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17.10.2017 : 17:02 : +0200

Autorität

(aus: Meister, Gurus, Menschenfänger, Krüger 1995, S. 176)

Wir wollen uns nicht mit dem Wesen "schlechter" Autorität beschäftigen - eine autoritäre Persönlichkeitsstruktur, faschistische Dynamiken, Unterwerfung des Gruppen-Ich unter Über-Ich-Projektionen, Übertragungshypnose -, sondern damit, was "gute" Autorität ausmacht, also mit der Frage, unter welchen Umständen die meisten Menschen der Ansicht zustimmen würden, daß Autorität notwendig ist. Was macht positiv wirkende, nützliche und nicht problematische Autorität aus?

Eine Art von positiver Autorität ist jene "funktionelle Autorität", die ein Mensch hat, der durch eine spezielle Ausbildung dazu befähigt und autorisiert ist, bestimmte Aufgaben und Funktionen zu übernehmen, so wie beispielsweise ein Klempner, ein Arzt oder ein Rechtsanwalt. Diese Art von Autorität ist unproblematisch, weil man sich ihr stets freiwillig unterwirft. Es gibt auch gewisse Arten von nichtfreiwilliger Unterwerfung unter Autorität, die im allgemeinen ebenfalls für unproblematisch gehalten werden, beispielsweise die Autorität der Polizei, deren Aufgabe es ist, für die Einhaltung der Gesetze zu sorgen. Das beste Beispiel hierfür ist jedoch der Schulzwang, da seine Existenz auf entwicklungspsychologischen Notwendigkeiten basiert sowie darauf, daß die Gesellschaft zumindest bis zu einer bestimmten, als durchschnittlich bezeichneten Ebene der Adaptation als Schrittmacher der Entwicklung fungiert. Die positive Autorität in diesem Zusammenhang ist natürlich der Lehrer. Der Lehrer hat eine merkwürdige Art von Autorität. Wenn beispielsweise ein Schüler oder Student im Hinblick auf eine bestimmte Aufgabe sagt: "Aber warum muß ich das denn unbedingt so machen?", bringt der Lehrer seine Autorität möglicherweise in einem Satz zum Ausdruck wie: "Weil ich es sage. Wenn du erst einmal gelernt hast, es so zu machen - wenn du diese Entwicklungsstufe abgeschlossen hast -, kannst du es machen, wie du willst. Doch erfahrungsgemäß ist das die beste Möglichkeit, dies zu erlernen, und wenn du das Ziel meiner Klasse erreichen willst, musst du es so machen, wie ich es dir sage."

Obgleich der Lehrer seiner Autorität durch Zwang Geltung verschafft, wird diese Art von Autorität als positiv, unproblematisch und notwendig angesehen, weil sie 1. die Entwicklung günstig beeinflusst und weil sie 2. zeitlich auf eine bestimmte Entwicklungsphase beschränkt, also phasenspezifisch ist. Die Autorität des Lehrers in bezug auf den Schüler ist also zeitlich begrenzt. Sie löst sich praktisch auf, sobald sich das Verständnis des Schülers dem Verständnis des Lehrers angenähert hat (was oft durch eine Abschlußprüfung symbolisiert wird). Sobald der Schüler diesen Punkt erreicht hat, kann er selbst Lehrer werden - und in dieser Position sogar den Anschauungen seines früheren Lehrers widersprechen.

Phasenspezifische Autorität ist in jedem Erziehungs- und Entwicklungsprozeß eine zwingende Notwendigkeit. Selbst bei höheren und nicht obligatorischen Formen der Ausbildung fällt dem Lehrer aufgrund seines fortgeschrittenen Verständnisses gegenüber dem Schüler eine phasenspezifische Autorität zu, die erst aufgehoben wird, wenn und sofern jener Verständnisunterschied weitgehend ausgeglichen worden ist. Wenn jener Punkt erreicht ist, werden Lehrer und Schüler mehr oder weniger zu Gleichgestellten; davor jedoch übernimmt der Lehrer zwangsläufig die Rolle einer phasenspezifischen Autorität.

Allerdings können wir aus diesen Beispielen nicht den Schluß ziehen, daß funktionelle und phasenspezifische Autorität in jedem Fall positiv und unproblematisch ist. Hingegen ist der Schluß, daß Autorität, wenn sie nicht funktionell und phasenspezifisch ist, sehr wahrscheinlich problematisch ist, zutreffend, weil in diesem Fall die einzig triftigen Gründe, die noch für ihre Existenz bleiben, oft diejenigen sind, die unter die Kategorie "schlechter" Autorität fallen - einer Autorität, die keiner notwendigen (objektiven) Funktion und auch nicht phasenspezifischem (subjektivem) Wachstum dient, sondern die auf gewissen Formen psychologischer Dynamik basiert, die mit Begriffen wie "Herr und Knecht" - Beziehung (Hegel), "Macht über" (Fromm), "Über-Ich-Projektion" (Freud), "Übertragungshypnose" (Ferenczi), "Herdenmentalität" (Hege/Berdjajew), "emotionale Pest" (Reich) usw. bezeichnet wird. Angesichts unserer momentanen Zielsetzung [des Buches] habe ich mich entschlossen, gar nicht erst zu versuchen, die Natur all dieser verschiedenen Vorstellungen über "schlechte" Autorität zu erläutern. Statt dessen habe ich einfach zwei wichtige Charakteristika "guter" Autorität vorgeschlagen (funktionell und/oder phasenspezifisch) und dann folgende Bedingung hinzugefügt: Wenn die fragliche Autorität keines dieser beiden Charakteristika aufweist, so ist sie wahrscheinlich problematisch oder wird dies werden.

02/2004  -mf-/-mh-