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27.4.2017 : 16:50 : +0200

Absolute und relative Wahrheit

Quelle: www.integralnaked.com 2005 ("Hurts more, bothers you less")

"Es tut an sich mehr weh, kümmert dich jedoch weniger"

Frage: Wenn man aus dem "Big-Mind"-Bewusstsein kommt, dann stellt es sich so dar, als ob man in diesem Spiel als ein Mensch keine Rolle mehr spielt. Von der relativen Sichtweise aus machen wir uns jedoch alle Sorgen um den Lauf der Welt. Was meinen Sie, was in den kommenden 100 oder 200 Jahre geschehen wird? Warum sollten wir uns überhaupt darum sorgen?

KW: Oh - ja, eine gute Frage! Ich schreibe gerade ein Buch mit dem Titel: The Many Faces Of Terrorism und [lacht] es handelt von allen meinen früheren Verabredungen [lacht]. Was mich wirklich sehr verwirrte, war: Bei einer Umfrage unter meinen früheren Freundinnen verorteten sie mich auf einer Skala der Gruseligkeiten nur knapp oberhalb von Al Khaida [lacht]. Und jetzt frage ich mich, was da eigentlich war, weil ich doch bisher keine Gebäude in die Luft gesprengt habe! [lacht] ...

Bei The Many Faces Of Terrorism geht es in gewisser Weise genau um das, was Sie gerade gefragt haben, die nächsten 100 bis 200 Jahre; was sich entfaltet, was geschehen kann, und was es bedeutet. Ich halte dieses Buch für eines der besten, die ich bisher geschrieben habe. Es stellte sich als ein sehr schwieriges Buch heraus, aber ich möchte jetzt nicht damit anfangen, als Autor darüber zu reden, das wird endlos selbstbezogen und langweilig, "Oh, in Kapitel 3, da gibt es diese holistische Sache ..." [lacht]. Es ist wirklich ein gutes Buch, und es behandelt dieses Thema, doch ich möchte hier auf die generelle Thematik eingehen, weil es sehr wichtig ist.

Es ist eine der einfachsten Verwirklichungen, die mit "Big-Mind - Big-Heart" einhergehen, aber auch das Schwierigste, was die Umsetzung anbelangt, ... aber lassen Sie mich zuerst ein paar kurze, trocken-theoretische Erläuterungen abgeben, und wir können dann sehen, ob wir das mit der Fragestellung in Verbindung bringen können.

Es geht darum, was mit absoluter bzw. relativer Wahrheit bezeichnet wird oder auch absolutes Bodhichitta und relatives Bodhichitta, und es gibt viele andere Bezeichnungen dafür - Nirvana und Samsara z. B. trifft es in etwa auch.

Absolute Wahrheit ist in gewisser Weise der unmanifeste Bereich, und dort ist nichts falsch oder verkehrt. Soll man sich von diesem Gesichtspunkt aus um die Welt sorgen und kümmern? Nein, weil dort keine Welt erscheint, jedenfalls nicht vom Standpunkt des Unmanifesten aus gesehen. Unter diesen Bedingungen gibt es nichts, was einem Sorgen bereitet ... Es gibt eine vollständige Tradition, die sich mit dem Aufgehen in dem "nichts bereitet mir Sorgen" beschäftigt, dem Eintauchen in Nirvikalpa, wo nichts erscheint, das Gleiche wie im nächtlichen traumlosen Tiefschlaf - man hat keine Sorgen, weil es nichts gibt, das erscheint. In diesem Zustand kann man die Frage leicht beantworten, weil sie gar nicht erst erscheint!

Aber dann gibt es noch die andere Seite. "Hier bin ich nun, Big Mind habe ich verstanden, echt Klasse! Allerdings ...". Wie können das Big-Mind- und Big-Heart-Bewusstsein zu einer Durchdringung der eigenen Individualität führen? Alle großen Traditionen ringen permanent mit dieser Frage, wie das konkret im Leben von Menschen umgesetzt werden kann ... In deiner eigenen Wahrnehmung gibt es diese außerordentliche Balance zwischen diesen beiden offensichtlich sehr gegensätzlichen Strömungen, nimmt hunderte Formen an und verschwindet niemals.

Einerseits ist es so: Je erwachter man ist und sich entwickelt, desto mehr erfährt, fühlt man Samsara und desto schmerzvoller wird es. Der Schmerz nimmt mit zunehmendem Verständnis zu. Doch auch die positiven Emotionen nehmen zu, die Freude wird freudiger usw., aber ich bleibe jetzt mal beim Schmerz (der nicht verschwindet). Man wird sehr sensibel und fühlt all das, was für alle erscheint. Man fühlt z. B. hier und jetzt 50 oder 60 Bewusstseinszentren und all den Schmerz und das Leiden, das jeder begrenzten Sichtweise innewohnt - und all das wird zu etwas, das man permanent schmeckt und fühlt.

Das ist die relative Seite. Der Schmerz nimmt zu und es tut mehr weh, aber auf der absoluten Seite ist es so, dass einen das weniger kümmert. Und beides ist wahr. Das Zusammenbringen dieser Paradoxie ist ein Teil des Ringens mit diesen Dingen. Es gibt eine große Freiheit von allem Leiden, welche sehr viel intensiver gefühlt wird. Es geht hin und her, und ich kenne niemanden, der dies für sich gelöst hätte, und ich denke auch nicht, dass das geht. Ich denke, dass diejenigen sich nur jeweils auf der einen oder anderen Seite aufhalten ...

Es gibt jede Menge Raum dafür, beides zu fühlen. Die absolute Vollkommenheit von allem, was erscheint, doch dann siehst du einen Menschen, der verhungert, und du weinst so sehr, dass es dich fast umbringt. Wenn man nicht beides tut, dann macht man etwas verkehrt. Das ist das Außerordentliche daran. Also möchte man natürlich daran arbeiten, das Leiden zu lindern, den Hunger zu lindern, aber auf der Seite des Absoluten jedoch ...

Eine Analogie dafür ist: Wenn man nachts träumt, dass Tausende von Menschen verhungern, dann gibt es zwei Möglichkeiten, wie man ihren Hunger beenden kann. Ein Weg ist, ihnen allen - im Traum - Nahrung zu geben. Der zweite Weg ist aufzuwachen und das beendet ihr Leiden sofort. Und beides ist richtig und wahr. Und mit beidem zu spielen ist so außerordentlich.

Wie gesagt, ich habe bisher niemanden gesehen, der dieses Paradoxon gelöst hat. Es gibt zwei große Archetypen der erwachten Seele auf diesem Planeten, und sie beide sprechen sehr deutlich zu uns, und ich möchte nicht sagen, dass einer zum Osten und der andere zum Westen gehört, sie gehören zu beidem. Der eine ist - klassisch - der erwachte Buddha, der im Frieden ist und einen Weg gefunden hat, das Rad des Leidens zu verlassen. Der andere ist die Christus, der die Verbindung und Überschneidung zwischen dem Menschlichen und dem Göttlichen erkannt hat und unter dieser Erkenntnis gewaltig leidet. Die Wahrheit dieser Verbindung und Überschneidung ist die Leidenschaft, das Leiden am Kreuz. Man leidet leidenschaftlich bei allem Leid, das erscheint, es reißt einen in Stücke.

Das Bodhisattva Gelübde besteht nun darin, sich diesem Leiden zu stellen, ohne sich jemals von ihm zu wenden. Und wieder: Es schmerzt mehr und es kümmert einen weniger - die große Vollkommenheit, die darin liegt - und beides ist wahr. Es ist außerordentlich wichtig, beides zu würdigen.

Was wird also nun in den kommenden Jahrhunderten passieren? Lest das Buch! [lacht] ... "Warum soll man sich einbringen?" Weil deine Seele ein tiefes Versprechen gegeben hat, dies zu tun.

12/2005 -mh-/-mf-