstufenentwicklung sondern auch bei der Zustandsstufen­entwicklung. (In Psychologie der Befreiung wird diese Unterscheidung noch nicht vorgenommen).
  • Weiterhin ergeben sich zwei voneinander zu differenzierende Bewusstseins­schwerpunkte. Der eine bezieht sich auf die Strukturentwicklung, der andere auf die Zustandsentwicklung eines Menschen.
  • Die Differenzierung unterschiedlicher Selbst-Definitionen spielt eine bedeutende Rolle für das Verständnis menschlicher Psychodynamik. So unterscheidet Wilber im nachfolgenden Telefondialog das ursprüngliche, das proximale und das distale Selbst voneinander, und fügt dann noch das richtige und das falsche Selbst hinzu. Der Zusammenhang ist wie folgt[2]: Das was wir „ich“ nennen, das Ich-Empfinden und beobachtende Selbst nennt Wilber das proximale Selbst[3]. Das beobachtete Selbst („mir“, „mein“) mit all dem was ein Mensch als zu sich gehörig betrachtet nennt er distales Selbst. Das proximale Selbst ist näher an einem dran, das distale Selbst ist weiter weg. Weiterhin gibt es noch das transzendente, ursprüngliche, wahre oder höchste Selbst, das Ich-Ich oder Zeugenbewusstsein, welches nicht zu einem Objekt der Betrachtung gemacht werden kann. Die Psychopathologie führt nun noch die Begriffe echtes und falsches Selbst ein. Ist das proximale Selbst ein angemessenes Ich-Empfinden einer Bewusstseinsebene, spricht Wilber vom echtem oder richtigen Selbst. Ist das proximale Selbst jedoch mit Schattenanteilen (Verdrängung und Abspaltung) belastet, spricht Wilber von einem falschen proximalen Selbst. Die Schattenanteile wirken sich (z. B. durch Projektionen) auch auf das distale Selbst aus, daher spricht Wilber auch von einem echten bzw. falschen distalen Selbst. Ersteres ist eine verzerrungsfreie Wahrnehmung auf „mir“ und „mein“, Letzteres nicht. 
  • Die volle Einbeziehung von Psychodynamik und Schattenarbeit auf dem Entwicklungsweg.
  • Das Konzept von Leiter (Entwicklungsgrundstruktur), Kletterer (das Selbst) und Sichtweise (Weltanschauung, als eine Übergangsstruktur), welches schon in Psychologie der Befreiung zugrunde gelegt wurde, erfährt eine Erweiterung.

Ken Wilber beginnt das Gespräch mit einer Zusammenfassung eines seiner aktuellen Projekte, der Neubearbeitung des Buches Psychologie der Befreiung.

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Mystik und Glauben, der Zustandsweg und der Strukturweg des Erwachens und das Wilber-Combs Raster

Mystik und Glauben, der Zustandsweg und der Strukturweg des Erwachens und das Wilber-Combs Raster

Einleitung von Michael Habecker

Seit der Differenzierung zwischen einem Zustandsweg des Erwachens, wie ihn die kontemplativ-mystischen Traditionen und Religionen beschreiben, und einem Struktur(entwicklungs)weg des Glaubens, wie ihn die westliche (Entwicklungs-) Psychologie beschreibt, ist es möglich, Mystik und Psychologie zu vereinigen und ein deutlicheres Bild von dem zu erhalten, was religiös-spirituelle Erfahrungen ausmachen. Eine derartige Unterscheidung hat Wilber in seinem Werk schon in frühen Büchern wie in Der glaubende Mensch vorgenommen, und dann immer weiter entwickelt, bis hin zu einer „Wilber-Combs Matrix“, in der diese Unterscheidung explizit sichtbar wird.

In einer Einführung zu einem Audiodialog The Sacred Heart of Christianity“ zwischen Ken Wilber und Roland Stanich, geschrieben von Corey de Vos[1], wird dieser Differenzierungsmeilenstein anhand zweier Pioniere erläutert: James Fowler für den Entwicklungsstrukturweg des Glaubens und Evelyn Underhill für den mystischen Zustandsweg.

Vollständig menschlich: James Fowlers Stufen des Glaubens

 

Abb. Dr. James Fowler

Dr. James Fowler III ist Professor für Theologie und menschliche Entwicklung an der Emory Universität. Bis zu seiner Pensionierung 2005 war er Direktor des Center for Research on Faith and Moral Development und des Center for Ethics bis. Er ist Pfarrer der United Methodist Church und wurde bekannt durch sein Buch Stufen des Glaubens, das er 1981 veröffentlichte. In diesem Buch untersucht er die Entwicklung des menschlichen Glaubens.

„Glauben kann man charakterisieren als einen integralen, zentrierenden Vorgang, der unseren Vorstellungen, Werten und Bedeutungen zugrunde liegt, und der (1) dem menschlichen Leben Kohärenz und Richtung gibt, (2) Menschen in Loyalität und Vertrauen miteinander verbindet, (3) persönliche Standpunkte und gemeinschaftliche Überzeugungen in einem größeren Bezugsrahmen gründet und (4) es Menschen ermöglicht, den Begrenzungen eines menschlichen Lebens zu begegnen, bei einer Bezugnahme zum Absoluten ... Die Entwicklungsstufen haben das Ziel, die Muster des Wissens und Wertens zu beschreiben, die unserem Bewusstseins zugrunde liegen.“ 

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Zak Stein: „Über den Gebrauch des Begriffes Integral: Schau-Logik, Meta-Theorie und ‚Wachstum zum Guten’- Annahmen“

Zak Stein: „Über den Gebrauch des Begriffes Integral: Schau-Logik, Meta-Theorie und ‚Wachstum zum Guten’- Annahmen“

Zak Stein (hier neben Katie Heikkinnen)

Auszug aus dem dem Bericht von der Integral Theory Conference 2010 von Dennis Wittrock

Erster Vortragsblock, 11 parallele Angebote, was tun? In meiner Magisterarbeit über Transdisziplinarität und IMP hatte ich 2008 ein Papier von Zak Stein zitiert und war gespannt den Harvard-Doktoranden und begabten Entwicklungsforscher mal persönlich zu begegnen. Also besuchte ich seinen Beitrag mit dem Titel „Über den Gebrauch des Begriffes Integral: Schau-Logik, Meta-Theorie und ‚Wachstum zum Guten’- Annahmen“. Vorne stand ein junger Mann mit einer ernsten Klarheit und einem Zahnstocher im Gesicht, auf dem er lässig herumkaute, dazu mit Ziegenbart und krausen Haaren auf der hohen Stirn.

Zunächst machte er eine Unterscheidung zwischen „Meta-Theorie“ und „Philosophie“. Mark Edwards etwa, dessen Beiträge im meta-theoretischen Feld liegen, bewegt sich eher auf akademisch-wissenschaftlichen Terrain. „Philosophie“ hingegen sucht immer die wieder die Rückbindung an die gewöhnliche Alltagssprache – eine Qualität, die der Meta-Theorie oftmals fehlt.

Als nächstes präsentierte er eine Reihe von historischen Zitaten, die eine umfassende, zeitgenössische Theorie skizzierten, die – nicht unähnlich der integralen Theorie – den Anspruch hatte, die wesentlichen Erkenntnisse aus Natur- und Geisteswissenschaften zusammenzuführen. Als Zak Stein schließlich das Rätsel löste, um welche Theorie es sich denn handelte, stockte wohl allen der Atem: es war die Eugenik aus den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts, d.h. die rassistisch motivierte Kunde von den „guten“ Genen. OK, jetzt hatte er wohl jedermanns Aufmerksamkeit gewonnen.

Mit Habermas im Gepäck kritisierte er die Verantwortungslosigkeit von Hirnforschern, die allen ernstes die Freiheit des Willens öffentlich in Frage stellen und dadurch das moralische Fundament der Lebenswelt unterhöhlen. Danach schwenkte er über zu Ludwig Wittgensteins Analyse der verschiedenen „Sprachspiele“, die Menschen spielen. Als Metapher hatte Wittgenstein das Bild von Sprache als einer Stadt. Es gibt Begriffe, die eher in den Randbezirken zuhause sind, während einige zentrale Wörter allen bekannt sind.  In diesem Sinne ist innerhalb des Sprachspiels der integralen Community der Begriff „integral“ absolut „downtown“.  Eine Variante davon, die Zak relativ bedenklich findet ist „integralTM“. Die Vermarktung integraler Ansätze und der Versuch ein Deutungsmonopol zu errichten ist vielleicht der Sache nicht immer dienlich. Habermas zufolge kann man unterscheiden zwischen Sprachspielen über Fakten und über Normen – über das „Ist“ und über das „Soll“.  Werden diese beiden Varianten vermischt, dann spricht man von einem „thick concept“ – ein Begriff, der zugleich beschreibend als auch bewertend ist. „Integral“ ist in diesem Sinne ein „dickes Konzept“, das oftmals in der simplen Gleichung ausgedrückt wird: 

Integral = Schau-Logik (deskriptiv) = wertvoll (evaluativ)

Man kann „integral“ als einen Ort verstehen (weit oben auf der Entwicklungsskala, wo es „gut“ ist) oder als eine Trajektorie (wobei jede Ebene in sich mehr oder weniger „integral“ / integriert sein kann). Erstere Auslegung verstärkt das in integralen Kreisen weit verbreitete „Wachstum zum Guten“ Modell. 

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Robert Kegan: „Gibt es ein Leben nach der ‚Selbst-Autorenschaft’?“

Robert Kegan: „Gibt es ein Leben nach der ‚Selbst-Autorenschaft’?“

Robert Kegan

Auszug aus dem dem Bericht von der Integral Theory Conference 2010 von Dennis Wittrock

Am Freitag Abend wurde es festlich. Die Teilnehmer wurden mit Shuttle-Bussen von der JFK Universität ins nahegelegene Hilton Hotel gebracht, wo es ein gemeinsames Abendessen gab, welches der CEO von Integral Life und Integral Institute, Robb Smith, mit seinen Begrüßungsworten begleitete. Von der Rede kann ich leider nichts Näheres berichten (ich hatte den Notizblock gegen Gabel und Messer getauscht), aber das Essen und die allgemeine Stimmung waren gut als die Teilnehmer miteinander das Brot brachen.

Die große Keynote-Präsentation des Abends sollte Dr. Robert Kegan von der Harvard-Universität halten. Er hat unter anderem die Bücher The Evolving Self, sowie In Over Our Heads geschrieben und gilt als international anerkannte Kapazität auf dem Gebiet der Erwachsenenentwicklungsforschung. Er ist bei den Studenten beliebt für seine didaktischen Fähigkeiten und hat zahlreiche Ehrentitel und Preise für gute Lehre verliehen bekommen. Seine Präsentation begann mit erheblichen technischen Schwierigkeiten, die er und das Publikum mit Humor und Gelassenheit nahmen, während noch das Dessert gereicht wurde. Als es losging bat er alle, die ihm zuhörten als Antwort einmal in die Hände zu klatschen. Mit einem Schlag hatte er die Aufmerksamkeit des gesamten Plenums – ein Trick, den er nach eigenen Angaben von seiner Tochter abgeschaut hat, die Grundschullehrerin ist. 

Im Ankündigungstext hieß es: Robert Kegan hat sein Leben damit verbracht die Entwicklung der Bedeutungsbildung von Erwachsenen zu studieren. Seine Theorie einer evolvierenden Abfolge von zunehmend umfassenderen „persönlichen Epistemologien“ hat die Theorie und Praxis in zahlreichen Disziplinen auf jedem Kontinent beeinflusst. Die Menschen haben ihn oft gebeten, dass er einen Vortrag darüber halten möge, in welchem es einzig darum geht, was er über die höchste Stufe in seinem Modell, „Stufe 5“ oder „den selbst-transformierende Geist“ herausgefunden hat. In diesem Vortrag geht er zum ersten Mal auf diese Bitte ein.

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Terri O’ Fallon: „Das Zusammenfallen der Wilber-Combs-Matrix: Die Durchdringung der Zustands- und Strukturstufen“

Terri O’ Fallon: „Das Zusammenfallen der Wilber-Combs-Matrix: Die Durchdringung der Zustands- und Strukturstufen“

Terri O'Fallon erklärt Zustände und Strukturen

Auszug aus dem dem Bericht von der Integral Theory Conference 2010 von Dennis Wittrock

Nach dem eben beschriebenen Curriculum am Samstag, begann der Sonntag mit einem Leckerbissen für Theorie-Freaks. Von mehreren Seite war mir das Papier von Terri O’Fallon empfohlen worden, welches einen interessanten Beitrag zur Diskussion des Verhältnisses von Zuständen zu Strukturen des Bewusstseins leistet.

Erinnern wir uns: eine größere theoretische Wendung in Wilbers Werk bestand in der Re-Interpretation höherer Ebenen des Bewusstseins im Übergang von Wilber-4 („EKL“) zu Wilber-5 („Integrale Spiritualität“) in Verbindung mit dem Raster, das er gemeinsam mit dem Bewusstseinsforscher Allan Combs aufgestellt hat. In der Wilber-Combs-Matrix sind die Bewusstseinsebenen als vertikale Skala der Entwicklung aufgetragen, während die großen Zustände des Bewusstseins und ihre Meisterung mit ihren Energien (grobstofflich, subtil, kausal, nondual ) als horizontale Skala aufgetragen werden. Aus der Kombination ergibt sich eine Matrix möglicher spiritueller Erfahrungen, wobei bestimmte Zuständserfahrungen (z.B. subtil) aus den spezifischen Begrenzungen der jeweiligen Bewusstseinsstruktur (z.B. mythisch) heraus interpretiert werden. Wilber führte den Begriff „Zustandsstufen“ in Abgrenzung zu „Strukturstufen“ ein, um zu verdeutlichen, dass es nun in seinem Modell einen ‚Weg des Aufwachens’ (Zustände) neben dem ‚Weg des Aufwachsens’ (Ebenen) gibt, die unabhängig voneinander beschritten werden können. Er re-interpretierte damit die Stufen, die er zuvor „psychisch, subtil, kausal und nondual“ bezeichnet hatte, als horizontale Zustandsstufen (statt vertikale Strukturstufen, beginnend oberhalb der integralen Stufe), wodurch sie in diesem Bild gewissermaßen um 90 Grad nach rechts geklappt sind. Dadurch eröffnete sich gleichzeitig besagte Matrix möglicher Kombinationen von Strukturen und Zuständen, bzw. von Strukturstufen und Zustandsstufen.

Wer an dieser Stelle bereits Schwierigkeiten hat zu folgen, dem sei gesagt, dass dies nur das Vorspiel und die Basis ist, von der aus Terri O’ Fallon ausgegangen ist, um eine noch viel komplexere Landkarte des Bewusstseins darzulegen. Ihr Papier ist dermaßen dicht und herausfordernd, dass man es mindestens dreimal aufmerksam lesen sollte, um die wesentlichen Punkte zu begreifen. Sie hat einen Ph.D. Titel, ist Direktorin des Developmental Research Institute und Pacific Integral, zertifizierte Testerin des SCTi MAP Tests (von Susanne Cook-Greuter) und beforscht systematisch die späten Ebenen der Erwachsenenentwicklung, sowie Entwicklungstransformationen in Gruppen.

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Videos: Robert Kegans Entwicklungstheorie

Videos: Robert Kegans Entwicklungstheorie

Robert Kegan

Die folgenden Videos von Dr J. Barbuto führen in das Modell der fünf Ränge des Bewusstseins ("Orders of Consciousness") des Harvard-Professors Robert Kegan ein...  "...in English please!"

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Audio: Susanne Cook Greuter

Audio: Susanne Cook Greuter

Entwicklungsstufen eines höheren Bewusstseins

Dr. Tom Steininger spricht mit Dr. Susanne Cook-Greuter

Dr. Susanne Cook-Greuter ist eine internationale Autorität, wenn es darum geht, höhere, post-konventionelle Bewusstseinstufen wissenschaftlich zu untersuchen. Ihre Promotionsarbeit schrieb die gebürtige Schweizerin an der Harvard Universität in Boston über “Postautonome Ich-Entwicklung”, eine Arbeit, die zu einem Meilenstein in der Entwicklungstheorie bei Erwachsenen wurde.
Tom Steininger spricht in Radio EnlightenNext mit Dr. Susanne Cook-Greuter darüber, was wir in einer aufgeklärten Weise über höhere Bewusstseinsstufen sagen können, und wie es möglich ist, diese Bewusstseinsstufen wissenschaftlich zu bestimmen.

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Bewusstsein ist ein Singular, dessen Plural unbekannt ist

Bewusstsein ist ein Singular, dessen Plural unbekannt ist

aus dem Telefoninterview mit Ken Wilber im November 2007

Subtile Bereiche


MF: Eine Frage von Wulf Mirko Weinreich zu den subtilen Bereichen (in Integrale Spiritualität):
„Gibt es Intelligenzen des Subtilen, wie luzides Träumen, und können diese wie Linien des subtilen Selbst oder der Seele entwickelt werden? Oder ist das immer noch eine Entwicklung des frontalen Selbst, des „Ich“, um Zugang zum subtilen Bereich zu bekommen ?“

Ken: Das ist eine sehr fortgeschrittene (leading edge) Frage, und ich denke, dass es gute Gründe dafür gibt, sie auf beide Weisen zu beantworten. Ich habe die Idee erforscht, dass man Entwicklungslinien im grobstofflichen Selbst oder Ego, im subtilen Selbst oder der Seele und dem kausalen oder wahren Selbst haben kann. Im Nondualen ist es Sosein (Suchness). In sich selbst sind sie ziemlich klar voneinander unterschieden aber in der praktischen Realität wachsen und trainieren wir unsere Fähigkeit in jedem dieser Bereiche. Sogar im Verstehen des Einen Geschmacks oder der reinen Nondualität. Hat man das einmal gesehen, versteht man es unwiderruflich und es durchdringt das ganze Sein, aber das Ausmaß seiner Fähigkeit, völlig präsent zu bleiben, ist nondual. Es ist ein Muskel, den man trainieren muss. Es gibt einige gute Gründe dafür, sich die Entwicklung des Ego-, Seelen- und  des Wahren Selbst anzusehen.

Auch wenn wir uns die Traditionen anschauen, die besagen, dass das Ego das Selbst ist, das man während dieses Lebens besitzt, und dass die Seele das Selbst ist, das man zwischen den Leben besitzt. Es entwickelt sich weiter. Dann ist das reine Selbst das Selbst, das man im zeitlosen Moment besitzt. Es reinkarniert nicht. Es durchläuft keine Seelenwanderung, es ist das einzige und alleinige Selbst. Eine andere Sichtweise ist, dass es das einzige und alleinige Selbst ist, das eine Seelenwanderung in allen fühlenden Wesen durchläuft. Das einzige und alleinige Ein-Bewusstsein. Erwin Schrödinger sagte: „Bewusstsein ist ein Singular, dessen Plural unbekannt ist“. Das war seine Weise, das auszudrücken. 



Quelle: integrale perspektiven, Nr.10 Juli 2008

Entwicklung und spirituelle Führung

Entwicklung und spirituelle Führung

Terry O'Fallon auf der ITC 2010

von Terri O`Fallon

In einer ebenso informativen wie wichtigen Arbeit hat Terri O`Fallon eine Brücke gebildet zwischen der Entwicklungspsychologie und dem Thema spirituelle Führung. Damit bringt sie zwei große Wachstumstraditionen zusammen, die gerade erst dabei sind sich kennenzulernen und bisher jeweils eigene Wege gegangen sind.

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Die höheren Bewusstseinsebenen

Die höheren Bewusstseinsebenen

Ken Wilber, übersetzt von Michael Habecker, ergänzt um einen Text von Sri Aurobindo

Quelle: CoreIntegral.com, Call with advanced integral students

 

Hinweis der OJ Redaktion:

Bei der Beschreibung der höheren und höchsten Strukturstufen der menschlichen Entwicklung bezieht sich Ken Wilber oft auf den indischen Philosophen Sri Aurobindo. Nachfolgend geben wir zuerst einen Text von Ken Wilber dazu wieder, und anschließend eine Beschreibung von Sri Aurobindo. Beide beziehen sich auf die vier höheren (und höchsten) Strukturstufen menschlicher Entwicklung. Die Bezeichnungen dafür sind in beiden Texten aufgrund unterschiedlicher Übersetzungen z. T. unterschiedlich wie folgt:

 

 

Frage: Kannst du beschreiben wie du Schaulogik [Vision Logic], den erleuchteten Geist [Illumined Mind], den intuitiven Geist [intuitive Mind], den Übergeist [Overmind] und den Supergeist [Supermind] in deinem Alltag einsetzt? Wie sieht diese Erfahrung aus und wie fühlt sie sich an? Wie ereignet sich dabei der Schritt von einer Stufe zur nächsten, und wie hast du diese Schritte gemacht?

KW: Schaulogik bedeutet Ganzheiten zu denken, erleuchteter Geist bedeutet Ganzheiten zu sehen, intuitiver Geist bedeutet Ganzheiten zu fühlen, Übergeist bedeutet Ganzheiten zu bezeugen und Supergeist bedeutet Ganzheit zu sein.

Schaulogik denkt in Ganzheiten, und das fühlt sich wie Denken an, das, was jemand fühlt, wenn er oder sie bemerkt, dass er oder sie denkt. Doch dieses schaulogische Denken ist holistisch. Es ist ein Denken von Ganzheit zu Ganzheit. Es sieht keine individuellen Ideen, sondern Netzwerkideen, holistische Ideen, Gesamtheiten, Dinge die intrinsisch zusammengehören. Dabei ist die Orientierung überwiegend grobstofflich. Gleichzeitig öffnet sich dieses Denken auch darüber hinaus in den dritten Rang (third tier), hin zu transpersonalen Aspekten. Doch es ist im Wesentlichen ein Denken in Ganzheiten.

 

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