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26.6.2017 : 10:53 : +0200

Der Apollo Komplex

(aus: Collected Works Vol. 2, Shambhala 1999, S. 41)

Hinweis: In diesem frühen Text macht Wilber noch nicht die Differenzierung in Zustände und Stufen, wie in späteren Werken. Siehe hierzu Ausführung G: "Zustände und Stufen" auf www.integralworld.net und das "kurz gefasst" Zustände und Stufen auf dieser Homepage.

Das Wesen dieser höheren Komplexe, wie dem Apollo Komplex [die Schwierigkeit der Ent-Identifikation mentaler Ereignisse] und dem Vishnu Komplex [die Schwierigkeit der Ent-Identifikation visionärer Ereignisse] wurde mir im Verlauf meiner eigenen Meditation schmerzlich offensichtlich.

Zu der Zeit als ich Wege zum Selbst schrieb [1979], war meine meditative Praxis noch nicht weit fortgeschritten, aber ich war auch kein Anfänger mehr. Die Schmerzen in den Beinen (vom Lotussitz) waren erträglich, und mein Bewusstsein wuchs in seiner Fähigkeit, einen wachen und doch entspannten, aktiven und doch distanzierten Zustand einzunehmen. Doch mein Geist [mind] war, mit den Worten der Buddhisten, der eines Affen: zwanghaft aktiv, und wie besessen in Bewegung. Und das konfrontierte mich - ganz direkt und unmittelbar - mit meinem eigenen Apollo Komplex, der Schwierigkeit der Transformation von der mentalen zur subtilen Sphäre.

Die subtile Sphäre (oder die "Seele", wie die christlichen Mystiker diesen Begriff verwenden) ist der Beginn des transpersonalen Bereiches; supramental, transegoisch und transverbal. Aber um diesen Bereich zu erreichen, muss man (wie bei allen Transformationen) auf der unteren Ebene "sterben" (in diesem Fall der mental-egoischen). Die Unfähigkeit oder das Versagen diesbezüglich ist der Apollo Komplex. So wie ein Mensch mit einem Ödipus Komplex unbewusst dem Körperlichen und seinem Lustprinzip verhaftet bleibt, bleibt der Mensch mit einem Apollo Komplex unbewusst dem mentalen Geist und seiner Wirklichkeit verhaftet. ("Wirklichkeit" bedeutet hier eine "institutionelle, rationale, verbale Wirklichkeit," welche, auch wenn sie etwas sehr Reales darstellt, dennoch nur eine Zwischenstufe auf dem Weg zu Atman ist; das heißt es handelt sich lediglich um eine Beschreibung der tatsächlichen Wirklichkeit, und wenn man daran festhält, verhindert dies am Ende die Entdeckung der eigentlichen Realität).

Der Kampf mit meinem eigenen zwanghaft/besessenen Denken - keine speziell besessenen Gedanken wie bei einer bestimmten Neurose (was oft ein Anzeichen eines verlagerten Ödipus Komplexes ist), sondern der eigentliche Gedankenstrom selbst - war eine mühsame Aufgabe. Glücklicherweise machte ich ein paar Fortschritte, konnte schließlich über die Schwankungen der mentalen Kontraktionen hinausgehen, und entdeckte so, zuerst vorübergehend, einen Bereich mit unvergleichlich mehr Tiefe und mehr Wirklichkeit, gesättigt mit Sein, offener und klarer. Dieser Bereich war einfach das Subtile, welches sich - sozusagen - nach einem überstandenem Apollo Komplex enthüllt. In diesem Bereich verschwindet das Denken nicht notwendigerweise (wenngleich dies oft geschieht, speziell zu Beginn); sondern es ist so, dass wenn Gedanken auftauchen, sie einen nicht mehr von diesem weiteren Hintergrund der Klarheit und der Bewusstheit ablenken.

Vom Subtilen aus "verliert" man sich nicht länger in Gedanken; Gedanken treten in das Bewusstsein ein und verlassen es wieder, etwa so wie Wolken über den Himmel ziehen: sanft, würdevoll und klar. Nichts hält fest oder reibt sich. Chuang Tzu: "Der Vollendete verwendet seinen Geist als einen Spiegel. Nichts wird ergriffen, nichts zurückgewiesen; es wird erhalten, aber nicht festgehalten".

Während der Meditation jedoch können die Erfahrungen des subtilen Bereiches ganz außerordentlich, ehrfürchtig und tiefgründig sein (und sind es gewöhnlich auch). Dies ist der Bereich der Archetypen und der archetypischen Gottheiten - und eine Begegnung mit ihnen ist immer numinos, worauf Jung hingewiesen hat. Dies war eine sehr reale und sehr intensive Periode für mich; es war meine erste direkte und unzweideutige Erfahrung der tatsächlichen Heiligkeit der Welt, dieser Welt, welche, wie Plotin sagt, aus dem Einen strömt, als ein Spiel und Ausdruck von Ihm. Oh, ich hatte schon früher kurze und erste Einblicke in den subtilen Bereich - und sogar auch darüber hinaus in das Kausale - aber ich war bisher noch nicht richtig mit diesem Bereich vertraut geworden.

Ein Zen Meister sagte einmal, dass die richtige Antwort auf den ersten starken kensho (ein kleines satori) das Weinen ist, und nicht das Lachen, und genau das tat ich, viele Stunden lang wie mir schien. Tränen der Dankbarkeit, des Mitgefühls, der Unwürdigkeit, und schließlich des unendlichen Wunders. (Dies ist keine falsche Bescheidenheit; ich bin noch nie jemandem begegnet, der sich vor diesem Bereich nicht unwürdig fühlte). Gelächter - großes Gelächter - kam dann später; zu Beginn wäre das ein Sakrileg gewesen.

02/2004  -mf-/-mh-