Sie sind hier: IF-HOME > Aufbauwissen > Nicht-Dualität
DeutschEnglishFrancais
24.7.2017 : 6:53 : +0200

Zweigleisig unterwegs sein

Genpo Roshi

Genpo Roshi

(Übersetzung: Michael Habecker)  

(aus einem Interview mit Genpo Roshi, veröffentlicht unter http://www.coach-your-self.tv/)  

Zen war immer eine Schule des plötzlichen Erwachens, während andere Schulen des Buddhismus schrittweise vorgehen. Das Problem dabei ist jedoch, dass, wenn wir uns zu sehr auf das Suchen konzentrieren, dann können wir darin stecken bleiben. Stelle dir ein zweigleisiges Bahngleis vor. Eines der beiden Gleise nennen wir die relative Wirklichkeit, die menschliche Wirklichkeit, wo wir unseren Tagesgeschäften nachgehen, Beurteilungen und Entscheidungen treffen, Dinge analysieren und verbalisieren, miteinander kommunizieren – das nennen wir im Zen alltäglichen Geist [every day mind]. Der andere Schienenstrang ist diejenige Wirklichkeit, nach der wir alle suchen, wenn wir uns auf die Suche machen. Wir suchen nach Gott, nach Wahrheit, Befreiung, Erwachen, unserem wahren Selbst. Danach suchen wir. Doch solange wir dabei auf dem Alltagsgleis bleiben, kommen wir nicht auf das andere Gleis, wir hängen fest. Dabei spielt es keine Rolle, wie lange wir schon darauf feststecken oder wie schnell wir uns auf dieser einen Gleisschiene bewegen, wir bleiben dabei immer nur auf diesem einen Gleis. Wenn wir in die Ferne schauen, dann sieht es so aus, als wenn sich hinten am Horizont beide Gleise treffen und zusammenlaufen, und wir meinen, dass wenn wir noch härter üben und uns noch mehr anstrengen, dass wir dann dorthin gelangen. Doch die Illusion der Vereinung beider Gleise bleibt immer hinten am Horizont, wir kommen nicht wirklich näher. Was wir daher tun sollten, ist einen Weg zu finden, wie wir auf das andere Gleis hinüberspringen können. Das schaffen wir jedoch nicht innerhalb des Raum-Zeit Gefüges. Der relative Bereich, der menschliche Bereich, ist immer an Zeit und Raum gebunden. Dort stecken wir drin, ich sehe mich selbst hier, dort drüben bist du, dann gibt es die Umgebung, der Baum ist ein Baum und ich bin ich, wir sind getrennt, die Zeit schreitet voran, ich verliere Zeit, werde dabei immer älter, alles verändert sich, dem versuche ich mich entgegenzustellen. Ich möchte das Ewige erleben, das Gegenwärtige, das andere Gleis. Aber wie komme ich dahin? In dem Augenblick wo ich [im Rahmen des Big Mind Prozesses] die Frage an diesen Aspekt in dir stelle, kannst du sofort aus dem Big Mind heraus sprechen, du bist da. Du bist jenseits von Zeit und Raum.   

Nicht-Dualität

Was ist Sein und Wirklichkeit letztendlich und dem Wesen nach? Eine Antwort auf diese Frage ist die Lehre (und Praxis) der Nichtdualität. Demnach bestehen Sein und Wirklichkeit aus zwei Aspekten die voneinander unterschieden, aber nicht voneinander zu trennen sind, und in unterschiedlichen Begriffspaaren sowohl von den kontemplativen Traditionen wie auch von der Philosophie beschrieben werden:

Absolut           Relativ

Leere              Form

Transzendent Immanent

Seinsgrund     Manifestation

Ungeboren     Vergänglich

Zeit-los           Zeit-lich

Freiheit           Fülle

daß etwas ist  was etwas ist

Sein                Werden

Nirvana           Samsara

Dies bedeutet in seiner allgemeinsten Konsequenz für den Menschen, dass er (oder sie) sich nicht nur in einer Welt der Formen und Veränderungen befindet, sondern auch eingetaucht ist in etwas was vor aller Zeit und an jedem Ort immer-schon von Anbeginn vorhanden war, und auch jetzt, von Augenblick zu Augenblick, jeden Wirklichkeitsmoment durchdringt. Das Erwachen zu dieser Absolutheit ist das Bestreben der kontemplativ-mystischen Traditionen der großen Weltreligionen, und auch eines Teils der (kontemplativen) Philosophie. Dabei handelt es sich nicht um eine dogmatische Theorie, sondern um eine lebendige Praxis (oder, besserer gesagt, um eine Nicht-Praxis), die jedem Menschen offen steht. Das Aufwachen und sich immer besser zurechtfinden in der Welt der Formen ist das erklärte Ziel aller Wissenschaft, einschliesslich der humanistischen Geisteswissenschaften. Die Versöhnung von beidem führt uns in die integrale Verwirklichung von Nicht-Dualität.