Sie sind hier: IF-HOME > Grundlagen des Integralen > Kurz Gefasst  > Archetypen / J.G.Jung
DeutschEnglishFrancais
15.12.2017 : 1:40 : +0100

Archetypen / J. G. Jung

(aus: Integrale Psychologie, Arbor Verlag 2001, S. 274)

Auf jeden Fall sind die meisten mythischen Archetypen - wie zum Beispiel von Jean Bolen in Goddesses in Everywoman und Gods in Everyman identifiziert - einfach konkrete operationale Rollen-Personae; sie sind präformal, nicht postformal. Es gibt nichts eigentlich Transpersonales an ihnen, weshalb, trotz der vielen Behauptungen des Gegenteils, Arbeit mit diesen mythischen Rollen gewöhnlich eine Therapie um Drehpunkt-4 ist. Ich bin der Meinung, dass es eine sehr wirksame Form von D-4- Therapie ist, und ich empfehle sie oft, aber sie führt nicht direkt oder notwendigerweise zu transpersonalen Zuständen oder Bewußtseinsstrukturen, obwohl sie (wie jede gute Therapie) höhere, transpersonale Entwicklung wahrscheinlicher machen kann, indem sie Pathologien auf dieser Ebene beseitigt... Jungianische Therapie dieser Art kann gelegentlich zu transpersonaler Bewusstheit führen, und zwar einfach deshalb, weil der Prozeß der Objektifizierung dieser mythischen Rollen oft den Zeugen auf den Plan ruft, und der postformale Zeuge - nicht die präformalen mythischen Rollen - ist in der Tat transpersonal...

Joseph Campbell (The Portable Jung, S. XXII) hat eine wunderbare Zusammenfassung des allgemeinen Jungianischen Ansatzes gegeben:

Kurz zusammengefaßt, die essentiellen Einsichten dieser entscheidenden Arbeit von Jungs Karriere war:

  • erstens, daß die Archetypen oder Normen der Mythen, da sie der menschlichen Rasse gemeinsam sind, im wesentlichen weder lokale soziale Gegebenheiten noch singuläre Erfahrung irgendwelcher Individuen ausdrücken, sondern gemeinsame menschliche Bedürfnisse, Instinkte und Potentiale [wieder bedeutet "gemeinsam" oder "kollektiv" nicht notwendigerweise transpersonal, nicht mehr als die Tatsache, daß alle Menschen 10 Zehen haben, bedeutet, daß ich eine transpersonale Erfahrung habe, wenn ich meine Zehen spüre; die mythischen Archetypen sind einfach ein paar der Tiefenmuster des späten Präop- und frühen Konop-Geistes, und so sind sie Grundformen dieser Ebenen, die inhaltsleer sind, aber von besonderen Kulturen und Individuen gefüllt werden; mit anderen Worten:]
  • zweitens, daß in den Traditionen eines bestimmten Volkes lokale Gegebenheiten die Bildwelt zur Verfügung stellen, durch die archetypische Themen in den unterstützenden Mythen der Kulturen entfaltet werden;
  • drittens, daß, wenn der Lebens- und Denkstil eines Menschen von den Normen der Art sehr weit abweicht, ein pathologischer Zustand eines Ungleichgewichts, von Neurose oder Psychose, die Folge ist, Träume und Phantasien erscheinen werden, die analog zu fragmentierten Mythen sind; und
  • viertens, daß solche Träume am besten nicht durch Verweise zurück zu unterdrückten Kindheitserinnerungen (Reduktion auf Autobiographie) interpretiert werden, sondern im Vergleich nach außen mit den analogen mythischen Formen (Amplifikation durch Mythologie), so daß sich der Mensch selbst depersonalisiert im Spiegel des kollektiven Conditio humana sehen kann."

Mit anderen Worten, das Ziel ist, sich von diesen mythischen Formen und Rollen zu differenzieren (und sie zu integrieren).

Aber Jungianer setzen diese präformalen mythischen Rollen mit postformalen subtilen Strukturen gleich, was meiner Ansicht nach eine unglückliche prä/post-Konfusion ist... Aber die Wirkungen von mythischer Differenzierung-und-Integration bleiben essentiell dieselben, wie immer man sie interpretiert: das Bewußtsein freundet sich mit dem Griff mythischer Archetypen an und transzendiert sie, und so wird ihm erlaubt, seine Reise frei von ihrem unbewußten Bann fortzusetzen, eine Differenzierung-und-Integration, die Jung Individuation genannt hat.

"Archetyp" hat verschiedene, sehr verwirrende Bedeutungen in der Literatur. Ich benutze diesen Begriff sowohl für die mythischen Formen als auch gelegentlich für Formen des subtilen Bereichs.Der ursprünglichen Bedeutung nach, wie bei Plato und Plotin, sind damit Formen des subtilen Bereichs (die frühesten Formen der Involution) gemeint; aber Jungianer begannen ihn dann für mythische Formen zu gebrauchen (einige der frühesten Formen in der Evolution), eine Verwirrung, die unmöglich auszumerzen ist. Eine ausführliche Diskussion in Die drei Augen der Erkenntnis und Das Wahre, Schöne, Gute.

03/2003 -mh-