Sie sind hier: IF-HOME > Grundlagen des Integralen > Kurz Gefasst  > Bewusstsein
DeutschEnglishFrancais
14.12.2017 : 14:11 : +0100

Bewusstsein

(auf: integral naked, Telefongespräch mit Chantal Westerman (CW): Towards an Integral Lifestyle Teil 2)

Es ist nicht einfach so, dass wir ein gegebenes Phänomen haben, welches wir "Bewusstsein" nennen, und uns die verschiedenen Ansätze eine jeweils andere Sicht auf dieses Monster geben. Es sieht so aus, dass Bewusstsein sich über alle vier Quadranten verteilt, mit all ihren verschiedenen Ebenen und Dimensionen. Es gibt nicht den einen Quadranten (und ganz sicher auch nicht die eine Ebene) auf den wir zeigen können und sagen: Dort befindet sich das Bewusstsein. Bewusstsein ist auf diese Art nicht lokalisierbar.

Daher besteht der erste Schritt hin zu einer echten Theorie des Bewusstseins in der Erkenntnis, dass Bewusstsein nicht im Organismus lokalisiert ist. Bewusstsein ist eine Sache aller vier Quadranten, und existiert, falls es überhaupt existiert, über alle Quadranten verteilt, in allen gleichermaßen verankert. Weder Bewusstsein noch Persönlichkeit, individuelle Agenz oder Psychopathologie können einfach und ausschließlich im individuellen Organismus lokalisiert werden. Der subjektive Bereich (oben links) ist immer bereits schon eingebettet in intersubjektive (unten links), objektive (oben rechts) und interobjektive (unten rechts) Wirklichkeiten, und sie alle sind ein Teil der subjektiven Agenz und ihrer Pathologien.

Es ist richtig, dass der obere linke Quadrant der Ort des Bewusstseins ist, wie es in einem Individuum erscheint, aber das ist ja der Punkt: wie es in einem Individuum erscheint. Und doch ist Bewusstsein als Ganzes verankert in und verteilt über alle Quadranten - intentional, verhaltensmässig, kulturell und sozial. "Löscht" man irgendeinen Quadranten aus, verschwinden alle anderen auch, weil jeder für die Existenz aller anderen unabdingbar ist.

Es ist also richtig, dass Bewusstsein im physikalischen Gehirn verankert ist... Bewusstsein ist jedoch auch und gleichermaßen verankert in innerlicher Intentionalität..., eine Intentionalität, welche in physikalischen oder empiristischen Begriffen nicht erklärt werden kann, und auch nicht durch deren Methodiken und Gültigkeitskriterien.

Daher kann Bewusstsein auch nicht vollständig im Individuum lokalisiert werden (ob oben links oder oben rechts oder beides), weil Bewusstsein ebenso vollständig in kultureller Bedeutung verankert ist (der intersubjektiven Kette kultureller Signifikanten), ohne die es keinerlei individualisiertes Bewusstsein geben würde. Ohne diesen Hintergrund kultureller Praktiken und Bedeutungen (unten links) können sich meine individuellen Intentionen überhaupt nicht entwickeln, wie die gelegentlichen Fälle von "Wolfsjungen" demonstrieren.

Auf genau die gleiche Art und Weise wie es auch keine private Sprache gibt, gibt es auch kein individuelles Bewusstsein. Man kann Bedeutung nicht in einem Vakuum generieren, mit einem physischen Gehirn alleine, sondern nur in einem intersubjektiven Kreis des gegenseitigen Erkennens. Physische Gehirne, welche in der Wildnis aufwachsen ("Wolfsjunge"), generieren weder persönliche Autonomie noch linguistische Fähigkeiten, woraus unmittelbar folgt, dass physische Gehirne per se nicht der autonome Sitz des Bewusstseins sind.

Ähnlich ist Bewusstsein ebenso in die materiellen sozialen Systeme eingebettet, in denen es sich befindet, und über sie verteilt. Nicht nur Ketten von kulturellen Signifikanten, sondern Ketten von sozialen Signifikaten bestimmen die spezifischen Konturen jeder speziellen Bewusstseinsmanifestation, und ohne die materiellen Bedingungen des sozialen Systems können weder individualisiertes Bewusstsein noch persönliche Integrität emergieren.

Kurz gesagt ist Bewusstsein nicht im physischen Gehirn lokalisiert, noch im physischen Organismus, noch im ökologischen System, noch im kulturellen Kontext, noch emergiert es von irgendeinem dieser Bereiche. Es ist verankert in und verteilt über alle diese Bereiche mit allen ihren verfügbaren Ebenen. Der obere linke Quadrant ist lediglich der wahrnehmende Ort eines verteilten Phänomens.

Vor allem kann Bewusstsein nicht an einem "einfachen Ort" festgenagelt werden (jede Art von Lokalisierung im sensorimotorischen Weltraum, sei dieser Ort nun einfach oder verteilt oder systemorientiert). Bewusstsein ist nicht nur in der räumlichen Ausdehnung verteilt (rechtsseitig), sondern auch in den Räumen der Intention (linksseitig), und Versuche eines auf das andere zu reduzieren haben immer wieder spektakulär versagt. Bewusstsein ist nicht im Gehirn lokalisiert, und auch nicht außerhalb davon, weil beides physikalische Grenzen mit einem einfachen Ort sind, und ein großer Teil von Bewusstsein existiert nicht nur im physikalischen Raum, sondern in emotionalen Räumen, mentalen Räumen und spirituellen Räumen, von denen keiner einen einfachen Ort hat, und die doch alle real sind (oder noch realer) als einfacher physikalischer Raum (es sind linksseitige Ereignisse und keine rechtsseitigen).

03/2003  -mh-